Webflaneur

Spaziergänge im World Wide Web

Artikel-Schlagworte: „Facebook“

Der verlorene Freund

Webflaneur am Dienstag den 1. Juni 2010

Gestern hat der Webflaneur einen Freund verloren. Vielleicht waren es sogar mehrere. Von einem aber weiss er es genau. Dieser hat ihm die Freundschaft mündlich aufgekündigt, als er ihn per Zufall auf seinem Arbeitsweg der Aare entlang angetroffen hat.

Der Freund hat ihm tief in die Augen geschaut. Dann hat er unvermittelt gesagt, es sei vorbei mit der Freundschaft. Der Webflaneur zuckte zusammen. Was los sei, wollte er fragen, und ob er etwas falsch gemacht habe. Doch da fuhr der (Ex-)Freund bereits fort: Er gedenke heute, am Quit Facebook Day, sein Konto zu löschen – und damit alle Freundschaftsverbindungen. Der Webflaneur atmete auf. Weshalb, fragte er. Facebook fehle jeglicher Respekt vor privaten Daten, polterte der Freund. Und ausufernd führte er aus, was Facebook-Chef Mark Zuckerberg in den letzten Monaten alles im Schild geführt haben soll und wo er erst auf grossen öffentlichen Druck hin wieder zurückgekrebst sei. Deshalb hätten sich 29000 Facebook-Nutzer – darunter auch er – entschlossen, ihre Kontos zu löschen.

Der Webflaneur, der ihm schweigend zugehört hatte, wendete ein, dass sich die Nutzer selbst darum kümmern müssten, welche Daten sie auf Facebook wem zur Verfügung stellten. Das schaffe ein normaler Anwender nicht innert nützlicher Frist, kritisierte der Freund. Der Webflaneur konterte: Immerhin habe Zuckerberg jüngst versprochen, dass diese – zugegebenermassen etwas komplizierten – Einstellungen vereinfacht würden. Der Freund schüttelte den Kopf. Zuckerberg krebse bloss einmal mehr zurück – um gleich die nächste Offensive auf seine Privatsphäre zu starten. Bis sich etwas ändere, fliesse noch sehr viel Wasser die Aare hinunter.

Zwitschern oder sausen?

Webflaneur am Dienstag den 16. Februar 2010

«Wem vertraut ihr eure Tagebücher an?», fragt der Webflaneur in die Runde. Die Kollegin, die erst gerade zum Grüppchen vor dem Partybuffet gestossen ist, schaut ihn erstaunt an. Das gute alte Tagebuch liege tief unten in einer Schublade, sagt sie. Es sei eines mit Schlösschen – «der letzte Schrei in meiner Jugend» – und obwohl selbst der jüngste Eintrag längst verjährt ist, bleibe der Inhalt streng geheim. «Aber ihr habt vorher wohl nicht über normale Tagebücher diskutiert», fügt sie an.

«So ein Schlösschentagebuch hatte ich auch», sagt der Partygänger vis-à-vis. Aber nein, sie hätten nicht über «richtige» Tagebücher diskutiert, sondern über eine moderne Art: über Mikroblogs, also über Kürzesttagebücher im Internet – ganz ohne Schlösschen. «Wir diskutierten über Statusdienste wie Twitter und Facebook», fügt der Webflaneur an. Der Suchmaschinengigant Google habe mit Buzz eben gerade einen ähnlichen Dienst aufgeschaltet. Er sehe gut aus. Trotzdem sei er unsicher: «Soll ich bei Twitter bleiben? Soll ich zum freien Twitter-Klon Identica wechseln oder mich auf die Statusmeldung von Facebook konzentrieren?» Sie bleibe, wo ihre Freundinnen und Freunde seien, sagt die Kollegin neben ihm: bei Facebook. Der Partygänger vis-à-vis votiert für Twitter. Dieser Dienst sei schlank, schnell und bequem. Und der Kollege vor dem Buffet legt sich für Identica ins Zeug: Damit behalte er die Kontrolle über seine Inhalte – und stelle sie nicht kommerziellen Anbietern zur Verfügung. Sie habe noch immer kein Konto bei Facebook, sagt hingegen die vorher zur Gruppe gestossene Kollegin, und auch sonst keines. «Mein Tagebuch bleibt geheim.»

Am nächsten Tag vor dem Computer: Der Webflaneur fragt sich, ob er nicht doch besser wieder zum Tagebuch mit Schlösschen wechseln sollte. Er kommt zu keinem Schluss. Und so hängt er vorerst mal Identica,Twitter, Facebook und Buzz zusammen – und schreibt gleich überall.

Ein neues Profilbild

Webflaneur am Dienstag den 24. November 2009

Pictura schaut ihn ungläubig an. Ob das Profilbild in Twitter wirklich zehn Jahre alt sei, fragt sie. Nun ja, zehn Jahre seien es wohl schon, antwortet der Webflaneur kleinlaut. Zumindest sei es schon in Farbe, versucht er es mit einem Scherz. Pictura schüttelt den Kopf. Ein zehn Jahre altes Profilbild, das gehe gar nicht, massregelt sie ihn. Die Twitter-Gemeinde mache sich ein völlig falsches Bild von ihm. Bei den Profilbildern liege übrigens viel im Argen. «Die meisten Nutzer laden nur Ferienschnappschüsse hoch.» Und mit einem Grinsen fügt sie an: «Und manche uralte.» Sie komplementiert den Webflaneur auf einen Hocker vor ihr. Und eh ers sich versieht, blitzts von allen Seiten.

Das war an einem der beiden Avatardays der Berner Fotografin Pictura. Sie hatte die Nutzer der Kurznachrichtenschleuder Twitter zum Porträt-Shooting geladen. Wer kam, wurde professionell geschminkt und fotografiert. Während die einen noch aufs Shooting anstiessen, tauschten andere schon ihr Profilbild aus. In den nächsten Tage wurden immer mehr alte Fotos ersetzt – auffallend viele: «Twitter ist ja unglaublich aufgewertet worden», kommentierte ein Nutzer. Und ein anderer schrieb: «Nach #avatarday sieht die halbe #ch twitteria aus wie vom selben marketingbüro angestellt.» Auch der Webflaneur staunt über all die neuen Profilbilder. Ob sie Muskelkater im Auslösefinger habe, fragt er Pictura. Der sei gut trainiert, antwortet diese. Wenn ers genau wissen wolle: Twitter habe nun 71 neue Bilder. Ihr Fazit in einer Twitter-Meldung, also in bis 140 Zeichen, bittet der Webflaneur. Und Pictura twittert: «Auftrag erledigt, das Internet ist schöner. Die neue Twitter-Timeline ist Wellness fürs Auge.»

Der Webflaneur guckt sein Bild an, schüttelt den Kopf. «An der Fotografin hats nicht gelegen», brummelt er – und kopiert oben in die Zeitungsspalte das alte Foto hinein.



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