Kultur


Webflaneur

Spaziergänge im World Wide Web

Archiv für die Kategorie „Geografisches“

Ein Bing löst einen Bauboom aus

Webflaneur am Montag den 3. Januar 2011

Knall auf Fall stehen plötzlich Häuser da, tippt der Webflaneur. Er hält inne, schaut auf den Bildschirm. Dann schüttelt er den Kopf und löscht den ersten Satz wieder. Viel besser wäre dies, sagt er sich: Bing löst einen Bauboom aus. Damit ist der Webflaneur nun sichtlich zufrieden.

Nach dem knalligen Einstieg müsse er aber ausholen, beschliesst er. Er schreibt: Openstreetmap sei ein Projekt, in dem Geodaten gesammelt würden – um daraus Land- und Navigationskarten zu machen. Wie bei der Wikipedia könne jedermann mithelfen. Lange sei die Kartografierarbeit indes nur im Schritttempo vorangekommen. Die Hauptverkehrsachsen und die beliebtesten Rad- und Wanderwege seien zwar längst erfasst. Auch Städte wie Bern sähen bereits beeindruckend aus. Doch andernorts fehle viel. Sein Heimatdorf etwa habe bis vor kurzem bloss aus einigen Strassen und Wegen bestanden. Das aber habe sich geändert – dank Microsoft: Der Softwarekonzern habe dem Projekt jüngst Flugbilder ab ihrem Bing genannten Portal zur Verfügung gestellt. Von diesen liessen sich Häuser, Strassen und Wälder bequem abzeichnen. Deshalb werde jetzt gebaut, was die Maus hergebe.

Wie das funktioniere?, stellt der Webflaneur eine rhetorische Frage. Er zeige es gerne, antwortet er, lädt das Kartografieprogramm Josm herunter und startet es. Er wählt sein Heimatdorf aus, lädt die vorhandenen Daten herunter, legt die Bing-Aufnahmen darüber. Da diese leicht versetzt sind, justiert er sie zuerst. Dann zeichnet er ein Haus nach und hängt diesem die nötigen Tags an. Und schon baut er ein zweites Haus. Und noch eines. Hätten wir oben nicht selbst weitergeschrieben, wäre diese Kolumne nie fertig geworden. Denn der Webflaneur muss nun offensichtlich bauen. Er baut ein Dorf.

Das Osternest

Webflaneur am Freitag den 10. April 2009

Klein Webflaneur durchwühlte die Schränke. Er öffnete Schublade um Schublade. Er guckte in jede Ecke und Nische. Er stöberte sogar im Cheminée, kletterte auf den Schrank, kroch unters Bett. Doch das Osternest fand er nicht. Nach und nach machte die anfängliche Begeisterung einer wachsenden Frustration Platz. Nein, so gemein kann der Osterhase doch gar nicht sein! Gerade rechtzeitig griffen die Eltern ein und lotsten ihn mit «wärmer» und «kälter» in die richtige Richtung. Nachdem Klein Webflaneur das Nest schliesslich entdeckt hatte, war die Welt wieder in Ordnung. Und jene der Eltern auch, glaubten sie doch mit der Versteckaktion vorbildlich spielerisch des Sprösslings Beobachtungsgabe und Problemlösefertigkeiten geschult zu haben.

Daran erinnerte sich der Webflaneur, als er jüngst wieder einmal auf Schatzsuche war. Dieses Mal jagte er keinen Schokoladenhasen im geflochtenen Körbchen, sondern ein profanes Tupperware mit Ramsch darin. Und dieses Mal lotste ihn niemand mit warmen Rufen, sondern bloss Pfeile auf dem GPS-Gerät. Der Webflaneur versuchte sich im Geocaching: Er suchte mit dem Navigationsgerät «Schätze», die andere versteckt und auf Portalen wie  Swissgeocache.ch, Geocaching.com und Opencaching.de aufgelistet hatten.

Während der Schatzsuche hat er sich vorgenommen: Er wird heuer  mal den Eltern ein Nestchen verstecken. Diese müssen es per GPS-Gerät suchen. Gross Webflaneur ist sicher: Seine Eltern werden dabei auf spielerische Weise ganz viel lernen. Mathias Hasi Born

Tomtom lernt Neues

Webflaneur am Mittwoch den 21. November 2007

Der Webflaneur ist am Ziel. Er hat den beschwerlichen, mit Enttäuschungen gepflasterten Weg gemeistert. Auf diesem hat ihm stets die Angst im Nacken gesessen,  in einer Sackgasse stecken zu bleiben.  Nun hat er es geschafft. Er hält inne, zeichnet den Weg in Gedanken nochmals nach.

Der Ausgangspunkt war eine spitze Bemerkung: Er schreibe «dauernd über diese GPS-Sachen», hat der stolze Besitzer eines Navigationsgeräts gesagt. «Karten zeichnen, Schnappschüsse darauf platzieren, Schätze suchen?», hat der Webflaneur gefragt. «Das funktioniert alles nicht», monierte der Gesprächspartner, «nicht mit meinem Navigationsgerät». «Tomtom?»,  fragte der Webflaneur. Diese Geräte hätten eine schön aufgeräumte Programmoberfläche, lobte er. Dafür böten sie – wie andere Strassennavigatoren auch – bloss wenige Funktionen. So könnten etwa keine längeren Wege gespeichert werden. Und es liessen sich keine Routen aufs Gerät laden, denen man nachfahren kann. Erst in aktuellen Geräten und durch Programm-Aktualisierungen kämen weitere Funktionen hinzu, eben gerade etwa die Möglichkeit, fehlerhafte Karten zu korrigieren. 

«Vermutlich gibts aber andere Wege, um Tomtom Neues beizubringen», hat der Webflaneur gesagt und sich das Gerät geborgt. Er hat sich auf die Suche gemacht. Zuerst ist er auf den Tripmaster gestossen, der Wege aufzeichnen und Zusatzinfos einblenden kann. Doch dieses Programm beschäftigte das rechenfaule Tomtom so stark, dass dieses auf halbem Weg kollabiert ist. Der Webflaneur musste es längere Zeit hätscheln, bis es wieder zum Laufen zu bringen war. Er hat es daraufhin mit dem Fahrtenschreiber Nmealogger probiert, geschrieben vom selben Programmierer. Doch dieser hat sich schlecht mit Tomtoms Monitor vertragen. Für Basteleien mit Opentom wiederum fehlte dem Webflaneur die Zeit. Gerade als er auf- und das Tomtom zurückgeben wollte, ist er über den Eventlogger gestolpert. Dieses Mal hat es geklappt: Auf der Testfahrt hat das Programm alle paar Sekunden die Koordinaten protokolliert. Der Webflaneur ist damit am Ziel. Und das Tomtom ist wieder unterwegs mit seinem Besitzer, dem noch stolzeren.

Abgehoben

Webflaneur am Mittwoch den 12. September 2007

Screenshot Google Earth

Er ist komplett abgestürzt. Irgendwo zwischen Dampfwil und Seedorf hat es den Webflaneur verstrichen. Wie es so weit kommen konnte, daran kann er sich nicht mehr erinnern. Er weiss nur noch, dass er in Schräglage geraten ist. Er hat die Kurve einfach nicht mehr gekriegt. Die Welt begann sich um ihn zu drehen, langsam zuerst, dann schnell schneller, bald im Wirbel. Dann muss er zu Boden gegangen sein, oder besser: ungespitzt in den Boden hinein.

Dabei ist der Webflaneur eigentlich gut gestartet: Aus dem Stand heraus hat er kräftig Gas gegeben. Kurz darauf hat er zu einem wahren Höhenflug abgehoben: Farben flimmern. Filigrane Silhouetten, vertraut bis faszinierend fremd, entfalten sich und zerfallen unter ihm. Der Lüfter summt leise. Er nimmt noch einen Campari.

Und er steigt in höhere Sphären. Aus der Ferne Melodiefetzen. Lucy in the Sky with Diamonds? Er grüsst Orion, stolpert über Sternhaufen, äugt durch Gravitationslinsen. Er ficht mit dem Schwertfisch, brummt mit den Bären, flattert mit Tukan und Kranich, bis er sich im Andromeda-Nebel verliert, in den Schwaden, in der Stille, und in Richtung des Schwarzen Lochs driftet.

Doch da lichtet sich der Nebel. Der Webflaneur nimmt das Ruder wieder in die Hand, fliegt zu seinem Heimatland. Er lässt die Alpen unter sich vorbei ziehen, die Seen, seine Stadt. Dann aber ist das Malheur passiert: Er hat die Kurve nicht mehr gekriegt und ist abgestürzt, irgendwo zwischen Dampfwil und Seedorf.

Der Webflaneur rappelt sich auf. Die Hand zittert leicht, als er auf «Schliessen» klickt. Er fährt den Computer herunter. Und er freut sich bereits auf den nächsten Trip mit dem neuen Flugsimulator und der Sky-Funktion von Google Earth.

Im Tiefflug durch Deutschland

Webflaneur am Mittwoch den 15. August 2007

Screenshot Google Earth (Hamburg)

Strassen hat er bereits viele gebaut. Nun aber will der Webflaneur auch ein virtuelles Haus konstruieren. Es soll so aussehen wie das echte. Und es soll am selben Ort stehen wie das echte, bloss halt auf dem Globus Google Earth.

Bevor der Webflaneur an seinem dreidimensionalen Gebäude zu mauern beginnt, lässt er sich von anderen Bauherren inspirieren. Er startet Google Earth, schaltet «3D-Gebäude» ein. Er fliegt nach Hamburg, wechselt in die Vogelperspektive – und staunt, wie aus dem Satellitenbild eine dreidimensionale Stadt wächst. Und weiter gehts: Er lädt die entsprechende Datei herunter, öffnet sie – und landet im dreidimensionalen Berlin. Flugs besucht er den Plenarsaal des Reichstags, taucht unter dem Brandenburger Tor durch, dreht über der Siegessäule ab. Nun macht er einen Abstecher nach Neubrandenburg, fliegt dann nach Dresden, wo er mit heiss gelaufenem Computer landet.

Nun zieht es den Webflaneur heim. In der Region Bern sind erst einzelne Gebäude in die Höhe gezogen worden, stellt er beim Stöbern im 3dwarehouse fest, dem Austauschforum für Gebäude. Und die meisten befinden sich im Rohbau. Ein erster Entwurf des Bundeshauses schwebt hoch über dem Boden. Vorhanden sind ein einfaches Zytglogge-Modell, zwei Versionen des Stade de Suisse Wankdorf, die Gemeindeverwaltung Köniz, ein schön nachgebauter Bantiger-Turm. Ein Steve baut an der Migros Belp, Fabian an Fankhausers Haus in Neuenegg. Lukas arbeitet am Neufeld-Gymer Bern, 54m stampft ein Mehrfamilienhaus am Stapfenrain aus dem Boden, Anonym zieht im Länggass-Quartier ein Hochhaus hoch.

Staunend klickt sich der Webflaneur weiter durch die dreidimensionale Computerwelt. Und er vergisst darob glatt, dass er ja eigentlich mit Sketch-Up ein eigenes Haus bauen wollte.

Strassen bauen

Webflaneur am Mittwoch den 30. Mai 2007

Screenshot Java Openstreet Map (Josm)

Sie reissen auf und baggern, bis der ganze Belag weg ist: Ein Heer von Arbeitern baut auf Berns Strassen. Der Webflaneur ginge ihnen gerne zur Hand – nicht zuletzt, damit der Pressluftbohrer bald wieder Andere aus dem Bett holt. Doch er hat zwei linke Hände. Er weiss weder, wie man baggert, noch hat er je einen Kran geführt. Er weiss bloss: Auf Baustellen baut man besser nicht auf ihn.

Und so arbeitet er – frühmorgens, während der Hammer lärmt – zumindest etwas auf der virtuellen Baustelle mit: Er zeichnet Strassen und Wege für Openstreetmap. Die dort entstehende kostenlose Strassenkarte möchte er bald für eine Einladungskarte benutzen – und sie dereinst aufs Navigationsgerät laden.

Selbstgemalte Karten stimmen nie? Nun, der Webflaneur zeichnet nicht aus der Fantasie. Er paust die Koordinaten durch, die Nutzer wie er auf Auto- und Velofahrten, auf Spaziergängen und Wanderungen mit Navigationsgeräten gesammelt haben. Dazu benutzt er das kleine Programm Java Openstreet Map: Der Webflaneur setzt entlang einer Linie von Koordinaten Punkte, verbindet sie zu Segmenten und diese zu einem Weg. Es handle sich dabei um einen «Highway» dritten Grades, eine Einbahnstrasse, klickt er an und trägt den Namen ein. Sind die Strassen gebaut, wird die Karte weiter verfeinert: Plätze und Parkplätze werden eingetragen, Parks und Bäder, Restaurants und Theater.

In der Stadt wird gebaut. Und der Webflaneur baut mit. Mit der orthogonalen Verkehrsführung auf dem Bahnhofsplatz ist er den Arbeitern bereits voraus. Bald baut er den Baldachin. Und vielleicht installiert er – gegen den lärmigen Transitverkehr da draussen – im Matte-Quartier bereits jetzt die geplanten Poller.

Fotos auf der Karte

Webflaneur am Mittwoch den 24. Januar 2007

Der Webflaneur wandert. In der Hand hält er eine Digitalkamera, in der Tasche trägt er sein Navigationsgerät. Als sich die anderen Wandervögel abends müde am Stubentisch niederlassen, klappt er sein Notebook auf. Er will die Fotos auf der Kamera mit den Aufzeichnungen des Navigators zusammenführen: In jedem Bild soll stehen, wo genau es gemacht worden ist.

Viele Wege führen zu diesem Ziel. Der einfachste: Man platziert Bild für Bild auf einer Karte, mit Picasa, Panorado Flyer auf den Karten des Online-Atlas’ Google Earth, mit Flickr auf Yahoo Maps, mit Panoramio oder Platial. Der am besten ausgebaute Weg: Man installiert spezialisierte Software, auf Macs etwa Gps Photo Linker oder iPhoto To Google Earth, unter Windows iTag, Jet Photo, Wwmx oder für einige Franken die komfortablen Programme Robogeo und Fodysseus.

Doch wie beim Wandern sind die einfachen und gut ausgebauten Wege selten die spannendsten. Der Webflaneur entscheidet sich für den steinigeren Weg: In einer ersten Etappe kopiert er die Aufzeichnungen des Navigators aufs Notebook und übersetzt sie mit GPS-Babel ins GPX-Format, einem Standard für Navigationsdateien. In der zweiten Etappe installiert er erstmals das Exif Tool – ein Hilfsprogramm, das Metadaten von Bildern verändern kann – und Gps Photo: Dieses Skript liest in der Bilddatei, wann das Foto geschossen worden ist, schaut dann in der Navigationsdatei nach, wo der Empfänger zu dieser Zeit war, und schreibt schliesslich via das Exif Tool die Koordinaten in die Bilddatei. Ein anderer Befehl auf der Kommandozeile exportiert die Fotos stapelweise ins Format von Google Earth.

Die Wandervögel schrecken auf, als der Webflaneur mitsamt Notebook eine Ehrenrunde um den Tisch hüpft. Es habe geklappt, frohlockt er und deutet auf einen kryptischen Befehl. Mit diesem Kommando habe er sämtlichen Fotos die Koordinaten zugewiesen. Die Wandervögel schütteln ihre Köpfe. Der komische Kauz mit dem Navigationsgerät möge sich endlich mit einem Glas zu ihnen gesellen, sagen sie. Und sie fragen, was die Übung mit den Koordinaten denn bringe. Der Webflaneur schweigt. Die Wandervögel sehen es am nächsten Morgen: In der E-Mail liegt ein Link zur Karte mit der Wanderroute und – exakt platziert – den Fotos.

P.s.: Wie der Befehl lautet? Ganz einfach: perl gpsPhoto.pl –dir /verzeichnis-mit-den-fotos-drin/ –gpsfile /hier-liegt/und-so-heisst-die-GPX-Datei.gpx

Der Weg des Vorgängers

Webflaneur am Mittwoch den 26. Juli 2006

Screenshot GPSWandern.de

Der Vater feiert Geburtstag. Die Verwandtschaft hat ihm bereits einen Navigator geschenkt. Der Berner Zeitungsblogger hingegen irrt noch auf Geschenksuche durch die Kaufhäuser. Schliesslich beschliesst er mit seinen Geschwistern: Sie schenken ihrem Vater Koordinaten – einfach so, ohne Kommentar. Diese sollen ihn auf die richtige Fährte locken. Speist er sie ins Navigationsgerät ein, weist es ihm den Weg über Stock und Stein, über Brück’ und Trampelpfad auf einen entlegenen Gipfel – auf der Spur des Vorgängers sozusagen, der die Daten beim Wandern gesammelt hat. Auf diesem Weg geruhen die Geschwister den Vater zu begleiten, im Rucksack zusätzlich noch eine papierene Karte, damit der Weg nicht zur Gratwanderung oder sogar zum Reinfall wird.

Der Zeitungsblogger wird rasch fündig: MySwitzerland.com hat zu einigen Wanderrouten auch gleich die GPS-Daten organisiert. Ganz auf dem Laufenden sind auch das Graubünden und das Wallis. Grössere Routensammlungen für Wandervögel wie für Drahtesler und Fussroller findet der Zeitungsblogger bei GPS-Tracks.com und GPS-Tour.info. Als er ob all der Pfade die Orientierung verliert, verschafft er sich bei Map.search.ch, wo neu Freizeittipps aufs Luftbild projiziert werden, einen Überblick. Schliesslich wählt er einen Pfad aus, scheitert dann aber fast am Sprachenwirrwarr: Jeder Navigator versteht nur seine Sprache. Der Zeitungsblogger muss sich mit GPS-Babel einen Dolmetscher auf den Rechner holen.

Die Koordinaten sind gedruckt. Der Zeitungsblogger ist gespannt, was Vater damit anfangen wird. Unter uns: Statt sie direkt in den Navigator einzuspeisen, könnte er den Atlas auf- und den Startpunkt nachschlagen. Er könnte die Koordinaten dem Trackviewer schicken und sie auf eine Karte übertragen lassen. Oder er könnte die Pro-Version von Google Earth kaufen und sie mit den Daten füttern. Aber verrate die Tricks nicht! Vater muss seinen eigenen Weg finden.

Tausend Ferienpläne

Webflaneur am Mittwoch den 28. Juni 2006

Screenshot Travelblog.ch

Hätte alles geklappt, wäre er jetzt mit ihr in den Ferien. Doch dann habe sie gopfriedstutz in letzter Sekunde das Weite gesucht, sagt er und nimmt einen Schluck. Nun hänge er eine lange Ferienwoche lang alleine zuhause vor der Flimmerkiste herum. Dass die Schweiz auch noch aus der WM gefault und die Fussballpartys dem kollektiven Kater gewichen seien, dass das Wetter wieder mal auf Sturm mache und die Aare mit 17 Grad nur haarscharf am Gefrierpunkt vorbei schramme, das passe irgendwie.

Der Mann braucht frische Ideen, denkt der Berner Zeitungsblogger. Und er sagt: Neulich, als er mit Google Earth im Tiefflug über fremde Länder gedüst sei, als er mit Nasa Worldwind den Globus ausgekundschaftet und mit Virtual Earth auf Karten herum gereist sei, neulich als er im Travelblog gelesen habe, was andere anderswo treiben, und bei 43places, wo andere hinwollen, da sei er wieder einmal von Reisefieberschüben geschüttelt worden.

Hätte er plötzlich eine ganze Woche Zeit, packte er den Rucksack und reiste auf die billige Tour, sagt der Zeitungsblogger: Er reservierte sich rasch ein günstiges Click’n’Rail-Ticket. Er sattelte seinen Drahtesel. Er postete sich in allerletzter Minute einen Flug – das schlechte Gewissen beruhigte er mit einem Ablasshandel bei Myclimate. Oder er stoppte bei einer der vielen Mitfahrzentralen ein Auto. Unterwegs logierte er bei Gastgebern, die er im Hospitalityclub oder beim Couchsurfing getroffen hat. In der Fremde schaute er sich dann das an, was Reisende auf Virtualtourist, Wikitravel oder World66 empfehlen – und gäbe dort später den eigenen Senf dazu. Vielleicht wanderte, kletterte oder schwämme er auch mit dem GPS-Gerät dort hin, wo sich Längen- und Breitengrade kreuzen – und dokumentierte seine Expedition auf Confluence. Und ganz beiläufig kartographierte er für Openstreetmap seinen Weg.

Der Zeitungsblogger setzt kurz ab. Sein Gegenüber schaut ihn gelangweilt an. Nein, brummelt dieser nun, er bleibe daheim. Er nimmt einen Schluck. Und dann fragt er, was der Zeitungsblogger eigentlich gemacht habe, als er jüngst unerwartet Ferien nehmen musste. Nun gerät dieser ins Schwimmen. Ehrlich gesagt, gibt er zu: Ferien auf Balkonien…

Berns erste Strasse

Webflaneur am Mittwoch den 11. Januar 2006

Screenshot Openstreetmap.org

«Gestatten Sie: B. Z., der Erbauer von Bern.» So könnte er sich nun inskünftig vorstellen, sinniert der Berner Zeitungsblogger. Er hat sein Notebook eingeschläfert und sich hingelegt. Schlafen kann er aber nicht. Er ist noch ganz aus dem Häuschen. Denn er hat eben gerade seine erste Strasse gebaut – die erste Strasse in der Stadt Bern überhaupt.

Doch der Reihe nach: Der Berner Zeitungsblogger hat jüngst mit einem Navigationsgerät herum gespielt. Irgendwann hat er entdeckt, dass er seinen Magellan vom Navigator zum Routenplaner befördern kann, wenn er ihm ein Speicherkärtchen unterschiebt. Bloss: Günstig sind solche Kärtchen mit Kärtchen nicht. Deshalb hat er einen Plan ausgeheckt: Würden viele Nutzer die Koordinaten, die ihre Geräte aufzeichnen, zusammenlegen, entstünde eine Karte. Weshalb sollte bei Strassenkarten nicht auf funktionieren, was mit der Wikipedia bei Enzyklopädien klappt? Doch dann hat er entdeckt: Andere hatten die selbe Idee schon, in Deutschland etwa Opengeodb und Gpspunkte. Auf dem besten Weg ist aber das Community-Projekt Openstreetmap, urteilte er.

Es war am Nachmittag: Der Zeitungsblogger kurvte auf seinem quietschenden Velo durch die Stadt. Magellan sass festgezurrt auf dem Lenker und sammelte eifrig Daten. Wieder zuhause brachte der Zeitungsblogger die gesammelten Koordinaten mit dem Hilfsprogramm, das er auf GPS-Babel aufgestöbert hatte, in die richtige Form. Dann kopierte er sie auf den Rechner von Openstreetmap. Wenig später war das Satellitenbild der Stadt Bern mit gelben Punkten übersäht – dort, wo der Zeitungsblogger durchgekurvt war. Zwei Punkte verband er zu einer Strasse und gab ihr ihren Namen. Zugegeben: Das Prozedere ist etwas gar umständlich und die Website nicht ganz ausgereift. Aber sein Plan funktionierte. Die Londoner haben auf diese Weise bereits eine erstaunlich detaillierte Strassenkarte aufgezeichnet.

Nun ist also auch in Bern der erste Pflasterstein gelegt, sinniert der Berner Zeitungsblogger. Dann döst er ein. Und er träumt von seinen vielen, vielen bunten Punkten, die nun zu Strassen verbunden werden können – von irgendwem.