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Webflaneur

Spaziergänge im World Wide Web

Archiv für die Kategorie „Gemeinschaftliches“

Ein Blumenkübel geht um die Welt

Webflaneur am Dienstag den 10. August 2010

Nein, der Webflaneur hat nichts Lustiges gesagt. Sein Satz war weder überraschend noch zweideutig. Trotzdem prustete die Runde los, wie auf Kommando. Der Webflaneur begreift erst nach und nach: Es war das eine Wort. Er hätte es nicht benutzen dürfen, nicht hier, nicht heute. Das Wort war: Blumenkübel.

Bis er das begriff, brauchte es einige Erklärungen. Diese kamen vom Kollegen vis-à-vis: Als die Lachwelle verebbt war, fragte er den ganz perplexen Webflaneur: «Hast du die Sache mit dem Blumenkübel auf Twitter nicht mitbekommen?» – «Welcher Kübel?», fragte dieser. Er habe sich in den zwei letzten Tagen abgeschottet, die Arbeit habe gedrängt. Dann brauche er ein Update, sagte der Kollege.

Also: Vor einem Altersheim in Neuenkirchen in Deutschland sei in der Nacht – wohl bei einem Saubannerzug – ein Blumentopf in die Brüche gegangen. Eine Praktikantin der «Münsterschen Zeitung» habe eine Meldung dazu verfasst. Tags darauf sei plötzlich der #Blumenkübel-Sturm durch Twitter gefegt: Die Kunde vom Kübel verbreite sich rasant. Bald schon in abenteuerlichen Variationen: Eine Beteiligung der Al-Qaida könne nicht ausgeschlossen werden, habe einer geschrieben. BP habe das Ölleck mit einem Blumenkübel abgedichtet, habe ein anderer kolportiert. Und ein weiterer habe SPD-Chef Brandt zitiert: «Jetzt muss zusammenwachsen, was zusammengehört.» Bald darauf seien auf Youtube die ersten Videos aufgetaucht: eine dramatisierte Blumenkübel-Lesung etwa, ein «Bekennervideo» der Vandalen und – wie seit dem «Maschendrahtzaun» und «Coup de Boule» üblich – gleich ein Lied dazu. «Das alles hast du in zwei Tagen Netzabstinenz verpasst!»

«Henusode», sagt der Webflaneur. Nun müsse er aber gehen. Er wolle wirklich noch in seinen Terrassengarten – ja, wegen des umgefallen Kübels. Zum Abschied sagt er mit theatralisch erhobenem Zeigefinger: «Wenn ihr mich das nächste Mal so auslacht, dann vertopfe ich euch.»

Turbulente Nullerjahre

Webflaneur am Freitag den 1. Januar 2010

Irgendwer hämmert wie wild in seinem Kopf. Der Webflaneur sinkt ermattet aufs Sofa, schliesst die Augen, massiert die Schläfen. Und er lässt die wilde Zeit der Zweinuller-Jahre Revue passieren.

Er erinnert sich, wie gespannt er vor zehn Jahren auf den letzten Glockenschlag gewartet hat. Gehen die Lichter aus? Bricht das Telefonnetz zusammen? Bleiben die Züge stehen? Doch nichts passierte. Der Jahrtausendkäfer war bereits ausgerottet worden. Oder er war ein Phantom. Die Informatikwelt drehte sich weiter – und immer schneller. Die Zukunft war das Internet. Idee um Idee wurde ausgeheckt. Für fast alles fanden sich Investoren. Die Börsianer jubilierten. Sogar der Webflaneur liess sich zum ersten Aktienkauf hinreissen. Dann platzte die Blase. Nur wenige Unternehmen sind geblieben. Eines davon ist Google, das einen guten Suchalgorithmus mit einer gewieften Werbeverbreitung koppelte, damit die anderen Suchmaschinen vergessen machte und zur dominierenden Internetfirma wurde. Ehe sie sich versah, ging es auch der Musikindustrie an den Kragen. Der Kampf gegen die Tauschbörse Napster nützte da wenig. Erst der Erfolg von Apples iTunes brachte die Musikindustrie auf bessere Ideen. Und plötzlich gings Schlag auf Schlag. Der Erfolg des Mitmachlexikons Wikipedia nötigte altehrwürdige Verlage zur Aufgabe. Die nutzergenerierten Inhalte setzten sich durch, der Ausdruck Web 2.0 machte die Runde. Wer im Netz etwas auf sich hielt, war am Bloggen oder tummelte sich auf Plattformen herum: auf Myspace etwa, Youtube, Facebook, Xing, Twitter und wie sie alle heissen. Immer stärker und immer schneller durchdrang das Internet das ganze Leben.

Vor dem geistigen Auge des Webflaneurs beginnt sich alles zu drehen. So viel in so kurzer Zeit. Kein Wunder, kriegt man davon einen Kater. Doch wie lautet die alte Säuferweisheit? Kater bekämpfe man am besten mit mehr vom gleichen? Der Webflaneur rappelt sich auf. Und er setzt sich an den Computer.

Schenken 2.0

Webflaneur am Dienstag den 8. Dezember 2009

Es begab sich jeweils zur Adventszeit, dass an der Schule über alle Klassen- und Promotionsgrenzen hinweg gewichtelt wurde. Der Webflaneur erinnert sich gut an einige fantasievolle, auf Treppenstufen drapierte Präsente. Das Treppenhaus, wo alle durchmussten, war der ideale Umschlagplatz für Geschenke. Und Treppensteigen war nie spannender als in den paar Wochen vor Weihnachten: Wer bekommt diese handgezogene Kerze? Wer trägt heute die Büchse mit den Güezi mit sich herum? Und steckt hinter dem Päckli mit der liebevoll verzierten Karte nicht vielleicht doch mehr als bloss das Geschenk eines Wichtels? Tritt für Tritt galt es zu lesen, für wen das Präsent bestimmt war. Tritt für Tritt rätselte man, wer der Wichtel sein könnte. Und Tritt für Tritt verglich man insgeheim die fremden mit den eigenen Präsenten.

Daran erinnert sich der Webflaneur, als er auf der Mikroblogplattform Twitter über die jüngste Aktion stolpert: Die Nutzerinnen und Nutzer sind am Wichteln – beziehungsweise am Twichteln, wie sie es nennen. Sie haben sich auf Twichteln.ch angemeldet und jemanden zugewiesen erhalten, den oder die sie zu beschenken haben. Natürlich nicht mit Materiellem wie Kerzen, Güezi und Schokolade. Das Twichtel-Motto heisst: Freude machen in 140 Zeichen. Oder: Schenken 2.0. Entsprechend werden vorab Weblinks verschickt: zu einem lustigen Video etwa, einem leckeren Rezept, einem spannenden Artikel, einem schönen Foto. 250 Leute haben bei der ersten Runde mitgemacht. Heute beginnt die zweite. Und wer nächste Woche twichteln will, kann sich bis Sonntag einschreiben.

Der Webflaneur füttert die Twittersuche mit #twichtelnCH. Er schaut, was andere geschenkt erhalten haben und wer vom Twichtel enttäuscht worden ist. Und das ist fast so spannend wie früher der Gang durchs Treppenhaus seiner Schule.

Esel am Wäscheberg

Webflaneur am Dienstag den 24. Februar 2009

Der Webflaneur steht wie ein Esel am Berg – am Wäscheberg. Vorab dieses eine Stück gibt ihm zu denken. «Wie wäscht man einen Kaschmirpullover?», fragt er sich. Er erinnert sich noch, wie ihm, nachdem er das Päckli ausgepackt hatte, eingetrichtert worden ist, er solle ja Acht geben beim Waschen. Was er vorzukehren hat, ist ihm aber leider entfallen. Muss er den Pulli von Hand waschen? Braucht er ein Spezialmittel? Soll er normales Haarshampoo nehmen? Und falls ja: Schadet die beigemischte Pflegespülung nicht? Der Webflaneur fragt sich, wie er das wohl am besten in Erfahrung bringe, ohne allzu dumm aus der Wäsche zu gucken.

Er lässt den Zuber stehen und setzt sich an den PC. Irgendwann an einer Party hat ihm mal ein Junggeselle, der in praktischer Hausarbeit nicht gerade mit allen Wassern gewaschen ist, seinen Trick verraten: Bei komplexen Haushaltsfragen, hat er gesagt, frage er die Oma. Dann hat er grinsend buchstabiert: Frag-die-oma.de. Egal, obs um die Pflege von Wildlederschuhen oder um den gordischen Knoten des Krawattenknopfes gehe – bei der virtuellen Oma finde er Rat. Und wenn nicht, dann bei Frag-Mutti.de. Gehe es eher ums Bohren und Schleifen, gucke er bei Frag-vati.de vorbei.

Der Webflaneur hat Pech. Weder Oma noch Mutti oder Vati helfen ihm weiter, Wer-weiss-was.de und Gutefrage.net auch nicht. In den Videos auf Spotn.de erfährt er zwar, wie er eine Zwiebel würfelt oder Discofox tanzt, nicht aber, wie er einen Pulli eindrücken muss. Und bei Frag.wikia.com, dem neuen Dienst der Wikipedia-Macher? Auch dort gibts vorerst keine Antwort. Der Webflaneur erwägt, für die heikle Pullovermission den Mamiexpress.ch zu engagieren. Doch er verwirft den Gedanken wieder; auf längere Sicht kostete ihn die Hilfe gestandener Hausfrauen zu viel.

Schliesslich hat der Webflaneur seinen Pulli  doch noch gewaschen, ohne dass dieser Schaden genommen hätte. Woher er nun plötzlich wusste, wie es ging? Der Webflaneur hat anderweitig recherchiert. Wo? Na ja, er hat dann doch seine Mutter gefragt.

Mitschreiben

Webflaneur am Freitag den 23. Januar 2009

Der Kollege Schreiber druckst herum. Ob er ihm vielleicht bei Gelegenheit mal – es eile wirklich nicht, und wenn er keine Lust dazu habe, könne er auch nein sagen – kurz: ob er ihm vielleicht mal etwas erklären könne? Der Webflaneur guckt ihn erstaunt an. «Was?» Schreiber fasst sich ein Herz: «Wie mache ich bei der Wikipedia mit?», fragt er.

Ach, das sei ziemlich einfach, antwortet der Webflaneur. Am besten beginne er mit einigen Korrekturen: Das nächste Mal, wenn er über einen Tippfehler stolpere, klicke er einfach auf «Seite bearbeiten», korrigiere den Fehler, tippe ins Zusammenfassungsfeld «typo» und speichere. Das habe er versucht, sagt Schreiber. Im Text habe es aber komische Zeichen gehabt. Das seien Steuer- und Formatierungsbefehle, so der Webflaneur. «Sie sind einfach zu lernen.» – «Gibst du mir einen Schnellkurs?» – «Lektion 1: Formatieren», sagt der Webflaneur. Ausdrücke würden kursiv gesetzt, indem man davor und dahinter zwei Apostrophs einfüge. Aus ’’Wort’’ werde also Wort. Fürs fette Stichwort am Artikelanfang verwende man je drei Apostrophs. Um Aufzählungen zu machen, stelle man den Abschnitten einen Stern voran. Und nummerierte Listen erzeuge man mit dem #-Zeichen. Für Überschriften ersten Grades rahme man den Titel mit je zwei Gleichheitszeichen ein, schreibe also etwa ==Titel 1==; Überschriften zweiten Grades hätten vor und hinten je drei Zeichen. «Und das Inhaltsverzeichnis?», fragt Schreiber. Darum brauche er sich nicht zu kümmern, sagt der Webflaneur. Es werde automatisch erzeugt, sobald ein Artikel vier oder mehr Überschriften enthält.

«Und nun kommen wir zur Lektion 2: Links setzen.» Um auf einen anderen Wikipedia-Artikel zu verweisen, setze man das Wort in doppelte, eckige Klammern. Aber was brabble er da, sagt der Webflaneur. Alles, was Schreiber wissen müsse, finde er auf dem Autorenportal im Menü links oben. «Nun aber noch Lektion 3», insistiert Schreiber, «neue Artikel eröffnen». Auch das sei einfach, sagt der Webflaneur. Er klicke nach einer ergebnislosen Suche auf den entsprechenden Link. Bevor er aber in die Tasten greife, überlege er sich besser nochmals, ob das Thema relevant genug sei. Denn was einer Enzyklopädie nicht würdig ist, werde von anderen Nutzern schnell wieder gelöscht.

«Worüber willst du schreiben?», fragt der Webflaneur. Schreiber druckst herum. Dem Webflaneur schwant Böses. Er setzt einen strengen Schulmeisterblick auf. «So sehr ich dich schätze, deinem Werk mangelt es – noch – an Relevanz», massregelt er Schreiber. Egoartikel zu schreiben oder auch nur Infos zur eigenen Person zu frisieren sei verpönt. Und beköppelt.

Sie steigt bei Fremden ein

Webflaneur am Donnerstag den 7. August 2008

«Wann fährt der Zug?», will der Webflaneur wissen. «Der Zug?», fragt die Verwandte. «Nein», fährt sie gleich selbst fort, sie reise nicht per Bahn. Der Webflaneur guckt sie fragend an. Sie grinst und sagt: «Ich habe eine Mitfahrgelegenheit organisiert.» – «In einem privaten Auto?», fragt er und runzelt die Stirn. «Ja», sagt sie und zwinkert ihm zu, «ich steige bei einem Fremden ein.» Sie mache sozusagen modernen Autostopp: Auf einem Mitfahrportal habe sie jemanden gefunden, der morgen in dieselbe Richtung fahre. Mit ihm habe sie sich eben gerade per Telefon verabredet.

Der moderne Autostopp habe viele Vorteile, argumentiert sie: «Im Gegensatz zum Daumen-raus-Reisen auf der Strasse kannst du die Fahrt planen.» So zu reisen sei zudem günstig; die Fahrer berechneten normalerweise die Benzinkosten, schlügen 10 Prozent darauf und teilten die Summe durch die Anzahl Mitfahrende. Und so zu reisen sei spannend: Die Fahrer seien umgänglich, die Mitfahrer sowieso, und die Fahrt kurzweilig. «Längst nicht nur Geizhälse und Ökofundis organisieren sich Mitfahrgelegenheiten», fügt sie an. In Deutschland sei es gang und gäbe, die Kosten für eine Reise zu teilen – «bei diesem hohen Benzinpreis sowieso». Auch hier zu Lande komme man auf den Geschmack. Die beiden grossen deutschen Mitfahrportale Mitfahrgelegenheit und Mitfahrzentrale hätten jedenfalls Ableger in der Schweiz eröffnet. Wobei: Auch die vielen anderen Mitfahrzentralen könnten aus der Schweiz genutzt werden.

«Hast du keine Angst, bei einem Unbekannten einzusteigen?», unterbricht der Webflaneur sie. «Nein», sagt sie. Als Vorsichtsmassnahme telefoniere sie vor der Fahrt mit der Person. Sie bevorzuge zudem Fahrten, bei denen weitere Autostopper mit dabei sind. Und: «Sollte ich ein ungutes Gefühl haben, steige ich nicht ein und schickte den Fahrer alleine auf die Piste.»

Das alles ist quelloffen

Webflaneur am Mittwoch den 12. März 2008

Eigentlich sollte er sich langsam auf den Weg machen. Schliesslich ist die Fehlerjagd beendet: Fein säuberlich hat der Webflaneur aufgelistet, welche Programme bocken. Nun könnte er das Notebook ins Rucksäckchen packen, sich aufs Velo schwingen und zum BEA-Gelände pedalen, wo bis morgen in der Geschäftsinformatikmesse Topsoft die Open Expo stattfindet. Dort hofft er die Cracks zu treffen, die ihm seine Fragen zu Opensource-Software – zu gemeinschaftlich entwickelten Programmen, die gratis benutzt werden dürfen – beantworten können.

Er plant, mit einer Uniarbeit, die sich partout nicht ins richtige Format bringen lässt, am Openoffice-Stand aufzukreuzen. Er wird die Leute am Scribus-Tisch um Tipps für die Gestaltung eines Konzertplakats bitten. Er hofft, dass ihm ein Linux-Experte zeigen kann, wie er mehr Leistung aus der Grafikkarte kitzelt. Er möchte sich von Cacert ein Zertifikat ausstellen lassen, um E-Mails verschlüsseln zu können. Er wird versuchen, herauszufinden, ob man als Amateur Websites besser mit Joomla, Plone, Phpwcms oder Typo3 aufbaut. Er will schauen, was er von Ausbildungssystemen wie Moodle und Olat lernen kann. Er will das neue Funknetz von Openwireless ausprobieren. Er möchte sich das Openmoko-Handy zeigen lassen, das erste wahre «Frei-Phone».

Doch statt sich sofort auf den Weg zu machen, klickt sich der Webflaneur selbstvergessen durch die Bestenliste auf Sourceforge, der grössten Code-Schmiede für gemeinschaftlich entwickelte Software. Angeführt wird sie von Tauschbörsentools. Dann folgen die Portable Apps, mit denen andere Programme auf USB-Sticks installiert werden können. Sehr oft heruntergeladen werden Hilfsprogramme wie 7-Zip zum Komprimieren oder Filezilla, um Daten auf Zentralrechner zu laden. Beliebt sind die Audio-Schnittsoftware Audacity und zum Chatten Pidgin. In der Bestenliste der Plattform sind auch die Windows-Programme Notepad++, der PDF-Creator, der Audio- und Videokonverter Media Coder und der Virenscanner Clam-Win zu finden.

Endlich schreckt der Webflaneur auf. Eigentlich wollte er ja nicht Neues suchen, sondern Bestehendes zum Laufen bringen – heute und morgen an der Open Expo.

Der Harem

Webflaneur am Mittwoch den 30. Januar 2008

Er habe nun 17 Freundinnen, frohlockt der Webflaneur. Sie schaut etwas verdutzt auf. «Was?», fragt sie. Er habe 17 Online-Freundinnen, präzisiert er. «Aufschneider», kanzelt sie ihn ab. Sie tut, als läse sie weiter. Offenbar wurmt es sie aber doch. Einige Minuten später steht sie hinter ihm vor dem Computer und fragt: «Und – wo ist dein Harem?»

Nein, einen Harem habe er nicht, stellt der Webflaneur klar. «In sozialen Netzwerken ist Hinz und Kunz Freund und Freundin.» Was soziale Netzwerke seien, fragt sie. Das seien Webplattformen, auf denen die Nutzer sich präsentierten – und andere zu ihren Freunden machten, versucht er zu erklären.  «Schau her!» Er zeigt ihr sein Profil bei StudiVZ, demonstriert, wie man nach Unibekanntschaften sucht und sie zu «Freunden» macht. Und er demonstriert einige der vielen Spielereien auf Facebook. Dies seien nur zwei der meistgenutzten Plattformen, sagt er. Es gebe viele andere. Zudem: In diversen Softwareschmieden werde an neuen Netzen gearbeitet, und mit Ning könne man relativ einfach eigene erstellen. «Wer benutzt all das?», fragt sie. «Erstaunlich viele», sagt er. Er habe jedenfalls viele alte Bekannte getroffen.

«Demnächst beginnt ein harter Kampf zwischen Facebook und StudiVZ», prophezeit der Webflaneur. Facebook habe zwar weitaus mehr Nutzer, liege aber hier zu Lande hinter dem deutschsprachigen Klon StudiVZ zurück. Für den März habe Facebook nun aber eine deutschsprachige Oberfläche angekündigt. Die StudiVZ-Macher rüsteten sich derweil für die Schlacht: Sie konzentrierten ihre Kräfte – nach einem erfolglosen Kreuzzug in internationalen Gefilden – im deutschsprachigen Stammland. Um dort die Stellung halten zu können, überarbeiteten sie die Plattform komplett und öffneten sie für externe Programmierer.  Zudem planten sie ein Angebot für diejenigen, die an keiner Uni eingeschrieben sind. Sie fragt nach dem Datenschutz. «Ein berechtigter Vorbehalt», sagt der Webflaneur. Er erzählt, wie diverse grosse Anbieter die gesammelten Daten vermarkten wollten, dann aber unter dem Druck der Nutzer klein beigeben mussten.

«Eine skurrile Welt», sagt sie. Und während sie unter die Bettdecke schlüpft, um noch einige Seiten zu lesen, fügt sie an: «Ich überlasse dich nun wieder meinen Nebenbuhlerinnen.»

Geschenke tauschen

Webflaneur am Mittwoch den 19. Dezember 2007

Screenshot Exsila.ch 

Es ist spät am Heiligen Abend. Eine Kerze nach der anderen glimmt ein letztes Mal auf, verlöscht. Der Teppich ist übersät mit Geschenkpapier. Der Webflaneur steht, eine CD in der Hand, vor der Tanne, blickt ins erwartungsvolle Gesicht des Gegenübers. Die Dissonanz der Blockflöten habe genügt, denkt er. Er lasse sich besser nicht über die erhaltene CD aus. «Thank You for the Music», trällert er sodann  – in der Hoffnung, sich mit dem überraschend vorgetragenen Musikzitat aus der misslichen Lage retten zu können. Es gelingt. Das Gegenüber strahlt.

«Eine schöne Bescherung!», wettert der Webflaneur tags darauf im Kollegenkreis. Der Spieler doppelt nach: Er bezweifle, ob seine Konsole die Games, die er gestern erhalten habe, überhaupt fresse. Und die Leseratte klaubt ein Buch aus ihrer Tasche. Bei diesem Autor holpere bereits der Klappentext, polemisiert sie. Bloss der Vierte im Bunde scheint zufrieden zu sein. Was er zu Weihnachten geschenkt erhalten habe, will der Webflaneur wissen. «Unter anderem eine DVD, die ich schon habe», antwortet der Filmfan. Tragisch sei das nicht. Er tausche sie einfach um. «Ohne Kassenzettel?», fragt die Leseratte. Er bringe Filme, Games, CDs und Bücher nicht ins Geschäft zurück, sondern tausche sie gegen Passenderes ein, sagt er – auf Websites wie Exsila, Homepaq und Dertausch oder alternativ bei den weniger bevölkerten Tradefarm und Book2book.

Wie dieser Tausch funktioniere, will die Leseratte wissen. «Ist auf deinem Buch ein Strichcode aufgedruckt?», fragt der Filmfan. Er nimmt das Notebook aus der Tasche, startet es auf, wählt sich in der Tauschbörse ein. Er tippt die Nummer ein, die unter dem Strichcode des Buches aufgedruckt ist, fragt bald darauf, wie viel das Werk denn kosten soll, übernimmt den Preis. «In wenigen Tagen ist das Buch weg», prophezeit er. Für das «getauschte» Buch kriege er Punkte gutgeschrieben. Und mit diesen dürfe sie dann ein anderes eintauschen. Den halben Weihnachtstag lang klicken sich die vier durchs Tauschangebot. Und in Zukunft werden sie selbst für die unpassendsten Geschenke aufrichtig bedanken.

Bijou im Weltkulturerbe

Webflaneur am Mittwoch den 27. Juni 2007

Screenshot Spacexchange.de

Nun kenne die Welt also auch die Farbe seiner Bettwäsche, spottet der Werber und klickt auf «nächstes Foto». Der Balkon sei ein Bijou, kommentiert er. «Ich bin mir sicher: Du wirst von Anfragen überflutet werden.» Da sei er weniger zuversichtlich, entgegnet der Webflaneur. Er könne für den Haustausch lediglich seine einfache, kleine Loge in Bern anbieten – keine Villa in einer Weltstadt. Wenigstens sei er ehrlich und deklariere dies.

Der Werber liest den Inseratetext und schüttelt den Kopf. «So klappt es nie», murmelt er. Er kapert die Tastatur. «Bijou: Maisonette-Appartement im Weltkulturerbe», tippt er. Er lobt die zentrale, aber ruhige Lage, schwärmt vom Blick auf Aare und Park. In Bern, dem «idealen» Ausgangspunkt für Reisen in Europa, «verweilt man gerne länger», schreibt er. «Knackig», sagt der Webflaneur, «aber etwas gar dick aufgetragen.» «Das tun alle», kontert der Werber.

Wie gross die Reichweite dieser Plattform sei, fragt der Werber. «Keine Ahnung», antwortet der Webflaneur. Er schalte das Inserat auf den kostenlosen Haustausch-Sites Spacexchange und Switchome. Die anderen schienen ihm etwas teuer: Beim Schweizer Ableger des Pioniers Intervac koste die Mitgliedschaft 140 Franken pro Jahr, inklusive eines Inserats im Katalog. «Für kurzfristiges Suchen bringts Print nicht», sagt der Webflaneur. Kaum günstiger seien Homelink und Haustauschferien. Tauschhaus verlange 70, B-each 60 Euro pro Jahr, Ihen 40 Dollar, Home-exchange-holidays 30 Euro.

«Du musst investieren, um zu profitieren», behauptet der Werber. Ein Entgelt sei kein Garant für einen erfolgreichen Tausch, argumentiert der Webflaneur. Die beiden diskutieren. Schliesslich einigen sie sich auf ein zusätzliches Konto bei Swapeo, wo man zwar 80 Euro bezahlt – aber erst, wenn ein Tausch zu Stande kommt. Nun ringen die beiden bloss noch um den definitiven Inseratetext, der Webflaneur und der Werber in seinem Kopf.