Zeitungsblogger am Dienstag den
2. März 2010
Der Webflaneur hört sie bereits klagen: «Was soll dieses Fenster?», werden einige Bekannte, die mit Computern wenig am Hut haben, in den kommenden Wochen wissen wollen. Sie werden ein Fenster beschreiben, das plötzlich aufpoppt und das eine Liste mit Webbrowsern beinhaltet. Der eine oder die andere wird wohl sogar die Befürchtung äussern, Opfer eines Computervirus geworden zu sein.
Der Webflaneur wird die Fragenden beruhigen. Und er wird erklären: Microsoft habe mit Windows lange ein Fast-Monopol bei Betriebssystemen gehabt. Als der Konzern mit dem System auch gleich noch den eigenen Webbrowser – den Internet Explorer – installiert habe, sei dies den Konkurrenten sauer aufgestossen: Der Softwaregigant nutze sein Monopol aus, wetterten sie. Microsoft hingegen verteidigte den Internet Explorer als integralen Bestandteil des Systems. So wogte der Streit hin und her. Schliesslich sprachen die Wettbewerbshüter der Europäischen Union ein Machtwort. Microsoft zauberte daraufhin eine andere Lösung aus dem Hut: Der Internet Explorer bleibt vorinstalliert, die Anwender können aber auf einfache Weise auswählen, welchen Browser sie nutzen möchten. Und das werde nun gemacht, wird der Webflaneur sagen: Wer Windows XP, Vista oder ein Windows 7 installiert habe, erhalte nach einem Update eine Liste mit 12 zufällig angeordneten Browsern angezeigt – vom Internet Explorer über die Konkurrenten Firefox, Opera, Safari und Chrome bis zu unbekannter Surfsoftware wie Flock, Flash Peak und dem Green Browser. Ein Klick auf das Symbol, schon werde der Webbrowser der Wahl automatisch installiert.
So wird es der Webflaneur den verunsicherten Bekannten erklären. Oder er wird ihnen diesen Text schicken.
Schlagworte: Internet, Monopol, Surfen, Webbrowser
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Zeitungsblogger am Sonntag den
7. Februar 2010
Sie will mit Mozart ans Casting. Doch die Musik sei ihr zu hoch, klagt sie. «Zu hoch im ursprünglichen Sinn des Wortes. Eine Terz tiefer läge mir besser.» Ob sich da etwas machen lasse, fragt sie. Der Webflaneur hat kein Musikgehör. Ihm mangle es an der Zeit für derartige Basteleien, sagt er. «Auch nicht gegen ein Pakerl Mozartkugeln?», fragt sie. So kompliziert könne die Transposition doch nicht sein. Am letzten ähnlichen Werk habe er lange geübt, kontert der Webflaneur. Doch dann lenkt er ein. «Ich kanns mal probieren. Es muss aber prestissimo gehen.»
Er setzt sich an den Rechner. Zuerst brauche er das Opus, murmelt er. Mozart, dessen Musik längst nicht mehr urheberrechtlich geschützt ist, sollte zu finden sein Tatsächlich: Im Mutopiaproject stöbert er das Werk aufs Geratewohl auf – in der Form von Noten, aber auch in der Form einer Midi-Datei. Damit erübrigt sich die Suche bei Cpdl.org, einem ähnlichen Archiv. Der Webflaneur lädt die Midi-Datei herunter. Nun braucht er eine Notationssoftware. Nach kurzer Suche stösst er auf Musescore.org.
Er lädt die Software herunter, installiert sie – und staunt: Vor wenigen Jahren noch hätte ein solches Programm viel Geld gekostet, nun kriegt er es umsonst. Er importiert die Midi-Datei des Mozart-Liedes. Auf dem Bildschirm erscheinen die Noten. Alles markieren, um drei Halbtöne transponieren. Ob die Tonart beim Transponieren angepasst werden solle, fragt das Programm. Ja, gerne, murmelt der Webflaneur. Ein Klick, schon ist das Werk vollbracht. Der Webflaneur hört sich das Lied an. Doch, es klingt gut. Auf die Notenbildpolitur verzichtet er. Er speichert die Partitur als PDF-Datei und schickt ihr diese – zusammen mit einer Lobeshymne auf Musescore.
Am Casting habe alles gut geklappt, erzählt sie einige Tage später. Der Pianist habe sich bedankt. Der Aufwand sei indes unnötig gewesen, habe er gesagt: Das Keyboard transponiere auf Knopfdruck automatisch.
Schlagworte: Midi, Mozart, Musescore, Musik, Notation, Noten, Partitur
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Zeitungsblogger am Dienstag den
19. Januar 2010
«Nachlesen ist Pflicht! In Grossbuchstaben schreibt nur, wer den Empfänger ANSCHREIEN will! Und Adresslisten in Massenmails gehören ins BCC-Feld!» Das hackt der Webflaneur entnervt in sein Notebook. Dann lehnt er sich zurück, atmet tief durch und schaut aus dem Fenster.
Vier Stunden zuvor: Die E-Mail ist bloss ganz kurz – und doch unverständlich. «Klar, um 5 beiir», lautet die Antwort auf die formelle Anfrage des Webflaneurs, in der er zu erfragen gedachte, ob seine Mitarbeit an einem Projekt gefragt sei. Nun sitzt er verwirrt vor dem Einzeiler. Was meint der Manager? Vermutlich wars ein Unfall: Er hat die falsche Taste erwischt und die unfertige Mail geschickt. Als keine weitere eintrifft, macht sich der Webflaneur ans Entziffern. Wollte der Manager «Klar, um fünf Uhr bei ihr» schreiben? Meinte er «Klar, um fünf Uhr bei mir»? Das muss es sein. Bloss, wo ist «bei mir»? Nach wenigen Minuten hat er es erfragt. Der Einzeiler ist entschlüsselt. Oder beinhaltet er mehr? Will der Manager, frei nach Kommunikationswissenschafter Schulz von Thun, durchblicken lassen, dass er unter Hochdruck arbeite? Demonstriert er mit der flapsigen Nachricht die Bedeutung, die er der Kommunikation mit dem Webflaneur beimisst? Versucht er implizit klarzumachen, dass er keine Zeit für Diskussionen habe? Der Webflaneur beschliesst, nur auf dem Sach-Ohr zu hören und an die Sitzung zu fahren; vermutlich wollte ihm der Manager bloss in aller Eile grünes Licht geben.
Als der Webflaneur unterwegs im Zug eine andere E-Mail erhält, in deren Adresszeile das halbe Telefonbuch steht, und dann gleich noch eine komplett in Grossbuchstaben, reisst ihm der Geduldsfaden. «Nachlesen ist Pflicht!», tippt er entnervt. In Grossbuchstaben schreibe nur, wer den Empfänger anschreie. Und Adresslisten gehörten ins BCC-Feld. Das mit dem Nachlesen gelte im Übrigen auch für alle iPhone-ianer, denkt er, während er aus dem Fenster schaut. Davor könne man sich auch mit dem Hinweis nicht drücken, dass die Botschaft von «einem Gerät ohne Tasten» komme. Nachlesen ist man den Empfängern schuldig. Schliesslich liest er seine Kolumne auch immer nachgelesen.
Schlagworte: E-Mail, Internet, Netiquette
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Zeitungsblogger am Dienstag den
5. Januar 2010
Der Webflaneur steht vor einer Prüfung. Um sie zu bestehen, muss er viel lesen. Doch was tun, wenn die Lider bleiern werden oder der Nacken schmerzt? Dann hilft bloss, die Studierstube zu verlassen, frische Luft zu schnappen, den Körper zu bewegen und den Puls hochzujagen. Doch so gut ein Jogging tut – die Zeit eilt ihm davon.
Der Webflaneur hat eine Idee: Er könnte sich den Text von einer Computerstimme vorlesen lassen, während er über Stock und Stein trabt. Alles, was er dazu benötigt, ist sein Musikplayer und ein Computerprogramm, das digitale Texte vorlesen kann. Er macht sich auf die Suche nach einer solchen Software. Sie sollte gratis sein; schliesslich ist er ein armer Student. Bald schon stösst er auf Espeak. Er installiert die Software, turnt kurz auf der Kommandozeile herum – schon spricht sein Computer. Auf Befehl speichert Espeak das Vorgelesene auch in einer Tondatei ab.
So weit, so gut. Leider versteht der Webflaneur aber kaum, was sein Computer sagt. Versucht sich da ein englischer Sprecher an einem deutschen Text? Tatsächlich tönts viel besser, nachdem der deutsche Sprecher aktiviert ist. Besser ist indes nicht gut genug: Noch immer redet der Rechner unverständlicher als ein durchschnittlicher Roboter der frühen Tonfilmzeit. Verständlicherweise, denn das Programm verfügt, wie es der Professor ausdrücken würde, bloss über einen restringierten Wortschatz. Der Webflaneur spendiert der Software eine grosse Datei aus dem Mbrola-Stimmsyntheseprojekt. Sie wirkt Wunder. Nun kopiert er die Tondatei auf seinen Musikplayer, zieht sich um und trabt los.
Zweifellos lernt er während des Testlaufs das eine oder das andere. Ganz warm wird er mit dem synthetischen Sprecher im Ohr aber nicht. Nach dem Lauf setzt sich der Webflaneur deshalb wieder hin und liest selbst weiter. Und fürs nächste Jogging kauft er sich ein Hörbuch.
Und als Zugabe: Der digitale Vorleser — digital vorgelesen
Schlagworte: Audio, Sprachsynthese, Text-to-Speech
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Zeitungsblogger am Freitag den
1. Januar 2010
Irgendwer hämmert wie wild in seinem Kopf. Der Webflaneur sinkt ermattet aufs Sofa, schliesst die Augen, massiert die Schläfen. Und er lässt die wilde Zeit der Zweinuller-Jahre Revue passieren.
Er erinnert sich, wie gespannt er vor zehn Jahren auf den letzten Glockenschlag gewartet hat. Gehen die Lichter aus? Bricht das Telefonnetz zusammen? Bleiben die Züge stehen? Doch nichts passierte. Der Jahrtausendkäfer war bereits ausgerottet worden. Oder er war ein Phantom. Die Informatikwelt drehte sich weiter – und immer schneller. Die Zukunft war das Internet. Idee um Idee wurde ausgeheckt. Für fast alles fanden sich Investoren. Die Börsianer jubilierten. Sogar der Webflaneur liess sich zum ersten Aktienkauf hinreissen. Dann platzte die Blase. Nur wenige Unternehmen sind geblieben. Eines davon ist Google, das einen guten Suchalgorithmus mit einer gewieften Werbeverbreitung koppelte, damit die anderen Suchmaschinen vergessen machte und zur dominierenden Internetfirma wurde. Ehe sie sich versah, ging es auch der Musikindustrie an den Kragen. Der Kampf gegen die Tauschbörse Napster nützte da wenig. Erst der Erfolg von Apples iTunes brachte die Musikindustrie auf bessere Ideen. Und plötzlich gings Schlag auf Schlag. Der Erfolg des Mitmachlexikons Wikipedia nötigte altehrwürdige Verlage zur Aufgabe. Die nutzergenerierten Inhalte setzten sich durch, der Ausdruck Web 2.0 machte die Runde. Wer im Netz etwas auf sich hielt, war am Bloggen oder tummelte sich auf Plattformen herum: auf Myspace etwa, Youtube, Facebook, Xing, Twitter und wie sie alle heissen. Immer stärker und immer schneller durchdrang das Internet das ganze Leben.
Vor dem geistigen Auge des Webflaneurs beginnt sich alles zu drehen. So viel in so kurzer Zeit. Kein Wunder, kriegt man davon einen Kater. Doch wie lautet die alte Säuferweisheit? Kater bekämpfe man am besten mit mehr vom gleichen? Der Webflaneur rappelt sich auf. Und er setzt sich an den Computer.
Schlagworte: Entwicklung, Geschichte, Internet, Millenium, Nullerjahre, Web 2.0
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Zeitungsblogger am Freitag den
13. November 2009
Sie legt den Laptop auf ihren Schoss. Dann klickt sie auf das Symbol mit dem runden, blauen e. Der Webflaneur, der neben ihr auf dem Sofa sitzt, ist gespannt: Wie sieht er aus, der Frauen-Webbrowser, den die Zeitschrift «Annabelle» mit Microsoft entwickelt hat? Wurde der Browser in ein hübsches Kleidchen gesteckt, um ihn optisch zur «Internet-Explorerin» aufzubretzeln? Hat diese abgerundete Fensterecken und sanft fliessende Menüs? Hat Microsoft alles nicht Nötige – auf das vorab funktionsbesessene Männer bestehen – aus den Leisten und Menüs gekippt? Konnte in empirischen Studien gar gezeigt werden, dass Frauen anders surfen als Männer – also einer Benutzerinnenoberfläche bedürfen?
«Und jetzt?», holt sie den Webflaneur jäh aus den Tagträumen zurück. «Was ist anders?» Auf den ersten Blick unterscheidet sich die «Internet-Explorerin» kaum vom normalen Browser. Erst auf den zweiten Blick entdecken die beiden drei dynamische Lesezeichen – in männlicher Terminologie Webslices genannt: Sie verlinken zu einer «Annabelle»-Kolumne, zum Horoskop und «Schnäppchen der Woche». In den Lesezeichen finden sich weitere Links, gruppiert in Bereiche wie News, Shopping, Kochen und Männersachen. Darunter sind nebst Links zu Shoppingseiten auch Verweise auf «Annabelle»- und Microsoft.
Sie schüttelt den Kopf. Damit würden Frauen für blöd verkauft, sagt sie. Und der Webflaneur sinniert, dass sich die automatische, mit zwei Neustarts aber aufwändige Installation nicht gelohnt habe. Ausser für «Annabelle» und Microsoft: Die Medien berichten über den Frauen-Webbrowser. Und dank des Browser-Gags hat die eine oder andere Frau endlich den alten Internet-Explorer – der Graus der Webentwickler – durch den aktuellen ersetzt.
Schlagworte: Frau, Internet Explorer, Surfen, Webbrowser
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Zeitungsblogger am Dienstag den
27. Oktober 2009
Der Webflaneur ist in den Ferien. Doch plötzlich ruft die Arbeit. Technisch gesehen ist dies kein Problem, denn der Webflaneur hat vorgesorgt: Er hat die nötigen Daten auf einem Speicherplatz im Internet abgelegt. Er kann also von überall, wo es einen Internetanschluss gibt, darauf zugreifen. Genau das hat er nun vor.
Er tippt seinen Nutzernamen ein und ins nächste Feld das Passwort. Doch der Speicherdienst meckert. Wahrscheinlich habe er sich vertippt, murmelt der Webflaneur und probiert es nochmals. Oder hat er das falsche Passwort genommen? Eines nach dem anderen probiert er aus. Ohne Erfolg: Was immer er tippt, der Speicherdienst lässt ihn nicht an seine Daten heran. Zurücksetzen kann er das Passwort nicht, da der Dienst dies aus Sicherheitsgründen nicht zulässt. Schliesslich bleibt dem Webflaneur keine andere Wahl, als ohne die Grundlagendaten in die Tasten zu greifen. Es geht auch so. Eines nimmt sich der Webflaneur aber vor: Vor den nächsten Ferien wird er die Passwörter in einen digitalen Tresor legen. Natürlich wird er darauf achten, dass die Daten gut verschlüsselt übertragen und gespeichert werden. Und er wird nachlesen, ob der Tresorbesitzer vertrauenswürdig ist. Einige Adressen hat er schon zur Hand: Bei Passpack könnte er die Codes einzeln eintippen. Mit Xmarks könnte er jene, die er in seinem Webbrowser abgespeichert hat, einfach mit dem Netbook synchronisieren, das er in die nächsten Ferien mitzunehmen gedenkt. Oder er könnte ein spezielles Tresorprogramm installieren, etwa jenes von Keepass.
Der Webflaneur schüttelt ob seines Passwortlapsus den Kopf. Doch dann sagt er sich, das müsse so sein: Ferien sind erst richtig Ferien, wenn man das eine oder andere Passwort vergisst.
Schlagworte: Internet, Passwort, Sicherheit, Verwaltung
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