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Fatal Familiär

Von Grazia Pergoletti am Donnerstag, den 17. Mai 2012, um 06:10 Uhr

Zum fünften und letzten Mal in dieser Saison zischt heute ein Projekt über die Startrampe des Schlachthaus Theater. Die fünf Produktionen hätten unterschiedlicher nicht sein können. Zum Abschluss ist ein Projekt von Patricia Berchtold und Sara Schürmann zu sehen, ein Wiegenlied für Erwachsene, wie es in der Ankündigung heisst.

«Schlaf, Menschlein, schlaf!» bedient sich klassischer Mittel
und setzt stark auf die beiden tollen Darsteller Christoph Keller und Fabian Guggisberg. Es ist eine Genre-Arbeit, ein Psychothriller, in dessen Zentrum ein junger Mann steht, der an einer schrecklichen Krankheit leidet: FFI (Fatal Familial Insomnia). Diese Erbkrankheit gibt es tatsächlich, wenn auch nur ganz selten, zum Glück. Wer daran leidet, kann nicht mehr schlafen und zwar monatelang, FFI ruft extreme Halluzinationan hervor und führt in jedem Fall zum Tod.



Patricia, was ist dein grösster Albtraum?

P: Nachdem ich über die Krankheit FFI gelesen habe, war mein grösster Albtraum definitiv diese nie enden wollende Schlaflosigkeit. Eine schreckliche Vorstellung, dass einem die Flucht in den Schlaf, als kurze Pause vom Leben, nicht mehr gegönnt ist. Davor war mein Albtraum wohl, morgens keinen Kaffee mehr trinken zu dürfen…

Sara, welcher Traum soll für dich im Theater in Erfüllung gehen?
S: Mein Traum ist es, durch das Theater ein Welt zu erschaffen, in die man eintauchen und für einmal dem Alltag entfliehen kann.

Patricia, wo waren für dich die grössten Unterschiede bei dieser freien Produktion im Gegensatz zu deiner Arbeit am Stadttheater?
P: Der grösste Unterschied war, dass es mein eigenes Projekt war und ich für mich rumgerannt bin oder Nachtschichten betrieben habe. Die Motivation ist dann doch eine etwas andere! Sonst habe ich, wenn ich mal den Kopf aus dem dunklen Kellerverliess gestreckt habe, keine schwerwiegenden Unterschiede feststellen können.

«Schlaf, Menschlein, schlaf!» Donnerstag bis Samstag um 20.30 Uhr und Sonntag um 18 Uhr im Keller vom Schlachthaus Theater.

Auffahren

Von Benedikt Sartorius am Mittwoch, den 16. Mai 2012, um 06:15 Uhr

Morgen Donnerstag ist bekanntlich Auffahrt – und das Basler Plattenlabel A Tree in a Field Records hat die richtige Musik, um neue Dimensionen zu erkunden:

Combineharvester: «Some Ditty, A Mountain II» // Roy & The Devil’s Motorcycle: «Getaway Blues» // Fai Baba: «Shine A Light» & «Love Sikk» // Papiro: «Negativ White 2» // Welttraumforscher: «Herzschlag Erde»

Um das zu kontern, hilft nur ein Pfarrer in Gestalt von Reverend Beat-Man und seinem Voodoo-Rhythm-Label, wo jüngst diese fromme Compilation erschienen ist:


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Ring them Bells für das grosse Label-Treffen, am Samstag im Dachstock.

Bücherkiste: Reigen

Von Roland Fischer am Dienstag, den 15. Mai 2012, um 05:00 Uhr

Am 1. Januar 1982 kurz nach Mitternacht war das Theater Basel rappelvoll. Doch man feierte nicht ausgelassen, sondern fieberte einer nächtlichen Aufführung entgegen, einer theatralen Wiederauferstehung. In der Nacht erlebte ein Stück eine zweite Uraufführung, das nach der Premiere über sechzig Jahre im literarischen Giftschrank verschlossen lag: Schnitzlers Reigen.

Es ist eine der skurrilsten Geschichten verbotener Literatur (a propos, diese Neuerscheinung sei sehr zu empfehlen), denn der Reigen ist nicht wegen unzüchtiger Worte ins Kreuzfeuer geraten, sondern wegen der berühmt gewordenen Gedankenstriche, mit denen Schnitzler seitenbreit angedeutet hat, wovon man damals nicht sprechen durfte. Das sieht dann zum Beispiel so aus:

Soldat.
Hab kein’ Angst….
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Dirne.
Auf der Bank wär’s schon besser gewesen.

Schnitzler wäre heute 150 Jahre alt geworden - den Reigen hat er vor über hundert Jahren geschrieben. Die Zahl frappiert, denn es ist ein ungemein aktuelles Buch, was die Anlage angeht: Da paaren sich zehn Leute nacheinander, immer schön weitergereicht, bis sich der Kreis am Ende wieder schliesst. Zumeist ist dieser Sex natürlich nichts besonderes, und es spielt deshalb auch eigentlich keine Rolle, ob man ihn zeigt oder nicht.

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Fleissige Prothesenbauer

Von Gisela Feuz am Montag, den 14. Mai 2012, um 12:14 Uhr

Das Orthopädie-Center an der Effingerstrasse lässt seine Prothesen offenbar von äusserst praktischen Helferchen produzieren. Unia-Regel-konform, versteht sich. Alles einwandfrei gesichert und selbst die Goofen auf den Fahrrädern tragen Helme.

Ob die flinken Arbeiterlein auch andere Dinge bauen können? Oder putzen? Und ob man die wohl mal ausleihen kann?

Kulturbeutel 20/12

Von Benedikt Sartorius am Montag, den 14. Mai 2012, um 05:04 Uhr

Frau Feuz empfiehlt:
Hören Sie doch morgen Dienstag ab 10h bei Berns alternativem Kulturradio RaBe 95,6MHz rein. KulturStattBern trifft dort nämlich auf Rundes Leder oder genauer: Frau Feuz fühlt Herrn Rrr auf den Zahn und zwar live und ungeschnitten. Am Samstag gehen Sie dann in den Dachstock. Dort laden die beiden Labels A Tree in a Field und Voodoo Rhythm zur langen Rock’n'Roll-Nacht. Mit von der Partie sind Roy and the Devil’s Motorcycle, Flimmer, Fai Baba u.v.a.

Herr Sartorius empfiehlt:
Neben dem von Frau Feuz empfohlenen Label-Battle unbedingt auch das Legenden-Konzert von Sleep am Freitag, ebenfalls im Dachstock. Bevor Sie aber dorthin gehen, besuchen Sie früher an diesem Nach-Auffahrts-Abend im Kino der Reitschule die Norient-Produktion «Sonic Traces from Switzerland». Und nicht zu vergessen: Am Mittwoch spielen solch illustre Leute wie Fred Frith, Zeena Parkins oder Shazad Ismaily unter dem Formationsnamen Cosa Brava in der Bee-Flat-Turnhalle.

Fischer empfiehlt:
Programmkino im Multipack: The Black Power Mixtape 1967–1975 und eine ganze Menge formidabler Filme mit Yves Montand derzeit im Kino Kunstmuseum, und am Mittwoch Kubricks Filmbastard Full Metal Jacket im Lichtspiel.

Gestrige, heutige, morgige Zukunft

Von Roland Fischer am Sonntag, den 13. Mai 2012, um 12:06 Uhr

Ein kurzes Wort zum gestrigen Aua-Schlussabend, der sich gut in den Sonntagmorgen zog (soviel zum Thema Gestern, Heute und Morgen). «Alte Helden rosten gut», schrieb Kollege Pauli dazu bereits auf einem anderen Kanal, während Kollegin Kretz einen neuen Vornamen verpasst bekam und Kollege und Nachtreporter Sartorius auf seinen DJ-Auftritt mit Ex-Kollegin Pergoletti wartete.

Tatsächlich hat sich da als «Die Zukunft» eine All-Star-Band aus der Vergangenheit zusammengefunden, ein Keller-Buena-Vista-Social-Club. Bernadette La Hengst, GUZ und Knarf Relloem spielten alte und neue Hits à gogo, liessen es mal rumpeln, mal krachen und hatten offensichtlich ihren Spass. Das Publikum liess sich gern anstecken und tanzte danach fröhlich weiter, bis der Veranstalter irgendwann den Stecker zog. Eine sehr gelungene Geburtstagsparty war das – wir freuen uns schon auf nächstes Jahr.

Tuckernde Brains

Von Benedikt Sartorius am Samstag, den 12. Mai 2012, um 08:40 Uhr

Heute u.a. im Programm: Meine bisherige Single des Jahres.

Diese stammt von Lower Dens, der Band um die einstige Freak-Folk-Adeptin Jana Hunter, heisst «Brains» und ist alptraumhaft, hoffnungsfroh, und grossartig tuckernd.


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Das Album «Nootropics» von Lower Dens ist in diesen Tagen erschienen und schürt die Vorfreude auf die bald anstehende Bad Bonn Kilbi, die von dieser aussergewöhnlichen Band eröffnet werden wird.

Baumelnde Seelen auf dem Vorplatz

Von Gisela Feuz am Freitag, den 11. Mai 2012, um 04:01 Uhr

Es gibt Legenden und Legenden. Die einen haben gerade Mal noch fünf Zähne im Mund, wovon vier schwarz und angefault sind, können nicht mehr singen, sondern geben eine «rather» klägliche Gestalt ab, weil sie sich nicht weiterentwickelt oder den richtigen Zeitpunkt verpasst haben, aus dem Stromgitarrenbusiness auszusteigen. Dann gibt es diejenige, die in Würde gealtert sind. Ja, die gibt es. Zu diesen gehören die Bouncing Souls, welche gestern im ISC zu Besuch waren. Zwischendurch klangs wie Bad Religion light, was ja aber grundsätzlich keine so schlechte Adresse ist. Im Gegenteil. Die Fanschaft sang inbrünstig mit und was im Anschluss auf dem Vorplatz passierte, war sowieso und überhaupt «merveilleux»!

Goran Bregovic im Kultur-Casino

Von Gisela Feuz am Donnerstag, den 10. Mai 2012, um 12:10 Uhr

Er fühle sich als «Robin Hood der Roma-Musik», antwortet Goran Bregovic offenbar immer auf den Vorwurf, er plündere das musikalische Erbe der Roma. Dass seine Lieder dann wiederum von vielen Roma-Musikanten nachgespielt werden, also die Roma quasi ihre eigenen Songs covern, verleiht dem Streit ja eine durchaus amüsante Note. Wer nun genau bei wem klaut und wem das zu Gute kommt oder auch nicht, soll hier keine Rolle spielen und spielte auch gestern Abend keine Rolle, als besagter Goran Bregovic im Kultur-Casino zum Konzert lud.

Vor Vier Jahren war Herr Bregovic am lauschigen Festi’neuch noch mit einem rund 50-köpfigen Chor und vollständigem Symphonieorchester auf der Bühne gestanden und sorgte damals mit dieser Kombination für magische, chorale Momente. Ringsherum lagen sich ausgelassen Damen und Herren aus Ex-Yugoslawien in den Armen, es wurde getanzt, geschwelgt und lauthals mitgesungen. Gestern Abend war Herr Bregovic mit gerade mal fünf Bläsern, einem Trommler und zwei bulgarischen Sängerinnen angereist, weniger ausgelassen ging es deswegen aber keinesfalls zu und her.

Vom ersten Ton mochte auf den Balkon-Rängen niemand mehr sitzen und auch die Stühle auf dem Parkett wurden im Verlauf des Konzert einer nach dem anderen überflüssig. Den lüpfigen Bläserfanfaren und dem fulminante Balkan Gipsy Brass, den Goran mit seiner Wedding & Funeral Band produziert, kann man sich tatsächlich nur schwer entziehen. So weit das Auge reichte, war wildestes Hüftschwingen angesagt. Toll war das! Nur schade gab’s an der Bar keinen Slivovitz.

Möglichkeiten sinnieren mit Peter Licht

Von Benedikt Sartorius am Donnerstag, den 10. Mai 2012, um 01:37 Uhr

Die Hornbrille im Gesicht, die Haare schütter, ein schwarzes Hemd und Jeans: So ganz und gar alltäglich sieht sie aus, die Maske des Peter Licht, die offiziell nicht abgebildet werden darf.

Mit dieser Maske ausgestattet lässt es sich natürlich prima zu einem unverfänglichen Liederabend laden, zumal die Harmonien hell glänzen, die E-Pianobegleitung unaufgeregt ausfällt und dazu meist Lichts akustische Gitarre schrummt. Genauer: Der schlagernden Verzauberung des Alltags steht im Oeuvre von Licht eigentlich nichts im Wege – wäre da nicht die gelbe Sau alias die grosse Sonne, die das ganze Geld verbrennt, dort, wo die Delfine und Adler fliegen – und wäre da nicht der ganze irrwitzige Möglichkeitssinn, der in grossen Abschweifungen durchdekliniert wird.

Zunächst wurden am Abend in der Turnhalle beinahe zu behutsam die Licht’schen Möglichkeiten abgetastet, bis der Barmann geschüttelt und mit dem Trottel getrottet wurde und der Abend befreiter weiterführte und in den grossen Hits – dem schmissig-utopischen «Sonnendeck» und dem mitsingenden Rausschmeisser, dem «Lied vom Ende des Kapitalismus» – kulminierte. Licht dozierte scheinbar unverfänglich über den Zusammenhang zwischen der Adipositas und wiederum dem Kapitalismus (beide wollen immer wachsen), das Publikum fand die Gesellschaft superb – wenn nur die ganzen Leute nicht wären – und schaute glücklich der komischen Sologitarreneinlage im «Benimmunterricht» zu.

Und als man dachte, dieser schlau unterhaltende Peter Licht, der kann einfach alles, fiel er rülpserbedingt kurzzeitig aus dem Text und überbrückte mit einer Blockflöteneinlage. Ja, auch das ist möglich in der wunderbaren Lieder-Welt dieser Person, die mit einer ganz normalen Jedermann-Maske ausgestattet ist – und die die ätzende Kritik am Geldsystem zeitweise so gut versteckt, dass sie inmitten der Wortgirlanden umso greller aufblitzen kann.

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Am Freitag und Samstag gibts im Schlachthaus Peter Lichts Stück «Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends» zu sehen.