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Archiv für die Kategorie „Klassik & Jazz“

Jahresauftakt

Ruth Kofmel am Donnerstag den 5. Januar 2012 um 05:19 Uhr

Dimlite ist ein grosser Unbekannter hierzulande und auch ein unbekannter Grosser. Seine Erfolge feiert er bis jetzt grundsätzlich aber eigentlich nicht gewollt im Ausland, angefangen in Deutschland vor fast zehn Jahren und derzeit über die europäischen Grenzen hinaus vor allem in Amerika.

Seine Musik ist und bleibt ein Nischenprodukt, weit weg von allgemein gültigen Hörgewohnheiten. Es ist Musik, die sich dem Hip Hop entsprechend alter Klangvorlagen bedient. In Dimlites Fall aber geschieht das schon lange nicht mehr in Form von Sampling, sondern durch Nachspielen und Kombinieren musikalischer Erinnerungen und Fundstücke aus der Vergangenheit.

Auf seinem letzten Werk «Grimm Reality», das er gestern in der Turnhalle getauft hat, hat er wieder vermehrt die Stimme in den Vordergrund gerückt und verläuft sich ansonsten grossartig in allen möglichen Genreanlehnungen.

Wenn Dimlite live spielt werd ich sowieso jedes mal ganz kirre vor Begeisterung, aber was gestern in der Turnhalle zu hören war, übertraf alles bisherige. Julian Sartorius begleitete Dimlites Musik auf dermassen unerhört, krass gute Art und Weise, dass es gar nicht zu fassen war.

Da haben sich zwei gefunden. Sartorius verleiht Dimlites sphärischen Höhenflügen die nötige Erdung, sorgt für einen rollenden Groove, wenn sich Dimlites Melodien übereinander schichten, oder spielt ganz einfach stabil wie nur etwas mit einem bestehenden Beat mit, um diesen zu verstärken oder zu ergänzen.

Ich war einmal mehr sehr hingerissen und es war ausgesprochen schön zu sehen, dass Bern die zwei gebührend gefeiert hat – welch ein Jahresauftakt!

Jazz per Zufall

Ruth Kofmel am Freitag den 9. Dezember 2011 um 06:12 Uhr

Dem zeitgenössischen Schweizer Jazz stolpere ich meist eher per Zufall über die Füsse und eher selten bleibe ich hängen. Ab und zu aber schon, meist weil ich die Spieler in anderen musikalischen Zusammenhängen schon gehört habe.

Aktuell aus Bern ist bei mir hängen geblieben und somit zu vermelden: Das Trio Der Wawawa hat seinen Zweitling «Lord Huhn» getauft und das geht zum hören auch für nicht spezialisierte Jazzohren tip top.

Etwas weniger eingängig und wilder, oder salopp gesagt jazziger, ist die neue Scheibe vom FM Trio namens «objects & animals». Mit dem zweiten Stück beginnen – der Rest geht dann wie von selbst.

Zombies anno 1926

Ruth Kofmel am Sonntag den 27. November 2011 um 06:11 Uhr

Es ist schon so: ein Besuch im Stadttheater ist unter Umständen für uns Steh-Konzertbesucher eine Herausforderung, weil das Pendeln zwischen Bar und Zigi ausfällt – und auch die Option, jederzeit unauffällig abzuhauen. Im Samtsessel, irgendwo in Parkettmitte war ich gestern froh, dass sich die Zappelbeine mit den Jahren etwas ausgewachsen haben. Denn Sitzleder hat es gebraucht bei der vom Symphonieorchester live vertonten Filmvorführung des Rosenkavaliers. Lohnen tat es sich aber alle mal und keinen Moment lang wollte ich gestern abhauen.

Richard Strauss, der die Musik zu dieser Oper komponierte (Libretto: Hugo von Hofmannsthal), überarbeitete die Musik fünfzehn Jahre später gleich selbst, um sie für die filmische Umsetzung unter der Regie von Robert Wiene verwendbar zu machen.

2006 wurde der Film in Zusammenarbeit von Arte und ZDF restauriert und die fehlende Schlusssequenz rekonstruiert. Bei der damaligen Ur-Aufführung war der selbe Dirigent am Werke wie gestern in Bern: Frank Strobel. Er ist ein Spezialist für Filmmusik und hat für über vierzig Stummfilme die bestehende Musik bearbeitet oder gleich neu geschrieben und zur Aufführung gebracht. Es lag also sicherlich auch an seiner Leitung, dass gestern Bild und Ton so gut harmoniert haben und die Musik tatsächlich alles mögliche erzählte und unterstrich.

Der Film ist übrigens auch bildlich beeindruckend; unglaublich, was da an Kulissen, Statisten, Kostümen etc. aufgefahren wurde. Ausserdem finde ich diese Stummfilme oft äusserst amüsant. Etwa die Anfangsszene, wo sich die Marschallin und Oktavio ein Stelldichein geben, das so dramatisch posiert ist, dass einem die heutigen Zombiefilme in den Sinn kommen: weit aufgerissene Augen, zu Klauen geformte Hände an die Brust gepresst, staksiges Vorwärts- und Rückwärtstaumeln – grossartig!

Falls Sie also heute noch keine Pläne haben: Drei Uhr, Stadttheater Bern.

Vielfältige Berner Kultur

Ruth Kofmel am Donnerstag den 17. November 2011 um 06:11 Uhr

Gestern in der Dampfzentrale fanden die Feierlichkeiten zur Vergabe des Musikpreises und des Filmpreises 2011 des Kantons Bern statt.

Es galt aber auch noch Regiepreise, Nachwuchsförderpreise und Annerkennungspreise beider Sparten an den Mann und die Frau zu bringen und so wurde der Abend unvermutet ausführlich und informativ. Ein interessanter Blick auf die vielfältige Berner Kultur, auch wenn nicht  jede Laudatio so gelungen war, wie die des Schauspielers Graham F. Valentine auf Martin Schütz (Musikpreis 2011). Fast lieber hätte man etwas weniger Reden gehört, dafür mehr Ausschnitte aus dem Musik- und Filmschaffen der Preisträger genossen.

Insgesamt leiden Preisverleihungen an einer eigenartigen Verkrampftheit. Es will nicht recht Stimmung und Freude aufkommen, erst recht nicht wird da im Vorfeld und auf der Bühne gefeiert. Aber darum ginge es doch: denen, die sich da immerzu Neues und Einzigartiges ausdenken, für einmal die Blumen um den Kopf zu schmeissen, die Champagnerkorken knallen zu lassen und ein Freudentänzchen für sie aufzuführen, auf dass sie sich weiterhin ins Zeug legen und unsereins mit Bilder und Klängen den Alltag reicher machen.

Mit den Ohren des Oehring

Christian Pauli am Mittwoch den 9. November 2011 um 11:11 Uhr

Zeitgenössische Komponisten gelten als verkopft und verschroben. Die Autobiografie von Helmut Oehring widerlegt das Klischee fundamental. Hier scheint jede Note, jedes Wort, jeder Gedanken mitten aus dem prallen und aber auch ramponierten Leben geschöpft. «Mit anderen Augen» (soeben im btb-Verlag erschienen) ist die verrückt anmutende Lebensgeschichte eines Komponisten, der, wenn es normal gegangen wäre, eines sicher nicht geworden wäre: Komponist.

Helmut Oehring stammt aus der DDR, wo er 1961 in Ost-Berlin als Sohn gehörloser Eltern geboren wurde. Sein Vater war Torhüter beim Dresdner SC und wurde in den 40er-Jahren «Grossdeutscher Meister». Sohn Helmut, benannt nach Helmut Schön, dem späteren Fussballtrainer und Freund des Vaters, lernte erst mit vier Jahren sprechen: Vorher war seine Sprache nur die Gebärdensprache. Sie sollte die Basis seiner Musik werden.

Nach der Ausbildung zum Baufacharbeiter und mehrfacher Dienstverweigerung begann Oehring – als Gitarrist und Komponist ein Autodidakt – sich die Musik der Gegenwart anzueignen: Luigi Nono, Helmut Lachenmann, Pierre Boulez, aber auch Jimi Hendrix, Frank Zappa, Freddy Mercury, Miles Davis. Heute gehört Oehring, der dem Rock’n'Roll wesensverwandter zu sein scheint als der neuen Musik, zur kulturellen Oberliga Deutschlands. Seine Werke werden an den wichtigen Festivals uraufgeführt. Seit 2005 ist Oehring Mitglied der Berliner Akademie der Künste.

Mich hat das Buch trotz seinem zuweilen etwas eigenartigen Schreibstil gepackt. Es ist die Geschichte von denkwürdigen Situationen und menschlichen Begegnungen, von historischen und kulturellen Kollisionen, und schliesslich von einem Hörenden, der von Geburt an seine Ohren seinen Eltern zur Verfügung stellen musste, und der zu einem ausufernden und wagemutigen Musiker wird. Helmut Oehring hat der zeitgenössischen Musik eine gehörige Portion Leben eingehaucht.
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Helmut Oehring wird heute Abend um 19:30 Uhr in Biel gespielt, und zwar von Studierenden des Fachbereiches «Théâtre musical» der Hochschule der Künste Bern: Burg Biel, Jakob-Rosius Strasse 16. Das Programm heisst «douleur, partir» bringt neben Oehring auch Werke von Mathieu Corajod, Wael Sami Elkholy und Hassan Taha.

Spannende Musik

Christian Pauli am Montag den 7. November 2011 um 11:54 Uhr

Müsste ich doofe Bandnamen auszeichnen, hätte Phall Fatale ein Platz ganz vorne auf sicher. Die neue Band von Schlagzeuger-Legende Fredy Studer würde aber auch in einem anderen Wettbewerb ein Kränzchen verdienen. Das doppelt doppelt besetzte Quintett macht innovative und unterhaltsame Musik zwischen Pop und Free. So gesehen und gehört gestern in der Turnhalle des Progr. Hier ein Bericht Stichworten.

Sehen: In der Mitte Fredy Studer. Grand Old Man des (Inner-)Schweizer Schlagzeugs. Links und rechts an den Kontrabässen: Daniel Sailer aus dem Bündnerland und John Edwards aus England. Vorne, auch von links nach rechts: Joy Frempong und Joana Aderi. Schwestern im Geiste. Lassen ihre Stimmen erschallen und nehmen Electronics und Sampler zur Hand.

Hören: Spannende Musik. Hervorragend und beherzt gespielt. Experimentell angehaucht. Kräftig und betörend. So macht Sonntagsabendunterhaltung Spass.

Weltniveau, sagte ein Schweizer Musiker anschliessend, aber er frage sich, warum das letzte Quäntchen zum Durchbruch fehle? Meine Meinung: Der Bandname ist zumindest nicht gerade förderlich.

Schulstunde in Neuer Musik

Christian Pauli am Samstag den 22. Oktober 2011 um 12:02 Uhr

Das Berner Symphonieorchester und das Kulturcasino sind nicht bekannt als der Ort musikalischer Revolutionen. Das was auch gestern und vorgestern nicht anders, aber es war daselbst überraschend Unerhörtes zu erleben. Das mit «Hebräische Klänge» betitelte Programm glich einer Schullektion in Sachen Neuer Musik: Luigi Nonos «Incontri» (1955), die Uraufführung von Chaya Czernowins «Zohar Iver», Joseph Tals 1. Symphonie (1952), Ernest Bloch «Schelomo» (1916) und schliesslich Arnold Schönbergs überwältigendes Holocaust-Opus «A Survivor from Warsaw» (1947) zeigten schon fast exemplarisch auf, was komponierte Musik der letzten hundert Jahr sein kann und was nicht. Die einleitenden Worte von Chefdirigent Mario Venzago taten das Übrige, um aus diesem Konzertabend eine Art Lektion zu machen.

Musik hart an der Grenze zur Stille und zum Geräusch bei Czernowins. Kompositorische Strenge und Abstraktion bei Nono (der einzige nicht-jüdische Komponist, dafür ein bekennender Kommunist). Romantisch-exotisch-expressive Schwärmereien bei Bloch. Sauberes Handwerk bei Tal. Und schliesslich die apokalyptische Minioper von Schönberg. Ja, man kann viel erleben in der Neuen Musik. Und dem Berner Symphonieorchester – und dem zugezogenen Ensemble Nickel aus Tel Aviv – darf gratuliert werden, für einmal den dafür unumgänglichen Mut bewiesen zu haben.

Da nimmt man es auch auf die leichte Schulter, wenn im Kulturcasino gemurmelt und getuschelt wird, wenn die Klänge mal ein bisschen gar schräge geraten. Und der ältere Herr gleich hinter uns, der bei jeder leisen Stelle den gleichen Dreiklang gesummt hat, passte irgendwie auch ganz gut zu diesem Ausflug in die Berner Hochkultur.

Traumhafter Abschluss

Nicolette Kretz am Montag den 19. September 2011 um 13:00 Uhr

Gestern Abend schloss das Musikfestival, von dem allgemein nur Gutes zu hören war, in der Turnhalle mit Imperial Tiger Orchestra. Davor gab es am Samstag und Sonntag einen kleinen Robert-Walser-Schwerpunkt in der Dampfzentrale. Leider habe ich hiervon nur den Schluss mit Helmut Oehrings «Gunten» gesehen. Und das hat sich wahrlich gelohnt!

Das Ensemble Phœnix Basel spielt ergänzt mit den SchauspielerInnen Silvester von Hösslin, ChrisTine Urspruch und Georg Martin Bode Walsers Tagebuchroman «Jakob von Gunten». Von Hösslin brilliert als der ungewöhnliche Titelheld. Musik und Spielebene sind auf herrliche Weise verwoben und die Musiker spielen mit und ohne Instrumente die karikaturhaften Internatsschüler des albtraumartigen Instituts Benjamenta. Eine wunderbare Flucht vor dem grauen Herbstsonntag!

Sonntagsfrühstück

Ruth Kofmel am Samstag den 17. September 2011 um 11:56 Uhr

Ausflüge in unbekannte Gebiete sind ja eigentlich immer lohnend, so auch gestern in die Orangerie Elfenau. Dort spielte das Berner Ensemble für alte Musik Die Freitagsakademie unter dem Motto «les heureux moments» Werke aus der Barockzeit, dazu tanzte Niels Badenhop die entsprechend verschnörkelten Schritte und Hüpfer.

Es wäre also an sich alles stimmig gewesen, nur konnte ich mich nicht erwehren, die ganze Zeit zu denken, dass das die perfekte Musik fürs Sonntagsfrühstück wäre und einer im historischen Kostüm, der einem den Kaffee servieren würde mit grazilen Handschlänkern allenfalls auch nicht zu verachten.

Für einen Freitagabend war es für bass- und beat-gestählte Ohren etwas wenig Input, was der Musik und dem Tanz aber keinen Abbruch tat.

Den Kopf drehen

Christian Pauli am Samstag den 10. September 2011 um 13:24 Uhr

Es ist zu vermelden auch in diesen Spalten das Musikfestival, welches am Donnerstag eröffnet wurde, und noch bis am nächsten Sonntag, 18. September dauert. Das Festival widmet sich dem Thema Flucht und spielt an 14 Orten in dieser Stadt. Gute Gelegenheit, den Kopf zu drehen und dort hin zu gehen, wo man sonst nicht ist. Ins Konservatorium zum Beispiel.

Daselbst fand gestern eine Weltpremiere statt, in der Gestalt des Ensemble Vertigos, der neuen Gruppe für Zeitgenössische Musik, entstanden und unterhalten von der Hochschule der Künste HKB. Das Ensemble Vertigo spielte vier Kompositionen, die im Auftrag des Musikfestivals entstanden sind, und sich, aha, dem Thema Flucht widmeten.

Mir gefiel Clinton Haycrafts «No Escape», ein rockiges Kammerstück für gemischtes Ensemble und Elektronik und Teresa Carrascos «Railes», eine vielstimmige, einnehmende Komposition für Mezzosoprane und Instrumentalquintett. Hier macht sich eine neue Generation von «klassischen» Musikerinnen und Musikern bemerkbar. Unverkrampft und neugierig auf der Suche nach der klingenden Gegenwart.

Wenn wir schon bei zeitgenössischer Musik sind, erlaube ich mir einen kleinen, zugegebenermassen nicht ganz uneigennütziger Ausblick in dieser Sache. Generiert vom Veranstaltungskalender der Zeitschrift «Dissonance» (unter Ort Bern eingeben):

10. September 2011, 19 Uhr
Tonus-Music Labor
48 Minutes / 48 Drummers, mit Michael Gerber, Alex Antener und Don Li
 
11. September 2011, 19:30 Uhr
Konservatorium
VERTIGO, ensemble für zeitgenössische musik der hochschule der künste bern, Stücke von Wael Sami El-Kholy, Kaspar von Grüningen, Aram Hovhannisyan und Ulrike Mayer-Spohn
 
16. September 2011, 18 Uhr
Konservatorium
Ensemble Makrokosmos “Nouveaux horizons, explorations”, Stücke von Antoine Fachard, Rajiv Satapati, Mathieu Corajod, Stefan Wirth, Xavier Dayer
 
17. September 2011, 20 Uhr
Dampfzentrale
ensemble proton bern
, Stücke von Xavier Dayer, Gabrielle Brunner und Christian Henking
 
7./8. Oktober 2011, 20 Uhr
Dampfzentrale
Festival Mikroton, mit Christian Kesten, Stephen Altoft, Robin Hayward, Johnny Chang,  Christian Kobi, Jonas Kocher, Petra Ronner, Martin Lorenz und dem Mondrian Ensemble
 
28./29./30. Oktober 2011, 20 Uhr
Münster
Festival Zoom-In, mit Thomas Ankersmit, Phil Niblock, Christian Wolfarth, Herpes Ö Deluxe, Duo Studer-Frey, Jacques Demierre