Blogs


Archiv für die Kategorie „Hip & Hop“

Thavius Beck

Ruth Kofmel am Freitag den 9. September 2011 um 16:05 Uhr

Schwierig zu entscheiden, was man bei diesem Mann erwähnen sollte. Vielleicht das: In seinen Anfängen war er als Bassist mit Saul Williams auf Tour und hat mit diesem das von mir gerne gehörte Rap-Album «The Inevitable Rise and Liberation of NiggyTardust!»  kreiert. Saul Williams wiederum kommt ja bald in den Dachstock, wie Sie hier schon lesen konnten und das ist sehr gut.

Diese Tage profiliert sich Thavius Beck vor allem als einer der raren Laptopmusiker, die nicht lediglich ihre Files runterspielen, sondern diese live per Zauberhand zu mitreissender Musik arrangieren. Man konnte sich gestern aber nicht ganz dem Verdacht erwehren, dass das zur Schaustellen seiner mit lauter leuchtenden Knöpfen bestückten Schaltzentrale etwas mit seiner Tätigkeit als Ableton live Trainer zu tun haben könnte. Aber auch wenn; das sei ihm vollkommen verziehen, gehört er doch für mich schlicht und einfach zu den besten Beatproduzenten überhaupt.

Dank gilt einmal mehr dem Rössli-Team. Sie haben definitiv eine der interessantesten Anlaufstellen für elektronische und basslastige Musik in Bern geschaffen.

Pfingst-Battle im Sous Soul

Gisela Feuz am Montag den 13. Juni 2011 um 16:33 Uhr

Gestern wurde ordentlich gepfingsttanzt im Sous Soul. Die Herren Drunky Child, Bloody Fool, Shmoozy, Drugy B und Broccoli G hatten zur lustigen DJ-Battle geladen. Gebattelt wurde dann allerdings nicht so richtig (höchstens gegen die Technik und den eigenen Zustand), sondern die Herren vergnügten sich abwechslungsweise hinter den Plattentellern. Hip Hop-Klassiker kamen dabei ebenso zum Zuge wie bauchlastiger Dancehall und zwischendurch grub Herr Broccoli gar eine wahre Euro Dance-Perle aus. Sehr überzeugend war das Spiel, bei welchem das Publikum bestimmen konnte, welcher Song als nächstes gespielt werden soll. Aufgelegt wurde dann, völlig unabhängig vom Resultat, irgendetwas. Sehr sympathisch.

Sous Soul.jpg

Pfngsten ist ja das Fest der Entsendung des heiligen Geistes und in diesem Sinne war das eine einwandfreie Pfingstparty, denn jegliche Geister, gute wie heilige, waren gestern sehr weit weg in die Ferien geschickt worden. Mindestens bis ins Wallis.

R.I.P. Gil Scott-Heron

Manuel Gnos am Samstag den 28. Mai 2011 um 11:05 Uhr

Wir unterbrechen an dieser Stelle das Kilbi-Programm mit einer sehr traurigen Meldung aus der Musikwelt.

Der Musiker, Poet, Soulgigant und Politaktivist Gil Scott-Heron ist gestern Freitag im Alter von 62 Jahren in einem New Yorker Spital gestorben. Er, der nicht ganz ohne Einfluss auf die Entstehung der Rap-Musik war, sich aber gegen den Titel «Godfather of Rap» wehrte, hatte letztes Jahr nach jahrelanger Abwesenheit mit «I’m New Here» ein versöhnliches, verstörendes, aufbrausendes und herzendes Comeback-Album hervorgebracht.

Ich selbst bin erst spät durch eine politische Radiosendung in den USA auf Mister Scott-Heron aufmerksam geworden: «The Revolution Will Not Be Televised» hiess der Song, der während einer Sendung zur Rolle des Fernsehens im Wahlkampf zwischen Obama und McCain ausgestrahlt wurde. Hier zum Gedenken dieser grosse Song, der eine Mischung aus Gedicht, Soul und Sprechgesang ist:

Ruhen Sie in Frieden, Mister Scott-Heron. Oder wie es Ahmir Questlove Thompson von den Roots twitterte: «Damn Gil. Rip!»

Bücherkiste: Jay-Z

Benedikt Sartorius am Freitag den 15. April 2011 um 06:04 Uhr

In den vergangenen Wochen und grad auch gestern wieder wurden in Bern von Afrika Bambaata, Beans, Grandmaster Flash und dem Wu-Tang-Gründer GZA einige gewichtige Kapitel der Hip-Hop-Geschichte erzählt. Unsereiner hat derweil wegen eingeschränkter Konzerttauglichkeit eine andere Rap-Meistererzählung gelesen.

Jay-Z dekodiert«“DECODED” is a book like no other», prangt hinten auf dem Buch, das die Autobiografie des millionenschweren Rap-Superstars und ewigen New-Yorker-Hustlers Jay-Z enthält. Aufgewachsen in den Sozialsiedlungen in Brooklyn, lernte Jay-Z alias Shawn Carter via dem Crack-Deal in den Spätachtzigern das Hard Knock Life kennen, adaptierte die Lektionen von der Strasse für seine unwiderstehliche Hitfabrik und geizt dank diesen Erfahrungen nicht mit Ratschlägen an seine Jüngerschaft.

Die persönliche Erzählung, die auch die amerikanischen Traumas – Katrina, der Irak-Krieg und der immer noch währende Rassismus – und die aufkeimenden Hoffnungen mit der Wahl Obamas behandelt, ist dabei nur ein Teil des Buches, liegt doch das Gewicht von «Decoded» auf der grafischen Inszenierung: Diese beginnt beim Andy-Warhol-Cover und führt zu kunstvollen Abbildungen von schwarzen Ikonen wie Malcolm X, Muhammad Ali, Michael Jordan, Notorious B.I.G. oder Jean-Michel Basquiat. Die Helden säumen auch die Rap-Lyrics, die der Autor – geboren am 4. Dezember 1969 – selber mit erkärenden Fussnoten anreichert und nicht selten die trickreiche Raffinesse seines Werkes hervorstreicht.

Ob all der schönen Gestaltung fragte denn der «Guardian», ob wir «a coffee table book deconstructing the words of Jay-Z» wirklich benötigen – und stellte damit eine falsche Frage: Das Buch dekodiert natürlich kaum, sondern inszeniert den Künstler Jay-Z aus der markierten Art-Director-Perspektive von Shawn Carter, der hier seine Rap-Bildungserzählung für ein grosses Publikum ins Scheinwerferlicht rückt.

Soul ist nicht einfach schön

Roland Fischer am Freitag den 8. April 2011 um 05:25 Uhr

Vor drei Tagen war Aloe Blacc in Zürich zu Gast – im edlen Kaufleuten. Gestern dann der Berner Auftritt – im Dachstock der Reitschule. Irgendwie ist das sehr bezeichnend für diesen Mann, dieses Pendeln zwischen Schickimicki und alternativer Szene. Bitte um Korrektur, wenn ich falsch liege – aber gestern hat die Reitschule glaube ich eine spezielle Premiere erlebt: Wann hat vorher schon mal ein Top-Ten-Hitparadenstar im Outlaw-Kulturort Halt gemacht?

Nun, nichts gegen die Aufweichung im Grunde sinnloser Kategorien. Gestern wurde man aber doch den Eindruck nicht los, dass ein Hit eben doch ein Hit eben ein Hit ist. Und ein Künstler eben nicht gleichzeitig Chartsound und ehrliche, unter die Haut gehende Musik machen kann – zumindest nicht, wenn es um Soul geht. Aloe Blacc macht zwar allerlei Anleihen bei den grossen Alten des Genres, aber irgendwie ist das dann doch zu blank poliert, zu säuselnd – zu schön, um es abkupfernd (beim Kollegen der NZZ) zu sagen: «Einfach schön» fand dieser das Konzert am Dienstag – und meinte das weniger nett als es zunächst klingen mag. Denn Soul war mal viel mehr als einfach schön, er war durchzogen von Elend, von Hass auf unhaltbare Zustände, von Verzweiflung – sei es emotionaler oder politischer Art.

aloe blacc_dachstock

Davon war gestern im ausverkauften und sehr sommerlich gestimmten Dachstock nicht viel zu spüren. Ausser vielleicht beim grossen Hit, «I need a dollar», der auf diese unnachahmliche alte Soul-Art zwischen Tanzfläche und tiefem Herzensgrund pendelt. Da ist er nah dran an den Vorbildern, der neue Soul-Man der Stunde. Beim Rest des Repertoires orientierte er sich dann leider mehr an den aktuellen Starlets als an den alten Stars. Solide Show, aber ein wenig mehr Dreck, wie man hierzulande sagt, hätte dem Ganzen gut getan.

Die KSB-Jukebox 2010

Benedikt Sartorius am Mittwoch den 22. Dezember 2010 um 06:00 Uhr

Christian Marclays Platten im PS1

Wiederum gilt (siehe hier und hier): Das Jahr ist fast zu Ende, der Plattenschrank längst aufgeräumt, der persönliche Favorit erkoren und die wertvollsten Lieder auf einem Tonträger verewigt. Kurz, es ist wieder Zeit für die Jahresfavoritenmusik der KSB-Redaktion:

Herr Sartorius: Deerhunter – Halcyon Digest
Anfangs Dezember fragte ich hier: Was ist eigentlich aus der «komischen alten Rockmusik» geworden? Deerhunter zeigten in diesem Jahr einmal mehr auf, wie sorgfältig und reizvoll und – trotz allen Verweisen auf die Musikgeschichte – originell Gitarrenmusik fernab von übercoolen Indiecodes gefertigt werden kann. «Halcyon Digest» ist eine Platte, auf die ich mich so sehr freute und die noch viel schöner und bewegender und geschlossener als erhofft ausgefallen ist.

Signora Pergoletti: Vampire Weekend – Contra

Was hätte ich ohne diese Platte gemacht dieses Jahr? Wahrscheinlich dasselbe wie jetzt auch, bloss wäre mir so manches wesentlich schwerer gefallen. Vampire Weekend aus New York (ich sage zwar jedesmal: «Aus England!», worauf mein Freund: «Nein, aus New York!» und so weiter) haben 2010 mit «Contra» ein Album abgeliefert, das tatsächlich noch besser ist, als der Vorgänger. Und wieder eines, das sich schwerlich nur durch einen Song erschliessen lässt – die gesamte Komposition ist der Clou. Kunsthochschulindiepop at its very best, wer They Might Be Giants liebte, wird hier glücklich. Leute, die ich gerne kennenlernen würde.

Frau Feuz: Broken Bells – Broken Bells
Broken Bells ist ein Projekt von Musiker und Produzent Brian Burton (ja genau, Danger Mouse, und ja genau, wo hat der eigentlich seine Finger nicht drin?) und James Mercer dem Sänger von The Shins. Eine wunderbare Platte haben die beiden da gebastelt, auf welcher die Danger-Mouse-Handschrift unverkennbar ist. Von subtiler Psycho-Orgel über Mariachi-Trompeten bis hin zu schwebenden Männerchören und wunderbar melancholischen Pop-Melodien wurde alles eingebaut, was das Indie-Herz begehrt. Und zum Glück lassen sich Afro-Elemente auf der Platte vergeblich suchen. Not my cup of tea!

Fischer: Verena von Horsten – Mother Tongue
An neuen Frauenstimmen ist derzeit wahrlich kein Mangel in der Schweiz. Eine aber stach dieses Jahr heraus, weil sie offensichtlich kein bisschen Lust hat, zum neuen Frölleinwunder zu werden. Verena von Horsten geht die Songwriter-Sache lieber ziemlich rockig – und ziemlich rotzig an. Ihr Debut «Mother Tongue» ist ein wunderbar rohes Stück Musik, dreckig arrangiert, laut wo es sein und leise wo es nicht sein muss. Dazu sehr gradlinige und unverschämte Texte – das kannte man so noch kaum in der Schweiz. Von der frechen Zürcherin wird man noch hören, würd ich sagen.

Herr Gnos: Peter Wolf Crier – Inter-Be
Wie jedes Jahr hab ich überhaupt keinen Überblick, welche Musik in diesem Jahr zu mir gestossen ist – und welche davon in diesem Jahr veröffentlicht wurde. Vorab gibt es aber immerhin zwei erstaunliche Entwicklungen zu vermelden, die ich im 2010 verorten kann: Erstens habe ich spätestens seit «Lennon NYC» beim Erklingen eines Beatles-Songs keinen unmittelbaren Fluchtreflex mehr. Und zweitens ist mir mit «Homerekords» zum ersten Mal überhaupt ein Züri-West-Album ein wenig ans Herzen gewachsen. Item, gegen «Inter-Be» von Peter Wolf Crier kommen da aber beide Ereignisse nicht heran. Derart subversiv war Falsett-Gesang schon lange nicht mehr. Polternder Keller-Folk wie er eigentlich nur in Minnesota entstehen kann. Ich bin entzückt, immer und immer wieder!

Audio clip: Adobe Flash Player (version 9 or above) is required to play this audio clip. Download the latest version here. You also need to have JavaScript enabled in your browser.

Frau Kretz: Nadja Zela – Ciao Amore
Auch ich habe ein Schweizer Frauenwunder für mich entdeckt, und zwar die wunderbare Nadja Zela aus Zürich. Ein faszinierend vielfältiges Album, das vor allem wegen Zelas wandelbarer Stimme und der lakonischen Melancholie der Texte extrem Spass macht. «Musik, die einem das Leben rettet,» wie Herr Gnos hier treffend beschrieb. Und auch live ist Frau Zela ein ganz grosser Genuss!

Herr Pauli: Mutter – Trinken Singen Schiessen
Vieles Zeugs, das ich mir heuer angeschafft oder auch nur angehört habe, ist gar nicht in diesem Jahr erschienen. Meine Hörentwicklung wuchert vor sich hin, und hat mit Aktualität fast gar nichts mehr zu tun. Trotzdem: Sehr gut gefallen hat mir «Hidden» von These New Puritans – live und auf Platte überzeugte mich die kraftvolle und zugleich schwärmerische Mischung zwischen New Wave und neuer Musik. Und trotzdem gebe ich meine Stimme Mutter, der Berliner Band, die den Hamburger Diskurspop seit 1986 brachial kontrastiert, und mir mit dem neuen Album «Trinken Singen Schiessen» erstaunlich wohlklingende Songs und eindringliche Texte unter den Tannenbaum gelegt hat.

Plattenkiste Vol. 22: Vermischtes II

Benedikt Sartorius am Dienstag den 21. Dezember 2010 um 06:14 Uhr

Die eventuell letzte Plattenkiste des Jahres 2010 beschäftigt sich u.a. kurz mit Veröffentlichungen aus den honorigen Plattenhäusern Honest Jon’s und Crammed und führt vom afrikanischen Kontinent via den euro-amerikanischen Fleischwolf ins Weltall.

PlattenkisteVerschüttet sind die Spuren der Musiken, die «Something Is Wrong – Vintage Recordings from East Africa» versammelt. Nur so viel ist klar: Die 35 Aufnahmen, die zwischen 1934 und 1957 entstanden sind, waren für ein heimisches Publikum und nicht für die kolonialen Herrschaften gedacht. Vielfach codiert, begleiten sich die Sänger meist minimal mit Leier, Akkordeon oder Gitarre. Gingen andere Honest-Jon’s-Veröffentlichungen dem Fortwirken amerikanischer Musiken in Afrika nach – beispielsweise des Calypso –, erscheint die hier versammelte Musik abgesehen von einigen Ausnahmen noch fernab von jeglichen überseeischen Einflüssen.

Gut sechzig Jahre nach den jüngsten Aufnahmen auf «Something Is Wrong» traf der belgische Produzent Vincent Kenis in Kinshasa auf die verzerrenden Daumenklavierspieler von Konono No1 und damit auf eine Klangwelt, die ohne die hinterlassenen Elektronikgeräte der belgischen Kolonialisten nie möglich gewesen wäre – und die natürlich wider die Regeln eingesetzt wurden. Nun, sechs Jahre nach der ersten «Congotronics»-Veröffentlichung, ist, wie bereits erwähnt, die Remix und Neuinterpretations-CD «Tradi-Mods vs. Rockers» erschienen, die nun weitere Publikumskreise zieht – gefiltert und vermengt mit den Sounds einer hiesigen, sehr heterogenen Sechsundzwanziger-Musikerschar.

Herausragend sind etwa die New Yorker Skeletons, die vor zwei Jahren beim Ear We Are Festival in Biel gastierten und sich nun mit der Neuinterpretation dieses glücksspendenden und übersteuerten Tracks bei mir festschreiben, wie auch der momentan in Berlin weilende, beängstigende Elektronikkünstler Shackleton. Seine ebenfalls neue «Fabric»-Folge ist hier nachzuhören – und Shackleton ist auch mit einem Track auf der letzten CD für heute vertreten.

(weiterlesen…)

«D’Possi isch im Huus»

Gisela Feuz am Montag den 20. Dezember 2010 um 12:33 Uhr

Wenn auf der Bühne zwei gestandene Mannen pubertäre Unflätigkeiten von sich geben, das Publikum mit «ihr Vollwäiche» und «Mammelifigger» beschimpfen und besagtes Publikum trotzdem in Scharen aufmarschiert und jeden Text Wort für Wort in breitestem Baseldeutsch mitsprechen kann, dann ist Allschwil Posse im Hause. So passiert am Samstag in der Biomill in Laufen. Grösstmögliches Kino haben die Herren VR Horny und Folio da veranstaltet, RESPEKT! ….. bloss das von wegen «Fraue über zwanzig schmecke ranzig» müsste mal dann vielleicht doch noch mal diskutieren.

VR Horny

VR Horny

Glücklicher Tricky

Benedikt Sartorius am Freitag den 26. November 2010 um 06:49 Uhr

Die persönliche Konzertvorbereitung war gewissenhafter denn je: Man brachte sich durch das wiederum von Klaus Walter gelieferte Referenzwerk, an das Adrian Thaws alias Tricky auf seinem neusten Album «Mixed Race» anknüpft, in Vorfreude für das Konzert im Bierhübeli, hörte sich Dancehallvorlagen an, die das Ghettokid aus Knowle West, Bristol, benützt und wollte eigentlich an dieser Stelle berichten vom konzertanten Umgang Trickys mit seinen kulturellen Wurzeln. Allein, man wählte die falsche Vorbereitung und verdrängte das Rockelement, das seine Konzerte regelmässig bestimmt.

Tricky auf dem Gurten 2009, Foto: Beat SchertenleibDas wurde nach kurzer Konzertdauer klar, als Tricky – wie immer dem Körperkult frönend und zu Beginn kaum ausgeleuchtet – eine ganze Meute an tanzenden Leuten auf die Bühne bat, den Lichttechniker um mehr Licht bat, dem Publikum mitteilte, es solle nicht so «swiss» sein – und seine rockige und leider nicht rockende Band mitsamt einer blassen Sängerin Motörheads «Ace of Spades» hinschmetterte. Das Sinistre, das Trickys auszeichnet, war damit erst einmal entschwunden, und der Auftritt brauchte seine Zeit, genauer, bis zu den Wummer- und Pochtönen von «Vent» und den mantrahaften Zeilen «Can hardly breath», um abseits der so reizvollen Verweigerungs-Bühnenfigur wieder an Reiz zu gewinnen.

Nach dem Konzert war Tricky an der Bierhübeli-Bar anzutreffen, wie er sich trefflich unterhielt und von der Besucherschaft fotografieren und umarmen liess. Der einstige Prinz der Dunkelheit wirkte, ja, sichtlich glücklich.

Mach mau Räp, Mann!

Manuel Gnos am Sonntag den 31. Oktober 2010 um 11:55 Uhr

Im Hinterkopf des Schreibenden hatte sich tatsächlich so etwas wie Furcht eingenistet, oder zumindest ein deutlich spürbarer Zweifel: Sollte er wirklich an ein ausverkauftes Rapkonzert im Dachstock gehen, fragte er sich, als er das Haus verliess und sich in Richtung Schützenmatte aufmachte. Das Reissen war tatsächlich recht gering in diesem Moment. Doch schliesslich ging es hier um die Taufe des dritten Baze-Albums, über das in den letzten Tagen und Wochen derart viel Gutes zu hören und zu lesen war.

Also doch hin. – Und es hätte sich nicht mehr lohnen können als gestern! Was dieser Sprechsänger auf die Bühne bringt, ist schon allerhand. Angefangen zum Beispiel mit diesem Intro seines Keyboarders, der synthetische Klavier- und Streichersätze ausschweifend ineinander verwob, was meinen Nebenmann zum Skandieren des titelgebenden Satzes veranlasste.

Baze - Plattentaufe im Dachstock der Reitschule Bern. (Bild: Manuel Gnos)

Baze - Plattentaufe im Dachstock der Reitschule Bern. (Bild: Manuel Gnos)

Dann kamen dieser Basil Anliker alias Baze und der Rest der Band auf die Bühne: Insgesamt vier smarte junge Herren, in Hemden gekleidet, Baze gar noch mit Anzugjacke. Und sie spielten als erstes gleich «D’Party isch vrbi». Und es wurde tatsächlich keine dieser angestrengt auf Spass und Unterhaltung getrimmte Nacht.

Die Mischung auf der Bühne war vollkommen: ein funky Schlagzeug, eine dezent eingesetzte Rockgitarre und die synthetischen Bässe kombiniert mit elektronischem Geflirre aus dem Keyboard. Da hat sich einer musikalisch etwas überlegt und nicht einfach einen Boden für seine Reime gesucht.

Überzeugend auch wie sich Baze zwischen den Songs ans Publikum wendet, oft eine Person in den vorderen Reihen direkt anspricht und zum Beispiel einen Joint zurückweist: «Nein Danke! Ich kiffe nicht mehr.» Später erzählt er die Geschichte, wie er zu seinem Hemd gekommen ist, das seiner Freundin – weil rosa – «etwas zu homo ist»: «Aber hey, richtige Männer müssen auch rosa tragen können!»

Anyway, mich hat die Sache derart überzeugt, dass ich mir (zum ersten Mal seit Big Zis’ «Und jetz… was hät das mit mir z tue?») ein Hiphop-Album in Ruhe zu Hause anhören werde.