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Archiv für die Kategorie „Hin & Weg“

Sendschreiben aus Neapel: Untergrund

Roland Fischer am Sonntag den 26. Februar 2012 um 05:29 Uhr

Neapel hat ein ziemlich seltsames Verkehrsnetz. Metrolinien, die den Namen verdienen, gibt es genau zwei, die 1 (die ist ziemlich lang und fährt sogar so etwas wie einen grossen Kehrtunnel, aber am Hauptbahnhof und überhaupt im Stadtzentrum kommt sie nicht vorbei) und die 6 (die ist ziemlich kurz und irgendwo im Westen, kein Mensch weiss genau wo). Dann gibt es noch die 2, die hält auch am Hauptbahnhof, aber die ist eigentlich ein Vorortszug, der halt häufig im Tunnel fährt.

Dann gibt es noch drei Standseilbahnen, die oben auf dem Hügel alle am selben Ort ankommen, und sogar eine einsame Trolleybuslinie.
Was das mit Kultur zu tun hat? Das merkt man am besten, wenn man die Cumana nimmt, im mitten im Gewühl gelegenen alten Bahnhof Montesanto, der, wie viele andere Stationen, in den letzten Jahren für ziemlich viel Geld aufgehübscht worden ist, unter anderem auch mit Kunst. Die Züge dagegen sehen alle etwa so aus:

Es gibt hier eine sehr lebendige (und zumeist, aber nicht nur, auch sehr oldschoolige) Graffiti-Szene, über die ich in einem sehenswerten Dokfilm einiges erfahren habe. Sehr hübsch beispielsweise die Szene, als der Putzkolonnenchef durchrechnet, wie viele Züge sie pro Woche wieder sauber bekommen und wie viele neue inzwischen besprayt werden. Und wie dann noch einer der Saubermänner erzählt, wie er manchmal abends in der Bar Freunde trifft, die zur Sprayerszene gehören. Und wie sie dann zusammen lachten, wenn er von der Arbeit erzählt.

Aber im Ernst, die Züge sind allerdings in ziemlich lausigem Zustand und bleiben auch entsprechend häufig liegen. Das hat mir eine Neapolitanerin auf der «Metro Art Tour» erzählt, mit dieser hier sehr typischen Balance aus Entrüstung und Achselzucken. Die Kunstführung durch die Metrostationen ist eine sehr seltsame Sache, diesbezüglich. Während nämlich die Infrastruktur bröckelt, wird bei der Deko so richtig geklotzt, auch mit berühmten Namen. Höhepunkt ist der unlängst eröffnete Süsswarenladen «Università». Das Geld kommt aus europäischen Sondertöpfen, und das Resultat wird auch in bester Stadtmarketingmanier ausgeschlachtet, aber die Neapolitaner, die wären einfach froh, wenn der ÖV richtig funktionieren würde.

Sendschreiben aus Neapel: Italienischer Fado

Roland Fischer am Freitag den 17. Februar 2012 um 05:00 Uhr

Es ist ja eine Binsenwahrheit, dass das Fernsehprogramm in Italien zu wünschen übrig lässt – wer etwas gegen unsere privaten Sender hat, der soll mal die öffentlich-rechtlichen unserer Südnachbarn einschalten. So richtig lustig wird’s aber erst, wenn man die Lokalsender mit zur Auswahl hat. Da bekommt man die Volksseele dann so ungefiltert um die Ohren gehauen, dass man vielleicht lieber Kulturatheist wird. Aber so einfach umschalten kann man halt auch nicht, wenn solcherlei geboten wird:

Wenn man neapolitanische Freunde auf das lokale Liedgut anspricht, auf derlei TV-Erlebnisse verweisend, dann reagieren die eher genervt. Da trifft man nämlich den Musikantenknochen, sozusagen. Das «echte» neapolitanische Liedgut hat mit gefühligem Schlagergeträller tatsächlich nicht viel zu tun, habe ich hier gelernt. Da geht es mehr um raffinierte Texte und ein erstaunlich zurückhaltend intoniertes Leiden und Sehnen. Erinnert sehr an Fado, in meinen Ohren (hier die Expertenmeinung dazu). Kontrastprogramm also, wunderschönes:

Aber nun, heute tönt es in Neapel natürlich ganz anders. Und so kommt auch ein eher zweifelhafter Schweizer Kulturexport in diesen Tagen zu einem gross beworbenen Auftritt. Und schon vor gut vierzig Jahren stellte man sich den Klang von Neapel ganz anders, das heisst sehr folkloristisch, vor – hierzulande zumindest. Das Sehnen immerhin, das hatten die Neapolitaner da noch: «Zu Rosita sagte er: “Nimm’s nicht so schwer”. Und in seinem Fischerboot fuhr er dann ins Morgenrot»

Sendschreiben aus Neapel: Ciao Al!

Roland Fischer am Mittwoch den 8. Februar 2012 um 05:42 Uhr

Wir kennen das ja in Bern – Stadtpräsidenten mit Sendungsbewusstsein. Gegen den Showmann Luigi De Magistris nehmen sich Tschäppäts Auftritte allerdings geradezu blass aus. Der Sindaco von Neapel greift schon mal zur grossen Youtube-Keule, um seiner Stadt zu ein wenig Aufmerksamkeit zu verhelfen. Neapel hat zwar gleich zwei Filmfestivals (das grössere von beiden findet allerdings dummerweise in Florida statt), doch mit Venedig oder Rom kann man sich natürlich nicht messen.

Wäre aber doch schön, mal eine grosse Premierenkiste aufzutun, hat man sich im Palazzo San Giacomo wohl gedacht, und gleich mal eine hochoffizelle Anfrage an Al Pacino ins weite Web hinausgeschickt:

Aber was hat De Magistris wohl mit den nach Norden gerichteten Augen gemeint? Dass die Jungen mit vernünftiger Ausbildung zwar im Herzen Neapolitaner bleiben, früher oder später aber samt und sonders in den Norden abwandern, wo es noch Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt gibt? Al Pacino hat übrigens prompt geantwortet, allerdings klang das insofern fast schon ein wenig sarkastisch: «Napoli erinnert mich an die Bronx, wo ich aufgewachsen bin. Ich tue gern etwas für die Jugend der Stadt.» Grazie, Al!

Unterdruck in Darmstadt

Nicolette Kretz am Mittwoch den 1. Februar 2012 um 06:09 Uhr

Ich hatte bis vor kurzem ein gespaltenes Verhältnis zu PeterLicht. Einerseits verehrte ich seine Musik und Texte als wahrscheinlich das Beste – oder zumindest das schlauste, was es auf dem deutschen Markt gibt. Andererseits machen mich so Ich-zeig-mich-nicht-vor-der-Kamera-Macken immer ziemlich misstrauisch. PeterLicht lässt sich weder fotografieren noch filmen. Selbst als 2007 er beim Bachmann-Preis las, durfte er höchstens von hinten gefilmt werden. Seit ich vor zehn Tagen in Darmstadt am Konzert war, hat sich das aber endlich eingerenkt. Ich kann berichten, dass PeterLicht weder besonders eitel noch besonders hässlich noch (was meine grösste Befürchtung war) wie ein Clown aussieht. Ehrlich gesagt, sieht er überhaupt nicht besonders aus.

Seine neuste CD «Das Ende der Beschwerde» ist wieder ein Wunderwerk der lässigen Kapitalismuskritik. Bei jedem Hören entdeckt man neue Lieblingszeilen, von denen man sich vornimmt, sie bei nächster Gelegenheit in einer Dissertation oder einer Todesanzeige zu zitieren: «Du blickst in die Herde und wartest auf das Ende der Beschwerde und denkst Dir: Gesellschaft ist toll, wenn nur alle die Leute nicht wärn!» Alles immer sehr heiter und schmissig, oder zwischendurch auch mal ein bisschen böse, was ein bisschen nach Goldenen Zitronen klingt, z.B. im «Fluchtstück» oder beim Opener «Sag mir, wo ich beginnen soll». Doch bei allem gesellschaftskritisch-philosophischen Überbau können PeterLicht und seine formidable Band auch einfach mal nur beweisen, das Romantik auch originell geht.

Davon kann man sich diesen Samstag im Palace St. Gallen überzeugen. Ich kann das Reisli nur empfehlen! Zwischen den Songs liest der Herr einige Texte, z.B. über die Wichtigkeit von Unterdruck – im Leben allgemein und bei Rückführen von Zahnpasta in die Tube im Besonderen. Highlights wie das schon etwas ältere, fröhliche «Safarinachmittag» erfreuen einen ebenso wie die Tatsache, dass PeterLicht exakt im richtigen Mass auf der Bühne rumalbert. Man verlässt das Konzert mit einem warmen Gefühl und geht auf der Stelle seine Altersvorsorgeaufwendungen in der Luft bestatten.

Ein königliches Silvesterfest

Gisela Feuz am Sonntag den 1. Januar 2012 um 15:35 Uhr

Wer gestern am «Spiel Mit Uns» in den Vidmarhallen das neue Jahr feierte, bekam allerlei Buntes zu sehen. Die Stadttheater-Spielstätte war kurzerhand zum Schloss Sanssouci umgewandelt worden und die Belegschaft gab die bleich gepuderte Rokoko-Noblesse.

Die Vidmarhallen sind wirklich der perfekte Ort für einen Anlass dieser Art. Zwei «Ballsäle» luden zum munteren Tanz auf dem Parkett, wobei die Herren El Tigre und El Mensajero (Capital Soul Sinners) mit ihren alten Soul-Nummern die müden Knochen erst mal ordentlich in Fahrt brachten. Copy und Paste machten dann im Anschluss nicht nur mit ihrem wilden Elektro-Trash Freude, sondern auch mit ihrer Lichtshow.

Der lange Gang zwischen den beiden Tanz-Parketten bot mit seiner Chillout-Bar derweilen gute Gelegenheit, auch mal eine Verschnaufpause einzulegen, bevor es dann auf dem LeBeizli-Floor tanztechnisch wieder ordentlich zur Sache ging. Zwei Herren namens Markj und Turf bedienten dort die Plattenteller, wobei sie einen vergnüglichen Musikmix hinlegten und ohne mit der Wimper zu zucken auch mal Metallica auf Russendisko spielten.

Ein schönes königliches Silvesterfest war das, auch wenn man sich in den frühen Morgenstunden am Ping-Pong-Tisch ja dann doch noch ordentlich zur Hofnärrin machte.

«Wehmüetig u Wüetig»

Gisela Feuz am Donnerstag den 29. Dezember 2011 um 15:03 Uhr

Am Anfang sei man froh gewesen, wenn 20 Nasen gekommen seien und man von der Gage am Schluss das Taxi habe bezahlen können, so Herr Baze gestern im Sous Soul. Heute, also 6 Jahre und über 600 Songs später, sind die Tequila Boys um einiges professioneller unterwegs, ja, können mittlerweile sogar richtig gut singen und spielen Monat für Monat vor ausverkauften Rängen. Von Heavy Metal über Schlager bis Eurodance haben sich die Herren durch alle Hits gespielt, welche die Musikgeschichte zu bieten hat, standen dabei als Cowboys, Nonnen, Hippies, Fussballer und weiss der Geier was sonst noch alles auf der Bühne und gehörten praktisch zum Sous Soul-Mobiliar.

Das Sous Soul schliesst ja nun auf Ende Jahr bekanntlich seine Pforten, aber zumindest die Schnapsdrosseln vom Dienst bleiben uns erhalten. Am 1. März geht es mit gleichem Konzept in einem anderen Berner Club weiter, wo genau, soll hier noch nicht verraten werden. Ja, anders werde es bestimmt werden. Schliesslich sei das Sous Soul wie zu ihrem zweiten Wohnzimmer geworden, meint ein betrübter Herr Tevfik und Herr Eti erklärt später auf der Bühne: «Mir si Tequila Boys, wehmüetig u wüetig.»

Wehmütig wurde man gestern tatsächlich, wenn man daran dachte, dass am Samstag Schluss sein soll. Das Sous Soul gehört zu den sympathischsten Clubs in der Berner Szenen-Landschaft, stets wurde man dort freundlich empfangen, viele gute Konzerte hat man sich im Verlauf der Jahre dort anhören können und hat viele lustige Stunden in diesem Keller verbracht, den man oft erst im Morgengrauen verliess. Traurig ist das ganze und so recht verstehen kann man es nicht. Oder um es in den Worten von Mani Matter auszudrücken: «Teil Lüt, me set se strafe, verschliesse ds’Härz für d’Kunscht. Sie wei geng nume schlafe und hei ke Sinn für Brunscht.»

Adieu Sous Soul, wir werden dich schmerzlich vermissen!

Heute und morgen bietet sich die letzte Gelegenheit, dem Sous Soul noch einmal die Ehre zu erweisen. Heute sorgen die Tequila Boys für Unterhaltung, morgen werden dies im Rahmen der Finissage die DJs Ramax, Captain Zissou, Boba Fett, Diferenz, Terry L Torokoff u.v.a. tun.

Atlantis im Dead End

Gisela Feuz am Sonntag den 4. Dezember 2011 um 06:40 Uhr

Atlantis-Disko im Dead End, 6:02h

Kunstanarchist & Menschenforscher

Christian Pauli am Freitag den 2. Dezember 2011 um 13:18 Uhr

Just während Bone 14 ist gestern Donnerstag Norbert Klassen (1941-2011) gestorben. Damit verliert das Berner Performance-Festival seinen Gründer und spiritus rector.

Ich will an dieser Stelle nicht viele Worte verlieren. Wüsste auch nicht wirklich, was über Norbert Klassen schreiben. In einem Interview mit der Kulturagenda sagte Klassen vor einem Jahr: «Ich komme immer auf Anarchie im guten Sinn. Anarchie ist in der Kunst ja sehr wichtig. Ich möchte nicht in einer Anarchie leben, das ist schwierig, wie alle Utopien. Aber als Gedankengerüst sind sie sehr befruchtend.»

In diesem Sinne freuen wir uns auf zweimal Bone heute Freitag und morgen Samstag im Schlachthaus.

Advent zum Ersten

Gisela Feuz am Montag den 28. November 2011 um 14:48 Uhr

Gestern war’s richtig gemütlich in der unteren Altstadt. Diverse Geschäfte hatten, weil ja 1. Advent war, ihre Türen weit geöffnet und offerierten Weissen, Glühwein, Chäsbrätel, Würste, Muffins oder was das kulinarische Herz sonst noch so alles begehrt. So lange die Leute nicht «dumm liiren» würden, sei es ihr eigentlich egal, heute im Laden zu stehen, meinte Madame Glanz und Gloria des Haute Couture Secondhand-Ladens in der Brunngasse. Herr Intraform paffte derweilen draussen im Rauch einer Finnenkerze entspannt eine Zigarette und liess sich vom ganzen Trubel in seinem Laden herzlich wenig beeindrucken.

Auch das Kulturbüro hatte seine Türen weit geöffnet und bietet, wie jedes Jahr in der Adventszeit, ein paar auserwählten Künsterlnnen eine Plattform, um ihre Werke an den Mann oder die Frau zu bringen. Heuer konnte sich Herr Schöftland mit seinen «Alten Schachteln» einen Ausstellungsplatz ergattern, Jeanette Besmer präsentiert Kalender und Karten, Karin Mari Etuis und Necessaires, von Goldie gibts T-Shirts zu sehen und Renate Wünsch stellt ihre wunderbaren Lampen aus, deren Schirme liebevoll aus altem Orangenpapier oder Ähnlichem gefertigt sind.

Weiter unten lief’s derweilen rund in der Postgasse. Die charmante Madame Memphis Belle hatte ordentlich Champagner im benachbarten Brunnen zum Kühlen deponiert und in ihrem Vintage-Laden den Ehemann samt DJ-Kollegen hinter zwei kleine Single-Plattenspieler gestellt, wo die beiden für beste musikalische Unterhaltung sorgten.

Ihr Laden sei viel mehr als einfach nur ein Laden. Er sei auch ein Ort der Begegnung, wo kreative und schräge Köpfe aufeinander treffen würden, woraus doch schon das eine oder andere Projekt entstanden sei, meinte die umtriebige Geschäftsführerin. Tatsächlich liess man es sich dann nicht nehmen, in dieser gemütlichen Atmosphäre bis weit nach Ladenschluss sämtlichen Champagner zu vernichten (jemand musste ja) und sich mit spannenden Leuten zu unterhalten. Wenn Weihnachtsverkauf doch bloss immer so wäre.

Bänkliland: Ballebüel, ob Konolfingen

Roland Fischer am Montag den 24. Oktober 2011 um 11:52 Uhr

Ein aktueller KSB-Webcam-Dienst, die Bürolisten mögen es verzeihen. Nächster Nebel-Ausweg ist (knapp) der Gurten, auch der Bantiger ragt locker aus der Suppe. Zu beobachten ist das derzeitige Wettergeschehen von Jura bis Alpenkamm wunderbar vom Aussichtspunkt Ballebüel, nördlich von Konolfingen. Für Nebelflüchtlinge reicht übrigens an solchen Tagen oft schon ein Ausflug ins Städtchen unten im Tal, keine Viertelstunde von Bern, die Schwaden drängen zwar auch ins Emmental, doch weit kommen sie nicht.

Kaum eine halbe Stunde weiter oben dann ein herrlicher Rundblick von Alpen bis Jura. Und unten aus dem weissen Meer rauscht und lärmt das geschäftige Leben gedämpft hinauf.

Hier der Blick gegen Bern:

Und so präsentiert sich das südliche Panorama:

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Kurzer Spaziergang ab Bahnhof Konolfingen oder Tägertschi. Hier wiederum die Karte dazu.