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Archiv für die Kategorie „Elektronisches“

Beats in klassisch

Bjørn Schaeffner am Sonntag den 12. Februar 2012 um 03:37 Uhr

Voilà, das Du Théâtre. Freitag um Mitternacht finde ich mich hier an einer Party ein. Und staune erst mal über die Dimensionen des VIP-Bereichs. Der ist fast so gross wie die Tanz-, Turtel- und Trinkzone für den Rest der Meute. Was dem Groove nicht zuträglich ist – wobei dieses nächtliche Zweiklassensystem ja eben der eigentliche Groove ist. Henusode.

Wieso ich im Dudu bin? Wegen dem an sich schon zwiespältigen Etikett Classic House, mit dem die heutige Veranstaltung warb. Doch was der Intro-DJ ablässt, hechelt viel zu kurzatmig daher. Keimfreier Vocal House, und keine Spur vom smoothen Tempo der goldenen New-Yorker-Neunzigerjahre.

Weiter ins Bonsoir, wo mit Kenny “Dope” Gonzalez ein Grossheld aus dieser klassischen Ära gebucht ist. Berühmt geworden ist der Mann aus Brooklyn wegen seiner mächtig swingenden Beats, mit der er seit zwanzig Jahren die House- und Hip-Hop-Szene imprägniert – ein Paradebeispiel seiner Kunst ist etwa «The Bounce».

Im Bonsoir ist er zusammen mit dem MC Rasheed Chappell angetreten. Famos, wie Kenny “Dope” scratcht und seine Übergänge meistert. Weniger famos hingegen, dass er nur Gassenhauer spielt. Von James Brown, Stevie Wonder, Bob Marley über die üblichen Hip-Hop-Verdächtigen hin zu eigenen Houseproduktionen wird kein Hit ausgespart. Eine Black Music-Geschichtsstunde der volkshochschulmässigen Art, ein Mashup-Programm auf Nummer sicher. Nichts gegen Klassiker, aber dieses Spiel ist schlicht zu absehbar. Schade, der Mann konnte das doch viel besser. So hatte ich es wenigstens in Erinnerung.

Familienbande

Ruth Kofmel am Donnerstag den 2. Februar 2012 um 05:50 Uhr

Die Gruppe öff öff um Heidi Aemisegger liess sich schon allerhand einfallen, um Bewegung und Tanz spektakulär umzusetzen. So hingen sie schon von Brücken oder schlängelten sich durch durchsichtige Plastikschläuche. Ihr Tanztheater ist immer akrobatisch, immer poetisch und erreicht ein grosses Publikum.

In ihrem neusten Stück «Le vent nous portera» erzählen fünf Menschen, wie sie sich aus dem Gefühl der Sicherheit und des Zusammenhalts Kopf voran in die freie Schwebe begeben. Es ist ein Stück, das sich mit dem Kindsein beschäftigt, mit Geschwister- und Elternkonstellationen.

Bei einem solchen Thema könnte einen bei einer anderen Truppe ein schwer verdaulicher Abend erwarten. Bei öff öff bleibt auch in den melancholischen Szenen die Harmonie in den Bewegungen und Abläufen bestehen. Das Stück verzichtet auf die grossen Knalleffekte und schafft so viel Raum für Stimmungen, die sich langsam aufbauen und wieder verflüchtigen. Manchmal genügt ein schwebender, pendelnder Körper im Raum durchaus, um ein eindrückliches Bild entstehen zu lassen.

Ein wichtiger Bestandteil ist die Musik von Werner Hasler. Mit Trompete und Live-Elektronik verleiht er jeder Szene eine massgeschneiderte Klangästhetik und sorgt gleichzeitig für den grossen Bogen über das ganze Stück.

Das Stück «Le vent nous portera» läuft noch bis am Sonntag in der Dampfzentrale.

Geschichten vom Musikbusiness

Roland Fischer am Samstag den 14. Januar 2012 um 11:22 Uhr

Die Platte sei immer noch etwas vom besten in Sachen Balkan-Elektronik, meinte Bee-Flat-Veranstalter Christian Krebs gestern am Norient nach dem Film über das Shukar Collective – «aber das Konzert…». Vor vier Jahren war die Combo in der Turnhalle zu Gast – es war, sagen wir mal, nicht gerade ein Highlight in der Bee-Flat-Konzerthistorie. Warum das nicht funktioniert hat – warum es nicht hat funktionieren können -, dafür lieferte das Norient gestern eine filmisch bündige Erklärung.

Zwei Welten kamen da zusammen, die herzlich wenig miteinander zu tun haben: Hier die Soundtüftler hinter den Computern, musikalische Einzelkämpfer im Wesentlichen, die Teamarbeit ganz prinzipiell eher als anstrengend empfinden. Und da die unbändige Spielfreude der Romamusiker, die sich eigentlich erst richtig in der Gruppe entzündet. Wie daran (und am Geld, natürlich) ein sehr vielversprechendes musikalisches Projekt zerbricht, das zeichnet «The Shukar Collective Project» auf ungeschminkte und oft auch herrlich komische Weise nach.

Später im Programm gab’s dann noch Einblicke in ganz andere Musikbusiness-Logiken. Der in Beirut lebende Filmer und Hip-Hop-Experte Jackson Allers brachte zwei kurze Filme mit, die, obwohl kaum zwei Jahre alt, schon ein wenig von gestern waren. Denn was Allers danach über die Hip-Hop-Kultur in den neuen arabischen Demokratien zu erzählen hatte, liess noch eine andere kulturelle Revolution erahnen: Ohne jede Business-Struktur sei der arabische Hip-Hop dabei zu explodieren, mit den neuen Medien und der Öffnung des Internets fände die zuvor nur im Untergrund agierende Musikszene nun plötzlich eine grosse Verbreitung. Der Hip-Hop verspricht also (einmal mehr) zu so etwas wie der wütend-hoffnungsvollen Stimme der Jungen zu werden.

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Erfreulich: Das Norient war komplett ausverkauft gestern. Für alle Enttäuschten, die sich gern «Polyphonia – Albaniens vergessene Stimmen» angesehen hätten: Heute um 16 Uhr gibt es ein Zusatzscreening.

Neulich in der Timeline

Benedikt Sartorius am Freitag den 13. Januar 2012 um 08:08 Uhr

Twitter ist toll – und die ganz persönliche Timeline präsentiert heute stolz den Beitrag des Tages:

Eigensinn in Schwarz Vol. 2

Ruth Kofmel am Samstag den 7. Januar 2012 um 08:23 Uhr

Ich habe hier schon einmal von einem Musiklabel namens Mismrecords berichtet, dass immer wieder Qualitäts-Hörware aus dem Bereich Elektronik und Rap auf Vinyl herausbringt. Das Label wird von zwei Mannen geführt, einem Berner und einem Zürcher.

Der Berner, nämlich Mich Moser hat damit ganz offenbar noch nicht genug um die Ohren – sonst hätte er wohl kaum die kleine, schöne Italienerin, wie er sie nennt, auf die Welt gestellt: Luanarecords.

Auf Luanarecords wird er noch spezifischer als er das auf Mismrecords ist und veröffentlicht dort ausschliesslich instrumentale Stücke aus dem Bereich der Elektronik auf Vinyl.

Wiederum legt er in liebevoller Kleinarbeit oft selbst Hand an, wenn es um die Gestaltung der Hüllen geht – oder übergibt diese Arbeit befreundeten Künstler und Grafikern. So ist es nicht verwunderlich, dass nicht nur die Musik, die auf Luanarecords ein zu Hause gefunden hat, für Freude sorgt, sondern immer wieder auch für visuelle Leckereien sorgt, wie beispielsweise eine 7inch in froschgrün.

Ich darf Ihnen hier schon eine Hörprobe von der nächsten Veröffentlichung vorstellen. Der kanadische Produzent Maki hat unter dem Titel «Leaving Exarchia» zwei seiner Stücke dem Berner Label anvertraut.

Jahresauftakt

Ruth Kofmel am Donnerstag den 5. Januar 2012 um 05:19 Uhr

Dimlite ist ein grosser Unbekannter hierzulande und auch ein unbekannter Grosser. Seine Erfolge feiert er bis jetzt grundsätzlich aber eigentlich nicht gewollt im Ausland, angefangen in Deutschland vor fast zehn Jahren und derzeit über die europäischen Grenzen hinaus vor allem in Amerika.

Seine Musik ist und bleibt ein Nischenprodukt, weit weg von allgemein gültigen Hörgewohnheiten. Es ist Musik, die sich dem Hip Hop entsprechend alter Klangvorlagen bedient. In Dimlites Fall aber geschieht das schon lange nicht mehr in Form von Sampling, sondern durch Nachspielen und Kombinieren musikalischer Erinnerungen und Fundstücke aus der Vergangenheit.

Auf seinem letzten Werk «Grimm Reality», das er gestern in der Turnhalle getauft hat, hat er wieder vermehrt die Stimme in den Vordergrund gerückt und verläuft sich ansonsten grossartig in allen möglichen Genreanlehnungen.

Wenn Dimlite live spielt werd ich sowieso jedes mal ganz kirre vor Begeisterung, aber was gestern in der Turnhalle zu hören war, übertraf alles bisherige. Julian Sartorius begleitete Dimlites Musik auf dermassen unerhört, krass gute Art und Weise, dass es gar nicht zu fassen war.

Da haben sich zwei gefunden. Sartorius verleiht Dimlites sphärischen Höhenflügen die nötige Erdung, sorgt für einen rollenden Groove, wenn sich Dimlites Melodien übereinander schichten, oder spielt ganz einfach stabil wie nur etwas mit einem bestehenden Beat mit, um diesen zu verstärken oder zu ergänzen.

Ich war einmal mehr sehr hingerissen und es war ausgesprochen schön zu sehen, dass Bern die zwei gebührend gefeiert hat – welch ein Jahresauftakt!

Jahresrückblick der anderen Art

Roland Fischer am Mittwoch den 4. Januar 2012 um 09:44 Uhr

Wie das Jahr 2011 ausgesehen hat, konnte man sich in den letzten Wochen allenthalben nochmals vergegenwärtigen. Doch wie hat es geklungen? Der Schlagzeuger Julian Sartorius hat seine eigene Soundgeschichte quer durchs letzte Jahr aufgezeichnet, in einem akustischen Tagebuch – ein Beat pro Tag. Das komplette Beat Diary wird noch dieses Jahr auf dem umtriebigen Elektrolabel Everest Records veröffentlicht.

Umtriebig bleibt auch der Beatproduzent. Heute Abend kann man ihm beim elektronischen Experimentieren mit Dimlite zuhören, in der Turnhalle. Und im Sommer dann geht es auf die ganz grosse Theaterbühne, an den Salzburger Festspielen. Dort wird er zusammen mit Sophie Hunger ein Stück zum Sturm-und-Drang-Dichter Jakob Lenz vertonen. Sehr passend zur eigenen künstlerischen Lage, kann man wohl sagen.

Filewile sagt Hello 2012 und Goodbye 2011

Roland Fischer am Samstag den 31. Dezember 2011 um 11:42 Uhr

«Wir haben gemerkt, dass wir nur weiterkommen, wenn wir noch einen draufsetzen», sagte Filewile-Mastermind Andreas Ryser vorgestern dem Bund, auf die Aussichten für 2012 angesprochen. Und wie um das zu demonstrieren, beendete die Elektrocombo ihr Konzert gestern in der Turnhalle mit einer krachend neuprogrammierten Version von Number One Kid. Der Song hat ja im Original schon gehörig gefunkt, aber wie ihn die vier gestern vorgetragen haben, bekam er schon fast Stadiongrösse.

Aber es muss nicht alles gross und grösser sein bei Filewile, auch Eingängigkeit ist nicht das Mass aller Dinge. Da wird immer noch mit Wonne gefrickelt und an tausend Knöpfen gedreht und so der Sound gegen den radiotauglichen Strich gebürstet. Das darf dann auch mal sehr laut werden, geht aber auch ganz leise. Wie die Sängerin Joy Frempong zur Zugabe Nina Simones Sea Line Woman gegeben hat, war ein Kabinettstück feiner Elektronik.

Schade also, dass das Konzert gestern nicht nur ein Vorgeschmack, sondern auch ein Schlusspunkt war. Das gut eingespielte Vierergespann (mit Mago am Bass) war so gestern das letzte Mal zu erleben. Ein schön buntes und knallendes erstes 2011-Abschiedsfeuerwerk war das.

Elektronisches aus der Region

Ruth Kofmel am Freitag den 23. Dezember 2011 um 07:31 Uhr

In bester Erinnerung und schon sehr lange her, aber eben eines der unvergessenen Konzerte: Feldermelder spielte im Sous Soul. Es war eines der ersten Male wo ich Live-Elektronik so tanzbar, unverkrampft und vor Ort produziert miterlebte. Unterdessen habe ich seinen elektronischen Tüfteleien schon vermehrt glauscht und immer überzeugt mich seine grosse Experimentierfreude und sein ebenso grosses Können mit Hilfe von vielen Knöpfen, Schalter und Hebel Musik aus dem Moment heraus entstehen zu lassen.

Auf eine neue Platte von ihm muss noch ein wenig gewartet werden, aber zur Zwischenverpflegung, sind auf seiner Seite immer wieder hübsche Häppchen zu finden:

 

Schneetreiben und warme Sounds

Roland Fischer am Montag den 19. Dezember 2011 um 12:20 Uhr

Die Kopfhörerkonzerte im Botanischen Garten sind wirklich eine formidable Sache, vor allem wenn es wie gestern draussen hudelt und man mit einem Glühwein begrüsst wird. Dann setzt man sich auf ein geheiztes Simsbänkli und stellt sich vor, wie das Gewächshaus langsam unter einer dicken Schneeschicht begraben wird, während drinnen im Warmen die Sounds der beiden Everester (wie passend) Matu und Meienberg zu wuchern beginnen.

Man kann auch ein wenig herumspazieren und schauen, ob der bissige Josef noch wach ist. Schade bloss, dass die Kopfhörer spätestens oben im Palmenhaus nur noch weisses Rauschen empfangen. Als würden sie das Schneetreiben draussen in die Ohren übertragen, live and direct.