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Archiv für die Kategorie „Film & Fotografie“

Alles halb so wild

Ruth Kofmel am Samstag den 31. März 2012 um 21:38 Uhr

Der Film «My Generation» hat als Dreh- und Angelpunkt die 68er-Generation im Visier, herausgekommen ist aber, wie die Regisseurin Veronika Minder in einem Interview sagt, ein Film über das Älterwerden.

Obwohl ein paar Räuberpistolen aus den unter Umständen durchaus bewegten Jugendjahren zum besten gegeben werden, relativieren selbst die damals aktivsten und politischsten Erzähler den Stellenwert, die beispielsweise die Jugendunruhen in Zürich rückblickend in ihrem Leben einnehmen. Willi Wottreng, einst Funktionär bei der maoistischen Partei, heute erfolgreicher Journalist, verpasste die historische Nacht der «Opernhauskrawalle» um dafür sein erstes Mal in Tat umzusetzen.

Es wurde durchaus gekifft, LSD genommen, demonstriert und neue Wohnformen ausprobiert, aber genau so wurde studiert und gearbeitet, es wurden Kinder gross gezogen und ganz grundsätzlich an einem Lebensentwurf gefeilt, wie das idealerweise jeder Mensch zeit seines Lebens tun kann. Meist wurden die wilden Zeiten im Laufe eines Lebens durch noch einprägsamere und einschneidendere Erlebnisse ausgelotet und so beschreiben die Porträtierten ihre Jugendjahre nicht mehr oder weniger aufregend und prägend wie die Jahre, die danach kamen.

Spannend sind diese Lebensgeschichten, zustätzlich dokumentiert mit historischen Aufnahmen. Unaufgeregt werden Blicke zurück geworfen, wichtige und unwichtige Momente ins Rampenlicht gerückt und wenn man zum Kinosaal raus kommt, freut man sich vor allem auf die Gelassenheit, die nach einer gewissen zurückgelegten Strecke auf einen zu warten scheint, denn die war allen Erzählenden eigen.

Der Film läuft derzeit im CineMovie.

Dominik Dachs und Niki Tiki

Gisela Feuz am Mittwoch den 21. März 2012 um 10:43 Uhr

Hatten Sie heute Morgen auch einen Nostalgieschub, als Sie die Zeitung gelesen haben? Die Schreiberin jedenfalls schon. Ausserdem fand sie sich eine Minuten später vor dem Fernsehgerät wieder, um dieses so zu programmieren, dass es heute Abend das «Guetnachtgschichtli» aufnimmt und ich fress höchstpersönlich einen Besen (und zwar horizontal), wenn ich die einzige Mitdreissigerin bin, welche in den kommenden Wochen keine Folge der Gutenachtgeschichte verpassen wird.

Dominki Dachs, sein Freund Niki Tiki, Vagabunden-Otto, der Rote Tom und seine Katzenpiraten sind zurück! Niki Tiki mocht ich immer am meisten, weil er ein furchtbares Plappermaul ist. Und von den ganzen anderen Geschichten, an die ich mich noch erinnern kann, ist er über die Jahre immer mein Held geblieben. Weder der unsägliche Doktor Snuggles mit seinem Hüpfstab, noch die putzigen Waldputzer oder die etwas mysteriösen Mumins mochten ihm das Wasser reichen.

Ob die Kinder von heute noch Gefallen an der 18-teiligen Marionetten-Produktion finden, weiss ich nicht. Ein Freund von mir, der mit zwei schnusigen Nachfolgern gesegnet ist, meinte einst: «Also Nils Holgerson finden die langweilig.» Wie kann man Nils Holgerson langweilig finden?! (Wissen Sie noch, wie der Hamster hiess?) Es kann gut sein, dass für die heutigen Digital Natives Dominik Dachs völlig antiquiert ist und zu wenig Action bietet. Mir so was von wurscht. Ich jedenfalls bin am heutigen Tag ganz froh, hab ich keine Goofen, die während dem «Guetnachtgschichtli» ständig reinreden und doofe Fragen stellen, wie ich vor 30 Jahren.

Dominik Dachs wird ab heute immer werktags um 17:30h auf SF1 ausgestrahlt.

Kindheitserinnerungen aus dem Osten

Ruth Kofmel am Dienstag den 20. März 2012 um 12:11 Uhr

«Balkan Melodie» von Stefan Schwietert ist eine bunte Collage aus altem und neuem Film- und Tonspurmaterial. Als Ausgangslage dient die exklusive Sammelwut des Schweizer Ehepaars Cellier, das in den Sechzigerjahren zum ersten Mal in den kommunistischen Osten reiste und dort die fremden Klänge der aktuellen Volksmusik auf Tonband augenommen hatte.

Im Film wird nicht ein einzelner Erzählstrang verfolgt, was manchmal etwas Beliebiges hat, sondern vielmehr von einem Thema zum nächsten geschlendert. Mal entfaltet sich der eindrückliche Egozentrismus des Panflötisten Gheorghe Zamfir auf der Leinwand, so dass einem das Gruseln kommt. Immerhin hat er die (Er-)Lösung für die vom Rock and Roll, Disco und Jazz verdorbene und somit dem Untergang geweihten Jugend, nämlich die rumänische Panflötenmusik. Also seine Panflötenmusik wohlverstanden.

In einer anderen Sequenz besucht der Filmemacher die Frauen des bulgarischen Frauenchors «Les Mystères des Voix Bulgares», deren Aufnahmen weltweit unglaublich erfolgreich waren, was ihnen zwar ermöglichte, die ganze Welt zu bereisen, nicht aber in Saus und Braus zu leben, weil sie für ihre Singerei nie entlöhnt wurden.

«Balkan Melodie» verbindet viele interessante Themen, zeigt den Stellenwert der Volksmusik zur Zeit des Kommunismus und zieht Parallelen zur aktuellen Musikszene im Osten, die uns hier bestens bekannt ist als Balkan-Beat.

Am lustigsten ist aber vielleicht doch, dass einem viele Musikstücke aus dem Film bestens bekannt sind, nämlich aus Kindertagen, wo diese Klänge auch durch tausende von Schweizer Wohnzimmern schallten. Im Plattenregal standen die musikalischen Rennpferde der totalitären Regimes im Osten gleich neben Weltfriedensmusik und Joan Baez. Bunt angezogen waren ja beide.
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Der Film ist derzeit im Ciné Movie zu sehen.

Bisschen eine Schande

Roland Fischer am Samstag den 17. März 2012 um 10:19 Uhr

«Shame» ist ein irritierender Film - aber irritierender noch ist seine Rezeption. Die scheint ganz nach dem Motto «Sex sells – Sexsucht sells even better» zu laufen. Ob das ein raffinierter Schachzug der Marketingabteilung war, dem Film den riesengrossen Stempel «Sexsucht» zu verpassen? Oder hat sich da etwas verselbständigt im kollektiven Kinobewusstsein und es spricht einfach Bände, dass wir Filme nicht mehr als individuelle Schicksalsgeschichten schauen können, sondern ihnen gleich die passende Pathologie überstülpen müssen?

Die «Krankengeschichte» verstellt jedenfalls ziemlich den Blick auf die Himmeltraurigkeit, mit der Michael Fassbender da durch ein kaltes und gestresstes New York zieht, immer auf der Suche nach einem Ausweg aus seiner emotionalen Isolation. Oder glaubt er gar nicht mehr, dass es da einen Ausweg gibt? Im Sex findet er ihn ja auch nicht, das weiss er genau, und dass eine provozierte Abreibung nicht weiterhelfen kann, ist ja eigentlich auch klar. Immerhin, ein wenig Gefühl kommt so jeweils in seine viel zu kontrollierte Welt, für ein paar Momente. Es ist alles sehr trostlos in dieser Welt – «Shame» ist das ziemlich perfekte Gegenteil eines Feelgood-Movies. Man kann das für sehr radikal halten – oder aber für allzu einfach. Hier wird nicht wirklich eine Seelenlage seziert, es wird eine These (die von der Unbehaustheit in der Grossstadt) zur Seele aufgeblasen. Nur leider weiss man als Zuschauer mit einer solcherart aufgeblasenen Seele dann nicht richtig viel anzufangen.

Ich freue mich jedenfalls auf den damals verpassten Shame-Vorläufer «Hunger», der Ende Monat im Kino Kunstmuseum zu sehen ist. Da versucht sich das Regie-Schauspiel-Paar McQueen/Fassbender an einer wahren Geschichte, und das führt dann vielleicht auch zu einem wahreren Kinoerlebnis.

Fitzgerald & Rimini im Progr

Gisela Feuz am Mittwoch den 14. März 2012 um 23:44 Uhr

Ganz prima haben das Fitzgerald & Rimini gerade eben gemacht im Progr. Frau Fitzgerald gab mit ihrer unverkennbar kehligen Stimme bizarre Erzählungen über Marie Curie, über einen Labrador namens VreniRuedi und viele andere kuriose Gestalten zum besten, während Herr Rimini die Geschichten mit Bass, Loopgerät und anderen elektronischen Spielereien untermalte. Super-8-Aufnahmen und Dias vervollständigten die Spoken-Word-Kammermusik und sorgten dabei für einen humoristischen Bruch, wollten und sollte doch Gezeigtes und Gesprochenes nicht zueinander passen und taten es doch.

Herr Riminis Klangteppich wurde in der zweiten Häfte des Abends durch Schlagzeug und Gitarre der Swinging Slaves, alias Kevin Chesham und Simon Rupp, verstärkt. Hierzu wurden wunderbar poetische Schwarz-Weiss Polaroid-Bilder von Ester Vonplon und Roger Eberhard gezeigt, wobei Frau Fitzgerald die Melancholie der Bilder mit ihren Gedichten perfekt verbal einzufangen wusste. Fitzgerald & Rimini sind lustig, berühren, stimmen manchmal nachdenklich und verweben Sprachrhythmik und Musik zu einem äusserst stimmigen Ganzen. Frau Feuz sagt: Bravo!

Occupy Kirchenfeldbrücke

Benedikt Sartorius am Sonntag den 11. März 2012 um 10:27 Uhr

Ab heute Mittag ist die Kirchenfeldbrücke nicht passierbar – sowohl für Passanten wie für den öV. Der Grund ist der Dreh der Hollywood-Produktion «Nachtzug nach Lissabon», die eine Menge Stars und Set-Leute nach Bern bringt.

Für Foto-Kameraden mit Riesen-Objektiven ist die Münsterplattform wohl der beste Platz, um einen Blick auf den Dreh der Selbstmordszene zu erhaschen:

Fehlt nur noch der Name des Hotels, um Jeremy Irons und Melanie Laurent gleich dem Fussballmessi zu belagern.

Kellerkind im Kapitel

Gisela Feuz am Dienstag den 6. März 2012 um 11:45 Uhr

«Wir haben den ganzen Nachmittag lang den Ablauf ‘trocken’ geübt. Kameramann Pfiffner meinte eben, mit der schweren Kamera könne er das maximal 10 Mal filmen.» 11 Mal sind’s dann geworden, bis Pfiffner aus dem letzten Loch pfiff (man vergebe mir die unsägliche Wortspielerei) und das neue Video zu «Disco on the Dancefloor» des Berner DJs Kellerkind im Kasten war. Der gratis Alkoholausschank an der Bar sei dabei der Sache auch nicht nur dienlich gewesen, grinst Tätschmeister Herr Roja-Films verschmitzt, auf die Schwierigkeiten bei der Filmerei angesprochen.

Was normalerweise im Schnittraum nachträglich zusammengeschnipselt und auskorrigiert werden kann, musste bei diesem Dreh im Kapitel am Bollwerk alles auf die Sekunde genau stimmen, denn Chef Roja wollte in Welles’scher Manier alles in einem Guss ohne Schnitt gefilmt haben. Die Idee sei ihm gekommen, als er sich Kellerkinds Minimal-Lounge-House-Track angehört habe, weil es dazwischen ja so ein bisschen dumpf klinge, eben genau so, als ob man in einen Keller hinabsteigen würde.

So steigt der Betrachter nun also mit Kellner Michael Schweizer hinab in den Kapitel-Untergrund, wo geknutscht aber auch geschuftet und geschwitzt wird, während oben die Schönen tanzen und löten und Madame Bühlmann mit kleinem Lungenvolumen Geburtstagskerzen auspustet. Grossmeister Alfred Hitchkcock meinte einst: «Der Filmschnitt ist die grösste künstlerische Errungenschaft des 20. Jahrhunderts.» Herr Roja zeigt: Es geht auch ohne.

12-stündiger Fotomarathon

Gisela Feuz am Sonntag den 4. März 2012 um 16:23 Uhr

Gestern fand in Bern ein Fotomarathon statt, der von der Freizeit-Community Gonnado organisiert und von einer Bank gesponsert wurde . Über 200 FotografInnen starteten auf der grossen Schanze und knipsten während 12 Stunden in der Stadt, was ihnen zu 12 vorgegebenen Themen wie z.B. «Objekt, der Begierde», «Vernetzt» oder «Die Helden von Morgen» passend erschien. Herausgekommen sind dabei 2400 Fotos, die zum Teil überraschende und poetische Brücken zu den Themen schlagen.

Die Bilder können nun während 10 Tagen hier betrachtet werden und Sie, werte Leser und Leserinnen, können per Onlinevoting bestimmen, wer denn seine Aufgabe am besten gelöst hat und das beste Foto zum vorgegebenen Thema geschossen hat. Dem Gewinner oder der Gewinnerin lockt ein Bankkonto mit 1700.- Startkapital bei der Sponsoring-Bank. Frau Feuz findet: nicht exakt die dümmste Kundenakquirierung.

Barbara Willis Beitrag zu «Die Helden von Morgen»

Das neue Rezept des Filmdokters

Benedikt Sartorius am Dienstag den 28. Februar 2012 um 11:59 Uhr

Man kennt ihn aus der Rathausgasse: Stefan Theiler. Als Dr. Strangelove verleiht er keine Filme, sondern verschreibt diese seiner Kundschaft. Das Wort DVD-Verleih mag er nicht, und bezeichnet seinen Laden lieber als Filmapotheke.

Nun hat der Umtriebige ein neues Projekt: Am 1. März geht Dr. Strangelove in den Äther und präsentiert auf Radio Rabe «Heilsame Filme im Ohr». Dabei handelt es sich um Radio-Lustspiele, die jeweils am Donnerstag gesendet werden. Den Start macht «Jä-soo» aus dem Jahr 1935 und hilft gemäss dem Dokter, «wenn Dir Bern zum Hals heraushängt, wenn Du an Mundartphobie oder Dialekt-Differenzierungs-Störungen leidest.»

Flankiert wird die Hörkino-Premiere vom «Jä-Soo-Trinkspruchkino», das am Abend um acht Uhr im Lirum-Larum stattfindet. Was es mit diesem auf sich hat, das werden wir sicher in Bälde herausfinden.

Geld her für «Deadlocked»!

Gisela Feuz am Montag den 27. Februar 2012 um 11:45 Uhr

Sein letzter Kurzfilm «Halbschlaf» hat an den internationalen Kurzfilmfestivals in Colorado und Montreal Auszeichnungen abgeräumt, was für den jungen Berner Filmemacher Johannes Hartmann offenbar Motivation genug war, sich gleich ins nächste Projekt zu stürzen. Nun ist «Deadlocked», eine schwarze Gangsterkomödie mit Haudegen Beat-Man in der Rolle als Cop (!) zwar im Kasten, bloss reicht das im Filmbusiness eben noch lange nicht.

Für die Restfinanzierung des Films versucht das Decoy Collective nun auf der Crowdfunding-Plattform IndieGoGo Geld zu sammeln. Für wenig Geld können Sie also mithelfen, dass es «Deadlocked» auch tatsächlich auf die grossen Leinwände schafft. Und Hilfe ist wirklich von Nöten, meine Damen und Herren, denn das Film-Business ist ein äusserst hartes Pflaster. Hartmanns Film-Mitstreiter haben diesen nämlich kurzerhand gekidnappt und werden ihn erst freilassen, sobald genügend Geld zusammengekommen ist. Schon nur wegen dem Kindnapping-Filmli, das die Herren da gebastelt haben, sollten Sie zum Checkbuch greifen, werte Leser und Leserinnen. Denn irgendwie hat man doch ein Herz für doofe und dämliche Gangster, nicht?