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Archiv für die Kategorie „Film & Fotografie“

Zu Gast bei Wullschlegers

Roland Fischer am Donnerstag den 12. Januar 2012 um 10:42 Uhr

Für einmal bietet das Tojo-Theater nur einer Handvoll Besuchern Platz. In trauter Runde setzt man sich in eine Stube, die wohl für jede und jeden Anklänge an sattsam bekannte Interieurs bietet – die Stimmung schwankt einen Moment zwischen Beklemmung und Gemütlichkeit. Dann geht der Fernseher an, und Liselotte und Hansruedi Wullschleger, die Grosseltern der Regisseurin Sandra Forrer, beginnen ganz unbefangen zu erzählen.

Es ist aber nicht einfach eine gemütliche Plauderstunde, zu der uns Sandra Forrer und Sibylle Heiniger in «passing you» einladen. Die Enkelin hat allerlei ernste Fragen, es geht ums Älterwerden, um die Sorgen, aber auch die Freuden des Lebens jenseits der 80. Und natürlich ist der Gevatter auch immer mit von der Partie, fast meint man, die beiden müssten ihm Platz machen auf dem Sofa, so wie sie dasitzen. Aber soll er sich halt auch hinsetzen, es ist schon recht.

Und man sieht sich auch nicht einfach einen Dokfilm an, auch wenn das ganze Material des Abends auf Filmaufnahmen beruht. Auf verspielte Weise wird die ganze Stube in die Installation einbezogen, so dass das Spiel mit Nähe und Distanz nicht nur zeitlich (ist das Leben, von dem die Wullschlägers erzählen, uns sehr fremd oder doch sehr vertraut?), sondern auch räumlich funktioniert: Mal sind die beiden Protagonisten weit entfernte Fernsehfiguren, dann wieder sitzen sie mitten unter den Besuchern und plaudern entspannt wie Gastgeber, während das Essen aufgetischt wird.

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«passing you» läuft noch bis Sonntag, jeweils dreimal pro Abend.

Zaffaraya 3.0

Gisela Feuz am Montag den 9. Januar 2012 um 12:15 Uhr

Wahrscheinlich kennen Sie Kate, eine der porträtierten Personen in Andreas Bergers Zaffaraya 3.0. Oder sonst zumindest ihren Freund Güggu. Die beiden sind nämlich oft in der Stadt Bern anzutreffen, fallen durch ihre farbenfrohe und nicht immer ganz sauberen Kleider auf, geben im Tram selbstkomponierte Lieder in Mani Matter-Manier zum Besten oder bieten schaulustigem Publikum Feuershows.

Güggu und Kate haben eine andere Form gewählt, wie sie ihr Leben leben wollen, als dies der normale Durchschnittsbürger tut. Zusammen mit den anderen Stadtnomaden haben die beiden im Verlauf von vier Jahren mit ihren Wohnwagen an die fünfzig Plätze besetzt, bis dank Verhandlungen mit der Stadt eine Art legalisierte Lebensform entstehen konnte.

In seinem Film Zaffaraya 3.0 zeigt der Berner Filmemacher Andreas Berger, wie die alternative Wohnform in den Jugend-Unruhen der Achtzigerjahre und der Forderung nach eigenen, autonomen Kulturräumen wurzelt. Anhand von sechs Porträts dokumentiert er die Entwicklung und die unterschiedliche Auffassungen, welche von (z.T. ehemaligen) Bewohnern von alternativen Siedlungen vertreten werden.

So gehen im heutigen Zaffaraya, quasi der Mutter der alternativen Berner Wohnform, viele einer (mehr oder weniger) geregelten Arbeit nach, gefeiert wird weit weniger wild als in den Anfängen und für die Kinder lässt man an Weihnachten den Samichlaus kommen. Die Stadtnomaden bieten dem Publikum lieber etwas, als einfach nur zu schnorren, braten zur Feier des Tages auch mal ein ganzes Schwein und finden Gewalt überflüssig, während Polizistensohn Ruben als Vertreter der Stadttauben klare Ansichten über Alkohol («möglichst viel»), Veganismus («der einzig wahre Weg») und Revolution («die muss im Kopf beginnen») vertritt.

Zaffaraya 3.0 ist nicht nur ein interessantes Sozial-Porträt, sondern auch eine äusserst unterhaltsame Dokumentation. Ohne Position zu beziehen zeigt der Film, wie da bürokratische und freigeistliche Welten aufeinanderprallen und das ist streckenweise schlichtweg umwerfend komisch.

Zaffaraya 3.0 wird noch kommendes Wochenende von Freitag bis Sonntag in der Cinématte in Bern gezeigt.

«Aasträngend»

Gisela Feuz am Donnerstag den 5. Januar 2012 um 15:03 Uhr

Die Schreiberin kann’s bezeugen: Bis tief in die Nacht haben die Herren vom Decoy Collective am neuen  Webba-Video «Aasträngend» gebastelt und ein paar hundert Arbeitsstunden dürften dafür drauf gegangen sein. «Räntiere? Nie u nimmer, da müesst me scho äs Null hinger bim Budget ahänke, das so öppis räntiert», so einer der Herren Decoy mit Augenringen wie Feuerwehrschläuchen.

(Video-)Kunst ist eine brotlose Angelegenheit und verlangt Erfindergeist. Den legt das Decoy Collective definitiv an den Tag. So wurden nebst Bildern, welche die Nasa gratis zur Verfügung stellt, und ein paar eingekauften Explosionen die meisten Bilder selber geschossen und weiterverarbeitet. Um das grüne Alien-Monster darzustellen, stellte einer der Herren z.B. höchstpersönlich seinen Luxuskörper zur Verfügung und bekam dann in der Nachbearbeitung einen Fischkopf verpasst.

Ein chices Science-Fiction Märchen in Old-School-Superhelden-Action-Ästhetik ist dabei herausgekommen. Bloss wie sie Lara Croft zum Mitmachen überreden konnten, wollten die Herren Decoy nicht verraten.

Verräterischer Vibra-Alarm

Benedikt Sartorius am Montag den 2. Januar 2012 um 12:11 Uhr

Wenn man den heute überhaupt nach Draussen gehen will, dann sollte man ein Lichtspielhaus seiner Wahl besuchen. Mitnichten eine schlechte Wahl für den Start ins US-Wahljahr 2012 mit all den Primaries ist der Besuch im Ciné Bubenberg, wo derzeit der neue George-Clooney-Film «The Ides of March» zu sehen ist. Denn den Eintritt in diesen Politthriller lohnt allein eine der denkwürdigen Handy-Vibra-Alarm-Szenen der Kinogeschichte.

Auch lohnenswert ist natürlich der Schauspieleraufmarsch: Im Zentrum steht – neben Clooney – der neue Hollywood-Star Ryan Gosling, der in Bälde auch im in Locarno tiefverschlafenen «Drive» und mit Sicherheit bei den Oscars zu sehen sein wird. Ausgestochen werden die beiden Herren leider nicht vom immer mehr zur Selbstparodie neigenden Lieblingsschauspieler Paul Giamatti, sondern vom alternden Philip Seymour Hoffmann. Schöne Unterhaltung – zumal auf Grösstleinwand.

Bern liegt wiedermal in Solothurn

Benedikt Sartorius am Dienstag den 20. Dezember 2011 um 06:08 Uhr

Das Programm der Solothurner Filmtage ist bekannt – und auch unter neuer Leitung ist das Berner Filmschaffen sehr präsent. In der Trailergalerie findet sich eine wahrscheinlich unvollständige Übersicht über die programmierten Werke und man bittet herzlich um nachsichtige Nachträge im Kommentarfeld. Film(e) ab:

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Die 47. Solothurner Filmtage finden vom 19. bis 26. Januar statt.

Viel Freud im Kino

Roland Fischer am Dienstag den 13. Dezember 2011 um 06:18 Uhr

Ein aktuelles cineastisches Lookalike: Einmal den hier
und dann noch den hier:

Zweimal Freud – oben als offensichtliche Referenz in Woody Allens «Stardust Memories», unten einigermassen biografisch faktentreu in David Cronenbergs «A Dangerous Method».

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Die Muppet-Indoktrination

Gisela Feuz am Freitag den 9. Dezember 2011 um 11:43 Uhr

Im November ist in den USA der neue Muppet-Film «The Muppets» angelaufen, bei uns wird er voraussichtlich irgendwann nächsten Frühling zu sehen sein. Aber Vorsicht! Wie Fox TV nun herausgefunden hat, ist dieser Film eine Quelle des Bösen für Kinder und eine heimtückische Attacke auf die amerikanische Wirtschaftsindustrie.

Seit Jahrzehnten würden Hollywood, die Linken und die Presse (aber zum Glück gibt’s ja die rühmliche Ausnahme Fox TV) mit ihren Filmen amerikanische Grossunternehmen aus der Ölindustrie untergraben, erklärt ein Herr eines Medien-Forschungszenters in den Fox-Nachrichten.

Fox TV stört sich daran, dass im neuen Muppet-Film der Geschäftsmann Tex Richman das Muppet-Theater zerstören will, um an dieser Stelle nach Öl zu bohren. Ist natürlich unter aller Kanone und geht überhaupt rein gar nicht. Also das Muppet-Theater abzureissen. Aber eben. Aus der Schreiberin, bekennende Muppet-Fanin, spricht das über Jahrzehnte manipulierte und indoktrinierte Schaf, das offenbar die grossen Zusammenhänge nicht begriffen hat. Bääääh.

Mein Köniz weitet sich aus

Benedikt Sartorius am Dienstag den 6. Dezember 2011 um 13:37 Uhr

Ein Kreisel, ein Pfarrer, ein Fischteich, ein Schlosshof: Das sind die Bilder, die ich mit Köniz verbinde. Das Gurtenfestival und sowieso Wabern zählt unsereiner ja gerne zur Stadt. Deshalb stand eigentlich immer fest: Nein, nach Köniz werde ich wahrlich nie umziehen.

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«Once Upon a Time in Anatolia»

Gisela Feuz am Samstag den 3. Dezember 2011 um 08:31 Uhr

«Da hätte man grad so gut den Lehrerinnenfilm gucken gehen können. Oder den anderen Seich. Da hätte es am Schluss wenigstens noch eine anständige Explosion gegeben.» So das vernichtende Urteil des ganz und gar nicht zufriedenen Begleiters über einen Kinofilm, der von diversen Zeitungen als «Film des Jahres» abgefeiert worden war. Nun ja. Explosion muss ja nicht unbedingt sein, aber so richtig vom Hocker gerissen hat «Once Upon a Time in Anatolia» auch die Schreiberin nicht.

Der Titel von Nuri Bilge Ceylans Film erinnert wohl nicht ganz zufälligerweise stark an die Klassiker von Sergio Leone und teilt mit diesen «Schinken» zumindest mal eines: die Länge. Ganze 157 Minuten dauert Ceylans Film, wobei die Handlung in «Once Upon a Time in Anatolia» nur schleppend und zögerlich vorankommt.

Die Geschichte selber hätte durchaus Potential. Ein Staatsanwalt, ein Arzt, diverse Polizisten und zwei Kriminelle sind auf der Suche nach einer Leiche, bloss kann sich der Mörder nicht mehr genau erinnern, wo er diese verbuddelt hat. Somit wird die Suche zur Odyssee durchs ländliche Anatolien, wobei nicht nur die Polizisten, sondern auch die Zuschauer arg auf die Folter gespannt werden.

Ceylans anatolisches «Märchen» bietet wunderbare Landschaftsbilder, generell schöne Einstellungen und ein paar durchaus amüsante, skurrile Wortwechsel, im Grossen und Ganzen wirkt der Film aber schwerfällig und langatmig und kann wirklich nur KinogängerInnen mit Sitzleder empfohlen werden.

Zombies anno 1926

Ruth Kofmel am Sonntag den 27. November 2011 um 06:11 Uhr

Es ist schon so: ein Besuch im Stadttheater ist unter Umständen für uns Steh-Konzertbesucher eine Herausforderung, weil das Pendeln zwischen Bar und Zigi ausfällt – und auch die Option, jederzeit unauffällig abzuhauen. Im Samtsessel, irgendwo in Parkettmitte war ich gestern froh, dass sich die Zappelbeine mit den Jahren etwas ausgewachsen haben. Denn Sitzleder hat es gebraucht bei der vom Symphonieorchester live vertonten Filmvorführung des Rosenkavaliers. Lohnen tat es sich aber alle mal und keinen Moment lang wollte ich gestern abhauen.

Richard Strauss, der die Musik zu dieser Oper komponierte (Libretto: Hugo von Hofmannsthal), überarbeitete die Musik fünfzehn Jahre später gleich selbst, um sie für die filmische Umsetzung unter der Regie von Robert Wiene verwendbar zu machen.

2006 wurde der Film in Zusammenarbeit von Arte und ZDF restauriert und die fehlende Schlusssequenz rekonstruiert. Bei der damaligen Ur-Aufführung war der selbe Dirigent am Werke wie gestern in Bern: Frank Strobel. Er ist ein Spezialist für Filmmusik und hat für über vierzig Stummfilme die bestehende Musik bearbeitet oder gleich neu geschrieben und zur Aufführung gebracht. Es lag also sicherlich auch an seiner Leitung, dass gestern Bild und Ton so gut harmoniert haben und die Musik tatsächlich alles mögliche erzählte und unterstrich.

Der Film ist übrigens auch bildlich beeindruckend; unglaublich, was da an Kulissen, Statisten, Kostümen etc. aufgefahren wurde. Ausserdem finde ich diese Stummfilme oft äusserst amüsant. Etwa die Anfangsszene, wo sich die Marschallin und Oktavio ein Stelldichein geben, das so dramatisch posiert ist, dass einem die heutigen Zombiefilme in den Sinn kommen: weit aufgerissene Augen, zu Klauen geformte Hände an die Brust gepresst, staksiges Vorwärts- und Rückwärtstaumeln – grossartig!

Falls Sie also heute noch keine Pläne haben: Drei Uhr, Stadttheater Bern.