Blogs


Archiv für die Kategorie „Film & Fotografie“

In Wes Andersons Pfadilager

Benedikt Sartorius am Montag den 21. Mai 2012 um 11:58 Uhr

Endlich wieder Kino von Wes Anderson: Nachdem sein Animationsfilm «Fantastic Mr. Fox» nur im Spezialprogramm zu sehen war, kommt mit «Moonrise Kingdom» erstmals seit dem wunderbaren «The Darjeeling Limited» ein Werk des geschätzten Regisseurs auf die grössten Leinwände der Stadt. Und so schnappte ich mir mein Praktikanten-T-Shirt aus Life-Aquatic-Tagen und schaute diesen Film freudig an.

Ein prachtvoller Familienfilm ists einmal mehr, der diesmal auf den neuenglischen Eiländern der Sechzigerjahre angesiedelt ist. Väter sind wie beinahe immer bei Anderson abwesend oder Versager (Bill Murray), neue Vaterfiguren auch nicht unbedingt das Wahre (Edward Norton als Pfadfinder und Bruce Willis als melancholischer Inselpolizist), die Kinder sind schwierig und auch unschuldig (Kara Hayward und Jared Gilman als Ausreisser-Paar) und die Nebenrollen sind wie immer grossartig besetzt (Jason Schwartzmann als Verheirater). Kurz, alles wie immer eigentlich, ausser, dass der Film nicht auf einem U-Boot oder einem indischen Zug, sondern in einem Pfadi-Lager spielt und im Soundtrack die Beach Boys und Kinks gegen Hank Williams und Benjamin Britten und Francoise Hardy ausgetauscht sind.

Und aber auch: So schwer zugänglich und allenfalls unlustig war Wes Anderson noch nie – wie man dann schon mindestens zweimal ins Kino muss, um den Detailreichtum der perfektionistischen Choreografie irgendwie mitzuschneiden (alleine diese Anfangscredits!). Natürlich, das wird die Anderson-Kostverächter wie immer kalt lassen, während die Fan-Presse jubiliert, und sich über das gar dicke Finale in Nachsicht übt, und nochmals eine ausgedehnte Mittagspause ins Kino verlegen wird.
_______
«Moonrise Kingdom» im Bubenberg-Lunch-Kino bis am Mittwoch, danach im regulären Programm.

Ehrliche Porträts

Gisela Feuz am Samstag den 19. Mai 2012 um 05:27 Uhr

Nun ja, ihn interessiere halt Ehrlichkeit, erklärt Reto Camenisch die Wahl der doch gar sperrigen und unhandlichen Kamera für seine neue Porträtreihe. Eine 8×10 Inch Plattenkamera sei dies, mit so was habe man früher Fotos gemacht, als man noch keine Rollfilme gekannt habe. Normalerweise würde man mit so einem Ding ja vor allem Landschaftsaufnahmen machen und nicht unbedingt Porträts, weil das für die Porträtierten dann doch ein Bisschen mühsam werden könne. Nun ja.

Er wisse ja grundsätzlich, wie man ein gutes Porträt schiesse, erklärt Reto Camenisch, aber ihn interessiere halt die Realität und diese Kamera helfe ihm dabei, diese einzufangen. Tatsächlich ist man als Porträtierte ziemlich auf sich alleine gestellt. Man guckt dem Meister zu, wie er um das Kameramonster herumwuselt, daran schräubelt, irgendetwas misst und zwischendurch unter dem schwarzen Tuch verschwindet. Was man genau vor der Kamera tun und wie man gucken soll, das wird einem selber überlassen. Der Herr Camenisch will und kann einem da nicht viel Rat geben, denn was auf den 20 x 25cm grossen Negativen abgebildet wird, sieht er selber auch nicht im Detail und erst noch auf dem Kopf.

Das sei doch eine interessante Analogie zum richtigen Leben, begründet Reto Camenisch sein Treiben. Er schaffe den Rahmen und moduliere die Situation. Wie sich dann ein Mensch darin bewege, sei diesem selber überlassen. Das könne und wolle er nicht beeinflussen. Nun ja. Der Schreiberin tut nun die Hüfte weh vor lauter nicht wissen, wie man sich hinstellen soll. Soviel zum Thema Selbstbestimmung.

Die zehn Porträts, welche Reto Camenisch mit seiner Plattenkamera aufnimmt, werden im Rahmen seiner Ausstellung «30 Jahre Porträtarbeiten» zusammen mit vielen anderen Bildern ab 7. November 2012 im Kornhausforum ausgestellt werden.

Das blinkende Ende der Welt

Gisela Feuz am Dienstag den 8. Mai 2012 um 12:11 Uhr

Haben Sie sich auch schon mal überlegt, wie die Schaubudensteller auf der Schütz überleben können? Jedes Jahr, wenn dort wieder die Putschautobahn, Schiessbuden und Kotzschleudern aufgestellt werden und sich das Publikum nicht einfinden will, frag ich mich von neuem, wovon die Damen und Herren denn wohl leben. Irgendwie ergreift mich dann auch immer eine gewisse Traurigkeit und Nostalgie, weil ich mit Schaubuden fröhliche Kindheitserinnerungen verbinde, dieser Welt heute aber so rein gar nichts mehr abgewinnen kann.

Offenbar bin ich nicht die einzige, auf welche diese künstliche Welt aus blinkenden und rotierenden Lichtern eine gewisse wenn auch zwiespältige Faszination ausübt. Sonst hätte Pierre Omer wohl kaum gerade eine Würstchenbude auf dem Jahrmarkt als Kulisse für seinen neuen Videoclip zu «The End of the World» ausgesucht. Obwohl, das wunderschöne Rösslispiel alleine, wäre ja eigentlich schon Grund genug.

Filmisch umgesetzt von Vania Jaikin Miyazaki besingt Pierre Omer da also das Ende der Welt und hat dieses zumindest aus kulinarischer Sicht schon mal eingeläutet.

Pierre Omer und seine Stewarts Garages Conspiracy wird dieses Jahr am Kairo-Gartenfestival (13./14. Juli) live zu hören sein. Mehr zum vollständgen Programm finden Sie bald auf diesem Kanal.

3D-Popcorn

Benedikt Sartorius am Freitag den 4. Mai 2012 um 07:33 Uhr

Vor meinen persönlichen Theatermarathontagen war noch einmal ganz profane Popcorn-Kultur angesagt, die, gemäss dem Leibblatt, selbstironisch gebrochen sei. Und so stieg ich, nicht ganz ohne Erwartungen, in das 3D-Superheldenabenteuer «The Avengers», das nur dank einem scheuen Mark Ruffalo als Hulk und Robert Downey Jr. als Iron Man und seinem Black-Sabbath-T-Shirt mit viel Wohlwollen zu Ertragen ist.

Aber eines, das lernte ich gestern dann doch noch: Auch mit einer 3D-Brille auf dem Kopf kann man Filme wunderbar verschlafen.

Rundherundherundherum

Roland Fischer am Dienstag den 1. Mai 2012 um 11:53 Uhr

Binsenwahrheit des Tages: Bilder zeigen nur einen Ausschnitt der Welt. Stimmt allerdings nicht immer, Wunderwerke der Digitaltechnik sei dank:

Aber musste es erst 2012 werden, damit wir so einen Rundumblick auf die Welt tun können? Durchaus nicht, schon vor 200 Jahren hat man sich an derlei Panoramen versucht. Allerdings ging es damals ein wenig länger, einen 360-Grad-Blick festzuhalten. Fünf Jahre, von 1809 bis 1814, hat der Basler Marquard Wocher am ältesten erhaltenen Panorama der Welt gearbeitet. Es zeigt auf sage und schreibe 285 Quadratmetern ein perfektes Thuner Stadtidyll und steht heute im Schadaupark.

Einen Besuch ist das Thun-Panorama vor allem deshalb auch heute noch wert, weil das alte Gemälde mit immer neuen Sonderausstellungen ergänzt und kontrastiert wird. Derzeit spielt der Zürcher Illustrator Ingo Giezendanner (alias GRRRR) mit der musealen Thun-Beschaulichkeit, indem er ihr die Tunis-Lebendigkeit gegenüberstellt. Giezendanner hat eigens für den Ausstellungsraum ein fragmentiertes und sich beim Betrachten immer wieder veränderndes Stadtpanorama gezeichnet, das aus 360 locker 720 Grad (oder noch ein paar mehr) macht. Kunst kann sowas.

«Du hast den Keith Richards besser behandelt als mich»

Benedikt Sartorius am Sonntag den 29. April 2012 um 08:02 Uhr

Bern empfing mit Robert Frank in diesen Tagen hohen Besuch. Und es reisten gestern Vormittag viele ins Kornhausforum, um dem 88-jährigen Frank zu lauschen, der am Freitag den Swiss Press Photo Lifetime Achievement Award erhalten hat – und der mit «The Americans» einen Meilenstein der Fotografiegeschichte erschaffen hat.

Früher wollten wir alle so fotografieren wie Frank, sagte Bernhard Giger, der Leiter des Kornhausforums, in seiner kurzen Einleitung. Damals wollte man weggehen, erinnert sich Robert Frank, «und das Land, das man besuchen wollte, war Amerika, more or less.» Denn die Chancen, das zu machen, was er machen wollte, waren in den USA besser.


Und so schlug sich der gebürtige Zürcher Robert Frank durch:
Mit Objektfotografien für Moderevuen, für die er 25 Dollar pro Bild erhalten hat, begab sich auf Reisen, erzählt von den Kämpfen mit Redaktionen, die Fotoreportagen wollten und – vor allem – Bildlegenden unter seine Bilder texten wollten, was ihm strikt zuwider läuft («Du muesch en grind ha») und erinnert sich an «The Americans».

(weiterlesen…)

Bern auf Koks

Roland Fischer am Donnerstag den 26. April 2012 um 11:52 Uhr

Ich hatte mich ja beim Durchblättern des Programmhefts vom diesjährigen Visions du Réel in Nyon schon auf diesen Film gefreut – gelaufen ist dann tatsächlich der Berner Namensvetter «Work Hard Play Hard». Fast – nur fast – wäre es ein mehr als achtbarer Ersatz geworden. Leider kommt der Film kurz vor der Ziellinie dann noch ins Stolpern und schafft es deshalb nicht aufs persönliche Nyon-Treppchen.

Zwei kantige Berner Köpfe erzählen in «Work Hard Play Hard» erfrischend direkt vom Koksen. Zunächst scheint die Personalwahl ein wenig beliebig – viel Auswahl wird der Regisseur nicht gehabt haben, denkt man. Doch je länger der Film dauert, desto klarer schält sich da ein stiller Konflikt heraus, eine ziemlich spannende Figurenkonfrontation: Hier das Party-Animal, mitten im (Berufs)Leben stehend und sich selbst seinen Konsum immer schönredend, dort das Bühnentier, das nach einem Suizidversuch tatsächlich losgekommen ist vom Pulver und sich selbst und die Droge einiges klarer im Blick hat als sein junger Gegenpart. Die beiden Erzählschienen laufen leichthin und dabei sehr aufschlussreich nebeneinander her, bis der Regisseur auf die unglückliche Idee kommt, seine Protagonisten zu einer kokstherapeutischen Plauderstunde zusammenzubringen. Da bekommt dann der Film selbst ein Koksnäschen und tut viel wichtiger als man ihn bis dahin zu nehmen bereit war. Schade drum.

Schade drum galt irgenwie sowieso in Nyon: Man wird den Eindruck nicht los, dass seit letztem Jahr (und dem Chefwechsel) ein anderer Wind weht am Visions du Réel. Die verspielte Auseinandersetzung mit Realität und Fiktion hat einem Engagement-Kino Platz machen müssen, das oft ziemlich verkrampft daherkam. Hinterfragungen des filmischen Dokomentierens gab es zwar auch (zb. hier oder hier), doch sie wirkten oft gezwungen – ein neue Ichbezogenheit ist da ins Dokumentarkino gekommen. Wollte sich der Dokumentarfilmer früher hinter der Kamera möglichst unsichtbar machen, so drängt es ihn heute unwillkürlich mit ins Bild. Das kann erhellend sein, was die Subjektivität eines jeden Blicks auf die Welt betrifft – zuweilen kommt es einem aber schlicht ziemlich eitel vor.

Lichtspiele an der Aare

Roland Fischer am Mittwoch den 25. April 2012 um 12:12 Uhr

Man hatte ja so seine Befürchtungen, was den Umzug des Lichtspiels anging. Die alten Räume an der Bahnstrasse hatten eine versponnene, unfassbare Magie, die nicht so leicht zusammenzupacken, in einen Zügelwagen zu bringen und an einem anderen Ort wieder zu entfalten wäre, dachte man. Aber iwo Kulturpessimismus, muss man nach dem ersten Besuch gestern sagen – manche schönen Dinge werden sogar noch schöner, wenn man sie ein wenig aus den Angeln hebt.

Unter dem Dach des herrlichen Industriebaus neben der Dampfzentrale hat das Lichtspiel eine sehr tolle neue Bleibe gefunden – hier herrscht nicht mehr Lager- oder Estrichstaubigkeit, sondern lichte Fabrikfunktionalität. Bis unters Dach war hier gearbeitet worden, davon zeugt das Glasdach, das die Räume tagsüber mit Licht flutet. Abends dann wird der Raum zur Dunkelkammer für allerlei menschgemachte Lichtspiele.

Eine zauberhafte Spielart hat gestern wieder mal der Daumenkinograph Volker Gerling gezeigt, inzwischen schon fast Stammgast in Bern. Seine Portraitfilme haben viel mit Zeit und Sprüngen zu tun, wie Gerling im Lauf des schön unaufgeregten Abends erzählte, mit Leerstellen, die in unserem Kopf zu Geschichten werden. Das Lichtspiel ist auch so eine Zeitmaschine, in der aus Zeugs und Sachen (noch ist nicht viel gezügelt, aber man kann die frühere Wunderkammer schon wieder erahnen) Erzählungen werden – Bilder, die laufen können, als hätten sie es nie zu lernen brauchen.

Streicheinheiten

Ruth Kofmel am Mittwoch den 18. April 2012 um 06:10 Uhr

Beim Wort Streichquartett denkt meinereins an klassische Konzerte, gespielt in kühlen Kirchen. Dass das einmal mehr ein sträfliches Vorurteil ist, beweist das Berner Streichquartett Kaleidoscope String Quartet. Bei denen geht es eher hitzig zu und her. Es wird in allen möglichen musikstilistischen Teichen gefischt und immer wieder ein kapitaler Fang an Land gezogen, der schillert und zappelt und hervorragend schmeckt.

Am besten treffen die vier Streicher aber meinen Geschmack mit dem reduzierten Remix des Stücks «One Life?» von Patrik Zeller. Dazu hat der Gestalter Steven Götz ein verträumt schwebendes Video geschaffen.

Auch sehenswert ist die kleine Interviewrunde mit den Machern von Stück, Remix und Video.
____
Das Kaleidoscope String Quartet spielt am ersten Juni im Moods im Halbfinale um den diesjährigen ZKB Jazzpreis.

Letzte Tage

Benedikt Sartorius am Sonntag den 1. April 2012 um 11:41 Uhr

Man hat heute schon Richtung Himmel geschaut, nicht ganz so verkniffen und angstvoll, wie dies der Schauspieler Michael Shannon im Film «Take Shelter» tut, aber doch nicht ganz sicher, ob man den Regenschirm zum sehenswerten Film – gesponsert vom Filmverleih – draussen brauchen wird oder nicht.


Auf einer anderen Stufe besorgniserregend
gestaltet sich zunehmend das Filmprogramm dieser Stadt: Filme werden nach nur zwei Wochen Spieldauer abgesetzt, während «Intouchables» gleich in zwei nachbarschaftlichen Kinos – dem Bubenberg und dem Royal – gezeigt wird. Die letzten Tage, sie kommen immer näher, auch für «Take Shelter», der wahrscheinlich nur noch bis am Mittwoch zu sehen ist.