Archiv für die Kategorie „Film & Fotografie“

Grosseltern, Grossgeschichten

Roland Fischer am Freitag den 3. September 2010 um 07:15 Uhr

Multimedia ist eines dieser Schlagworte, die nach viel tönen, aber nicht wirklich viel sagen. Man tut Mats Staub also nicht wirklich einen Gefallen, wenn man sagt, dass er ein multimedialer Künstler sei. Aber der Begriff passt selten so gut wie bei dem Theatermann, der, auch was die Sparten angeht, das Durcheinander liebt. Theaterleute erzählen für gewöhnlich Geschichten, Mats Staub sammelt sie, in seinem Erinnerungsbüro. Er lässt Enkel erzählen, was sie noch über ihre Grosseltern wissen. Die gesammelten Geschichten behält er aber nicht für sich, er macht daraus sehr sinnliche und im Grunde ganz simpel funktionierende szenische Erlebnisse, wiederum für ein grösseres Publikum. Bis anhin konnte man das vor allem im theatralen Umfeld erleben (vor zwei Jahren auch schon im Schlachthaus), doch funktioniert die Idee ebenso gut im Museum: Man bekommt einen iPod, schlendert zwischen Fotos herum und hört sich die entsprechenden Geschichten an.
Cover_Grosseltern

Gestern war Eröffnung der Erinnerungsbüro-Sonderausstellung im Museum für Kommunikation. Gleichzeitig gab es – apropos multimedial – auch noch eine Buchvernissage. Da liegt allerdings eine Krux – die Magie des Erinnerungsbüros liegt eindeutig im Klang, in den Stimmen, die erzählen, stocken, phantasieren und verschweigen. Es geht anders gesagt um das Erzählen in seiner simpelsten Form: ohne Schrift, ohne Bild. So gesehen ist es fast schon ein Frevel, aus der schönen Idee des Erinnerungsbüros ein Buch machen zu wollen, das für sich selbst funktioniert und nicht einfach ein wenig ergiebiger Ausstellungskatalog ist. Zum Glück haben sich bei Mats Staub beim Sammeln der Geschichten auch eine Menge wundervoller alter Fotografien angesammelt, die das in der Edition Patrick Frey erschienene Buch zu einem Augenschmaus machen. Und weil die Fotos streng chronologisch angeordnet sind, liefert das Buch gleichzeitig eine kleine Geschichte der Fotografie, von der sorgfältigen, mitunter pathetischen Inszenierung hin zum Schnappschuss.

Zu empfehlen ist aber auf jeden Fall auch der Besuch der Ausstellung, am besten an einem ruhigen Nachmittag. Oder am Abend, nach einem Apero: Am Donnerstag und Freitag ist die Ausstellung jeweils bis 20 Uhr geöffnet. Nicht entgehen lassen – sehr passend natürlich auch für einen Familienausflug.

erinnerungsbüro

Schlaue Kunst, eitle Kunst

Roland Fischer am Samstag den 28. August 2010 um 12:22 Uhr

Ein ebenso eigenartiger wie fabelhafter Fund im Netz: ein «Video-Essay» von Oliver Laric, einem jungen österreichischen Künstler (oder Kunst-Forscher, je nachdem). Laric hat ein grosses Thema, eine Obsession, könnte man auch sagen: die visuelle Wiederverwertung, quer durch die Epochen.

Seine Funde und Gedanken zur fliessenden Natur der Bilder, zu ihrem Eigenleben, ihrer dauernden Neuinterpretation und -aneignung in wechselndem Kontext, präsentiert er auf eine sehr netzgemässe Weise: als Video eben, mit frappierenden Fallbeispielen und einer begleitenden Tonspur. Bisschen schwer das ganze, vor allem die mit sonorer Stimme vorgetragene theoretische Unterfütterung, aber ungemein faszinierend zum Anschauen auf jeden Fall. Als Journalist würde man die Sache anders erzählen, aber das ist ja nicht der Punkt.

oliver_laric_vvversions

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Lost in Space

Benedikt Sartorius am Donnerstag den 12. August 2010 um 08:42 Uhr

Eine Mond-Raumstation, ein verlorener Mann, gelegentliche Ausfahrten zum Helium-3-Mähdrescher und ein sprechender Roboter namens Gerty: Viel mehr ist da nicht im liebevoll ausstaffierten Science-Fiction-Hommage-Film «Moon» von David Bowies Sohn Duncan Jones, der seinen eigenen Major Tom erfindet. Denn natürlich ist der Film doch viel mehr: Wie Sam Rockwell alleine auf dem Mond sein Dasein fristet, den Kontakt zur Erde nach und nach verliert, täglich mit «The One and Only» geweckt wird und sich mit seinen Doppelgängern und Klonen in der zunehmend klaustrophobisch wirkenden Raumstation im Ping-Pong misst, ist überaus lohnend anzusehen.

Sam Rockwell auf dem Moon-Poster

In Bern allerdings wurde der Film bereits nach nur einer Woche Spielzeit aus dem regulären Programm gekippt und ist morgen und am Samstag nur noch in der Nocturne zu sehen. So scheint es mir nach der Schliessung des Splendid und des Cinemastar zu wenig Säle für die leiseren Filme zu geben. Schade.

Das kann doch jedes Kind

Roland Fischer am Mittwoch den 11. August 2010 um 15:58 Uhr

Die Wunderkind-Geschichte heute auf der letzten «Bund»-Seite hat mich an einen herrlichen Dokumentarfilm erinnert. «My Kid Could Paint That» gehört zu der Sorte Filmen, die mit einer klaren Idee beginnen und sich dieses engen Korsetts gezwungenermassen nach und nach entledigen, weil richtig gute Geschichten nun mal eher üppig als schlank und rank gebaut sind.

Der «kleine Picasso» ist kein so einsames Ausnahmetalent – vor ein paar Jahren hat ein ähnlicher Fall aus Amerika für Furore gesorgt. Dort war es ein vierjähriges Mädchen, das, obwohl nur halb so alt, stilistisch schon etwas weiter war als der diesbezüglich eher biedere Kieron: Marla malte abstrakt – ihre wild-expressive Kunst musste man irgendwo anfangs bis Mitte des 20. Jahrhunderts verorten, bisschen Chagall, bisschen Pollock. Von daher auch der Titel des Films. Man kennt das ja: Man steht etwas verständnislos in einem Saal voll moderner Malerei, man schaut sich die irgendwie planlos wirkenden Werke an und eh man sich’s versieht hat man den dummen Gedanken gedacht, dass diese Gemälde nun wirklich ein Kinderspiel sind – oder zumindest nicht so weit von solchem entfernt.

Marla wurde damals zu einem richtigen Medienstar, und der Regisseur Amir Bar-Lev wollte eigentlich nur dokumentieren, wie eine ganz und gar durchschnittliche Familie mit solchem Rummel umgeht. Mit Kunsttheorie hatte er nicht wirklich viel am Hut. Doch unversehens gerieten die Dinge aus dem Ruder, Marla (bzw. ihre Eltern) wurden des Betrugs bezichtigt, mit aller Macht wurde versucht, die heile Kunstwelt wiederherzustellen: Nein, nicht jedes Kind könnte das. Besser gesagt überhaupt keines. Gutachten wurden erstellt, allerlei Experten meldeten sich zu Wort, die Eltern galten bald als überehrgeizige Unmenschen, die auch mal den Pinsel ihrer Tochter führen, wenn ihre Technik zu wünschen übrig lässt. Und Bar-Lev war plötzlich mittendrin im Schlamassel: ein Ankläger, ein Beweisführer, ein zynischer Beobachter? Hoffen wir, dass der kleine Kieron nicht ins selbe Wespennest sticht. Vielleicht tut er gut daran, alte Meister zu kopieren statt ein neuer zu sein.

Festivalsaison, die zweite: Die grosse Unbekannte

Roland Fischer am Dienstag den 10. August 2010 um 07:31 Uhr

Es ist eines der grössten Festivals in Bern, und doch ist es nur wenigen Liebhabern ein Begriff: Die Biennale Bern gibt es zwar schon ein Weilchen, doch erst seit der Neuausrichtung vor zwei Jahren hat sie merklich an Konturen gewonnen. Höchste Zeit also, dass das  spartenübergreifende Festival auch zu einer Institution im Berner Kulturkalender wird.

BB10_Vase3Vor einigen Tagen hat die Biennale das diesjährige Programm vorgestellt. Und weil es zum Konzept des Festivals gehört, die Berner Kulturinstitutionen für ein gemeinsames Spektakel zusammenzubringen, wurde der visuelle Auftritt nicht von einem Grafikbüro, sondern vom Atelier für visuelle Kommunikation der HKB gestaltet. Einen besonderen Clou haben sich die jungen Gestalter (Nicolas Kunz, Reto Moser, Tobias Rechsteiner) für das Programmheft einfallen lassen. Es ist in eine rote Folie eingeschlagen und fast durchgängig in rot-schwarz gehalten, ganz passend zum Festivalthema «Wut». Einzige Ausnahme sind ein paar seltsame duochrome Fotos, bei denen ein träumerisches Blau ins Rot hineinspielt. Wer wissen will, was es mit dem visuellen Trick genau auf sich hat, soll sich ein Programmheft organisieren (liegen überall in den Berner Kulturorten auf) und mit dem beiliegenden Lesezeichen rumspielen.

Ein paar Höhepunkte seien auch noch aus dem reichen Programm herausgepickt: Ums Dienen und Ausgeliefertsein im ganz konkreten Sinn, nämlich die oft prekären Arbeitsbedingungen des Dienstpersonals, geht es zum Auftakt des Festivals im Haus der Universität, der Dampfzentrale und dem Kino Kunstmuseum («To Serve»). Weiter ist im Tojo der renommierte afrikanische Tänzer Boyzie Cekwana zu sehen, der zwischen dem Zürcher Theaterspektakel und dem Genfer Bâtie-Festival auch Zeit für einen Abstecher nach Bern findet («Influx Controls»). Und mit der Lorrainebrücke wird wohl der eigenartigste Berner Kulturort überhaupt bespielt. Wohlgemerkt: Die «Promenande à travers une oeuvre» findet nicht auf, sondern in der Brücke statt.

The Big Sleep

Benedikt Sartorius am Sonntag den 8. August 2010 um 10:57 Uhr

Der Schlaf ist bei Filmfestivals wie Locarno zentral – und kaum ein privates Gut. Die Kinos verwandeln sich nicht nur während den Mitternachtsvorstellungen in unruhige Schlaflaboratorien, man versinkt in den Plastikstühlen, und natürlich hat der süsse Schlaf in der Regel nicht unbedingt mit den Filmen zu tun, sondern mit der Verfassung des Zuschauenden, der, wenn er es geschickt anstellt, bis zu sechs Filme pro Tag anschauen kann.

Mein Schlaflabor war dieses Jahr überraschend die Piazza Grande. Beim Eröffnungsfilm am Mittwoch hypnotisierte mich der wilde Bub aus dem neoromantischen «Au fond des Bois» bereits vor dem eigentlichen, weniger friedfertigen Hypnose-Akt auf der Leinwand, der donnerstägliche Film aus Island geriet so ärgerlich, dass man sich getrost hinlegen konnte, während beim «Pedaleur de Charme» Hugo Koblet auch die sensationellen Archivaufnahmen nicht über die ganze Spieldauer wachhalten konnten.

Natürlich gab es die schnarchenden Schlafszenen auch auf der Leinwand, zuvorderst bei «Design for Living» von Ernst Lubitsch. Die Anfangsszene ist – wie der ganze Film – einfach herrlich:

Dem Film verschuldet war hingegen das persönliche Wegtreteten beim im Vorfeld skandalisierten Film «L.A. Zombie». Der war einfach sehr sehr langweilig.

Lubitsch in Locarno

Benedikt Sartorius am Donnerstag den 5. August 2010 um 09:20 Uhr

Locarno heisst willkommen (Gaberellpress 2008

Mit einigen Reden, der Anwesenheit der Bundespräsidentin und einem sehr schwierigen Eröffnungsfilm auf der Piazza Grande ist das 63. Filmfestival zu Locarno angelaufen. Die Reden musste man sich natürllich geben, wie auch die Piazza vor Filmende verlassen werden konnte, denn die eigentlichen Ereignisstunden fanden im ziemlich grossen alten Kino Ex-Rex statt.

Dieses Kino behaust während den zehn Festivaltagen eine grosse Ernst-Lubitsch-Retrospektive, die den deutsch-jüdischen Regisseur abseits des unschlagbaren «To Be Or Not To Be» vorstellt. Wunderbar war gleich meine erste besuchte Vorstellung, die das stumme und gänzlich tonlos vorgeführte «Lustspiel» «Ich möchte kein Mann sein» von 1918 beinhaltete. Eine junge Frau namens Ossi Oswald säuft und raucht und spielt, wird zurückgepfiffen von ihren Vormündern und lässt sich darafhin einen Frack schneidern, um als Mann einen Ball zu besuchen. Das geht dann soweit, dass sich der vermeintliche Kerl Ossi und der Erziehungsberechtigte im Suff und Radau hemmungslos küssen. Lubitsch lässt hier sein Verwechslungsspiel bereits andeuten, das beim Musical «Monte Carlo» wesentlich ausgearbeiteter erschien.

Am heutigen bisherigen Regentag startet der nun eigentliche Filmreigen des Festivals mit der ersten Tranche des Wettbewerbs. Es ist aber nicht unwahrscheinlich, dass ich meinen dreitägigen Aufenthalt zum grossen Teil bei Lubitsch im Kino Ex-Rex verbringen werde.

Träumender Irrlauf

Benedikt Sartorius am Samstag den 31. Juli 2010 um 10:34 Uhr

Die Affiche versprach viel: Endlich wieder einmal eine grosse, anscheinenend geschickt gemachte Hollywoodkiste, die sowohl das Publikum wie auch die Kritiker zufriedenstellt und vor allem ein Film, der einen markanten Gegenpunkt neben all den Twilights, Karate Kids und Sex and the Cities setzt, die derzeit die Berner Kinos verstopfen. Kurz, ich freute mich im Vorfeld auf «Inception», der Träume-Manipulierer und Ideenhändler bei der verzwickten Arbeit im Unterbewussten zeigt.

Die Darstellung der verschiedenen Traumwelten ist dann einigermassen unoriginell: Spiegel gibt es zu sehen, eine verstorbene Ehefrau versemmelt Missionen, der Vater ist natürlich ein zu überwindender Endgegner, die schöne Labyrintherbauerin heisst bedeutungsschwer Ariadne, die actionreiche Skiwelt träumt von James Bond und Hans Zimmers durchgängiger Soundtrack kleistert alle möglichen Dynamiken zu.

Natürlich, «Je ne regrette rien» als Aufwachsmelodie für die Traumdiebe ist ein wunderbarer Einfall, das zusammengefaltete Paris sowie einige schwindelnde Treppen sind eindrücklich in Szene gesetzt. Aber wie der seltsam spannungslose zweieinhalbstündige Film von Christopher Nolan als melodramatischer Schinken endet, in dem Leonardo DiCaprio nach dem schauderhaftem «Shutter Island» einmal mehr als kraftmeierischer Darsteller auffällt, war dann doch, Sie entschuldigen bitte, ein schlechter Traum.

Paris faltet sich

Chäs-Bueb, dick eingepackt

Manuel Gnos am Freitag den 30. Juli 2010 um 07:00 Uhr

Nach dem Auftritt von Kutti ist der nächste erfolgreiche Berner Musikexport zu Gast bei Showtogo.ch, der Schweizer Version der so heiss geliebten Concerts à emporter.

Das Video, das in diesen Tagen aufgeschaltet wurde, ist bereits letzten November entstanden – bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt, weshalb der Barde aus dem Oberland auch so dick eingepackt durch die düsteren Gassen rund um den Zytglogge zieht (zum Beispiel am «Chäs-Bueb» vorbei) und tut, was ein Barde eben tut: singen und Gitarre spielen. Aber sehen Sie selbst:

Weitere Videos vom selben Dreh gibt es hier zu sehen.

Klasse Terrasse

Roland Fischer am Mittwoch den 28. Juli 2010 um 07:08 Uhr

Wenn die Sonne bereits wieder merklich früher untergeht und der Sommer sich also ein wenig (ein wenig nur, sage ich) neigt, dann verkünden manche schon das Ende der Freiluftsaison. In anderen Sparten dagegen fängt, wenn es wieder früher einnachtet, die Open-Air-Saison erst richtig an. Die Projektoren werden nach draussen verfrachtet und für ein paar Nächte cinematische Paradiese eingerichtet.

Filmpodium Biel Open Air (Alison Pouliot)

Eines der schönsten dieser Freiluft-Paradiese ist die Terrasse des Filmpodiums Biel. Zwischen den Jurahang und das Centre Pasquart gezwängt ist das Plätzchen wie gemacht für Filmvorführungen unter freiem Himmel. Dass der Zug alle halbe Stunde hinten vorbeirauscht trägt noch zur besonderen Atmosphäre bei. Das feine Programm steht dieses Jahr unter dem Motto «Wenn ich mir was wünschen könnte…», als besondere Empfehlungen seien hier «The Band’s Visit», «Easy Rider» und «Le Hérisson» herausgepickt.





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