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Archiv für die Kategorie „Politik & Debatten“

Zurück in die Renaissance?

Roland Fischer am Montag den 17. Dezember 2012 um 21:02 Uhr

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen, was Bazon Brock am Montagabend für eine Lösung parat hatte für das etwas schwierig gewordene Verhältnis von Künstler und Publikum. Zunächst verlangte er, das Publikum müsse die Künstler fordern, um zu folgern, dass sich dieses, um solches leisten zu können, zwingend auskennen müsse in Sachen Kunst und Konsorten. Ein Expertenpublikum findet sich aber nicht so leicht, und da hatte Brock dann den originellen Einfall, die Künstler gewissermassen zur Rezeption zu verdonnern: 28’000 von ihnen gebe es in Deutschland, und wenn die nur regelmässig Publikum spielten, dann müsse sich die Kunst keine Sorgen machen, was eine fundierte Auseinandersetzung (und nebenbei: Besucherzahlen) angeht. Er rechnete vor: 1000 aktiv, ergo 27’000 passiv, verteilt auf 10 Kunstzentren, macht überall stolze 2700 Kunstkonsum- und rezipienten. In der Schweiz wären die Zahlen bestimmt noch verheissungsvoller.

So schön hat wohl noch niemand den hermetischen Zirkel, in dem die Kunst heute bis zum Hals drinsteckt, auf den Punkt gebracht. Kunst für Künstler? Darum würde es ja eben nicht gehen, aber vielleicht hat das der Nichtkünstler auch falsch verstanden. Also zurück zur Frage, wie es der Kunst heute denn überhaupt so geht (denn darum sollte sich diese von Gerhard Lischka eingefädelte und von der HKB organisierte Diskussion zwischen den «Koryphäen» Brock und Peter Weibel drehen). Dazu hatten die alten Herren dann leider nicht allzu viel zu sagen, ausser den «Marktterrorismus» zu geisseln, eine «Abschaffung der Kompetenz» zu diagnostizieren und überhaupt alles reichlich apokalyptisch zu finden. Und die Renaissance als gute alte Zeit zu beschwören, ohne genauer zu werden, was das für eine inzwischen doch ein paar hundert Jahre älter gewordene Welt bedeuten könnte.

Das war in seiner Verstiegenheit zuweilen auch mal ziemlich albern. Interessanter war ein anderer Aspekt, der sich wie ein roter Faden durch das ganze Gespräch zog. Die beiden Kunsttheoretiker nannten nämlich Kunst und Wissenschaft immer wieder in einem Atemzug, als ginge es um im Grunde kongruente Kulturtechniken (und als hätten Künstler und Wissenschaftler ganz dieselben Ziele, Ansprüche und Probleme). Diese Engführung sagt doch einiges über den Zustand der Kunst in der Sicht von Weibel/Brock: Die Wissenschaft hat ihren unbestrittenen Platz in der Gesellschaft, sie ist Referenz und sie ist Taktgeberin, da ist kein Zweifel. Versucht sich da womöglich jemand als Trittbrettfahrer?

Preiswerte Bereicherung des Soziallebens

Roland Fischer am Freitag den 23. November 2012 um 11:42 Uhr

Gut, man kann die Idee auch ein wenig erbarmenswert finden: Das Theater veranstaltet einen Abend, an dem man – mit ein wenig professioneller Hilfe – ins Gespräch mit wildfremden Menschen kommt. In anderen Ländern passiert das tagtäglich und ganz zwanglos, auch ohne Kulturauftrag. Es wundert nicht, dass das Format des «Host Club» aus Japan kommt – dort ist diese Art käuflichen Soziallebens offenbar ein Millionengeschäft (und hat eine bemerkenswerte Kundenstruktur, wie man hier nachlesen kann).

Das Stadttheater hat die Idee nach Bern gebracht, gestern fand in der Mansarde oben schon der dritte «Host Club» statt. Und man kann sagen: Das funktioniert tatsächlich, und zwar auf halb so angestrengte Art, wie das Konzept-Drumunddran und der etwas steife Beginn des Abends hatten befürchten lassen. Die Gäste verteilen sich auf vier Rundbänke, wo je ein Theaterprofi die Gespräche ins Rollen bringt und durch den Abend lenkt (aber durchaus nicht nur den Moderator gibt, sondern auch mal aus dem persönlichen Alltag erzählt). Es gibt jeweils ein Oberthema; gestern war es, angelehnt an Horváths «Glaube, Liebe, Hoffnung», die Arbeitswelt und die aktuelle Verwischung der Work-Life-Grenze.

Dezent werden szenische Momente eingestreut, und so gehen die fast zwei Stunden dahin, ohne dass man sich je als Teil einer theatralen Kopfgeburt fühlt. Sehr charmant, wie die eingeladenen Experten erst in der Mitte des Abends zum Interview gebeten werden und vorher wie nachher ohne weiteres mitdiskutieren in den Runden. So brachte der Soziologieprofessor Ueli Mäder für einmal nicht nur bemerkenswerte aktuelle Forschungsergebnisse ein, sondern auch ganz persönliche Arbeitserfahrungen an der Uni. Dass die Gespräche dem Hausautor Marcel Schwald Material für einen Theaterabend liefern, ist ein technisches Detail am Rande, das einen gar nicht zu kümmern braucht. Aber gespannt sein darf man natürlich, was er aus all den Diskussionsfetzen zusammenbaut.

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Den nächsten Host Club gibt’s bereits am 1. Dezember. Hausautor Marcel Schwald und das Ensemble fragen dann zum Thema «Wie teuer ist Ihr Traum?» nach den Visionen, Träumen und Idealen des Publikums. Zu Gast sein wird auch die Filmemacherin Sibylle Dahrendorf, deren Dokumentation «Knistern der Zeit» über Christoph Schlingensief am selben Abend um 18 Uhr im Kino Kunstmuseum läuft.

Preise, Pulver und Pyro

Gisela Feuz am Donnerstag den 15. November 2012 um 12:33 Uhr

Preisverleihungen sind anfällig dafür, dass sie sich unendlich in die Länge ziehen und furchtbar stier sind. Gestern Abend wurde allerdings bei der Film- und Musikpreis-Verleihung des Kanton Bern in der Dampfzentrale demonstriert, dass es auch anders geht. Kurz und bündig waren Peter Krauts einleitende und jeweils überleitende Worte und keine der LaudatorInnen oder PreisträgerInnen verlor sich in allzu langen Reden. So wurde auf der Bühne des Turbinensaals praktisch alle fünf Minuten etwas Neues geboten, einzig Regierungsrat Bernhard Pulver überzog ein bisschen, aber weil er erstens ja quasi der Oberhäuptling der Kultur ist und zweitens eine sehr schöne Rede hielt, vergab man ihm das gerne.

Es sei dem Kanton Bern ein Anliegen, dass Kultur in ihrer ganzen Vielfalt wahrgenommen werde, wozu eben auch Nischenkultur gehöre, erklärte besagter Herr Pulver. Dieses Anliegen spiegelt sich auch deutlich in der Wahl der diesjährigen Preisträger. So wurden die Anerkennungspreise an drei Herren vergeben, die aus komplett unterschiedlichen Musik-Ecken kommen: Julian Vital Frey, Cembalisten und Kammermusiker, Pascal Viglino, Perkussionist und der Berner DJ und Soundtüftler Dimlite.

In der Kategorie Film wurden Oliver Schwarz für seinen Kurzfilm «Traumfrau» ausgezeichnet, Karin Bachmann bedankte sich via Skipe für die Auszeichnung ihres Dokufilmes «Er/ich», Schauspieler Marcus «Wasfüreinestimme» Signer wurde für seine Schauspielleistungen geehrt und Samuel Schwarz und Julian M. Grünthal räumten mit ihrem fiebrigen «Mary & Johnny» den Hauptpreis ab.

In der Kategorie Musik wurden Züri West ausgezeichnet, die zwar nicht exakt Newcomer sind, für ihr Schaffen, ihre Authentizität und schon nur alleine aus dem Grund, weil sie «geili Sieche» sind, diesen Musikpreis aber mehr als verdient haben. Die Nachwuchspreisträgerin Lily Yellow sorgte für die musikalische Untermalung des Abends, die Show stahl ihr dabei allerdings Mani Porno mit seinem YB-Fan-Support-Mannenchörli, welches herrlich katzfalsch sang und dazu Pyros abbrannte. Unter aller Kanone wunderbarst subversiv war das. Und dass sich besagter Mani Porno im Anschluss draussen im Open Air-Fumoir angeregt mit dem einigermassen bierseligen «Er/ich»-Protagonisten Erich Hess unterhielt, passte irgendwie auch ganz prima zu diesem vielfältigen Abend.

Nomaden in Bern

Roland Fischer am Montag den 12. November 2012 um 12:39 Uhr

Gestern nachmittag traf sich eine Schar Kulturschaffender im Wylerquartier nicht eben zum Kaffeeplausch, aber doch zu einem sehr gemütlichen Meinungsaustausch. Die Rast-Plattform hatte zu einer Diskussionsrunde in Sachen nomadische Kulturprojekte in Bern geladen – Artacks, Cantine Mobile aus Biel, Raum NO, Transform, Waschküche (aka Freiraumkultur) und Wohnzimmerkonzerte waren der Einladung gefolgt, dazu erschien ein zahlreiches Publikum. Die Fragestellung: Ist die Bespielung von Zwischennutzungen im Kulturschaffen ein temporärer Trend oder ein zukunftsträchtiges Modell? Welche Grenzen, welche Chancen eröffnet ein nomadisches Konzept?

In der Diskussion zeigte sich rasch, dass der vage Begriff des ‘Nomadischen’ den ganz unterschiedlichen Konzepten, die in Bern derzeit kulturell umherziehen, kaum gerecht werden kann. Die Motivationen, Anliegen und Ansprüche waren dann doch sehr verschieden. Eines fiel aber doch auf, als etwas irritierender gemeinsamer Nenner: Keine der geladenen Initiativen scheint wirklich aus der Not geboren zu sein (wenn man ganz normale Start-Finanznöte mal weglässt) – vielmehr wurde die Freiheit betont, sich jenseits fester Strukturen ausleben zu können. Ganz folgerichtig fehlten in der Diskussion politische Töne fast vollständig. Die Suche nach anderen Raumkonzepten als politisches (oder zumindest gesellschaftliches) Statement? Das scheint man in Bern lieber den Hausbesetzern zu überlassen – derweil kulturelle Zwischennutzer ganz gern ein wenig auf der Gentrifizierwelle mitsurfen?

Nächsten Sonntag kann die Diskussion weitergehen, es wird um Kultur und Stadtbild gehen. Geladen sind dann auch Politiker.

RaBe 1’000er-Fest abgesagt

Gisela Feuz am Donnerstag den 25. Oktober 2012 um 11:54 Uhr

In der Mitte diese Jahres war es endlich so weit: Berns alternatives Kulturradio RaBe konnte sein 1’000 Mitglied verbuchen. Diese Anzahl Mitglieder ist in etwa nötig, damit RaBe selbsttragend funktionieren kann. Die Freude war also gross, das jahrelang angestrebte Ziel endlich erreicht zu haben, was denn auch mit einer entsprechenden Party gefeiert werden sollte.

Mit dem Restaurant Äussere Enge war bald einmal eine Lokalität gefunden, welche den Bedürfnissen für eine RaBe-Sause perfekt entsprach. Auf mehreren Etagen gab es viele grössere und kleinere Räume in denen verschiedenste Musik- und andere kulturelle Projekte an diesem 1’000er-Fest hätte stattfinden können. Musikredaktor und gute Seele von RaBe Tinu Schneider legte sich ordentlich ins Zeugs, organisierte Partner, Musiker, DJs und allerhand andere kleinkünstlerische Acts, welche bei der zweitätige Sause am nächsten Wochenende mitgemacht hätten.

Sollte, hätte, würde, möchte ….. Sie werden es wohl bereits am leidigen Konjunktiv gemerkt haben, werte Leser und LeserInnen: Leider wird nun doch nichts mit Feiern in der Äusseren Enge. Gebäudeversicherung und Gewerbepolizei haben ein Machtwort gesprochen, welches aus Laienperspektive einmal mehr in die Akte «Bürokratisches Absurdistan» gehört.

Die Notausgänge seien zu wenig breit. Nun gut, dagegen kann man nichts sagen, Notausgänge sind wichtig. Aber kann denn die Tatsache, dass anstatt der zwei verlangten Notausgänge gar deren vier vorhanden sind (anstatt der verlangten 1.2m halt nur 85cm breite), so gar nicht berücksichtigt werden? Zudem gibt’s im oberen Bereich eine grosse Terrasse und auf jedem Stock zahlreiche Fenster. Meine Damen und Herren, welcher Club in Bern verfügt wohl über eine solche Anzahl an «Notausgängen» im wahren Sinn des Wortes?

Weitere Beanstandung: Die leerstehende Wohnung im oberen Stockwerk dürfe nicht zum Tanzen benützt werden, dazu müsse mit einem Baugesuch erst eine Umnützung beantragt werden, was ungefähr ein halbes Jahr dauern würde. Nota bene würde sich durch diese beantrage Umnützung genau nichts verändern an der Wohnung selber, ausser dass man von Gesetzes wegen dann eben hochoffiziell darin tanzen dürfte. Einer Nutzung des Restaurants selber zum Feiern steht gemäss Gebäudeversicherung und Gewerbepolizei nichts im Wege, aber nur, wenn die Notausgangbeleuchtung dort auf Clubstandard gebracht würden, sprich: an die 1’000 Franken investiert würden. FÜR EINE EINMALIGE VERANSTALTUNG, GOPFERT*********!! Exgüsi. Der ist mir ab. Aber Himmelhergott. Es ist nicht einfach, ab so viel Realitätsfremdheit und Feierlauneverderberei nicht die Contenance zu verlieren.

Nächstes Wochenende werden in der Äusseren Enge am RaBe 1’000-Fest folgende KünstlerInnen NICHT auftreten: Core-Set, The Strapones, Dj Danny Ramone, Copy & Paste, James McHale, Dirty Apples, Disko Dario, Skaos, Meskal, Gelber, Dj Johnny Gigalos (D), DJ Marcos, Dj sEar & Guests, Holle, Mother Jukers, Mani Porno, DJ Bernd das Brot, Mexicolabar Crew, Bewegunsmelder Dj Crew, Anvil, Pablo Bordon, Epi, Racker, Bird, The Noses, Silvio Serioso, El Mansajero, El Tigre, DJane Andrea, Rock del Sur, Lt. Slam

Pop und Politik

Benedikt Sartorius am Mittwoch den 12. September 2012 um 13:53 Uhr

Goldklunker, Startum, Geldmangel, Armut: Pop und Kapital hängen bekanntlich immer zusammen. Das Gewand der Popmusik kann natürlich auch der politischen Stimmungsmache dienen – das wissen alle amerikanischen Präsidenten und Präsidentschaftskandidaten, die Stadtberner Opposition, die FDP Reinach und kantonale SP-Politiker.

So war es nur eine Frage der Zeit, bis der pauschalbesteuerte Johnny Halliday im laufenden und fiebrigen Abstimmungskampf über die Pauschalbesteuerung seine Kernkompetenzen in die Waagschale werfen würde. Dies ist nun geschehen, wenn auch von Gegners Seite – und man ist gespannt, wie lange diese Clipcollage online bleiben darf:

Schwarze Rillen auf dem Schwarzmarkt

Benedikt Sartorius am Samstag den 8. September 2012 um 14:34 Uhr

Wo sind wir stehen geblieben? Genau hier: «…und warten auf das weitere Votum des schlafenden Autors. Denn: “We Insist”.» Seither wurden Platten gekauft und aber vor allem am Freitagabend der grossartige «Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen» in den Vidmarhallen aufgesucht.

Und es wurde dort geschäftig ver- und gehandelt – man bezahlte am Schwarzmarkt-Checkin 1 Franken für ein Expertengespräch (unter vielen auch dort Ulrich Schlüer), lernte via dem Schwarzradioempfänger, wieso das Bruttosozialprodukt einst erfunden wurde, man hörte Ausführungen über das Werk «Atlas Shrugged» von Ayn Rand und Geschichten von Schorsch Kamerun und Bubi Rufener und Ueli Jäggi und dem Geldfälscher Hansjörg Mühlematter und war am Ende überwältigt von all dem Wissen, das im Raum und über den Äther flottierte.

Doch eben: Man insistiert und knüpft wieder beim Donnerstagabend an. Denn unsereiner verzichtete auf ein Expertengespräch im klassischen Sinne und hörte am Tisch 12, der in der Runde 1 von Thomas Meinecke besetzt war, quasi als Fortsetzung des Biennale-Eröffnungsabends, Platten. Platten, die das Geld besingen, so etwa zum Start der Runde «Money (That’s What I Want») in einer alten New Orleans-Version (den Namen der Interpretin habe ich leider vergessen aufzuschreiben) und gleich im Anschluss, das gleiche Lied, nur dekonstruiert von der englischen Post-Punk-Band The Flying Lizards.

Das Plattencover der Contortions mit der Aufforderung «Buy» folgte auf dem Plattenstapel, es ging weiter mit der Gang of Four und «Damaged Goods» sowie zum Abschluss der halbstündigen Runde Lee Dorseys «Working in the Coal Mine».

Und spätestens hier wusste ich wieder, wieso die Geldanlage Plattensammlung auch in Spotify-Zeiten keine schlechte Wahl ist: Denn zusammen tolle Musik hören und den Nerd spielen, während der Plattenspieler dreht, ja, das ist immer noch eine der tollsten Beschäftigung überhaupt.

«We Insist»

Benedikt Sartorius am Freitag den 7. September 2012 um 05:21 Uhr

Gestern war der Start zur Biennale: Man hat ordentlich Kapital verbrannt und dieses in Getränke und anderweitige Gadgets gesteckt, um an diesem Auftakt teilzunehmen. Starring: Schorsch Kamerun und seine Mitstreiter plus im Nachgang Ted Gaier und Thomas Meinecke.

Und in der Plattenkiste der beiden letzteren Herren landete auch die Platte von Max Roach namens «We Insist». Man empfiehlt mit Thomas Meinecke folgendes Video herzlich:

Wir schauens sorgfältig an – und warten auf das weitere Votum des schlafenden Autors. Denn: «We Insist».

In der Hitze des Kapitals

Christian Pauli am Freitag den 24. August 2012 um 16:30 Uhr

Das Kapital hält Einzug in das Berner Kulturleben. Die Biennale Bern 2012, die in einer Woche startet, widmet sich der kapitalen Thematik. Vorgängig, gestern Abend, in der Hitze des ausklingenden Hochsommers, wurde in der Aula des Progr über das Gespenst des Kapitals debattiert. Das Berner Literaturfestivals, das dieses Wochenende in Bern stattfindet, hatte Joseph Vogl, Lukas Bärfuss und Stefan Zweifel eingeladen, ein Gespenst zu bändigen, das uns nicht nur beherrscht sondern zu dem wir längst schon selber geworden sind.

Die Debatte der deutsch-schweizerischen Intellektuellen-Troika geriet zum leicht überhitzten Diskurs-Showdown. Nach vielen Worten mit viel Ironie und Paradoxie wusste man am Schluss gar nicht mehr so recht, von was eben gerade die Rede gewesen war. Ist diese Unschärfe der Temperatur oder der Thematik geschuldet? Lassen Sie mich an dieser Stelle ein paar Stichworte und Zitate in die Runde werfen: Das Kapital, völlig losgelöst (Zweifel). Nur Diebstahl ist reiner Genuss (Jean-Jaques Rousseau). Geld ist Melancholie, weil es immer dessen Mangel impliziert (Vogl). Kapital ist die Konkurrenz zu Gott (Vogl). Der Orgasmus der Geldvernichtung (de Sade, Zweifel). Ich bin in einem teuflischen Kreislauf gefangen (Bärfuss). Die Verunsicherung des Kapitals ist in der Politik noch nicht angekommen (Bärfuss). Wie die Poesie ist auch das Geld entregelt worden (Zweifel). Die Gesetze der Kunst dürfen nicht auf die Wirklichkeit angesetzt werden (Bärfuss). Wie lösen wir die gegenwärtige Krise ohne die Hoffnung auf einen Krieg zu schüren (Vogl).

Entschuldigen Sie die saloppe Liste. Keine Frage, diese drei Wort- und Gedankenarbeiter haben Relevantes und Wichtiges zur Realität und zum Mythos des Kapitalismus’ zu sagen. Lesen Sie Vogls «Gespenst des Kapital» und Bärfuss’ «100 Tage». Und schauen Sie den Literaturclub, der ab Herbst von Zweifel geleitet wird. Aber tun Sie es in klimatisch moderateren Umständen.

Zeichen und Wunder am Weltende

Nicolette Kretz am Mittwoch den 8. August 2012 um 05:44 Uhr

Die Dampfzentrale ist derzeit während drei Wochen von einem very friendly takeover betroffen. Zehn BühnenkünstlerInnen aus der Schweiz und sieben aus dem Ausland recherchieren dort unter dem Titel «for the end of the world» an performativen Strategien rum. Das wär an sich noch nichts extrem Aussergewöhnliches, arbeiten doch gerade Tanz-Compagnien oft in internationalen Kollektiven und beginnen ihre Projekte mit einer Recherchephase. Das Spezielle ist hier eher, dass diese Arbeit nicht auf ein Endprodukt ausgerichtet ist, jedenfalls nicht auf ein vorher geplantes. Das heisst aber nicht, dass hier nichts entsteht!

Zu verdanken ist diese «research residency» dem Kollektiv Sweet&Tender, einem losen internationalen Künstlernetzwerk, das 2006 aus einem Workshop in Wien entstanden ist. Chris Leuenberger und Lucie Eidenbenz brachten dieses Treffen nach Bern, wovon nun auch lokale Tanz- und Theaterschaffende, die sonst bei Sweet&Tender noch nicht dabei waren, profitieren können. Solche von KünstlerInnen selbst ergriffene Initiativen, die nicht auf eine absehbare Aufführung abzielen, sondern im wahrsten Sinne kreativ vorgehen, sind hier leider eher rar. Weder die Strukturen der Veranstaltungs- und Produktionshäuser noch die der Förderung sehen sie vor. Man erwartet von der Kunst stets, dass sie innovativ sei, aber bitte schön in der vorgegebenen Struktur. Doch wie reisst man diese nieder und gestaltet einen Neuanfang?

Am gestrigen öffentlichen Symposium ging es auch um diese Problematik, aber darüber hinaus in verschiedenen Referaten teils externer Experten auch um unterschiedliche Apokalypsen, um Weltuntergangsvisionen und den Neuanfang, den diese immer auch beinhalten («What are you doing after the apocalypse?»), um die Beschäftigung mit dem Erhabenen, um die Vorzüge von ADHS in der heutigen Zeit und um einiges mehr.  Viele kluge Köpfe denken hier an spannenden Fragen rum, in einer sehr anregende Atmosphäre mit viel produktiven Potential, das (an den Biografien der einzelnen aktuellen und früheren Teilnehmenden geschätzt) bestimmt nicht ungenutzt bleibt.

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Am 16. und 17.8., jeweils um 20:00 gibt die Gruppe in einem Showing Einblick in ihre Arbeit.