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Archiv für die Kategorie „Politik & Debatten“

Unschöner Noise

Benedikt Sartorius am Mittwoch den 28. Dezember 2011 um 06:49 Uhr

Zum Schluss des Jahres wirds nochmals laut, unschön laut: «Scherbenhaufen in der Dampfzentrale» titelt heute der «Bund» und berichtet über die Querelen auf der Suche nach einem Nachfolger des abtretenden Dampfzentrale-Co-Leiters Roger Merguin, die nun auch den Rücktritt von Christian Pauli – in diesen Seiten bestens bekannt – mit sich ziehen.

Wie weiter?
Das weiss ich derzeit natürlich auch nicht, aber es ist schon so: Im Haus unten an der Aare liegen ein paar meiner schönsten Erinnerungen an Konzertabende in dieser Stadt – etwa an Phantom/Ghost damals beim Festival zum Neustart der Dampfzentrale, an die fiebrigen Saint-Ghetto-Abende (feat. die Goldenen Zitronen und The Fall) und an die übergrossen Ja, Panik im Herbst.

Wie weiter? Alles über Bord werfen, alles gut aufgebaute wie eben beispielsweise das Saint Ghetto mit abreissen? Ich hoffe nicht, auch wenn es zum Jahresschluss so anmutet.

Kulturstadt-Reminder

Benedikt Sartorius am Donnerstag den 15. Dezember 2011 um 11:43 Uhr

Hier eine kurze Erinnerung, verbunden mit einem redseligen Veranstaltungshinweis: Vor einigen Monaten erfragte der Unternehmer und ehemalige FDP-Politiker Peter Stämpfli die Berner in einer Umfrage, «wie die Bürgerinnen und Bürger Bern als Kulturstadt beurteilen, wie ihre Sicht auf die wichtigsten Institutionen ist».

Heute nun werden die Resultate an einem Podium ab 19 Uhr im Kornhausforum diskutiert. Der Titel der Podiumsdiskussion: «Ist Bern eine Kulturstadt?»

Hier schon mal ein Diskussionssteilpass von Stämpfli, der in der «Berner Zeitung» publiziert wurde. Und da ich annehme, dass auch das Thema «Clubsterben» aufgegriffen wird, eine Diskussion, die auf dem Sender «Joiz» ausgestrahlt wurde.

Wie das kultur(politische) Stadtpodium ausgehen wird, berichtet man mir wegen Abwesenheit dann bitte in den Kommentaren. Danke.

Es hagelt Kritik!

Nicolette Kretz am Donnerstag den 24. November 2011 um 11:41 Uhr

Anfangs Monat ging die neue Schweizer Theaterkritikplattform theaterkritik.ch online. Wie wir bereits berichteten, funktioniert diese von Theatermachern und Journalisten lancierte Seite so, dass Theatergruppen oder –häuser für 600.- zwei Kritiken zu einer Inszenierung kaufen können, die am Tag nach der Premiere online erscheinen. Die Plattform beteuert jedoch, dass die KritikerInnen, obwohl sie von den Gruppen den Auftrag erhalten, nicht in deren Dienst stehen, sondern frei und aufrichtig schreiben.

Ob das wirklich funktioniert und welche Stellung diese Plattform in der Theaterszene einnehmen wird, ist nach zehn erschienenen Kritiken noch schwierig zu sagen. Wellen hat das Projekt jedenfalls schon heftig geschlagen.

Vor zwei Monaten ging mit Blitzkritik eine weitere interessante Initiative von Theaterschaffenden online, diesmal von einer Gruppe von «Zürcher TheaterexpertInnen» um Samuel Schwarz. Die MacherInnen posten hier Kritiken (von Theater und Filmen) als Audiobeiträge unmittelbar nach den Vorstellungen, die sie sehen. Die Auswahl scheint persönlich und versucht gar nicht erst irgendetwas «abzudecken». Die Berichte sind ebenfalls bewusst persönlich und ehrlich – so geben die Berichtenden es auch zu, wenn sie mal gar nicht wirklich eine Meinung haben. Mutig und erfrischend! Bloss der Gastbeitrag eines nicht namentlich genannten Gasts zu Samuel Schwarz’ neuster Inszenierung macht einen natürlich etwas hellhörig. Da die Seite aber gar nicht erst eine Neutralität behauptet, verzeiht man ihr das gerne.

Alpedrosi!

Grazia Pergoletti am Mittwoch den 23. November 2011 um 06:31 Uhr

Nicht nur die UNESCO und die Eidgenossenschaft kümmern sich um den Erhalt des Immateriellen Kulturerbes, nein, auch ganz junge Menschen arbeiten an der Pflege unserer Traditionen. So zum Beispiel Miko Hucko und Thibault Schiemann, alias Tobak Lithium, die im Rahmen der «Startrampe» im Keller des Schlachthaus Theaters für die Wiederbelebung der Alpedrosi und ihrer Gesänge kämpfen.

Miko, Thibault, was bedeutet Tradition?
Thobak Lithium: Eine Tradition ist eine über mehrere Generationen weitergegebene kulturelle Praxis.

Was ist das, ein Alpedrosi?
Thobak Lithium: Ein Alpedrosi ist ein Sänger, der urschweizerische Geschichten erzählt und dabei von einem Trommler begleitet wird.

Warum ist die Alpedrosi-Tradition schützenswert?
Thobak Lithium: Weil keine andere Tradition die Schweizer Identität so allumfassend abbildet.

«Die Erzählungen der Alpedrosi», Donnerstag 24. bis Sonntag 27., «Startrampe» im Schlachthauskeller. Und noch immer können dem Bundesamt für Kultur Vorschläge gemacht werden, was auf die Liste des immateriellen Kulturerbes der Schweiz gehört, nächster Eingabetermin im Kanton Bern ist der 12. September 2012.

Schwierig

Benedikt Sartorius am Freitag den 18. November 2011 um 02:28 Uhr

Es ist nicht ganz einfach zur Zeit: Man möchte sich über tolle Platten, über anstehende Konzerte und als Heimurlauber auch ganz banal über den momentanen Sonnenschein freuen, wenn denn dieses momentan politisch zu aufgeladene Berner Nachtleben nicht wäre, sprich: die Situation im lärmbetroffenen Sous-Soul, wie sie im bereits verlinkten Rundschau-Beitrag mitsamt einem Luzerner Superclub parallelisiert wird und natürlich, aktueller, über den beschnittenen Kulturkredit für die Reitschule.

Und da ich nicht ganz sicher bin, wieso auf einmal eine mitte-rechts Mehrheit im Berner Stadtrat zu bestimmen scheint, verweise ich doch einfach auf mein persönliches Lieblingslied der vergangenen Tage. Ein Klick auf das Bild macht es doch ein wenig einfacher, zumindest für mich:

Wahltage

Benedikt Sartorius am Dienstag den 15. November 2011 um 06:08 Uhr

Der Wahlherbst ist nun, in einigen Tagen, endlich vorbei. Die Plakate sind glücklicherweise weg und werden bis im nächsten Jahr kaum vermisst werden, doch Spuren hat er doch hinterlassen, wie ein kurzes Durchscannen von Ausschuss-Material auf dem mobilen Mangel-Fotogerät ergeben hat:

Wie auch immer: Spätestens am Sonntag, da hat man keine Wahl – und ich werde meine Boots rausholen, und schauen, was da draussen so geht.

Miststück

Grazia Pergoletti am Samstag den 22. Oktober 2011 um 14:00 Uhr

Gehen sie wählen, falls Sie es nicht schon längst getan haben! Die letzten Wahlen in Ungarn 2010 haben zu einem enormen Rechtsrutsch geführt, selbst die rechtsextreme Jobbik-Partei zog mit 16,7 % Stimmenanteil ins Parlament. Und die rechtskonservative Regierungspartei Fidesz führt seither regelrechte «Säuberungsaktionen» durch.

Diese Entwicklung zeigt nun auch ihre Auswirkungen auf den Kulturbetrieb: Kompetente Theaterleitungen werden nach und nach durch irgendwelche unerfahrene, aber linientreue Leute ersetzt. In Budapest wurde soeben ein Theaterdirektor gewählt, der sich selbst als nationalradikal bezeichnet und das «Neues Theater» in «Heimatfront Theater» umbenennen will.

Im Schlachthaus Theater gastiert zur Zeit eine der wichtigsten unabhängigen Truppen Ungarns «Béla Pintér und Pbest» mit ihrem «Miststück». Darin wird auf intensive, böse, ironische und vor allem unglaublich virtuose Weise die Situation in Ungarn reflektiert und tief nach Vorurteilen gegraben.

Mich persönlich liess die extrem beeindruckende Vorstellung inhaltlich mit gemischten Gefühlen zurück. Das ist bestimmt auch die Absicht. Trotzdem überlegte ich einen Moment lang, ob ich mir hier, benebelt von strahlendem Können, zum Teil etwas zweifelhafte Inhalte unterjubeln lasse. Auf jeden Fall sieht man sich in der absolut sehenswerten Aufführung mit seinen eigenen Vorurteilen konfrontiert.

Noch heute im Schlachthaus, Reservation empfohlen!

RaBe Kulturpreis-Verleihung

Gisela Feuz am Freitag den 23. September 2011 um 12:36 Uhr

«Typisch RaBe», grinste gestern die Dame aus der Newsredaktion. Die Aussage bezog sich auf die Ausstrahlung eines Radio-Features zur Geschichte von Radio Bern, kurz RaBe, welches in aufwändiger Arbeit zusammengestellt worden war und im Vorfeld der gestrigen Kulturpreis-Verleihung im Progr ausgestrahlt werden sollte. Das Problem war bloss, dass besagtes Feature über einen kleinen portablen Radio ausgestrahlt wurde, der jedes Mal gewaltige Störgeräusche von sich gab, wenn jemand vor, hinter oder neben ihm durchmarschierte. Also eigentlich ständig.

Eine gewisse Unprofessionalität gehört zu RaBe, ja macht einen grossen Teil des Charmes aus, welcher das Berner Kulturradio versprüht. Wie Regierungsrat Bernhard Pulver und Marc Furrer, Präsident der ComCom, in ihren Reden richtig feststellten, bietet RaBe denjenigen Leuten eine Stimme, die sonst vielleicht nicht so oft zu Worte kommen, in Sprachen, die man sonst vielleicht nicht jeden Tag hört. Herz, Leidenschaft, die Liebe zum Seltenen und ganz viel Idealismus gehen hier definitiv vor Professionalität, Geschliffenheit und Mainstream, wodurch RaBe eine wichtige kulturelle Leistung erbringt und Brücken zwischen verschiedensten Kulturen baut.

RaBe-Gründungsmitglied Willi Egloff und (popelnde) RaBe Big Band

RaBe-Gründungsmitglied Willi Egloff machte im Anschluss in seiner Dankensrede einen amüsanten Rückblick auf den 1. März 1996, an welchem das Berner Kulturradio erstmals auf Sendung ging und bedankte sich bei der Berner Zeitung, die sich seit 15 Jahren konsequent weigert, das RaBe-Programm im Programmüberblick auch nur zu erwähnen. Dies könne man ja irgendwie auch als Bestätigung für die eigene Arbeit betrachten, «denn wir lassen uns weder kaufen noch verkaufen», so Egloff.

Es war eine schöne Feier gestern im Progr, bei der der Theatermacher Germain Meyer und RaBe mit dem Kulturpreis des Kantons Bern ausgezeichnet wurden. Bumsvoll wars drinnen und draussen, wobei man nicht recht wusste, ob wegen RaBe, Meyer oder den lauen Temperaturen. Egal. Drinnen sorgte die RaBe Big Band (eigentlich die Uptown Big Band) für das musikalische Rahmenprogramm, wobei selbst die Sendungsmacher der härtesten Rocksendung anerkennend mit dem Kopf im Takt abnickten. Das wiederum ist so was von RaBe.

Ein Abend «im Widerstandsnest»

Benedikt Sartorius am Donnerstag den 15. September 2011 um 13:00 Uhr

Nach der «New York Times» besucht nun auch die «Weltwoche» die Reitschule.

Das Gute an der Arbeit auf einer Redaktion ist ja, dass man auf beinahe alle Erzeugnisse der hiesigen Presselandschaft Zugriff hat. So lockt am Donnerstag auch regelmässig der scheue Blick in die «Weltwoche», die in der aktuellen Ausgabe am vergangenen Freitagabend – einen Tag vor der SVP-Kundgebung – die Reitschule besucht hat.

Dem Journalisten, für den der Besuch «im Widerstandsnest» eine Rückkehr in seine ­Studienzeit bedeutet habe, scheints auf seiner allerdings missglückten «Suche nach dem “Revolutionären Aufbau”, dem “Schwarzen Block” oder wie die Linksradikalen sich auch immer nennen» einigermassen gefallen zu haben.

Beziehungsweise: Wenn der erwünschte Knall ausbleibt, muss man weiterziehen, und sich über die angebliche Angepasstheit und «das Übermass an politischer Korrektheit, mit dem der linke Aktivismus heute einhergeht», mokieren.

Der Autor geniesst das Abendessen im «Herzstück», dem Restaurant Sous le Pont («Manch ein gutbürgerliches Restaurant könnte sich diese Küche zum Beispiel nehmen»), moniert zwar die Pöbeleien gegenüber seinem Fotografen und der zunehmend aggressiven Stimmung, die durch den Alkohol bedingt sei, aber: «Mehr denn je hat in der Reitschule alles seine strikte Ordnung; die Rufe nach Anarchie sind verschwunden, heute formuliert man lieber Hausregeln als Widerstandspamphlete.» Denn die Reitschule sei «heute Teil jener kommerziellen Spasskultur, die auf den Transparenten bekämpft wird.»

In der Bibliothek findet der «Eindringling» schliesslich «einige schwarzgekleidete Leute rauchend in den Sesseln.» Er kommt zum Schluss: «Geht die Weltrevolution von diesen Leuten aus, so brauchen sich die Grosskapitalisten nicht allzusehr zu fürchten.»

Kulturstadt-Umfrage

Benedikt Sartorius am Mittwoch den 14. September 2011 um 12:09 Uhr

Seit Montag ist eine Umfrage zur Kulturstadt Bern online. Initiiert hat sie der Unternehmer und ehemalige FDP-Politiker Peter Stämpfli, der mit der Umfrage erfragen möchte, «wie die Bürgerinnen und Bürger Bern als Kulturstadt beurteilen, wie ihre Sicht auf die wichtigsten Institutionen ist».

Derzeit haben gemäss dem Twitter-Kanal von Stämpfli bereits über 300 Personen an der Umfrage teilgenommen. Machen Sie jedenfalls auch mit – denn Sie dürfen unter anderem in der Umfrage mitteilen, ob die Aussage «Bern ist selbstzufrieden und am Einschlafen» zutreffe, ob Sport auch Kultur sei, und, in einem nichtobligatorischen Feld, die Königsdisziplin: «Was ich zur Kultur in Bern schon immer sagen wollte!»

Ich jedenfalls habe in der Umfrage gelernt, dass es in der Stadt auch ein Schützenmuseum gibt.