Blogs


Archiv für die Kategorie „Politik & Debatten“

Alles Meta oder was?

Roland Fischer am Donnerstag den 2. Mai 2013 um 12:51 Uhr

Auaüberall: Ganz richtig, in der Stadt läuft derzeit ein Theaterfestival - und sonst (fast) gar nichts. Das liegt daran, dass sich das Aua auch noch ein Metafestival aufgepflanzt hat, und dieses infiziert gern mal allerhand Artfremdes und macht es parasitär zu Aua-Programmpunkten. Gestern verleibte sich das – unter anderem von unserer Frau Hucko orchestrierte – Meta-Aua beispielsweise den 1.-Mai-Umzug ein (oder war es vielleicht eher umgekehrt?).

Auch eine Militärparade vor dem Münster wurde so schon aukuppiert oder der Geranienmarkt auf dem Bärenplatz. Gute Strategie in kulturbudgetarisch harten Zeiten!

Auch ein wenig meta (aber glaubs noch nicht infiziert) ist der Schlachthaus-Theaterladen unterwegs, wo Mohéna Kühni jedes Jahr ein Heftchen zum Festivalthema verantwortet – frei nach Aua, gewissermassen. Dieses Jahr unter anderem mit einem launisch-lausigen Comic von Jonas Bechstein und Raphael Urweider, einem Text von Bettina Gugger und Illustrationen von Lukas Acton. Schönes kleines Souvenir, mit anschmiegsamer Typographie (aber um das zu verstehen muss man es schon kaufen).

Ach ja, Theater gespielt wird auch immer noch. Gestern war die Mission dran, ein international gefeierter Monolog. Manchen wollte das sehr, anderen ganz und gar nicht gefallen. Zu polarisieren: eine unbedingte Theaterqualität.

Wifag the System

Roland Fischer am Sonntag den 21. April 2013 um 00:54 Uhr

Was ist eigentlich mit dem Wifag-Gelände – nochmal? Im einen Trakt haben sich chaotische Piloten breitgemacht, ein anderer wird neu von Zürich aus verwaltet, und ein dritter hat das Potential, ein Zuhause für die Kreativwirtschaft zu werden – ein Anfang ist gemacht. Und nun also auch noch eine wildere Art von Immobilienbewirtschaftung – die Kinder von Bern haben ein ganzes Gebäude gekapert, wohl bloss für ein verlängertes Wochenende, wenn die Drohungen der Besitzer ernst gemeint sind.

Ein kurzer Besuch gestern endete mit der leisen Enttäuschung, dass der wunderbare Dachstock (von dem hier auch schon die Rede war) das exklusive Reich der Besetzer bleibt und nur das nüchterne Erdgeschoss zum etwas gross geratenen Partyraum umfunktioniert wurde. Auf dem Heimweg ging es dann gleich weiter mit den Enttäuschungen – der weitreichende Arm der Ordnungshüter hatte schon vor der angekündigten Räumung oben im Wyler die hintere Lorraine gestreift und die Türe der tollen zur Soon-Galerie gehörenden Zoo-Bar geschlossen. Man sei daran, eine Lösung mit den Behörden zu suchen, erfährt man dazu auf Facebook. Hoffentlich wird sie bald gefunden.

Revolte, eine Strassenkunst

Miko Hucko am Mittwoch den 27. März 2013 um 10:34 Uhr

Der Käfigturm, das Politforum des Bundes, zeigt zurzeit und noch bis Ende Mai die Ausstellung «Karama! Die arabischen Revolten und ihre Folgen». Ideal, um sich vom verschneiten Wetter abzulenken, aber ebenfalls gut geeignet  für einen postosterischen Hasenverdauungsausflug.

Es beginnt schon im Treppenhaus: Der Weg zu den einzelnen Räumen ist gesäumt mit Bildern und kurzen Begleittexten (schweizerisch korrekt auf Deutsch und Französisch, die Verwandten aus der Westschweiz können also getrost eingepackt werden), chronologisch geordnet. Zuerst ein Bild des 26 Jahre alten Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi. Seine Selbstverbrennung aufgrund zahlreicher Erniedrigungen durch den Staat wird als Auslöser für die landesweiten Massenunruhen in Tunesien im Winter 2010/11 dargestellt, ebenjene Massenunruhen, die wie ein Lauffeuer auf die Nachbarstaaten übergriffen. Wer sich länger in der Ausstellung aufhält, der geht nach und nach ein Licht auf: Die Revolten in den einzelnen Staaten haben alle einen ähnlichen Ablauf. Zuerst gibt es ein einzelnes Opfer. Die breite Bevölkerung, und das ist wichtig, nicht die extremen, sondern gerade die Masse, die sich sonst eher als unpolitisch bezeichnen würde, solidarisiert sich mit dem Opfer. Fehler auf Seite des Staates passieren, zu viel polizeiliche oder militärische Gewalt gegen friedlich demonstrierende zum Beispiel, oder ein Staatsfernsehen, das zu offensichtlich lügt. Dies führt zu einer noch grösseren Empörung, auf der anderen Seite wieder zu noch mehr Gewalt – bis das Ganze dann überkocht. Und ich frage mich, ob es immer ein Opfer braucht, damit die Massen reagieren (siehe zB. die Vergewaltigung in Indien und die darauf folgende internationale Empörung). Passieren solche Dinge in Europa einfach nicht, weil die Demokratie uns davon abhält, den ganzen Frust auf einmal abzulassen? Oder weil der Staat keine solchen Fehler mehr begeht?

Doch zurück zur Ausstellung. Der zweite Stock beinhaltet einen dunkel gehaltenen Saal, an dessen Wänden Videobildschirme in iPas-Format aufgehängt sind. Beim Betreten war ich erst einmal überfordert, weil da von allen Seiten her Protestrufe, Reden und Interviews auf mich herunterprasselten – ich fühlte mich mittendrin im Geschehen. Das ist das schöne an dieser Ausstellung: Auch wer wenig Zeit hat, kann ein Gefühl dafür bekommen, was wie passiert ist. Und wer mit viel Zeit hinkommt, der wird etwas geboten. Die Videos zeugen von den vielseitigen Methoden, die von den revoltierenden angewandt wurden und sind zudem in verschiedenen Formaten gehalten – Erlebnisberichte, Youtubeschnipsel, TV-Ansprachen, Mitschnitte von Demonstrationen. Besonders fasziniert aber war ich von einem Bild, das für die erfolgte Ausnutzung des öffentlichen Raumes schon fast ikonisch ist.

Die Kombination aus Street-Art und Social Media ist eine sehr effektive Art, sich sowohl des realen als auch des virtuellen öffentlichen Raumes zwecks Mobilisierung zu bedienen. Und eine, die ohne viel Geld funktioniert. Dem wird denn auch im dritten Stock des Käfigturms Rechnung getragen, der sich vor allem mit Social Media als neues Mittel auseinandersetzt. Ausserdem kann, wer die Zeit dazu mitbringt, eine 104-Minüte BBC-Dokumentation zu sehen bekommen. Der Dachstock der Ausstellung ist dann ein bisschen Werbung für das DEZA und die Schweiz. Diese ist aber verkraftbar und weder aufdringlich gehalten noch positioniert.

Besonders lohnenswert sind Besuche des Politforum Käfigturms, wenn eine Veranstaltung zum Thema läuft (wie morgen Mittag der Vortrag «Von Mubarak zu Mursi») oder wenn das Café Karama bedient ist. Dort lassen sich in arabischem Ambiente Tee und Süssigkeiten (Baklawa!!) geniessen.

 

Die Kunst des Spielens

Miko Hucko am Samstag den 23. März 2013 um 05:30 Uhr

Lange galten Videospiele als Kinderkram, als Zeitkiller für Techniknerds und als Einsamkeitsbekämpfung für Teenageraußenseiter. Erst in den letzten zehn Jahren hat sich das Medium sukzessive als ernstzunehmendes Kunstwerk durchgesetzt.

Dies ein Auszug eines Eintrags im deutschsprachigen Kulturblog Seite 360. Wo beginnt eigentlich Kunst? In diese Diskussion gerate ich immer wieder hinein. Meines Erachtens hat, ob etwas als Kunst oder Kultur gilt vor allem mit der gesellschaftlichen Wahrnehmung zu tun – und diese hat sich in den letzten Jahren wohl dahingehend entwickelt, dass Games nicht mehr «prinzipiell«, also aufgrund ihres neuen Mediums, ausgeschlossen werden können. Den Comics (oder, gehoben: graphic novels) ist es ja ähnlich ergangen. Jetzt fehlt aber hier noch die Unterscheidung, die bei anderen Medien (Bücher, Theater, Musik und Film) so oft beschlossen wird, die zwischen Populär- und Hochkultur. Dieser feine Unterschied ist erst im Laufe der letzten Jahrhunderte überhaupt zur Kunstdefinition dazugekommen, als sich im 19. Jahrhundert die «Kunst für die Massen» von der Kunst für die Elite zu unterscheiden begann. Einen wichtigen Beitrag dazu leisteten wohl die zeitgleich entstandenen Kulturwissenschaften, denn nur, was auch einen übergeordneten Diskurs erhält, kann also wichtig sein, oder?

zu der Akzeptanz eines Mediums als Kulturgut gehört nun mal auch die kritische Auseinandersetzung mit den Inhalten dieses Mediums.

So bin ich mir auch diesmal wieder mit Seite 360 einig. Doch wo beginnt diese kritische Auseinandersetzung? Sie wird hoffentlich nicht auf Universitäten beschränkt sein, doch sind diese meist ein gutes Anzeichen für gesellschaftliche Anerkennung. Tatsächlich gibt es jetzt schon ein erstes Journal, das sich mit Games beschäftigt. Und Pro Helvetia hat letztes Jahr Fördergelder an Gamedesigner verteilt. Viel wichtiger als diese Anerkennung aber scheint mir, dass Kulturgüter auch von anderen (wissenschaftlichen) Perspektiven her analysiert werden. Die Wissenschaft der zugehörigen Kunstrichtung wird sowieso immer etwas finden, das sich als schön/wahr/gut/Kunst bezeichnen lässt. Was Games betrifft, kommt hier Anita Sarkeesian eine Vorreiterrolle zu. Ihre Analyse «Damsel in Distress» setzt sich mit der Rolle der Frau in Videospielen auseinander. Sind jetzt alle Videospiele Kunst? Hm. Die Frage ist immer auch, wo wir den eigenen Kunstbegriff ansetzen. Mir gefällt dieser hier sehr gut:

quote by banksy

Am Liebsten spiele ich aber Pokémon.

Hitler, der Hipster

Miko Hucko am Sonntag den 17. März 2013 um 06:39 Uhr

Zwei kürzlich getätigte Lektüren meinerseits sollen hier einem kleinem Versuch dienen. Es sind dies How to Live Without Irony, ein Artikel der NY Times, und Er ist wieder da, ein Roman aus dem Jahr 2012. Letzerer bezieht sich schon nur durch die schwarz-weiss Optik des Umschlagbildes auf ein Meme bzw. einen Comic aus dem Jahre 2010: Hipster Hitler. Hier eine Auswahl seiner hiplustigen Retro-Shirts. Ganze Comic-Strips wären hier zu finden.

 

Wer Hitler war (oder, wenn’s nach Timur Vermes Roman ginge: ist), glauben wir dank zahlreicher Geschichtsstunden und Historienfilme alle einigermassen zu wissen. Doch was zur Hölle ist eigentlich ein Hipster? Gottseidank theoretisieren sich diese des Öfteren gleich selbst, und zur Not hat der Suhrkamp Verlag hierzu auch schon ein Buch herausgebracht. Hipster, die Jugendbewegung unserer Generation, ironisieren alles. Sie lieben schlechte Musik und schlechte Filme, hässliche T-shirts und möglichst aufällig bedruckte Leggings. Bad Taste ist hip (oder hipstamatic), geliebt wird nichts, weil es gut ist, sondern eben gerade weil es nicht gut ist. Wie oft haben Sie (ich übrigens auch) schon etwas extra Hässliches einer guten Freundin geschenkt  wie zB. eine Tasse mit Prinzessin Lillifee drauf? Christie Wampoles Begründung für dieses Verhalten:

The ironic frame functions as a shield against criticism. The same goes for ironic living. Irony is the most self-defensive mode, as it allows a person to dodge responsibility for his or her choices, aesthetic and otherwise.

Hitler ist das Gegenstück zum Hipster, vervollkommnet dieses Phänomen meines Erachtens: Die Kehrseite des/der immer Ironischen wäre der Fundamentalist oder die Fundamentalistin. Während die einen so stark an nichts glauben und über alles herziehen, dass sie auf nichts behaftet werden können, glauben die anderen so fest zu wissen, dass Kritk oder differenzierte Äusserungen an ihnen abperlen wie Wasser auf Wachs. So ist es denn auch nicht einfach, heutzutage noch längeren, ausgeklügelten Argumenten und verzwickten Diskussionen zu begegnen, weder in den Medien noch im Alltag. Entweder es wird steif und fest auf einem Standpunkt beharrt – nichts darf kritisiert werden – oder die ewige Ironie nimmt jedem neuen Thema den Wind aus den Segeln – nichts kann kritisiert werden.

Das klingt jetzt alles ein bisschen schwarzmalerisch, und so, als möchte ich behaupten, als sei «früher alles besser» gewesen. Darum geht es mir überhaupt nicht. Es ist eher eine Feststellung: Die Ironie, einst das Sturmgewehr der Subversivität, ist zum Dauerzustand geworden. Konkret kann das zwei Sachen heissen. Entweder unsere Welt ist so unterträglich und schlecht, dass wir sie nicht mehr ernst nehmen wollen. Oder wir sind dermassen verwöhnt durch unseren Wohlstand, dass wir sie nicht mehr ernst nehmen müssen.

Timur Vermes Deutschland ist friedlich (idealistisch friedlich), als Hitler wieder auftaucht. Niemand hat Probleme, allen geht’s eigentlich blendend. Trotz dieser ideologischen Verklärung hat Timur Vermes mit seinem Roman, dessen sprachliche Dichte leider manchmal zu Wünschen übrig lässt, ziemlich ins Schwarze getroffen mit seinem Hitler, der von Zuschauenden, Politiker_innen und Feuilletons nur als ironischer Hipster betrachtet und nicht ernst genommen wird. Und genau so wieder gross wird.

Was macht das Theater frei? – ACT und IKE

Miko Hucko am Donnerstag den 14. März 2013 um 05:32 Uhr

An alle Liebhabenden von Abkürzungen: Ja, Sie haben richtig gelesen. Der Berufsverband der Freien Theaterschaffenden ACT setzt sich mit einer Petition dafür ein, dass Freies Theaterschaffen als Immaterielles Kulturerbe (kurz IKE) anerkannt und in die Liste der Lebendingen Traditionen aufgenommen wird.

Als erstes hier ein kurzer Exkurs zur «Konvention zum Schutze des IKE», 2003 von der UNESCO und 30 Mitgliedsstaaten beschlossen mit folgenden Begründungen:

  • weil IKE Triebfeder und Garant kultureller Vielfalt ist
  • weil zwischen IKE und dem materiellen Natur- und Kulturerbe eine grosse Wechselwirkung besteht
  • um die Zerstörung von IKE durch Globalisierung zu verhindern
  • um ein stärkeres Bewusstsein (vor allem bei der jungen Generation) für Bedeutung und Bewahrung zu schaffen.

Die Konvention ist 2006 in Kraft getreten. Doch was ist unter IKE zu verstehen?

Im Sinne dieses Übereinkommens sind unter ,immateriellem Kulturerbe‘ die Praktiken, Darbietungen, Ausdrucksweisen, Kenntnisse und Fähigkeiten – sowie die damit verbundenen Instrumente, Objekte, Artefakte und Kulturräume – zu verstehen, die Gemeinschaften, Gruppen und gegebenfalls Individuen als Bestandteil ihres Kulturerbes ansehen.

Mit dieser weit gefassten Definition kann ziemlich viel als IKE aufgefasst werden, wie denn auch die bisherige Liste der Lebendingen Traditionen der Schweiz aus dem Jahr 2012 beweist.

Oder wenn wir uns anschauen, was es alles in die engere Auswahl geschafft hat (nicht alles auf die definitive Liste): Nicht nur «Mani Matter und der Berner Mundartchanson», sondern auch Fondue, Jassen, das Vereinswesen und die «Konsenskultur und direkte Demokratie». Da lässt sich das Schweizer Volk nicht lumpen und möchte gleich die eigene Staatsform als kulturell wertvoll absichern lassen.

(weiterlesen…)

Ein utopisches Flash: AUAWIRLEBEN 2013

Miko Hucko am Dienstag den 12. März 2013 um 12:27 Uhr

Betrachten wir als erstes das diesjährige Logo, den «code»: Hammer, Euro, Herz. Richten wir eine kommunistische Eurozone ein? Haben wir die Arbeit und das Geld lieb? Müssen wir uns neben dem Geld auch die Liebe erarbeiten oder stimmt erst alles, wenn Liebe, Arbeit und Lohn stimmen?

Es sieht jedenfalls alles danach aus, als wolle uns die 31. Ausgabe des Berner Theatertreffens gerade aus unserer eigenen komfortablen Zone des (Kunst-)Konsums herauslocken, statt und nur gemütliche Abende zu bescheren. Diese Annahme bestätigt sich beim Durchlesen des Programms: Dem Team ist eine saubere Mischung gelungen aus individuellen Geschichten, Brüchen in der Privatsphäre, eigenem Leben und gesellschaftlich-politischer Auseinandersetzung. Die Comfort Zone wird somit doppelt bespielt, ein Nachdenken über das Eigene zum einen, eine Auseinandersetzung mit dem Fremden und der Aussenwelt zum anderen. Gleich (oder mindestens) zweimal wird ein Blick auf Neokolonialismus geworfen, das freut mich natürlich besonders, und zwar in «Freetown» und in «Mission», beide Male mit einem Fokus auf den Kontinent Afrika. Gleich zweimal wird das Publikum sich selbst ausgesetzt, und zwar mit «This Is Not My Voice Speaking» (Neues von der wunderlichen Ameise) und mit «Die zehn wichtigsten Ereignisse meines Lebens». Gleich zweimal sind junge Schweizer Gruppen am Start, «neue Dringlichkeit» und «Zooscope». Und zwei gibt es diesmal von den festivalumspannenden Aktionen, neben den bereits erwähnten Ereignissen des Lebens auch das metaFESTIVAL, das «das Potential des Festivals als Spielfeld» auslotet. Hui! Die Dialektik scheint Programm oder zumindest Teil davon.

Bei diesem Code fehlt natürlich auch die Kapitalismuskritik nicht, oder, wie’s im Editorial heisst:

- Muss das Logo so pink sein!?

– Eben, das ist der Punkt.

– Welcher Punkt?

– Na es flasht utopisch.

– Aha. Trotzdem, irgendwie sieht das Logo… naja so ein bisschen nach Hammer und Sichel aus, oder?

– Klar. Warum nicht?

 

Dies nur ein kleiner Einblick / Ausblick. Das detaillierte Programm, ein dialogisches Editorial und die Möglichkeit zum Ticketkauf finden Sie ab sofort hier.

Rendezvous Mühleberg

Christian Zellweger am Donnerstag den 7. März 2013 um 05:30 Uhr

Video-Mapping heisst die Kunst, mit ausgeklügelten Projektionen zum Beispiel ganze Häuser scheinbar tanzen oder gerne auch mal einstürzen zu lassen. Ebenso lässt sich mit dieser Technik mit allerhand anderen Objekten allerhand faszinierendes anstellen.

Über die nicht über ganz alle geschmacklichen Zweifel erhabene Umnutzung des Bundeshauses dieser Art, namens Rendezvous Bundesplatz, hatte Herr Fischer an dieser Stelle einst ausführlich berichtet.

Diesmal etwas abseits der Stadt, gabs in der Nacht auf den Dienstag wieder einmal ein ebensolches Spektakel zu bewundern. Als Projektionsfläche diente ein Gebäude, das dem Bundeshaus an Symbolträchtigkeit nicht viel nachsteht: Das AKW Mühleberg. Statt 3000 Leute fanden sich zwar nur ein paar Aktivisten, AKW-Mitarbeiter und gegen Ende noch einige Polizisten ein. Auch dauerte der Spuk anders als beim Haustanz auf dem Bundesplatz keine zwei Minuten (und musste ohne Yello-Soundtrack auskommen).

In der Kategorie Action bekommen die 100 Mühleberg-Sekunden dafür ganz klar mehr Sterne als die ganze 20-minütige Bundeshaus-Projektion: Tosende Riesenwellen, heulende Sirenen, Feuer und Explosionen, einstürzende Altbauten, alles da:

Wer sich lieber etwas weniger politisch belastete Varianten dieser Lichtkünste antun will, findet zum Beispiel hier seitenweise Anschauungsmaterial. Aber seien Sie gewarnt, Spielereien im ganz grossen Format scheinen die Wandmaler in fast zwingender Weise zur ganz grossen Geste zu bewegen.

_____
Mit diesem Beitrag begrüssen wir herzlich Christian Zellweger an Bord des KulturStattBern-Dampfers. Herzlich willkommen, Herr Zellweger!

Duckface reloaded oder: Was macht eigentlich die Berner Jugendkultur?

Miko Hucko am Sonntag den 17. Februar 2013 um 06:15 Uhr

Zur Kultur gehört, ganz klar, die Jugendkultur dazu. Vor allem im Zuge der ganzen Nachtleben-Debatte letztes Jahr wurde uns das immer wieder bewusst gemacht. Und wenn über 10’000 Jugendliche für ihr Recht auf Party auf die Strasse gehen, kann das nicht ignoriert werden. Denn 10’000 in einem Zug, das ist in einem provinziellen Hauptstädtchen nicht gerade wenig! Wobei ich immer dachte, so viele Jugendliche gäbe es gar nicht in Bern, und ich war ja da auch dabei und viele meiner älteren Bekannten auch. Item.

Umso überraschter war ich also, als ich eine neue, jugendliche Bewegung der 10’000 entdeckt habe – wenn auch bis jetzt nur virtuell. Die Facebookseite «Berner Schönheiten» ist nämlich nicht, wie ich erst annahm, ein Coup von Bern Tourismus, sondern wird von Jugendlichen betrieben, bespielt, ja, täglich mehrmals aktualisiert. Und hat schon über 10’000 Likes! Die Regeln sind einfach und sind auch die einzige Information von Seiten der Betreibenden:

«Anleitung: 1. Seite liken, 2. Nachricht mit Foto, Name, Alter und Nationalität senden. VIEL SPASS ♥

Regeln
■Die Teilnehmer müssen einen Mindestalter von 14 Jahren haben.
■Keine Beleidigungen. (Meinungen sind erlaubt PS: Umgangssprache)
■Keine doppelten Nachrichten schicken.
■Keine Fakes einschicken.
■Keine Bilder von Freunden einschicken.»

Was jetzt daran der Spass sein soll? Das habe ich mir auch gedacht. Tatsächlich aber werden hier die verschiedenen Bilder miteinander in indirekte Konkurrenz gestellt: Wer hat die meisten Likes? Wer die Kommentare mit den meisten Herzli und Küsslismileys? Klingt zwar auf den ersten Blick ziemlich nach harmloser Jugendbeschäftigung, na klar, Privatsphäre kennen die ja eh nicht… bei längerem Nachdenken hat mich aber das Schaudern dann doch ergriffen. Da ich aus personenschutztechnischen Gründen (also ich glaube da ja noch dran) kein Original hier raufladen möchte, ein Blog ohne Bild aber selten gut ankommt, gibt’s jetzt ein Bild von mir zum Dranrumrätseln:

    Miko, 24gi, Bern, Shwiiz/Slovakei

Ich hoffe, die Illustration gereicht zum Verständnis des Schreckens. Nein, es ist nicht der Winkel (leicht von oben) der Gesichtsausdruck (eben, Duckface, besser hab ich’s einfach nicht hingekriegt) oder die verkrampfte Armstellung (vom sich-selber-Fötelen). All das wäre ja noch im Rahmen der künstlerischen Freiheit und Gleichheit ertragbar. Es ist der Bildbeschrieb. Nicht, dass Sie mich falsch verstehen: An das SH habe ich mich fast schon gewöhnt, das Y hat eh ausgedient – für einmal sind die Probleme nicht sprachlicher Natur. Es ist der gepflegte Nationalismus, der mir Sorgen macht. Wenn dort die Nationalität nicht stünde, hätten Sie sich einen Deut darum geschert? Ich glaube nicht. Ehrlich gesagt kann ich kein Wort Slovakisch, und ich glaube, auch viele der Jugendlichen mit Selbstdarstellungsdrang haben redlich wenig mit “ihrem” Land zu tun. Aber das sind nun mal die Regeln des Spiels, und alle halten sich dran – die meisten suchen wohl irgendwo nach Ahnen im Ausland, andere haben tatsächlich die Erkennungsformel “Eidgenoss” (auch bei Frauen ohne -in, das scheint so eine fixer Ausdruck zu sein, ein Stempel vielleicht) zu ihrem Bild gestellt.

Meinereins fragt ja neue Bekanntschaften immer «was machsch du so» – schon als Kind habe ich meinen Plüschtieren und Legofiguren immer einen Namen und einen Beruf zugeordnet. Ganz nach dem Prinzip du bist was du tust. Hier aber geht um «wo chunsch du so här», und auf einmal verschiebt sich das Gefüge von Gleichheit zu einer Bewertung der Herkunft. Ich war ja immer so idealistisch und habe geglaubt, es sei egal, woher du kommst – aber Zehntausende Jugendliche belehren mich hiermit eines gefürchigen Besseren. Ich frage mich, ob dieser, hm, Nationalismus im Anfangsstadium schon immer da war und ich das einfach nicht mitbekommen habe oder ob sich in den letzten Jahren etwas verschoben hat. Brauchen junge Menschen in Zeiten der allgemeinen Globalisierung, des jederzeit-überall-Seins mehr Halt, mehr Ort, mehr Nationalität um sich irgendwo zu Hause oder dazugehörig zu fühlen? Oder findet das allgemeine Zusammenrücken nur auf bestimmten gesellschaftlichen Stufen statt?

Übrigens stehen die Chancen gut, dass wir die «Berner Schönheiten» bald einmal live erleben dürfen, einer Abstimmung zufolge haben sich um die 60% der Gruppenfans für die Organisation einer Talentshow entschieden. Ich bleibe dran und versuche weiterhin hartnäckig, nicht zu viel Gefallen an der virtuellen Selbstdarstellung zu finden.

 

Bonsoir JARDIN

Gisela Feuz am Sonntag den 10. Februar 2013 um 08:18 Uhr

«Kultur ist wie ein Garten, beide brauchen zum Erblühen reichlich Zeit, Zuwendung und Raum.» Dies kann auf der Homepage von Bonsoir JARDIN nachgelesen werden, dem einigermassen ambitionierten Projekt, welches vom jungen Berner Musiker Christian Lundsgaard-Hansen (Blomstre) ins Leben gerufen wurde. Ambitioniert, weil nicht weniger als die gesamte Berner Kulturszene an einem Ort versammelt werden soll, um kulturpolitische Anliegen zu diskutieren, sich gegenseitig zu beschnuppern, zu inspirieren und besser zu vernetzen.

Ambitioniert, ja das sei es. Aber man müsse doch auch mal gross träumen dürfen, meint Chefgärtner Lundsgaard-Hansen. Dieser wird am kommenden Montag, wenn Bonsoir JARDIN zum ersten Mal über die Bühne geht, die Diskussionsleitung übernehmen, wenn Christine Wyss (Buskers), Thomas Beck (HKB), Thomas Burkhalter (Norient), Georg Pulver (Präsident der Kulturkommission der Burgergemeinde Bern) und Simon Baumann (Mercury) über das kulturelle Potential Berns diskutieren. Vor und nach der Diskussion haben BesucherInnen und Kulturschaffende die Möglichkeit, sich in gemütlichem Rahmen mit Interessierten und Gleichgesinnten auszutauschen.

Bei Bonsoir JARDIN gehe es einerseits darum, der Berner Kulturszene eine Bühne zu geben, damit sie an Selbstvertrauen gewinne und andererseits einen Ort zu schaffen, wo sich tatwillige Kultur-Gärtner treffen, vernetzen und ausfragen könnten, erklärt Lundsgaard-Hansen. Wenn Sie also Tipps und Tricks für die Bewirtschaftung ihres kulturellen «Pflanzblätzes» brauchen, Düngermarken diskutieren möchten, jemanden suchen, der ihnen beim Umstechen hilft oder ganz einfach generell an kultureller Gartenarbeit interessiert sind, werte Leser und Leserinnen, dann schauen Sie doch morgen im Bonsoir vorbei.

Die erste Ausgabe von Bonsoir JARDIN startet morgen Montag 11. Februar 2013 um 20h im Bonsoir mit den oben genannten DiskussionsteilnehmerInnen. Weitere Ausgaben sind geplant für den 11. März («Über Chancen und Tücken des Internets») und den 8. April («Über das Potential szenenübergreifender Zusammenarbeit»)