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Archiv für die Kategorie „Politik & Debatten“

Das Kornhausforum hat ausgetanzt

Gisela Feuz am Mittwoch den 18. Januar 2012 um 16:48 Uhr

Nach dem Sous Soul muss nun offenbar auch das Kornhausforum, die Partyreihe von ammonit im Kornhaus, dran glauben. Wie dem heutigen Newsletter des Kornhausforums zu entnehmen ist, finden die jeweils über Weihnachten/Neujahr, Ostern und im Herbst organisierten Veranstaltungen ab sofort nicht mehr statt. Der Grund? Ein aus Sicherheitsgründen verfügtes, absolutes Rauchverbot.
Der Regierungsstatthalter hat ammonit die Durchführung von Parties im Kornhausforum einst nur unter der Auflage erlaubt, dass ein temporäres Fumoir eingebaut werde. Damit sollte verhindert werden, dass spät nachts auf dem Trottoir vor dem Kornhauseingang gepafft und lauthals diskutiert wird. ammonit befolgte diese Anweisungen und baute auf eigene Kosten ein Lungenteer-Tempel ein. Leider wurden aber aus besagtem Fumoir einige Fehlalarme an die Feuerwehr rausgeschickt (wobei nicht geklärt werden konnte, ob der Rauch daran schuld war oder die Nebelmaschine), weswegen die städtische Liegenschaftsverwaltung, der das Gebäude gehört, intervenierte und das Fumoir verbot.

Mit diesem Verbot ist eine Durchführung von weiteren Parties praktisch unmöglich geworden, denn wenn der Hauseigentümer das Fumoir verbietet, die Bewilligungsbehörde ein solches aber verlangt, geht nichts mehr. Willkommen in Absurdibünzlistan. So hat sich’s nun also auch im Kornhausforum ausgetanzt. Schade!

«Itz eifach nid düredräie!»

Grazia Pergoletti am Mittwoch den 4. Januar 2012 um 01:50 Uhr

So die Worte von Soulmate Flo Eichenberger am heutigen Abdankungsfest des Sous Souls, des Clubs mit der grössten Seele, des Untergrundlokals für Tanzfüdli mit Tiefgang, Seelenverwandte auf Besuch und Unterirdische in Feierlaune. Okay. Hören wir auf, wenns am schönsten ist.



Von der Reitschule her
kam ein angemessen gekleideter Trauerzug die Altstadt runter geschritten und hat bei dieser Gelegenheit auch gleich die Kulturpolitik zu Grabe getragen.

Hier sieht man die Seele vom Sous Soul, wie sie entweicht:

Wir glauben aber an Reinkarnation und lassen uns deshalb nicht unterkriegen.

Apropos Abschied: Wie Sie vielleicht bemerkt haben, trete ich nur noch selten als Autorin in Erscheinung. Tatsächlich löse auch ich mich hier auf dem Blog langsam in Luft auf. Und bleibe aber ab und an als Gast mit kleinen Beiträgen erhalten. Ganz nach Flo Eichenberger: Hören wir auf, wenns am schönsten ist!

Unschöner Noise

Benedikt Sartorius am Mittwoch den 28. Dezember 2011 um 06:49 Uhr

Zum Schluss des Jahres wirds nochmals laut, unschön laut: «Scherbenhaufen in der Dampfzentrale» titelt heute der «Bund» und berichtet über die Querelen auf der Suche nach einem Nachfolger des abtretenden Dampfzentrale-Co-Leiters Roger Merguin, die nun auch den Rücktritt von Christian Pauli – in diesen Seiten bestens bekannt – mit sich ziehen.

Wie weiter?
Das weiss ich derzeit natürlich auch nicht, aber es ist schon so: Im Haus unten an der Aare liegen ein paar meiner schönsten Erinnerungen an Konzertabende in dieser Stadt – etwa an Phantom/Ghost damals beim Festival zum Neustart der Dampfzentrale, an die fiebrigen Saint-Ghetto-Abende (feat. die Goldenen Zitronen und The Fall) und an die übergrossen Ja, Panik im Herbst.

Wie weiter? Alles über Bord werfen, alles gut aufgebaute wie eben beispielsweise das Saint Ghetto mit abreissen? Ich hoffe nicht, auch wenn es zum Jahresschluss so anmutet.

Kulturstadt-Reminder

Benedikt Sartorius am Donnerstag den 15. Dezember 2011 um 11:43 Uhr

Hier eine kurze Erinnerung, verbunden mit einem redseligen Veranstaltungshinweis: Vor einigen Monaten erfragte der Unternehmer und ehemalige FDP-Politiker Peter Stämpfli die Berner in einer Umfrage, «wie die Bürgerinnen und Bürger Bern als Kulturstadt beurteilen, wie ihre Sicht auf die wichtigsten Institutionen ist».

Heute nun werden die Resultate an einem Podium ab 19 Uhr im Kornhausforum diskutiert. Der Titel der Podiumsdiskussion: «Ist Bern eine Kulturstadt?»

Hier schon mal ein Diskussionssteilpass von Stämpfli, der in der «Berner Zeitung» publiziert wurde. Und da ich annehme, dass auch das Thema «Clubsterben» aufgegriffen wird, eine Diskussion, die auf dem Sender «Joiz» ausgestrahlt wurde.

Wie das kultur(politische) Stadtpodium ausgehen wird, berichtet man mir wegen Abwesenheit dann bitte in den Kommentaren. Danke.

Es hagelt Kritik!

Nicolette Kretz am Donnerstag den 24. November 2011 um 11:41 Uhr

Anfangs Monat ging die neue Schweizer Theaterkritikplattform theaterkritik.ch online. Wie wir bereits berichteten, funktioniert diese von Theatermachern und Journalisten lancierte Seite so, dass Theatergruppen oder –häuser für 600.- zwei Kritiken zu einer Inszenierung kaufen können, die am Tag nach der Premiere online erscheinen. Die Plattform beteuert jedoch, dass die KritikerInnen, obwohl sie von den Gruppen den Auftrag erhalten, nicht in deren Dienst stehen, sondern frei und aufrichtig schreiben.

Ob das wirklich funktioniert und welche Stellung diese Plattform in der Theaterszene einnehmen wird, ist nach zehn erschienenen Kritiken noch schwierig zu sagen. Wellen hat das Projekt jedenfalls schon heftig geschlagen.

Vor zwei Monaten ging mit Blitzkritik eine weitere interessante Initiative von Theaterschaffenden online, diesmal von einer Gruppe von «Zürcher TheaterexpertInnen» um Samuel Schwarz. Die MacherInnen posten hier Kritiken (von Theater und Filmen) als Audiobeiträge unmittelbar nach den Vorstellungen, die sie sehen. Die Auswahl scheint persönlich und versucht gar nicht erst irgendetwas «abzudecken». Die Berichte sind ebenfalls bewusst persönlich und ehrlich – so geben die Berichtenden es auch zu, wenn sie mal gar nicht wirklich eine Meinung haben. Mutig und erfrischend! Bloss der Gastbeitrag eines nicht namentlich genannten Gasts zu Samuel Schwarz’ neuster Inszenierung macht einen natürlich etwas hellhörig. Da die Seite aber gar nicht erst eine Neutralität behauptet, verzeiht man ihr das gerne.

Alpedrosi!

Grazia Pergoletti am Mittwoch den 23. November 2011 um 06:31 Uhr

Nicht nur die UNESCO und die Eidgenossenschaft kümmern sich um den Erhalt des Immateriellen Kulturerbes, nein, auch ganz junge Menschen arbeiten an der Pflege unserer Traditionen. So zum Beispiel Miko Hucko und Thibault Schiemann, alias Tobak Lithium, die im Rahmen der «Startrampe» im Keller des Schlachthaus Theaters für die Wiederbelebung der Alpedrosi und ihrer Gesänge kämpfen.

Miko, Thibault, was bedeutet Tradition?
Thobak Lithium: Eine Tradition ist eine über mehrere Generationen weitergegebene kulturelle Praxis.

Was ist das, ein Alpedrosi?
Thobak Lithium: Ein Alpedrosi ist ein Sänger, der urschweizerische Geschichten erzählt und dabei von einem Trommler begleitet wird.

Warum ist die Alpedrosi-Tradition schützenswert?
Thobak Lithium: Weil keine andere Tradition die Schweizer Identität so allumfassend abbildet.

«Die Erzählungen der Alpedrosi», Donnerstag 24. bis Sonntag 27., «Startrampe» im Schlachthauskeller. Und noch immer können dem Bundesamt für Kultur Vorschläge gemacht werden, was auf die Liste des immateriellen Kulturerbes der Schweiz gehört, nächster Eingabetermin im Kanton Bern ist der 12. September 2012.

Schwierig

Benedikt Sartorius am Freitag den 18. November 2011 um 02:28 Uhr

Es ist nicht ganz einfach zur Zeit: Man möchte sich über tolle Platten, über anstehende Konzerte und als Heimurlauber auch ganz banal über den momentanen Sonnenschein freuen, wenn denn dieses momentan politisch zu aufgeladene Berner Nachtleben nicht wäre, sprich: die Situation im lärmbetroffenen Sous-Soul, wie sie im bereits verlinkten Rundschau-Beitrag mitsamt einem Luzerner Superclub parallelisiert wird und natürlich, aktueller, über den beschnittenen Kulturkredit für die Reitschule.

Und da ich nicht ganz sicher bin, wieso auf einmal eine mitte-rechts Mehrheit im Berner Stadtrat zu bestimmen scheint, verweise ich doch einfach auf mein persönliches Lieblingslied der vergangenen Tage. Ein Klick auf das Bild macht es doch ein wenig einfacher, zumindest für mich:

Wahltage

Benedikt Sartorius am Dienstag den 15. November 2011 um 06:08 Uhr

Der Wahlherbst ist nun, in einigen Tagen, endlich vorbei. Die Plakate sind glücklicherweise weg und werden bis im nächsten Jahr kaum vermisst werden, doch Spuren hat er doch hinterlassen, wie ein kurzes Durchscannen von Ausschuss-Material auf dem mobilen Mangel-Fotogerät ergeben hat:

Wie auch immer: Spätestens am Sonntag, da hat man keine Wahl – und ich werde meine Boots rausholen, und schauen, was da draussen so geht.

Miststück

Grazia Pergoletti am Samstag den 22. Oktober 2011 um 14:00 Uhr

Gehen sie wählen, falls Sie es nicht schon längst getan haben! Die letzten Wahlen in Ungarn 2010 haben zu einem enormen Rechtsrutsch geführt, selbst die rechtsextreme Jobbik-Partei zog mit 16,7 % Stimmenanteil ins Parlament. Und die rechtskonservative Regierungspartei Fidesz führt seither regelrechte «Säuberungsaktionen» durch.

Diese Entwicklung zeigt nun auch ihre Auswirkungen auf den Kulturbetrieb: Kompetente Theaterleitungen werden nach und nach durch irgendwelche unerfahrene, aber linientreue Leute ersetzt. In Budapest wurde soeben ein Theaterdirektor gewählt, der sich selbst als nationalradikal bezeichnet und das «Neues Theater» in «Heimatfront Theater» umbenennen will.

Im Schlachthaus Theater gastiert zur Zeit eine der wichtigsten unabhängigen Truppen Ungarns «Béla Pintér und Pbest» mit ihrem «Miststück». Darin wird auf intensive, böse, ironische und vor allem unglaublich virtuose Weise die Situation in Ungarn reflektiert und tief nach Vorurteilen gegraben.

Mich persönlich liess die extrem beeindruckende Vorstellung inhaltlich mit gemischten Gefühlen zurück. Das ist bestimmt auch die Absicht. Trotzdem überlegte ich einen Moment lang, ob ich mir hier, benebelt von strahlendem Können, zum Teil etwas zweifelhafte Inhalte unterjubeln lasse. Auf jeden Fall sieht man sich in der absolut sehenswerten Aufführung mit seinen eigenen Vorurteilen konfrontiert.

Noch heute im Schlachthaus, Reservation empfohlen!

RaBe Kulturpreis-Verleihung

Gisela Feuz am Freitag den 23. September 2011 um 12:36 Uhr

«Typisch RaBe», grinste gestern die Dame aus der Newsredaktion. Die Aussage bezog sich auf die Ausstrahlung eines Radio-Features zur Geschichte von Radio Bern, kurz RaBe, welches in aufwändiger Arbeit zusammengestellt worden war und im Vorfeld der gestrigen Kulturpreis-Verleihung im Progr ausgestrahlt werden sollte. Das Problem war bloss, dass besagtes Feature über einen kleinen portablen Radio ausgestrahlt wurde, der jedes Mal gewaltige Störgeräusche von sich gab, wenn jemand vor, hinter oder neben ihm durchmarschierte. Also eigentlich ständig.

Eine gewisse Unprofessionalität gehört zu RaBe, ja macht einen grossen Teil des Charmes aus, welcher das Berner Kulturradio versprüht. Wie Regierungsrat Bernhard Pulver und Marc Furrer, Präsident der ComCom, in ihren Reden richtig feststellten, bietet RaBe denjenigen Leuten eine Stimme, die sonst vielleicht nicht so oft zu Worte kommen, in Sprachen, die man sonst vielleicht nicht jeden Tag hört. Herz, Leidenschaft, die Liebe zum Seltenen und ganz viel Idealismus gehen hier definitiv vor Professionalität, Geschliffenheit und Mainstream, wodurch RaBe eine wichtige kulturelle Leistung erbringt und Brücken zwischen verschiedensten Kulturen baut.

RaBe-Gründungsmitglied Willi Egloff und (popelnde) RaBe Big Band

RaBe-Gründungsmitglied Willi Egloff machte im Anschluss in seiner Dankensrede einen amüsanten Rückblick auf den 1. März 1996, an welchem das Berner Kulturradio erstmals auf Sendung ging und bedankte sich bei der Berner Zeitung, die sich seit 15 Jahren konsequent weigert, das RaBe-Programm im Programmüberblick auch nur zu erwähnen. Dies könne man ja irgendwie auch als Bestätigung für die eigene Arbeit betrachten, «denn wir lassen uns weder kaufen noch verkaufen», so Egloff.

Es war eine schöne Feier gestern im Progr, bei der der Theatermacher Germain Meyer und RaBe mit dem Kulturpreis des Kantons Bern ausgezeichnet wurden. Bumsvoll wars drinnen und draussen, wobei man nicht recht wusste, ob wegen RaBe, Meyer oder den lauen Temperaturen. Egal. Drinnen sorgte die RaBe Big Band (eigentlich die Uptown Big Band) für das musikalische Rahmenprogramm, wobei selbst die Sendungsmacher der härtesten Rocksendung anerkennend mit dem Kopf im Takt abnickten. Das wiederum ist so was von RaBe.