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Archiv für die Kategorie „Bücher & Medien“

Buchhandlung (9): Weltbild

Roland Fischer am Dienstag den 29. November 2011 um 05:37 Uhr

Der Buchmarkt konzentriert sich, die Akteure werden immer grösser und mächtiger. Inmitten dieser Konzerne mischt ein überraschendes Unternehmen mit, dem man in weltlichen Gefilden eigentlich längst keine Macht mehr zugedacht hätte. Die Weltbild-Läden («Ottos Warenposten für Bücher», wie eine Freundin treffend sagt) bieten Buchgenuss ohne intellektuelle Hemmschwelle und gehören – man höre und staune – der katholischen Kirche. Weltbild war einmal ein Zeitschriftenverlag für katholische Erbauungsschriften – das würde heute allerdings niemand mehr vermuten, der die bunten Ladenlokale (meist an allerbester Lage) betritt.

Ausser Branchenkennern wären die Besitzverhältnisse wohl niemandem geläufig, wenn der Buchboulevard nicht auch einige, sagen wir mal, etwas weniger christliche Sortimentsposten mit Erfolg bewirtschaften würde. Und so war der Skandal eigentlich vorprogrammiert: Die lange diskret im Hintergrund wirkenden Besitzer störten sich immer mehr am Geschäftsgebaren vor allem im Internet (wo Weltbild zusammen mit der Schnäppchen-Seite Jokers im deutschen Sprachraum immerhin die Nummer zwei hinter Amazon ist) und haben deshalb unlängst beschlossen, das eigentlich gut laufende Geschäft möglichst rasch loszuwerden.

Die Probe aufs Exempel an der Marktgasse verläuft indessen einigermassen enttäuschend, was Ungehöriges angeht. Explizite Erotik oder sonstwie Sündiges gibt es im Laden kaum, dafür ein ganzes, absurd gut sortiertes Gestell mit Vampirliteratur für Jugendliche. Im Internet wird man zwar fündiger, doch auch da muss man gewitzt suchen, um die verborgenen Schätze zu heben.

Also eigentlich ziemlich umsonst, die ganze Aufregung. Aber immerhin ein dankenswerter Anlass, um dem skurrilen Laden mal einen Besuch abzustatten. Und den einen oder anderen doch eher speziellen Sortimentsposten zu bestaunen. Die Kugelbahn wurde jedenfalls prompt auf die Weihnachtseinkaufsliste gesetzt.

Es hagelt Kritik!

Nicolette Kretz am Donnerstag den 24. November 2011 um 11:41 Uhr

Anfangs Monat ging die neue Schweizer Theaterkritikplattform theaterkritik.ch online. Wie wir bereits berichteten, funktioniert diese von Theatermachern und Journalisten lancierte Seite so, dass Theatergruppen oder –häuser für 600.- zwei Kritiken zu einer Inszenierung kaufen können, die am Tag nach der Premiere online erscheinen. Die Plattform beteuert jedoch, dass die KritikerInnen, obwohl sie von den Gruppen den Auftrag erhalten, nicht in deren Dienst stehen, sondern frei und aufrichtig schreiben.

Ob das wirklich funktioniert und welche Stellung diese Plattform in der Theaterszene einnehmen wird, ist nach zehn erschienenen Kritiken noch schwierig zu sagen. Wellen hat das Projekt jedenfalls schon heftig geschlagen.

Vor zwei Monaten ging mit Blitzkritik eine weitere interessante Initiative von Theaterschaffenden online, diesmal von einer Gruppe von «Zürcher TheaterexpertInnen» um Samuel Schwarz. Die MacherInnen posten hier Kritiken (von Theater und Filmen) als Audiobeiträge unmittelbar nach den Vorstellungen, die sie sehen. Die Auswahl scheint persönlich und versucht gar nicht erst irgendetwas «abzudecken». Die Berichte sind ebenfalls bewusst persönlich und ehrlich – so geben die Berichtenden es auch zu, wenn sie mal gar nicht wirklich eine Meinung haben. Mutig und erfrischend! Bloss der Gastbeitrag eines nicht namentlich genannten Gasts zu Samuel Schwarz’ neuster Inszenierung macht einen natürlich etwas hellhörig. Da die Seite aber gar nicht erst eine Neutralität behauptet, verzeiht man ihr das gerne.

Buchhandlung (8): Antiquariat Hegnauer

Roland Fischer am Mittwoch den 16. November 2011 um 05:05 Uhr

Wer etwas über das (auch von mir sehr geschätzte) ZVAB lernen will, der soll dem Antiquariat Hegnauer an der Münstergasse mal einen Besuch abstatten. Er wird da im Inhaber Christoph Schwarzenbach einen sehr kundigen und durchaus nicht verbitterten Fachmann antreffen, der einiges zu sagen hat zur – nun, nicht so schönen neuen digitalen Buchwelt.

Eigentlich war das «Zentrale Verzeichnis antiquarischer Bücher» von den Antiquaren damals mit offenen Armen aufgenommen worden, als Chance, eine sehr viel grössere Kundschaft zu erreichen als sich ein Ladeninhaber im Präinternet-Zeitalter je hätte erträumen können. Doch inzwischen ist der Online-Service fast schon zu einem Totengräber für die klassischen Antiquariate geworden: Im Netz herrscht ein so ungemütlich entfesselter Markt, dass der Preiskampf einen Laden nach dem anderen in den Abgrund reisst.

Konkurrenz belebt das Geschäft, könnte man da nun in ganz turboliberaler Weise sagen, doch die Sache geht tiefer. Tatsächlich schmilzt auch der Kundenstamm dahin, denn wie soll denn das Büchersuchen und -sammeln noch Spass machen, wenn die Sammlung mit ein paar Klicks komplettiert ist, wo bleibt der Kitzel beim Durchstöbern eines vielversprechenden Gestells und der Triumph, wenn man ein lang gesuchtes Buch unverhofft in Händen hält? Schwarzenbach bestätigt, dass manche seiner Kunden ihre Leidenschaft aufgegeben haben, weil ihnen in der plötzlichen digitalen Übersicht der Reiz fehlt.

Das Antiquariat Hegnauer stemmt sich dagegen – und ist bis heute nicht Teil des ZVAB-Riesensortiments, ja hat noch nicht mal einen Internetauftritt, der den Namen verdient. Und lebt gut damit, auch wenn die Auswahl im Laden natürlich ein wenig zu gehoben für den Durchschnittsleser ausfällt. Aber es lässt sich wohl nicht aufhalten: Der Bibliophile wird immer mehr zum Connaisseur, zum Feinschmecker, der sich seine exquisite Vorliebe auch etwas kosten lässt – auch etwas kosten lassen kann. Es ist schon ein bisschen ein Jammer – und ja: Schuld ist (für einmal wirklich) das Internet.

«Der Goali bin ig»

Gisela Feuz am Donnerstag den 10. November 2011 um 06:15 Uhr

Die schriftliche Version von Pedro Lenz’ «Der Goalie bin ig» hat ja nach der Veröffentlichung die eine oder andere Auszeichnung eingeheimst und musste innerhalb eines Jahres nun auch bereits zwei Mal nachgedruckt werden. Die Erzählung rund um den 33-jährigen Goalie, ein Ex-Junky, der gerade wegen «Giftgeschichten» ein Jahr in Witzwil verbracht hat und nun wieder Fuss zu fassen sucht in der Gesellschaft, berührt auf eigentümliche Weise und hat entsprechend grossen Anklang gefunden bei der Leserschaft.

Nun ist das ja aber so eine Sache mit Mundartliteratur. Wer nicht daran gewöhnt ist, dem geht das Lesen nicht so leicht von der Hand bzw. vom Auge und wenn dann gar noch in einem anderen Dialekt geschrieben wird, dann «stoglet» man doch des öfteren über den einen oder anderen Ausdruck, sinniert an desssen Bedeutung herum und kann sich nicht recht in die Geschichte hineinversetzen, weil ständig Begriffsdefinitions-Detektivarbeit geleistet werden muss.

Diesem Problem wird nun mit der Hörbuch-Version von Pedro Lenz’ «Der Goalie bin ig» Abhilfe geschaffen. Während Christian Brantschen eine dezente musikalische Untermalung beisteuert, liest der Autor selber die Geschichte seines Goalies vor. Lenz’ tiefe Stimme und sein lakonische Ausdrucksweise passen bestens zum Charakter seines Protagonisten, diesem liebenswerten naiven Anti-Helden, der um das Herz der Serviertochter Regi kämpft, die Sonntagsdepression auch mal mit 2 Rohypnol und einer Flaschen Roten herunterspült und am Ende der Lektüre einer «himmeltraurigen Geschichte» (John Steinbecks «Of Mice and Men») Tränen des Mitleids vergiesst.

Wohl nicht zuletzt wegen seines Engagements beim Spoken-Word-Ensemble Bern und seinen Auftritten an Poetry-Slams kennt sich Lenz bestens aus mit dem Vortragen von Texten. Das merkt man denn auch, wenn man sich seinen Goalie anhört. Wenn Lenz seinen Text liest wird offensichtlich, wie rhythmisch und dynamisch seine Sprache doch eigentlich ist. Künstlich oder überstilisiert wirkt sie dadurch aber nie, dafür ist das Ganze dann doch zu lakonisch gehalten. Richtig gerne hört man sich das an und muss dabei nicht nur über die Abenteuer von Goalie grinsen, sondern ab und zu eben auch über diesen Oltener Oberaargauer Dialekt. In diesem Sinne: 1:0 für die Hörbuchversion.

Bücherkiste: Der Ur-Cliffhanger

Roland Fischer am Dienstag den 8. November 2011 um 06:05 Uhr

Ich weiss natürlich nicht, ob das vielleicht schon vorher jemand gemacht hat, aber sagen wir mal: George Sand ist die Erfinderin des Cliffhangers, des Schnitts im dümmsten Moment, der dramaturgischen Finte des angehaltenen Atems. Es gab zu Zeiten der französischen Autorin natürlich noch keine Werbeunterbrechungen oder Vorabendserien, aber das Prinzip ist in «Indiana» schon zur Perfektion gebracht – und zudem in einer Szenerie, die, könnte man annehmen, auch gleich den Namen geprägt hat (stimmt allerdings nicht, der Begriff hat seinen Ursprung bei Thomas Hardy).

Aber von vorn. Das Buch erzählt die Geschichte von Indiana, die ihre Gefühle nicht anders als mit übergrosser Ernsthaftigkeit leben kann, sei es bei ihrem Gatten (den sie gar nicht liebt) oder ihrem Verführer (den sie mit Ingrimm liebt), und zwei Männern (eben dem Verführer und einem Freund), von denen wiederum der eine blendend (wortwörtlich), der andere nur sehr stümperhaft zu lieben versteht. Indiana ist noch dazu mit einem ebenso starken wie eigensinnigen Charakter gesegnet, ihr Gatte dafür mit einer beeindruckenden Herz- und Charakterlosigkeit.

Was bei solchen Zutaten herauskommt, ist eigentlich klar: Es werden alle Beteiligten vollkommen unglücklich. Sand schildert das aber auf so grosse Weise, dass man sich dem Sog der Geschichte nur schwer entziehen kann. Und vor allem: Sie ist, vor allem ihrer Hauptfigur gegenüber, eine unwägbare Erzählerin und verteilt ihre Sympathien auf launenhafte Weise – natürlich schlägt ihr Herz für ihre mutige Frauenfigur, aber ein wenig gar unbedarft findet sie sie in Liebesdingen dann doch.

Und dann kommt es eben - ganz am Schluss, wenn der Sog am mächtigsten ist und alles auf ein grosses Unglück oder auf ein grosses Glück, endlich, hinausläuft, da stoppt Sand die Erzählung ganz plötzlich, im dramatischsten Moment. Sie schicken sich an, von der Klippe (!) zu springen, haben sich aber eben ihre Gefühle offenbart, sie taumeln, sie verzweifeln, und Schnitt. Happy End oder nicht, es muss offen bleiben.

Oder etwa nicht? Nein, doch noch nicht fertig, man blättert und Sand schiebt hastig noch einmal zwölf Seiten nach und führt die Geschichte noch zu einem schönen runden Ende. Was sie dabei allerdings für wilde Haken schlagen muss, welcher billiger erzählerischer Tricks sie sich plötzlich bedient, das ist doch herrlich grotesk und würde jedem Hollywood-Drehbuchschreiber die Haare zu Berge stehen lassen. Und die erlauben sich in Sachen guter Wendungen böser Geschichten ja doch so einiges. Aber nichts gegen die Sand, solche hochliterarischen Ungehörigkeiten sind wunderbar, gerade ihrer Verquertheit wegen.

Der «Ocean auf dem Tische»

Benedikt Sartorius am Freitag den 4. November 2011 um 06:07 Uhr

Eigentlich hätte der heutige Frühbeitrag mit den Worten beginnen können: «Während in Basel noch über Buvetten diskutiert wird, tanzt Bern bereits zu den ideenreichen Popsongs von Buvette.» Doch daraus wurde zumindest für mich wider allen Erwartungen doch nichts, deshalb nun zu etwas ganz anderem.

Das Aquarium ist nicht nur Sujet eines hier nicht verlinkten Liedes, sondern auch Gegenstand meiner jüngsten Zuglektüre. Bernd Brunners «Wie das Meer nach Hause kam – Die Erfindung des Aquariums» erzählt kurzweilig die Kulturgeschichte des Aquariums. Der Guckkasten ins künstliche Meer etablierte sich gemäss Brunners Ausführungen Mitte des 19. Jahrhunderts, vorab in England, später in Deutschland. Der «Ocean auf dem Tische» faszinierte und machte diverse abstruse Stadien durch, wie die zahlreichen Abbildungen beweisen.

Der Lektürierende erfährt, wie früher Fische transportiert und wie Käufer übers Ohr gehauen wurden, lernt Bedenken über Exoten kennen und erhält Anekdoten aus der Welt des ganz und gar nicht unnützen Wissens. Das darf man sich ohne weiteres geben – auch wenn man als ständiger Tiefseetaucher gar kein Aquarium im Haushalt braucht.

Andere Räumlichkeiten

Benedikt Sartorius am Donnerstag den 3. November 2011 um 05:55 Uhr

Der heutige Beitrag geht um den Raum. Doch keine Angst, unsereiner hat hier keine eigene Tischkollektion für ein vermeintlich schöneres Wohnen zu bieten, bloss einige Vorschläge, welche (neue) Räumlichkeiten man erkunden kann:

– Seit einer Woche ist es definitiv: Das Lichtspiel zieht in die Räumlichkeiten der Schauspielschule in der früheren Ryff-Fabrik beim Marzili. Dort entsteht im März 2012 auch grad das Filmhaus Bern. Neben dem Lichtspiel, das das ganze Dachgeschoss belegt, werden die Büroräume unter Filmproduzenten aufgeteilt. Noch sind Arbeitsplätze frei: Bewerbungen können bis am 6. November eingeschickt werden. Mehr Infos gibts hier – und ganz nebenbei, freue ich mich sehr auf das Haus.

– «Impossible Spaces» heisst das zweite Album des Kanadiers Sandro Perri. Seinerzeit liess ich das Debüt ungehört liegen, doch ein Freund empfahl mir mit Nachdruck diesen Mann, der das Lied offen zusammenschmiedet und Kitsch und Arthur Russell und Experiment und Tropicalia zusammenbringt. Reinhören, unbedingt.

– Im November errichtet die Dampfzentrale bekanntlich wieder das Saint Ghetto. Man darf sich den Pass für das Musikfestival dank Auftretenden wie Ja, Panik, Anika oder Hauschka natürlich ungeschaut besorgen, man kann ihn aber auch mit dem «Bund» gewinnen. Zur Verlosung, die bis morgen dauert, gehts hierhin.

– St. Gallen hat das Palace, und Baden hat neuerdings das Royal: Eine Gruppe, unter ihnen der Musikjournalist Albert Kuhn, nutzt das ehemalige Kino als Konzert- und anderweitig nutzbaren Discosaal. Die Eröffnung letztes Wochenende scheint feuchtfröhlich gewesen zu sein. Wenn ich mich nicht täusche, steht in Bern auch so ein Raum seit nunmehr eineinhalb Jahren leer. Wieso ist hier keine Zwischennutzung möglich?

Matto Kämpf: Tiergeschichten 2

Gisela Feuz am Freitag den 28. Oktober 2011 um 05:17 Uhr

Ganze vier Jahre hat es gedauert, bis Matto Kämpf nun endlich seinen zweiten Band mit skurrilen Tiergeschichten veröffentlicht hat. Die Schreiberin hat sich die letzten vier Jahre ja schon ab und zu gefragt, wann sich dieser donnerwetters Kämpf jetzt dann öppen endlich zum Verfassen eines Zweitlings bequeme, so gross war die Freude am ersten Büchlein gewesen.

Das Warten hat sich gelohnt, kaum bestellt liegt «Tiergeschichten 2» auch schon im Briefkasten (ich glaube, die beim Gesunden Menschenverstand arbeiten mit gedopten Brieftauben) und ist denn auch im Nu gelesen.

Das Schlechte an Kämpfs Tiergeschichten gleich vorneweg: Das Büchlein ist zwar schmuck, aber definitiv zu kurz und dünn. Dafür braucht man also gopferteli nicht vier Jahre, auch wenn man zwischenzeitlich einen Goof produziert, Herr Kämpf. Man will mehr lesen über dicke Leute, die sich Windhunde kaufen, da sich Herr und Hund ja immer ähnlicher werden sollen oder über den polnischen Zirkus-Löwen mit afrikanisch-herbem Mundgeruch oder über letzte Einträge der folgenden Art:

Bevor ihm in der Nacht ein entlaufenes Frettchen die Kehle durchbiss, hatte ein verwitweter Jurist in sein Tagebuch geschrieben:
4. Oktober
Etwas ist im Sofa.

Kämpfs Geschichten sind wunderbar absurd, gleichzeitig aber auch gescheit, wobei der lakonisch-ironische Grundton die Komik noch verstärkt. Da sich Mensch und Tier ja konstant ins Gehege geraten und das wohl auch noch eine Weile so bleiben wird (zumindest bis wir alle ausgerottet haben werden), darf man wohl hoffen, dass Herr Kämpf irgendeinmal auch noch einen 3. Band seiner Tiergeschichten verfassen wird. Ich notier jetzt jedenfalls mal in die Agenda fürs 2015: «Tiergeschichten 3» kaufen. Und Herrn Kämpf schick ich eine Schachtel Pariser, damit man nicht aufs Mal noch länger auf Band 3 warten muss.

Ein Abfallkübel sein

Roland Fischer am Donnerstag den 27. Oktober 2011 um 05:00 Uhr

Gestern bei Storm und Störmer im Kairo gabs reihenweise seltsame Tipps und Anweisungen zum guten Leben – schlechte Sachbücher waren auf dem Programm, und da sind die Skurrilitäten selbstverständlich Legion. Ein Beispiel nur aus der Fiat-Lux-Fibel «Der Weg», einem Buch voller Maximen für ein gottfürchtiges Leben: «Lebe demütig und sei dir immer bewusst: Du bist ein Abfallkübel.» (frei zitiert, aber der Abfallkübel stimmt).

Dann weiter in den Dachstock, wo der Spoken-Word-Hohepriester Saul Williams seine ganz eigene musikalische Predigt zum Besten gab. Zum Abfallkübel hatte Williams auch was zu sagen: «And I feel bad, I feel bad, I feel conquered, I feel sad» sang er (aus «Triumph» vom neuen Album «Volcanic Sunlight»), aber nicht in Büsserpose, sondern als regelrechte Party-Hookline, als Mitsingrefrain, dass es eine Freude war.

Überhaupt, es war ein Bastard von einem Konzert, da wurde immer wieder in Seelengründen gewühlt, um im nächsten Moment die Oberflächlichkeit des Pop glitzern zu lassen. Auch die Band war launig zusammengestellt, eine gute alte Schlagzeuger-Saiten-Flanke und auf der anderen Seite zwei Männer an allerlei elektronischen Gerätschaften, die locker ein weites Soundspektrum von brachialem Industrial bis lustigem Disco-Funk abzudecken vermochten.

Im besten Fall entwickelte das eine ungeheure perkussive Wucht, die von Williams Sprechgesang nur noch mehr angetrieben wurde. Manchmal aber war es auch ein wenig allzu breitgetretener Lärm – von Bombast bis Morast war da alles vertreten. Getragen wurde alles von Williams vielgestaltiger Stimme, die die letzte Zugabe dann noch solo gab, mit einer rhythmisch-eindringlichen Geschichte, die wieder beides in einem war, Feier und Anklage, Tiefschlag und Hochgefühl.

Da weiss man, wo man hinlangt

Roland Fischer am Mittwoch den 19. Oktober 2011 um 06:08 Uhr

Eine kleine Betrachtung zum Reim in der heutigen Zeit – aus mancherlei aktuellen Anlässen. Dass der diesjährige Literatur-Nobelpreis an einen Lyriker gegangen ist, ist weitherum mit ziemlicher Gelassenheit, wenn nicht gar Gleichgültigkeit aufgenommen worden. Hie und da hat die Meldung aber auch Polemik provoziert. Die Lyrik mag leben, aber der Reim ist definitiv tot. Oder etwa nicht?

Tatsächlich wird ja gerade in Liedtexten nach wie vor munter gereimt, auch Rapper halten sich da gern an literarisch längst überkommene Sprachmuster. Ich sage nur «up in the air – like you just don’t care». Und mit einem lustigen Lied unterlegt, kann man sich sogar auf die Politwerbung einen (eher müden) Reim machen.

Ansonsten ist der Reim aus der Werbung aber weitgehend verschwunden. Was ein poetischer wie komödiantischer Jammer ist, wie eine wunderbare DVD-Box mit Werbefilm-Klassikern zeigt. Ob es nun um Geld, um Sauberkeit, ums Essen, um die Hausfrau oder die Schönheit geht – die Werbetexter von anno dazumal hätten sich den Nobelpreis allemal verdient gehabt.

Deren Botschaft, wenn auch sprachlich verdreht und verdrechselt, versteht man wenigstens, nicht wie bei Bob Dylan.

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Und noch ein Link zum Thema: Im Historischen Werbefunkarchiv kümmert sich längst die Wissenschaft um die profanen Sprachschätze.