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Archiv für die Kategorie „Bücher & Medien“

Schnipsel aus dem Netz

Benedikt Sartorius am Mittwoch den 1. Februar 2012 um 12:05 Uhr

Hier einige Sachen, die mit diesem Beitrag nun auch auf diesen Seiten noch vermeldet sind:

– Ein neues Wiki ist online – und zwar zur Berner Literatur. Literapedia Bern heisst das neue Online-Lexikon, das seit Montag online ist und bisher 812 Beiträge zu Berner Schriftstellerinnen und Schrifsteller zählt. Einige wenige Stichproben meinerseits, die von Kummer bis Reichen reichten, ergaben jedenfalls noch keine Lücken. Jetzt liegt es an den Fachleuten und am Publikum, an diesem schönen Projekt weiterzuschreiben.

– Am 7. Februar findet zum ersten Mal der Filmstammtisch «Film am Dienstag» statt. Im Kapitel am Bollwerk treffen sich Exponenten und Exponentinnen des bernischen Filmschaffens zur Diskussion. Das erste Thema: «Kurzfilmauswertung».

– Vivienne von Wattenwyl reiste 1923 und 1924 durch Afrika. Ihre Abenteuer-Expedition wird nun in einem Blog und via Twitter nachgezeichnet – und dient als Stoff für das Bern:Ballett-Tanzstück «Lions, Tigers, and Women …», das im April am Stadttheater Premiere feiern wird.

– In einem Monat wird eingetaucht in die globale Jukebox, die Alan Lomax mit seinen Klangsammlungen erschaffen hat. Sein Archiv zählt 15’000 Tracks und viele Stunden an Videomaterial. All dieses Material wird in Bälde vollständig hörbar sein – wir begnügen uns derzeit noch mit einzelnen Schnipsel.

Sand im Kopf

Benedikt Sartorius am Dienstag den 10. Januar 2012 um 07:20 Uhr

Unsereiner hat derzeit Sand im Kopf. Nicht, weil man sich Nacht für Nacht die Kante geben würde, sondern weil die Lektüre von Wolfgang Herrndorfs Roman «Sand» nur zaghaft fortschreiten will.

Das liegt natürlich auch am munter springenden Roman, in dem zunächst einige französische Polizisten einen Mord in einer amerikanischer Hippie-Kommune in Marokko aufklären möchten, bald darauf aber eine schöne Amerikanerin auftaucht und die ein Amnesie-Opfer aufgabelt, das sich, nun ja, an nichts, aber auch wirklich rein gar nichts erinnern kann. Ausnahmen: Irgendwas von einer Schiene, oder Mine, kurz: das Rennen um irgendwas Geheimnisvolles beginnt.

Der schwerkranke Herrndorf gibt dem Leser so allerlei zum auseinanderklamüsern mit auf die Lesereise. Und lustigerweise konnte ich mich in dieses Buch – dessen Kapitel immer mit einem Zitat aus Film-Noir-Streifen, der Bibel, Dagobert Duck, Joseph Conrad und weiteren Konsorten überschrieben sind – am besten reinleben, als ich in einer nicht gerade leisen Bar trank, Seite um Seite umdrehte, und wundersam das gross unterhaltende Geschehen und die Falltüren im Sand verstanden habe.

Bücherkiste: Austerlitz

Roland Fischer am Donnerstag den 22. Dezember 2011 um 05:08 Uhr

Freunde werfen mir mitunter vor, ich würde viel zu ausschliesslich Klassiker lesen und zeitgenössischen Autoren gar keine Chance geben. Ich pflegte bis vor ein paar Wochen darauf immer gleich zu antworten: Dass sie im Grunde recht hätten, wäre da nicht Bolaño. Unser Haus-Klassiker dient mir zu solchen Gelegenheiten jeweils als Alibi, als auch mich selbst beruhigende Ausflucht aus einem allzu simplen Literaturverständnis (früher war schliesslich alles besser).

Seit ein paar Wochen hat sich nun ein weiterer (halber) Zeitgenosse zu Bolaño gesellt. W.G. Sebald ist auch so ein schriftstellerisches Unikum, ein «Planet», wie es bei Bolaño oft heisst. Wobei man bei Sebald vielleicht eher von einem eigenen Land sprechen sollte, er nimmt einen nicht gleich so weit mit fort ins literarisch-phantastische All wie Bolaño. Er hat andere, weniger rabiate Mittel, einem den Boden unter den Füssen wegzuziehen, so dass man sich unvermittelt in einem Anderswo wiederfindet, das ganz selbstverständlich seine eigene Realität behauptet.

W.G. Sebald ist vor zehn Jahren – auch viel zu früh – gestorben, in seiner Wahlheimat Norfolk. Ich habe ein paar Wochen vor seinem Todestag eines seiner wunderbarsten Bücher in die Hände bekommen, «Austerlitz». Es ist das Buch eines Verlorenen, eines von der Weltgeschichte ganz konkret Durcheinandergebrachten. Aber wie man ihn, Austerlitz eben, begleitet durch ein halbes Jahrhundert europäischer Geschichte und verschütteter Erinnerung, da merkt man, dass Sebald Historie nur als Spiegelkabinett braucht, in das er nicht nur seine Figuren, sondern unweigerlich auch den Leser schickt. Wobei dieses lesende Verlorengehen bei Sebald ein so beglückendendes ist bei wie kaum einem anderen Autor.

Einmal schreibt er, dass man sich, beim Gang durch alte Festungsanlagen an der Deutsch-Französischen Front, des Eindrucks nicht erwehren kann, dass viele Riesenbauten aus dieser Zeit «den Schatten ihrer Zerstörung vorauswerfen» würden und «von Anfang an im Hinblick auf ihr nachmaliges Dasein als Ruinen konzipiert» worden seien. In solchen Momenten muss man sich eben wie losschütteln von dieser traumhaften Lektüre, um aus jener wieder in diese Realität zu kommen, in der Häuser ganz ohne solche Hintergedanken gebaut werden. Mag man das nun bedauern oder nicht.

Abenteuerliches in Bern

Benedikt Sartorius am Samstag den 17. Dezember 2011 um 08:08 Uhr

Das englische Musikmagazin «The Wire» mit dem Untertitel «Adventures in Sound and Music» hat sich wiedermal in Bern umgetrieben. Zeit für eine Aufdatierung:

– In der aktuellen Jahresrückblicknummer erinnern sich Musiker und Musikerinnen an ihre prägnantesten Erlebnisse in diesem Jahr – unter ihnen der Niederländer Thomas Ankersmit. Zusammen mit Phill Niblock spielte er im Oktober am Zoom-In-Festival im Münster und dort soll sich gemäss seinen Worten folgendes zugetragen haben: «Police showing up at a gig with Niblock in the Bern Cathedral. Turned out the neighbours had alerted them thinking the church organist had died and collapsed on top of the organ’s keyboard (no joke).»

– Auch blickt das Wire voraus – und zwar auf das 3. Norient Musikfilmfestival, das vom 12. bis am 15. Januar stattfinden wird. «Over four days in January, the Reitschule in Bern, Switzerland will host screenings, club nights and live shows», heisst es im beinahe einseitigen Artikel, in dem die Herren des Norients – Thomas Burkhalter und Michael Spahr ihr Programm vorstellen, das in Bälde genauer unter die Lupe genommen wird.

– Bereits mit der November-Nummer fanden sich auf der zweimal pro Jahr beigelegten Heft-CD, der «Tapper»-Serie, zwei Berner Beiträge: Der eine Track stammt vom Duo Praed aka Paed Conca und Raed Yassin – «unconventional bassists and multi-instrumentalists» –, der andere vom «sound collective» Mathon aus dem Hause Everest. Eine ehrenvolle Bilanz.

Mein Köniz weitet sich aus

Benedikt Sartorius am Dienstag den 6. Dezember 2011 um 13:37 Uhr

Ein Kreisel, ein Pfarrer, ein Fischteich, ein Schlosshof: Das sind die Bilder, die ich mit Köniz verbinde. Das Gurtenfestival und sowieso Wabern zählt unsereiner ja gerne zur Stadt. Deshalb stand eigentlich immer fest: Nein, nach Köniz werde ich wahrlich nie umziehen.

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Buchhandlung (9): Weltbild

Roland Fischer am Dienstag den 29. November 2011 um 05:37 Uhr

Der Buchmarkt konzentriert sich, die Akteure werden immer grösser und mächtiger. Inmitten dieser Konzerne mischt ein überraschendes Unternehmen mit, dem man in weltlichen Gefilden eigentlich längst keine Macht mehr zugedacht hätte. Die Weltbild-Läden («Ottos Warenposten für Bücher», wie eine Freundin treffend sagt) bieten Buchgenuss ohne intellektuelle Hemmschwelle und gehören – man höre und staune – der katholischen Kirche. Weltbild war einmal ein Zeitschriftenverlag für katholische Erbauungsschriften – das würde heute allerdings niemand mehr vermuten, der die bunten Ladenlokale (meist an allerbester Lage) betritt.

Ausser Branchenkennern wären die Besitzverhältnisse wohl niemandem geläufig, wenn der Buchboulevard nicht auch einige, sagen wir mal, etwas weniger christliche Sortimentsposten mit Erfolg bewirtschaften würde. Und so war der Skandal eigentlich vorprogrammiert: Die lange diskret im Hintergrund wirkenden Besitzer störten sich immer mehr am Geschäftsgebaren vor allem im Internet (wo Weltbild zusammen mit der Schnäppchen-Seite Jokers im deutschen Sprachraum immerhin die Nummer zwei hinter Amazon ist) und haben deshalb unlängst beschlossen, das eigentlich gut laufende Geschäft möglichst rasch loszuwerden.

Die Probe aufs Exempel an der Marktgasse verläuft indessen einigermassen enttäuschend, was Ungehöriges angeht. Explizite Erotik oder sonstwie Sündiges gibt es im Laden kaum, dafür ein ganzes, absurd gut sortiertes Gestell mit Vampirliteratur für Jugendliche. Im Internet wird man zwar fündiger, doch auch da muss man gewitzt suchen, um die verborgenen Schätze zu heben.

Also eigentlich ziemlich umsonst, die ganze Aufregung. Aber immerhin ein dankenswerter Anlass, um dem skurrilen Laden mal einen Besuch abzustatten. Und den einen oder anderen doch eher speziellen Sortimentsposten zu bestaunen. Die Kugelbahn wurde jedenfalls prompt auf die Weihnachtseinkaufsliste gesetzt.

Es hagelt Kritik!

Nicolette Kretz am Donnerstag den 24. November 2011 um 11:41 Uhr

Anfangs Monat ging die neue Schweizer Theaterkritikplattform theaterkritik.ch online. Wie wir bereits berichteten, funktioniert diese von Theatermachern und Journalisten lancierte Seite so, dass Theatergruppen oder –häuser für 600.- zwei Kritiken zu einer Inszenierung kaufen können, die am Tag nach der Premiere online erscheinen. Die Plattform beteuert jedoch, dass die KritikerInnen, obwohl sie von den Gruppen den Auftrag erhalten, nicht in deren Dienst stehen, sondern frei und aufrichtig schreiben.

Ob das wirklich funktioniert und welche Stellung diese Plattform in der Theaterszene einnehmen wird, ist nach zehn erschienenen Kritiken noch schwierig zu sagen. Wellen hat das Projekt jedenfalls schon heftig geschlagen.

Vor zwei Monaten ging mit Blitzkritik eine weitere interessante Initiative von Theaterschaffenden online, diesmal von einer Gruppe von «Zürcher TheaterexpertInnen» um Samuel Schwarz. Die MacherInnen posten hier Kritiken (von Theater und Filmen) als Audiobeiträge unmittelbar nach den Vorstellungen, die sie sehen. Die Auswahl scheint persönlich und versucht gar nicht erst irgendetwas «abzudecken». Die Berichte sind ebenfalls bewusst persönlich und ehrlich – so geben die Berichtenden es auch zu, wenn sie mal gar nicht wirklich eine Meinung haben. Mutig und erfrischend! Bloss der Gastbeitrag eines nicht namentlich genannten Gasts zu Samuel Schwarz’ neuster Inszenierung macht einen natürlich etwas hellhörig. Da die Seite aber gar nicht erst eine Neutralität behauptet, verzeiht man ihr das gerne.

Buchhandlung (8): Antiquariat Hegnauer

Roland Fischer am Mittwoch den 16. November 2011 um 05:05 Uhr

Wer etwas über das (auch von mir sehr geschätzte) ZVAB lernen will, der soll dem Antiquariat Hegnauer an der Münstergasse mal einen Besuch abstatten. Er wird da im Inhaber Christoph Schwarzenbach einen sehr kundigen und durchaus nicht verbitterten Fachmann antreffen, der einiges zu sagen hat zur – nun, nicht so schönen neuen digitalen Buchwelt.

Eigentlich war das «Zentrale Verzeichnis antiquarischer Bücher» von den Antiquaren damals mit offenen Armen aufgenommen worden, als Chance, eine sehr viel grössere Kundschaft zu erreichen als sich ein Ladeninhaber im Präinternet-Zeitalter je hätte erträumen können. Doch inzwischen ist der Online-Service fast schon zu einem Totengräber für die klassischen Antiquariate geworden: Im Netz herrscht ein so ungemütlich entfesselter Markt, dass der Preiskampf einen Laden nach dem anderen in den Abgrund reisst.

Konkurrenz belebt das Geschäft, könnte man da nun in ganz turboliberaler Weise sagen, doch die Sache geht tiefer. Tatsächlich schmilzt auch der Kundenstamm dahin, denn wie soll denn das Büchersuchen und -sammeln noch Spass machen, wenn die Sammlung mit ein paar Klicks komplettiert ist, wo bleibt der Kitzel beim Durchstöbern eines vielversprechenden Gestells und der Triumph, wenn man ein lang gesuchtes Buch unverhofft in Händen hält? Schwarzenbach bestätigt, dass manche seiner Kunden ihre Leidenschaft aufgegeben haben, weil ihnen in der plötzlichen digitalen Übersicht der Reiz fehlt.

Das Antiquariat Hegnauer stemmt sich dagegen – und ist bis heute nicht Teil des ZVAB-Riesensortiments, ja hat noch nicht mal einen Internetauftritt, der den Namen verdient. Und lebt gut damit, auch wenn die Auswahl im Laden natürlich ein wenig zu gehoben für den Durchschnittsleser ausfällt. Aber es lässt sich wohl nicht aufhalten: Der Bibliophile wird immer mehr zum Connaisseur, zum Feinschmecker, der sich seine exquisite Vorliebe auch etwas kosten lässt – auch etwas kosten lassen kann. Es ist schon ein bisschen ein Jammer – und ja: Schuld ist (für einmal wirklich) das Internet.

«Der Goali bin ig»

Gisela Feuz am Donnerstag den 10. November 2011 um 06:15 Uhr

Die schriftliche Version von Pedro Lenz’ «Der Goalie bin ig» hat ja nach der Veröffentlichung die eine oder andere Auszeichnung eingeheimst und musste innerhalb eines Jahres nun auch bereits zwei Mal nachgedruckt werden. Die Erzählung rund um den 33-jährigen Goalie, ein Ex-Junky, der gerade wegen «Giftgeschichten» ein Jahr in Witzwil verbracht hat und nun wieder Fuss zu fassen sucht in der Gesellschaft, berührt auf eigentümliche Weise und hat entsprechend grossen Anklang gefunden bei der Leserschaft.

Nun ist das ja aber so eine Sache mit Mundartliteratur. Wer nicht daran gewöhnt ist, dem geht das Lesen nicht so leicht von der Hand bzw. vom Auge und wenn dann gar noch in einem anderen Dialekt geschrieben wird, dann «stoglet» man doch des öfteren über den einen oder anderen Ausdruck, sinniert an desssen Bedeutung herum und kann sich nicht recht in die Geschichte hineinversetzen, weil ständig Begriffsdefinitions-Detektivarbeit geleistet werden muss.

Diesem Problem wird nun mit der Hörbuch-Version von Pedro Lenz’ «Der Goalie bin ig» Abhilfe geschaffen. Während Christian Brantschen eine dezente musikalische Untermalung beisteuert, liest der Autor selber die Geschichte seines Goalies vor. Lenz’ tiefe Stimme und sein lakonische Ausdrucksweise passen bestens zum Charakter seines Protagonisten, diesem liebenswerten naiven Anti-Helden, der um das Herz der Serviertochter Regi kämpft, die Sonntagsdepression auch mal mit 2 Rohypnol und einer Flaschen Roten herunterspült und am Ende der Lektüre einer «himmeltraurigen Geschichte» (John Steinbecks «Of Mice and Men») Tränen des Mitleids vergiesst.

Wohl nicht zuletzt wegen seines Engagements beim Spoken-Word-Ensemble Bern und seinen Auftritten an Poetry-Slams kennt sich Lenz bestens aus mit dem Vortragen von Texten. Das merkt man denn auch, wenn man sich seinen Goalie anhört. Wenn Lenz seinen Text liest wird offensichtlich, wie rhythmisch und dynamisch seine Sprache doch eigentlich ist. Künstlich oder überstilisiert wirkt sie dadurch aber nie, dafür ist das Ganze dann doch zu lakonisch gehalten. Richtig gerne hört man sich das an und muss dabei nicht nur über die Abenteuer von Goalie grinsen, sondern ab und zu eben auch über diesen Oltener Oberaargauer Dialekt. In diesem Sinne: 1:0 für die Hörbuchversion.

Bücherkiste: Der Ur-Cliffhanger

Roland Fischer am Dienstag den 8. November 2011 um 06:05 Uhr

Ich weiss natürlich nicht, ob das vielleicht schon vorher jemand gemacht hat, aber sagen wir mal: George Sand ist die Erfinderin des Cliffhangers, des Schnitts im dümmsten Moment, der dramaturgischen Finte des angehaltenen Atems. Es gab zu Zeiten der französischen Autorin natürlich noch keine Werbeunterbrechungen oder Vorabendserien, aber das Prinzip ist in «Indiana» schon zur Perfektion gebracht – und zudem in einer Szenerie, die, könnte man annehmen, auch gleich den Namen geprägt hat (stimmt allerdings nicht, der Begriff hat seinen Ursprung bei Thomas Hardy).

Aber von vorn. Das Buch erzählt die Geschichte von Indiana, die ihre Gefühle nicht anders als mit übergrosser Ernsthaftigkeit leben kann, sei es bei ihrem Gatten (den sie gar nicht liebt) oder ihrem Verführer (den sie mit Ingrimm liebt), und zwei Männern (eben dem Verführer und einem Freund), von denen wiederum der eine blendend (wortwörtlich), der andere nur sehr stümperhaft zu lieben versteht. Indiana ist noch dazu mit einem ebenso starken wie eigensinnigen Charakter gesegnet, ihr Gatte dafür mit einer beeindruckenden Herz- und Charakterlosigkeit.

Was bei solchen Zutaten herauskommt, ist eigentlich klar: Es werden alle Beteiligten vollkommen unglücklich. Sand schildert das aber auf so grosse Weise, dass man sich dem Sog der Geschichte nur schwer entziehen kann. Und vor allem: Sie ist, vor allem ihrer Hauptfigur gegenüber, eine unwägbare Erzählerin und verteilt ihre Sympathien auf launenhafte Weise – natürlich schlägt ihr Herz für ihre mutige Frauenfigur, aber ein wenig gar unbedarft findet sie sie in Liebesdingen dann doch.

Und dann kommt es eben - ganz am Schluss, wenn der Sog am mächtigsten ist und alles auf ein grosses Unglück oder auf ein grosses Glück, endlich, hinausläuft, da stoppt Sand die Erzählung ganz plötzlich, im dramatischsten Moment. Sie schicken sich an, von der Klippe (!) zu springen, haben sich aber eben ihre Gefühle offenbart, sie taumeln, sie verzweifeln, und Schnitt. Happy End oder nicht, es muss offen bleiben.

Oder etwa nicht? Nein, doch noch nicht fertig, man blättert und Sand schiebt hastig noch einmal zwölf Seiten nach und führt die Geschichte noch zu einem schönen runden Ende. Was sie dabei allerdings für wilde Haken schlagen muss, welcher billiger erzählerischer Tricks sie sich plötzlich bedient, das ist doch herrlich grotesk und würde jedem Hollywood-Drehbuchschreiber die Haare zu Berge stehen lassen. Und die erlauben sich in Sachen guter Wendungen böser Geschichten ja doch so einiges. Aber nichts gegen die Sand, solche hochliterarischen Ungehörigkeiten sind wunderbar, gerade ihrer Verquertheit wegen.