Erinnert sich noch jemand an die Schweinegrippe, damals ganz zu Beginn, als irgendwo in Mexiko ein neuer Virus sein Unwesen trieb und wir hier nicht so recht wussten, was anfangen mit den Meldungen? Oder die Vogelgrippe in Hongkong, und die seltsame Öffentlichkeitsarbeit der Chinesen? Dann kommt das vielleicht ein wenig bekannt vor:
«We talked through the air in those days, thousands and thousands of miles. And the word came of a strange disease that had broken out in New York. There were seventeen millions of people living then in that noblest city of America. Nobody thought anything about the news. It was only a small thing. There had been only a few deaths. It seemed, though, that they had died very quickly, and that one of the first signs of the disease was the turning red of the face and all the body. Within twenty-four hours came the report of the first case in Chicago. And on the same day, it was made public that London, the greatest city in the world, next to Chicago, had been secretly fighting the plague for two weeks and censoring the news despatches—that is, not permitting the word to go forth to the rest of the world that London had the plague.
It looked serious, but we in California, like everywhere else, were not alarmed. We were sure that the bacteriologists would find a way to overcome this new germ, just as they had overcome other germs in the past.»
Geschrieben hat das Jack London, und zwar vor genau hundert Jahren – 1912 erschien sein Kurzroman «The Scarlet Plague». Darin imaginiert London den (Fast)Weltuntergang im Jahr 2012 (bzw. im folgenden Jahr, als die Epidemie ihr tödliches Werk so gut wie verrichtet hat). Erzählt wird das Ganze wiederum von einem der ganz wenigen Überlebenden, der seinen verrohten Enkeln einen Eindruck davon geben will, was man mal «Zivilisation» nannte. Die Enkel verstehen allerdings nur Bahnhof und finden den Alten überhaupt vor allem einen reichlich anstrengenden Quassler, der nicht mal eine einfache Geschichte spannend auf den Punkt erzählen kann.
London hingegen kann das natürlich prächtig, und ein Jahrhundert später amüsiert man sich noch mehr über die hintergründige Zeitverschachtelung, mit der der Autor da nach weit vorne in eine Welt blickt, die aber eigentlich eine vergangene, in den Urzustand zurückgefallene ist, um von diesem Punkt rückblickend wiederum eine Zukunft ganz in Science-Fiction-Manier zu skizzieren – eine Welt in hundert Jahren, wie man sie sich 1912 vorgestellt hatte.
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Der Roman ist derzeit nur auf Englisch lieferbar. Da gibt es dafür eine ganze Reihe von Ausgaben – besonders ans Herz gelegt sei diese hübsche Neuedition mit weiteren vergessenen Texten aus dem «Radium Age».