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Archiv für die Kategorie „Bücher & Medien“

Bücherkiste: Reigen

Roland Fischer am Dienstag den 15. Mai 2012 um 05:00 Uhr

Am 1. Januar 1982 kurz nach Mitternacht war das Theater Basel rappelvoll. Doch man feierte nicht ausgelassen, sondern fieberte einer nächtlichen Aufführung entgegen, einer theatralen Wiederauferstehung. In der Nacht erlebte ein Stück eine zweite Uraufführung, das nach der Premiere über sechzig Jahre im literarischen Giftschrank verschlossen lag: Schnitzlers Reigen.

Es ist eine der skurrilsten Geschichten verbotener Literatur (a propos, diese Neuerscheinung sei sehr zu empfehlen), denn der Reigen ist nicht wegen unzüchtiger Worte ins Kreuzfeuer geraten, sondern wegen der berühmt gewordenen Gedankenstriche, mit denen Schnitzler seitenbreit angedeutet hat, wovon man damals nicht sprechen durfte. Das sieht dann zum Beispiel so aus:

Soldat.
Hab kein’ Angst….
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
Dirne.
Auf der Bank wär’s schon besser gewesen.

Schnitzler wäre heute 150 Jahre alt geworden - den Reigen hat er vor über hundert Jahren geschrieben. Die Zahl frappiert, denn es ist ein ungemein aktuelles Buch, was die Anlage angeht: Da paaren sich zehn Leute nacheinander, immer schön weitergereicht, bis sich der Kreis am Ende wieder schliesst. Zumeist ist dieser Sex natürlich nichts besonderes, und es spielt deshalb auch eigentlich keine Rolle, ob man ihn zeigt oder nicht.

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Der Preis ist heiss

Benedikt Sartorius am Freitag den 13. April 2012 um 06:40 Uhr

Was kostet eigentlich ein Hipster? Nun, im Buchhandel ist der Ungeliebte und Vielgeschmähte und doch Bewunderte, weil man ja eigentlich selber einer sein möchte, derzeit für 29.90 zu erstehen.

Hipster: Eine transatlantische Diskussion ist in der Edition Suhrkamp erschienen.

Ohrwurmkur, bitte!

Roland Fischer am Freitag den 6. April 2012 um 13:26 Uhr

Ich überlege mir eine Schadenersatzklage gegen das Kairo. Nicht genug, dass gestern abend zwei Stunden lang durchs Band unerträglich schlechte Musik geboten wurde, man wurde auch nicht über mögliche Nachwirkungen des Abends informiert. Denn die Musik-Folge der Worst Case Scenarios ist längst nicht vorbei, wenn sie vorbei ist. Noch einen Tag später plagt man sich mit fiesen Ohrwürmern von der Sorte «Ja, ja, ja, ja, Affinität» (Betonung auf ‘fi) oder «McDonalds, McDonalds, Kentucky Fried Chicken and the Pizza Hut» rum.

Zum Glück, kann man da nur sagen, hatte nicht alles Gebotene Ohrwurmpotential. Und dann all die blöden Standortmarketing-Songs. Thurgau, Zürich, Tirol - ob diese Beiträge tatsächlich den gewünschten Effekt haben? Und will man wirklich Texte von jemandem hören, der sich «Reimrammler» nennt?

In diesem Reigen der Peinlichkeiten durfte natürlich auch das FDP-Jekami-Chörchen aus Reinach nicht fehlen. Dazu gibt’s übrigens noch zwei Geschichten nachzutragen: Die Werbekampagne ging in die Hose, auch wenn das die Werber anfangs nicht wahrhaben wollten (offenbar hatten sie ganz bewusst auf das Trash-Potential des Videos gesetzt, weil es sich sonst nicht zu einem Netzphänomen entwickelt hätte). Erfolg hin oder her, zur Inspiration taugt das Video natürlich allemal: Hier tanzt die Reitschule als «FTP – Die Libertären».

Lenz und Brantschen

Gisela Feuz am Mittwoch den 4. April 2012 um 00:36 Uhr

Man kann sich den Goalie von Pedro Lenz ja wunderbar in der Badewanne anhören. Bis Schwimmhäute. Von Badenixe Feuz getestet und weiterempfohlen. Allerdings entgehen einem da zwei nicht unwesentliche visuelle Komponente: ein Pedro Lenz, der im Rhythmus der eigenen Worte charmant auf der Bühne herumschlakst und ein Christian Brantschen, der tief über ein Klavier gebeugt mit Leib und Seele in die Tasten greift.

Bumsvoll wars gestern im ONO. Jung und Alt war gekommen, um dabei zu sein, wie Pedro Lenz aus seinem ersten Roman «Der Goalie bin ig» las. Er tat dies nicht etwa sitzend, wie es andere Autoren oft tun, sondern in schönster Slam-Poetry-Manier stehend, wobei die rechte Hand manchmal ein interessantes Eigenleben entwickelte und gerne Gesagtes unterstrich, während die Knie im Sprachrhythmus mitwippten oder auch mal ein schüchternes Tänzchen anzettelten, wenn Christian Brantschen in die Tasten griff.

Die beiden sind ein gut eingespieltes Duo und perfekt aufeinander abgestimmt. Brantschen steuert mit seinem Klavier je nach Inhalt Dramatik oder Melancholie bei und Lenz erledigt mit sonorer Stimme, Bernhardiner-Augen, knochentrockener Lakonie und einer Geschichte, die einem lachen, mitfiebern oder -leiden lässt, den Rest. Morgen Donnerstag treten die beiden Herren noch einmal zusammen an im ONO. Aber freuen Sie sich nicht zu früh. Der Anlass ist bereits ausverkauft. Sie haben keine Badewanne? Ojeh. Ich vermiete sonst meine. Zu einem Wucherpreis versteht sich.

Bücherkiste: The Scarlet Plague

Roland Fischer am Dienstag den 28. Februar 2012 um 05:38 Uhr

Erinnert sich noch jemand an die Schweinegrippe, damals ganz zu Beginn, als irgendwo in Mexiko ein neuer Virus sein Unwesen trieb und wir hier nicht so recht wussten, was anfangen mit den Meldungen? Oder die Vogelgrippe in Hongkong, und die seltsame Öffentlichkeitsarbeit der Chinesen? Dann kommt das vielleicht ein wenig bekannt vor:

«We talked through the air in those days, thousands and thousands of miles. And the word came of a strange disease that had broken out in New York. There were seventeen millions of people living then in that noblest city of America. Nobody thought anything about the news. It was only a small thing. There had been only a few deaths. It seemed, though, that they had died very quickly, and that one of the first signs of the disease was the turning red of the face and all the body. Within twenty-four hours came the report of the first case in Chicago. And on the same day, it was made public that London, the greatest city in the world, next to Chicago, had been secretly fighting the plague for two weeks and censoring the news despatches—that is, not permitting the word to go forth to the rest of the world that London had the plague.
It looked serious, but we in California, like everywhere else, were not alarmed. We were sure that the bacteriologists would find a way to overcome this new germ, just as they had overcome other germs in the past.»

Geschrieben hat das Jack London, und zwar vor genau hundert Jahren – 1912 erschien sein Kurzroman «The Scarlet Plague». Darin imaginiert London den (Fast)Weltuntergang im Jahr 2012 (bzw. im folgenden Jahr, als die Epidemie ihr tödliches Werk so gut wie verrichtet hat). Erzählt wird das Ganze wiederum von einem der ganz wenigen Überlebenden, der seinen verrohten Enkeln einen Eindruck davon geben will, was man mal «Zivilisation» nannte. Die Enkel verstehen allerdings nur Bahnhof und finden den Alten überhaupt vor allem einen reichlich anstrengenden Quassler, der nicht mal eine einfache Geschichte spannend auf den Punkt erzählen kann.

London hingegen kann das natürlich prächtig, und ein Jahrhundert später amüsiert man sich noch mehr über die hintergründige Zeitverschachtelung, mit der der Autor da nach weit vorne in eine Welt blickt, die aber eigentlich eine vergangene, in den Urzustand zurückgefallene ist, um von diesem Punkt rückblickend wiederum eine Zukunft ganz in Science-Fiction-Manier zu skizzieren – eine Welt in hundert Jahren, wie man sie sich 1912 vorgestellt hatte.

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Der Roman ist derzeit nur auf Englisch lieferbar. Da gibt es dafür eine ganze Reihe von Ausgaben – besonders ans Herz gelegt sei diese hübsche Neuedition mit weiteren vergessenen Texten aus dem «Radium Age».

Schnipsel aus dem Netz

Benedikt Sartorius am Mittwoch den 1. Februar 2012 um 12:05 Uhr

Hier einige Sachen, die mit diesem Beitrag nun auch auf diesen Seiten noch vermeldet sind:

– Ein neues Wiki ist online – und zwar zur Berner Literatur. Literapedia Bern heisst das neue Online-Lexikon, das seit Montag online ist und bisher 812 Beiträge zu Berner Schriftstellerinnen und Schrifsteller zählt. Einige wenige Stichproben meinerseits, die von Kummer bis Reichen reichten, ergaben jedenfalls noch keine Lücken. Jetzt liegt es an den Fachleuten und am Publikum, an diesem schönen Projekt weiterzuschreiben.

– Am 7. Februar findet zum ersten Mal der Filmstammtisch «Film am Dienstag» statt. Im Kapitel am Bollwerk treffen sich Exponenten und Exponentinnen des bernischen Filmschaffens zur Diskussion. Das erste Thema: «Kurzfilmauswertung».

– Vivienne von Wattenwyl reiste 1923 und 1924 durch Afrika. Ihre Abenteuer-Expedition wird nun in einem Blog und via Twitter nachgezeichnet – und dient als Stoff für das Bern:Ballett-Tanzstück «Lions, Tigers, and Women …», das im April am Stadttheater Premiere feiern wird.

– In einem Monat wird eingetaucht in die globale Jukebox, die Alan Lomax mit seinen Klangsammlungen erschaffen hat. Sein Archiv zählt 15’000 Tracks und viele Stunden an Videomaterial. All dieses Material wird in Bälde vollständig hörbar sein – wir begnügen uns derzeit noch mit einzelnen Schnipsel.

Sand im Kopf

Benedikt Sartorius am Dienstag den 10. Januar 2012 um 07:20 Uhr

Unsereiner hat derzeit Sand im Kopf. Nicht, weil man sich Nacht für Nacht die Kante geben würde, sondern weil die Lektüre von Wolfgang Herrndorfs Roman «Sand» nur zaghaft fortschreiten will.

Das liegt natürlich auch am munter springenden Roman, in dem zunächst einige französische Polizisten einen Mord in einer amerikanischer Hippie-Kommune in Marokko aufklären möchten, bald darauf aber eine schöne Amerikanerin auftaucht und die ein Amnesie-Opfer aufgabelt, das sich, nun ja, an nichts, aber auch wirklich rein gar nichts erinnern kann. Ausnahmen: Irgendwas von einer Schiene, oder Mine, kurz: das Rennen um irgendwas Geheimnisvolles beginnt.

Der schwerkranke Herrndorf gibt dem Leser so allerlei zum auseinanderklamüsern mit auf die Lesereise. Und lustigerweise konnte ich mich in dieses Buch – dessen Kapitel immer mit einem Zitat aus Film-Noir-Streifen, der Bibel, Dagobert Duck, Joseph Conrad und weiteren Konsorten überschrieben sind – am besten reinleben, als ich in einer nicht gerade leisen Bar trank, Seite um Seite umdrehte, und wundersam das gross unterhaltende Geschehen und die Falltüren im Sand verstanden habe.

Bücherkiste: Austerlitz

Roland Fischer am Donnerstag den 22. Dezember 2011 um 05:08 Uhr

Freunde werfen mir mitunter vor, ich würde viel zu ausschliesslich Klassiker lesen und zeitgenössischen Autoren gar keine Chance geben. Ich pflegte bis vor ein paar Wochen darauf immer gleich zu antworten: Dass sie im Grunde recht hätten, wäre da nicht Bolaño. Unser Haus-Klassiker dient mir zu solchen Gelegenheiten jeweils als Alibi, als auch mich selbst beruhigende Ausflucht aus einem allzu simplen Literaturverständnis (früher war schliesslich alles besser).

Seit ein paar Wochen hat sich nun ein weiterer (halber) Zeitgenosse zu Bolaño gesellt. W.G. Sebald ist auch so ein schriftstellerisches Unikum, ein «Planet», wie es bei Bolaño oft heisst. Wobei man bei Sebald vielleicht eher von einem eigenen Land sprechen sollte, er nimmt einen nicht gleich so weit mit fort ins literarisch-phantastische All wie Bolaño. Er hat andere, weniger rabiate Mittel, einem den Boden unter den Füssen wegzuziehen, so dass man sich unvermittelt in einem Anderswo wiederfindet, das ganz selbstverständlich seine eigene Realität behauptet.

W.G. Sebald ist vor zehn Jahren – auch viel zu früh – gestorben, in seiner Wahlheimat Norfolk. Ich habe ein paar Wochen vor seinem Todestag eines seiner wunderbarsten Bücher in die Hände bekommen, «Austerlitz». Es ist das Buch eines Verlorenen, eines von der Weltgeschichte ganz konkret Durcheinandergebrachten. Aber wie man ihn, Austerlitz eben, begleitet durch ein halbes Jahrhundert europäischer Geschichte und verschütteter Erinnerung, da merkt man, dass Sebald Historie nur als Spiegelkabinett braucht, in das er nicht nur seine Figuren, sondern unweigerlich auch den Leser schickt. Wobei dieses lesende Verlorengehen bei Sebald ein so beglückendendes ist bei wie kaum einem anderen Autor.

Einmal schreibt er, dass man sich, beim Gang durch alte Festungsanlagen an der Deutsch-Französischen Front, des Eindrucks nicht erwehren kann, dass viele Riesenbauten aus dieser Zeit «den Schatten ihrer Zerstörung vorauswerfen» würden und «von Anfang an im Hinblick auf ihr nachmaliges Dasein als Ruinen konzipiert» worden seien. In solchen Momenten muss man sich eben wie losschütteln von dieser traumhaften Lektüre, um aus jener wieder in diese Realität zu kommen, in der Häuser ganz ohne solche Hintergedanken gebaut werden. Mag man das nun bedauern oder nicht.

Abenteuerliches in Bern

Benedikt Sartorius am Samstag den 17. Dezember 2011 um 08:08 Uhr

Das englische Musikmagazin «The Wire» mit dem Untertitel «Adventures in Sound and Music» hat sich wiedermal in Bern umgetrieben. Zeit für eine Aufdatierung:

– In der aktuellen Jahresrückblicknummer erinnern sich Musiker und Musikerinnen an ihre prägnantesten Erlebnisse in diesem Jahr – unter ihnen der Niederländer Thomas Ankersmit. Zusammen mit Phill Niblock spielte er im Oktober am Zoom-In-Festival im Münster und dort soll sich gemäss seinen Worten folgendes zugetragen haben: «Police showing up at a gig with Niblock in the Bern Cathedral. Turned out the neighbours had alerted them thinking the church organist had died and collapsed on top of the organ’s keyboard (no joke).»

– Auch blickt das Wire voraus – und zwar auf das 3. Norient Musikfilmfestival, das vom 12. bis am 15. Januar stattfinden wird. «Over four days in January, the Reitschule in Bern, Switzerland will host screenings, club nights and live shows», heisst es im beinahe einseitigen Artikel, in dem die Herren des Norients – Thomas Burkhalter und Michael Spahr ihr Programm vorstellen, das in Bälde genauer unter die Lupe genommen wird.

– Bereits mit der November-Nummer fanden sich auf der zweimal pro Jahr beigelegten Heft-CD, der «Tapper»-Serie, zwei Berner Beiträge: Der eine Track stammt vom Duo Praed aka Paed Conca und Raed Yassin – «unconventional bassists and multi-instrumentalists» –, der andere vom «sound collective» Mathon aus dem Hause Everest. Eine ehrenvolle Bilanz.

Mein Köniz weitet sich aus

Benedikt Sartorius am Dienstag den 6. Dezember 2011 um 13:37 Uhr

Ein Kreisel, ein Pfarrer, ein Fischteich, ein Schlosshof: Das sind die Bilder, die ich mit Köniz verbinde. Das Gurtenfestival und sowieso Wabern zählt unsereiner ja gerne zur Stadt. Deshalb stand eigentlich immer fest: Nein, nach Köniz werde ich wahrlich nie umziehen.

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