
«Tosca» im Berner Stadttheater: Landauf, landab die gleichen Klassiker.
Es geht ein Gespenst um im deutschen Kulturraum. Das Gespenst jagt einer Institution Angst und Schrecken ein, die seit bald zwei Jahrhunderten zum Kanon des Bildungsbürgertums gehört: Das Stadttheater, in Deutschland und der Schweiz in jeder grösseren Stadt eine Selbstverständlichkeit und Nutzniesser des Löwenanteils der öffentlichen Kulturgelder. Es scheint, dass das Konzept eines anspruchsvollen Mehrspartenhauses im 21. Jahrhundert in eine lebensbedrohliche Krise geraten ist, in Wuppertal und in Bern. Erodierende Zuschauerinnen- und Zuschauerzahlen, gebeutelte Gemeindebudgets, explodierende Produktionskosten und sanierungsbedürftige Spielstätten entfachen eine Abwärtsspirale, von der kein Ende sichtbar ist.
«Die Zeit» hat kürzlich die Krise des deutschen Stadttheaters aufgearbeitet. «Der Kulturkampf», so der Titel der mehrseitigen Reportage, liefert anschaulich Einblick in eine Kultursparte, deren strukturelle, finanzielle und künstlerische Koordinaten durcheinander geraten sind. Interessant aus hiesiger Sicht scheint mir die Relativierung der Stadttheater-Bern-Debatte: Es handelt sich nicht um ein lokales, singuläres Problem, sondern ist Abbild einer grundsätzlichen, auch inhaltlichen Krise des – in diesem Falle bürgerlichen – Kulturbetriebes.
Vor diesem allerorts zusammenbrechenden Hintergrund haben die beiden linken Berner Exekutivpolitiker Alexander Tschäppät und Bernhard Pulver die Fusion von Stadttheater und Berner Symphonie-Orchester verordnet. Die beiden Tanker der hiesigen Kulturförderung sind seit Jahrzehnten Partner, die sich aber nicht wirklich mögen. Darum ists eine Zwangsheirat, die nun von Hans Lauri, Ex-Ständerat und -Regierungsrat, Mitglied der SVP, und Marcel Brülhart, Ex-Mister Euro, zwei liberal-bürgerlichen Juristen, bis am 1. Juli 2011 durchgepaukt werden muss. Ein Finanzpolitiker und ein Organisator von Sportgrossanlässen sollen den CEO der fusionierten Firma «Konzert Theater Bern» finden. Künstlerisch sensible Menschen kann diese Ausgangslage und Zielvorgabe in helle Aufregung versetzen.
Man kann es auch anders sehen. Frank Alva Buecheler, erfolgreicher Theaterregisseur aus Hamburg, sieht in der Krise des deutschen Stadttheaters eine Chance. Buecheler schlägt in seinem interessanten Text vor, den Koloss Stadttheater zu zerschlagen, und in drei unabhängige Bereiche aufzustellen: Als «Theaterproduktionsgesellschaften» wären Ensembles und Kompanien tätig, um dem Theater künstlerisch hoch dotierte Produktionen zu verkaufen. «Agenturen wiederum würden als Bindeglied zwischen Angebot (Produzenten) und Nachfrage (Theatern) für die Vermittlung sowie eine effiziente Distribution (Verkauf/Ankauf) sorgen.» Buecheler hat dieses Modell, das mit dem Anspruch eines Stadttheaters, das vom Kostüm über das Libretto bis zum Flyer alles selber machen will, aufräumt, der Filmproduktion abgeschaut.
Bern macht irgendwie das Gegenteil. Statt drei Sparten wird der neue Koloss vier Sparten beinhalten. Gibts eigentlich eine Debatte über diese wahnwitzig erscheinende Fusion? Und wenn ja, wo findet sie statt? Ich bin dafür, dass öffentlicher diskutiert wird. Keine Frage: Gerade eine Stadt wie Bern, deren Grösse zwischen Hauptstadt und Provinz schwankt, braucht ein gut dotiertes, spannendes und im besten Fall auch kontroverses Theater. Und es wäre ein fataler Kurzschluss, dem Stadttheater einen politischen Absturz bei den anstehenden Verhandlungen um den neuen Subventionsvertrag 2012-15 zu wünschen. Andererseits scheint mir, dass jetzt, wo mit der Fusion Stadttheater-Symphonieorchester so vieles zur Disposition steht, der Blick dorthin, wo die gleichen Problemen gewälzt werden, wichtig.





…das Thema haben wir von BSO-Seite im ensuite schon ein paar mal beleuchtet. Im Januar werden wir aber einen Blick vom Theater aus werfen. Es stimmt: Mehr Dialog ist gefragt. Vor allem öffentliche MitdenkerInnen. Bitte melden, ensuite macht gerne Platz dafür!…
Die Grundsatzfrage muss erlaubt sein, ob ein Theater in dieser Form noch Zeitgemäss ist.Neue Formen der Unterhaltung und Bildung sind entstanden. Der Wandel der Zeit war immer und zu jeder Zeit eine Herausvorderung für die Kultur. Das BSO aber, verträgt offenbar keine Anpassungen und das Stadtheater keine Anpassung an veränderte Zuschauuerbedürfnisse.
Im Stadttheater werden weder bloss die alten Klassiker rauf und runter gespielt, noch findet dort keine Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen des Publikums statt. Und zumindest die Sparte Schauspiel ist sehr gut besucht, ob einem das jetzt in den Kram passt oder nicht. Die Schweizer Hauptstadt ohne Stadttheater – das wäre erbärmlich. Und: Das Theater ist eine der ältesten Kunstformen überhaupt und hat bis jetzt sämtliche Wandel der Zeit mitgemacht und überlebt. Auch neue Formen der Bildung wie das “Ewigi Liebi”-Zelt wird das Theater mit links verarbeiten können.
Generell wird in dieser Diskussion oft sehr stark aus eigenen Interessen heraus argumentiert, besser gesagt politisiert, und zwar von allen Seiten her, wie mir scheint. Ich wünsche mir mehr Einsatz tatsächlich für die Sache an sich, für das Theater, für die Kultur. Hierzu sollten die Kulturschaffenden endlich an einem Strick ziehen.
Das Stadttheater ist nicht einfach eine Geldvernichtungsmaschiene, es bietet auch feste Arbeitsplätze für 300 Personen – welcher andere Kulturbetrieb kann das leisten? Und das Stadttheater Bern erhält nicht viel Subventionen, wer das behauptet, hat einfach keine Ahnung. Natürlich sollten grundsätzliche Dinge endlich diskutiert werden, zum Beispiel das Gefälle bei den Löhnen, mit einem Intendanten, der mehr verdient, als unser Stadtpräsident, während die Tänzer von ihrem Lohn zum Teil kaum leben können.
In dem Sinne: Die Diskussion muss natürlich unbedingt geführt und intensiviert werden.
Das BSO ist ein gutes Orchester, das unter einem hervorragenden Dirigenten zu Höchstleistungen fähig ist. Das Stadttheater spielt hingegen, um es vorsichtig auszudrücken, nicht in derselben Liga. Die erzwungene Fusion halte ich für “nicht zielführend”, wie man in diesem unsäglichen Soziolekt zu sagen pflegt. Zudem kostet es über 40 Mio, das Haus an der Kornhausbrücke überhaupt bespielbar zu halten. Die einzige vernünftige Lösung ist die ersatzlose Schliessung des Theaters. Darüber wäre eine kleine Welt traurig.
Ich habe auch keine Patentlösung parat, aber beim Lesen dieses Ansatzes kommt bei mir Unbehagen auf: tönt z.T. wie aus einem Restrukturierungsprogramm von Andersen aus den späten 90ern, zerschlagen, aufteilen, mehr Markt…(und dann noch Liga…)
Ist für mich ein bisschen wie bei Verwaltungssachen: nur weil momentan vielleicht suboptimal geführt wird und des öfteren die falschen Leute ausgewählt wurden, muss man nicht gleich alles zerschlagen. Zudem fände ich es schade, wenn es nicht mehr möglich sein sollte ein Haus mit festem Ensemble zu führen, d.h. in Bern _endlich_ zu einem festen Ensemble zu stehen und es anständig auszustatten.
Oder so: Kontinuität nicht unterschätzen (gerade in diesen Zeiten).
(siehe auch den 6. Kommentar im verlinkten Artikel, bin nicht der Autor.)
Completely off topic sozusagen hier die erste Bestätigung für die Bad Bonn Kilbi: Swans. Ja genau, die New Yorker Band: http://www.swans.pair.com
Sehr schön, Herr Pwei. Das wird höchstwahrscheinlich ein trefflicher Tiereröffnungsabend an der Kilbi, ha. Aber wir schweifen ab.
Das Stadttheater ist für Bern nicht wegzudenken. Über die From darf gedacht werden. Das BSO ist ebenfalls sehr gut und auch nicht wegzudenken. Wer von Ligas spricht, urteilt zu allmächtig und vergleicht Birnen mit Grünkohl. Mir gefällt die Logik: “Statt drei Sparten wird der neue Koloss vier Sparten beinhalten.” Saublöd. Das ist, wie wenn wir die zu kurze Wäscheleine noch mehr kürzen, und feststellen, dass sie immer noch zu kurz ist!… Dass man Mister Euro einen Job zugehalten hat, ist zwar nett gemeint, doch totaler Blödsinn. Zu viele Menschen arbeiten an kulturell wichtigen Positionen, ohne eine entsprechende Qualifikation oder Leistungsausweise zu haben. Und die Erfahrung von pinkelnde Holländern hat mit BSO und Theater irgendwie nichts gemeinsam… Leider ist das unsere Stadtmoral. Ich traue der Sache noch nicht – das ist Haudegen-Kulturpolitik. Ziemlich unsensibel.
@ Jimy Hofer: “Neue Formen der Unterhaltung und Bildung sind entstanden.” Nur weil ich nie in deinem Club bin, heisst das nicht, dass ich den als veraltet und überholt deklariere. Es gibt Dinge – und das hat Frau Pergoletti ganz gut erklärt – die ziemlich alt und immer noch gut sind. Aber genau die Idee, dass ein Theater nur Unterhaltung sein soll, zeigt, wie kaputt der Kulturbegriff bereits ist. Wenn “Kultur” nur noch noch “Unterhaltung” sein soll, hören wir doch besser auf damit.
@ Manfred Meier: Sie sind mir ein Luschtiger: Wenn das BSO einen besseren Saal hätte, würde der auch mehr kosten, aber dann wäre der Klang dieses Orchesters auch um vieles besser, als jetzt – hätte aber das gleiche Problem, wie das Theater. Das letzte Mal im Casino war ich sowas von gefrustet, weil der Ton partout nicht von der Bühne runter wollte, dass ich mir sehnlichst einem besseren Konzertsaal träumte.
@ ensuite: Merci, echt ganz gut gesagt.
@ Sartorius: Ja, Tiere. Schaue gerade Tracks (weil Beatman auch noch kommt) und denke: Tierkostüme, sehr toll, aber irgendwie reicht es jetzt dann irgendwann auch. Die 10er: Das Jahrzehnt der Tier- und Zirkuskostüme, wahrscheinlich wegen der vielen Trickkünstler, die das Geschehen prägten.
…Beatman war grade der Höhepunkt auf Tracks zu 20 Jahre Arte! Und danach wurde gleich noch Bonaparte eingespielt. Bern hat keinen Grund, sich wie das letzte Provinznest aufzuführen. Wenn wir bloss mal ein wenig stolz wären, auf das was wir haben.
http://www.arte.tv/de/Kultur-entdecken/Tracks-Cirkus/3561646,CmC=3568582.html
Frau Pergoletti, wollen wir Berner überhaupt stolz sein, oder zerren wir lieber von diesem Kleinstadt-Image-dauer-Blues?
Ja, gute Frage. Schlechte gute Frage.
Da “mein Club” nicht am Tropf der Öffentlichkeit hängt, ist da ein Vergleich ein bisschen abwägig. Aber ein Stadtheater,das ausschließlich von der Subvention lebt und ohne diese nicht bestehen könnte, muss sich andere Fragen stellen lassen. Auch solche von nicht “Kulturexperten”, die in keiner Verbindunge zu dieser Institution stehen.
…stimmt, Jimy, allerdings ging es mir nicht um das Geld, sondern um die Emotionen. Bei solchen Debatten wird alles in einen Topf geworfen und nett geschüttelt. Das Stadttheater ist vor allem deswegen “in Verruf”, weil viele gar nicht mehr wissen, was ein Stadttheater ist. Ich bin absolut auch der Meinung, dass “Laien” mitdiskutieren müssen. Nur ja keine ausschliessliche “Expertendiskussion”. Aber wenn wir über ein Stadttheater debattieren, dann muss auch der Laie seine Emotionen ablegen, sich in die Thematik einarbeiten und ein paar Gedanken mehr aufbringen, als nur die persönliche, individuelle Geschmacksempfindung.
Kultur ist nicht individuell, sie definiert sich über Gemeinschaften und wird individuell wahrgenommen. Bern, die Regionen, wohlhabend oder nicht, sind alles Gemeinschaften. Bei den grossen Kulturhäusern, eben auch den Stadttheater, vereinen sich diese zu einem gemeinsamen Projekt. Sie sind gewissermassen eine Art Symbol (Denkmal?) für diese Zusammenarbeit.
Und das hat eine ganz wichtige Funktion. Ich bin sehr froh, dass wir uns noch nicht so weit individualisiert haben.
Natürlich auch “Laien”. “Laien”, denen es genügend wichtig ist, dass sie auch mal hingehen und sich anschauen, was dort geboten wird. Auch von Laien darf man erwarten, dass sie sich ein Urteil erst bilden. Ich werde auch nichts zum Theater Matte sagen, bevor ich nicht da war. Zum Beispiel. Meine Verbindung zum Stadttheater ist übrigens diejenige, dass ich beim Wechsel vor drei Jahren entlassen wurde. Man kann also nicht grade sagen, ich wäre gekauft. Es geht mir tatsächlich um die Sache.
«Kultur ist nicht individuell, sie definiert sich über Gemeinschaften und wird individuell wahrgenommen.»
Das ist ein guter Satz. Und genau dieses Verständnis fehlt mir bei Hr. Hofer. Der Staat hat die tolle, aber verdammt schwierige Aufgabe, jene Kultur – finanziell – am Leben zu erhalten, die es sonst nicht gäbe und jene behutsam auf den Weg zu schicken, die vielleicht mal selber lebensfähig wird. Aus diesem Paket kann man einzelne Dinge wie das Stadttheater nicht einfach rausbrechen. Das mag demokratie-politisch vernünftig tönen, ist im Effekt aber eine fatales Rating: Was passt mir? Ja. Was passt mir nicht? Nein. Sowas ist keine Kulturpolitik.
[...] zum Thema: “Hier und anderswo: Stadttheater, quo vadis? auf KulturStattBern vom [...]
Das neue Unternehmen “Konzert Theater Bern” kommt nicht gut, nur weil 300 Menschen (Kulturmenschen) beschäftigt werden. Das neue Unternehmen “Konzert Theater Bern” kommt nicht, nur weil damit eine langjährige Tradition fortgesetzt wird. (Sind 200 Jahre eine Tradition? Ist die Siedlung Halen aus den 50er Jahren ein Baudenkmal, das zu erhalten ist? Hüllenkonservativismus au lait – siehe auch schützenswerte Dachlandschaft BGW = faktisches Sonnenkollektorenverbot. Typisch Bern? Siehe auch Berns grosse Zeit etc. Fragt mal den Hofstetter betreffend grosse Zeiten und Bauernunterdrückung, Täuferjagden etc.)
Anyway.
Das neue Unternehmen “Konzert Theater Bern” kommt nur dann gut, wenn die Inhalte, also der eigentliche Sinn und Zweck dieses Eventbetriebs, gut sind. Besser noch, herausragend sind. Noch viel besser: Über sämtliche vorhandenen und verborgenen Schranken (gesellschaftliche, kulturelle, politische …) hinweg, grösstmögliche Aufmerksamkeit und grossartigste Emotionen (Euphorie und Tränen, Wöhle, Lust und Tränen) generiert.
Wie auf dem Bundesplatz (Ochsner/BSO). Zum Beispiel.
Dann kommt das Unternehmen “Konzert Theater Bern” gut. Dann würde es Warteschlaufen für Tickets geben. Dann würde es an der Kasse mehr als einmal heissen: Ausverkauft.
Dann würde sich die Passion der MitarbeiterInnen von der Garderobiere bis zum Schnürmeister ins Unermessliche steigern und Freud und Eitel Sonnenschein Einzug halten im Kultur Bern.
Dass für eine solche Entwicklung und einen derartigen Unternehmenserfolg Egos Luft ablassen müssen, versteht sich von selbst. Nur – von diesem Pessimismus lass ich nicht ab – werden ausgerechnet diese aufgeblasenen Köpfe das nicht so sehen. Leider.
Hä? @ Larsson: Das liest sich etwa so, wie deine langfädigen Bücher… Aber ich habe jetzt nix kappiert.
lies es nochmal @ensuite
abgesehen davon, sind meine langfädigen Bücher genaus so lang und so fädig wie sie sein müssen. das lässt sich für die bühne problemlos dramatisieren.
korrupte polizei, korrupte regierung, korrupte medizin …
sähe da kein problem, die furie salander mit dem zweihänder dahinter zu schicken.
guckst du: Spielplan Dezember
sehr schöne reportage in der zeit. was bern betrifft, so hatte ich bisher den eindruck, dass die zwangsheirat gerade eine grundsatzdebatte verhindern soll: durch bessere koordination möglichst den status quo erhalten. vermutlich gibt es auf diese weise tatsächlich einiges zu holen. nur ist man auch in dieser, eher technokratischen angelegenheit vor allem auf hörensagen und mutmassungen angewiesen. eine öffentlich debatte, die es einen erlaubt hätte, eine eigene meinung zu bilden, habe ich vermisst. und natürlich wird mit dieser lösung die mehrspartigkeit zementiert.
was ich mich in diesem zusammenhang auch gefragt habe: seit wann weiss man eigentlich um den desolaten baulichen zustand des stadttheaters? und wie weit war damals das projekt vidmarhallen fortgeschritten?
vielleicht sollten diese schauspieler,sänger, tänzer etc. des stadttheaters im sommer mal inmovativ ihren kulturellen wert auf die gassen und plätze berns tragen. die muss man ja nicht nur den buskers überlassen.
auf die tiere an der kilbi freu ich mich ja sehr. olé düx!
Schon drei Tage alt, diese Diskussion, aber immer aktuell…
@passiver attacker. laie:
so wie im letzten Jahr: http://www.bernerzeitung.ch/region/bern/Stadttheater-Bern-geht-unter-die-Leute/story/21174486?track
Hoffen wir auf eine Wiederholung in 2011.
@Stieg Larsson: Eventbetrieb? Ein Stadttheater ist eben viel mehr als ein Eventbetrieb. Ein Event zieht einen Grossteil seiner Anziehung doch aus der kurzen Verfügbarkeit, der (verordneten) Emotion und dem Gefühl der Zusammengehörigkeit ohne störendes Hinterfragen eigener Einstellungen und Handlungen. Events sind wichtig und haben ihren Platz. Ein Stadttheater aber muss mehr sein. Ein Stadttheater muss nachhaltig sein.
Sicherlich hilft es, einige Stücke als Event im Programm zu haben (z.B. Josef und Maria im LOEB). Aber um den Ansprüchen eines breiten Publikums zu genügen (mit allen individuellen Geschmäckern) und eine ganze Bandbreite an Zeitgenössischem und Klassischem bieten zu können (siehe Leistungsauftrag), genügen Events einfach nicht. Ein Event zieht weiter, das Stadttheater bleibt.
Das Stadttheater soll hinterfragen und zum Hinterfragen anregen. Es soll den Blick über den Tellerrand heben (wie “Verbrennungen” in der letzten Spielzeit); mit Vielfalt und Kontroverse, aber auch mit Eingängigem und Emotionen. Und mit einem Blick auf die nächste Generation.
Bei aller Kontroverse um Marc Adam. Er hat bei seinem Einstieg die Theaterpädagogik am STB erheblich aufgestockt.
Ein Beispiel: http://www.stadttheaterbern.ch/723-weihnachtspaket.html
Meingott Herr Larsson, da komme ich nicht mehr mit. Daher nur eins: das neue Unternehmen müsse “grossartigste Emotionen (Euphorie und Tränen, Wöhle, Lust und Tränen)” generieren, schreiben Sie. Das würde mir nicht genügen. Ich habe einen Kopf und den pflege ich auch gerne zu benützen (das innendrin meine ich, Sie wissen schon). Ein Theater oder auch ein Patent Ochsner das mich diesbezüglich laufend verarscht brauche ich nicht.
Und @ensuite: Leider haben Sie Recht mit Ihrer Kritik am Casinosaal, auch wenn die Burgergemeinde in den nächsten Jahren Millionen zur Verbesserung investieren wird (ohne Steuergelder!). Mehr kosten als heute (nämlich fast nichts wenn man die Miete mit der Subvention der BG verrechnet) wird er dadurch kaum, aber er bleibt doch ein Multifunktionssaal mit all seinen Nachteilen. Ich habe nur gesagt das BSO sei gut, nicht der Saal.
Das Stadttheater Bern erhält 75% aller Kultursubventionen, das sind insgesamt 37 Millionen Schweizer Franken. Die Frage nach der zukünftigen Verteilung der Mittel ist die dringlichste. 37 Millionen sind im Verhältnis zu anderen Städten natürlich nicht viel Geld. Aber: Dies ist die Basis der neuen Verhandlungen. Mehr Geld wird es nicht geben. Wenn man es nun also schaffen will, der kräftigen SVP Polemik gegen die Investition dieser Gelder in ein urbanes Theater erfolgreich zu entgegnen, dann braucht es zwingend und dringend ein kluges Konzept für dieses Theater. Die letzten 30 Jahre waren kein Erfolgsmodell. Das im Verhältnis zu anderen Städten eben doch wenige Geld reicht nie und nimmer aus – und wird es in Zukunft wegen erhöhten Kosten erst nicht – einen trägen 4 Spartenbetrieb so zu finanzieren, dass er jene “internationale Ausstrahlung” erreicht, der als Ziel im neuen Subventionsvertrag steht. Dieses Geld reicht nicht mal für eine regionale Ausstrahlung bis nach Wichtrach. Die Wichtrachter Lokalpolitiker/Bürger – ebenso wie die Ostermundiger und Bolliger und Muri-Gümliger- müssen sowohl für die jährlichen 37 Mio mitaufkommen – und nun zusätzlich auch noch für die 50 Mio Renovationskosten des Stadttheatergebäudes. Die werden dieses Spiel nicht mehr mitmachen, weil sie den Sinn in diesem Stadttheater nicht sehen. Sie als dumme Unkulturmenschen hinzustellen bringt eben nichts. Die Wichtrachter/Ostermundiger/Muri-Gümliger etc haben im Kern eben recht. Die Investition in den 4-Spartenbetrieb ist in der Tat fragwürdig, so erfolglos wie der 3-Spartenbetrieb in den letzten Jahren war. Wenn es nun also etwas zu tun gibt, ist es, dieses teure, träge und undemokratische 4-Spartenmodell zu verhindern. Diskutiert wurde nun aber eigentlich genug in den letzten Jahren ( ich verstehe nicht, wieso man den Mangel an Diskussion hier beklagt, es fanden in den letzten Jahren heftige DIskussionen statt – auch wurden diverse alternative Modelle entwickelt, und das von den besten Leuten der Branche. Nur hatten diese Evaluationen eben keine Wirkung ). Jetzt muss man handeln. Die Besetzung des Stadttheatergebäudes haben wir als Gedankenmodell schon angeboten. Es gibt weitere mögliche Kampfmittel ( Ja, liebe Leute, das hier ist ein Verteilungskampf, nichts anderes! ). Diplomatische Mittel müssen in guter Balance zu aktionistischen Massnahmen stehen. Aber Diskussion allein bringt rein gar nichts, ausser die Beibehaltung des Status Quo. Es darf nicht sein, dass auch in den weiteren kommenden Jahren die freie Szene zwangsläufig eine arme Szene bleiben muss, das Schauspieltheater so wenig Geld kriegt, der Film unter Unterfinanzierung darbt & leidet, das Stadttheater aber mit einem fetten 37 Mio Kredit so farblos und uneffizient weiterwirkt. Das 4-Spartenmodell ist eine logistische & politische Katastrophe. Es muss verhindert werden. Damit die Wichtrachter/Ostermundiger/Muri-Gümliger gerne in ein fettes Stadttheater investieren, muss dieses erneuert werden, aufgefrischt, so, dass es so stark leuchtet, dass man in der Region stolz auf dieses Theater sein muss. Wie Signora Pergoletti zurecht anmerkt: Feudale Löhne für erfolglos wirkende Intendanten/CEO’s liegen bei einem Budget von 37 Mio nicht drin. Die Investition in Produktionszellen, wie dies Alva Bücherler vorschlägt ist hunderprozentig die moderne und bessere Lösung als ein 4-Spartenhaus. Es braucht in Bern unglaublich gutes Theater. Bern ist Hauptstadt. Es braucht freie, kreative, freche, potente Schauspieler. Keine Knechtlinge. Es braucht freie Produzentenregisseure, die dem Esthablishment den den Karren fahren. Es braucht Wut und Freude, Zorn und Lachen und volle Säle. Man gibt sich ja gerne links – auch in der Stadttheaterszene. Oft geht aber vergessen, dass das Feudalsystem Stadttheater auch absoluten Gehorsam von den Künstlern abverlangt, genauso wie das in einer Rechtspartei wie der SVP der Fall ist. In solcher Atmosphäre kann dann eben auch keine kraftvolle Kunst entstehen. Zumindest nicht bei einem mageren Budget von 37 Mio. Im Burgtheater und am Opernhaus Zürich kann die Kunst – trotz strammer Hierarchie – mit ganz anderen Subventionssummen so perfektioniert werden, dass die Produkte, die man da zu sehen kriegt, zumindest eine dekadente Faszination ausstrahlen. Die 37 Millionen in Bern muss man eben – damit auch eine faszinierende Wirkung entsteht – aber eben moderner und effizienter investieren. Das heisst: Sicher nicht in ein Haus mit Garderobieren, lahmen PR-Beamten & unmotivierten und verbeamteten Ensemble-Künstlern. Also: Lasst uns dieses 4-Spartenmodell verhindern. Das macht Spass. Alles andere ist langweilig.
hm, herr schwarz, verstehe ich das richtig: sie würden aus dem «musik theater bern» dann einfach mal radibutz die musik streichen und auf diese weise elegant das mehrspartenproblem lösen? weil, die 37 mio. sind ja glaub’s nicht nur für schauspieler und regisseure, sondern auch für ein paar musiker und andere kulturschaffende gedacht.
Nein, ich habe das in einem Papier, das ich für die Regionalkonferenz verfasst habe ( als ich zusammen mit Alexander Tschäppat und Anita Bernhard u.a als ein Experte auf einem Podium sass ), genauer beschrieben: KONZERT THEATER BERN muss vom Schauspiel abgekoppelt werden, mit CEO etc, wie es das neue Modell vorsieht. Das Schauspieltheater muss aber zwingend von dieser Institution herausgelöst werden, weil es sich innerhalb dieser Insitution – wie das auch die letzten 30 gezeigt haben – nicht zu entfalten vermag. Ein eigenständiges Schauspiel kann auch mit 10 Mio betrieben werden, weil es dann flexibler ist. Zudem sollte man den Opernbetrieb auf ein starkes Spitzenfestival beschränken. In allen Bereich: Vermeidung des Mittelmasses. Setzung von Prioritäten.
@schwarz
Also eine Sparte (Konzert) rein, und die nächste (Schauspiel) raus?
Wer quersubventioniert uns dann die zeitgenössischen Opern?
Die Schauspielsparte ist auf dem aufsteigenden Ast, trotz ihrer Schwarzmalerei, die Vidmarhallen sind voll. Jetzt das stärkste Pferd im Gespann herauszubrechen… ist das nicht noch unsinniger als das BSO reinzupressen?
Ich denke, Sie verstehen mich nicht, resp. ich drücke mich zuwenig genau aus. Die neue Insitution KONZERT THEATER BERN bestünde aus Oper, BSO ( und evtl Ballett ). Eine neue Institution wäre das “Schauspielhaus Bern” – Diese beiden Institutionen müssten mit den 37 Mio auskommen ( denn mehr gibts ja nicht, wie wir alle wissen )
KONZERT THEATER BERN könnte sich konzentrieren und fokussieren auf ein erstklassiges Musikfestival ( evtl über drei bis vier Monate ), das attraktiver wäre für Sponsoren als der ganzjährige Opernbetrieb. Dieses Festival würde natürlich auch die zeitgenössische Oper beinhalten, die aber – wegen der besseren Fokussierung – besser beworben werden könnte.
Das “Schauspielhaus” würde sich konzentrieren auf Drama, Diskurs, Pop, Rock n’Roll, Pflege der schweizerischen Dramatik & Literatur und ein einzigartiges Profil haben. A
Die Aufteilung der Subventionen könnte man evtl ca so sehen: 20 Mio für KONZERT THEATER BERN, 17 Mio für das “Schauspielhaus”
Aber ich schicke Ihnen gerne das genauere Papier zu, wenn sie wollen.
Das klingt recht vernünftig, scheint mir. Danke für die Ausführungen.
merci ebenfalls, war ein kapitales missverständnis. mit den erläuterungen klingt es auch in meinen ohren sehr interessant.
ah, konsens, sehr schön!
darf ich noch schnell nachfragen, das droht mir sonst zur prekären randbemerkung zu werden: was heisst ‘und evtl. ballett’? wird da schon mal ein bauernopfer vorbereitet?
ah, ein laie, sehr schön! :D
beim ballett entstand bei dieser kulturtagung in muri-gümligen die idee der gründung eines “nationalballetts”. das finde ich persönlich eine gute idee. sie ist aber noch nicht ausformuliert worden. sollte man vielleicht. ich fände das klug, weil jede stadt mit ihrem “ballett” kämpft und auch da eine bündelung sinnvoll wäre. und auch da: spitzenklasse generiert werden könnte, aber die einzelnen städte finanziell entlastet würden.
ja, merci für die Erläuterungen auch von mir als weiterer interessierter Laie.
Bei der Subventionsverteilung ist mir aber nicht ganz klar, wie sie auf einen Anteil von 75% kommen.
Das Stadttheater und BSO zusammen bekommen 37 Mio. Die Gesamtsubventionen für die “Grossen 5″ belaufen sich auf ca. 56 Mio. Da komme ich auf 66% für das KONZERT THEATER BERN…
Aha, ja. Die 37 Mio. stimmen sicher. Dann hat jemand die 75% als Setzung genommen ohne nachzurechnen. Und ich habe es – auch ohne nachzurechnen – übernommen. Es ist natürlich sehr sehr wichtig, dass man mit den richtigen Zahlen hantiert. Aber das hier ist ja ein öffentlicher Bewusstseinsprozess. In dem Sinne Danke für den Hinweis.
Über Theatermodelle reden ist jetzt zu spät, die Fusion ist beschlossen, am 1. Juli 2011 werden BSO und Stadttheater auf eine neue Stiftung übergehen. Persönlich bedaure ich es, dass man in diesem Prozess das Schauspiel mit einbezogen hat, ich hätte es gerne zu einer autonomen Sparte mit eigenem Haus gemacht. Ich bin überzeugt, dass es als autonomes Haus eine eigenständigere Entwicklung haben würde als im Verbund mit den viel grösseren Sparten Musiktheater und Symphonik, die zusammen weit über 80% des gesamten künstlerischen Etats konsumieren. Aber die Entscheidungen sind gefallen und jetzt geht es darum, dafür zu sorgen, dass das Schauspiel und die Vidmarhallen auch in der fusionierten Institution ihr Image als programmatisch eigenständige Spielstätte festigen können. Die Sparte Schauspiel, die gesamtschweizerisch mehr Publikum hat als das Musiktheater, muss in Bern mittelfristig deutlich aufgewertet werden.
Das Stadttheater am Kornhausplatz erhitzt die Gemüter, weil es eine teure Spielstätte ist. Das kann man nicht wegdiskutieren, ebenso wenig wie die Tatsache, dass es das einzige grosse produzierende Haus im bevölkerungsstärksten Raum der Schweiz ist (Espace Mittelland 1,7 Mio. Menschen). Schliessen ist keine Alternative, denn auch im geschlossenem Zustand muss das Haus unterhalten werden, denn es steht unter Denkmalschutz. Nein, das Stadttheater muss erhalten und erneuert werden, was die Basler, Zürcher, St. Galler und Luzerner können, muss in Bern auch möglich sein. Für den Theaterbetrieb ist es allen Kritiken zum Trotz eine tolle Spielstädte, aus betriebswirtschaftlicher Sicht hingegen stellen das Hauptgebäude und die Nebeninfrastruktur eine riesige finanzielle Belastung dar: Heute bezahlt das Stadttheater über 3,5 Mio. Franken Miete, was nichts anders bedeutet, als dass bei 100’000 zahlenden Zuschauern die ersten 35 Franken eines Eintrittspreises für die Mietkosten draufgehen, bevor auch nur ein Franken der Produktion gedeckt ist. Müsste für das Grosse Haus eine kstendeckende Miete bezahlt werden, betrügen die Mietkosten mindestens 5,5 Mio. Franken. Die Höhe der Kosten ist vom Theaterbetrieb unabhängig; auch freie Gruppen und freien Produzenten müssten in ihre Kalkulation die Mietkosten miteinbeziehen. Nur mit der Oper kann man eine Preispolitik gestalten, die es erlaubt, Zuschauereinnahmen zu generieren, mit denen nebst der Infrastrukturkosten auch noch die variablen Produktionskosten gedeckt werden können. Bei den Infratsrukturkosten liegt denn auch der Wettbwerbsnachteil des Stadttheaters im Vergleich zu seinen Komkurrenten, den anderen grossen produzierenden Theatern: in Luzern, Genf, St. Gallen, Basel, Zürich stehen die Haupt- und Nebenbühnen, die Werkstätten und die Probebühnen, zum Teil auch die Verwaltungsbüros, der jeweiligen Theaterträgerschaft gratis zur Verfügung. Das erlaubt, zu völlig anderen Bediingungen zu produzieren. Dies vielleicht ein Grund, weshalb wir finanzielle Probleme haben. Sicher nicht der einzige, das wäre zu einfach, es gibt sicher auch hausgemachte Gründe, die das Theater selber korrigieren kann und muss. Aber dafür muss es Neues wagen können und künstlerische Risiken eingehen können, ohen beim ersten Flop gleich die materielle Existenzgrundlage zu verlieren. Die Vidmar ist dafür ein Beispiel, ohne Steuermittel haben wir das selber finanziert, ich wurde in Kolumnen verspottet und ausgelacht, als ich die zweite Spielstätte an der Peripherie von Bern gegen interne und externe Widerstände durchpaukte, heute möchte sie wohl niemand mehr missen. Was als grosser Flop prognostiziert wurde, ist heute Hoffnungsträger.
Ich bin für neue Ideen dankbar, denn eines ist sicher: So sehr ich am Stadttheater hänge, es braucht neue Ideen und neue Initiativen, ein Theater, das sich nicht mit der Gesellschaft weiter entwicklet, ist ein totes Theater. Aber niederreissen ist keine besonders intelligente Form der Weiterentwicklung, es gibt sicher kreativere Ideen als Eier schmeissen und das Haus symbolisch niederschreien.
In Luzern hat das Theater mal ein wunderbares Plakat gemacht, so ungefähr mit folgendem Text:
Es gibt bessere Theater als das Theater Luzern – also weg mit dem Theater
Es gibt bessere Städte als Luzern – also weg mit Luzern.
Ich danke euch für die bewegte Diskussion und hoffe, dass sie nicht versiegt.
Henri Huber
p.s Nicht vergessen: die drei Finanzierungsgeber Kanton, Stadt und Gemeinden bilden einen Konzern, der jährlich über 10 Mia. Franken ausgibt, der drittgrösste Finanzhaushalt nach Bund und Kanton Zürich. An finanziellen Möglichkeiten mangelt es somit nicht, aber solange die kulturellen Institutionen streiten und jeder nur für sich schaut, wird es wohl nie mehr Geld für die Kultur geben. In Genf betragen die Kulturausgaben 20% der Gesamtausgaben….
[...] kleinen Kapitale, um die Rolle, die sie spielen will: Haupt-, Provinz-, Durchschnittsstadt? Bei der Diskussion rund um die drei Theatersparten waren da rasch Schmerzgrenzen erreicht: eine Hauptstadt ohne [...]
Ein Paar Gedanken zu einem Thema, das scheinbar kaum jemanden interessiert.
Opéra de Berne – Schauspielhaus Bern?
Im Mai 2011 wird über die städtischen Kulturleistungsaufträge abgestimmt, u.a. das neue Konzert-Theater-Bern. Was soll man wünschen? Spontan widerstrebt dem Schreiber der Gedanke, dass man ein so altes und – an sich – prächtiges Haus, das über weite Strecken interessante Produktionen bietet und nur in ganz seltenen Fälle leer oder halbleer ist, einfach verschwinden, verfallen oder zu Tode kritisiert werden soll. Auch die an Thatcherismus gemahnenden Debatten, ein nichtrentabler Staatsbetrieb müsse verkauft und dem Markt ausgesetzt werden oder einfach aussterben, erzeugen erst einmal Gänsehaut.
Dennoch sind in Europa die meisten Kohleminen vor 20, 30 Jahren ebenso verschwunden wie später die Stahlkombinate, und niemand trauert ihnen nach, abgesehen von den ehemaligen Angestellten. Das Stadttheatersterben ist eine Tatsache, da auch die Babyboomer, die jetzt in Rente gehen, schlichtweg den hier noch breit gebotenen bürgerlichen Kunstkanon der Gründerzeit nicht mehr mittragen, aber auch für Zeitgenössisches wenig Gehör haben.
Auch das Stadttheater Bern erinnert hie und da an ein müdes Stahlkombinat, das aus dem letzten Loch pfeift. Die konventionellen Belcanto-Schwarten, der oft lahme fette 50er-Jahre-Sound des BSO im vorromantischen Repertoire, die unerträglich biederen Musicals und Operetten, die entgegen ihrem Anspruch den Saal nicht füllen, und die – mit Ausnahmen! – oft etwas rachitisch wirkenden Ballettabende, an denen knapp zwei Dutzend verlorene Tänzer zwischen Schmalspur-Neoklassik und halbherzigem Zeitgenössischem oszillieren. Das Schauspiel dagegen hat sich gemacht, fern in der Vidmar, und wirkt im Haus wie ein frischer, rotbackiger Fremdkörper. Dieses disparate Bild wird durch das oft sauertöpfische Gehabe der Angestellten, den Kasernenton, den viele Angestellte an der Verwaltung monieren, und die uncharismatische Unsichtbarkeit der Leitung um den letzten Rest Glamour gebracht, den der Wurstemberger-Bau einst hätte haben sollen (und eigentlich nie gehabt hat). Verwelkte Pracht, gemieden von Bundesbern und der Burgergemeinde ebenso wie von jungen Besuchern und Landbewohnern, aber auch von eigentlich kulturbegeisterten Mittelständlern und Intellektuellen.
Das Rad immer wieder neu zu erfinden, ist unangenehm. 2006 standen alle Zeichen nach den Äonen der Intendanz Gramss auf Erneuerung, und viel Gutes wurde zumindest versucht: die ansprechende floreal-jugendstilige “Corporate-Identity” der ersten Saison, die Ausrichtung auf die Frankophonie (die „Nouvelle Scène“ oft vor vollen Rängen!), die Vidmar. Doch viele Stadttheater-Apparatchiks sind in der Stadt und im Haus selber geblieben, alte Gramssianer und Celisianer, die gegenüber der Presse und im kleinen Bern in allen Ecken Gift und Galle gegen die “Neuen” spieen. Und dann kamen die hässlichen Plakate und Flyers, die diese Saison einen Tiefpunkt erreichten. Dann kamen die “Skandälchen“ und öffentliches Schmutzwäschewaschen, die Schlammschlacht mit dem BSO. Die Pressekampagnen, manchmal von der freien Szene gesteuert, gegen das Ballett. Fünf Jahre haben genügt, dem Publikum bei Nennung des “Stadttheaters” sofort eine negative Reaktion einzuimpfen. Und die Politik? Alles klammert sich an das Konzert-Theater-Bern und die Sanierung des Hauses.
Bei aller Reserve gegenüber der mehrheitlich auf lustvolle Zerschlagung, Übernahme, Revolutionierung, Anarchisierung und Jugendkultur zielenden Initiativen der freien Szene (grauslig inkarniert in Samuel Schwarz) und auch gegenüber den neoliberalen Hasstiraden gegen mit Steuern finanzierte “Staatskultur” oder – noch schlimmer – die reaktionären Nostalgiker, die die Uhren wieder auf die Provinzästhetik von 1960 zurückdrehen wollen, muss doch gesagt werden, dass Unmut durchaus angebracht ist. Alles tendiert darauf, ein noch fetteres Gebilde zu schaffen, das bei Presse, Kulturschaffenden, Bundesbern, der Burgergemeinde und der wichtigen freien Szene keinen Rückhalt hat und von den meisten Stadt- und Kantonsbürgern mit Gleichgültigkeit und Misstrauen beobachtet wird (von einer öffentlichen Diskussion kann ja keine Rede sein). Das Hammerargument mit den 300 Arbeitsplätzen, die um jeden Preis erhalten bleiben müssen, erinnert tatsächlich an eine englische Kohlengrube der 70er Jahre.
Warum nicht einen (subjektiven) Traum träumen, wie es auch gehen könnte?
Das Volk sollte im Mai 2011 das“ Konzert-Theater-Bern“ ablehnen. Bis zum Sommer 2012 können die Berner noch die (hoffentlich) vielen guten Produktionen in allen drei Sparten in den beiden Häusern geniessen, als wäre eitel 1975, und dann wird das Haus dicht gemacht. Bis dahin müsste alles daran gesetzt werden, die Millionen für die Renovation zusammenzubringen; Wurstembergers Hauptwerk hat weder die Abrissbirne noch eine Zweckentfremdung verdient.
Während das BSO sich endlich seiner Klangkörperpflege im Casino widmen kann, anstatt sich durch einen unmöglich zerdehnten Spielplan und ein oft auch unpassendes Repertoire zu quälen, wird die Belegschaft und das Ensemble, das hochqualifiziert ist und genügend Zeit hatte, sich neu zu orientieren, aufgelöst. Das mag zynisch klingen, doch erstens wird in Bern sozial ja sehr freundlich abgefedert, und noch ist ja nicht alles verloren, denn:
Das Schauspiel könnte auch eigene Wege gehen, nämlich in den Vidmarhallen. Erich Sidler als Direktor eines „Schauspielhaus Bern“ würde im Verbund Freie Szene, Dampfzentrale, Reithalle , Bejazz etc. eine gute Figur machen und komplementär die Theaterszene bereichern. Für ihn ist Platz hier, und die Vidmar eigentlich die natürliche Wahl.
Das Ballett ist nicht zu retten. Nicht wegen mangelnder, sondern wegen zu hoher Qualität. Eine aus Spitzenkräften handverlesene winzige Truppe verdient nicht, was man ihr hier antut. Verwurstet in Operetten und Musicals als Statisten, verhöhnt von der Presse, für eigene Stücke im klassischen Fach unterdotiert, im zeitgenössischen dagegen ohne Publikum im Haus und in direkter Konkurrenz zu einer blühenden, weitum bekannten Tanzszene, die nicht mit Unrecht auf den Kornhaushybriden schiesst: das muss ein Ende haben, und die Tanzfans können neben Bern in Lausanne, Basel, Zürich oder gar Luzern guten Tanz aller Stilrichtungen sehen.
So bleibt also noch das Palais von 1903 am Kornhausplatz mit seinen Wunden von langjähriger Vernachlässigung und einer (im Gegensatz zu Zürich) eher lieblosen Verpflasterung von 1982-84. Eine Disco, ein Ruine, ein Restaurant, (noch) ein Kulturzentrum, ein Musicaltheater? Das alles wäre wohl zu teuer und überflüssig. Daher also weitergeträumt:
Berns Selbstwahrnehmung kulminiert, ob’s einem passt oder nicht, im 18. Jahrhundert, Berns „goldener Zeit“. Tausend Fassaden, darunter das „Hôtel de Musique“ künden davon, und auch Wurstemberger versteckte den Stahlbeton hinter einer neoklassizistischen Fassade. Das frankophile aristokratische alte Bern mag vielen ein Dorn im Auge sein, aber im Kreis der kultur- und traditionsbewussten Burgergemeinde und auch für eine internationale Diplomatie ergeben sich Bezugspunkte. Warum also nicht ein Haus schaffen, das sich überwiegend auf vorromantisches Musiktheater und französisches Sprechtheater konzentriert? Die „historische Aufführungspraxis“ hat sich seit 50 Jahren etabliert und zieht neben dem klassischen Zielpublikum v.a. auch junge Musikfans an. Gerade die Barockoper hat sich in den letzten Jahrzehnten als besonders inspirierend auf junge Theaterregisseure erwiesen.
2012-14 könnte das Haus ganz geschlossen und renoviert, dabei aber für einen drastisch eingeschränkten Betrieb eingerichtet werden. Auch die Bestuhlung sollte und könnte drastisch reduziert werden, damit bequeme Sitze und eine garantierte Sicht auf die Bühne endlich gewährleistet wären.
So könnte eine „Opéra de Berne“ (z.B. wieder als AG) ihren Betrieb aufnehmen. Warum auch nicht eine Saison, die nur von Oktober bis März dauert oder gar nur Festspiele über einige Monate hinweg? In den restlichen Monaten stände das nunmehr wieder schmucke Haus anderer Nutzung offen.
Und was könnte gespielt werden? Warum nicht v.a. Gastspiele – ganz Europa und notabene auch die Schweiz haben hervorragende Orchester und Sänger, die sich auf das in der Schweiz notorisch unterrepräsentierte, international aber die Säle füllende Repertoire 1600-1830 spezialisiert haben. La Scintilla, Concerto Köln, Les musiciens du Louvre, Les arts florissants, The english Baroque soloists, La Cappella de’ Turchini, Ensemble Elyma, etc. etc. Kooperationen mit Lausanne, wo dieses Repertoire seit langem mit Erfolg gepflegt wird. Warum auch nicht die Camerata Bern und die Freitagsakademie als regelmässige Hausorchester, was dem intimen Charakter der „Opéra de Berne“ angemessen wäre? Dabei entstünde auch für Regisseure ein interessantes Format, moderne Interpretationen wie der Mannheimer „Amadis“ (ein Riesenerfolg) oder die Stuttgarter Produktion von „Aeneas in Carthago“ wären ebenso denkbar wie die in Kerzenlicht getauchten Pariser Produktionen des Poème harmonique unter Vincent Dumestre. Ausflüge in modernere Produktionen, warum nicht, aber kein Puccini, Verdi, Wagner und Co.
Für ein solches hochstehendes kulinarisches Musikangebot in einem renovierten prachtvollen Haus in einer weltweit für sein alteuropäisches Ambiente bekannten Stadt im Herzen der Schweiz dürfen auch die Kartenpreise durchaus über dem jetzigen Durchschnitt liegen. Neben Kanton und Stadt dürften aber auch Bund und Burgergemeinde für ein solches Flaggschiff und einen solchen Leuchtturm für Bern das Portemonnaie aufmachen oder zumindest Solidarität zeigen. Eine Struktur wie in Glyndebourne könnte vorbildlich sein. Ernen im Wallis bietet ein Beispiel dafür, wie man sich mit Barockmusik erfolgreich positionieren kann. Für die zahlreichen Tanzeinlagen in der vorromantischen Oper gäbe es auch Arbeit für Tänzer aus der Region und darüber hinaus. Das Institut für Musikwissenschaft würde sich sicher auch freuen.
Wie gesagt, schreibt hier ein Zuschauer, der die „Trois Oranges“ oder den „Woyzeck“ ebenso gern gehabt hat wie das meiste, das das Schauspiel zeigt und auch die moderneren Choreographien des Balletts. Aber auch z.B. die abscheulich pastose „Finta giardiniera“, die klamaukigen Operetten oder die abgeleierten italienischen Dauerbrenner verabscheut hat. Der die sauren Gesichter der Angestellten oder bei Bernbillett, das Linoleum, die abgewetzte Architektur, den dicken Staub auf den Ornamenten, die Sitze, wo man nichts sieht, die hässlichen fehlerstrotzenden Handouts und Leporellos und die atemberaubend gräulichen Plakate von Herzen zum Teufel wünscht. Was für ein Aufatmen in Zürich, Basel oder Genf, wo man Repertoire des 19./20. Jahrhunderts viel besser und kompetenter pflegen kann und der Rahmen wirklich festlich ist und bleibt. Es ist halt das Schicksal von Bern, kaum Industrie zu haben und keine Sponsoren zu animieren, aber auch, eine zwar kulturell hoch sensibilisierte Stadtbevölkerung (inklusive Bundesverwaltung und diplomatische Vertreter) neben einem Hinterland zu beherbergen, das mit den Stadttheatern Langenthal und Solothurn und dem Bieler Angebot ganz glücklich ist. Die Kantonsgemeinden haben schon recht: es gibt dort auch und viel und gute Kultur. Den derzeitigen und nun noch zu vergrössernden Koloss zu füttern, dessen Verdi oder Wagner eben doch nie das Niveau der anderen Schweizer Häuser erreichen wird, macht Bauchweh.
Warum also nicht eine „Opéra de Berne“, wo man sich über die Schweiz hinaus auf den Herbst freut, auf das schöne Haus über der Aare, das man nach einem Altstadtbummel besucht, um Aufführungen von „L’incoronazione di Poppea“ bis zur „Genoveva“ zu sehen, Gesangsrezitals, Kantatenaufführungen etc.
Oder dann eben der disparate Koloss mit dem hässlichen Namen „Konzert-Theater-Bern“, der in allen Stilen und Epochen und Sparten „äs bitzäli“ die grossen Namen befingert und ein maulendes Orchester widerwillig zum Pflichttun zwingt, sein Ballettchen bis zum Umfallen ausquetscht und die wilden Schauspieler an der Kandarre führt; gehasst von den jungen Kreativen und gemieden von den wirklichen Connaisseurs, die es ja Gott sei’s geklagt gibt: z.B. im Casino.
Hallo Herr/Frau Poltron, ich finde Ihre Analyse und Ihre Ideen richtig und gut, richtig gut.
Trotzdem ist sachpolitisch unsinnig das Stadttheater am 15. Mai sterben zu lassen. Weil es gar nicht möglich ist: Wir stimmen nur über jene Gelder, die die Stadt bezahlt. Das sind 34 Prozent. Der Rest stellen die Gemeinden und der Kantone. Hallo Politkalltag. In der Tat eine frustrierend verknorkste Sache. Ich bin der Meinung ein Nein bringt nichts ausser Ärger und Konfusion. Und Auftrieb für die kulturfeindlichen Kräfte in dieser Stadt. Also Ja stimmen und ein anderes, eigeneres, reelleres Stadttheater einfordern oder noch besser: selber machen.
“Dennoch sind in Europa die meisten Kohleminen vor 20, 30 Jahren ebenso verschwunden wie später die Stahlkombinate”
Theater ist eine der ältesten Kunstformen überhaupt, es hat bis jetzt alles überlebt, auch Film und Fernsehen. Es mit Kohleminen zu vergleichen, ist schlicht ein Blödsinn.
“grauslig inkarniert in Samuel Schwarz”
Naja, “grauslige” Theatermenschen, zum Glück gibts die noch. Erstens macht er ja nichts Schlimmes, also er bringt niemanden um, er raubt niemanden aus, überhaupt, es kommt gar niemand zu Schaden, also was soll die Aufregung? Das Theater hat nicht die Aufgabe, sich zu benehmen, wie ein Vorbild demokratischer Ausgeglichenheit, das haben – wenn schon – andere. Zweitens ist er immernoch ein guter und durchaus sehr gefragter Regisseur. Sie als Connaisseur sollten das eigentlich wissen. Also hat er sowiso das Recht, mitzureden, ob man nun seiner Meinung ist oder nicht.
Apropos Connaisseur, wie Sie so schön formulieren: In den letzten drei Jahren der Intendanz Gramss waren im Schauspiel fast durchwegs Regisseurinnen und Regisseure am Werk, die heute zu den absolut gefragten im deutschsprachigen Raum gehören, an den renommiertesten Häusern inszenieren und Preis um Preis einheimsen: David Bösch, Barbara Weber, Tomas Schweigen, Christoph Frick, Barbara-David Brüesch und so weiter. Und der damalige Ballettchef Stijn Celis und seine Bedeutung im zeitgenössischen Tanz scheint auch an Ihnen vorbeigegangen zu sein. Aber das nur nebenbei.
Ich bin jedenfalls der Meinung, dass eine Hauptstadt ein Stadttheater braucht. Wenn in Deutschland einige Theater eingehen, ist das mit der Situation in der Schweiz überhaupt nicht zu vergleichen, beachten Sie doch bitte, wie viele Stadttheater es in Deutschland gibt, werter Kenner. Wir sprechen hier über die Hauptstadt der Schweiz, nicht über Erlangen, Gera oder Aalen (denen ich auch weiterhin ein Stadttheater wünsche!)
@Pauli
Naja, so spruchreif ist alles doch noch nicht, siehe BZ zur Podiumsveranstaltung vor 2 Wochen: “Mit Nachdruck warnten die Beteiligten vor einer Ablehnung des Subventionsvertrags, der Anfang März in den Stadtrat und im Mai vors Volk kommt. «Dann würde wir vor einem Scherbenhaufen stehen», sagte Pulver, während Tschäppät ein «kulturpolitisches Debakel» an die Wand malte.” Aber Sie haben schon recht, mein Traum (mit Betonung auf “mein”, denn es sind ja noch viele andere Formen von Spezialisierung für das alte Gebäude vorstellbar, oder?) könnte schnell zum Alptraum degenerieren, wenn es von den, wie Sie es nennen, “kulturfeindlichen Kärften” zurechtgeschnitten wird. Allerdings denke ich, dass nach einer Installierung von “Konzert-Theater-Bern” für weitere 20 Jahre das Packeis sich türmt und Alternativen nicht mehr erwünscht sind.
@Pergoletti
Sie sprechen – zu Recht – von vielem Guten in der Vergangenheit, und nehmen Samuel Schwarz und das Stadttheater in Schutz. Recht so! Mir geht’s auch nicht um Samuel Schwarz den Künstler und Regisseur, sondern den Kulturpolitiker, dessen Ideen Sie zwar teilweise eins zu eins auch in meinem Beitrag finden werden, aber nicht seinen “grausligen” Ton, und seinen Willen, nur ein ganz schmales Segment des Berner Publikums glücklich machen zu wollen, das à-peu-près seinen Schauspielgeschmack vertritt und nicht älter als 40 Jahre alt ist. Für Ballett und Musiktheater in Bern interessiert er sich ebenso wenig wie für das Orchester.
Wenn ich von Kohleminen spreche, dann im Vergleich mit dem bürgerlichen Stadttheater, das ebenfalls ein Kind des 19. Jahrhunderts ist, schon lange nur noch hochsubventioniert am Leben behalten wird und seit Jahren beim Druck auf die Budgets, sorry: auch in der Schweiz und gerade in Bern – leider – kränkelt. Wo spreche ich von einer Abschaffung des Theaters an sich? DAS wäre Blödsinn. Meine (ich betone: meine, subjektive) Vorstellung (und wenn’s eine Schnapsidee ist: tant pis, immerhin besser als gar keine) bestände in einem unabhängigen Schauspielhaus in den Vidmarhallen, viel modernem Tanz ebenda (wie es Stijn Celis verdient gehabt hätte, notabene) und in der Dampfzentrale, einer “Opéra” mit hauptsächlich Nischenproduktionen auf hohem Niveau aber intimem Charakter (und intimem Budget) und dem Casino mit einem Orchester, das endlich vom Dienst im Stadttheater befreit ist. Das ist übrigens eine Struktur, die nicht der deutschen Provinz, sondern eher, wenn auch abgespeckt, Zürich ähnelt. Und was die “Kenner” angeht (oh, ein Pfui-Wort), so ist es doch verblüffend, wie wenig eher traditionelle Musikfreunde, die sich im Casino auf die Füsse treten, ins Stadttheater kommen – so “demokratisch ausgeglichen” bin ich jetzt doch, auch daran zu denken, wie viele weitgehend abseits stehende potentielle Besucher mit ins Boot geholt werden könnten.
Okay, ich verstehe und danke Ihnen, für Ihre Ausführungen. Ich glaube eigentlich nicht, dass Samuel Schwarz nur Theater für ein kleines Publikum machen kann und/oder will. Ausserdem würde er das ja ohnehin nicht alleine machen. Aber darum geht es ohnehin nur begrenzt. Und was das Wort “Kenner” angeht: Das ist kein Pfui-Wort, ich betrachte mich selber auch als einen, jedenfalls, was Theater und auch das Berner Publikum angeht ;-)