Die Frage kam unvermittelt: «Bieri, Ännematt?» «Tut mir leid, keine Ahnung, ich weiss nicht, wo das ist», sagte ich, und klaubte mir den Schlaf aus den Augenwinkeln. Der ältere Herr, der frühmorgens vor unserem Haus stand, wollte mir nicht recht glauben. Der Mann, der eine Rolex trug, machte eine verzweifelt-verärgerte Geste und stieg in seinen schwarzen Mercedes und fuhr davon. Wenig später sah ich ihn weiter unten im Tal, auf der Fahrt zum Nachbarhof. Keine Ahnung, ob der seltsame Besucher, der mich aus dem Schlaf geklopft hat, dem Bieri Geld bringen oder ihn vielleicht eher umbringen wollte. Das Landleben.
Auf der Strasse hinter unserem Haus sind Mercedes’ selten. Meistens prescht nur der Bühlmann mit seinem Traktor und mit überhöhter Geschwindigkeit vorbei. Seit dieser sich mit einer Sängerin der Berner Rockszene angelegt hat, die ihr Auto angeblich zu nahe an der Strasse parkiert hat, ist mit Bühlmann nicht gut Kirschen essen. Ein Gesprächsversuch meinerseits hat nichts gebracht. Jetzt zeigt der Jungbauer uns seine Verachtung mit Traktorrasereien.
Macht nichts. Da unten kocht die Stadt, wir hier oben sitzen an der frischen Brise, die vom Westen kommt, und lassen es uns gut gehen. Aus schlechten Gewissen, weil die Blog-Gespändli die Sommerkulturflaute überbrücken müssen, nehme ich mich am Schopf und schalte hier den einen oder anderen Bericht vom Leben auf dem Land, wohin ich mich samt Kind und Kegel für ein paar Wochen verkrochen habe.
Vom Bieri von Ännematt habe ich, kam mir später in den Sinn, auch schon mal gehört. Unsere rührige Nachbarin kolportiert uns gerne Geschichten aus dem Bütschelbach-Tal, meistens mit Namen und Ortsangabe der Akteure. Dumm nur, dass ich die meisten nicht kenne. Wenn ich unsere Nachbarin danach frage, wiederholt sie Namen und Ort nur sehr unwirsch. Seltsames Landleben.
Wir verbringen viel Zeit am Schwarzwasser, und auf dem Weg dorthin, passieren wir jeweilen eine kulturgeschichtlich Weltberühmtheit: Die Maillard-Brücke über den Rossgraben. Es ist dies die erste Betonspannbogenbrücke, die zugleich eine Kurve schreibt. Auf jeden Fall ein brückentechnischer Meilenstein.
Ansonsten beschränkt sich das Kulturleben hier oben auf das jährliche Klostersommertheater in Rüeggisberg, das wir noch nie besucht haben. Oder das eine oder andere Waldfest oder das samstägliche Schiessen der Militärschützen Fultigen oder auch nur die Klangfetzen, die es vom Gurten rüber weht. Ich gebe offen zu: Ich vermisse nichts. Oder wenig. Meine Hoffnung ist, dass mich der Nachholbedarf Mitte August wieder beflügelt.





Wunderbar, Herr Pauli!
[...] Fahrer des schwarzen Mercedes, der mich kürzlich mit der Frage «Bieri, Ännematt?» aus dem Schlaf geholt hat, habe ich mittlerweile identifizieren [...]