Als der pulvernde Schnee das Landsträsschen in Richtung Bad Bonn zugedeckt hatte, die Nacht-Wanderungen überstanden waren, da begann Jochen Distelmeyer seinen Liederabend mit «Schnee», einem Lied, das ab dem Abschluss-Album seiner aufgelösten Band Blumfeld stammt.
Letzten Herbst hat sich der Sänger und Gitarrist mit dem wohl rätselhaftesten Gesicht der gegenwärtigen Popmusik zurückgemeldet. «Heavy» heisst das Album, das den schlichten Weg – immer hart an der Grenze zum Schlager – weitergeht und doch zu Herzen geht. Distelmeyer flüchtet sich nicht ins Hochstaplerische, wie das die Herren Tocotronic so gut beherrschen und der Furor, der Zorn ist meistens vergangen, das machen nun Jüngere besser.
Nach «Schnee» folgt der lauteste Teil des sehr unschön abgemischten Konzertes, neue Lieder, die von der vierköpfigen Band wesentlich rauer als auf der Platte gegeben werden und der Herr mit den weissen Hosen und dem schwarzen Hemd stellt in einer seiner ersten Ansagen vor: «Wir sind Jochen Distelmeyer».
Weiter gings, in die Liebeslieder, in einzelne Publikumsanimierversuche («Ihr kommt auf eure Kosten und alles ist easy?»), wiederum in lauten (Stadion-)Rock, in eine Patti-Smith-Coverversion, in Naturbetrachtungen wie dem «Schmetterling» – und mit Liedern, die erst am Konzert die Raffinesse in den Arrangements offenlegen, die einander gleichen und zum glücklich-melancholischen Trinken einladen.
Den zweistündigen Auftritt beschliesst Distelmeyer mit der «Murmel», einem eigentlich leiernden Lied über das unspektakuläre Leben, mit der Zeile: «Am Ende ist es nur ein Song». Und am Ende waren es wohl einfach nur Lieder an diesem langen und kurzweiligen Abend in der verschneiten Provinz, vorgetragen von einem rätselhaften, unbeirrbaren und freundlichen Herrn.
_________
Jochen Distelmeyer spielt heute Abend im St. Galler Palace noch einmal auf, flankiert vom phänomenalen DJ Stanley.








lustig auch, dass sich der herr distelmeyer gestern abend über die zu kuschelige stimmung mokierte. mag pose gewesen sein, aber gleichwohl: grosse freude, als endlich eine bierflasche zu boden fiel… was einmal mehr den verdacht nährt: viele seiner songs brauchen eine reibungsfläche. sonst geht es zu glatt.
ah, und a propos glatt: hier noch der herr distelmeyer im frühstücksfernsehen. ab ungefähr zwei minuten geht es los. ein freudlicher junger herr.
nachtrag zu bern-konzerten: letzten sonntag spielten in der mühle hunziken depdro. ein aussergewöhnlich gutes, leichtes konzert, einer band, die ich vorher nicht kannte und die zu meiner überraschung prominent besetzt war. am schlagzeug: toby dammit (iggy pop, stephan eicher). an der trompete martin wenk (calexico). schön wars!
ein kleines intermezzo, weil bei den freunden auf “zeit” gelesen:
http://blog.zeit.de/tontraeger/2010/02/10/french-resistance_4683
erinnert mich entfernt daran:

(womit auch gleich die eigenwerbung abgehandelt wäre…)
eigenwerbung hierfür natürlich:
http://www.cafe-kairo.ch/kultur.php
und schade, war ich gestern zu müde für einen ausflug nach bad bonn. deshalb danke, werter herr sartorius, für den stimmigen lagebericht.
Unschön abgemischt fand ich es nicht, ab und zu gabs ein paar Unaufmerksamkeiten (zu laute Backings, …), aber sonst für mich gut. Die Lieder gleichen sich teilweise aufs Haar, was bei mir dann doch zwischendurch etwas Langeweile aufkommen liess. Aber da der Schlageranteil in live gänzlich verschwindet und es doch immer wieder Songs gab, die herausstachen (Wohin mit dem Hass, Eintragung ins Nichts, Hiob, …), bleibt ein gutes Konzert in Erinnerung.
Das mokieren über die Stimmung kommt wohl auch vom grossen Gefälle Deutschland-Schweiz, das Distelmeyer erleben musste. Ich kann mir vorstellen, dass er andere Mitsing-Chöre gewohnt ist.
Schöne Retro Hall-Chorus-Gitarre übrigens vom Herrn ganz links auf der Bühne.
subversives rauchen oléolé!
Dann lag es wohl an meinem Standort, Herr zuffi, von wegen Soundqualität.
Unfreundlich am Herrn Distelmeyer war gestern eigentlich nur, dass er nach seinem Wunsch nach einer Kippe freundlich eine meiner letzten Zigaretten weiterverschenkt hat.
Hier noch eine Kurzkritik mitsamt Video aus dem Osten.
Und apropos Eddie Argos und seinem Liedverbesserungsprojekt: Dieses gastiert am 23. Februar in Winterthur im von mir totgeglaubten Albani.
soso, also auch im osten:
«PS: Noch selten ein Konzert mit so vielen verschiedenen Gitarren gesehen.»
da fällt einem natürlich wieder der rainald goetz ein (courtesy of zuffi, einige wochen zurückliegend):
«In sich hat er [Distelmeyer] keine neuen Lieder mehr, er hat keine Haltung zur Welt und keine Worte, keine Melodien, keine Sehnsüchte und keinen Zorn. Ohne all das geht es aber nicht. Statt dessen ließ er sich vom Assistenten, Zitat eines uralten Zitats, eine Gitarre nach der anderen reichen, wie viele waren es eigentlich, und dieser Joke wirkte, inmitten des Immergleichen der anstrengend interessanten Harmoniewechsel, wie ein Schrei nach echter Abwechslung, nach einem Moment von Direktheit und Sinn.»
und natürlich hat er unrecht, der goetz. aber schon komisch, diese gitarren. und diese sänger-roadie, pardon: -assistenten-beziehung.
Also viele Gitarren waren das nicht. Eine akkustische und vielleicht 3 elektrische. Da habe ich schon ganz anderes gesehen…
progrocks, herr zuffi?
Ein kurzer Ausschnitt aus einem U2-Konzert hat Masstäbe gesetzt, Herr eddie c. palermo.
oh, das ist in der tat ein anderes kaliber. um den weltfrieden zu retten, können nie genügend gitarren bespielt werden.
es sei hier nachträglich noch ein bericht über das konzert in st. gallen verlinkt:
http://blog.klangschau.com/2010/02/jochen-distelmeyer-in-st-gallen-video/
Nachlässig nachgekulturt, lieber Herr Gnos, sehr nachlässig.
öhm, wie meinen, werter herr sartorius?
So meinen, werter Herr Gnos.