Gestern Abend gastierte mit der Basel Sinfonietta ein Orchester im Turbinensaal der Dampfzentrale, das sich seit 30 Jahren der Aufführung zeitgenössischer Musik widmet. Dank diesem Orchester durfte ich bereits in Jugendjahren Zeuge sperrigster Konzerte werden, immer grandios gespielt und mit einem Programm, das einem Augen, Ohren und das Herz öffnete.
Das war gestern bei «Zwölf Töne für Bach» auch nicht anders. Die Sinfonietta spielte neben je zwei Werken von Bach und Webern zwei Uraufführungen des Zullwiler Primarlehrers und Komponisten Hermann Meier (1906-2002). Seine Musik ist nicht gefällig. Wohl deshalb dauerte es 40 beziehungsweise 50 Jahre, bis die beiden Werke zur Uraufführung kamen. Überhaupt wurden Meiers Kompositionen kaum je gespielt, einzig einige Konzerte im privaten Rahmen hat es gegeben.

Die Basel Sinfonietta in der Berner Dampfzentrale, 26. Januar 2010. (Bild Manuel Gnos)
Aus heutiger Sicht ist die komplette Ignoranz gegenüber Hermann Meier nicht nachvollziehbar. Natürlich, es war keine leichte Kost, die er da in den Nachtstunden zu Papier brachte. Aber es gab zu der Zeit andere Haudegen, deren Werke durchaus gespielt wurden.
Wie auch immer, zum ersten Stück Meiers konnte man in der «Aargauer Zeitung» lesen: «Das ‘Stück für grosses Orchester’ von 1960 beginnt spielerisch, mit kurzen Motiven, die immer wieder da und dort im Orchester aufblitzen. Mit dem Einsatz des tiefen Blechs und der Kontrabässe entwickelt sich daraus ein archaischer Tanz, der sich, dunkel grundiert von Pauken und Gongs, zum leidenschaftlichen, aggressiven Ausbruch steigert – bis das Stück unvermittelt abbricht.»
Das trifft die Sache recht gut. In der Dampfzentrale gestern Abend hätte der Klang etwas wuchtiger sein können, ansonsten gibts nichts zu meckern.





warum nur liest man in besprechungen von orchesterkonzerten immer wieder solche sätze?
«Das Orchester setzte diese Stücke engagiert und klangvoll um.»
«Am Schluss bedankten sich die Musiker mit viel Applaus bei Jürg Henneberger, der sie mit überlegener Umsicht durch die Wechselbäder dieses Programms geführt hatte.»
kurz zu einem ganz anderen thema: das apple tablet. hier die ersten intelligent gewählten worte, die ich dazu gelesen habe:
http://netzwertig.com/2010/01/27/das-tablet-kommt-steve-jobs-als-messias-einer-branche/
Warum nur berichten die Berner Medien ausser – verdankenswerter- und interessanterweise dieser Blog und die Kulturagenda – nicht von solchen Konzerten? Diese zugegebenermassen nicht ganz neutrale Bemerkung sei mir erlaubt.
Wegen Klassikmusikschreibe: In der Tat eine seltsame Sache.
@Herr Gnos: Daran ist der Bund nicht unschuldig: dort wurde der Klassik-Schwurbel miterfunden (Etter).
und wenn nicht miterfunden, so zumindest ausführlich mitgepflegt… sehr schönes wort übrigens: klassik-schwurbel!
Ich gehe oft an Konzerte klassischer und moderner Musik. «Das Orchester setzte diese Stücke engagiert und klangvoll um.» ist doch positiv. Manchmal sitzt man in solchen Schlaffikonzerten, dass es eben nicht engagiert und klangvoll ist. Und diese Art von Schreiberei scheint ja in der Kunst im weitesten Sinne vorzuherrschen, siehe das Geschwurbel von Frau Molin über Frau Tegg. Für Geschwurbel siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Geschwurbel.
Herr Gnos, waren denn auch viele Zuhörer da?? Ich hoffe es *daumendrück*
ich würde eher von zweideutig sprechen, werte schnapsnase. man kann auch mit viel engagement mist produzieren… und warum nicht etwas mehr enthusiasmus? zum beispiel so: es machte grosse freude, dem orchester zuzuhören!
und ja, es hatte viele zuhörer. jedenfalls mehr leute, als auf der bühne waren. und das ist bei einem orchester dieser grösse doch schon sehr beachtlich.
Danke Herr Gnos, dann ist ja vielleicht noch Hoffnung für Bern. Ich begreife nicht, warum moderne Musik in Bern so schitter läuft, ich war vor kurzem an 2 Konzerten in der Tonhalle z Züri und die waren rappelvoll. Auch ‘Modern’ an den Festwochen in Luzern ist von akzeptabel bis sehr gut besetzt. Persönlich bedaure ich es, dass ich gestern nicht da war, habe es aber warum auch immer nicht gewust.
Das ist eine sehr gute Bemerkung, Herr pauli. Ich bin in der Frage auch ratlos.
super bild, herr gnos.
Hoffen wir auf die NZZ: Ihr Neueklassik-Experte war gestern dabei.
Herr Zuffi: Es hat schon Leute, die über solche Musik schreiben können. Aber manchmal scheint mir, dass die Redaktionen von Bund und BZ einfach nicht schnallen, wenn ein super Thema vorliegt. Das war gestern der Fall. Dieser Meier ist eine Wahnsinnsgeschichte, so etwas kann man nicht alle Tage schreiben (schon gar nicht veranstalten). Dies soll übrigens keine Medienschelte sein. Denn die Redaktoren sind Quoten-verdammt. Von mir aus also ist eher das Publikum gefragt/gefodert. Ich meine: Zeitgenössische Musik ist einfach verdammt spannend, nicht immer, aber immer wieder. Normalerweise checken das leider nicht so viele Leute wie gestern.
Ich begreife nicht, warum moderne Musik in Bern so schitter läuft
in basel soll es bei sinfonietta-konzerten amigs so 3-400 leute haben. so viele warens gestern dann wohl doch wieder nicht.
@ passiver attacker: danke bestens fürs kompliment! das bild ist nach meinem fotografischen credo entstanden: gerade drauf und abdrücken.
Das spielt dann auch etwas zusammen, oder Herr Pauli?
Wenn nie (oder nur wenig) geschrieben wird, dass es Spannendes, Gutes und Wasweissichnochwasalles gibt, das hier in dieser Stadt in dem Bereich läuft, werden sich ebenso nie mehr Leute dafür interessieren
Ich erlebe oft, dass Leute, die mehr oder weniger zufällig in solche Konzerte “reingeraten” sind und der Musik einfach einmal zuhören, sehr positiv überrascht werden. Das gibt immerhin etwas Hoffnung, dass man nicht im Elfenbeinturm sitzt und der einzige ist, der denkt, dass Zeitgenössische Musik halb so schlimm ist wie alle meinen.
Mit dem richtigen Mix an Leuten und Programm kann das durchaus rappelvoll sein, muss ja auch nicht immer nuuuuur topmodern sein. Ich erinnere mich noch an das Maschinenkonzert mit dem BSO und HK Gruber in der DZ, das war glaub ausverkauft (“A short ride in a fast machine” von John Adams, wenn Sie noch auf der Suche nach einem Trip sind…)
Es ist doch viel spannendes Zeug zwischen WWII und heute geschrieben worden (natürlich auch viel, viel Mist, was die Programmzusammenstellung nicht einfach (und kontrovers) macht).
Hm, hab ich alle Klammern geschlossen?
auf die alte tante ist verlass:
http://www.nzz.ch/nachrichten/schweiz/einzigartig_radikal_1.4665858.html
danke, werter herr palermo! dabei scheint mir folgender hinweis interessant:
Das Konzert wird am 18. Februar 2010 um 22 Uhr 30 auf Schweizer Radio DRS 2 ausgestrahlt.
Lieber Herr Gnos, lieber pauli
Vielen Dank für eure Beiträge. Ich finde es in der Tat skandalös, wie schnöde – einmal mehr die Berner Medien Themen behandeln. Als der grosse Meier-Promoter bin ich in der Sache natürlich befangen, aber ich kann es wirklich nicht verstehen, dass ein Konzert von dieser Gewichtigkeit nicht behandelt wird.
Alfred Zimmerlins Kritik in der NZZ ist da aber Balsam auf alle Wunden: http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/aktuell/einzigartig_radikal_1.4665858.html
Herr Kilchenmann, klicken Sie mal selber auf Ihren Link, Ihre Website hat schlappgemacht. Wann gibts denn das nächste Meier-Konzert (aber bitte nicht in Verbindung mit einem Crowd Puller, das ist immer frustrierend)
Und noch eine Ergänzung: An den Heimkonzerten hat die basel sinfonietta jeweils 800-1000 Leute im Saal. Bei 12 Töne für Bach waren alleine an der Einführung mehr Leute dabei, als in Bern am Konzert. Und doch es hat riesig Spass gemacht auch in der dampfzentrale – und die Anwesenden waren (aus Musikersicht) völlig mitgerissen.
Tja, meine homepage liegt gerade darnieder, weil keine neuen meier-aufführungen in der agenda stehen, und das mag die dann nicht so. meine administratorin wird sich drum kümmern, so sagt sie.
danke fürs interesse an meier. die basel sinfonietta diskutiert im moment über einen ganzen meier-zyklus, in immer wieder anderen kontexten mit und ohne Crowd Puller.
nähere angaben sind jeweils auf der verlagshomepage zu finden: http://www.aart-verlag.ch/
oder sie schreiben mir ein mail mit ihrer adresse, sobald meine homepage wieder funktioniert…
sehr schön, sie hier zu haben, werter herr kilchenmann. und danke für ihre erhellungen in verschiedener hinsicht.
ich finde übrigens crowd puller nichts verwerfliches. es sei denn, sie bringen das rondo veneziano aufs programm. jedenfalls schätzte ich an diesem konzert die beiden werke von bach sehr. die gaben der sache einen schönen rahmen und boten die möglichkeit, wiederzuentdecken, was ein klarer melodiebogen und eine durchschaubare rhythmik mit einem macht. wunderbar. (weniger anfangen konnte ich übrigens mit dem zweiten webern-stück. allerdings weiss ich bis jetzt nicht, weshalb…)