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Zeit der Manifeste

Von Benedikt Sartorius am Dienstag, den 24. November 2009, um 00:13 Uhr

Es ist eine gute Zeit für Manifeste: Die jungen Ja, Panik veröffentlichten eines, das natürlich höchst anmassend und deshalb auch lustig ist, während aus dem Umfeld der Goldenen Zitronen das NION-Manifest bis nach Bern ausstrahlt.

Die Verfasserschaft des Manifests mit dem Titel «Not in our Name, Marke Hamburg» stellt sich gegen die Vereventisierung der Hansestadt, gegen die Vereinnahmung durch das Kulturmarketing und gegen die Gentrifizierung, die die nicht vermögenden Bewohner der Stadt an den Rand drängt, währenddem der öffentliche Raum weiter verkommerzialisiert wird.

Nun hat die Manifest erprobte Theatergruppe 400asa diese Programmschrift in eine lokal angepasste Form gebracht, über die am Freitagnachmittag um 17.00 Uhr an an der Marks-Blond-Project-Speichergasse trefflich debattiert werden kann:

11 Kommentare zu „Zeit der Manifeste“

  1. Kretz sagt:

    Ich versteh das nicht. Klar, ich verstehe das Hamburger Manifest. Ich verstehe auch, dass man was dagegen haben kann, dass in Bern so viel Geld in die Oper gebuttert wird. Ich kann auch verstehen, dass man sich anlässlich der Proteste in Hamburg hier mal in einer öffentlichen Debatte fragt, ob wir hier ähnliche Tendenzen feststellen können. Aber wo ist der Link zwischen der Eventisierung der Hamburger Subkultur und der teuren Berner Oper? In der Elbphilharmonie? Aber in welcher Stadt wird denn nicht exorbitant viel mehr Geld in die sog. Hochkultur gesteckt als in die freie Szene? Diese Debatte kann man doch hier auch ganz unabhängig von fremden Gentrifikations-Diskussionen führen.

    Und ich verstehe nicht, wieso hier ausgerechnet jemand aufspringt, der mit dem Begriff “Hauptstadttheater” für sein Schaffen wirbt.

    Ab der Regel #6 “Die Abteilung Dramaturgie wird ersatzlos gestrichen” hab ich mich sehr amüsiert. Das erinnert mich an die Zeit, als wir in der 10i-Pause “Another Brick in the Wall” gesungen haben.

    Zur Information für die Nicht-Theaterschaffenden, die sich schon immer gefragt haben, was so eine “Dramaturgie” eigentlich macht. Eine der Aufgaben der Dramaturgin (ja, das sind ganz oft Frauen) ist es, dem Regisseuren (ja, das sind ganz oft Männer) aufzuzeigen, wo seine Grenzen liegen. Sie ist gewissermassen Bindeglied zwischen ihm und dem Publikum. Sie weist darauf hin, wo eine Inszenierung nicht ganz aufgeht, unverständlich oder uninteressant ist. Sie rettet den Künstler von den Gefahren die entstehen, wenn man zu sehr in Prozess verhaftet ist. Viele intelligente Regisseurinnen und Regisseure schätzen die Arbeit ihrer Dramaturginnen und Dramaturgen sehr. Oft bestehen solche Teams jahrelang – in der freien Szene wie an festen Häusern.

    Ceterum censeo, dass Bern in der schweizerischen Theaterlandschaft nicht mehr ernst genommen werden kann, solange es keine Mittlere Bühne für das Freie Theater hat. (Ich weiss, das hat jetzt mit der Hamburger Diksussion gar nichts zu tun. Ist ja auch bloss mein Ceterum censeo.)

  2. pauli sagt:

    Sie haben recht, Frau Kretz.

    Die Hamburger Debatte ist das Eine. Ich wollte, dass das auch in Bern mal diskutiert wird, weil interessant. Und weil Ted Gaier da ist. 400ASA haben sich dann später eingeklinkt. Sie wollen über die Verteilung des Kuchens reden, und damit über das Profil, das sich diese Stadt gibt, kulturell gesehen. Und da sind wir wieder beim Hamburger Manifest. Ich finde schon, man kann beides miteinander diskutieren. Allerdings fehlen mir die Theater-spezifischen Kenntnissse. Kommen Sie doch auch 27.11.09.

    http://saintghetto.blogspot.com/2009/11/kunstlerviertel-bern-wo-bist-du.html

  3. Nicolette Kretz sagt:

    Das würd ich sehr gerne tun! Denn, wie gesagt, ich finde diese Diskussion an sich interessant. Das Thema “alternative Kultur zwischen Anerkennung und Vereinnahmnung” zwingt einem ja, sich mal ganz genau zu überlegen, was man denn eigentlich will. Vielleicht auch, was denn eigentlich die Freie Szene ausmacht. Eine Diskussion also, die zwangsläufig über das Thema Geld hinausgehen muss.
    Und hoffentlich wird das auch eine konstruktive Diskussion, die Forderungen und Visonen formuliert, und nicht bloss destruktiv Abschaffungen fordert, wie das in kulturpolitischen Diskussionen (besonders in Bern) ebenso häufig wie unfruchtbar ist.

    Aber leider kann ich am Freitag nicht, da ich das ganze Wochenende über im Welschen von der Pro Helvetia, zwecks Distributionsförderung des welschen Theaters, an den Journées de théâtre contemporain festgehalten werde.

    Bitte berichten Sie doch dann nachher!

  4. Eeler sagt:

    Mögen Sie noch was zur Ja,Panik-Platte schreiben, werter Herr Sartorius, weil die ist ja,eigentlich interessanter als das Manifest

  5. Herr Sartorius sagt:

    Das ist so, lieber Herr Eeler, und früher oder später erscheint dann was, spätestens so Ende März, wenn die Band in der Stadt auftauchen wird.

  6. eddie c. palermo sagt:

    schön, dass diese band auftaucht. so von wegen wrrrrackenroullll und diskurs. grosspapa tweedy sitzt unterdessen am kaminfeuer, schmaucht seine pfeife und sagt: «ja, so ist das halt in der jugend. kriegt sich dann schon ein.»

  7. :newfield sagt:

    gut ge(folk)rockt, herr palermo.
    OT: extrem kurzes gitarrensolo. und über das instrument schweigt des Nels-fans höflichkeit.

  8. Herr Lich sagt:

    Wie alt sind diese Leute? Und in welcher Zeit leben Sie? Ich würde mal tippen: 15-jährige 68er/innen. Das mit dem Grossbürgertum und dem Kapitalismus ist derart verstaubt, das kann nicht einmal mehr Satire sein.

    Die Oper bleibt!

  9. eddie c. palermo sagt:

    haha, herr newfield! genau das habe ich auch gedacht: gübe es in diesem blog eine gitarrenpolizei, sie müsste das instrument konfiszieren. aber das solo schwer ok. wie es ja auch an besagtem konzert durchaus… aber lassen wir das. (ich dachte an «walken».)

    in wirklichkeit raucht herr tweedy natürlich zu hause nicht pfeife, sondern – aber sehen sie selbst (ab 0:30)

  10. Kretz sagt:

    noch ein Protestaufruf ist gerade eingetroffen, diesmal von Konsortium&Konsorten:

    Ab ins Tojo am Freitag den 27.11. 2009! Ab 22:30!

    Turn to Content Party!

    Abschiedsparty von Konsortium&Konsorten!
    Das letzte Mal Bern!
    Ein letztes Mal Aufrufe! Manifeste! Spektakel! Party!
    Die Welt hat sich nicht geändert durch das Theater!
    Also gehen wir Konsorten in den Untergrund!
    Auf den Pfad der permanenten Revolution!
    Es war schön und hässlich mit euch!
    Ein Danke und Kein Danke Schön Fest mit alten und neuen Konsorten!
    Texte und Songs aus alten Konsorten Stücken!
    Und ein offenes Mikro für alle! Manifest Karaoke!
    Turn was raus – begleitet von Pathos Keyborder Pascal Nater!
    An den Turn Tables: DJ Dave Canina und andere!

    Im Kombi Abo:
    Ein letzter Aufruf: Die Gründung der Guerilla Gruppe:

    Für ein befreites Kulturbudget der Stadt Bern.

    Anwesende: Andre Benndorff, Thomas Pösse, Dominique Jann, John Loosli, Marie Omlin, Wolfgang Klüppel, Pascal Nater, Der Kulturbürgermeister Tom Ott, Mathis Künzler, Selina Omlin, Mike Adiek, Nina Engel, Luc Müller, Pjotre, Fabienne Biever, Selina Omlin, Fabian Gutscher, Matthias Bremgartner.

    Zusammenhang: Theaterstück „Die letzte Bastion“

    Konsortium & Konsorten befragt anhand einer fiktiven Reise nach Bagdad die Mechanismen der Kreativ-Wirtschaft. Welche Kosten, so diskutieren die Konsorten gemeinsam mit ihren vier Alter Egos auf der Bühne, muß ein Kulturschaffender tragen, um sichtbar zu werden, zu sein und zu bleiben? Welche Anteile an Zynismus, Exhibitionismus und Spieltrieb sind von Nöten? Und was steht am Ende? Ein Abgesang; oder eine neue Vision. Das Theater als letzte Bastion?

    Vorstellungen im Tojo vom 25. bis 27. November!

    Was bisher geschah. Ein internationaler Presseaufruf:

    Turn to Content!!

    Werdet für 2 Wochen Mitglied in einem leitenden Theaterrat mit realen Mitteln.

    Die 4 Berner Spielstätten: Tojo Theater, Schlachthaus Theater, Theater an der Effingerstr. und das Stadttheater Bern haben die „Zeichen der Zeit“ erkannt:
    Seit 2008 bahnt sich ein Paradigmenwechsel vom Postdramatischen hin zum Paststrukturalen Theater an! Die Fachliteratur spricht bereits von einem Turn to Content oder im Amerikanischen von einem continental Turn. Genau in dem Moment, als der Akteur im Meer der Aktantennetzwerke langsam verschwindet.
    Unter der Schirmherrschaft von Trix Bühler und Eike Grams stellen die 4 Theaterorte jeweils für 2 Wochen ihre Produktionsmittel allgemeinen und öffentlich zugänglichen Theaterräten zu Verfügung. Diese Theaterräte können zwei Wochen lang das Budget verwalten, alle Produktionsräume, Technik und alle alle alle Kommunikations- Kanäle nutzen.
    Aber es kommt noch besser: Auch die Berner Kultur Kommission zur Vergabe von Fördergeldern öffnet seinen Entscheidungsprozess frei zugänglichen Theaterräten.
    Im Frühjahr 2010 entscheiden alle Antragsteller in einer gemeinsamen Diskussion über die Vergabe der Fördergelder.

    Bewerbungen für die Theaterräte bitte direkt an die Theaterleitungen bzw. an die Abteilung für Kulturelles der Stadt Bern schicken.
    Biographien, künstlerischer Werdegang und Fotos sind nicht von Interesse. Das Interesse und die Bedürfnisse der jeweiligen Teilnehmer stehen im Vordergrund. Wider das ungeheuerliche Gebot unserer Zivilisation sagen zu müssen, wer man ist, was man ist, was man getan hat!

    Zeiträume für die Theaterräte:
    Stadttheater Bern: 14. bis 28. Februar 2010
    Kornhausplatz 20
    3011 Bern, Switzerland
    +41 31 329 51 11

    Theater an der Effinger: 15. bis 30. März 2010
    Effingerstrasse 14
    3011 Bern, Switzerland
    +41 31 382 72 72

    Schlachthaus Theater Bern: 30. März bis 15. April 2010
    Rathausgasse 20
    3011 Bern, Switzerland
    +41 31 312 96 47

    Tojo Theater: 15. bis 30. Arpil 2010
    Telefon: ++41 031 306 69 69
    Fax: ++41 031 306 69 67
    E-Mail: tojo@reitschule.ch
    homepage: http://www.tojo.ch

    Theaterrat für die Fördergelder: Mitte Februar.
    (Genauere Angaben unter http://www.bern.ch – Abteilung für Kulturelles.)

    Weitere Info Abende 25. bis 27. November im Tojo im Rahmen der Aufführungen von „Die letzte Bastion“.

  11. Kretz sagt:

    und hier noch ein interessanter Artikel zum Thema Freie Szene/ feste Häuser (im Bereich Theater) anlässlich des Theaterfestivals Impulse, das wohl bedeutendste deutschsprachige Festival für Freies Theater:
    http://nachtkritik.de/index.php?option=com_content&task=view&id=3531&Itemid=84