Mehr denn je schaut die lokale Theaterszene derzeit auf Belgien und Holland. Dass von da jede Menge künstlerisch spannende Gruppen und Einzelpersonen kommen ist nichts neues. Gestern zum Beispiel wurde am Bâtie in Genf die Inszenierung «Rouge décanté» von Guy Cassiers gezeigt. Das Stück basiert auf einem autobiographischen Roman des niederländischen Autors Jeroen Brouwers, der als kleiner Junge mit seiner Mutter, Schwester und Grossmutter in einem japanischen Konzentrationslager sass. Cassiers inszeniert diesen starken Text als Monolog eines gebrochenen Mannes ohne grosse Regieeinfälle, aber mit einer stimmigen Komposition aus Live-Video-Projektionen, Lichtstimmungen und einem feinen Klangteppich. Faszinierend, wie gut der Abend funktioniert, insbesondere angesichts dessen, dass der Text nicht gerade nach einer theatralen Umsetzung schreit.
Auf Guy Cassiers wird aber von hier aus nicht nur als Regisseur geschaut, sondern auch Leiter des Antwerpener Tonneelhuis. Das besondere an diesem Theater- und Tanzhaus ist, dass es nicht wie sonst bei Stadttheatern üblich, mit einem festen Ensemble, festen RegisseurInnen und gelegentlichen Gästen arbeitet. Viel mehr sind hier über mehrere Jahre sechs Theater- und Tanzschaffende in einem Haus vereint, die jeweils projektbezogen mit ihren eigenen Leuten arbeiten. Dies hat natürlich eine grössere künstlerische Flexibilität einerseits zur Folge und andererseits eine sicherere Struktur für die Beteiligten. Diese Bedingungen dürften durchaus ein Grund für die internationalen Erfolgen des Tonneelhuis sein.
In Bern arbeitet eine Gruppe freier Theaterschaffenden an einem ähnlichen Konzept in Zusammenhang mit der Diskussion um die Zukunft des Stadttheaters, die nun schon seit über zwei Jahren läuft. Eine solche Umstrukturierung würde die Berner Theaterlandschaft zweifellos völlig umwälzen. Nicht nur würde das Stadttheater in der jetztigen Form verschwinden, auch der freien Szene würden zwangsläufig Leute abhanden kommen. Ob dabei grosse Theaterwürfe entstehen würden, steht in den Sternen. Oder: bleibt auszuprobieren.
Am Bâtie ist eine weitere Tonneelhuis-Produktion zu sehen: Maria-Magdalena von Wayne Traub am 9. und 10. 9. im Théâtre Forum Meyrin.





