Alles war angerichtet, gestern Abend in der Miles Davis Hall zu Montreux. Das Publikum war festlich gestimmt, bereit für den sinnig programmierten Konzertabend mit einem zu Tränen rührenden Ereignis, das dann nicht eingetroffen ist. Anders: Der Vorsänger hat dem Star des Abends die Schau und auch die Tränen gestohlen.
Mit Schmalzlocke, Waldschratenbart, einem mystischen Amulett und weitem T-Shirt sass er da, der australische Barde Scott Matthew, der einst im Film «Shortbus» im gleichnamigen Club seine Lieder sang und diesen Spätfrühling ein Album mit dem Namen «There Is An Ocean That Divides/ And With My Longing I Can Charge It With A Voltage That’s So Violent/ To Cross It Could Mean Death» veröffentlicht hat. Matthew schafft mit seinen melancholisch, feierlichen und abgründigen Liedern ein Gefühl der Geborgenheit, der milden Euphorie, ganz besonders in «Ornament», bei dem er schmachtet, während die Cello-Piano-Gitarren-Band die Chörli beisteuert hin zu einem aussergewöhnlichen Vortrag in einem Lied eines Überlebenden, der selbst den Teufel um Alibis bitten musste.
Die intime Intensität, die Scott Matthew erreichte, wurde eigentlich von Antony erwartet, der grossen Gegenfigur der aktuellen Popkultur, die ja auch zum Beinahe-Konsens gehört. Allein, das Konzept der Aufführung griff nicht: Zu dick trug das 33-köpfige Montreux Orchestra die Klangfarben auf, so dass die Gebrochenheit im Werk nicht mehr richtig auszumachen waren. Zu undynamisch erschienen auch die vom in Pop-Kreisen gefragten Komponisten Nico Muhly arrangierten Charts – und zu leise war es im Saal, in dem selbst in der Mitte die Wummerbässe vom Heineken-Deck vernehmbar waren.
Eine einsame Sternstunde fand im Konzert, das von vielen alten Liedern geprägt war, dann doch noch statt: In seinem schwarzen Mantel intonierte der Transgender mit der ungehörten Stimme den unglaublichen «Crazy In Love»-Hit der von ihm bewunderten Beyoncé, so verzweifelt und vor allem, so reduziert.





Hier noch ein Veranstaltungshinweis, der bestens hier hin passt, da ja der Antony von Lou Reed ins Rampenlicht gerückt wurde Und Herr Reed wiederum beehrt am 6. Oktober mit seinem Metal Machine Trio, obacht, die Dampfzentrale.
Guten Morgen. Ein schöner Bericht, Herr Sartorius, und er deckt sich einigermassen mit meiner Meinung. Antony wurde zwar im Laufe des Konzertes besser und eindringlicher, aber irgendwie war das Streichorchester zuviel des Guten. Eine abgespeckte Version, dafür ein bisschen mehr Elektrizität hatten dem Ganzen gut getan. Scott Matthews hat da die bessere Dosis gefunden. Der hat mich ausserdem irgendwie an den ollen Oldham erinnert. Alles Waldschrate halt..
Schade, dass ich Sie nicht mehr gesehen habe. Der Überfall auf den Bankomaten war eine äusserst langwierige Sache, da eines der beiden Geräte noch den Dienst versagte…
In der Tat war dieser Bankomatzwischenfall sehr schade, Herr Shearer. Beim Oldham-Vergleich bin ich mir aber nicht so sicher, da Herr Matthew ja sehr viel, hm, urbaner und gediegener musiziert als der olle Will.
Item, ich fahr jetzt mal auf den Berg. Das einzige, das mich beunruhigt, ist, dass es dort einmal so ausgesehen haben soll:
da Herr Matthew ja sehr viel, hm, urbaner und gediegener musiziert als der olle Will.
Ich dachte dabei auch mehr an äusserliches…
Beach-Benedikt … hihi
Ich dachte dabei auch mehr an äusserliches…
Wusste ich eigentlich auch, entschuldigen Sie bitte meine Korrektur. Jetzt tanze ich aber besser mal ab in dieser stürmischen Nacht.
ha, herr sartorius – ich erlaube mir jetzt vom angeblich beschten restaurant aller schäreninseln weit und breit die bemerkung: schön, dass sie auch zum herrn matthew gefunden haben. schönen abend noch, auf dem gurten und im garten. falls es hier nicht katzen hagelt, stehen morgen vielleicht die frauen badu und stone an.
[...] Originalkompositionen gelingt, ist nebst dem Quartett Osso den Arrangeuren – u.a. der Antony-Grizzly-Bear-Mann Nico Muhly – zu verdanken, die kratzende und berückende Partituren erschufen [...]