Eine Plattenfirma zu gründen, die physisch greifbare Produkte, also CDs anbietet, gleicht heutzutage einem anachronistischen Unterfangen. Reto Mäder (Musiker, Grafiker) und Roger Ziegler (Mitarbeiter in einem Kulturzentrum, in dem ich auch mittue) haben es trotzdem getan. Hinterzimmer-Records heisst die Berner Kleinstfirma, die 2007 an den Start ging. Damit ist der Berner Labellandschaft neben everestrecords, welches übrigens das 10-jährige Jubiläum feiern darf, eine zweite Plattform für mehr oder weniger experimentelles Musikschaffen erwachsen.
Kürzlich habe ich mir eine Compilation von Hinterzimmer-Records zu Gemüte geführt: Eine selbst gebrannte CD in einem altmodisch amnutenden Faltpapier. 12 Tracks der Artisten Strotter Inst, Kinit Her, rm74, Herpes Ö Deluxe, Kiko C. Esseiva und Sum o R. Aller persönlichen Verbändelungen eingedenk möchte ich hier sagen: Da ist erstaunlich viel gute Musik drauf.
Strotter Inst: Der Turntable-Artist im Bauernkleid bringt seine Klanginstallationskunst mittlerweile auch als vollwertiges und anregendes Hörerlebnis rüber. Tolle Tracks, einnehmend und anregend.
Kinit Her: Das Trio aus Wisconsin/US ist wohl die Entdeckung von Hinterzimmer. Betörende Drones zwischen Folk und Metal. Freakiger Auftritt, verschrobenes Kunstwerk, very much independent.
rm74 ist das Soloprojekt von Labelmitgründer Reto Mäder. Hoch gehängte Eigentümlichkeiten zwischen Noise und Electronica, Experimentierfreudigkeit made in Bern.
Herpes Ö Deluxe sind so was wie die Könige des Berner Bruitismus. Mit Wurstfinger, Rofer Z, BlindDoc und Hess (aka Strotter) quasi eine Hinterzimmer-Allstar-Band. Seit 1995. Und immer noch laut.
Kiko C. Esseiva: Elektroakustischer Soundartist mit schweizerischen und spanischen Wurzeln in der Tradition eines Pierre Henry. «Musique pour Haut-Parleurs».
Sum of R: Kreuzung von Herpes Ö Deluxe und rm74, die zweite Hinterzimmer-All-Starband. Doom. Drones. Düster. Dreckig.
Man darf gespannt sein, was Hinterzimmer-Records sonst noch für Entdeckungen und Verkreuzungen ans Berner Tageslicht bringen wird.



den herren mäder/ziegler viel glück bei diesem unterfangen!
dem herrn pauli der wunsch, diese cd bei gelegenheit vorbeizubringen.
und allen anderen total off topic die erinnerung daran, dass c.gibbs nächste woche am donnerstag im kairo spielen wird. die perfekte einstimmung fürs kilbi-wochenende! und als einstimmung zur einstimmung dies hier:
C. Gibbs of Lucinda Black Bear from Lucinda Black Bear on Vimeo.
Herr Pauli, her mit der Compilation. Bedankt.
Den Herrn Gibbs werde ich im Übrigen abermals verpassen, Herr Gnos, was mir sehr leid tut. Denn am Donnerstag gilts vorzuschlafen und deshalb habe ich die Kilbi-Einstimmung auf den Mittwoch ins Rössli der Reitschule verlegt, wo Sleepy Sun aufspielen werden. Momentan scheint mir die Sonne aber eher eine gelbe Sau zu sein.
Was haben die Herren denn für ein Gefühl? Noch nie habe ich eine CD gebrannt! Also wird nix aus der Service. Aber vielleicht hilft da eine gute Seele, mal sehen.-
@sartorius: the sun’s not yellow. it’s chicken.
a propos verpasste gelegenheiten sind: haben sie am sonntag den herrn bird gesehen? würde mich sehr interessieren, falls ja, weil mir hat’s nicht gereicht. dafür war ihr ronin-tipp toll und hat auch ganz gut in die postabstimmungsstimmung gepasst.
Ja, Herr Palermo, beim Andrew Bird war ich. Hier ein Kurz-Resumée: Viel mehr Leute hatte es als vor eineinhalb Jahren, als Bird im Verbund mit Martin Dosh ein ewiges Konzert spielte. Und da der Herr solo spielte, gab es für meinen Geschmack zu wenige (Lieblings-)Lieder und zu viele Geigenflächen, die mir ä biz austauschbar vorkamen. Dafür verhaspelte sich der Perfektionist mehrmals, was ihn sichtlich nervte, erzählte Anekdoten zu seinen Liedern und sowieso konnte ich für einmal auch auf die Texte hören. «Oh No», im Übrigen, schludderte Herr Bird grossartig herunter. Ein sehr schöner, wenn auch kein ewiger Konzertabend.
Am Abend vorher sah ich auch Boss Hog an der selben Roten-Fabrik-Stelle mit dem Ehepaar Cristina Martinez und Jon Spencer. Und Rock war für einen Abend wiedermal die beste Musik überhaupt – auch dank der wunderbaren Finninen-Vorband Micragirls.
Einen Abend vor dem Boss Hog sah ich auch Jeffrey Lewis im El Lokal, sehr schöne Lo-Fi-Videos, wie immer, und eine Freude zum sehen. Überraschend spielte Lewis ein komplett anderes Set als einen Abend zuvor im St. Galler Palast, als er vor den präzisen Stunt-Hiphoppern Themselves aufspielte. Einzig der unbedarfte DJ nervte an diesem Abend, der statt The Fall die Kopie Pavement spielte, was natürlich gar nicht geht.
Mittlerweile bin ich am alphabetisieren dieses Wolfgang Amadeus Phoenix, ein ambitionierter Nachwuchskomponist, kann man sagen.
herr sartorius, tausend dank für diese rundumschau. ein sattes wochenende, fürwahr.
wenn sie mir bloss eine bemerkung noch ein wenig erläutern möchten: Einzig der unbedarfte DJ nervte an diesem Abend, der statt The Fall die Kopie Pavement spielte, was natürlich gar nicht geht.
ähem?
War eine kleine Spielerei, Herr Palermo, da der CD-Abspieler an jenem Abend den Namen meiner Wenigkeit trug und das Pavement-Abspielen bei der Fall-Fraktion eben nicht so gut ankam.
ah, das beruhigt doppelt. obwohl geschmacksstalinismus natürlich auch seinen reiz hat.
sie haben hoffentlich noch grad “the classical” draufgesetzt?
Nein, glücklicherweise erwischte ich die Nummer davor. Später spielte ich zur Versöhnung aber «The Man Whose Head Expanded», eine grosse Freude.
Übrigens habe ich mir am Samstag die Dylan-CD gekauft. Ich habe mich beim noch nicht so intensiven dreimaligem Durchhören zeitweise sehr alt gefühlt.
ou. autsch. ich muss gestehen, dass ich sie nur noch einschiebe, um das zweitletzte stück anzuspielen.
ich kann mir’s nicht verklemmen, und auf die gefahr, eulen nach athen zu tragen: wenn sie ins spätwerk einsteigen wollen, versuchen sie’s mit “‘love & theft’”. so alt, dass sie die jahrringe gar nicht mehr zählen können, werden sie mit “world gone wrong”. und eigentlich müsste ihre lofi-ader schwer auf die “basement tapes” ansprechen, zumindest auf eine ansprechende zusammenstellung derselben. ja gut, und den ganzen oberberühmten schmarrn lassen wir jetzt aussen vor.
Mit «Time Out Of Mind» gelang der Einstieg eigentlich ganz gut, «Love & Theft» und die «Basement Tapes» gebe ich mir bei Gelegenheit. Zuvor höre ich mir allerdings wiedermal den Pat-Garrett-Soundtrack an, das war in etwa die einzige Dylan-Platte, die ich als Kind durchhören konnte.
Sehr lustig übrigens: Von Industrial zu The Fall zu Bob Dylan.
[...] die Homepage wird gewartet, Künstler: Kummerbuben, Delilahs u.a.) Hinterzimmer Records (Bericht hier) Everest Records (u.a. [...]
[...] :take: auf, der legendäre Gitarrist Sir Richard Bishop pflegte sein Set erdiger, ehe Sum Of R ihr Hinterzimmer auf der Clubbühne einrichteten und den Abend in anschwellendem Lärm zu Ende ausklingen [...]