Unsere unermüdliche Frau Kretz ist, kaum vom AUA-Festival ausgespuckt, auch schon wieder nach Berlin gesaust, wo sie dieser Tage für uns vom Theatertreffen berichten wird. Ja, sie macht viel Arbeit, die Kunst, auch privat.
Ich wollte vergangenen Samstag ans AUA in die Dampfzentrale flitzen, bemerkte zum Glück aber gerade noch rechtzeitig, dass ich zu spät dran bin, hatte die Vorstellung doch schon um 19 Uhr begonnen. Henusode, dacht ich mir, dann verbringe ich den Abend gemütlich vor dem Fernseher, mit zwei Aufzeichnungen von Stücken vom Berliner Theatertreffen. Wo Frau Kretz jetzt ist.
Gemütlich war der Abend mit Schlingensiefs «Kirche der Angst vor dem Fremden in mir» nun nicht gerade. Aber sehr eindrücklich, ich war ziemlich begeistert, muss ich sagen. Der schwer kranke Schlingensief hatte sein «Krebstagebuch» zu einem Stück verarbeitet. Die Kombination von Verletzlichkeit und aussergewöhnlichem Talent in dieser Arbeit fand ich entwaffnend und durchaus zwingend. Warum nicht auch über Krankheit und Tod reden im Theater, wo sollten wir es dieser Tage sonst tun? Und warum nicht über die eigene Sterblichkeit, vor allem wenn es jemand schafft, dies so interessant und theatralisch virtuos umzusetzen, wie Christoph Schlingensief? Von dem ich übrigens nie ein besonders grosser Fan war, aber das hier war beeindruckend. Durchlebt und durchdacht zugleich.
Höchst geladen und auf dramatische Weise schön übrigens auch die Musik zum Stück von Michael Wertmüller, in Berlin lebender Thuner Komponist und Alboth!-Schlagzeuger. Die Diskussion um Privatheit und Politik im Theater, überhaupt in der Kunst, geht natürlich weiter. Auch am Theatertreffen wurde sie geführt, so wie sie hier geführt wird, zum Beispiel wenn es um die absolut sehenswerte Ausstellung von Tracey Emin im Kunstmuseum geht.






Die zweite Aufzeichnung war übrigens eine Produktion des Burgtheaters, “Der Weibsteufel” in der Regie von Martin Kusej. Auch sehr toll, auf eine ganz andere Weise: Da interessiert sich jemand anscheinend tatsächlich für die Psychologie der Figuren und für das, was zwischen den Menschen vorgeht. Etwas, was man zur Zeit eher in guten TV-Serien findet, als im Theater.
merci für den schönen beitrag, den knackigen titel und die abschliessenden querbezüge, signora pergoletti. schlingensiefs kirche hätte ich auch gerne gesehen, hoffe, ich kriege sie irgendwann mal in irgendeiner form vorgeführt. habe schlingensief bisher erst einmal in einem theaterhappening (lovepangs) erlebt und die ganze zeit gedacht: sicher toll, um später davon zu erzählen, aber mühsam, es in echtzeit mitzuerleben. das dürfte jetzt sehr anders sein.
ah, sehr schön, Signora, dass sie von Schlingensief berichten! ich hab das nämlich verpasst. also auch am TV. also auch aufzunehmen. dabei bin ich seit Jahren ein grosser Schlingensief-Fan (kein unkritischer allerdings). ich hielt heute sein Buch “So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!”, das aus Diktiergerät-Aufnahmen entstanden ist. gekauft hab ich’s allerdigns nicht. ich kann mir nicht vorstellen, dass mir das Lesen in irgend einer Form Genuss bereiten würde.
mehr zur Lage der Dinge in Berlin morgen. ich bin nämlich gerade mit dem Handy im Internet und bei diesem Saftladen werden ja keine Spesen rückerstattet!
Gern geschehen, die Dame, der Herr! Und Danke auch fürs Kompliment!
zur thematisierung seiner krankheit im theater und in der öffentlichkeit, gabs vor einiger zeit einen ganz fürchterlich schlechten beitrag im sf-kulturplatz:
http://www.sf.tv/sendungen/kulturplatz/index.php?docid=20090325
[...] hier in Berlin am Thetertreffen allen Schlingensiefs Stück über seine Krebskrankheit noch tief im Nacken sitzt (die Medien sind voll davon), wird auf der [...]
Ah, der Kulturplatz alias die Lieblingssendung des Hauses. Beinahe wie Sonntagszeitung lesen, oder eben die Zeit.
Zum Vergleich: Zeit-Mashup-Artikel hier, Video «Einer für alle»da
Aber der Kutiman ist schon nicht schlecht, muss man sagen.