Vor zwei Jahren tauchte aus dem Unterwasser-Hiphop von Flying Lotus eine Stimme auf, die so gar nicht festzumachen war und in den offenen Raum ihr «Testament» wisperte und klagte. Dieses Jahr nun veröffentlichte Gonjasufi, der Inhaber dieser Stimme, mit «A Sufi and a Killer» die wohl sonderbarste Platte des Jahres, auf der der Yogalehrer gleich einem losgelösten Eremit über verwaschene Psychedelia-, Acidrock-, Blues- und Soul-Versatzstücke seine Mantras legt.
Gestern Mittwochabend im überaus gut gefüllten Bad Bonn in Düdingen war diese eigentümliche Stimme kaum zu hören, denn der Erschöpfer des geheimnisvollen Albums beschränkte sich wie bereits bei seinem Festivalauftritt in Roskilde auf eine leider kommune MC-Rolle – mit «Make Some Noise»-Zwischenrufen und T-Shirt-Verteilaktionen, während seine Gesangseinlagen nur ganz kurz vereinnahmten. Natürlich, Gonjasufi will nicht mehr als ein Rapper sein – «und einige Leute kapieren dies einfach nicht,» wie er vor einiger Zeit twitterte – aber die Rolle des Zeremonienmeisters will dem zumindest auf Platte mysteriösen Einsiedler in den öffentlichen Auftritten nicht gelingen.
Und so wurde der gestrige Abend zum Abend seines DJs und Produzenten The Gaslamp Killer, der den Deplatzierten mit grossartig hallenden und knallenden Beats, 8-Bit-Melodien, Iggy Pop und einem Track des Berners Dimlite sowie allerlei Psychedelischem in den Bühnenschatten stellte. Ein Schatten, der Gonjasufi eher zu behagen scheint.
Ich war noch nie auf dem Münsterturm. Auch die Bären habe ich noch nicht von nahem gesehen. Man kennt das – wo man wohnt, hat man einen eher nüchternen, praktischen Bezug zu den Sehenswürdigkeiten. Und Bescheid über die Stadt weiss man höchstens so nebenher, nie würde es einem in den Sinn kommen, eine Stadtführung zu machen, um Wissenswertes zur lokalen Geschichte zu erfahren.
In Bern allerdings ist die Sache nicht so einfach, denn hier gibt es ein paar junge Leute, deren Leidenschaft es ist, Führungen der etwas anderen Art anzubieten, die durchaus nicht nur für Touristen gedacht sind. Seit zwanzig Jahren führt StattLand Interessierte aus nah und fern zu spannenden Orten in und um Bern. Dabei werden nicht einfach langweilig Fakten heruntergebetet, die Führungen sind szenisch aufgebaut, man arbeitet mit Schauspielerinnen und Schauspielern und versucht, die Orte und Geschichten sinnlich zu gestalten.
Im Palma3-Verlag ist zum Jubiläum ein schön gemachtes Buch erschienen, das fünf thematische Spaziergänge durch Bern versammelt. Die StattLand-Macher haben sich in ihrem Fundus bedient und fünf Routen zusammengebastelt, die sich um Berner Persönlichkeiten, um die Frauenbewegung, um Kultur, die Aare und um Inseln drehen. Das Buch taugt zur Lektüre zuhause ebenso wie als Vademecum: Entlang der Routen kann man jeweils kurze ortsspezifische Geschichten nach- oder vorlesen.
Unlängst hatte übrigens der neueste Rundgang zum Thema «Orte der Wut» Premiere. Erarbeitet wurde er für die demnächst startende Biennale Bern, deren Thema die «Wut» ist. Vom 10. bis am 18. September kann man jeden Tag einer geheimnisvollen roten Figur folgen und fuchsteufelswilde oder faustimsackige Geschichten aus Bern erfahren. Während der Biennale wird der Rundgang zudem vomFachbereich Gestaltung und Kunst der Hochschule der Künste Bern gestalterisch begleitet.
_____________
Am Samstag findet im Progr die Buchvernissage mit anschliessendem Apéro statt. Mit illustrer Gästeschar: Nebst unserer Nicolette Kretz (die den Kultur-Rundgang geschrieben hat) werden auch die etwas anderen Stadtführer Alexander Tschäppätt und Franz von Graffenried erwartet. Ab 19 Uhr Vernissage in der Aula, danach Jubiläumsfest in der Turnhalle.
Das Theater Spektakel neigt sich nun langsam dem Ende zu. Noch bis Sonntag sind in den Baracken auf der Landiwiese in Zürich Produktionen aus aller Welt zu sehen, darunter auch ein paar mögliche Highlights.
Einer meiner persönlichen Favoriten war bisher die Produktion «Rennen» von der Kopergietery in Gent. 21 Männer zwischen 8 und 30 Jahren gehen im Eiltempo über die Bühne. Von hinten nach vorne nach hinten nach vorne… Durch kleine (und ein paar grössere) Abweichungen von diesem Grundschema entstehen Bilder, Szenen, Assoziationen. Dazu sehr «männliche» Musik wie «I’m waving my dick in the wind» von Ween. Ein ganz einfaches Prinzip, dass so konsequent durchgezogen wird, dass es die ganzen 50 Minuten lang packt.
Landiwiese, später
Auch ziemlich begeistert war ich vom Monolog «Mission» der Koninklijke Vlaamse Schouwburg (ja, diese Flamen halt!). Ein äusserst ambivalenter Text, der aus verschiedenen Interviews mit Missionaren zusammengestellt ist, hervorragend gespielt von Bruno Vanden Broecke. Einzig über das kitschige Ende bin ich noch ziemlich ratlos.
Überzeugt haben mich auch die derzeit ziemlich gehypten Japaner der chelfitsch theater company mit dem Regisseur Toshiki Okada. Sie thematisieren in drei Teilen die Umgangsformen in japanischen Büros, welche sich gar nicht so sehr von unsern unterscheiden. Text und Bewegungen werden so eingesetzt, dass man den Eindruck gewinnt, eine Choreographie zu sehen, deren Musik der Text ist.
Mein persönliches Highlight hab ich jedoch gestern Abend gesehen: «Your Brother. Remember?» von Zachary Oberzan. Diese One-man-show ist eine Collage aus Filmaufnahmen, die Oberzahn und sein Bruder vor 20 Jahren gemacht haben, in denen sie als Teenager vor allem den Film «Kickboxer» mit Jean-Claude van Damme nachstellten, sowie einem neuen Reenactment der beiden davon, Live-Performance und Songs. Dabei stellt sich heraus, dass in den 20 Jahren jede Menge passiert ist. Die beiden Brüder gingen getrente Wege: der eine als Schauspieler in New York, der andere via Drogen in den Knast. Und trotzdem gibt es erstaunliche Parallelen. Ein zugleich witziges und sehr berührendes Projekt!
In der Schlussfolge des Bilderrätsels wurde der PROGR gesucht, wo am kommenden Wochenende gut gefestet wird:
Richtig erraten hat dies einmal mehr Seriensieger Passiver Attacker nach gerade mal 13 Spielminuten. Gratulation, Herr Passiver Attacker! Sie gewinnen 1×2 Eintritte für ein Bee-Flat-Konzert Ihrer Wahl in der Turnhalle. Eine Vorhersehung auf das Programm des kommenden Programms finden Sie hier (wobei das Saisoneröffnungs-Konzert von Katzenjammer aus Krankheitsgründen kurzfristig abgesagt werden musste. Nach Ersatz wird aber gesucht.) Viel Freude!
Gut gemachte Webvideos sind in der Schweiz nach wie vor selten. Selbst die grossen Medienhäuser haben bisher nichts daran geändert. Zu knapp sind die Online-Budgets bemessen.
Schon länger bekannt war mir Art-TV, «das Kulturfernsehen im Netz», dessen Beiträge ansprechend daherkommen. Allerdings interessieren mich da die Beiträge inhaltlich relativ selten, weil zu wenig Bern und zu viel Kino vorkommt.
Nun bin ich kürzlich auf ein weiteres Angebot gestossen. Es trägt den etwas kryptischen Namen VJii.tv. Obwohl in Olten beheimatet, werden erstaunlich oft Berner Themen aufgenommen, so zum Beispiel aktuell in einem Video über Mich Gerbers Konzerte zur blauen Stunde:
Am einfachsten lässt es sich diesem Fernseh-Sender per RSS-Feed der VJii-TV-Facebook-Seite folgen. Oder man steuert regelmässig auf der Youtube-Übersicht vorbei. Dort findet man unter anderem auch (und das dürfte unsere Freunde vom Schwesterblog nebenan besonders interessieren) einen Beitrag zur Berner Bierkultur, hübsch unterlegt mit Jazz-Gedudel.
Nachdem am Freitag die famosen HEALTH den Widrigkeiten trotzten, ging es am gestrigen Schlusstag des Zürich Openair gar luxuriös zu und her. Mitten im Schlamm errichteten Belle and Sebastian ihre Pop-Oase.
Mit Streichquartett, Bläsern und Liedern, die über alles hinwegtrüben, inszenierten die Schotten den nun wirklich finalen Schlusspunkt unter meinen Festivalsommer. Das seltene Festivalset des Kollektivs um Stuart Murdoch gab noch wenig Rückschlüsse auf das kommende Album «Write About Love».Umso schöner perlten und jubilierten frühe Lieder wie «If You’re Feeling Sinister» oder «Sleep the Clock Around»,es flossen die Melodien und die absonderlichen Texte wie in «The Boy With the Arab Strap»,der Sound schmiss den Soul in neueren Kompositionen und Herr Murdoch gab den Unterhalter, der auch als unfreiwilliger Support-Act von Prodigy wusste, wie ein müdes Festivalpublikum beglückt werden kann.
«Welche Souplesse, welcher Charme», steht im heutigen «Tages-Anzeiger»ganz richtig geschrieben. Und welcher Luxus an einem Festival, das so gar nichts liebes an sich hat. Es war wunderbar.
Herr Sartorius empfiehlt:
Den Auftritt von Gonjasufi im Bad Bonn in Düdingen am Mittwoch. Sein Album «A Sufi and a Killer» gehört immer noch zum sonderbarsten, was mir dieses Jahr untergekommen ist. Missverständnisse können bei den Live-Konzerten allerdings nicht ausgeschlossen werden, denn Gonjasufi ist – gemäss eigenen Augen und einer Twitter-Mitteilung – auf der Bühne nur ein «Rapper with a tape machine…… and some people just won’t get it.» Wobei nachzutragen ist, dass das Kassettengerät beim hiesigen Auftritt sein Produzent The Gaslamp Killer ist.
Signora Pergoletti empfiehlt:
Einen Blick auf den Spielplan des Schachthaustheaters zu werfen, am Donnerstag ab 18.30 Uhr ebendort, inklusive Apéro und Künstlerinnen und Künstler, sowie die Trashrevue «Kurtli VII» Do bis Sa im Tojo und aber auch «Schönbeck ist der Herr Karl» unter der Regie von Stefan Suske, ab Mittwoch im Effingertheater.
Frau Kretz empfiehlt:
Den Theater-Nachwuchs auscheckn bei den Bachelor-Projekte des Studiengangs Theater der HKB unter dem Titel «tschüss, die äpfel sind gefallen» am Mittwoch und Donnerstag jeweils um 16h und 20h. Oder sich am «Kurtli VII» einen ablachen bis es Muskelkater gibt (s. oben).
Fischer empfiehlt:
Die Werkschau Nummer 6 im kulturell sonst eher öden Berner Westen, an der Bahnstrasse. Nächstes Wochenende gibt’s im «Berner Salon» in entspanntem Rahmen viel Kunst, Literatur, Film und Musik. Und dann kommt, heieiei (ich bin gopf nicht da), wieder mal eine ganz grosse Stimme in die Nähe: Am Samstag spielt Rickie Lee Jones in der Mühle Hunziken. Hingehen und schwelgen.
Ron Orp empfiehlt:
Die neue ETAGEN-Ausstellung im Loeb Treppenhaus mit Bildern der Fotografin Brigitte Lustenberger. Ihre Fotografien erinnern uns an Bilder aus der Kunst- und Kulturgeschichte, bleiben aber trotzdem, ohne Kontext, rätselhaft
Vollbärtig und weiss gewandet betrat Eels-Frontmann Mark Oliver Everett pünktlich um 22.30 Uhr die Bühne mitten in der schmucken Altstadt von Winterthur. Aus den Lautsprechern tönte eine orchestrale Stummfilmmelodie und die fünf Herren wirkten wohlgelaunt.
Mark Oliver Everett von den Eels in Winterthur. (zvg)
Doch meine Stimmung sackte während der ersten Songs rasant in den Keller: Funky Stumpfrock war nun wirklich nicht, was ich erwartet hatte, nachdem ich mich erst wenige Tage vor dem gestrigen Auftritt Hals über Kopf ins verspielte und angenehm verquere Album «Tomorrow Morning» verguckt hatte.
Dann, so ab Song Nummer 6, hellte sich mein Gemüt merklich auf. Das Quintett spielte «Spectacular Girl» vom aktuellen Album. Zwar nicht so wunderbar fiepsig wie in der Studioversion, jedoch bewies es sich auch live als ein grandioses Lied. Es folgten einige der typischen, leicht schrägen Eels-Songs aus verschiedenen Schaffensphasen, bis dann – nach der Bandvorstellung – ein dröges Schlagzeugsolo und dieser Dumpfbacken-Funk wieder alles zunichte machten.
Viel mehr Freude bereitete mir da der Black Rebel Motorcycle Club, jenes Trio aus San Francisco, das mir schon mehrmals als höchstklassige Live-Band ans Herzen gelegt wurde. Nach dem gestrigen Abend kann ich das nur bestätigen. Weltklasse war das! Zudem glasklar abgemischt (wenn auch vielleicht etwas zu leise) und gänzlich ohne Publikumsanimationen. Genau das richtige für einen Altherrenrocker wie mich, der – selbst mit Multifunktionsjacke – im Winterthurer Frühherbst etwas fröstelte.
Die müssten mal ans Gurtenfestival eingeladen werden. Herr Cornu, übernehmen Sie!
Während unsere Chefetage sich an Openairs rumtreibt,die einander das Wasser abgraben, besuchte ich zwei gut besuchte Berner Festivals, die wegen der schlechten Wettervorhersage keine Openairs waren. Das3. Berner Literaturfestivals war von der Altstadt in den Progr verlegt worden. Zwar schade, aber auch gut: Die interessierte Szene konnte sich im gleichzeitig an mehreren Stellen bespielten Haus in immer wieder anderen Konstellationen treffen.
Grosse Unterhaltung bot die szenische Lesung mit unseren beiden KSB-Damen Grazia Pergoletti und Nicolette Kretz: Berner Autorinnen und Autoren wie Ariane Von Graffenried, Raphael Urweider und Pedro Lenz hatten prominente Bernerinnen und Berner wie Henri Bienvenu, François Loeb und Chantal Michel porträtiert. Pergoletti, Kretz, Vera von Gunten,Jonathan Loosli und Thomas U. Hostettler trugen die Texte vor. Ein Volltreffer etwa der Text von Ariane von Graffenried über SVP-Stadtrat Peter Bühler, vorgetragen von Thomas U. Hostettler. Oder Christoph Simon zu François Loeb. Oder Pedro Lenz zu Emilio Dudar. Meine Erkenntnis: Man wird (halb-)berühmt, wenn man simple, verkürzte Sache mit Überzeugung macht und predigt. Und: Hier in Bern wachsen keine unsympathischen Promis in den Himmel. Irgendwie beruhigend und erschreckend zugleich.
Später dann Les Digitales im Botanischen Garten: Das Minigratistagesfestival für elektronische Musik, das die r3s3t-Leute nach Bern geholt hatten, verzeichnete eine gelungene Premiere. Super Idee, toller Ort, gute Musik, nette Leute – sehr entspannt. In Liegestühlen flätzend klangliche Landschaften betrachten und kühles Bier trinken, macht Spass. Mir kommt das Konzept von Les Digitales sehr romand vor: Zeitgenössische Kultur fürs Volk, unverkrampft, mitten in der Stadt. Schön, dass es so was nun auch in Bern gibt.
Schön übrigens auch, dass es dank unseren Steuern solche Kultursamstage gibt. Kann auch mal gesagt werden. Weil sonst gäbe es die nicht.