Wer von uns kennt sie nicht, die Stammtischpolterer, die mit grossporigen, dunkelvioletten Nasen und einem qualmenden Stumpen im Mundwinkel in der Beiz über alles und jeden fluchen und dabei nicht selten mit der Faust auf den Tisch hauen? Und wer von uns hat sich nicht schon dabei ertappt, wie man nach einem halben Roten selber zu poltern beginnt oder in einem Anflug vermeintlicher Brillanz das Gedicht seines Lebens verfasst, welches sich dann allerdings am nächsten Morgen weder finden geschweige denn in Erinnerung rufen lässt?
Im Zeitalter von globaler Vernetzung und Rauchverbot droht die Randsportart «Stammtischlen» nun klammheimlich abzuserbeln, doch Rettung naht in Form des Projektes «Bierglaslyrik».Die mehr oder weniger genialen Ideen und Projekte und die mehr oder weniger hochstehenden lyrischen Ergüsse, welche vorher an Stammtischen ausgebrütet und zum besten gegeben wurden, sollen auf dieser Plattform nämlich doch noch Zuhörer bzw. Leser finden.
Jeden zweiten Monat wird auf «Bierglaslyrik» ein Thema zu finden sei, mit dem sich Schreiber und Schreiberinnen austoben können, wobei die Form des Endproduktes völlig egal ist. Wenn Sie also schon lange mal ein expressionistisches Gedicht, einen blutigen Horrorschocker, eine kitschige Lovestory oder ein Sonett zum Thema «Warteschleife» (dies das aktuelle Thema) verfassen wollten, dann nichts wie ran an die Tastatur. An der Farbe ihrer Nase müssen Sie dann allerdings alleine arbeiten. Prost!
Ja, der Frühling. Irgendwann muss er kommen. Um sich etwas aufzuwärmen und in den Frühling hineinzuwachsen, wie ein Schneeglöcklein der Sonne entgegen, empfehle ich einen Blick auf das Liebesleben der Insekten und Calamari.
Isabella Rossellini, die immerhin eine Beziehung mit David Lynch überlebt hat, entwarf für ihr Regiedebut «Green Porno», das am Sundance-Festival 2008 Première feierte, viele kurze, clipähnliche Filmchen zum Thema. Und die Lady schmeisst sich darin auch gleich selber in die drolligsten Kostüme und spielt Fliegen, Spinnen, Würmer oder eben Calamari, als hätte sie noch nie etwas anderes getan (zum Beispiel in einem blauen Abendkleid Dennis Hopper ein Lied vorgesungen, was nicht halb so harmlos war, wie es klingt, wie wir wissen).
September letzten Jahres ist ein Taschenbuch mit DVD herausgekommen. Aber man kann sich die absolut köstlichen Filmchen auch einfach hier auf der Seite des Sundance Channels anschauen. Unbeschreiblich charmant! Danach wissen Sie alles. Der Frühling kann kommen.
Erst noch belebten sie die Lorraine. Dann waren sie so plötzlich weg, wie sie gekommen waren. Und nun das:
Der städtische Kampf gegen die Taubenplage ist definitiv zur Groteske geworden, wie die Schützengräben beweisen, die heute am Centralweg ausgebaggert wurden. Gute Nacht.
Die Welschschweiz kommt an dieser Stelle kaum je zu Ehren – abgesehen vielleicht von gelegentlichen Frison-Konzerttipps, aber das ist ja auch nur ein halber Schritt über den Röstigraben. Dass la Romandie gerade von Bern aus nicht wirklich weit ist, kommt einem auch als Radiohörer zugute: Die welschen Kanäle empfängt man hier nämlich tadellos auch ohne Kabelanschluss.
Deshalb hier also ein dringender Tipp für genervte DRS3-Hörer und für all jene, die wegen der deutschschweizer Radiomisere ohnehin nur noch CDs hören. Couleur3, das welsche Pendant zum ehemals spannenden dritten DRS-Kanal, ist nach wie vor sehr hörenswert. Hier rasch die Playlist der letzten Stunde: Micky Green, T.L. (True love); Luke, Pense à Moi; We Have Band, (REP) Honey Trap; Tunng, Hustle; Snow Patrol, Just Say Yes; Serge Gainsbourg, Lola rastaquouère; Placebo, Bright Lights (single edit); Colorblind (CH), The Fall; Arcade Fire, Black mirror; The Black Eyed Peas, Meet me halfway; The XX, Crystalised. Ja, es gibt auch Sünden (wie die Black Eyed Peas), aber sie sind rar. «REP» steht übrigens für Repérages, das sind die Scheiben in «Hot Rotation», die aber mit der Hitparade rein gar nichts zu tun haben. Zur Musikauswahl gibt’s übrigens auch einen Blog, in dem die Macher erklären, was sie warum spielen. Entdeckungen (nicht nur aus dem frankophonen Raum) garantiert.
Dazu kommen Wortbeiträge, die immer wieder viel Freude machen. Meine Lieblinge: Les Deux Minutes du Peuple, ebenso kurze wie chaotische Radiosketche des kanadischen Komikers François Perusse. Auch wenn man halbwegs französisch kann, bekommt man zwar höchstens die Hälfte der Pointen mit, dafür aber einen Eindruck, wie frech und respektlos Radio sein kann. A propos respektlos: Zweiter Höhepunkt jeden Tag sind die Strasseninterviews des mit Abstand besten Moderators im Land Patrick Dujany, immer über Mittag. Lausanne ist kein sicherer Ort mehr, seit «Duja» jeden Tag mit dem Mikro durch die Strassen zieht. Jung und Alt zittert vor seinen honigsüss gestellten Frage-Fallen. Auch sehr lustig: sein täglicher Schabernack mit dem Chefkoch Philippe Ligron, der versucht, den Zuhörern etwas über die Geschichte der Gastronomie zu erzählen. Das Ganze endet aber regelmässig in Chaos und Lachattacken im Studio.
Also: 104,2 einstellen und gute Musik hören – und erst noch nebenbei sein Französisch aufbessern.
Am mittlerweile leider vergangenen Wochenende fanden verschiedene Jubiläen statt. Auf zwei sei an dieser Stelle nachträglich hingewiesen:
Am Freitag, den 12. März, feierte Mauro Antero Numminen, kurz M.A. Numminen, seinen siebzigsten Geburtstag. Der irrwitzig krächzende Finne mit der famosen Mop-Frisur beglückt in regelmässigen Abständen mit hochskurrilen Büchern («Tango ist meine Leidenschaft» & «Der Kneipenmann») und aber auch Tonträgern. Besonders empfohlen sei die Karriere-Tour-de-Horizon «Dägä Dägä», mit dem subversiven Parlamentariertango, absurden Technocollagen, einem Caruso-Verschnitt, dem Wittgenstein-Trunkelied und natürlich dem unverzichtbaren Lebensmotto, ist doch das wichtigste in unserem Leben schlicht «dägä dägä dägä». Alles Gute in den Norden – und hoffentlich bald einmal wieder in Bern!
Noch keinen Siebzigsten, sondern den ersten Jahrestag feierte der Club Bonsoir in der Innenstadt. Damals bei der Eröffnung war unsere Sonder-Korrespondentenschaft zugegen, um der vielbeachteten Cluberöffnung beizuwohnen. Heute ist es doch ein wenig ruhiger um den Club geworden, der in den kommenden Monaten mit einem DJ-Auftritt des DFA-KünstlersThe Juan MacLeanaufwartet, was nichts schlechtes bedeutet: Die Betreiber zeigen sich in der «Berner Zeitung» nämlich «froh, glücklich und zufrieden» mit dem ersten Jahr. In dem Sinne: Bon Anniversaire, Bonsoir!
Frau Feuz empfiehlt:
Nehmen Sie am Mittwoch Abend an einem Worst-Case-Szenario teil, nämlich an dem von Kathrin Störmer und Andreas Storm im Café Kairo. Die beiden lesen aus «schlechten Büchern», wobei von Nietzsche über Rudolf Mooshammer und Udo Jürgens alle ihr Fett wegbekommen.
Fischer empfiehlt:
Auch unbedingt Storm und Störmer (die heissen übrigens wirklich so). Dazu neuerlich das Lichtspiel zu dessen zehntem Geburtstag: das Kino, das ebenso ein unkonventionelles Museum ist, beteiligt sich nächsten Freitag auch an der Museumsnacht. Das Spielzeuglaboratorium von Babu Wälti ist zu Gast – es gibt allerlei «Augentricke» zu sehen. Dazu zeigt das Lichtspiel Exoten aus dem eigenen Maschinenpark mit so schönen Namen wie Muto-, Traumato- und Praxinoskop.
Frau Kretz empfiehlt:
Das Stück «Peter der Zweite» des eigenwilligen jungen Berner Autors Gaël Roth, das im Rahmen des Zürcher Dramatiker-Nachwuchsförderungs-Programms «Dramenprozessor» entstanden ist. Es wird am Dienstag, Donnerstag und Freitag im Schlachthaus Theater gezeigt.
Herr Sartorius empfiehlt:
Das Wagnis Shining wie hier beschrieben einzugehen – und sich die Ohren düster zerschmettern zu lassen. Am Mittwoch in derDampfzentrale mit Talibam! als Support.
Ron Orp empfiehlt:
Den Besuch der Vorträge im Rahmen der Brainweek Bern. Über unser Kopf-Supermotörchen kann man nie auslernen. Auch sollte man sich unbedingt die Ausstellung Schweiz drauf… Schweiz drin? im Käfigturm ansehen. Die Marke «Schweiz» ist im In- und Ausland eine beliebte Produkt- und Dienstleistungsaufschrift und verleitet deshalb Trittbrettfahrern zu Missbräuchen mit der Kennzeichnung «Swissness».
Heute ist es hier ja äusserst schweigsam zu und her gegangen. Deshalb lassen wir das Wochenende in aller Ruhe ausklingen und empfehlen Ihnen hierzu dieses schöne Video:
Mit dem Hinweis darauf, dass Sie sich Ihr Ticket für das Konzert von Sophie Hunger im Dachstock jetzt sichern sollten, denn das Konzert in der Dampfzentrale ist bereits ausverkauft. Ach, und ab dem 26. März 2010 wird ihr neues Album «1983» erhältlich sein.
Wir lesen uns morgen wieder! Schönen Abend allerseits.
Bob Wilton (Mc Gregor) ist ein Kleinstadtreporter, der den kleinen Mann in sich überwinden will und auszieht, um das Abenteuer zu finden. Notabene, nachdem ihn seine Freundin verlassen hat. Er trifft auf Lyn Cassady (Clooney), einen Jedi-Krieger der U.S. Army und begleitet diesen auf seiner Mission durch den Irak. Auf dieser Reise voller buchstäblicher Hindernisse erzählt Cassady alles über die New Earth Army, die unter Anleitung von Bill Django (Bridges) mit Esoterik, Kampfkunst, LSD und viel männlicher Inbrunst eine Armee hin zum Guten entwickelte, bis der gemeine und von Neid geplagte Larry Hooper (Spacey) alles kaputtmacht und das schöne Projekt auf die Seite des Bösen zieht.
All die tollen Schauspieler mit langen Haaren vor schrecklichen Wandgemälden (sieht aus, wie damals im AJZ!) herumtanzen zu sehen, ist schon mal ein guter Grund, sich diesen irgendwie herzigen Film anzuschauen. Natürlich könnte The Men who Stare at Goats bissiger sein, die Frage ist, ob er bissiger sein muss. Für mich nicht. Gerade dieser eher liebliche, wenn man will etwas harmlose Umgang mit den Inhalten, setzt den Hippiegedanken, der doch irgendwie auch in dem Film steckt, ganz gut um.
Sehr toll fand ich, wie der Film es schafft, sich über die Figuren lustig zu machen, ohne sie völlig der Lächerlichkeit preiszugeben. Es bleibt in der Schwebe, ob wirklich übersinnliche Kräfte im Spiel sind, oder ob sich da ein paar wenig intellektuelle, aber durchaus gutherzige Kerle einfach zu weit in psychedelische Drogen und Robert A. Wilsons Illuminati hinein begeben haben. Wohl eher letzteres, was aber auch nicht so schlimm ist, würde ich mal sagen. Ein Jungsfilm der völlig anderen Art. Sehr sympathisch und unterhaltsam!
Ruedi Widmer – bekannt aus WoZ, Tagi und der Titanic – ist einer der Krakelzeichner, der mir reglmässig Freuden- und freundlich-melancholische Tränen bereitet.
Soeben hat der Winterthurer ein Buch veröffentlicht, das seine Kommentare aus dem «Landboten» zum Leben, dem Universum und dem ganzen Rest versammelt, das da heisst: «Die letzten Geheimnisse einer rationalen Welt». Kaufen Sie oder verschenken Sie den wertvollen Band – und Sie finden unter anderem diesen Cartoon mit dem Titel «Erfinder». Der von mir willkürlich ausgewählte Strip – ohne den Einleitungstext – ist hier mit einem Ausschnitt nachgebildet:
Afghanistan kostet Fr. 1101.-, Burkina Faso Fr. 652.- (verkauft), Mauretanien Fr. 1188.-, Kuwait Fr. 167.- (verkauft), Russland Fr. 10′601.- und die Schweiz Fr. 302.- (verkauft). Diese Preise stammen nicht von einem bizarr verdrehten Monopoly, sondern werden in Bethlehem gemacht. Seit geraumer Zeit logiert dort in Berns Westen die Hochschule der Künste Bern mit ihrer Kunst- und Gestaltungsabteilung an der Fellerstrasse 11. Weil die Räumlichkeiten zurzeit umgebaut werden, konnte die kantonale Kunstkommission ein «Kunst am Bau»-Projekt in Auftrag geben, das mit 550 Quadratmetern zu den grössten Kunstinterventionen dieser Art in der Schweiz gehört.
Der Job ging an Mona Hatoum. Die bekannte palästinensisch-britische Künstlerin verkauft Länder in Form von Neonröhren. Der Preis der Länder respektive Neonröhren setzt sich aus den Material- und Realisationskosten zur Abbildung der Länderumrisse zusammen. Das ganze Projekt kostet 375′000 Franken, wovon zirka die Hälfte des Budgets erwirtschaftet werden muss.Via Website kann man die Länder(umrisse) kaufen. Mein Favorit wäre Kiribati gewesen – ist aber schon verkauft. Besonders würd mich interessieren, wer Libyen gekauft hat (Fr. 1402.-). Vielleicht ein die Kunst liebender Gaddafi-Sohn? Oder der Psychotherapeut von Bundesrat Merz? Oder der Mossad? Keine Ahnung.
Ich aber möchte wissen: Welches Land würden Sie kaufen? Und: Was halten Sie von dieser Kunst-am-Bau?