Blogs


The Twango Club im Chop Records

Von Gisela Feuz am Freitag, den 27. Januar 2012, um 12:51 Uhr

Eigentlich haben die Herren das Album ja bereits 2008 eingespielt, aber weil eben alle dermassen viel mit ihren eigenen Bands unterwegs gewesen sind, hat es halt fast vier Jahre gedauert, bis die Platte von The Twango Club nun doch noch herausgekommen ist. Besagter Twango Club ist ein Projekt der Genfer Schatzis Pierre Omer (Ex-Dead Brothers), John Menoud (The Imperial Tiger Orchestra) und Xavier Bray (Mama Rosin). Und wer gestern Abend im Chop Records war, der konnte sich einige Stücke der drei Herren live anhören und mit ihnen auf das 3-jährige Bestehen des kleinen, aber feinen Westschweizer Labels Radiogram Records anstossen.

Twango Club trägt unverkennbar die Handschrift des musikalischen Tausendsassas Pierre Omer. Wunderbares Kino für die Ohren wird da produziert. Mal wähnt man sich auf einem knarrenden Schaukelstuhl auf einer Veranda irgendwo tief im Wilden Westen und schaut zu, wie der Wind Wüstenbüsche durch die Steppe bläst, mal sitzt man in einer italienischen Bar und beobachtet eine in die Jahre gekommene ehemalige Tangoschönheit, wie sie mit wogendem Busen leicht gelangweilt den Tresen abwischt.

Gerade mal 320 Vinyl-Alben wurden gepresst von dieser bezaubernden Twango Club-Surf-Jazz-Filmmusik. Jedes der Alben ist ein Unikat, denn Unterhosenkönig Robert Butler hat gesiebdruckt was das Zeugs hält und für jede Platte eine eigene Hülle kreiert. «It took me about two weeks and lots of kiffing», kommentierte Herr Butler gestern verschmitzt seine Aktion. Und er hätte zwar auch an Feiertagen gearbeitet, aber an Ostern habe er immerhin Plattenhüllen mit Jesus-Figuren verziert. Das könne man ja wohl durchgehen lassen. Jawohl, kann man.

Glaubensbekenntnisse

Von Nicolette Kretz am Freitag, den 27. Januar 2012, um 00:05 Uhr

Unsere Signora Pergoletti ist ganz schon umtriebig, seit sie nicht mehr bei uns ist. Gleich nach der Vorstellungsserie der dreiteiligen Soap im Progr spielt sie im Schlachthaus einen Monolog – oder wenn man’s genau nimmt gleich mehrere. «Verkleidete Engel hab ich schon viele gesehen» ist eine Collage aus rund einem halben Dutzend Figuren, die über ihren Glauben sprechen.

Es sind nicht alles bekennende Vertreter und Vertreterinnen der Weltreligionen, sondern sie glauben an ganz unterschiedliche Dinge: Eine grüne Politikerin, die mit marokkanischen Teppichen handelt, ein Banker, dem der Job das wichtigste ist, oder eine, die ihre Mitte in der Kinesiologie gefunden hat. Der Rahmen, der die Geschichten zusammenhält, ist eine Fernsehsendung auf «Sinn TV». Diese wird jedoch zum Glück nur in kurzen Szenen angedeutet, denn die Stärke liegt eher in den Geschichten.

Grazia Pergoletti switcht blitzschnell zwischen den Figuren und verleiht jeder ihre spezifischen Eigenheiten. Besonders die Pfarrerin, die ihre Sätze beruhigend haucht oder der etwas simple YB-Fan überzeugen durch ihre ganz unterschiedliche Komik. Dazu werden die einzelnen Szenen mit passenden Bildprojektionen markiert und mit Musik von (Christine Hasler) ergänzt, was leider nicht immer ganz verschmilzt, sondern zwischendurch etwas holpert.

In dieser Inszenierung, für die das Schlachthaus die Berner Autorin Rahel Bucher mit der Regisseurin Magdalena Nadolska zusammengeführt hat, erfährt man zwar nichts Neues oder besonders Originelles über Glauben und Religion, aber es wird einem auf unterhaltsame und kurzweilige Weise präsentiert. Und Signora Pergolettis Wandelbarkeit zuzuschauen macht grossen Spass!
___________________

«Verkleidete Engel hab ich schon viele gesehen» kann man noch am Freitag und Samstag im Schlachthaus sehen.

Pixel-Bitznen mit EFENTWELL!

Von Gisela Feuz am Donnerstag, den 26. Januar 2012, um 05:02 Uhr

Falls Sie das Monatsprogramm des ISC-Clubs schon einmal eingehend studiert haben, ist Ihnen vielleicht der seltsam verpixelte Bitz in der oberen rechten Ecke aufgefallen. Dieses Ding nenne sich QR-Code und sei ganz doll am Kommen, hat man(n) der Schreiberin gestern beigebracht. Funktionieren tut das folgendermassen: BesitzerInnen von Smartphones können den Pixel-Bitz mit ihren Geräten fotografieren und gelangen dank entsprechender App direkt auf eine verlinkte Internetseite. Chic, nicht?

Diese Pixel-Bitz-Funktion machen sich auch die Herren von EFENTWELL! zu Nutze. Zusätzlich zum normalen ISC-Monatsplakat stellen die beiden nämlich immer auch einen kurzen Film her, der das Thema des Plakats weiterführt und den man sich eben ansehen kann, wenn man ein Smartphone besitzt und den Pixel-Bitz fotografiert.

Es gehe ihnen in ihren Kurzfilmen vor allem darum, Stimmungen zu transportieren und dass die Filmlis alle in Bisschen düster rausgekommen seien, habe wohl mit ihren persönlichen Präferenzen zu tun. «So chli David Lynch mit Ougezwinkere, haut», bringt es einer der Herren EFENTWELL! auf den Punkt.

Tatsächlich wurde da quer durch alle Genres gefilmt, Weltuntergangsstimmung, Astronautenausflüge und verschwommene Gasmasken-Abchäpslereien werden zelebriert oder auch mal ein Ausflug in ein Film-Noir-Detektivbüro unternomment. Als verbindendes Element taucht früher oder später immer ein rotes Dreieck auf, welches ja dann wiederum auf das ISC-Logo verweist.

Zwischen zwei bis vier Tagen würden sie jeweils für ein solches Filmli aufwenden und verdienen, tja, verdienen täte man ja nun nicht wirklich daran. Das haben wir doch kürzlich schon mal gehört. Die armen Videöler!

Hochdruck in der Dampfzentrale?

Von Roland Fischer am Mittwoch, den 25. Januar 2012, um 13:13 Uhr

Was ist los in der Dampfzentrale? Was man heute zum Thema wieder lesen konnte, kann einen schon ein wenig ungehalten machen. «Wir arbeiten unter Hochdruck», sagt Ruth Gilgen, Vorstandsmitglied des Vereins Dampfzentrale, fast schon kalauerisch im Bund. Dabei hat man inzwischen aber endgültig den Eindruck, dass dieser Vorstands-Druckkessel aus dem letzten Loch pfeift. Jedenfalls geht’s überhaupt nicht vorwärts: Keine neue Führung bis 2013, ein sich abzeichnendes Programmloch in der zweiten Hälfte 2012 – was auch die Festivals Tanz in. Bern und Biennale Bern betrifft. Das ist, kurz und knapp, miserabel.

Man mag die Stirn runzeln, was das politische und kommunikative Geschick des Vorstands angeht. Viel irritierender ist aber, dass niemand zu wissen scheint, wo dieser Vorstand überhaupt hin will mit der Dampfzentrale. Mit der designierten (und dann resignierten) Leiterin Bettina Fischer hätte es beim Tanz eine inhaltliche Neuausrichtung gegeben, das ist ein offenes Geheimnis. Wer wünschte sich so einen Richtungswechsel nach der sehr bewährten Programmgestaltung von Roger Merguin? Sollte die Musik zurückgestuft werden oder nicht? Gab es dazu Grundsatzentscheide, und wenn ja, wer hat sie getroffen?

Und warum werden bei der Kommunikation zu diesem Thema
bloss Nebelpetarden gezündet? «Der Tanz hat gegenüber der Neuen Musik in der Dampfzentrale mehr Gewicht», sagte Ruth Gilgen Ende Dezember. «Das Verhältnis zwischen der Stadt und der Dampfzentrale gründet auf dem vom Volk genehmigten Leistungsvertrag. Dieser lässt Änderungen im Angebot zu, aber keine Kehrtwenden.» So Veronica Schaller ein paar Tage später. Änderungen im Angebot? Kehrtwenden? Heute dann Barbara den Brok vom Kanton: Zu allfälligen Akzentverschiebungen zugunsten des Tanzes kann sich den Brok indes nicht äussern. «Ich sehe keine Anhaltspunkte dafür, dass die Dampfzentrale nicht im bestehenden Sinne weitergeführt werden soll.» Das sehen offenbar nicht alle an der Entscheidung Beteiligten so.

Sendschreiben aus Neapel: Tanz auf dem Müllberg

Von Roland Fischer am Mittwoch, den 25. Januar 2012, um 05:12 Uhr

«Neapel? Mafia und Müllchaos und so?» tönt es für gewöhnlich, wenn ich meine Lieblingsstadt erwähne. Das eigentlich ganz zutrauliche Monstrum wird gern auf Klischees reduziert – dagegen werde ich hier ein wenig anschreiben. Aber zum Einstieg eignen sich Klischees ja eigentlich nicht schlecht, zumal aus aktuellem Anlass:

Blick.ch-Leser R. B.* aus Bethlehem sagt: «Wir wollen hier doch keine Verhältnisse wie in Napoli.» Bewahre. Da sind damals allerdings ganz andere Mengen rumgelegen, mit denen aber inzwischen fein säuberlich ein nahes Grossmaul gestopft worden ist. Das hat in letzter Zeit zwar ohnehin geschwiegen, aber sicher ist sicher.

Tatsächlich wird Neapels Müll momentan (Transportwahnsinn hoch zwei) nach Holland verschifft, gerade ist die erste 2000-Tonnen-Ladung in Rotterdam angekommen. Das ist wohl immerhin besser als ihn irgendwo in illegale Deponien (oder auf den Friedhof, wie anno dazumal) zu schütten.

Die Kunst könnte da allerdings auch helfen, sei es auf der immer sehr übersichtlichen Metaebene, sei es ein wenig konkreter (dabei aber auch angreifbarer, das ist eben die Krux). A propos Kunstkrux noch, als PS: Beim Googeln von Kunst und Müll habe ich diesen tollen Artikel wiedergefunden, der auch eine (ganz ähnliche?) Überfülle beklagt, ein Konsumieren und rasch wieder Wegwerfen der anderen Art.

_____________________
Der Autor weilt für fünf Wochen in Neapel und wird sich hin und wieder von da zu Wort melden. «Sendschreiben» nennt er das, in Anlehnung an die «Sendschreiben von den Herculanischen Entdeckungen» von Johann Winckelmann, einem exakt vor 250 Jahren erschienen Werk, das von den Ausgrabungen am Fuss des Vesuvs berichtet und, sagt man, so etwas wie die Geburtsstunde der Archäologie als Wissenschaft (und nicht als ziellose Buddelei) bezeichnet. Davon wird dann sicher auch noch die Rede sein.

Coolster Kitsch

Von Ruth Kofmel am Dienstag, den 24. Januar 2012, um 12:14 Uhr

Braucht es für einen Western eigentlich Pferde, oder reichen Pferdestärken? Wenn ja, ist «Drive», das Meisterwerk des Dänischen Regisseurs Nicolas Winding Refn, sehr wahrscheinlich ein Western. Der einsame, wortkarge Held wurde jedenfalls seit langem nicht mehr so brilliant inszeniert.

Stilsicher, in besticktem Seidenblouson und Rennfahrerhandschuhen aus feinstem Kalbsleder, fährt der Driver mit einer unvergleichlichen Geschmeidigkeit durch die Strassen von Los Angeles. Er zeigt seinen weichen Kern bei der rehäugigen Nachbarin, verstrickt sich wegen ihr in düsteren Machenschaften, die in höchst brutalem Gemetzel münden. Akustisch äusserst beeindruckend, sind diese Szenen nur sehr nervenstarken Menschen empfohlen. Da der Regisseur kein fieser Kerl ist, ist glücklicherweise jeweils unschwer zu erkennen, wann man sich erneut hinter dem Winterschal oder Nachbarn in Sicherheit bringen sollte.

«Drive» ist einer dieser seltenen Filme, die als Buben- und als Mädchenfilm funktionieren. Er ist eine Art «Dirty Dancing» meets «Dirty Harry». Er huldigt unseren Teenager-Idolen, ist aber gleichzeitig in der nüchternen Gegenwart angekommen. Er überzeichnet gnadenlos, bedient sich ungeniert an allen möglichen Klischees und ist doch realitätsnaher, als manches, was wir in der Tagespresse serviert bekommen.

«Drive» ist ein sehr, sehr empfehlenswerter Film.

Money Matters

Von Benedikt Sartorius am Dienstag, den 24. Januar 2012, um 06:07 Uhr

Auf einer kleinen Stadtwanderung, abseits der weitherum gesperrten Pfade, durfte man am Samstag abgeblättertes aufsuchen. Denn der Troubadour aus Tapete, der seit dem Mai 2011 am Mani Matter-Stutz aufgepappt ist, zerfasert und wird wohl nicht mehr lange überleben.

Später entdeckte ich – allenfalls spät wie das letzte Tram – eine andere wortspielerische Blätterkunst, die den Nachrichtenlosen mitteilt, wieso sein prominenter Papp-Kamerad wohl nicht erhalten bleiben kann:

Kunst in der Provinz

Von Gisela Feuz am Montag, den 23. Januar 2012, um 13:19 Uhr

Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie Münsingen hören? «Münsingen links»? Das Klösterli-Pub? Oder gehören Sie zu den Menschen, die Münsingen vor allem aus der Zugpassagier-Perspektive als vorbeiflitzende Häuserzeile kennen?

Wie die Schreiberin letztes Wochenende herausfand, hat Münsingen durchaus auch kulturelles Potential. Gleich bei der Autobahn-Abfahrt (fairerweise muss gesagt werden, dass dieser Fleck Erde noch zu Rubigen gehört) kann man nämlich einen völlig absurden und grandios hässlichen bemerkenswerten Dinosaurier-Park besuchen, in dem sich Kunststoff-Nachbildungen von diversen Dino-Spezien tummeln, die im Grossen und Ganzen einen recht zufriedenen Eindruck machen. Einzig der Sauropode streckte alle Viere von sich, hatte ihm Sturmtief Gisela (haha) offenbar übel zugesetzt. Vielleicht machte er aber auch einfach nur ein Nickerchen.

Im Industrieviertel von Münsingen, gleich hinter dem Bahnhof, befindet sich zudem die unten abgebildete, nun ja, interessante Installation. Irgendwie guckt man sich automatisch nach einem überdimensionalen Robidog-Kasten um, nicht? Wie auch immer, es lebe die Provinz, denn sie steckt voller Überraschungen!

Kulturbeutel 4/12

Von Benedikt Sartorius am Montag, den 23. Januar 2012, um 06:08 Uhr

Herr Sartorius empfiehlt:
Das neue Format «Landschafter» in der Dampfzentrale, das Film und Musik neu verbinden will. Zur Premiere trifft am Donnerstag Hans Koch auf den «Landschafter» Balthasar Jucker.

Frau Feuz empfiehlt:
Zwei Alben hat der Genfer Musiker Pierre Omer (Ex-Dead Brothers) bis anhin auf dem kleinen aber feinen Label «Radiogram Records» herausgegben. Bevor nun sein dritter Streich erscheint, präsentiert Herr Omer seine Songs in einem Akustik-Set im Plattenladen ihres Vertrauens, nämlich im Chop Records und zwar am Donnerstag ab 18h (inkl. Barbetrieb).

Kofmel empfiehlt:
Wieder Tanz in der Dampfzentrale. Dieses mal ist der ausschliesslich einheimisch, ja sogar Bernerisch. Das Festival HEIMSPIEL beginnt am Freitag mit den beiden Stücken «Lonesome Birds» von Marion Allon und «naturalcauses» von Emma Murray.

Frau Kretz empfiehlt:
Ein weiteres Highlight (so ist anzunehmen) in der Reihe «Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?»: Die Urauführung des Stücks «Verkleidete Engel hab ich schon viele gesehen» mit unserer hochgeschätzten und schwer vermissten Signora Pergoletti unter der Regie von Magdalena Nadolska ab Dienstag im Schlachthaus.

Fischer empfiehlt:
Ein bewegtes Bruegel-Gesamtkunstwerk. Gemälde als Film, ein gewagtes und gelungenes Experiment:The Mill And The Cross im Kino Kunstmuseum, ab Donnerstag.

Highlife im Schweizerhof

Von Benedikt Sartorius am Samstag, den 21. Januar 2012, um 12:33 Uhr

Ich war rasch weg – und durfte bei meiner nächtlichen Rückkehr erfreut feststellen, dass in Sachen Nachtleben, mitten in Berns Zentrum, doch noch was geht. Das Lokal hört auf den Namen Hotel Schweizerhof und es ging im ersten Stock allem Anschein nach ziemlich hoch her – mit Disco-Kugel, Slow-Dance und frohen Hits aus allen Zeiten.

Ich ging dann trotzdem nicht rein, machte mich auf den Heimweg, erblickte noch kurz einen frisch gestrichenen Weiss-Fleck, dort, wo einst ein Logo eines beliebten Clubs prangte. Dann ging ich schlafen.