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Kunstschreiner im Grandhotel

Von Roland Fischer am Freitag, den 18. Mai 2012, um 05:42 Uhr

Es gilt wieder mal zu schwärmen (nicht das erste Mal): Wer gute Kunst im Grossraum Bern sehen will, der reise nach Thun. Einmal mehr kann man im dortigen Kunstmuseum eine artistische Entdeckung machen, von der sonst in der Schweiz noch kaum die Rede war. Noch biis anfangs Juli bespielen die kubanischen Kunstschreiner Los Carpinteros die Räume im ehemaligen Grandhotel.

Es ist eine Schau, die jeden Kunstkritiker zur Verzweiflung treiben muss. Keine Spur von Konsistenz, weder im Arbeitsmaterial noch in der Themenwahl. Aber haufenweise grossartige Werke. Natürlich gibt es da auch politische Kommentare (wie könnte es nicht), aber die geraten fast schon flapsig (rote Kugelgrills in Sternform, für die Freizeitkommunisten), und natürlich gibt es Holzarbeiten, und erst noch schön geschreinerte (grandios sinnlose Möbel, die futuristischen Betonkästen in Havanna nachempfunden sind).

Ansonsten aber ist die Ausstellung das herrlichste Durcheinander, geprägt von einer sowas von erfrischend undogmatischen Kunstauffassung, dass man bald nur noch staunend durch die Säle zieht. Aber bloss nicht falsch verstanden: Mit Schabernack oder humorigen Metaebenen hat das rein gar nichts zu tun. Hier wird vielmehr gezeigt, wie die Absage an den grossen Ernst ohne notorische Ironisierung bewerkstelligt werden kann. Gerade dem hiesigen Nachwuchs sehr ans Herz gelegt.

Baze auf 96 Kanälen

Von Gisela Feuz am Donnerstag, den 17. Mai 2012, um 13:18 Uhr

«Ä uhure Macchina! Sicher öppe 96 Spure», erklärten gestern die beiden anwesenden Tontechniker mit glänzenden Äuglein der Schreiberin im Backstage vom ISC. Mit der «uhure Macchina» war das Ding gemeint (man vergebe mir meine Technik-Unwissenheit), mit welchem Ton-Häuptling Jan Stehle gestern das Konzert von Baze und seinen wackeren Mannen aufgenommen hat. Die Herren beenden nämlich gestern und heute im ISC ihre Tournee zu «D’Party isch vrbi» mit einem Doppelkonzert, welches aufgenommen und als live Album herausgegeben werden soll.

Während hinten also über Mischpulte und Kanäle gefachsimpelt wurde und die Herren Mischer über Hornhaut an den Fingern klagten (jedem Beruf seine Krankheit), besprachen vorne die Herren Musiker beim Soundcheck, wie man denn jetzt genau wolle und arrangierten auch noch schnell den einen oder anderen Song ein Bisschen um. Von dieser kurzfristigen Organisation liess sich dann allerdings während des Konzerts nichts feststellen, denn schliesslich sind die Herren Anliker, Jakob, Kuelling und Baumann alle Profis auf ihrem Gebiet.

Die Herren Baze und Baumann in mentaler Vorbereitung

Er sei «scho bitz nervös», verkündete Herr Baze dem vollen ISC-Club. Das merkte man aber höchstens zwischen den Songs bei den Ansagen. Da wusste der Sprachakrobat vom Dienst vor lauter Aufnahme-Herrjesses offenbar nicht so recht, was man jetzt genau wie sagen soll. Ansonsten lieferten die Herren aber ein einwandfreies Konzert und zeigten sich musikalisch vielseitig. Ein spannendes Album wird das werden, welches sich definitiv zu kaufen lohnt. Falls denn der Herr Stehle gestern all seine 96 Dinger im Griff hatte.

Heute Abend findet das zweite Konzert von Baze im ISC statt, welches ebenfalls aufgenommen wird. Wann genau das live Album herauskommen wird, wurde ganze einfach vergessen zu fragen konnte bis Redaktionsschluss nicht herausgefunden werden. 

Fatal Familiär

Von Grazia Pergoletti am Donnerstag, den 17. Mai 2012, um 06:10 Uhr

Zum fünften und letzten Mal in dieser Saison zischt heute ein Projekt über die Startrampe des Schlachthaus Theater. Die fünf Produktionen hätten unterschiedlicher nicht sein können. Zum Abschluss ist ein Projekt von Patricia Berchtold und Sara Schürmann zu sehen, ein Wiegenlied für Erwachsene, wie es in der Ankündigung heisst.

«Schlaf, Menschlein, schlaf!» bedient sich klassischer Mittel
und setzt stark auf die beiden tollen Darsteller Christoph Keller und Fabian Guggisberg. Es ist eine Genre-Arbeit, ein Psychothriller, in dessen Zentrum ein junger Mann steht, der an einer schrecklichen Krankheit leidet: FFI (Fatal Familial Insomnia). Diese Erbkrankheit gibt es tatsächlich, wenn auch nur ganz selten, zum Glück. Wer daran leidet, kann nicht mehr schlafen und zwar monatelang, FFI ruft extreme Halluzinationan hervor und führt in jedem Fall zum Tod.



Patricia, was ist dein grösster Albtraum?

P: Nachdem ich über die Krankheit FFI gelesen habe, war mein grösster Albtraum definitiv diese nie enden wollende Schlaflosigkeit. Eine schreckliche Vorstellung, dass einem die Flucht in den Schlaf, als kurze Pause vom Leben, nicht mehr gegönnt ist. Davor war mein Albtraum wohl, morgens keinen Kaffee mehr trinken zu dürfen…

Sara, welcher Traum soll für dich im Theater in Erfüllung gehen?
S: Mein Traum ist es, durch das Theater ein Welt zu erschaffen, in die man eintauchen und für einmal dem Alltag entfliehen kann.

Patricia, wo waren für dich die grössten Unterschiede bei dieser freien Produktion im Gegensatz zu deiner Arbeit am Stadttheater?
P: Der grösste Unterschied war, dass es mein eigenes Projekt war und ich für mich rumgerannt bin oder Nachtschichten betrieben habe. Die Motivation ist dann doch eine etwas andere! Sonst habe ich, wenn ich mal den Kopf aus dem dunklen Kellerverliess gestreckt habe, keine schwerwiegenden Unterschiede feststellen können.

«Schlaf, Menschlein, schlaf!» Donnerstag bis Samstag um 20.30 Uhr und Sonntag um 18 Uhr im Keller vom Schlachthaus Theater.

Auffahren

Von Benedikt Sartorius am Mittwoch, den 16. Mai 2012, um 06:15 Uhr

Morgen Donnerstag ist bekanntlich Auffahrt – und das Basler Plattenlabel A Tree in a Field Records hat die richtige Musik, um neue Dimensionen zu erkunden:

Combineharvester: «Some Ditty, A Mountain II» // Roy & The Devil’s Motorcycle: «Getaway Blues» // Fai Baba: «Shine A Light» & «Love Sikk» // Papiro: «Negativ White 2» // Welttraumforscher: «Herzschlag Erde»

Um das zu kontern, hilft nur ein Pfarrer in Gestalt von Reverend Beat-Man und seinem Voodoo-Rhythm-Label, wo jüngst diese fromme Compilation erschienen ist:


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Ring them Bells für das grosse Label-Treffen, am Samstag im Dachstock.

Bücherkiste: Reigen

Von Roland Fischer am Dienstag, den 15. Mai 2012, um 05:00 Uhr

Am 1. Januar 1982 kurz nach Mitternacht war das Theater Basel rappelvoll. Doch man feierte nicht ausgelassen, sondern fieberte einer nächtlichen Aufführung entgegen, einer theatralen Wiederauferstehung. In der Nacht erlebte ein Stück eine zweite Uraufführung, das nach der Premiere über sechzig Jahre im literarischen Giftschrank verschlossen lag: Schnitzlers Reigen.

Es ist eine der skurrilsten Geschichten verbotener Literatur (a propos, diese Neuerscheinung sei sehr zu empfehlen), denn der Reigen ist nicht wegen unzüchtiger Worte ins Kreuzfeuer geraten, sondern wegen der berühmt gewordenen Gedankenstriche, mit denen Schnitzler seitenbreit angedeutet hat, wovon man damals nicht sprechen durfte. Das sieht dann zum Beispiel so aus:

Soldat.
Hab kein’ Angst….
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
Dirne.
Auf der Bank wär’s schon besser gewesen.

Schnitzler wäre heute 150 Jahre alt geworden - den Reigen hat er vor über hundert Jahren geschrieben. Die Zahl frappiert, denn es ist ein ungemein aktuelles Buch, was die Anlage angeht: Da paaren sich zehn Leute nacheinander, immer schön weitergereicht, bis sich der Kreis am Ende wieder schliesst. Zumeist ist dieser Sex natürlich nichts besonderes, und es spielt deshalb auch eigentlich keine Rolle, ob man ihn zeigt oder nicht.

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Fleissige Prothesenbauer

Von Gisela Feuz am Montag, den 14. Mai 2012, um 12:14 Uhr

Das Orthopädie-Center an der Effingerstrasse lässt seine Prothesen offenbar von äusserst praktischen Helferchen produzieren. Unia-Regel-konform, versteht sich. Alles einwandfrei gesichert und selbst die Goofen auf den Fahrrädern tragen Helme.

Ob die flinken Arbeiterlein auch andere Dinge bauen können? Oder putzen? Und ob man die wohl mal ausleihen kann?

Kulturbeutel 20/12

Von Benedikt Sartorius am Montag, den 14. Mai 2012, um 05:04 Uhr

Frau Feuz empfiehlt:
Hören Sie doch morgen Dienstag ab 10h bei Berns alternativem Kulturradio RaBe 95,6MHz rein. KulturStattBern trifft dort nämlich auf Rundes Leder oder genauer: Frau Feuz fühlt Herrn Rrr auf den Zahn und zwar live und ungeschnitten. Am Samstag gehen Sie dann in den Dachstock. Dort laden die beiden Labels A Tree in a Field und Voodoo Rhythm zur langen Rock’n'Roll-Nacht. Mit von der Partie sind Roy and the Devil’s Motorcycle, Flimmer, Fai Baba u.v.a.

Herr Sartorius empfiehlt:
Neben dem von Frau Feuz empfohlenen Label-Battle unbedingt auch das Legenden-Konzert von Sleep am Freitag, ebenfalls im Dachstock. Bevor Sie aber dorthin gehen, besuchen Sie früher an diesem Nach-Auffahrts-Abend im Kino der Reitschule die Norient-Produktion «Sonic Traces from Switzerland». Und nicht zu vergessen: Am Mittwoch spielen solch illustre Leute wie Fred Frith, Zeena Parkins oder Shazad Ismaily unter dem Formationsnamen Cosa Brava in der Bee-Flat-Turnhalle.

Fischer empfiehlt:
Programmkino im Multipack: The Black Power Mixtape 1967–1975 und eine ganze Menge formidabler Filme mit Yves Montand derzeit im Kino Kunstmuseum, und am Mittwoch Kubricks Filmbastard Full Metal Jacket im Lichtspiel.

Gestrige, heutige, morgige Zukunft

Von Roland Fischer am Sonntag, den 13. Mai 2012, um 12:06 Uhr

Ein kurzes Wort zum gestrigen Aua-Schlussabend, der sich gut in den Sonntagmorgen zog (soviel zum Thema Gestern, Heute und Morgen). «Alte Helden rosten gut», schrieb Kollege Pauli dazu bereits auf einem anderen Kanal, während Kollegin Kretz einen neuen Vornamen verpasst bekam und Kollege und Nachtreporter Sartorius auf seinen DJ-Auftritt mit Ex-Kollegin Pergoletti wartete.

Tatsächlich hat sich da als «Die Zukunft» eine All-Star-Band aus der Vergangenheit zusammengefunden, ein Keller-Buena-Vista-Social-Club. Bernadette La Hengst, GUZ und Knarf Relloem spielten alte und neue Hits à gogo, liessen es mal rumpeln, mal krachen und hatten offensichtlich ihren Spass. Das Publikum liess sich gern anstecken und tanzte danach fröhlich weiter, bis der Veranstalter irgendwann den Stecker zog. Eine sehr gelungene Geburtstagsparty war das – wir freuen uns schon auf nächstes Jahr.

Tuckernde Brains

Von Benedikt Sartorius am Samstag, den 12. Mai 2012, um 08:40 Uhr

Heute u.a. im Programm: Meine bisherige Single des Jahres.

Diese stammt von Lower Dens, der Band um die einstige Freak-Folk-Adeptin Jana Hunter, heisst «Brains» und ist alptraumhaft, hoffnungsfroh, und grossartig tuckernd.


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Das Album «Nootropics» von Lower Dens ist in diesen Tagen erschienen und schürt die Vorfreude auf die bald anstehende Bad Bonn Kilbi, die von dieser aussergewöhnlichen Band eröffnet werden wird.

Baumelnde Seelen auf dem Vorplatz

Von Gisela Feuz am Freitag, den 11. Mai 2012, um 04:01 Uhr

Es gibt Legenden und Legenden. Die einen haben gerade Mal noch fünf Zähne im Mund, wovon vier schwarz und angefault sind, können nicht mehr singen, sondern geben eine «rather» klägliche Gestalt ab, weil sie sich nicht weiterentwickelt oder den richtigen Zeitpunkt verpasst haben, aus dem Stromgitarrenbusiness auszusteigen. Dann gibt es diejenige, die in Würde gealtert sind. Ja, die gibt es. Zu diesen gehören die Bouncing Souls, welche gestern im ISC zu Besuch waren. Zwischendurch klangs wie Bad Religion light, was ja aber grundsätzlich keine so schlechte Adresse ist. Im Gegenteil. Die Fanschaft sang inbrünstig mit und was im Anschluss auf dem Vorplatz passierte, war sowieso und überhaupt «merveilleux»!