Schweiz

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hugostamm am Freitag den 12. August 2011

Bischof Haas erregt wieder die Gemüter

Der Glaube mancher Geistlicher treibt gelegentlich seltsame Blüten und wirft kein besonders günstiges Licht auf die Vertreter Gottes. Hauptdarsteller dieser Geschichte ist Erzbischof Wolfgang Haas. Die Gläubigen der Diözese Chur haben ihn in den 1990er Jahren vergrault. Die Liechtensteiner, offenbar noch konservativer als wir Schweizer, gaben ihm 1997 Asyl. Seine guten Beziehungen zum Fürstenhaus dienten als Schmiermittel.

Das ging lang recht gut. Doch nun bringt Haas auch die liechtensteinische Seele zum Kochen. Pièce de restistance ist die Burg Gutenberg, die über einem Felsen von Balzers thront und zu den Wahrzeichen von Liechtentein gehört. Diese Burg beherbergt eine Kapelle. Ein idealer Ort zum Heiraten. In den letzten fünf Jahren wurde die Burg renoviert. Nun sollen Hochzeiten helfen, die teure Rennovation zu finanzieren. Doch jetzt stellt sich Haas quer. Er weigert sich nämlich, die Kapelle zu segnen und ihr das Gütesiegel der katholischen Kirche aufzudrücken.

Die Begründung lässt viele Liechtensteiner den Kopf schütteln. Unter ihnen sind auch viele, die bisher treu hinter ihrem erzkonservativen Hirten gestanden haben. Haas befürchtet, dass die grandiose Aussicht die Hochzeitsgäste vom eigentlichen Akt, der kirchlichen Trauung, ablenken könnte. Schliesslich gehe es nicht um ein Happening, sondern um eine Glaubenszeremonie, liess Haas verlauten.

Ähnlich argumentierte Haas, als er sich weigerte, am 15. August eine Feldmesse abzuhalten. Dann feiert Liechtenstein seinen Staatstag. Der Erzbischof meinte, die Vermengung eines gesellschaftlichen oder politischen Ereignisses mit einem Gottesdienst sei nicht statthaft.

Wahrscheinlich steckt ein anderer Grund hinter Haas’ Weigerung. Der Erzbischof schmollt ganz einfach. Er ist frustriert, weil Regierung und Fürstenhaus hinter dem Partnerschaftsgesetz gestanden haben und nun gar die Trennung von Kirche und Staat anstreben. Haas fürchtet um seinen Einfluss und seine Machtposition.

Apropos Segnung der Kapelle: Bisher haben sich katholische Geistliche selten geweigert, wenn es darum ging, alle möglichen Gebäude oder Gegenstände zu segnen. Unter ihnen finden sich Schützenhäuschen und Panzer. Was ums Himmels Willen soll denn gesegnet werden wenn nicht ein Kapelle?

hugostamm am Donnerstag den 4. August 2011

Aliens im Anflug auf die Erde

Die Sehnsucht nach Aliens ähnelt der Sehnsucht nach Gott: Imaginierte Ufo-Landung.

Die Sehnsucht nach Aliens ähnelt der Sehnsucht nach Gott: Imaginierte Ufo-Landung.

Erich von Däniken ist einer der erfolgreichsten Schweizer Autoren – zumindest wenn man den Erfolg an den Auflagen misst. Er beweist, dass die Frage nach ausserirdischem Leben viele Menschen fasziniert. Der Gründer des Mysteryparks in Interlaken – für einmal keine Erfolgsstory – sucht in alten Kulturen Dokumente, Monumente und Spuren, die seine These stützen, dass früher Aliens oder ETs unseren Planten besucht haben. Das sind zwar reine Spekulationen, doch von Däniken liefert zumindest interessante archäologische Hinweise. Die grosse Gemeinde der Ufo-Fans klammert sich dagegen nur an unscharfe Fotos von vermeintlichen fliegenden Untertassen und an «Erfahrungsberichte» von Menschen, denen Aliens im Schlaf begegnet sind.

Sind die Spekulationen über ausserirdisches Leben reine Phantasmen? Kaum. Allein die Wahrscheinlichkeitsfrage zeigt, dass Leben auf andern Gestirnen möglich ist. In unserem Sonnensystem existieren mehrere hundert Milliarden Sterne. Und es gibt Milliarden von Galaxien. Es ist fast nicht denkbar, dass da draussen im All nicht irgendwo Leben entstanden ist, denn es gibt mit Sicherheit viele Gestirne, die ähnliche Lebensbedingungen aufweisen wie die Erde.

Die Frage ist nur: Was für ein Leben? Ufo-Fans und von Däniken gehen von menschenähnlichen Aliens aus. Als Menschen können sie nicht anders, als sich die Ausserirdischen nach ihrem Ebenbild zu schaffen. Es ist das gleiche Phänomen wie bei den monotheistischen Religionen: Die Menschen haben Gott auch nach ihrem Ebenbild geschaffen.

Ausserirdisches Leben kann sich aber auch nach ganz anderen Kriterien entwickeln. Vielleicht ist es ein Leben, das auf andern chemischen Bausteinen beruht, das nicht auf Kohlenstoff basiert und nicht auf Zellen aufbaut. Vielleicht funktioniert die Energieversorgung nicht über eine Lichtquelle oder einen Stoffwechsel. Vielleicht sind es Wesen ohne Bewusstsein, die nur «niedrige» Lebensformen entwickeln. Vielleicht haben die Aliens zehn Köpfe oder bestehen nur aus einem Hirn.

Früher suchten die Ufo-Gläubigen ihre Artgenossen auf dem Mond oder einem unserer Planeten. Astronomie und Weltraumforschung haben ihre Illusionen zerstört: Hochentwickeltes Leben ist da nicht zu finden, weil es kein Wasser gibt oder weil es zu heiss oder zu kalt ist. Als die Wissenschafter immer weiter ins All vordrangen und keine Anzeichen von Leben fanden, mussten die «Ufo-Forscher» ihre stümperhafte Suche ausweiten.

Dabei verstrickten sie sich in einen unlösbaren Widerspruch: Wie kann ein Alien nachts eine Frau in ihrem Bett vergewaltigen – das ist ein reales Beispiel, das Ufo-Gläubige immer wieder kolportieren -, das eigentlich Hunderte von Lichtjahren entfernt wohnt? (Es wäre zumindest ein aufwändiges Sexabenteuer.) Wie sollen Ausserirdische uns Menschen entführen? Das alles ist Stoff für die Verschwörungstheoretiker, die behaupten, Regierungen würden Fakten unterdrücken, die den Besuch von Ausserirdischen beweisen würden.

Ufo-Fans bleiben bei allen wissenschaftlichen Erklärungen bei ihren Spekulationen und greifen zu kuriosen Ausflüchten: Ausserirdische werden sehr alt; Fremde Intelligenzen haben technische Möglichkeiten entwickelt, um mit Lichtgeschwindigkeit zu uns reisen; sie überwinden endlose Distanzen durch Bilokation oder Entmaterialisation.

Das alles ist Humbug. Auch von Däniken hat keine plausible Erklärung, wie die Aliens früher zu uns gekommen sein sollen. Er glaubt, dass unsere Vorfahren aus der Steinzeit in den Aliens Götter gesehen haben. Und Götter haben bekanntlich eine unerschöpfliche Trickkiste.

Fazit: Viele Menschen lassen sich nicht von Vernunft und Verstand leiten, wenn es um religiöse, pseudoreligiöse, spirituelle Fragen oder Science-Fiction-Ideen geht. Dann bestimmen Sehnsüchte, Ängste, Hoffnungen und Erwartungen das «Denken». Viele Menschen werden Spielball unbewusster Kräfte und erleiden Wahrnehmungsverschiebungen und Realitätsverluste. Wer sich in Scheinwelten flüchtet, ist manipulierbar und droht, die geistige Autonomie zu verlieren.

hugostamm am Mittwoch den 27. Juli 2011

Yogi-Flieger mischen tüchtig mit

Die fernöstliche Bewegung Transzendentale Meditation (TM) des kürzlich verstorbenen Gurus Maharishi Mahesh Yogi verbreitet seit über 50 Jahren abenteuerliche Heilstheorien. Die Sekte behauptet, mit ihrer Meditationstechnik lasse sich die Gravitation überwinden. Würden genügend yogische Flieger meditieren, wäre die Schweiz unbesiegbar. Noch absurder ist die Forderung von TM, Städte niederzuwalzen.

Zu den einflussreichsten TM-Exponenten gehört Franz Rutz. Der Yogi-Flieger spielt seit Jahren ein Doppelspiel und bekleidet Ämter in der Schulberatung und der Politik: Er arbeitet als Ombudsmann für die Schule und ist Schwyzer Kantonsrat. Noch gravierender: Der TM-Lehrer sitzt im Vorstand der Organisation, die zusammen mit einem Bundesamt die Berufsbildung für die nicht ärztliche Alternativmedizin entwickelt.

Es ist zwar löblich, dass das Amt breite Kreise der Alternativmedizin in die Projektarbeit integriert. Dass aber ein TM-Anhänger im Vorstand der entscheidenden Kommission sitzt, ist fahrlässig. Hier müssen die Behörden eingreifen. Sonst wird die verbreitete Meinung zementiert, die Vertreter der Alternativmedizin seien esoterisch verblendet und weltfremd. Und die Behörden tanzten nach dem Diktat der Alternativ-Lobby.

Die Naivität von Schulbehörden, CVP und Politikern wie FDP-Ständerat Hans Altherr von der Arbeitswelt Alternativmedizin ist unverständlich. Sie geben sich ahnungslos und nehmen ihre Verantwortung nicht wahr. So machen sie sich zu Komplizen einer sektenhaften Organisation und erteilen dieser indirekt die Absolution.
Bei der Ausarbeitung des Berufsbildes in der Alternativmedizin wirkt auch der Verband für Maharishi Ayurveda mit. Diese Organisation gehört zur TM-Bewegung. Somit sind indirekt eine Sekte und einer ihrer Exponenten an wichtigen politischen Entscheiden beteiligt. Und niemand stört sich daran. Ein Beispiel mehr, weshalb Sekten die Schweiz besonders lieben.

hugostamm am Samstag den 23. Juli 2011

War der Amok religiös motiviert?

Ich wurde heute verschiedentlich gefragt, wie ich das Massaker in Oslo und auf der Insel Utoya interpretiere, bei dem bisher 7 Personen bei Explosionen starben und 85 Jugendliche vom Attentäter erschossen wurden. Der mutmassliche Täter habe sich nicht nur in rechtsradikalen Kreisen bewegt, sondern sei auch ein christlicher Fundamentalist.

Ich bin weit davon entfernt, einen Zusammenhang zwischen der unbegreiflichen Tat und dem Glauben des Amokschützen zu konstruieren. Es ist unwahrscheinlich, dass er aus dem Glauben ein Motiv herleitete. Als wahrscheinlicher erachte ich es, dass er sich aus seiner politischen Ideologie heraus fanatisieren liess. Der Hass auf das Fremde – wahrscheinlich auch in sich – hat ihn vermutlich in eine krankhafte Gegenwelt geführt.

Ich gehe davon aus, dass ihn nicht einmal seine rechtsradikale Ideologie zu dieser Tat verleitete. Sonst hätte er den Irrsinn kaum im Alleingang – so sieht es im Moment aus – vollzogen. Die Motive oder den Auslöser müssen meines Erachtens auf der psychologischen Ebene gesucht werden.

Die Untersuchungen werden zeigen, dass der Täter eine multiple Persönlichkeit war, unter Wahnvorstellungen, Realitätsverlust oder Wahrnehmungsverschiebungen litt, unfähig zur Empathie oder emotional regrediert war, unbewusste Persönlichkeitsanteile abgespalten hat usw.

Zurück zur religiösen Frage – schliesslich interessiert uns im Blog dieser Aspekt: Mit dem Glauben hat die Tat nichts zu tun, der Glaube hat aber auch nicht verhindert, dass er zum Amokläufer wurde.

hugostamm am Donnerstag den 14. Juli 2011

Am Anfang des Konflikts steht das Wort Gottes

hugo stamm_ps

Die aggressivste Missionsstrategie hat das Christentum: Jeremy Irons als Priester in Südamerika im Film «The Mission» (1986).

Die meisten Religionen und Glaubensgemeinschaften sind mit sich und der Welt im Einklang. Sie sind zufrieden, wenn sie in ihrem angestammten Gebiet ungehindert ihre religiösen Ziele verfolgen können. Die Buddhisten, die etwa 6 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen, begnügen sich weitgehend damit, sich in Ruhe mit der inneren Leere oder dem Nichts auseinandersetzen zu können. Sie sind sich selbst genug, Expansion gehört nicht zu ihrem Bestreben.

Auch die Hindus (13 Prozent) haben kein Verlangen, Gott oder Allah zu vertreiben und an ihrer Stelle Shiva zu setzen. Den Shintoisten gefällt es in Japan gut, sie haben kein Bedürfnis, sich in China oder sonst wo auszubreiten. Die Stammesreligionen (12 Prozent) sind ohnehin lokale Phänomene. Auch die Nichtgläubigen (12 Prozent) sehen keine Veranlassung, ihre Desinteresse an religiösen Fragen aufzudrängen. Eine gewisse Expansionslust verspüren allenfalls die Atheisten (2 Prozent), doch ihr Engagement beschränkt sich auf das Wort als Aufklärungsinstrument. Die Juden (0,2 Prozent) bleiben ohnehin lieber unter sich, als dass sie sich mit Andersgläubigen auseinandersetzen würden.

Einen ausgeprägten Expansionsdrang spüren einzig das Christentum (33 Prozent) und der Islam (21 Prozent). Es ist wohl kein Zufall, dass die beiden grössten Religionen von ihrem Gott einen Missionsauftrag erhalten haben. Das christliche Gebot («Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium») hat offensichtlich gewirkt. Die Muslime sollen zwar auch die Botschaft Gottes verkünden, in erster Linie aber innerhalb eigenen Gemeinschaft. Deshalb waren sie in der Vergangenheit zurückhaltender, Missionsoffensiven in der christlichen Welt gab es vor der Globalisierung der Welt kaum.

Die aggressivste Missionsstrategie hatte also seit jeher das Christentum. Der Durchbruch gelang, als sich der Klerus im 1. Jahrtausend mit den Staatsherrschern verbünden konnte und politischen Einfluss gewann. Erstaunlicherweise waren es in jüngster Zeit säkulare Entwicklungen, welche die christlichen Grosskirchen Zurückhaltung üben liessen: Kritik an den christlichen Missionaren in Entwicklungsländern, Kolonisation und Menschenrechte verboten aggressive Missionskampagnen. Trotzdem sind die Christen immer noch die erfolgreichsten Missionare: Freikirchen legen sich keine Zurückhaltung auf und missionieren selbst in muslimischen Ländern.

In den letzten Jahren fallen auch Muslime durch ihre Missionstätigkeit in den christlichen Stammlanden auf. Immigranten versuchen ihren Einfluss auszuweiten, Terroristen schüren den Hass. Allerdings sind in erster Linie politisch motivierte Extremisten aktiv. Dies in erster Linie als Reaktion auf die politische Einmischung der westlichen Mächte in muslimisch geprägten Ländern.

Konkret: Auf der christlichen Seite gefährden die religiösen Eiferer, die auch in der katholischen Kirche zu finden sind, mit ihrem Machtdrang den religiösen Frieden. Auf der muslimischen Seite instrumentalisieren politische Hardliner religiöse Fundamentalisten und heizen den Konflikt mit der westlichen Welt an.

Am Anfang der Konfliktspirale steht aber immer noch das Wort Gottes.

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hugostamm am Mittwoch den 6. Juli 2011

Vom Leben nach dem Tod

hs

Der Trost eines Lebens nach dem Tod ist für Gläubige, Verwandte und Freunde zu treffen: Familie vor einer Lichtquelle.

Die Angst vor dem Tod begleitet uns das ganze Leben. Sterben ist die individuelle Apokalypse. Das Bewusstsein von der Endlichkeit des Seins prägt unser Lebensgefühl. Uns bleibt nur die Hoffnung, dass es nach dem Tod irgendwie weiter gehen wird. Für diese Hoffnung sind die Religionen oder Glaubensgemeinschaften zuständig. Sie vermitteln den Gläubigen die Zuversicht, dass das Leben im Diesseits nur eine Zwischenstation ist. Damit spenden sie den Mitgliedern Trost und nehmen der Todesangst die Spitze.

Wie glaubwürdig sind solche metaphysischen Konzepte oder Versprechen? Die Schwierigkeit beginnt beim Gottesbild. Alle Versuche, Gott zu definieren oder analysieren, scheitern schon im Ansatz. Das haben manche Kirchenväter schon in grauer Vorzeit erkannt und deshalb das Dogma erhoben, wir sollten uns von ihm kein Bild machen. Aber wen soll ich anbeten, wenn ich mir von ihm kein Bild machen kann?

Noch schwieriger wird’s mit dem Jenseitsbegriff. Die Buchreligionen gehen von einer Art Paradies aus, wie es Adam und Eva für kurze Zeit bewohnen durften: Die Trauben wachsen in den Mund, der Löwe spielt mit dem Hirsch. Auf gebildete Menschen, welche die komplexe Beschaffenheit des Universums wenigstens ansatzweise erahnen, wirkt das Bild nicht plausibel. Aber wie sonst sollen wir uns das Jenseits vorstellen?

Wir können uns noch so lang anstrengen, wir werden die Frage nicht beantworten können. Also müssen wir auf ein Leben nach dem Tod hoffen, das völlig im Dunkeln liegt. Aber spendet etwas Trost, das sich uns völlig entzieht? Kann ich mich auf etwas freuen, das auch geistig nicht fassbar ist?

Der hauptsächliche Trost für Gläubige liegt darin, dass sie glauben, ihre Eltern, Lebenspartner, Freunde und später ihre Kinder im Jenseits wieder zu treffen. So jedenfalls erzählen es viele. Und bei den meisten Abdankungen braucht auch der Pfarrer diese tröstlichen Aussagen.

Doch dies sind reine Vermutungen. Das Bild vom Jenseits ist von menschlichen Sehnsüchten geprägt. Wir projizieren Ängste und Hoffnungen in ein Leben nach dem Tod. Damit kultivieren wir kindliche Paradiesvisionen. Es ist eher unwahrscheinlich, dass das Paradies unseren auf das Diesseits ausgerichteten Vorstellungen entspricht.

Stützen wir uns deshalb auf die religiösen Schriften. Die Christen werden im Himmel zur Rechten Gottes sitzen, der Chor der Engel wird jubilieren. Ich weiss nicht, wie lang uns dies ergötzen wird.

Da haben es die Muslime besser. Die Märtyrer können sich auf 17 oder mehr Jungfrauen freuen. Ich vermute, dass sie nach kurzer Zeit die Flucht ergreifen, wenn die hübschen Frauen um seine Aufmerksamkeit buhlen.

Deshalb: Was soll am Glauben ans Jenseits tröstlich sein, wenn wir ein völlig falsches Bild vom Paradies haben? Ist es nicht ehrlicher zu sagen: Wir wissen nicht, ob es ein Leben nach dem Tod gibt? Und wir wissen erst recht nicht, wie dieses Leben aussieht, falls es dieses geben sollte.

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hugostamm am Donnerstag den 30. Juni 2011

Der Fussball ist ein Gott

ARGENTINIEN FUSSBALLCLUB RACING

Beten gegen den Abstieg: Ein Fan des argentinischen Vereins Racing Avellaneda, März 1999. (Bild: Keystone)

Religion hat die Aufgabe, Orientierung zu bieten, Sinn zu stiften, Hingabe zu ermöglichen, emotionale Rückbindung auf ein göttliches Wesen zu schaffen und Trost zu spenden. Gläubige sind in der Regel überzeugt, dass nur der Glaube an einen personalen Gott diese Anforderungen zu erfüllen vermag. Doch: Stimmt dieser Alleinanspruch?

Nein. Es gibt eine scheinbar weltliche Disziplin, die die Anforderungen an eine Religion ebenfalls bestens erfüllt: der Fussball.

Das klingt in den Ohren vieler Gläubiger nach Gotteslästerung. Fussball mit dem Glauben an Gott zu vergleichen, ist für sie blasphemisch.

Treten wir also den Beweis für die Behauptung an.

Ob es Gott tatsächlich gibt, kann niemand beweisen. Der Glaube an ein Leben nach dem Tod ist eine metaphysische Spekulation. Der Fussball hingegen ist ein reales, sinnstiftendes Objekt. Er ist zwar nur mit Luft gefüllt, aber er bewegt die Welt wie kaum ein anderer Gegenstand. Fussball begründet Gemeinschaft – mehr als leere Kirchen. Fussball stiftet Identität, die klar definiert ist: Meine Farben sind Blau-Weiss, meine Heimat ist das Letzigrund-Stadion, mein Talar sind die Fan-Klamotten, meine Glaubensbrüder finde ich im Fanclub oder der Südkurve. Ich weiss, wer ich bin, ich gehöre zu einer grossen Familie, ich lebe für den Fussball, ich zelebriere das weltumspannende Spiel, ich bin Teil der globalen Fussball-Kultur.

Der katholische Geistliche Josef Hochstrasser, der das Buch «Ottmar Hitzfeld – die Biographie» geschrieben hat, unterstreicht den religiösen Charakter des Fussballspiels ebenfalls – als Mann Gottes muss er es schliesslich wissen: «Der Fussball ist tatsächlich eine Religion. Mögen Kritiker diesen Sport allenfalls als Ersatzreligion durchgehen lassen, ich halte ihn für eine Primärform von Religion.»

Fussball ist gar eine Weltreligion mit einer globalen Heilslehre. Sie verbindet Menschen unterschiedlicher Farben, Ethnien, Weltanschauungen und Kulturen. Es gibt auch im Fussball «Religionskriege», doch diese sind ritualisiert und beschränken sich in der Regel auf 90 Minuten.

Das Fussballspiel kennt auch den Gottesdienst. Das Stadion ist die Kirche, ein Final in der Champions-League ein Hochamt. Das Ritual beginnt ebenfalls mit einem (Fan-)Gesang, der Schiedsrichter amtet als Pfarrer. Seine Glocke ist die Pfeife. Die Fans glauben und hoffen wie die Gläubigen. In heiklen Momenten beten sie zum Fussballgott. Und sie pendeln auch zwischen Halleluja und Hölle. Wenn das Ritual den Höhepunkt erreicht, erheben sie sich wie die Gläubigen in der Kirche.

Mancher Pfarrer würde sich wünschen, seine Gläubigen wären nur halb so ergriffen wie die Fans beim Abspielen der Hymne. Und die Ehrfurcht vor Jesus wäre so stark wie vor ihren Fussball-Idolen. Übrigens: Der Fussball ist eine hoch entwickelte Religionsform. Er kennt wie das monotheistische Christentum nur einen personifizierten Gott: den Fussball.

Kritiker werden einwenden, Fussball sei nur ein Spiel. Wer beweist, dass Religionen mehr sind? Einzig bei der Transzendenz wird es schwierig: Fussball hat wenig mit dem Jenseits zu tun. Aber er kommt auch von einem andern Stern, wenn ihn Fussballgötter wie Lionel Messi spielen.

PS: Dieser Text ist parallel auf dem Blog «Steilpass» aufgeschaltet. Ein Vergleich der Kommentare dürfte sich lohnen.

hugostamm am Dienstag den 21. Juni 2011

Journalistische Ehrenrettung für die katholische Kirche

Der 57-Jährige Autor des deutschen Magazins „Der Spiegel“ hat das Buch „Das katholische Abenteuer: Eine Provokation“ geschrieben und heftige Reaktionen ausgelöst. Mein Kollege David Nauer hat ihn dazu interviewt. Ich habe ein paar Fragen und Antworten zusammengestellt.

Herr Matussek, wann haben Sie das letzte Mal gesündigt?

Das werde ich Ihnen nicht sagen. Sie sind schliesslich nicht mein Beichtvater.
In Ihrem jüngsten Buch* schildern Sie die Welt als Sündenpfuhl. Die Wollust überbordet, Geiz und Neid, wo man hinschaut. Übertreiben Sie nicht etwas?

Nein, im Gegenteil. Nehmen wir die Wollust, ein Begriff, der im Zeitalter von «Youporn» (eine Pornoseite im Internet, Anm. d. Red.) seltsam fremd wirkt. Die Wollust ist so inflationär geworden, dass sie sich aufgelöst hat. Es gibt sie eigentlich gar nicht mehr.

Schon die alten Römer haben sich über den Sittenverfall beklagt.

Ich sage nicht, dass früher alles sittlich gefestigter gewesen wäre. Aber wir leben in einer Zeit, die so merkwürdig schuldlos geworden ist. Wir denken gar nicht mehr über Sünde nach. Wir sprechen, wenn wir von Schuld reden, eigentlich nur noch von einem Gefühl, das der Psychoanalytiker wegtherapieren soll.

Wo ist das Problem?

Das ist ein beängstigender Zustand. Wir sind im Grunde genommen schuldig und steuern gefühlt schuldlos auf eine sehr ungemütliche Welt zu. Uns ist das Koordinatensystem abhandengekommen. Katastrophen häufen sich. Ein bisschen apokalyptisch bin ich schon gestimmt.

Das müssen Sie erklären.

Es gibt eine grössere Form der Enthemmung – am oberen und am unteren Ende der Gesellschaft. Die Finanzkrise hat gezeigt, dass die Todsünde der Gier sehr wohl verheerende Folgen haben kann, dass sie die Welt an den wirtschaftlichen Abgrund bringt.

Was sind die Ursachen?

Meine Diagnose ist, dass das zu tun hat mit dem Verlust der Bindungskräfte des Religiösen, der Kirchen.
Die Menschen wenden sich von den Kirchen ab, weil sie dort keine Antworten mehr finden auf die wichtigen Fragen der Zeit. Wir erleben eine Kirchenkrise, auch eine Gotteskrise. Es gibt Umfragen, die darauf hinweisen, dass drei Viertel aller Menschen noch gläubig sind. Aber das ist ein stillgelegter Glaube, der im Hintergrund schlummert, der keine Wirkung mehr hat auf den Alltag. Wenn ich sonntags in die Kirche gehe . . .

. . . gehen Sie jeden Sonntag in die Kirche?

Aber sicher. Ich muss sagen, ich gehe gerne. Weil es die Stunde ist, die eine Stunde in der Woche, in der ich mit mir und meiner Seele, mit Gott alleine bin. Das halte ich für das grossartigste Angebot überhaupt, und ich kann nicht verstehen, dass Katholiken oder Leute, die sich katholisch nennen, keinen Gebrauch davon machen.

An Sehnsucht nach Religiosität mangelt es nicht. Im Sommer kommt der indische Guru Sri Sri nach Berlin. Er wird wohl das Olympiastadion füllen.

Die Frage ist: Warum begegnet die Öffentlichkeit diesen Sekten, diesen Gurus so viel unkritischer als der katholischen Kirche? Jeder Bischof, der in einer Talkshow sitzt, muss damit rechnen, dass er mit Häme übergossen wird. Aber ein indischer Guru füllt das Olympiastadion, und die liberalen Medien sind mehr oder weniger entzückt.

Woher kommt das?

Ich finde, nicht unschuldig sind die Katholiken selber. Statt in die Kirche zu gehen, die Messe zu feiern, für die Armen zu sammeln, also den Glauben richtig zu leben, wird ewig debattiert – über den Zölibat, über das Frauenpriestertum, die nächste Reformagenda. Dem Katholizismus ist der Herzmuskel erschlafft.

Sie fordern eine Rückkehr zu den alten Dogmen?

Die Kirche hat ihr Geheimnis verloren. Ihre Botschaft sollte sein: «Ihr müsst euch anstrengen, um zu uns zu kommen, denn wir verhandeln etwas ganz Heiliges. Was wir hier machen, ist gerade nicht die Welt, sondern die Gegenwelt. Hier ist ein Geheimnis, draussen gibt es kein Geheimnis, hier ist Andacht, draussen gibt es keine Andacht, hier ist Versenkung, Stille, Hingewendet-Sein nach oben, hier kann man nicht einfach reinschlurfen und Spass haben.» Ich glaube, damit würden die Leute viel eher in die Kirchen zurückkehren. Stattdessen wird die Schwelle noch tiefer gelegt. Bald gibt es für jeden eine Cola, der kommt. Ein protestantischer Pfarrer liess kürzlich nach dem Gottesdienst sogar den «Playboy» verteilen.

Das glauben Sie doch selber nicht.

Doch, ich schicke Ihnen den Link über diesen Sex-Gottesdienst. Ist es nicht schön, wenn es auch anders geht? Letzten Sonntag war bei uns etwas ganz Tolles. Da hat der Mädchenchor des Kölner Doms zur Pfingstmesse gesungen. Das «Halleluja» war ergreifend, es stieg auf zum Himmel, man hat an den Gesichtern gesehen, wie glücklich die waren. Der Altar wurde eingeräuchert mit Weihrauch, es war eine grosse Feierlichkeit. Jeder Protestant würde sagen: «Es kommt doch nur auf mich, auf Gott und das Wort an, alles andere ist Pipifax.» Ich bin naiver, ich bin katholisch. Ich glaube, dass die Form sehr wichtig ist für die Andacht. Mein Priester in New York sagte etwas sehr Schönes: «Rituale ohne Glauben sind leer, aber ein Glaube ohne Ritual ist gestaltlos.» Der Glaube braucht den Gesang, das Hinknien, das Augenschliessen, er braucht das gemeinsame Vaterunser, diese heiligen Verrichtungen.

Die öffentliche Wahrnehmung der katholischen Kirche ist freilich eher von Skandalen geprägt.

Die Öffentlichkeit ist so vergröbert, dass sie beim Katholizismus am liebsten nur noch über Sex redet, besonders über Kindsmissbrauch. Obwohl nur 0,1 Prozent der Missbrauchstäter aus den Reihen der katholischen Kirche kommen. 99,9 Prozent kommen aus Familien, aus Vereinen, liberalen Schulen, protestantischen Organisationen. Aber jeder denkt bei Missbrauch: katholisch.

Wobei sich die katholische Kirche in Sachen Sex schon sehr weltfremd anstellt. Wenn der Papst lange ausführt, unter welchen Umständen die Benutzung eines Kondoms erlaubt ist, dann kann das ein normaler Mensch nicht nachvollziehen.

Die Kirche hält sich eben in einer Welt auf, in der über Liebe, Treue und Sexualität in einer anderen Form nachgedacht wird, als wir es tun. Sex haben ist doch heute wie ein Schluck Kaffee. Sex ist so trivialisiert, so vollständig zur Ware geworden, dass ihn jeder am Automaten herausziehen kann. Und da kommt nun eine Institution und sagt: Moment. Es wäre schön, wenn sich Liebende treu sind, dann brauchen sie nämlich keine Kondome.

Im Gegensatz zu den Kirchen sind die Moscheen in Deutschland voll. Nehmen Sie den Islam als Bedrohung wahr?

Ich glaube, dass der Islam nicht zu unserer religiösen und kulturellen Identität gehört. Eine Gefahr ist er dann, wenn er sich nicht an die demokratischen Spielregeln hält. Da vermisse ich von den moderaten Muslimen in unserer Gesellschaft ein eindeutiges Bekenntnis.

Sie widmen dem Konflikt zwischen dem Islam und dem Westen viel Raum. Ist das eine der grossen Fragen unserer Zeit?

Das ist zentral, denn der Konflikt hat eine Echowirkung auf unser eigenes Religionsverständnis. Ich war bei einer Veranstaltung von radikalen Salafisten in Mönchengladbach. Und da gab es folgende Szene. Ein Muslim schwenkte eine zerlesene Bibel vor einem Reporter und sagte: «Ich wette, du kennst deine eigene Religion nicht. Ich wette, du kennst nicht mal die Zehn Gebote.» Tatsächlich: Der Reporter kannte sie nicht. Bei den Muslimen existiert ein intensiver Glaube, auf unserer Seite dagegen Ratlosigkeit, religiöse Unterbelichtung und keine Bereitschaft, dem Islam auf überzeugende Weise zu antworten.

Es ist doch vernünftig, solche Provokateure nicht zu beachten. Diese Gelassenheit unterscheidet uns gerade von religiösen Eiferern.

Ich bin da nicht Ihrer Meinung. Es gibt das religiöse Gefühl, davor sollte man einen gewissen Respekt haben. Ich bin gekränkt, wenn ich sehe, wie Madonna vor einem Kreuz rumhopst. Der Gekreuzigte ist ein gemarterter Mensch, das ist der Erlöser, und diese überdrehte Kabbala-Anhängerin mit falschen Titten trällert einen Popsong – das geht nicht. Kein Mensch getraut sich heute mehr, Witze über Mohammed zu machen. Aber Jesus als Blechbüchse – kein Problem.

hugostamm am Montag den 13. Juni 2011

Regieren die Bilderberger die Welt?

Am Sonntag ist die geheime Konferenz der Bilderberger zu Ende gegangen. Rund 200 Aktivisten haben dagegen demonstriert. Viele von ihnen gehören zu den Verschwörungstheoretikern: Sie behaupten, die Bilderberger strebten die geheime Weltregierung an.

Bestimmen die Bilderberger tatsächlich den weltpolitischen Fahrplan oder sind sie eine elitäre Kast, die es geniesst, hinter verschlossenen Türen ihre Wichtigkeit zu zelebrieren?

Als Hintergrundinformation ein Artikel, den ich im Tages-Anzeiger publiziert habe.

120 internationale Grössen aus Politik, Militär, Industrie, Hochfinanz und Adel haben sich inkognito im Nobelhotel Suvretta House in St. Moritz getroffen. Die Staats- und Konzernchefs suchten für einmal nicht die grosse Bühne, sondern schetuen das Licht. Sie kamen als Privatpersonen und nennen sich Bilderberger.

Bilderberger? Unter diesem Namen kennt sie kaum jemand. Das ist Absicht. Niemand soll wissen, dass sie am Geheimtreffen der handverlesenen Elite teilnehmen. Entsprechend unklar ist, wer am Treffen im Engadin teilnimmt. Über 50 Jahre lang hat das gut funktioniert. Nun zerren Verschwörungstheoretiker, die international vernetzt sind, über die Internetplattform «We Are Change» die Mächtigen der Welt ans Licht. In St. Moritz soll ihnen ein lauter Empfang bereitet werden. Denn die Verschwörungstheoretiker halten die Bilderberger für eine Weltbedrohung. Mehr noch als das Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos. Sie sehen hinter der Konferenz einen Geheimbund, einen Orden der Eingeweihten. Manche sprechen gar von einer geheimen Weltregierung, welche die globale Macht an sich reissen will.

Sind das Phantasmen überspannter Skeptiker, die überall Verschwörungen wittern, wo Mächtige die Köpfe zusammenstrecken? Oder bestimmen die Bilderberger tatsächlich den Fahrplan der globalen Wirtschaft und Politik?

Staatstragende Themen

Die Spurensuche beginnt bei den Teilnehmern. Die erste Konferenz fand 1954 im Hotel Bilderberg in Oosterbeek, Holland, statt. Die Treffen werden seither zwar jährlich an einem andern Ort in den USA oder Europa durchgeführt, der Name aber ist geblieben. Initiiert hat das erste Treffen Prinz Bernhard der Niederlande. Er wollte nach dem Zweiten Weltkrieg die Beziehungen zwischen Westeuropa und den USA mit transatlantischen Diskussionen fördern. Die Teilnehmer müssen sich zur Geheimhaltung verpflichten. Sie sollen in einem informellen Rahmen staatstragende Themen diskutieren können. Es gibt keine Beschlüsse oder Resolutionen. Aber soll man einem Gremium trauen, das sich in abgeriegelten, streng bewachten Hotels trifft?

Die Kritiker behaupten, die Bilderberger beeinflussten Wahlen: Lionel Jospin nahm 1996 am Treffen teil und wurde 1997 französischer Premier. Jack Santer gehörte 1991 zum Kreis und übernahm 1995 das Amt des Präsidenten der Europäischen Kommission. 1999 trat der italienische Bilderberger Romano Prodi in seine Fussstapfen. Tony Blair besuchte das Treffen 1993 und wurde ein Jahr später Chef der Labour Party und dann britischer Premier. Bill Clinton wurde 1991 Bilderberger und kurz darauf Präsidentschaftskandidat in den USA. Bekanntlich gewann er auch die Wahlen.

Wer glaubt, die Konferenz hieve ihre Mitglieder in hohe Ämter, unterliegt jedoch einem Denkfehler: Die meisten Bilderberger gehören zum rechten Lager. Würden sie tatsächlich einen Geheimbund bilden, hätten sie nicht die Linken Blair und Clinton unterstützt, sondern ihre konservativen Gegenspieler. Wie sie die Wähler überhaupt beeinflusst haben sollen, ist eine andere Frage. Im Übrigen ist auch der Grüne Joschka Fischer ein Bilderberger – und der deutsche Ex-Aussenminister steht über dem Verdacht, mit Topbankern und Konzernchefs unter einer Decke zu stecken.

Blocher war wiederholt dabei

Christoph Blocher hat eher das Profil eines typischen Bilderbergers. Der ehemalige SVP-Bundesrat hat schon zweimal an den geheimen Klassentreffen teilgenommen. Selbst der Superdemokrat Blocher, der vorgibt, sich nur dem Volk verpflichtet zu fühlen, akzeptierte die Geheimhaltung.

Das stösst gewissen SVP-Mitstreitern sauer auf. Nationalrat Dominique Baettig hat dazu eine Interpellation eingereicht. Der Jurassier will vom Bundesrat wissen, ob Mitglieder der Regierung an dem undurchsichtigen Anlass teilnehmen und wie er «diesen elitären und undemokratischen Club» beurteilt. «Die Konferenz stellt eine Bedrohung für die Schweiz dar», präzisiert Baettig im Gespräch. «Sie will die Weltpolitik koordinieren. Ich habe Angst, dass Blocher nicht mehr unabhängig ist. Was passiert, wenn St. Moritz ins Visier von al-Qaida gerät?» Auch die Blocher-Spezis Ulrich Schlüer und Oskar Freysinger haben die Interpellation unterzeichnet. Am Wochenende hat Baettig vom Bündner Regierungsrat verlangt, dass er gewisse Bilderberger bei der Einreise in die Schweiz verhaften lässt. Er denkt an «die Herren Bush, Kissinger, Cheney, Perle usw.». Diese hätten Kriege angezettelt, seien verantwortlich für Morde und Terror.

Milliardär Blocher reagiert gelassen auf den Angriff seiner Parteikollegen: «Ich habe nichts zu dieser Interpellation zu sagen. Dass die Bilderberg-Mitglieder unter sich tagen, ist bekannt, dass eine Elite dabei ist, ebenfalls, und ein Club muss ja nicht demokratisch sein.» Er habe zwei interessante Tagungen mit kontroversen Referaten erlebt zu Themen, «die für die Welt von Bedeutung sind». Dass die Bilderberger als «‹geheime Weltregierung› globale, politische und wirtschaftliche Entscheide fällten, wie das Verschwörungstheoretiker behaupten, ist Unsinn». Tatsache ist, dass selbst Blocher, der gern gegen die «Classe politique» wettert, dem Charme des globalen Eliteclubs erlegen ist.

Von Krauer bis Ringier

Ein Blick auf die helvetische Bilderberger-Seilschaft bestätigt die These, dass vorwiegend konservative Führungspersönlichkeiten eingeladen werden. Novartis-Präsident Daniel Vasella und Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank, sind die aktuellen Topshots; Ackermann gehört sogar zum Lenkungsausschuss, der die Treffen organisiert. Zum erlauchten Schweizer Kreis zählen oder zählten auch Alex Krauer, ehemaliger Chef von Novartis und UBS, David de Pury, Gründer von «Le Temps», Shell-Chef Peter Voser, Michael Ringier vom gleichnamigen Medienkonzern, Hugo Bütler, der ehemalige Chefredaktor der NZZ, und Markus Spillmann, der heutige NZZ-Chefredaktor.

Zu den internationalen Schwergewichten, die in den letzten Jahren zu den Treffen anreisten, gehörten die deutschen Bundeskanzler Helmut Schmidt, Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Angela Merkel, der spanische Premier José Luis Zapatero, Javier Solana, einstiger Generalsekretär des EU-Rats, Romano Prodi, italienischer Ex-Premier und Ex-Präsident der Europäischen Kommission, Ex-US-Aussenminister Henry Kissinger und Microsoft-Gründer Bill Gates, Jean-Claude Trichet, der Präsident der Europäischen Zentralbank, und sein amerikanischer Gegenspieler Ben Bernanke, Mitglieder der Königshäuser Grossbritanniens, Spaniens und Belgiens und viele andere mehr – auch Dominique Strauss-Kahn, der gestrauchelte Chef des Internationalen Währungsfonds.

Die Bilderberger haben es sich zu einem guten Teil selbst zuzuschreiben, dass sich die Verschwörungstheoretiker auf sie eingeschossen haben. Die Konferenzteilnehmer sonnten sich mit der Geheimhaltung fünf Jahrzehnte lang im Nimbus, zur Superelite zu gehören, wie Werner A. Perger, «Zeit»-Reporter und selbst ein Bilderberger, bestätigt: Die Teilnehmer trügen gern zum Erhalt des Mythos bei, «weil sie es geniessen, für einflussreich gehalten zu werden».

Nur: Es gibt auch viele andere geheime Treffen der Reichen und Mächtigen. Die Liste reicht heute vom WEF über die Trilaterale Kommission von David Rockefeller, das Boao Forum For Asia und die Münchner Sicherheitskonferenz bis hin zum Council on Foreign Relations von Henry Kissinger, dem European Council von Joschka Fischer und den Carnegie-Treffen für Frieden. Das übersehen die Verschwörungstheoretiker geflissentlich.

In der Schweiz treffen sich Topmanager regelmässig mit ein paar auserwählten Politikern in der Nestlé-Zentrale in Vevey: An der nationalen Rive-Reine-Konferenz, die hoch geheim ist, nehmen neben zwei Bundesräten rund 30 Konzernchefs und Topbanker teil. Die exklusive Teilnehmerliste stellt Ex-Bundesrat, Ex-Nestlé-Verwaltungsrat und jetziger UBS-Präsident Kaspar Villiger zusammen. Für den geistlichen Beistand sorgt der Einsiedler Abt Martin Werlen.

Dass solche Treffen auch Taktgeber für die politische oder wirtschaftliche Agenda sein können, bestreiten nicht einmal die Teilnehmer. Ein konkretes Beispiel: Als das Klima zwischen Russland und den USA nach der Wahl von George W. Bush 2001 frostig wurde, sorgte das Carnegie-Büro in Moskau mit seinen guten Beziehungen dafür, dass die Kommunikationskanäle zwischen den beiden Grossmächten offen blieben.

Allein die Tatsache, dass es so viele inoffizielle Thinktanks gibt, macht aber auch deutlich, dass die Bilderberger keine Unité de Doctrine im Sinn einer globalen Steuerung kennen. Die Teilnehmer lassen sich nicht auf ein einheitliches politisches oder wirtschaftliches Programm einschwören, weil sie ihre Partikularinteressen oder die Positionen ihres Landes oder Konzerns vertreten.

Hinweise auf eine Weltverschwörung vermag auch der Politologe Claude Longchamp nicht zu erkennen. «Die Bilderberger haben keine Macht und können auch keine Forderungen durchsetzen», sagt er. Die Geheimhaltung der Treffen findet er eine «offensichtliche Dummheit». In den Fünfzigerjahren hätten geheime Treffen von Politikern zum Normalfall gehört, heute liessen sie sich nicht mehr rechtfertigen. Er bezeichnet die informellen Clubs der Mächtigen als elitäre Netzwerke. Der Politologe glaubt, dass die Bilderberger durchaus einen gewissen Einfluss auf die internationale Politik ausübten. Dass Meinungsführer ihre Standpunkte unter Ausschluss der Öffentlichkeit offenlegten, könne sinnvoll sein. Als problematisch erachtet er jedoch, dass auch Chefredaktoren und Journalisten teilnehmen und sich zur Geheimhaltung verpflichten.

Der Hamburger Historiker Bernd Greiner, Experte für den Kalten Krieg, relativiert den Bilderberg-Einfluss ebenfalls: «Es gibt dieses eine Steuerungszentrum weder in der Ökonomie noch in der Politik.» Die Krise in Griechenland spiegle gerade die Ratlosigkeit der Politiker. Und der deutsche Soziologieprofessor Hans-Jürgen Krysmanski, der sich intensiv mit internationalen Netzwerken beschäftigt, betont, dass die ganze Vernetzung viel komplizierter sei, als es die Verschwörungstheoretiker sehen.

Noch drastischer formuliert es Sony-Chef Howard Stringer: Mehr als bei solch geheimen Meetings könne er lernen, wenn er seinen Angestellten genau zuhöre.

hugostamm am Dienstag den 7. Juni 2011

Showheilung im Hallenstadion

Die meisten religiösen und spirituellen Heilstheorien und Glaubenskonzepte befassen sich intensiv mit dem Thema Krankheit und Heilen. Krankheiten passen schlecht ins Bild einer von Gott oder einer geistigen Hierarchie bestimmten Ordnung. Deshalb müssen religiöse und spirituelle Führer der Krankheit eine religiöse Funktion zuordnen: Krankheit kann und darf kein Zufall sein in einer von Gott geschaffenen „guten“ Welt. Deshalb müssen Heilslehren eine Antwort geben: Weshalb werden Menschen krank? Welche Bedeutung hat das Leiden aus Sicht des Glaubens?

Krankheit auf eine körperliche Fehlfunktion zu reduzieren, wollen radikale Prediger, Geistheiler und Esoteriker nicht akzeptieren. Für sie hat das Leiden nicht nur eine physische oder psychosomatische Komponente, sie verknüpfen sie mit dem Glauben: Krankheiten sind eine Prüfung, eine Strafe, eine Chance, das Leben nach religiösen Prinzipien zu ordnen, wie wir bei der letzten Diskussion gesehen haben.

Ein klassisches Beispiel ist der deutsche Prediger und Missionar Reinhard Bonnke. Der Star unter den christlichen Heilern, der in Afrika schon vor einem Millionenpublikum Blinde angeblich sehend gemacht und Lahme zum Laufen gebracht hat, tritt am kommenden Samstag im Hallenstadion auf. Eingeladen hat ihn Leo Bigger, Chef des International Christian Fellowship ICF. Bigger leistet sich einen Grossevent zum 15. Geburtstag seiner charismatischen Freikirche, die inzwischen 40 Ableger hat. Indem Bigger Reinhard Bonnke einlädt, zeigt er sein wahre Gesinnung: Bonnke ist selbst in freikirchlichen Kreisen umstritten, denn seine „Heilungen“ sind zweifelhafte Shows auf Kosten von Kranken und Verzweifelten.

Heute Abend diskutiert der Club über Bonnke und Bigger, an der ich auch beteiligt bin: http://www.sendungen.sf.tv/club/Sendungen/Club

Einen guten Einstieg ins Thema bietet die Sendung Rundschau: http://www.videoportal.sf.tv/video?id=8bd2967b-2172-45c3-b508-fc488fbe093e