Schweiz

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hugostamm am Samstag den 19. November 2011

Sterbehilfe ist nicht des Teufels

Mit Würde gehen: Die Sterbebegleitung kann viel Leiden ersparen.

Für strenggläubige Christen aller Couleur ist die Sterbehilfe eine Sünde, für manche eine Todsünde. So will es die Bibel. Gott hat uns, wie sie glauben, das Leben geschenkt, der Mensch darf nur beschränkt über dieses Verfügen. Die katholische Kirche ging früher so weit, Selbstmörder – ein schreckliches Wort – von den Friedhöfen zu verbannen. Bevor es die Sterbehilfe gab, waren Suizidwillige gezwungen, sich umzubringen, teilweise auf schreckliche Art. Verheerend sind oft auch heute noch die Folgen von missglückten Suiziden: Verzweifelte Menschen, die sich in den Kopf schiessen, erleiden dabei keine tödlichen Verletzungen. Dafür bleiben sie für den Rest des Lebens entstellt, verkrüppelt und hirngeschädigt.

Für wortgläubige Christen ist jeder Eingriff in die Grundlagen des Lebens unstatthaft. So auch die Abtreibung. Deshalb greifen Fundis in den USA schon mal Gynäkologen an, wenn sie Abtreibungen durchführen. Die frommen Christen sind zwar gegen Suizid und Sterbehilfe, sie fühlen sich aber legitimiert, im Namen Gottes zu morden.
In der modernen Zivilisation sind diese simplen Weltbilder in Schwarz und Weiss nicht mehr tauglich, oft gar bigott. Die Realität ist viel zu komplex, um ihr mit einfachen Dogmen gerecht zu werden. Die Medizin greift so fundamental in die Grundlagen des Lebens ein – vor allem bei der Gentechnologie -, dass man mit religiösen Dogmen in Teufels Küche kommt. Doch dies realisieren die Fundis nicht, weil sie in ihrer religiösen Verblendung die komplexe Realität auf einfache Glaubenssätze reduzieren.

Ein konkretes Beispiel: Ein naher Bekannter starb diese Woche mit 50 Jahren an Krebs. Sein Leidensweg in den letzten Monaten war schrecklich, der Schmerz unerträglich. Die Gegner der Sterbehilfe, die behaupten, heute könne man diese mit palliativen Methoden lindern, hätten meinen Bekannten im Spital besuchen müssen. Trotz sehr hohen Dosen von Morphinpräparaten litt er Qualen. Oder er fiel in eine Art Wachkoma und war nicht mehr ansprechbar. Wie sehr er selbst in diesem Zustand litt, zeigten sein Reaktionen: Er schlug mit dem Kopf wild um sich, als wollte er ihn gegen die Wand schlagen.

Schliesslich haben ihn die palliativen „Therapien“ umgebracht – oder eben erlöst. Die Ärzte im Spital stoppten auch die künstliche Ernährung, um das Leiden zu verkürzen – oder den Tod zu beschleunigen. Ich hätte dem Bekannten gewünscht, ihm wäre das Leiden der letzten Wochen erspart geblieben. Dazu hätte es nur eine Methode gegeben: Sterbebegleitung durch Dignitas oder Exit. Was hat Gott davon, wenn er seine Geschöpfe, denen er angeblich das Leben geschenkt hat, derart erbärmlich sterben sieht? Wenn er barmherzig wäre, müsste er für die Sterbehilfe sein.

hugostamm am Donnerstag den 10. November 2011

Mädchen im Bann einer Esoterikerin

Dies ist die Geschichte der 14-jährigen Christa (Name geändert). Fragwürdige Fürsorgemassnahmen haben sie und ihre Familie in eine schwere seelische Krise gestürzt. Im Fokus steht eine esoterisch angehauchte Sozialpädagogin, die ihre Kompetenzen überschritt.*

Es begann Mitte 2010. Christa litt unter mangelndem Selbstwertgefühl und war in der Klasse isoliert. In wöchentlichen Sitzungen sollte die Sozialpädagogin der Schule Christa unterstützen. Bald verhielt sich die Schülerin merkwürdig, wurde rebellisch und entfremdete sich von ihrer Familie. Eltern und Bekannten erzählte sie, die Sozialarbeiterin sei eine Lichtarbeiterin und Hellseherin. Die Sozialarbeiterin stritt die Schilderungen Christas ab und wälzte alles auf die blühende Fantasie der Tochter. Als die Eltern sie zur Rede stellten, reagierte Christa heftig. Der Disput zeigte ihr, dass nur die Sozialarbeiterin sie verstehe.Nach rund neun Monaten eskalierte die Situation. Als Christa eines Mittags nicht nach Hause kam, suchte sie die Mutter mit dem Auto. Erfolglos. Ein Anruf der Lehrerin traf sie wie ein Schlag: Die Sozialpädagogin habe Christa am Morgen ins Mädchenhaus gebracht.

Heimliche Besuche

Für die Eltern war das ein behördlicher Willkürakt, er wirkte auf sie wie die Entführung der eigenen Tochter. Sie begannen zu recherchieren. Die Puzzleteile ergaben ein bedrohliches Bild. Die Eltern fanden heraus, dass die Sozialpädagogin die Schweizer Vertreterin einer international tätigen sektenhaften Gruppe war und spirituelle Seminare geleitet hatte. Sie hatte eine enge persönliche Beziehung zu Christa aufgebaut und diese in den Bann ihrer esoterischen Gegenwelt gezogen, die sie verwirrte. «Sie sagte mir, sie könne mit Geistern kommunizieren und müsse Gottes Licht in die Welt bringen», erzählt Christa im Rückblick. «Sie erklärte mir auch, ich hätte besondere spirituelle Begabungen.» Bekannten sagte Christa, sie liebe die Sozialpädagogin wie eine Mutter. Deshalb treffe sie ihre Betreuerin heimlich. Wenn sie achtzehn sei, werde sie zu ihr ziehen.

Die Sozialpädagogin treibt einen Keil zwischen Christa und uns, waren die Eltern überzeugt. Christa dazu: «Sie sagte mir, meine Mutter habe eine Psychose, sie sehe den Geist über ihrem Kopf. Sie sah auch in einer Vision, dass Mami nicht meine leibliche Mutter sei.» Als die Schülerin ein Ekzem an einem Finger hatte, brachte die Sozialarbeiterin sie zu einer Hautärztin, ohne die Eltern zu informieren. «Sie zwängte sich in die Rolle der Ersatzmutter», sagt die Mutter.

Rätselhaft Hämatome

Auch Mails von Christa bestätigten ihre Recherchen: «Mama, ich finde es nicht schön, dass du Frau S. (Sozialpädagogin) gesagt hast, dass du mich nicht lieb hast. Ich habe genug und will nichts mehr von euch wissen!» Die Mutter beteuert, nie eine solche Aussage gemacht zu haben. In einer weiteren Nachricht schrieb Christa: «Ich liebe Frau S. aus ganzem Herzen, ich werde nie mehr zurückkommen.» Später schienen dem Mädchen die Augen aufzugehen: «Liebe Mama, holt mich raus, ich halte es nicht mehr aus. Frau S. zwingt mich, hier zu sein, ich habe gelogen wegen Frau S.»

Die Eltern kannten den Grund der einschneidenden Massnahme immer noch nicht. Später erfuhren sie, dass Schulbehörden und Mädchenhaus Gefährdungsmeldungen an die Vormundschaftsbehörden geschickt hatten. Und dass Christa behauptete, ihre Eltern würden sie schlagen, wie Hämatome an den Oberschenkeln bewiesen. Christa sagt heute auch, dass sie sich die Hämatome an Turngeräten zugezogen habe. Die Eltern hätten sie nie geschlagen. Sie habe dies behauptet, weil sie sauer auf sie gewesen sei.Christa war zwölf Tage im Mädchenhaus. Die Eltern durften keinen Kontakt zu ihr aufnehmen, die Sozialpädagogin besuchte das Mädchen aber mehrmals. Christa: «Ich wollte nicht ins Mädchenhaus, Frau S. hat mich gezwungen.» Die Eltern fühlten sich auch von den Schulbehörden im Stich gelassen. Christa musste in eine Privatschule wechseln, die Sozialarbeiterin durfte weiterhin im Schulhaus arbeiten. Schulpräsidentin Anita Bruggmann behauptete, die Sozialpädagogin sei nie Mitglied dieser esoterischen Gruppe gewesen. Dokumente widerlegen dies jedoch. Im Religionsführer Zürich taucht die Pädagogin als Vertreterin einer sektenhaften Gruppe in der Schweiz auf.

Flucht ins Mädchenhaus

Nach den Sommerferien stellten die Eltern erneut ein sonderbares Verhalten ihrer Tochter fest. Als sie an einem Elterngespräch in der Schule erfuhr, dass die Probezeit wegen ungenügender Leistungen verlängert werde, brach in ihr eine Welt zusammen, und sie flüchtete Hals über Kopf ins Mädchenhaus. Die Eltern fanden heraus, dass Christa wieder Kontakt zur Sozialpädagogin hatte, zumindest telefonischen.

Und wieder behauptete Christa, von den Eltern geschlagen zu werden. Deshalb erwogen die Behörden einen Obhutsentzug. Diese einschneidende Massnahme entnahmen die Eltern beiläufig einem Schreiben der Fürsorgebehörde Wallisellen. Darin hiess es, das Jugendsekretariat Bülach habe beantragt, Christa drei Monate im Mädchenhaus unterzubringen und einen superprovisorischen Obhutsentzug zu erlassen. Die Kosten für den geplanten Aufenthalt betrügen 32 000 Franken.

Die Eltern waren konsterniert, zumal ihnen auch noch Kosten in fünfstelliger Höhe drohten. Sie hatten bereits 4300 Franken für den ersten Aufenthalt von Christa im Mädchenhaus bezahlt, für eine Massnahme, die gegen ihren Willen durchgesetzt worden war. In ihrer Verzweiflung wendeten sie sich an den «Tages-Anzeiger». Der Ton der Behörden änderte sich, als der TA nachzufragen begann. Eigentlich hätte Christa aus der Familie entfernt werden sollen, doch es passierte nichts. Eine heikle Situation drohte vor den Herbstferien. Die Eltern hatten schon lang beschlossen, nach Italien zu fahren, doch ihre Anwältin warnte sie vor allfälligen polizeilichen Massnahmen, wenn sie Christa ins Ausland mitnehmen würden. Doch plötzlich erlaubte die Behörde die Ferienreise nach Italien. Für die Eltern war das ein Beweis, dass nie eine Gefährdung des Kindswohls bestanden hatte.

Pädagogin weiterhin im Amt

Die endgültige Wende kam, als dieser Artikel bereits geschrieben war: Die Vormundschaftsbehörde hob den Obhutsentzug überraschend auf. Für die Eltern eine Erlösung. Die Einweisung von Christa in ein Heim mache zurzeit keinen Sinn, weil sie wieder nach Hause flüchten würde, argumentiert die Vormundschaftsbehörde. Eine geschlossene Abteilung komme nicht in Betracht, weil dies eine unverhältnismässige Massnahme sei und das Mädchen dort mit gewalttätigen Kindern in Kontakt käme, «was für sie nicht förderlich wäre».

Nicht verstehen können die Eltern, dass sie auch eine Rechnung für den zweiten Aufenthalt von Christa im Mädchenhaus über 3850 Franken bekamen und dass die Sozialarbeiterin weiterhin an der Schule arbeitet. Schulpräsidentin Anita Bruggmann will zuerst weitere Informationen einholen und sich mit den Vormundschaftsbehörden absprechen, bevor sie mit der Schulpädagogin über den Fall reden und allfällige Sanktionen ergreifen will. Die Sozialpädagogin selber wollte keine Stellung zum Fall nehmen. Sie wurde beurlaubt, als der Artikel im TA erschienen ist.

*Es handelt sich bei diesem Text um einen Artikel von Hugo Stamm, der am 8. Nov. im TA erschienen ist.

hugostamm am Freitag den 4. November 2011

Beschützt Gott den neuen Bischof?

Ist ob der grossen Last, die nun auf ihm lastet, etwas erschrocken: Der neu ernannte Bischof Charles Morerod.

Ist ob der grossen Last, die nun auf ihm lastet, etwas erschrocken: Der neu ernannte Bischof Charles Morerod.

Charles Morerod ist ein gottesfürchtiger Mann, ein frommer Dominikanerpater. Obwohl er eher schüchtern ist und grosse Auftritte nicht liebt, machte er in der katholischen Kirche Karriere. 1999 wurde er Professor an der Universität Angelicum in Rom, 2009 gar deren Rektor. Im gleichen Jahr machte ihn der Papst zum Generalsekretär der theologischen Kommission und zum Konsulator der Glaubenskongregation. «Um glücklich zu leben, muss man versteckt leben», sagte er einst.

Nimmt man seine Aussage zum Nennwert, muss Morerod nun todunglücklich sein. Der papsttreue Geistliche wurde nämlich zum Bischof für die Westschweiz ernannt. Er ist nun der Hirte von 690’000 Katholiken, Chef von 300 Priestern und 400 Laientheologen. Der scheue Mann mag eigentlich keine Sitzungen, doch sein neues Leben wird zu einem grossen Teil aus Zusammenkünften bestehen. Und aus Repräsentationspflichten, die er auch nicht mag.

Deshalb gestand der neue Bischof: «Die grosse Last, die ich auf meine Schultern nehme, hat mich etwas erschreckt.»

Bei einem Manager würde man von einer gefährlichen Work-Life-Balance sprechen und die Gefahr eines Burnouts heraufbeschwören. Nicht so bei Morerod. Er hat eine Rückversicherung, auf die er baut: Er vertraue auf den Beistand Gottes, in dessen Hände er sein Leben gelegt habe, sagte er.

Was bedeutet das? Der neue Bischof glaubt, dass Gott ihn begleitet, ja vielleicht sogar die schützende Hand über ihn hält. Und dieser Gott wird dafür sorgen, dass er nicht in eine Depression fällt, wenn er sich Jahr für Jahr durch die lästigen Sitzungen kämpfen und bei Veranstaltungen den Gläubigen zuwinken muss. Er wird kaum mehr Zeit haben, sich in sein Studierzimmer zurückzuziehen und sich seinen geliebten Büchern zu widmen.

Morerod baut auf Gott. Der wird schon wissen, weshalb er mir dieses Amt anvertraut, denkt er.

Doch: Hat Gott tatsächlich etwas mit der Berufung von Morerod zum Bischof zu tun? Stehen Geistliche unter einem besonderen Schutz? Fällen sie weisere Entscheide, weil sie im Namen Gottes sprechen? Kümmert sich Gott – wenn er es denn wirklich tut – intensiver um die Führungskräfte als um die gewöhnlichen Gläubigen? Und was ist mit Muslimen, Hindus, Buddhisten? Oder Angehörigen von Naturreligionen?

Wenn man die Aussagen des neuen Bischofs interpretiert, kommt man zum Schluss: Er glaubt tatsächlich, dass Gott ein besonderes Augenmerk auf seine Würdenträger richtet. Das darf er. Die Frage ist nur, ob er sich in einer wichtigen Lebensfrage etwas vormacht.

hugostamm am Montag den 24. Oktober 2011

Der Glanz von Messias Blocher verblasst

Durch die Abwahl aus dem Bundesrat wurde er kurzfristig zum Märtyrer, doch verblasste der Glanz bald: Christoph Blocher.

SVP-Alt-Bundesrat Christoph Blocher hat in den letzten zwei Jahrzehnten die Schweizer Politik geprägt wie kein zweiter. Viele konservative und fremdenfeindliche Bürgerinnen und Bürger sahen in ihm einen Heilsbringer. Dies nicht nur, weil er einer strenggläubigen Pfarrersfamilie entstammt, sondern weil er sich wie ein Erlöser gebärdete, der die Schweiz vor fremden und bösen Mächten schützen oder gar retten wollte. Für viele war er der Übervater der Nation, ja fast eine Art Schutzheiliger. Wer ihn charakterisieren wollte, griff gern zu einem Vokabular, das religiöse Attribute enthielt.

Politik hat aber nur selten mit spirituellen Syndromen zu tun. Es ist die unbeherrschbare Kunst des Möglichen – oder oft Unmöglichen. Weil Politik in der Regel mit säkularen Problemen konfrontiert ist, die in den weltlichen Niederungen entstanden sind, tun wir gut daran, diese mit entsprechen Instrumenten zu lösen: Pragmatisch, sachlich, frei von Vorurteilen. Verhängnisvoll wird es, wenn wir mit ideologischen oder religiösen Prämissen ans Werk gehen. Dann überhöhen wir die politischen Interessen und Gegenstände und geben ihnen eine pseudoreligiöse Bedeutung, die (vermeintliche) Heilsbringer erst ermöglichen.

Genau dies hat Blocher getan. Er sah fremde Mächte am Werk, welche die Schweiz zerstören wollten. Die UNO war des Teufels, die EU ohnehin. Er malte aber auch den Feind im Innern an die Wand: Inserate sprachen von Geheimplänen der Classe politique. Überall lauerten angeblich Gefahren, die geradezu nach einem Erlöser schrien. Das ideologische Konzept der SVP war darauf ausgerichtet, den Boden für einen Heilsbringer vorzubereiten. Und der Nährboden war gut: Ein beträchtlicher Teil des Volkes dürstete in den Krisenzeiten nach einer starken Hand.

Das Rezept hat lange Zeit funktioniert. Der Erfolg der auf Blocher fokussierten SVP zeichnete sich in allen Wahlen seit 1991 ab. Die logische Konsequenz war die Wahl Blochers in den Bundesrat.

Dann begann der Abstieg. In der Realpolitik, vor allem in der Exekutive, scheitern eben auch Heilsbringer. Mit ideologischen Beschwörungsformeln lassen sich keine Probleme lösen. Auch Blocher konnte die Schweiz nicht von den Ausländern befreien, wie seine Wähler erwarteten. Er war eingebunden in ein Gremuim und konfrontiert mit komplexen Sachproblemen, die sich nicht mit einem Machtwort des Heilsbringers zum Verschwinden bringen liessen. Vor allem zeigte sich, dass es keine einfachen Lösungen gibt. Das Volk erlebte die Diskrepanz der simplen Heilsbotschaften und der realpolitischen Umsetzungen.

Blocher wurde als Messias entzaubert. Durch die Abwahl wurde er kurzfristig zum Märtyrer – auch dies eine religiöse Metapher -, doch verblasste der Glanz bald. Und die SVP erhielt am Wochenende die Quittung dafür, dass sie auf einen Heilsbringer gesetzt hat: Die SVP wurde zurückgebunden, Blocher bei den Ständeratswahlen gedemütigt und bei den Nationalratswahlen vom Leichtgewicht Nathalie Rickli, gestartet von Platz 7, vom ersten Platz verdrängt.

Hoffentlich ziehen die SVP und ihre Wähler die richtigen Schlüsse daraus: Heilsbringer sollen auf dem religiösen Parkett bleiben; sie haben in der Politik nichts verloren.

hugostamm am Freitag den 14. Oktober 2011

Verhalten sich Freikirchen sektenhaft?

Auch ihre Geschichte ist eine Frage der Interpretation: Adam und Eva als nicht offizielle Playmobil-Figuren eines deutschen Pfarrers.

Reinhold Bernhardt, evangelischer Theologieprofessor an der Uni Basel, kritisierte in der christlichen Zeitschrift «Idea/Spektrum» die Freikirchen, speziell auch ihr Bibelverständnis. Die Kritik an den Freikirchen veranlasste Armin Mauerhofer, eine scharfe Entgegnung zu formulieren. Mauerhofer lehrt an der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule Basel, an der vor allem freikirchlich orientierte Gläubige studieren. Die Standpunkte der beiden Professoren zeigt, wie weit selbst bei Experten die Meinungen und Ansichten zum christlichen Glauben auseinanderdriften. Hier eine Zusammenfassung der Argumente der beiden Theologen.

Ausgelöst hat die Debatte in «Idea/Spektrum» ein Interview, das Bernhardt der «Badischen Zeitung» (Freiburg) gegeben hatte. Darin kritisierte der Basler Professor, Freikirchen verhielten sich teilweise sektenhaft und betrieben einen «Missbrauch der Bibel». Sie würden ausblenden, dass «zwischen der biblischen Überlieferung und heute 2000 Jahre liegen».

Weiter kritisiert Bernhardt, dass Freikirchen hoch selektiv mit der Bibel umgehen würden. Sie würden diejenigen Stellen herausgreifen, die in ihr Glaubensbild passten, «und sie dann nach dieser Formatvorlage auslegen». Dazu zitiert er den jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber: «Wer die Bibel wörtlich nimmt, der nimmt sie nicht ernst.»

Die Botschaften in vielen Freikirchen sind seiner Ansicht nach ziemlich schlicht. Ausserdem werde unterschwellig Angst geschürt, vom rechten Weg abzukommen. Sektenhaft würden Freikirchen, wenn Gemeindeleiter versuchten, die Gläubigen an ihre Gemeinde zu binden, etwa durch repressive Formen der Sozial-, Moral-, Glaubens- und Gesinnungskontrolle. Bernhardt warnt vor der «Verflachung der christlichen Botschaft zu einem religiösen Konsumartikel».

In seiner Entgegnung hält Armin Mauerhofer fest, dass es gar keine andere Möglichkeit gebe, «den tieferen Sinn der Bibel zu erfassen, als sie wörtlich zu verstehen». Wenn man sich davon löse, seien unendlich vielen spekulativen Auffassungen, wie der Text zu verstehen sei, Tür und Tor geöffnet. Durch die historisch-kritische Bibelauslegung würden heute Theologen den Sinn des Textes selber festlegen.

Dies kann laut Mauerhofer zu einer «existenzialen, feministischen, tiefenpsychologischen oder materialistischen» Bibelinterpretation führen. «Die Theologen sagen den Bibellesern, wie sie die Bibel zu verstehen haben», so der Professor, der selbst Pastor einer evangelikalen Freikirche ist. Dies führe letztlich zu einer Bevormundung.

Die schlichten Auslegungen des göttlichen Wortes in den Freikirchen seien ihm lieber als die selbst gebastelten theologischen Auffassungen in vielen Kirchen, mit denen niemand etwas anfangen könne. Gerade deshalb seien heute, so Mauerhofer, viele Kirchen leer.

hugostamm am Donnerstag den 6. Oktober 2011

Ein Staat braucht keinen Gott

Für Völker gibt es Wichtigeres, als sich bei der Frage nach der Existenz Gottes aufzureiben: Ein Atheist demonstriert vor dem Vatikan.

Für das Individuum ist die Frage nach Gott von zentraler Bedeutung. Der Glaube prägt das Bewusstsein und das Weltbild entscheidend. Es macht einen Unterschied, ob ich an einen personalen Gott, an ein polytheistisches Konzept oder an eine gottlose Realität glaube.

Für Völker ist diese Frage untergeordnet. Kollektive Systeme funktionieren besser, wenn sie sich vom Einfluss religiöser Systeme befreien. Völker tun gut daran, sich nach klaren Kriterien zu orientieren. Es wäre nur belastend, sich mit einer Frage zu befassen, die niemand beantworten kann: Gibt es einen Gott? Und wenn ja: Wie sieht das Verhältnis Mensch – Gott aus? Nimmt Gott Einfluss auf den Lauf der Welt?

Für Völker gibt es Wichtigeres, als sich bei der Frage nach der Existenz Gottes aufzureiben. Religiöse Konflikte führen immer wieder zu Spannungen zwischen verschiedenen Glaubensgemeinschaften eines Staates. Für das Zusammenleben braucht es keinen Glauben an einen Gott. Deshalb haben moderne Staaten die Glaubens- und Kultusfreiheit eingeführt. Für die Bildung einer Demokratie ist es meist von Vorteil, wenn religiöse Prämissen die staatlichen Strukturen nicht belasten. Prägt beispielsweise die Scharia das juristische System, sind demokratische Prozesse nur schwer voranzutreiben.

Völker brauchen auch keine moralischen und ethischen Werte von Religionen und Glaubensgemeinschaften. Staaten sollten sich von moralischen Ansprüchen emanzipieren. Verfassungen, Gesetze und Verordnungen sollten das Zusammenleben auf pragmatische Weise regeln. Es droht kein Wertezerfall, wenn wir die religiöse Moral in die Schranken der Kirchen verweisen. Respekt, Rücksicht und Einfühlungsvermögen vermag eine Gesellschaft aus sich heraus zu erzeugen.

Moral braucht es für das Zusammenleben durchaus, wir dürfen sie aber nicht abhängig machen vom Glauben an einen Gott, den niemand beweisen kann. Religionen sind eine unsichere und relative Basis für die Bildung einer stabilen Gesellschaft und eines gesunden Staates. Verschiedene arabische Länder führen uns vor Augen, wie unheilvoll der religiöse Einfluss auf die staatliche Entwicklung sein kann.

hugostamm am Montag den 26. September 2011

Spiritualität gibt es auch ohne Gott

Ein Sonnenaufgang kann auch ohne esoterisches Drumherum ein spirituellen Erlebnis sein: Meditierender.

Spiritualität wird bei uns fast immer mit religiösen Vorstellungen in Verbindung gebracht. Man kann sich des Eindrucks kaum erwehren, dass Glaubensgemeinschaften die Deutungsmacht über den Begriff für sich beanspruchen. Sie strahlen das Selbstverständnis aus, dass man nur in einem religiösen Kontext wahre spirituelle Gefühle entwickeln und erleben kann.

Das entbehrt nicht einer gewissen Anmassung. Spiritualität kommt von Geist oder Geistigkeit. Geist ist ein wertfreier Begriff. Eine Verbindung zum Transzendentalen oder zur göttlichen Dimensionen haben Geistliche hergestellt. Diese haben so konsequent geistige Lobbyarbeit oder PR betrieben, dass der Durchschnittsbürger heute Spiritualität mit Religiosität gleichsetzt. Ja, die christlichen Kirchen haben die Spiritualität fast okkupiert: Sie definieren Spiritualität weitgehend mit christlicher Geistlichkeit.

In jüngster Zeit bekommen die Kirchen Konkurrenz von den Esoterikern. Diese beanspruchen Spiritualität selbstbewusst für sich. Sie haben den Begriff zum Schlagwort gemacht. Er dient ihnen als schwammiges Schlüsselwort, mit dem alles und jedes bezeichnet wird, das zum höheren Bewusstsein oder zur Erleuchtung führt.

Gemeinsam ist beiden, dass sie Spiritualität in erster Linie als religiöse oder übersinnliche Empfindung verstehen. Spiritualität ist eine emotionale Disziplin und vermittelt starke religiöse oder eben spirituelle Gefühle. Der Geist weht, er atmet, und er widersetzt sich weitgehend der intellektuellen oder rationalen Erfassung.

Deshalb sind ungläubige Menschen für Gläubige geistig amputierte Wesen. Viele «Eingeweihte» glauben, Skeptiker würden die entscheidende Dimension des Menschseins verpassen. Ihre Reaktionen schwanken zwischen Erbarmen und Überheblichkeit.

Doch wer definiert, was spirituelle Empfindungen sind? Offenbar reicht die Fantasie vieler Gläubigen nicht aus, um sich vorzustellen, dass es auch ganz profane spirituelle Empfindungen und Erfahrungen gibt. Ist nicht jede Form von Ergriffenheit ein spirituelles Erlebnis? Ist ein Konzert, das uns in den Bann zieht, nicht wesentlich spiritueller als ein ewig gleicher Gottesdienst? Weckt eine philosophische Erkenntnis nicht ein ähnliches Gefühl wie ein Gebet? Löst ein Sonnenuntergang in einer packenden Bergkulisse nicht stärkere Gefühle aus als eine Meditation?

Wahrscheinlich bewirken säkulare spirituelle Empfindungen stärkere «religiöse» Gefühle als in Routine erstarrte religiöse Rituale.


hugostamm am Donnerstag den 15. September 2011

Das magische Kreuz von Ground Zero

Die Stahlträger in Kreuzform werden am 11. September 2004 am Ground Zero präsentiert.

Zufall oder ein göttliches Zeichen? – Die Stahlträger aus den Trümmern am Ground Zero, September 2004.

Beim Aufräumen der Überreste des World Trade Center in New York entdeckte ein Arbeiter zwei Tage nach dem Terroranschlag ein Kreuz aus Stahlträgern, das aus den Trümmern ragte. Die Skulptur berührte die Arbeiter. Sie interpretierten das christliche Symbol als Zeichen Gottes und als Ausdruck der Hoffnung: Der Herr hat uns nach der unfassbaren Katastrophe nicht verlassen.

Das Kreuz fand auf Ground Zero, dem Gelände des Grauens, einen Ehrenplatz und diente als Mahnmal. Ende Juli 2011 musste es einem neuen Gebäude weichen und wurde im Keller des Neubaus gelagert – als zentrales Exponat des soeben erbauten Gedenkmuseum. Ende dieses Monats wird das Kreuz pünktlich zum Jahrestag dort ausgestellt. Millionen werden es fortan als kleines Wunder und höheres Zeichen bestaunen.

Der Glaube kennt keinen Zufall

Die drei eingestürzten Türme enthielten Tausende Tonnen Stahlträger. Viele dieser Elemente waren im rechten Winkel montiert, bildeten also eine Art Kreuz. Es überrascht deshalb nicht sonderlich, dass die Arbeiter auf ein Trümmerteil stiessen, das sie an das christliche Symbol erinnerte.

Wer hatte bei diesem Ereignis die Hand im Spiel? Der Zufall oder Gott? Im tief religiösen Amerika, wo sich Präsidentschaftskandidaten mit Stolz als christliche Fundamentalisten präsentieren und die Evolutionslehre als «nur eine Theorie» oder gleich als Irrlehre verdammen, sehen viele Amerikaner im Kreuz von Ground Zero ein Zeichen Gottes. Stellen wir also nüchterne Fragen. Was hat das Kreuz mit Gott zu tun? Was will er damit sagen, falls er wirklich dieses Zeichen gesetzt hat? Welchen Zweck verfolgt er damit?

Viele Gläubige weichen solchen Fragen aus. Sie betrachten ein Phänomen und halten die erste Assoziation für plausibel. Glauben heisst denn auch, für wahr halten. Am liebsten glauben sie, was Trost spendet, ihre Sehnsucht nährt und ihre Ängste betäubt. Deshalb sehen sie gern auch in weltlichen Dingen eine höhere oder spirituelle Bedeutung.

Der Glaube bedient die emotionale Seite in uns. Diese lässt sich nicht gern von Verstand und Vernunft bremsen. Deshalb lieben wir in religiösen Belangen Erleuchtungen und vermeiden nach Möglichkeit Fragen. Der Glaube an einen gütigen Gott nährt die Hoffnung, dass es einen versteckten Sinn gibt. Dass sich im Meer der irdischen Ungerechtigkeiten eine Insel der Freundlichkeit und der Güte finden lässt. Schon die Urchristen haben erkannt, dass der Verstand der Feind des Glaubens ist. Mit entwaffnender Offenheit schrieben sie in die Bibel: «Selig sind die Armen im Geiste.»

Terror als Strafe Gottes?

Wären die Arbeiter auf Ground Zero nicht der Gefühlsduselei verfallen, hätten sie Fragen gestellt. Wäre es von Gott nicht ein sinnvoller Akt der Barmherzigkeit gewesen, die 3000 Eingeschlossenen im Word Trade Center zu retten, statt die göttliche Allmacht in ein versengtes Stahlkreuz zu investieren?

Diese Frage berührt das religiöse Grundproblem der Theodizee, der Rechtfertigung Gottes. Konkret: Wie kann der allmächtige Gott, der nach christlicher Lehre in das Leben der Menschen wirkt, das grenzenlose Leid zulassen? Wie hält er es aus, unschuldige Menschen, die er angeblich nach seinem Ebenbild geschaffen hat, in der Flammenhölle der brennenden Türme sterben zu lassen? Wie kann man an einen Gott als gütigen Vater glauben, der das endlose Leiden auf der Erde duldet? Galileo Galilei erkannte das Dilemma schon vor fast 500 Jahren: «Ich fühle mich nicht zu dem Glauben verpflichtet, dass derselbe Gott, der uns mit Sinnen, Vernunft und Verstand ausgestattet hat, von uns verlangt, dieselben nicht zu benutzen.»

Weil sich die Fragen nach der Barmherzigkeit Gottes dem Verstand erziehen, klammern wir uns gern an Zeichen und Wunder. Auch Theologen und gläubige Philosophen stehen machtlos vor dem Dilemma, dass die Lebenserfahrung mit dem Bild kollidiert, das der christliche Glaube und die Bibel zeichnen.

Wer an Zeichen Gottes glaubt, braucht eine selektive Wahrnehmung. Er muss, selbst bei offenkundig Sinnlosem, alles verdrängen, was das Bild von Gott als gütigem und gerechtem Schöpfer trübt. Das Beispiel vom Kreuz auf Ground Zero zeigt: Die Konsequenz des Glaubens ist der Aberglaube.

hugostamm am Donnerstag den 8. September 2011

Erkenntnisse dienen der sinnvollen Lebensgestaltung

Der folgende Impulstext stammt von Ruedi Schmid (Optimus). Vielen Dank.

Thales, Galileo und Einstein.

In welchem Verhältnis stehen Verstand und Wirklichkeit? – Thales, Galileo und Einstein.

Die Unfähigkeit, Naturereignisse zu deuten, führte ursprünglich zur Erfindung der Götter. Inspiriert von seinen Entdeckungen der Geometriegesetze glaubte Thales bereits 600 v.Chr., dass die Wirklichkeit ohne Götter erklärbar ist. Mit seiner Hypothese, dass Wasser der Urstoff allen Seins und Geschehens sei, legte er den Grundstein. 150 Jahre später schrieb der Philosoph Demokrit, dass man durch endlosen Teilungsprozess auf Elementarteilchen stossen müsse und nannte diese Atome. 300 v.Chr. stellte schliesslich der griechische Astronom Aristarchos fest, dass die Erde um die Sonne kreist, die Sterne Sonnen sind und der Mensch nur ein unbedeutender Teil des Universums darstellt.

Danach wurde die Wunderkraft Gottes als Wirklichkeit verkündet. Aber unter dem Argument «Wunder» ist jede noch so utopische Wirklichkeitsfantasie möglich, was zwangsläufig zu Uneinigkeit, abwegigen Sekten, Missbrauch, Ausnützung, Zwang und Denkverbot führen musste. Um der Folterstrafe zu entgehen, liess z.B. Kopernikus seine Nachweise des heliozentrischen Weltbildes erst an seinem Todestag veröffentlichen.
Daraufhin versuchte Galileo im 16. Jahrhundert vergeblich, Rom vom heliozentrischen Weltbild zu überzeugen. Kontaktfreund Kepler war dank grösserer Toleranz im Norden erfolgreicher, musste dann aber vor den Katholiken flüchten und starb dadurch frühzeitig. Durch seine Planetenbahnberechnungen kam er ausserdem zum wegweisenden Schluss, dass im ganzen Universum Gesetze auf der Basis der Mathematik gelten müssen. Danach folgerte Descartes:

«Die Wirklichkeit ist verständlich, weil sie von den Naturgesetzen regiert wird. Welt und Universum funktionieren ohne Gotteshilfe durch die Naturgesetze und Gott hatte keine Wahl, die Naturgesetze anders zu gestalten.»

Das war ein bedeutungsvoller Schritt, aber erst die Gravitation- und Bewegungsgesetze von Newton machten deutlich, dass die Wirklichkeit bei den Naturgesetzen zu finden ist.
Die Naturgesetze machten Vorausberechnungen möglich, ob eine Brücke hält oder ein Flugzeug fliegt. Nur dank dieser Wirklichkeitserkenntnis erlangten wir Menschen die Fähigkeit, all unsere heutigen Errungenschaften, vom Handy bis zum Weltraumflug, zu entwickeln. Das führte zum Realismus und immer mehr Menschen konnten sich die Wirklichkeit ohne Wunder Gottes vorstellen.

Einsteins Relativitätstheorie zeigte dann aber klar, dass wir die Wirklichkeit nicht verstehen können. Dass z. B. Materie nur eine Form von Energie ist und Zeit sich relativ verhält, kann der menschliche Verstand nicht als Wirklichkeit erfassen. Dabei stellte sich heraus, dass unser Verstand auf die Alltagserfahrung beschränkt ist und wir nur einen Hauch der Wirklichkeit wahrnehmen können. Aber dank der Vorstellungskraft fühlen wir uns in einer wirklichen Welt.

Während man Einsteins Relativitätstheorie noch mathematisch erfassen konnte, zeigten sich im subatomaren Bereich (Basis von allem, was existiert) Phänomene, die unserem Wirklichkeitsbegriff völlig widersprechen, deren Experimente aber durch die Wiederholbarkeit nicht einem Wunder Gottes oder dem Zufall zugeordnet werden konnten. Mit der Quantenphysik, die mittlerweile zum Hauptgebiet der Naturforschung geworden ist, gelang es, jenseits von menschlicher Wirklichkeitsvorstellung Gesetzmässigkeiten zu finden. Dabei kommt man zwar der Wirklichkeit immer näher, aber sie entzieht sich immer mehr dem menschlichen Verstand und zwar so weit, dass selbst namhafte Physiker zweifeln, ob es überhaupt eine reale Aussenwelt gibt.

Damit hat uns die Physik die klare Lektion erteilt, dass unser Verstand zum Leben konzipiert ist und nicht dazu, die Wirklichkeit zu verstehen. Und dass die Werte des Lebens nicht bei der Wirklichkeit zu finden sind, sondern bei den Gedanken, die zur Lebensfreude führen. Und dass wir unsere Wirklichkeitsvorstellung nutzen können, um ein wertvolles Leben zu gestalten. Die Philosophie der Ethik (richtiges handeln zum Wohle aller Menschen) wird dadurch zur sinnvollsten Wissenschaft.

hugostamm am Montag den 29. August 2011

Vertreiben die Philosophen Gott?

Das Denken soll durch nichts eingeschränkt werden: Diogenes bittet Alexander, aus der Sonne zu treten.

Das Denken soll durch nichts eingeschränkt werden: Diogenes bittet Alexander, aus der Sonne zu treten. (Gemälde: Nicolas Andre Monsiau, 1818).

Die Philosophie ist die Königin der Geisteswissenschaften. Sie versucht, das Leben, die Zeit, die Metaphysik, die menschliche Existenz und viele essentielle Fragen rund um Sinn, Moral und Ethik zu ergründen. Philosophie erfordert ein hohes Mass an Logik und abstraktem Denken, aber auch an emotionaler Kompetenz und Einfühlungsvermögen. Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie sind wichtige Pfeiler der Philosophie.

Philosophen haben das Bewusstsein der Menschheit geprägt wie kaum andere Wissenschaft. Griechische Denker hinterliessen uns ein geistiges Erbe, das unser Denken bis in die heutige Zeit prägt. Es waren die weisen Philosophen, die uns die Welt erschlossen und uns aus der geistigen Dunkelheit geführt haben. Philosophie heisst denn auch Liebe zur Weisheit.

In der Philosophie gibt es keine geistigen Grenzen. Alles, was gedacht werden kann, soll gedacht werden. Das Denken soll durch nichts eingeschränkt werden, Tabus darf es nicht geben. Deshalb ist es entscheidend, dass Philosophen geistig unabhängig sind und nicht im Dienst eines Systems, Interessenvertreters oder gar einer Ideologie stehen. Geistige Offenheit und Unabhängigkeit sind das wichtigste Gut der Philosophie.

Die Philosophie teilt sich verschiedene Themenbereiche mit der Theologie. Beide Disziplinen befassen sich mit der Sinnfrage, der Ethik, der Moral und der Metaphysik. Doch was Weisheit und Wissenschaftlichkeit betrifft, ist die Theologie arg im Hintertreffen.

Nehmen wir ein Beispiel: Sowohl die Theologie als auch die Philosophie befassen sich mit der Frage des Seins. Die Theologen stecken aber in einem geistigen Korsett. Ihr Weltbild und ihr Denken ist begrenzt durch eine religiöse Ideologie. Wo ein Gott im Spiel ist, legt sich das Denken Fesseln an. Wenn eine Form von Glauben das Bewusstsein prägt, wird die Logik oder die Wissenschaftstheorie eingeschränkt. Ich kann nicht glauben und gleichzeitig frei denken, weil der Glaube die Gedanken mehr oder weniger bewusst lenkt.

Ein Philosoph muss sich die Welt auch ohne Gott vorstellen können – und zwar bis zur letzten Konsequenz. Wer eine Welt ohne Glauben und Gott nur als Gedankenspiel oder Hypothese postuliert, kommt der Wahrheit nicht näher. Deshalb findet man unter den Philosophen mehr Weise und grosse Denker als unter den Theologen.

Warum haben denn Theologen – zu denen meist auch Geistliche zählen – mehr Einfluss als Philosophen? Die meisten Menschen wollen klare und einfache Antworten, um sich orientieren zu können. Philosophen stellen aber vor allem Fragen. Und wenn sie eine Antwort geben, ist sie meist so komplex oder kompliziert, dass man sich anstrengen muss, um den Sinn zu erkennen. Geistige Anstrengung ist leider kein Volkssport.

Die Mehrheit hält sich lieber an die Antworten der Theologen. Die sind einfach: Gott hat die Welt erschaffen und den Menschen auf die Erde gestellt, auf dass er ein gutes Leben führe und nach dem Tod in den Himmel komme. Somit sind die Fragen nach dem Woher, dem Wohin und dem Sinn endgültig beantwortet. Wozu braucht es da noch Philosophen, die unbequeme Fragen stellen oder sagen, Gott ist tot.