Schweiz


hugostamm am Donnerstag den 10. Dezember 2009

Spiritualität – jenseits von Gott und Glaube

Spirituelles Empfinden ist nicht zwingend an eine Heilslehre oder einen Glauben gebunden. Spiritualität ist eine Fähigkeit, die Welt mit dem Geist zu durchdringen. Dabei ist das Augenmerk vor allem auf die geistige Verbindung zu transzendentalen Dimensionen oder auf das Jenseits gerichtet.

Spiritualität hat also eine starke persönliche oder subjektive Komponente. Bei Mitgliedern von Glaubensgemeinschaften sind die spirituellen Freiheiten aber eingeschränkt. Heilslehren definieren Spiritualität nach klaren Mustern. Glaubensgemeinschaften geben vor, wie die Gläubigen spirituell zu leben haben und wie sie das Verhältnis zum Jenseits oder Gott gestalten müssen.

Ich frage mich hingegen, weshalb wir das spirituelle Empfinden auf transzendentale Ziele ausrichten müssen. Spiritualität ist eine emotionale, empathische Disziplin, die im Gemütsbereich angesiedelt ist. Deshalb führen spirituelle Rituale zur Ausschüttung von Glückshormonen, im Extremfall zu euphorischen Entäusserungen, die zu temporären Rauschzuständen führen können. Es ist kein Zufall, dass Skeptiker gern das Bild von der Sucht bemühen, wenn sie an extreme Glaubensformen denken. Denn die SehnSucht ist ein starkes Element religiösen Empfindens.

Die Bindung der spirituellen Gefühle an starre Konzepte führt zu einem Absolutheitsanspruch, zu Konkurrenz und Intoleranz. Die Rivalität der Glaubensgemeinschaften trägt ein starkes Konfliktpotential in sich, das auch heute noch zu Gewaltexzessen führt. Auch die daraus resultierende Mission trägt nicht zum Frieden bei.

Wie sähe eine auf das Irdische bezogene Spiritualität aus? Eine Frage, die eigentlich leicht zu beantworten ist: Das grösste Geheimnis, das die stärksten Emotionen auslöst, sind Liebe und Empathie. Diese beiden Phänomene haben ja durchaus einen religiösen Aspekt. Menschlichkeit kommt durch das Einfühlungsvermögen und die Liebe in die Welt. Oft ist ihnen der Glaube im Weg, weil er ein trennendes Element ist, das Menschen voneinander entfernt.

Weshalb etwas im spekulativen Jenseits suchen, wenn wir es in uns finden?

hugostamm am Sonntag den 29. November 2009

Minarettverbot: Der falsche Protest

Die Überraschung ist perfekt, das Volk hat den meisten Politikern, Parteien, Verbänden, Kirchen und vor allem den Gurus der Umfrageinstitute eine Lektion erteilt: Eine Mehrheit und die Stände wagten den Aufstand.

Wie war die politische Sensation möglich? Es ging zwar um das Minarett, in Wirklichkeit benutzten viele Stimmbürger aber die Abstimmung zu einem vielfältigen Protest: Ein Protest gegen die Ausländerpolitik, gegen die Zuwanderung, gegen die Islamisierung Europas, gegen die mangelnde Integration, gegen das Fremde an sich. Kurz: Das Minarett war die perfekte Projektionsfläche, um alle Formen von Frust und Ressentiments loszuwerden. Es war meines Erachtens eine Abrechung, eine Chropfleertete. Die Stimmkarte als Stimmungsbarometer des Schweizer Volkes.

Es fragt sich nur, ob eine Abstimmung das richtige Instrument ist, den Frust loszuwerden. Denn in der Sache bringt der Protest wenig. Es wird kein Moslem weniger einwandern, es wird nicht eine Moschee weniger gebaut. Und ob eine Moschee ein Türmchen hat oder nicht, hat keinen Einfluss auf die Zuwanderung, die Ausbreitung des Islams und den Umstand, dass Ausländer manchmal Schweizern die Arbeitsstelle wegnehmen.

Die in der Abstimmung offenbarten Ressentiments können allerdings negative Konsequenzen haben. Das Plebiszit kann den Religionsfrieden gefährden, es besteht die Gefahr, dass die Moslems weiter isoliert werden, wodurch die Integration erschwert würde. Ausserdem steht der internationale Ruf der Schweiz als pluralistischer, toleranter Staat auf dem Spiel. Als Tourismusland könnte dies schmerzlich werden, vor allem in Krisenzeiten. Nach den verschiedenen internationalen Pleiten in den letzten Monaten geraten wir erneut in die internationalen Schlagzeilen. Die ersten Boykottankündigungen sind bereits am Sonntagabend laut geworden. Die Lust von Ghadhafi, die beiden Schweizer Geisel freizulassen, dürfte kaum gewachsen sein.

Wir laufen auch Gefahr, ins Visier der Islamisten zu geraten. Sollte es zu Anschlägen kommen, würden die Touristen erst recht ausbleiben.

In der Regel wird dem Schweizer Volk bei den Abstimmung eine grosse Besonnenheit attestiert. An diesem Sonntag hat es den politischen Instinkt vermissen lassen.

Ich höre bereits die Proteste auf diese Zeilen: Ich sei feige und würde nicht für die Freiheit kämpfen. Minarette haben mit Freiheit wenig zu tun. Wenn wir unsere Ressentiments und Vorurteile nicht mit besseren politischen Instrumenten und Argumenten zum Ausdruck bringen können, ist es um die politische Kultur schlecht bestellt. Wir sollten dort für die Freiheit einstehen, wo sie wirklich in Gefahr ist.

hugostamm am Mittwoch den 18. November 2009

Sind Religionen Verschwörungstheorien?

Eine interessante These bezüglich Verschwörung vertritt der Konfliktforscher und Strategieexperte Kurt Spielmann. In der Sendung „Treffpunkt“ vom 17. November auf DRS 1 erklärte er, dass Religionen eigentlich aus Verschwörungstheorien entstanden seien.

Spillmann sagte zum Grundsatz solcher Theorien, bei mysteriösen Grossereignissen würden immer einzelne Fragen offen bleiben. Beispiel Mondlandung, Ermordung John F. Kennedys, 9/11. Die Weltverschwörer würden die wirklichen Fakten übergehen und die Indizien der ungelösten Fragen zu einer neuen Theorie zusammenkleistern.

Weiter legte Spillmann dar, die Verschwörungstheorien dienten dazu, die vielfältige Wirklichkeit mit einfachen Mustern zu erklären. Oft sei auch die Angst der Motor für solche Theorien. Angst rufe geradezu nach einfachen Erklärungen komplexer Zusammenhänge.
Um die Angst zu bändigen, brauche es leicht verständliche Theorien.

Solche Theorien entwickeln in der Regel Menschen, die überfordert sind und ein Komplott der Mächtigen wittern. Es gibt aber auch Verschwörungstheorien „von oben“. Spillmann nennt den Brand von Rom um das Jahr 60. Nero habe das Ereignis den Christen in die Schuhe geschoben, um sie verfolgen zu können. Ähnlich sei es bei Hitler gewesen, der die Protokolle der Weisen von Zion benutzte, um den Holocaust zu rechtfertigen.

Auch die Kirche hat solche Verschwörungstheorien benutzt, um Gläubige zu disziplinieren. Stichworte sind die Inquisition und die Stigmatisierung von Freimaurern.
Als Verschwörungstheorie von oben bezeichnet Spillmann die Erkenntnis von Galilei. Seine Beweise, dass die Erde rund sei, habe die Kirche als Verschwörungstheorie abgetan. Ebenso die Evolutionstheorie. Sonst wäre die Doktrin ins Wanken geraten, wonach die Menschheit die Krone der Schöpfung sei. Und dass die Erde das Zentrum des Universums darstelle.

Spillmanns Ausführungen gipfeln in der Aussage, Religionen seien letztlich ebenfalls Verschwörungstheorien. Diese Theorien seien Erklärungshypothesen von Dingen, die man nicht verstehe und die Angst auslösten. Weil die Welt keine Hilfsmittel zur Bewältigung der Ängste biete, suchten die Menschen Unterstützung von fernen Instanzen mit besonderen Kräften, also den Göttern. Heilslehren seien kompakte Welterklärungsschemen, weil die Ängste mit dem Verstand nicht gebändigt werden könnten. Damit entmystifiziert Spillmann die Religionen und ihre Ansprüche nach der absoluten Wahrheit.

Die Sendung: http://www.drs1.ch/www/de/drs1/sendungen/treffpunkt/2785.sh10107395.html

hugostamm am Montag den 9. November 2009

Gefährliche Radikalisierung im Glauben

Der Dalai Lama hat beim letzten Besuch in Deutschland erklärt, Gewalt werde „von jeder Religion abgelehnt.“ Gegen diese Aussage ist kaum etwas einzuwenden, auch wenn man in Bibel und Koran Passagen findet, in denen es deftig her und zu geht. Es würde den Würdenträgern grösserer Religionsgemeinschaften schlecht anstehen, wenn sie öffentlich zu Aggression gegen Andersgläubige aufrufen würden.

Die islamischen Hassprediger ändern nichts an der Tatsache, dass auch die meisten islamischen Geistlichen für religiösen Frieden plädieren. Es würde den Hütern von Moral und Ethik schlecht anstehen, wenn sie gegen Frieden stiftende Massnahmen wären. So gründeten vor wenigen Wochen Christen, Juden und Muslime in Basel das Projekt „Zelt Abrahams“, das die Gleichberechtigung der Religionen anstrebt.

Ein Blick auf die Karte der regionalen und internationalen Konflikte zeigt aber, dass Anspruch und Wirklichkeit oft weit auseinander klaffen. Es ist leicht für die drei Glaubensgemeinschaften, in der befriedeten und halbwegs kultivierten Schweiz ein Friedensprojekt zu gründen. Sinnvoller wäre es, Abrahams Zelt auf dem Tempelberg aufzustellen. Dort wüten die Religionskonflikte unter den Vertretern der drei Buchreligionen – vor allem zwischen Juden und Moslems – immer heftiger.

Ausgerechnet an einem der heiligsten Orte lässt sich beobachten, dass Religion und Glaube ein ähnliches Aggressionspotential entwickeln können wie politische und ethnische Konflikte. Statt Frieden zu stiften, kann religiöse Verblendung zu Fanatismus und Extremismus führen. Nicht nur bei Sekten. Der Fanatismus ist oft der Bruder der Aggression.

Bei religiösen Auseinandersetzungen sind politische Friedensbemühungen selten wirkungsvoll. Die radikalen Gläubigen fühlen sich in erster Linie Gott und ihren religiösen Führern verpflichtet. Die Religionsgesetze erachten sie als verbindlicher als Verfassungen und Menschenrechte. Im Kampf für ihren Gott lassen sie sich von niemandem beeinflussen und missachten auch die ethischen Appelle ihrer Heilslehre.

Tatsächlich enthält ein radikaler Glaube ein hohes Aggressionspotential. Schliesslich geht es in den Augen dieser Gläubigen um die höchsten Werte und um transzendentale Dimensionen, also um die Zukunftsperspektiven über den Tod hinaus. Dagegen haben menschliche Bedürfnisse wenig Gewicht.

Religionsführer sollten aus der Geschichte lernen und anerkennen, dass Religion und Glaube ein hohes Aggressionspotential bergen. Sie sollten aus Erfahrung wissen, dass extreme Formen der Spiritualität zu heftigen psychischen Reaktionen führen können, die manchmal im Wahn enden. Deshalb müssten sie versuchen, einen sinnvollen Kompromiss zwischen weltlichen und religiösen Anliegen zu finden.

Eine extreme Fokussierung auf das Glaubensleben ist für die Persönlichkeitsentwicklung gefährlich. Deshalb sollten verantwortungsvolle Geistliche aller Glaubensgemeinschaften ihre Gläubigen vor sektenhaften Entwicklungen in ihren eigenen Reihen warnen. Das wäre die beste Prophylaxe, um Auswüchse zu verhindern.

hugostamm am Samstag den 31. Oktober 2009

Das Klassentreffen der unheimlichen Patrioten

Krise und Klima der Verunsicherung fördern den Aberglauben und sind Wasser auf die Mühlen von Sektierern und Weltverschwörern. Diese nutzen die Gunst der Stunde und rotten sich immer mehr zusammen. Ausserdem wagen sie zunehmend den Schritt an die Öffentlichkeit. Wohin dies führt, habe ich in einem Artikel im Tages-Anzeiger vom 31. Oktober aufgezeigt:

Grosser Empfang für Weltverschwörer und Sektierer in der Olma-Halle: Stargast beim Anti-Zensur-Koalitions-Kongress ist Scientology-Boss Jürg Stettler.

Zum Kongress der Anti-Zensur-Koalition (AZK) von heute Samstag in St. Gallen hat der 53-jährige «Apostel» Ivo Sasek eingeladen. Der ehemalige Zürcher Automechaniker verbreitet mit seiner grossen, international tätigen Sekte Organische Christusgeneration (OCG) seit vielen Jahren Drohbotschaften. Nach biblischer Doktrin propagiert er beispielsweise die Züchtigung der Kinder mit der Rute. «Du errettest sein Leben», behauptet Sasek, «blutige Striemen schützen vor der Hölle.»

Sasek wurmt es seit langem, dass seine Gemeinschaft mit Sitz in Walzenhausen AR in der Öffentlichkeit als Sekte wahrgenommen wird und seine Anliegen in den Medien kaum Gehör finden. Deshalb startete er zusammen mit seiner Frau politische Aktionen und gründete die AZK. Aus dem Sektenumfeld stammt auch die Anti-Genozid-Partei (AGP), die gegen die staatliche Überwachung kämpft. Die AGP hatte Unterschriften für das Referendum gegen die biometrischen Pässe gesammelt. Die Partei ist überzeugt, dass die Bevölkerung bald mit implantierten Chips überwacht wird.

Die Anti-Zensur-Koalition hat sich in kurzer Zeit zu einem Forum für Sektierer entwickelt. Sasek organisiert regelmässig Konferenzen, die Hunderte Besucher anlocken. Die Stossrichtung lässt sich aus den Artikeln der «Anti-Zensur-Zeitung» ablesen. Es geht um die «tödlichen Mobilfunkstrahlungen», die «Nebenwirkungen der Homosexualität» («hohe Suizidrate, Depressionen, Ekel vor sich selber»), den Schwindel über die Klimaerwärmung, die neue Weltordnung und die Unfruchtbarkeit durch Gennahrung. In dieses Themenfeld passen auch antisemitische Töne. Die AZK-Zeitung zitiert einen Artikel der «Basler Nachrichten» vom 13. Juni 1946, wonach sich die Zahl der jüdischen Opfer im Zweiten Weltkrieg lediglich zwischen 1 und 1,5 Millionen bewegt habe. Ausserdem äussert das Blatt die Vermutung, dass die Schweinegrippe mithilfe der Gentechnik hergestellt worden sei und nun als militärische Waffe für biologische Kriegsführung diene.

Aufschlussreich ist auch die aktuelle Referentenliste. In der Olma-Halle wird Scientology-Chef Jürg Stettler erklären, «was Scientology wirklich ist». Weitere Redner werden den «Impf-Terrorismus» anprangern und gegen die Klimalügen wettern.
Warnung vor den Illuminaten

Bei einer früheren Konferenz in Chur propagierte Harald Baumann die «Germanische Neue Medizin» des Scharlatans Geerd Hamer, ein anderer Referent beschwor die drohende Eugenik und die neue Weltordnung, und die Impf-Kritikerin Anita Petek Dimmer vom Verein Aegis warnte vor den Impf-Gefahren. In einem weiteren Vortrag wurde die Gefahr der Illuminati, der geheimen Weltregierung, thematisiert.

Obwohl der Eintritt in die Olma-Halle gratis ist, zieht die AZK die Konferenz professionell auf. Die Referenten werden auf mehrere Leinwände projiziert und ihre Vorträge in verschiedene Sprachen übersetzt. Ein grosser Kamerakran kann Publikum und Vortragende effektvoll ins Bild rücken. Selbst die Verpflegung in den Pausen ist kostenlos. Moderiert werden die Grossveranstaltungen von Sektengründer Sasek persönlich. Ein grosses Orchester sorgt für einen würdigen Rahmen. Die eigens komponierte AZK-Hymne wird von sechs seiner zehn Kinder gesungen, wobei die Töchter in züchtigen langen Röcken auftreten.

Ralph Engel, Abteilungsleiter bei den Olma-Messen St. Gallen, stützt sich auf den Entscheid der Gewerbepolizei ab, die den Kongress bewilligt hat. «Wir halten uns aus der politischen und gesellschaftlichen Diskussion heraus», erklärt er. Er werde aber genau prüfen, ob die Veranstalter sektiererisch auftreten oder gegen Sitten und Gebräuche verstossen werden.

hugostamm am Freitag den 23. Oktober 2009

Wie der Mensch Gott gefunden hat

Es gibt ein paar Konstanten im und Erkenntnisse über das Leben, die für alle Menschen eine zentrale Bedeutung haben: Wir sind auf die Erde geworfen, wir haben das Bewusstsein über unsere Existenz, wir haben die Fähigkeit, die Zeit wahrzunehmen, wir wissen um unseren eigenen Tod. Weiter erkennen wir, dass wir zu den sozialen Wesen gehören, die aufeinander angewiesen sind. Der Einzelne wäre kaum fähig zu überleben. Der Kit von kleinen und grossen Gemeinschaften ist die Liebe.

Diese Parameter gelten vermutlich für alle Gemeinschaften, ethnischen Gruppen und religiösen Bewegungen. Sie ermöglichen erst die kulturelle die Entwicklung in allen Lebensbereichen: Erziehung, Bildung, Wissenschaft, Technik. Alles Dinge, die das Zusammenleben in der Regel fördern und uns das Leben angenehm machen. Ohne Befriedigung dieser Grundbedürfnisse sind psychische Entwicklungen kaum möglich.

Es fällt auf, dass in dieser Aufzählung transzendentale oder religiöse Aspekte fehlen. Sie sind eine Folge der kulturellen Entwicklung. Parallel zu den geistigen Errungenschaften veränderten sich die religiösen Konzepte. Vom einfachen Glauben an die Gestirne entwickelten sich alchimistische und animistische Heilslehren, der Glaube an eine Vielzahl von Göttern und schliesslich die Vorstellung von einem personalen Gott. Es käme heute wohl niemandem mehr in den Sinn, Sonne und Mond als göttliche Wesen anzubeten.

Der Glaube an ein Leben nach dem Tod ist also eine kulturelle Leistung. Dies ist ein Hinweis darauf, dass der Mensch ein höheres Wesen gesucht und Gott gefunden hat. Und es lässt vermuten, dass Gott sich dem Menschen nicht offenbart hat, wie uns dies verschiedene Heilslehren suggerieren. Hätte Gott dies getan, hätten unsere Urahnen wohl kaum Sonne und Mond angebetet.

Ohne Liebe verkümmert der Mensch. Ohne Gott nicht.

hugostamm am Mittwoch den 14. Oktober 2009

Religion: Suche nach pränataler Geborgenheit

Wir Menschen halten Unsicherheiten schlecht aus. Unser ganzes Streben richtet sich danach, Geborgenheit in allen Lebensbereichen zu finden. Das Bild vom Embryo im Mutterleib symbolisiert die Ursehnsucht nach einem geschützten Dasein. Psychologie und Literatur befassen sich deshalb intensiv mit dem Phänomen.

Die Geburt ist für den Fötus ein Schock, die Konfrontation mit der rauen Aussenwelt kann zum traumatischen Erlebnis werden. Zur Kompensation sind wir mit Neugier ausgestattet: Die „Eroberung“ der Welt und die Triebbefriedigung tröstet Kinder über den Schock hinweg, der mit der Geburt verbunden ist.

Die Erfahrung, dass die Welt ein Hort von Angst und Gefahren ist, setzt der kindlichen Psyche zu, wie die Entwicklungspsychologie weiss. Auch Eltern spüren, dass sich Kinder mit der neuen Erfahrung schwer tun. Schmerzen, Verzicht, Einschränkungen, Ich-Kränkungen und Überforderungen verunsichern sie. Um die Kinder zu trösten, malen viele Mütter und Väter das Bild vom lieben Gott, der allmächtig ist und sie für Tapferkeit, Wohlverhalten und Ausdauer belohnt. Selbst beim Spenden von Trost greifen viele Eltern auf religiöse Metaphern zurück. Zieht sich ein Kind eine Schürfwunde zu, wenden sie den Spruch an: „Heile, heile, Säge …“ (für Segen).

Ersatz für die verlorene Geborgenheit im Uterus sind für viele Religion und Glauben. Wir sehnen uns wieder nach dem Absoluten, weil das Leben geprägt ist vom Relativismus. Es gibt keine unverrückbaren Werte, keine verlässliche Wahrheit. Alles ist in Bewegung, alles verläuft in Prozessen. Was heute für richtig empfunden wird, kann morgen von der Natur- oder Geisteswissenschaft widerlegt werden. Oder von unseren eigenen Erkenntnissen und Erfahrungen.

Die Ursehnsucht nach Geborgenheit drückt sich in den Paradiesvisionen aus, die fast alle Religionen und Glaubensgemeinschaften in mehr oder weniger ausgeprägter Form propagieren. Das Leben ist eine Prüfung, die Belohnung winkt nach dem Tod. Und diese Belohnung soll wieder so absolut sein wie die Existenz als Embryo.

So betrachtet, ist der Glaube in erster Linie ein psychologisches Phänomen. Wir suchen Trost in einer verborgenen Welt. Die Definition: Religion ist die Suche nach der verlorenen Unschuld und der totalen Geborgenheit.

hugostamm am Montag den 5. Oktober 2009

Denkmalschutz für christlichen Gott

Obwohl wir die Glaubens- und Religionsfreiheit in der Verfassung verankert haben, geniessen unsere Landeskirchen viele Privilegien. Der Staat zieht für sie die Steuern ein, finanziert die theologischen Falkultäten an den Unis, die Verfassung beginnt mit der Präambel „Im Namen Gottes…“, Geistliche leisten in Careteams Beistand, bei Katastrophen gibt es Gedenkgottesdienste usw.

Dass die christlichen Kirchen in unserer christlichen Kultur tief in den sozialen und politischen Strukturen verankert sind, ist aus der geschichtlichen Entwicklung heraus verständlich. Deshalb reagieren viele Kirchenvertreter gereizt, wenn ihre Sonderstellung hinterfragt wird. Schliesslich hat die öffentliche Religionskritik keine Tradition. Es ist deshalb nachvollziehbar, dass sich die kirchlichen Institutionen zuerst daran gewöhnen müssen. Oft klammern sie sich aber zu sehr an ihre Privilegien und vergessen die Glaubensfreiheit.

Manche christliche Würdenträger oder Institutionen verstehen sich als eine Art Staat im Staat. Ein Stück weit verständlich, kennen wir doch die Trennung Kirche und Staat nicht. In den 80-er Jahren wurde eine solche mit 79 Prozent Nein-Stimmen wuchtig verworfen. Inzwischen haben sich aber viele Gläubige aus den Kirchen geschlichen, und es könnte sein, dass diese Trennung dereinst angenommen würde. Deshalb wäre es angezeigt, dass die Landeskirchen mehr Toleranz markieren würden. Viele tun dies, manche aber nicht, wie die Vorgänge rund um die Plakataktion der Freidenker zeigt. Ich füge deshalb den Artikel an, den ich im TA publiziert habe:

Dürfen Freidenker behaupten, es gebe wahrscheinlich keinen Gott? In Zug nicht. Das sei ein öffentliches Ärgernis, entschied der Stadtrat. Nun droht ihm eine Klage.

Ende Oktober wird die Vereinigung der Freidenker in der Deutschschweiz rund 250 Plakate im Weltformat auf öffentlichem Grund aufkleben lassen. Die Botschaft der Skeptiker: «Da ist wahrscheinlich kein Gott. Also sorg dich nicht – geniess das Leben.»
Der Spruch sorgt für heftige Diskussionen, bevor ihn die Passanten zu Gesicht bekommen. 10 dieser Plakate werden nämlich keinen Standplatz finden. Der Stadtrat von Zug hat diese Woche beschlossen, die Botschaft der Freidenker zu verbieten. Sie ist seiner Meinung nach der Bevölkerung nicht zuzumuten. «Im katholischen Zug mit den vielen Kirchen und Klöstern können solche Plakate ein öffentliches Ärgernis erregen», sagt Stadtschreiber Arthur Cantieni zum Entscheid der Zuger Stadträte.
Minarett-Plakat genehmigt
An der gleichen Sitzung hat dieselbe Exekutive entschieden, das Plakat zur Minarett-Initiative auf öffentlichem Grund zuzulassen. Dieses Plakat sei wohl verletzend, womöglich rassistisch, räumt der Stadtschreiber ein. Der Stadtrat habe aber das Initiativrecht nicht tangieren wollen. Cantieni ist sich aber bewusst, dass die beiden Entscheide nicht konsequent und für viele nur schwer nachvollziehbar sind. Dennoch hat die Stadtregierung das Plakat der Freidenker ohne eingehende Diskussion verboten.
Die Zuger Baudirektorin Andrea Sidler (CVP) verteidigt den Entscheid. Der Aushang sei zu provokativ und ein Affront für die Gläubigen. Dabei konzentriert sie sich nicht auf die Aussage, es gebe keinen Gott. Sie stört sich vor allem daran, dass das Plakat die Aussage enthält, Gläubige würden das Leben nicht geniessen. Unterstützung erhält die Stadträtin von der katholischen Kirche Zug.
Eine besondere Note bekommt der Zuger Entscheid, weil Luzern wenige Tage zuvor in der gleichen Sache anders entschieden hatte. Zwar hatten die Behörden die Plakate ursprünglich ebenfalls verboten. Doch nach dem Protest der Freidenker holte die Luzerner Stadtregierung den Rat der Landeskirchen ein. Als sich diese gelassen gaben und im Plakat keinen Angriff auf ihren Glauben erkannten, machten die Luzerner Behörden einen Rückzieher; jetzt lassen sie die Plakate in ihrer Stadt doch zu. Somit stehen die Zuger mit ihrem negativen Entscheid schweizweit isoliert da.
«Glauben nicht nehmen»
Die Freidenker erklären, der Zuger Stadtrat verletze mit seinem Verbot die verfassungsmässig garantierte Glaubens- und Meinungsfreiheit. Eine Allianz der Religiösen wolle jede Kritik an den Religionen und dem christlichen Glauben unterdrücken und die Freidenker diskreditieren. «Wir wollen niemandem den religiösen Glauben wegnehmen», wehrt sich Reta Caspar, Leiterin der Freidenker -Geschäftsstelle. Sie erwartet aber auch, dass ihre aufklärerische Haltung respektiert werde.
Brisant bei der Luzerner Kehrtwende ist, dass die Freidenker ausgerechnet von den Landeskirchen Unterstützung erhalten haben. Eine unheilige Allianz oder ein Akt kirchlicher Toleranz? Reta Caspar winkt ab: «Das hat nichts mit Nächstenliebe zu tun, sondern mit Eigennutz.» Hätten sich die Kirchen gegen ihre Plakate ausgesprochen, wäre der Entscheid laut Caspar allenfalls auf sie zurückgefallen. Dann hätten sie damit rechnen müssen, dass auch ihre Werbung auf öffentlichem Grund angegriffen worden wäre, ist sie überzeugt.
Die Auseinandersetzung um die Plakate der Freidenker hat Gläubige animiert, die mediale Aufmerksamkeit auch für ihre Zwecke zu nutzen. Die evangelische Markuskirche in der Stadt Luzern erklärt wie die Landeskirchen, sie akzeptiere die Kampagne der Freidenker als freie Meinungsäusserung, und lanciert flugs eine eigene Aktion. Die evangelische Freikirche hat ein grosses Plakat geschaffen, das sie morgen Sonntag an den Kirchenturm hängen will. In Abwandlung des Spruchs der Freidenker steht darauf: «Da ist bestimmt ein Gott – also sorg dich nicht, er sorgt für dich.»
Wie kommt es, dass Städte wie Luzern und Zug Plakatwerbung verbieten können? Diese haben wie auch andere Kommunen eine Vereinbarung mit der Plakatgesellschaft APG. Danach muss die Firma heikle Aushänge den Behörden zur Genehmigung vorlegen. Befürchten diese, ein Plakat könnte ein öffentliches Ärgernis erregen, dürfen sie es verbieten. Die Verantwortung tragen dann die Behörden.
Die Freidenker wollen den Entscheid der Zuger Stadtregierung nicht hinnehmen. «Mit dem Verbot unserer Plakate verletzt der Stadtrat öffentliches Grundrecht», ist die ausgebildete Juristin und Freidenkerin Reta Caspar überzeugt. Deshalb will ihre Vereinigung rechtlich gegen das Verbot vorgehen.
Ihre Erfolgschancen stehen nicht schlecht, wie Staatsrechtsprofessor Thomas Gächter von der Universität Zürich bestätigt. Das Plakat enthalte eine Äusserung mit transzendentalem Inhalt. Nach Ansicht des Experten fällt dieser in den Schutzbereich der Religionsfreiheit.
Scheinheilige Zuger?
Für die Freidenker ist die Haltung der Zuger Stadtregierung scheinheilig oder bigott. So habe der Stadtrat nie geprüft, ob die Plakate mit den grossen blauen Bibelsprüchen der Agentur C die religiösen Gefühle religionskritischer Personen verletzen würden. Tatsächlich bringen freikirchliche Kreise dieser Agentur regelmässig unzählige übergrosse Poster an und geben Millionen für Bibelpropaganda aus. Ein Beispiel: «Jesus Christus spricht: Wer an mich glaubt, der hat das ewige Leben.» Gegründet hatte die Agentur der ehemalige Inhaber der Firma Sipuro, Heinrich Rohrer.
«Wir hoffen, dass die frommen Kreise unsere Plakate nicht verschandeln», sagt Reta Caspar. «Genau so, wie wir die Bibelzitate respektiert haben.» Ihre Befürchtungen scheinen begründet zu sein, wird sie doch heute schon in anonymen Mails beschimpft und verhöhnt. Teilweise enthalten sie Drohungen.
Der Name der Freidenker -Vereinigung (FVS) ist Programm. Sie will das «freie und kritische Denken aufgrund einer humanistischen und wissenschaftsorientierten Weltanschauung und Ethik fördern». Die Freidenker sind überzeugt, dass ein dogmatischer Glaube das freie Denken und das Bewusstsein einschränkt. Ihr Kernthema ist die Trennung von Kirche und Staat. Die Freidenker würden gern eine entsprechende Initiative ergreifen, doch sie vermuten, dass ihr Anliegen momentan kaum eine Chance hätte. Deshalb versuchen sie, das Terrain mit Aufklärungskampagnen zu ebnen.
Die kritische Geisteshaltung gegenüber etablierten Kirchen trägt den Freidenkern immer wieder Ungemach ein. Sie werden gern als verbissene Atheisten dargestellt. «Wir vertreten ein humanistisches Weltbild, propagieren aber keinen Atheismus», sagt Grazia Annen, Präsidentin der Sektion Zentralschweiz. «Nur gut die Hälfte unserer Mitglieder bezeichnet sich als Atheisten. Viele sind Agnostiker oder Pantheisten. Wir missionieren auch nicht, unser Anliegen ist die Aufklärung.»
Der erste Freidenker -Klub wurde 1870 in Zürich gegründet. Bekanntestes Mitglied war der Psychiater Auguste Forel (1848-1931), der der Psychiatrischen Klinik Burghölzli zu einem grossen Renommee verholfen hat.
Die Schweizer Vereinigung wurde 1908 gegründet. Als August Richter im gleichen Jahr in Luzern eine Sektion gründen wollte, wurde er verhaftet und wegen Gotteslästerung zu zwei Monaten Haft verurteilt. Das Bundesgericht hob das Urteil wieder auf.
Heute umfasst die Freidenker -Vereinigung 13 Sektionen mit rund 1500 Mitgliedern. Sie organisieren Referate mit bekannten kritischen Denkern und widmen sich der Aufklärung. Weiter bieten die Freidenker weltliche Rituale wie Geburten, Heiraten und Begräbnisse an. Dabei ist ihnen der Sinn für spirituelle Anliegen nicht fremd.

hugostamm am Samstag den 26. September 2009

Wie finden wir Trost in Gott?

Eine Frau verliert ihren Ehemann. Er stirbt an Asbestose. Sein Verhängnis: Er arbeitete früher in einer Fabrik, die aus Eternit Isoliermaterial hergestellt hat. Obwohl das Krebsrisiko damals schon bekannt war, wurden die Arbeiter lange Zeit nicht gewarnt. Schutzmassnahmen wurden wie vielerorts zu spät ergriffen.
„Ohne meinen Glauben an Gott würde ich den Schicksalsschlag nicht überstehen“, sagt seine Frau. „Ich finde Trost in meinem Glauben.“

Jede Form von Trost ist in solchen Situationen willkommen. Es ist verständlich, dass Trauernde Wege suchen, den seelischen Schmerz zu lindern.
Trotzdem werfen solche Aussagen Fragen auf. Kann Gott wirklich Trost spenden? Wie funktioniert der Prozess, wie wirkt sich der Trost aus? Wie ist denn dieser Trost beschaffen? Ist es eine Kraft, die von Gott ausgeht oder ist der Trost lediglich eine menschliche Projektion? Fühlen sich die Trauernden in Gott aufgehoben? Wäre es nicht sinnvoller, Gott würde früher handeln und uns solche Trauer ersparen? Wenn er schon eingreift, warum bekämpft er nicht die Ursachen, sondern erst die Symptome?

Aus dem Glaubensverständnis der trauernden Frau heraus, wonach Gott alle Geschicke auf der Erde lenkt, hat Gott ihr etwas genommen, bevor er ihr Trost spendete, nämlich ihren Ehemann. Müsste sie ihm deshalb nicht zürnen, statt auf seinen Trost zu bauen?

Trost kommt vom Wortstamm treu. War Gott beim beschriebenen Fall treu? Treu gegenüber dem an Krebs erkrankten Mann? Gegenüber der trauernden Frau?
Was konkret spendet Trost? Allein die Vorstellung, dass Gott existiert? Oder spendet die Hoffnung der Gläubigen Trost, den verlorenen Ehemann im Jenseits wieder zu treffen? Doch was ist, wenn sich die Frau in ein paar Jahren noch einmal heiratet? Welchen Mann will sie nach dem Ableben wieder treffen?

Oder spendet der Glaube grundsätzlich Trost? Tröstet er, weil er einen höheren Sinn vermittelt? Wenn ja: Wo liegt der höhere Sinn? Ist das Leben für Menschen sinnlos, die nicht an eine höhere Bestimmung oder an ein göttliches Wesen glauben?

Trost soll den Schmerz lindern helfen. Zuwendung, Anteilnahme und ein befreiendes Gespräch geben den Trauernden Kraft. Sie sollen die Nähe spüren und realisieren, dass sie nicht allein sind. Trost spenden in erster Linie Familienangehörige, Freunde, Bekannte. Spenden Gott und der Glaube eine andere Form von Trost?

hugostamm am Samstag den 19. September 2009

Wo überall wühlt Scientology?

In Frankreich ereignen sich in diesen Tagen wunderliche Geschichten. Einerseits engagiert sich unser westlicher Nachbar im Kampf gegen Sekten wie kein anderes Land in Europa, gleichzeitig änderte das Justizministerium ein Gesetz, sodass Scientology vor der Zwangsauflösung geschützt ist.

Seither verstehen die Franzosen die Welt nicht mehr, die Spekulationen schiessen ins Kraut. Hat Scientology etwa Kanäle bis ins Justizministerium? Spielt gar Präsident Nicolas Sarkozy bei den rätselhaften Vorgängen eine Rolle? Sicher ist nur, dass Frankreich den Verschwörungstheoretikern handfeste Argumente liefert.

Angeheizt werden die Spekulationen von einem Video auf Youtube. Es zeigt den französischen Staatspräsidenten bei einem privaten Besuch von Tom Cruise im Jahr 2004.

Der Hollywoodstar ist das Aushängeschild der Sekte, aber auch ein hochrangiger Funktionär von Scientology und deren wertvollster Botschafter. So hat Cruise schon manche Präsidentenhand geschüttelt. Ausserdem nutzt der Schauspieler jede Gelegenheit, für Scientology zu werben. Nun rätselt Frankreich, ob sein Präsident auch in dieser Angelegenheit eine Rolle spielt. Regierungssprecher sagen, das Treffen mit Cruise habe nichts mit Scientology zu tun gehabt.

Bandenmässiger Betrug?
Konkret geht es um einen Prozess gegen sechs Führungskräfte der Sekte in Paris. Ihnen wird vorgeworfen, Anhänger betrogen, übervorteilt und psychisch unter Druck gesetzt zu haben. Als die Staatsanwältin Mitte Juni dieses Jahres den Antrag stellte, Scientology wegen bandenmässig organisierten Betrugs zu verbieten, waren die Angeklagten geschockt. Sie sprachen von einem Ketzerverfahren und befürchteten das Ende ihrer Organisation in Frankreich. Das Urteil wird am 27. Oktober erwartet. Zu einem Verbot der Sekte wird es allerdings nicht kommen. Das Justizministerium ist der Sekte kurz vor Prozessbeginn zu Hilfe geeilt, wie erst in diesen Tagen bekannt wurde.

Seither wird in Frankreich spekuliert, ob es ein absichtlicher oder fahrlässiger Akt der Regierung war. Um Strafverfahren zu vereinfachen, hatte sie ein Gesetz gestrichen, das die Auflösung von Firmen und Vereinigungen forderte, die wegen Betrug verurteilt worden sind.

Erstaunlich ist, dass die Gesetzesänderung Mitte Mai Senat und Nationalversammlung diskussionslos passiert hat. Die Konsequenzen der Revision wurden erst jetzt im Zusammenhang mit dem Scientology -Prozess bewusst.

Lücke schliessen
Heute reiben sich Ministerium und Abgeordnete verwundert die Augen. Es ist nicht einmal klar, wer die Änderung veranlasst hat. Verschiedene Abgeordnete zeigten sich bestürzt. Der Sprecher der kommunistischen Fraktion ist überzeugt, dass Scientology ins Justizministerium infiltrierte, und verlangt eine Untersuchung.

Die neue Justizministerin Michèle Alliot-Marie hat inzwischen versprochen, die Gesetzeslücke rasch zu schliessen. Doch die Sekte wird durch die Maschen schlüpfen, denn das geplante neue Gesetz wird nicht rückwirkend gelten.

Die Vorfälle in Frankreich erinnern in fataler Weise an Vorgänge in den USA. In den 1990-er Jahren legten sich Hubbards Kolonnen mit den Steuerbehörden IRS der USA an, um die Steuerfreiheit zu erzwingen. Dabei wendete die Sekte erstaunliche Methoden an. Der Slogan: „Wir widmen uns dem wahren Krieg.“ Mit in den „Krieg“ einbezogen wurde auch Interpol. Scientology führte jahrelang eine Schmutzkampagne, welche selbst die mächtigen Organisationen in die Knie zwang. „Interpol diente schon im Dritten Reich als gnadenloser Helfershelfer in der Verfolgung von Juden, Zigeunern und Regimegegner“, schrieb Scientology in einer ihrer Zeitschriften.

Scientology hatte den damaligen Interpolchef Raymond Kendall unter Druck gesetzt. Die Sekte veröffentlichte ein Bild, auf dem Kendall dem ehemaligen Panama-Regierungschef Noriega die höchste Interpol-Auszeichnung im Kampf gegen den Drogenhandel überreichte. Peinlich dabei: Noriega wurde später wegen Drogendelikten ins Gefängnis geschickt.

Scientology gewann auch den Krieg gegen IRS. Jahrelang sammelten die Sektenanhänger persönliche Daten und Unterlagen über IRS-Beamte. In grossen Inseraten forderte Scientology die Bürger auf, ihre negative Erfahrungen mit den Behörden zu melden. Anschliessend publizierten die Scientologen die Sünden der Beamten in grossen Zeitungen und nannten sie namentlich. Und siehe da: Scientology erhielt die Steuerfreiheit und spart seither Millionen.

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