Schweiz


hugostamm am Dienstag den 25. Mai 2010

Gott und Wahrheit sind nicht teilbar

Gläubige sind in der Regel überzeugt, den wahren Glauben gefunden zu haben. Wer glaubt, postuliert für sich den Absolutheitsanspruch. Es gibt keinen Glauben ausser dem wahren. Und diese Wahrheit ist nicht teilbar. Entweder ist Gott, wie er gelehrt wird, oder er ist nicht Gott. Das ist der Vertrag aller Glaubensgemeinschaften. Einen halben Gott gibt es nicht.

Um den Wahrhaftigkeitsgehalt einer Heilslehre zu untermauern, müssen die Glaubensgemeinschaften einen unverdächtigen Zeugen anrufen. Im Christentum spielt der heilige Geist zu einem guten Teil diese Rolle. An Pfingsten hat er den Aposteln den Segen erteilt, eine Art Initiation. Nun wussten sie: Es gibt diesen Gott, und er ist mit ihnen. Er hat den heiligen Geist abkommandiert, um die Menschen in ihrem Glauben zu unterstützen.

In fernöstlichen Heilsvorstellungen, die auch in die Theosophie und in verschiedene Ideen der Esoterik eingeflossen sind, spielen die Avatare diese Rolle. Dies sind aufgestiegene Meister, die es sich zur Aufgabe gestellt haben, die Menschen auf ihrem Weg zum höheren Bewusstsein und zur Erleuchtung zu unterstützen. Gleichzeitig sind sie die Garanten für die Richtigkeit der Lehre: Sie vermitteln angeblich authentische Botschaften aus den kosmischen Sphären.

Ergo glauben die Gläubigen, von einer geistigen Kraft zum richtigen Glauben geführt worden zu sein. Doch dies ist ein kolossaler Irrtum. Wir finden nicht zum Glauben, vielmehr werden wir zum Glauben geführt. Nämlich durch die Gnade der Geburt. Wer in eine christliche Kultur und in eine christliche Familie geboren wird, wird Christ. So einfach ist das. Von Glaubenssuche und freier Wahl kann keine Rede sein. Denn wer christlich oder islamisch erzogen wird, ist überzeugt, in Gott oder Allah den einzig wahren Gott „gefunden“ zu haben.

Es besteht also kein Zweifel: Religiöse Erziehung ist immer auch ein Stück weit Indoktrination.

Natürlich haben wir die Freiheit, als Erwachsene unseren Glauben zu hinterfragen. Gelangen wir zur Überzeugung, dass unser angestammter Glaube vielleicht nicht der wahre ist, können wir uns die für uns stimmige Heilslehre aussuchen. Das nennt man dann konvertieren. Dass ein Glaubenswechsel eine psychologisch trickreiche und problematische Aktion ist, zeigen die Schweizer Frauen, die Gesicht und Körper hinter einem schwarzen Zelt verstecken.

Es gibt eine dritte Variante: Man kann den Glauben ablehnen, der einem anerzogen worden ist. Im Gegensatz zur Konversion wird dieser Schritt immer häufiger vollzogen. Die vielen Kirchenaustritte dokumentieren es. Wäre der christliche Glaube der einzig wahre und würde der heilige Geist tatsächlich seinen Segen über die Gläubigen ergiessen, käme kaum ein Christ auf die Idee, den Glauben abzulegen.

hugostamm am Donnerstag den 13. Mai 2010

Das Projektil in der Krone der Madonna

Der Papst besucht am heutigen Auffahrtstag den portugiesischen Wallfahrtsort Fátima. Was macht die Faszination dieses „Gnadenorts“ aus? Legt man die Glaubensbrille ab und analysiert die Hintergründe von Fátima nüchtern, stellen sich grundsätzliche Fragen zum Glaubensverständnis der katholischen Welt.
Exakt vor 93 Jahren, also am 13. Mai 1917, passierte auf einer Weide bei Fátima Wunderliches. Drei Mädchen, die Schafe hüteten, erzählten zu Hause, sie hätten eine Frau mit einem weissen Rosenkranz gesehen, die hell geleuchtet habe. Zwei Monate später, am 13. Juni, – so ein Zufall: immer am 13. – überbrachte die Frau den Kindern angeblich drei Botschaften. Oder vielleicht besser: Drei Geheimnisse.

Seither steht die katholische Kirche Kopf. Für die damaligen Würdenträger bestand nicht der leiseste Zweifel: Diese Frau war die heilige Madonna. Die Mutter Gottes. Seither ist das einst verschlafene Dorf der wichtigste Wallfahrtsort der katholischen Welt. Und der aktuelle Papst lässt es sich nicht nehmen, am Tag der angeblichen Offenbarung in Fátima eine Messe zu zelebrieren.

Welche Botschaften vermittelte die angebliche Gottesmutter den Mädchen? Das erste „Geheimnis“: Schreckliche Visionen von der Hölle und bevorstehenden Kriegen. Nur: Was soll daran so geheimnisvoll sein? Die (Kirchen)Geschichte ist voll davon. Und es war so sicher wie das Amen in der Kirche: Solche Ereignisse werden sich in schöner Regelmässigkeit wiederholen.

2. Botschaft: Russland müsse bekehrt werden. Um dies zu erreichen, verlangte die Madonna die Weihe der Welt an ihr unbeflecktes Herz. Aus heutiger Sicht eine eigenartige und wenig bedeutungsvolle Botschaft.

Die 3. Ankündigung wurde jahrzehntelang unter Verschluss gehalten. Offenbar war sie zu brisant, um sie der Menschheit zu offenbaren. Der Vatikan hütete das „Geheimnis“ und öffnete das Tor für Spekulationen. Enthielt die Botschaft etwa konkrete Zeitangaben zur Wiederkunft von Jesus? Also zur Apokalypse, zum Weltuntergang?

Dann passierte Aussergewöhnliches: Ausgerechnet am 13. Mai 1981, dem Tag der Madonna-Erscheinung, wurde Papst Johannes Paul II von Ali Agca angeschossen. Für den Papst war dies kein Zufall: «Es war eine mütterliche Hand, die die Flugbahn der Kugel leitete“, glaubte der Papst. Man stellt sich als ballistischer Laie vor, wie die Hand der Madonna die rasende Kugel am Herz vorbei lenkt. Aber: Warum hat sie die Kugel nicht gleich gestoppt? Schliesslich hat der Papst stark gelitten und ist beinahe gestorben.

Aus Dankbarkeit wallfahrte der Papst am 13. Mai (!!!) 1982 nach Fátima und liess das herausoperierte Geschoss in die Krone der Madonnenstatue von Fátima einarbeiten. Für ihn ein heiliger Akt, ich empfinde das Ritual als makaber.
Doch zurück zum 3. Geheimnis. Am 13. Mai (!!!) 2000 sprach der Papst die zwei bereits verstorbenen Seherkinder selig und lüftete die letzte Botschaft. Sie dreht sich um die Verfolgung der Kirche und um einen weiss gekleideten Bischof, der tödlich getroffen wird. Nun war auch klar, weshalb die Botschaft unter Verschluss gehalten worden war: Die Prophezeiung eines Attentats war eine heikle Angelegenheit.

Für den Papst und den Vatikan gab es keine Zweifel: Das war eine Vorhersehung der Mädchen auf das Attentat auf Johannes Paul II. Also der endgültige Beweis, dass den Kindern die Mutter Gottes tatsächlich erschienen ist.

Doch es stellen sich grundsätzliche Fragen:

Die katholische Kirche stützt sich auf die Aussage von drei Kindern und macht sie zu Kronzeugen in der Frage, ob die „Mutter Gottes“ in die Welt wirkt und Einfluss auf den Lauf der Zeit oder unser Schicksal nimmt. Vielleicht hatten die drei Mädchen lediglich Halluzinationen oder erlagen einer Einbildung. Vielleicht wollten sie den Erwachsenen nur einen Streich spielen, konnten dann aber nicht mehr zurück, als sie erlebten, was sie damit ausgelösten. Wieso erschien Maria nicht unverdächtigen, glaubwürdigen Zeitzeugen? Warum hinterliess sie die Botschaften nicht in einer Form, die beweiskräftig gewesen wäre? Etwa auf Steintafeln? Warum hat sie nicht nützlichere oder sinnvollere Offenbarungen gemacht?

Moderne Theologen interpretieren die Bibel als Buch, das die christliche Glaubenswelt und ihre Entstehung darstellt. Die unbefleckte Empfängnis, die Wiederauferstehung oder die heute zelebrierte Auffahrt sind für sie Metaphern und keine historischen Ereignisse. Wenn aber der Papst heute noch glaubt, Maria sei den Kindern tatsächlich erschienen und habe die Kugel mit der eigenen Hand umgelenkt, erliegt er magischem Denken. Dann hängt er wohl einem Aberglaube an.

hugostamm am Sonntag den 2. Mai 2010

Die Hölle, ein Guru zu sein

In diesen Tagen sind zwei Filme in den Schweizer Kinos angelaufen, die exemplarisch und eindrücklich die Tragik grosser Guru-Gemeinschaften dokumentieren. Filmteams haben sich auf die Spuren der Transzendentalen Meditation und der Bhagwan-Bewegung gemacht, die in den 1970er-Jahren gross geworden sind und immer noch beachtliche Anhängerzahlen aufweisen.

Die Filme zeigen, dass die Mitglieder auf Gedeih und Verderben den Launen und persönlichen Entwicklungen der Gurus ausgesetzt sind. Und: Das Leben als Guru ist die Hölle. Anfänglich schweben die spirituellen Führer zusammen mit ihren Devotees auf einer gigantischen übersinnlichen Welle. Für den Guru sind Verehrung und Hingabe seiner Anhänger ein endloser Kick, er schwimmt in einem Meer von Adrenalinen. Und die Schüler heben ab im Glauben, ihren Meister gefunden zu haben, der sie im Schnellzug zur Erleuchtung führt.

Dabei bewegen sich alle Akteure in Scheinwelten. Im Lauf der Jahre und Jahrzehnte realisieren die Gurus, dass Verehrung eine Folter ist. Sie taugt weder als Stimulanz noch als Lebensinhalt. Mit der Zeit hassen Gurus die permanente Unterwerfung. Sie sind im goldenen Käfig gefangen. Vermutlich beginnen sie auch, ihre Anhänger dafür zu verachten. So mutieren sie mit der Zeit zu unausstehlichen Despoten. (Bhagwan flüchtete in die Drogen.) Und die Anhänger zu abhängigen Marionetten.

Diese Sektensyndrome machen die beiden Filme auf eindrückliche Weise transparent. Ich habe im „Tages-Anzeiger“ folgende Filmkritiken zu den Werken geschrieben:

Mag sein, dass es Zufall ist, wenn jetzt gleich zwei Filme über Guru-Bewegungen in die Kinos kommen, die zur Hippiezeit viele junge Menschen aus dem Westen elektrisierten. «David Wants to Fly» und «Guru» zeigen jedoch beide, dass sich die Filmsprache in diesem Fall besser eignet als das geschriebene Wort, um das Sektenphänomen sinnlich erfahrbar zu machen. So stürzen die beiden Gurus Maharishi Mahesh Yogi und Bhagwan auf der Leinwand synchron vom spirituellen Thron.

In ihrer Eindringlichkeit und Unmittelbarkeit entlarven die Dokumentarfilme die beiden verstorbenen indischen Gurus als machthungrig unddespotisch. In «David Wants to Fly» wird zugleich auch der Starregisseur und Maharishi-Anhänger David Lynch («Lost Highway») entzaubert. Der deutsche Jungfilmer David Sieveking nimmt hier sein Publikum mit auf die Reise zu David Lynch. Er heftet sich dem Meister an die Fersen und will erfahren, wie man die menschlichen Abgründe findet und ein erfolgreicher Regisseur wird. Der Regisseur schwärmt seinem jungen Kollegen vor, er verdanke sein kreatives Potenzial und höheres Bewusstsein seinem Guru Maharishi Mahesh Yogi.

Der Filmstudent kratzt das letzte Geld zusammen, um den rund 4000 Franken teuren Kurs in Transzendentaler Meditation (TM) zu absolvieren. Er staunt über das Yogische Fliegen, ein kurioses Hüpfen im Lotussitz, bei dem die TM-Anhänger glauben, mit übersinnlichen Kräften die Gravitation zu überwinden. Als Sieveking auch bei der Meditation kein Erweckungserlebnis erfährt und die autoritären Strukturen erlebt, will er noch einmal mit Lynch sprechen.

Der grosse David schrumpft

Im zweiten Interview schwurbelt dererfolgreiche Regisseur nicht mehr abgehoben von Erleuchtung und höherem Bewusstsein, sondern reagiert ungehalten auf die kritischen Fragen. Der kleine David wächst über sich hinaus, der grosse David schrumpft immer mehr. Der Jungfilmer will die Welt ergründen, in der sich sein Idol bewegt, seit sich Lynch nach dem Tod seines Gurus 2008 zum Botschafter der weltweiten TM-Bewegung entwickelte.

Der Jungfilmer mutiert vom stillen Beobachter zum hartnäckigen Rechercheur. Die TM-Fürsten, Rajas genannt, glauben immer noch, Sieveking realisiere einen PR-Film über TM mit Lynch als Star. So kann er interne Sitzungen filmen und die Rajas interviewen. Hinter dem stereotypen Lächeln der erleuchteten Sektenfürsten entdeckt Sieveking eine bigotte Welt, in der Geld und Macht die dominierenden Themen sind. So gesteht der Schweizer Raja Felix Kägi, er habe eine Million Franken bezahlt, um TM-Fürst zu werden. Der Jungfilmer dokumentiert, dass der Guru mit solchen Schachermethoden ein Milliarden-Imperium und eine totalitäre Bewegung aufgebaut hat.

Im letzten Interview reisst der kleine David dem grossen die Maske vom Gesicht. Zuerst verweigert Lynch das Gespräch, dann will er den Film verbieten lassen. Das Strahlen des Meisters weicht Zornesfurchen, Lynch verbittet sich kritische Fragen. Vor der Premiere des Films in Berlin drohte Lynch gar mit rechtlichen Schritten. Sieveking liess sich nicht einschüchtern. Man dankt es ihm. Einziger Stilbruch in seinem Film: Sieveking flicht die wechselvolle Geschichte mit seiner Freundin mit ein. Sie hat weder mit Lynch, TM noch mit dem Film etwas zu tun.

Während Sieveking in seinem filmischen Erfahrungsbericht die eigeneSuche (und Enttäuschung) zum Thema macht, verzichten Sabine Gisiger («Do It») und Beat Häner in ihrem Film «Guru» auf jeden Kommentar und lassen allein Bilder und Zeugen sprechen. Die Zürcherin und der Basler ergründen den Sex-Guru Bhagwan, indem sie sich auf Interviews mit zwei Zeitzeugen konzentrieren, die Bhagwan eng begleiteten. Der Engländer Hugh Milne war der Bodyguard des Gurus, die Inderin Sheela Birnstiel, die heute im Kanton Baselland zwei Heime für alte und behinderte Menschen führt, seine persönliche Sekretärin.

Mit unbewegter Kamera halten die beiden Filmer auf die Gesichter ihrer Zeugen und lassen sie die Geschichte von Bhagwan und der riesigen Bewegung erzählen. Die Schilderungen der beiden Augenzeugen untermauern sie mit reichhaltigem Archivmaterial. Der Befund fällt ähnlich aus wie bei Sieveking: Die Bhagwan-Bewegung wird als Sekte demontiert, Bhagwan selbst als herrschsüchtiger Guru, der die Anhängerschar als Kulisse für seine Selbstinszenierung brauchte. In den letzten Jahren degradierte er seine Schüler zu Arbeitstieren, die gleichzeitig Millionen spendeten: Bhagwan wollte als jener Mensch im «Guinnessbuch der Rekorde» verewigt werden, der die meisten Rolls-Royce besitzt.

Wenn Sheela Birnstiel erzählt, dass sie als junge Anhängerin für einen Blick von Bhagwan gestorben wäre, glänzen ihre Augen wie vor 40 Jahren. Und das Entsetzen steht ihr ins Gesicht geschrieben, als sie die totalitäre Phase derBewegung in Oregon beschreibt: wie die eigenen Sicherheitskräfte mitMaschinenpistolen das Sektengelände bewachten und die Telefone derAnhänger abhörten.

Der Guru wird zum Junkie

Packend ist dabei auch der Hochseilakt von Sheela. Sie ist nicht nur Sektenopfer, sondern auch Täterin, zog sie doch im Machtzentrum die Fäden. Obwohl sie die Fehlentwicklungen und ihre eigene Rolle beschönigt, enthalten ihre Aussagen genug Fakten, die den Horror dokumentieren. Die interne Paranoia sei von aussen aufgezwungen worden, das diktatorische Regime eine Folge davon gewesen, behauptet sie. Nun versteinert sich ihr Gesichtsausdruck.

Hugh Milne, der Bhagwan auch mit der Kamera beobachtete, schildert, wie der Guru vom geistig lebendigen Provokateur zum lethargischen Junkie verkümmert, der sich mit Drogen vollpumpt und mehrere Jahre schweigend vor sich hin vegetiert. Seine Anhänger werden sich nicht beirren lassen undihren Guru weiterhin als Messias verklären. Der Film ist aber ein Zeitdokument, das die Diskussion um Bhagwan auf eine neue Ebene hebt.

Maharishis Transzendentale Meditation

Maharishi hatte 1958 die Transzendentale Meditation (TM) gegründet und inspirierte mit seinen spirituellen Theorien die Hippie-Bewegung der 60er-Jahre. Seine Bekanntheit verdankte er Künstlern wie den Beatles, den Beach Boys, Clint Eastwood und Deepak Chopra, die zu Füssen des Gurus meditierten. Heute zählen Filmregisseur David Lynch und der Sänger Donovan zu seinen Jüngern. TM hat sich über die ganze westliche Welt ausgebreitet, zeitweise soll die Bewegung bis zu fünf Millionen Anhänger gezählt haben. In den 70er- und 80er-Jahren residierte Maharishi in Seelisberg UR.

Der Guru versuchte, die Wirkung spiritueller Energie auf das Bewusstsein wissenschaftlich zu beweisen. Maharishi behauptete, seine Jünger könnten durch kollektive Meditation ein energetisches Kraftfeld erzeugen, das den Weltfrieden sichere. Dazu bildete er sogenannte Yogische Flieger aus, die mithilfe der Meditation die Schwerkraft überwinden lernen sollten. Ausserdem hat Maharishi die alte indische Heilkunst Ayurveda nach Europa gebracht und damit ein Vermögen gemacht.

Der Filmemacher David Lynch behauptet, ihm stünden sieben Milliarden Dollar zur Verfügung, um den Planeten mithilfe der Meditation zu retten. TM will in der Schweiz die grossen Städte komplett niederreissen und nach vedischen Prinzipien neu aufbauen. Damit sollen in Zukunft Not und Unglück verhindert werden.

Der Guru lockte seine Jünger mit Sex

Bhagwan Rajneesh («der Göttliche», zuletzt bekannt als Osho) zog in den 70er-Jahren mit einer Synthese von fernöstlicher Spiritualität und freiem Sex Anhänger aus ganz Europa an. Sein Ashram im indischen Poona wurde zu einem riesigen Treffpunkt für Althippies und Aussteiger. Später bauten sie in Europa Zentren auf und gründeten Discos, Restaurants und andere Kleinbetriebe. Hunderttausende kleideten sich in rote Gewänder und trugen Halsketten mit dem Bild ihres Meisters, die Malas.

Nach Konflikten mit den Behörden floh Bhagwan in die Wüste von Oregon (USA), wo seine Anhänger eine Stadt für 10 000 Personen aus dem Boden stampften. In dieser Zeit mutierte die spirituelle Grossgemeinschaft zur totalitären Sekte. Bhagwan schwieg jahrelang, das Zepter schwang die Inderin Ma Anand Sheela, die militant wurde, Anschläge plante und 1986 zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Später heiratete sie einen Schweizer Bhagwan-Anhänger. Seither besitzt sie den Schweizer Pass und heisst Sheela Birnstiel.

Nach Problemen mit den Einwanderungsbehörden wollte Bhagwan aus den USA fliehen, wurde aber 1985 verhaftet. Nach seinem Tod 1990 zerfiel das Zentrum in Oregon, seine Anhänger reaktivierten den Ashram in Poona, den sie in eine spirituelle Wellness-Oase verwandelten. Weltweit bekennen sich heute noch Zehntausende zur Anhängerschaft Bhagwans. Auch in der Schweiz gibt es noch kleinere Kommunen.

hugostamm am Donnerstag den 22. April 2010

Fanatismus ist lernbar

Der Islam wird verantwortlich gemacht für den angeblichen Zusammenprall der Kulturen. Gleichzeitig wirkt er auf manche junge Leute aus unserem Kulturkreis attraktiv; sie wechseln den Glauben und werden Konvertiten. Nicolas Abdullah Blancho, Präsident des radikalen Islamischen Zentralrats der Schweiz, ist ein Konvertit. Ebenso sein Pressesprecher Quaasim Illi und der umstrittene deutsche Prediger Pierre Vogel, der wiederholt auch in der Schweiz in den Schlagzeilen stand. Der Zentralrat ist in unserem Land das Sammelbecken für radikale Konvertiten. Wie lässt es sich erklären, dass sich junge Männer einen langen Bart wachsen lassen und sich fremden Dogmen unterwerfen?

Messianischer Eifer

Konvertiten sind, unabhängig von der Religion, Überzeugungstäter. Glaube und Ideologie dominieren ihr Bewusstsein. Die einzigen relevanten Werte und Inhalte erkennen sie in der übersinnlichen Welt. Sie suchen den exotischen Kick, um die Sehnsucht nach dem religiösen Abenteuer zu befriedigen. Deshalb müssen sie alles niederreissen, was sie an die Vergangenheit bindet. Der Glaubenswechsel ist Signal und Ritual zugleich: Sie betäuben ihr Bewusstsein, um eine neue Identität zu erzwingen. Eine der Welt zugewandte Sinnlichkeit ist für sie Gefühlsduselei.

Für den Glaubenswechsel zahlen die mehrheitlich jungen Konvertiten einen hohen Preis. Deshalb sind ihre Erwartungen an die neue Religion unerfüllbar hoch. Sie verschreiben sich dem neuen Glauben und sind von messianischem Eifer beseelt.

Hinter dem Phänomen verbergen sich vielfältige Ursachen. Konvertiten sind oft verhaltensauffällig oder emotional unausgeglichen. Manche schaffen den Übergang von der Pubertät, die geprägt ist von Hormon-schüben und radikalen Weltbildern, ins Erwachsenenleben nicht. Deshalb entwickeln sie einen Hass auf die Aussenwelt. Der Weltschmerz lässt sie nicht zur Ruhe kommen. Die Schuld für ihr Verlorensein und ihre Desorientierung suchen sie in der «alten Welt».

Darum verbünden sie sich mit dem «Feind» und suchen Halt in radikalen Gemeinschaften. Die Aussenwelt wird zur Projektionsfläche ihrer eigenen Ängste und Unsicherheiten. Mit dem Glaubenswechsel fliehen sie vor sich und den eigenen Problemen. Bei vielen ist die Konversion eine Rebellion gegen die Eltern oder die Gesellschaft.

Überidentifikation aus Angst

In der Übergangszeit sitzen die Konvertiten zwischen allen Stühlen. Um die Zerrissenheit zu überwinden und sich gegen Widerstände zu behaupten, entwickeln sie eine Überidentifikation mit dem neuen Glauben. Sie indoktrinieren sich selbst und werden immer radikaler. Sie müssen sich und der Umgebung beweisen, dass sie den richtigen Weg gewählt haben.

Gleichzeitig bleiben Konvertiten in ihren neuen Glaubensgemeinschaften lange Zeit Fremde und werden misstrauisch beobachtet. Die emotionale Bindung harzt, weil sie nicht in der Mentalität und Tradition ihrer neuen Umgebung verwurzelt sind. Um sich Vertrauen und Zuneigung zu erkämpfen, kompensieren sie ihre Unsicherheit mit Überanpassung und Übereifer. Sie suchen ein neues Fundament und entwickeln dabei gern fundamentalistische Tendenzen. Dabei leiden sie an einem mangelnden Selbstwertgefühl. Das sind klassische Sektensyndrome.

Schematisches Empfinden

Der abrupte Glaubenswechsel führt oft zu einer emotionalen Regression. Nur so lassen sich die Sehnsucht nach dem Absoluten und die eigene Weltsicht einigermassen in Deckung bringen. Die Welt wird in Schwarz und Weiss geteilt. Wirklich lebendig fühlen sie sich nur in einem engen Glaubenssystem. Die Suche endet in einer Weltflucht.

Extremismus hat meist auch gruppendynamische Ursachen. Je extremer einer sich gebärdet, desto grösser sind Belohnung und Akzeptanz. Die Erfolgserlebnisse sind ein Kick. Diese Konditionierung führt oft zu Realitätsverlust und Wahrnehmungsverschiebungen. Der Schritt zu Wahnvorstellungen und Militanz ist dann nicht mehr gross, zumal man sich fast nur noch in ihrem radikalen und lebensfeindlichen Biotop bewegt. Fanatismus ist lernbar. So können radikale Konvertiten unberechenbar und eine Gefahr für die Gesellschaft werden.

hugostamm am Dienstag den 13. April 2010

Dalai Lama: Gottkönig oder tragischer Held?

Mein Kollege Thomas Knellwolf und ich haben unsere persönlichen kontroversen Meinungen zum Besuch des Dalai Lama in Zürich im Tages-Anzeiger veröffentlicht. Da vor allem meine kritische Stellungnahme zu heftigen Reaktionen geführt hat, stelle ich unsere Beiträge auch im Blog zur Diskussion. Zuerst der Beitrag von Thomas Knellwolf.

Muss ich den Dalai Lama sehen gehen, wenn er heute Samstag auf dem Zürcher Münsterhof eine seiner seltenen Reden unter freiem Himmel hält? Niemand muss. Doch es gibt gute Gründe, um 15.40 Uhr vor Ort zu sein, wenn der buddhistische Mönch zu seinem Singsang anhebt. Das Eintauchen in die Masse empfiehlt sich selbst für einen Agnostiker wie mich. Und ebenso für alle anderen, die skeptisch gegenüber Idolen und Rummel sind.

1946 wandte sich Winston Churchill, damals gerade nicht britischer Premierminister, an die Zürcherinnen und Zürcher: «Let there be justice, mercy and freedom!», forderte er in seiner berühmten Zürcher Rede: «Lasst Gerechtigkeit, Gnade und Freiheit walten!» Dem Dalai Lama geht es um dieselben universellen Werte: um Gerechtigkeit, Gnade und Freiheit. Es sind Werte, die der politische und geistige Führer der Tibeter seit Churchills Lebzeiten vertritt. Wer heute Nachmittag auf dem Münsterhof auftaucht, unterstützt letztlich seine friedliche politische Mission. Er oder sie zeigt Solidarität mit dem tibetischen Volk.

Jeder Zuschauer, jede Zuhörerin sendet aber auch ein Zeichen an die Machthaber in Peking und an die Schweizer Regierung. Der Volksrepublik im rasanten Umbruch würde es gut bekommen, friedfertige Minderheiten besser einzubinden statt zu unterdrücken. Theoretisch wäre die Grossmacht dem Dalai Lama zu Dank verpflichtet. Praktisch ist das Gegenteil der Fall: Das kommunistische Regime verunglimpft den Exilpolitiker und Religionsführer, der sich dezidiert und erfolgreich dafür einsetzt, dass selbst seine ungeduldigsten Anhänger nicht zu den Waffen greifen. China scheint sich nicht bewusst zu sein, dass die Alternativen zur tibetischen Friedfertigkeit Kampf, Guerillataktik und Terror sind.

Aus all diesen Gründen sollten westliche Staatoberhäupter den Dalai Lama empfangen. Doch anders als der US-Präsident Barack Obama kuscht die Schweizer Regierung vor der mächtigen chinesischen Wirtschaftsmacht. Keiner der sieben Bundesräte fand vergangenes Jahr Zeit für den Friedensnobelpreisträger. Und keiner war diese Woche zugegen, als sich der «Ozean der Weisheit» bei der Schweiz für die Aufnahme Tausender seiner Landsleute vor 50 Jahren bedanken wollte. Wem die behördlichen Ausreden nicht passen, sollte heute getrost den Rummel um den Dalai Lama mitmachen.

Klingt alles naiv? Mag sein. Aber war Churchill naiv, als er in Zürich sein Plädoyer hielt? Hätte damals jemand erwartet, dass das bis anhin so kriegerische Westeuropa mehr als ein halbes Jahrhundert lang Frieden halten könnte?

Nun mein Artikel:

Die Schweiz empfängt den Dalai Lama wie einen Superstar, selbst Politiker sitzen ihm zu Füssen. Weshalb klettert der Puls von Zürich in die Höhe sobald der «Gottkönig» erscheint?

Eigentlich ist der Mönch ein Anti-star. Eine tragische Figur, die zwischen allen Stühlen sitzt. Sein Leben ist eine einzige Tragödie – persönlich und politisch. Als Kleinkind bekam er von einem Orakel ein erdrückendes Schicksal aufgebürdet und stolpert seither glücklos durch Geschichte und Politik. Seine Mission, Tibet von der Knechtschaft Chinas zu befreien, ist gescheitert.

Die grösste Tragik liegt wohl darin, dass sein Scheitern Ursache der beispiellosen Popularität ist. Als «Heiliger» und ewiger Märtyrer schlägt ihm das Mitleid der Massen entgegen. Das ist der Stoff, aus dem sich die Verehrung nährt. Sein grosser Trumpf ist seine Prominenz. Dabei sind Personenkult und Mitleid für einen tibetischen Mönch spirituelles Gift.

Eigentlich müsste der Rummel den Dalai Lama, den «Ozean der Weisheit», abstossen, denn die Fans sonnen sich in seinem Schmerz und zelebrieren sich selbst gleich mit. Sie feiern in der Aura des vermeintlich reinen Geistes. Der tragische Held duldet es, dass das Publikum seine spirituellen Sehnsüchte ungefiltert auf ihn projiziert. Ein solches Schicksal wünscht man keinem. Zumal der Dalai Lama eine sympathische Person ist.

Der Mann müsste im Grunde genommen zurückgezogen leben, meditierend die innere Leere suchen und dem Weltlichen entsagen. Doch er jettet mit dem Helikopter von Dharamsala nach Delhi, fliegt in der gehobenen Klasse nach Europa und residiert im Luxushotel. Ein Spagat, der auch einen «Gottkönig» zerreisst.

Die weltweit bekannteste Pop-Ikone ist ein Gejagter und ein Getriebener: gejagt von den Chinesen, getrieben von seinen Fans. Und in jüngster Zeit auch von jungen Tibetern, die gern einen härteren Kurs gegen China einschlagen möchten. Kein Wunder, lächelt seine «Heiligkeit» selbst dann, wenn sie nach dem Schicksal ihres gepeinigten Volkes gefragt wird.

Die Verehrer aus der Wohlstandsgesellschaft vergessen, dass der Dalai Lama noch immer magisches Denken kultiviert. Er befragt regelmässig sein politisches Orakel, einen Mönch mit angeblich besonderen seherischen Fähigkeiten. Verdrängt wird auch, dass die tibetischen Klöster bis in die Neuzeit Feudalsysteme waren und die patriarchale Kultur Frauen unterdrückte. Und alles mit dem Segen des erleuchteten «Gottkönigs».

Die Veranstaltungen in Zürich sind spirituelle Wellness-Happenings. Dem leidenden tibetischen Volk bringen sie wenig. Doch das kümmert die Fans kaum, sie wollen ihren Star feiern.

hugostamm am Freitag den 2. April 2010

Der Sühnetod von Jesus

In der Wochenzeitschrift Idea, einem Blatt aus der freikirchlichen Szene, fand ich diese Woche einen erstaunlichen Artikel. „Ist Gott unmenschlich?“, fragte die fromme Publikation.

Der Text dokumentiert, dass sich selbst strenggläubige Christen manchmal fragen, wie biblische Texte und Gleichnisse auf uns moderne Menschen wirken. Offensichtlich beschleicht auch sie manchmal ein mulmiges Gefühl, wenn sie die Metaphern ohne Glaubensscheuklappen lesen. Deshalb suchen sie rasch eine Rechtfertigung und „sinnvolle“ Erklärung für unverständliche Bilder. Ein Beispiel, das gut zu Ostern passt:

Der deutsche Theologe Klaus Baschung untersucht die Argumente des Atheismus und formuliert die These so: Für Atheisten gäbe es perverse Phantasien, deshalb auch perverse Religionen. Religionen, die Menschenopfer forderten, seien perverse Religionen. „Der Höhepunkt des Perversen ist die Vorstellung von einem Gott, der seinen eigenen Sohn opfert, um seinen Zorn zu befriedigen“, resümiert Baschung die atheistische Argumentation. Der Sühneopfertod sei Kern des Glaubens. Brutaler könne Religion nicht sein. „Vom Blut des gekreuzigten Jesus gehen Blutspuren zu seinen Anhängern und machen sie blutrünstigt“, fasst er die atheistische Auffassung etwas gar eigenwillig zusammen. Wer ein Menschenopfer anbete, bahne weiteren Menschenopfern den Weg.

Dann liefert der Theologe die christliche Antwort auf die brutalen Bilder. Er nimmt das Beispiel der Opferung Isaaks, wonach Gott Abraham befiehlt, seinen Sohn als Treuebeweis umzubringen. Baschung erklärt, es sei Gott darum gegangen, den Menschen klar zu machen, sie sollten Menschenopfer durch Tieropfer ersetzen. Menschenopfer würden in der ganzen Bibel entschieden abgelehnt.

Isaak sei eine besondere Figur, auf ihm hätten die Verheissungen Gottes an Abraham geruht. Entscheidend sei die Frage: Nimmt Gott seine Verheissung zurück? Gott bleibe sich also treu. Er bleibe auch den Menschen treu, die sich ihm zuwendeten. „Wer genauer nachdenkt, erkennt in der schlimmen Erfahrung des Abraham das menschliche Antlitz Gottes“, schreibt der Theologe.

Als weiteres Beispiel führt er die Formel „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ an. Das sei kein Aufruf zur Rache. „Sie mahnt vielmehr, ein Vergehen nicht übermässig zu bestrafen. Strafe dürfe nicht über die Tat hinausgehen.

Weiter thematisiert Baschung das Gleichnis, wonach Gott die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die Gott hassen. Wer Gott aber lieb habe und die Gebote halte, dürfe mit seiner Barmherzigkeit rechnen. Der Theologe interpretiert es so: Die Barmherzigkeit sei grösser als die Heimsuchung. Die Barmherzigkeit sei quasi universell, die Heimsuchung beschränke sich auf drei bis vier Generationen.

Ich unterlasse es, die Interpretation zu kommentieren. Auffallend ist aber, dass der Theologe keine Erklärung zum grössten Opfer gibt: Dem Sühnetod von Jesus.

Ich wage es deshalb, ein paar Gedanken zu Ostern anzustellen.

Wir betrachten die Ostergeschichte immer aus unserer menschlichen Perspektive: Gott hat seinen eigenen Sohn geopfert, um uns zu retten. Jesus starb den Sühnetod. Ich habe aber die Ostergeschichte in der Kirche noch nie aus der Perspektive von „Täter“ oder Opfer gehört. Zum Beispiel: Gott hat seinen Sohn von Menschen ermorden lassen. Oder: Jesus wurde ohne dessen Einwilligung ans Kreuz genagelt. (Warum hast du mich verlassen, rief Jesus Gott an, bevor er ermordet wurde.)

Und: Mir ist bisher nicht aufgefallen, dass durch den Sühnetod von Jesus die Welt entscheidend menschlicher geworden ist. Geschweige denn göttlicher. Es wäre interessant, wie Theologe Baschung dieses Gleichnis deuten würde.

Ich wünsche trotzdem allen Bloggerinnen und Bloggern schöne Ostern.

hugostamm am Montag den 22. März 2010

Katholische Kirche taumelt von Krise zu Krise

Die katholische Kirche, die Petrus auf einen Fels gebaut hatte, taumelt in Europa von Skandal zu Skandal. Der am Samstag veröffentlichte Hirtenbrief des Papstes zu den sexuellen Übergriffen hätte zum Befreiungsschlag werden sollen, doch das höchstinstanzliche pastorale Schreiben wurde erneut zum Bumerang. Die wohl tiefste Krise der katholischen Kirche zeigt exemplarisch, dass der elitäre Männerbund im Vatikan den Bezug zur Realität und den Blick für die Gläubigen weitgehend verloren hat. Und wohl auch die Gunst des Himmels – wenn es diesen denn gibt. Man stelle sich vor, was Rebell Jesus von seinen Erbverwaltern auf der Erde halten würde. Er müsste sie wohl wie die Pharisäer aus dem Tempel werfen.

Ein paar Stationen, die den Geist der Kirche dokumentieren:

Der Papst ernennt Marian Eleganti vor kurzem zum Weihbischof von Chur. Eleganti war viele Jahre Mitglied der reaktionären «Seidnitzer-Sekte», des umstrittenen Priesterwerks des österreichischen Priesters Josef Seidnitzer. Die Marienverehrer waren selbst dem Vatikan ungeheuer, ihr Priesterseminar wurde nicht anerkannt. In seinem Lebenslauf verschweigt Eleganti seine geistige und geistliche Verirrung.

Widerstand gegen Eleganti gibt es im Bistum kaum, obwohl Eleganti der vielleicht grössere Hardliner ist als Wolfgang Haas, den vor allem die Zürcher Katholiken zum Teufel gejagt haben . Einzig der Volketswiler Pfarrer Marcel Frossard wagt öffentliche Kritik. Er befürchtet, dass das Bistum Chur zur Sekte wird.

Der Vorgang ist bezeichnend für den Zustand der Kirche: Der Vatikan ist nicht von seiner erzkonservativen Linie abgerückt und bringt im zweiten Anlauf nach Haas einen weiteren Traditionalisten. Und die kritischen Gläubigen sind müde geworden, gegen die reaktionären Kräfte anzukämpfen. Sie sind in die innere Immigration geflüchtet oder haben sich endgültig von der Kirche entfremdet. So verkommt sie zum frömmelnden Altherren-Club, der keine Priesteranwärter mehr findet und 80-Jährige Pfarrer auf die Kanzel schicken muss. Attraktiv bleibt sie so vor allem für weltfremde autoritäre Musterschüler, die womöglich einen verklemmten Bezug zur Sexualität haben.

Ein weiteres Beispiel ist der Hirtenbrief. Heute diskutieren Medien und Öffentlichkeit nicht über dessen Kernbotschaft, sondern über die Umstände und Auslassungen. Der Papst erwähnt nur Irland und übergeht die jüngsten Enthüllungen in Deutschland.

Ein Zufall ist das nicht, denn dann würde er selbst ins Zentrum der Diskussion rücken. Denn keiner wusste so viel über die Übergriffe wie er, wie Hans Küng erklärt. Und keiner hat die Skandale so erfolgreich unter den Teppich gekehrt. Als Erzbischof von München und in seiner 24-jährigen Zeit in der Glaubenskongregation hatte Papst Benedikt XVI. Als Sittenwächter direkt mit den Übergriffen zu tun gehabt. In der Kongregation würden «seit langem alle Missbrauchsfälle zentralisiert, damit sie unter höchster Geheimhaltungsstufe unter der Decke gehalten werden können», erklärte Küng.

Es ist deshalb kein Zufall, dass sich Ratzinger in seinem Hirtenbrief nicht für die Politik der gezielten Vertuschung entschuldigt, wie die Opfer von Irland monieren. Der Papst hätte sich selbst anklagen müssen. Und zugeben, dass er zu einem grossen Teil mitverantwortlich war für die Taktik, dass fehlbare Priester einfach versetzt wurden. Und sich munter weitere Übergriffe leisten konnten.

Wenn Kirche so aussieht, so stellt sich die Frage, woher sie ihre Daseinsberechtigung als Hüterin von Ethik und Moral nimmt.

hugostamm am Donnerstag den 11. März 2010

Ist die Seele nur ein Phantom?

Die Seele ist ein mysteriöses Konstrukt. Für Gläubige fast aller Couleur ist sie das Lebensding an sich. Sie ist der Sitz der Gottesenergie oder die Verbindung zum Allerhöchsten. Die Seele ist also jene Instanz, die über das Leben hinaus weist. Wenn alles vergeht, existiert sie weiter. Sie ist der Anker im Diesseits, der vor allem bei Schicksalsschlägen Trost spendet: Wenn es dick kommt im irdischen Dasein, beschert sie uns Hoffnung für das Leben nach dem Tod. Die Seele macht uns unsterblich.

Somit schafft sie die Verbindung vom Diesseits zum Jenseits. Sie ist abhängig vom Körper, aber nur auf Zeit. Gleichzeitig ist sie der Sitz unserer Identität. Nach dem Tod zerfällt zwar unser Körper, unser Bewusstsein lebt aber in der Seele weiter. Somit geht nichts verloren, was sich an Erfahrung im Leben oder in mehreren Leben angesammelt hat. Genau genommen: Ich bin die Seele, die Seele bin ich.

Ohne dieses Bewusstsein von der Seele funktionieren Glaubensgemeinschaften oder Heilsvorstellungen nicht.

Bei den fernöstlichen Philosophien und Glaubenskonzepten ist die Seele der Träger wichtiger Informationen. Wie auf einer Festplatte sind alle Taten gespeichert, die „guten“ wie die „schlechten“. Sie machen das Karma aus, das über die Zukunft entscheidet. Erlösung gibt es erst, wenn die schlechten Taten aus früheren Leben durch die guten aus dem aktuellen getilgt sind. Fällt die Bilanz negativ aus, droht eine Wiedergeburt. Pikant: Die Rückkehr auf die Erde gilt als Strafe.

Nicht so bei den westlichen Esoterikern und spirituellen Suchern, die sich die Wiedergeburt wünschen, weil sie sich ans Leben klammern. Sie glauben, durch spirituelle Entwicklung die Seele zu „reinigen“ und im nächsten Leben vom göttlichen All-Eins begünstigt oder belohnt zu werden.

Die abrahamitischen Religionen lehren ein anderes Konzept. Die Abkehr von den vielen Göttern und die Einführung des Monotheismus führten zu einem Umdenken. Das Nirwana wurde abgelöst durch einen konkreten Ort der Geborgenheit: Der Wohnsitz des Vaters wurde zum Ort der Sehnsucht und zum Zuflucht der gepeinigten Menschen, die orientierungslos durch das Jammertal irrten. Der Hinduismus mit den Tausenden von Göttern und Dämonen wurden belächelt, die Idee von der Widergeburt als archaischer Aberglaube beargwöhnt.

Dann kam die Wissenschaft. Die Anatomie zeigte auf, dass die Seele kein nachweisbares Organ ist. Psychologie und Neurologie entwarfen Konzepte und lieferten viel wissenschaftliches Material, die darauf hindeuteten, dass all das, was wir seelische Regungen nennen, mit Hirnaktivitäten erklärbar ist. Da spielen elektrische Impulse, Hormone, Adrenaline usw. eine wichtige Rolle. So wie für uns heute noch das Entstehen und die Ursache von Gefühlen ein Rätsel ist, so schwer lässt sich angesichts wissenschaftlicher Erkenntnisse die Seele erklären.

Bezeichnet der vielleicht wichtigste Begriff in unserem Vokabular bloss ein Phantom?

hugostamm am Montag den 8. März 2010

4 Jahre Blog: Diskussion über Gott und Teufel

Zum vierjährigen Bestehen dieses Blogs erschien im “Tages-Anzeiger” der nachfolgende Artikel. Ich möchte allen Teilnehmer – den regelmässigen und gelegentlichen – herzlich für das Engagement danken. Dank gebührt auch den vielen stillen Lesern, die sich immer wieder in grosser Zahl einklinken und die Diskussion verfolgen. Hugo Stamm

Die Kirchen leeren sich, doch die Menschen interessieren sich für Glaubensfragen wie eh und je. Der Sekten-Blog hat in vier Jahren 110 000 Kommentare provoziert.

Im Februar 2006 startete der TA-Sektenexperte Hugo Stamm einen Blog auf der Tagi-Homepage Newsnetz. Die Diskussion über Sekten lief gut an, doch bald rückten auch grundsätzliche Fragen zu Religion und Glauben in den Fokus: Entspricht der Glaube einem Grundbedürfnis des Menschen oder ist er anerzogen? Befriedigen Religionen kindliche Paradiesvisionen oder sind sie ein wirksames Konzept gegen die Angst vor dem Tod?

Als sich der Themenfächer öffnete, gewann die Diskussion rasch an Fahrt. Die Zahl der Kommentare stieg stetig an. Waren es früher etwa 200 Beiträge pro Woche, sind es heute 1000 und mehr. Ausreisser nach oben erreichten bis 2500 Leserreaktionen.

Minarettverbot mobilisierte

Am meisten Kommentare generierte die Auseinandersetzung um die überraschende Abstimmung zum Minarettverbot. Die Wogen gingen hoch, die Befürworter und Gegner der Initiative schenkten sich nichts. So kamen in wenigen Tagen über 3000 Kommentare zusammen.

Rund 2000 Leservoten provozierte der Impulstext mit dem Titel «Denkmalschutz für christlichen Gott». Es ging um die Freidenker-Plakate «Da ist wahrscheinlich kein Gott – also sorg dich nicht, geniess das Leben». Atheisten und Skeptiker lieferten sich dabei ein episches Wortgefecht mit Gläubigen.

Überhaupt lebt die Diskussion im Blog in den letzten Monaten vorwiegend von der geistigen Auseinandersetzung von Atheisten und Agnostikern mit Gläubigen. Naturgemäss prallen die Meinungen frontal aufeinander. Die zentralen Themen dabei: Wie plausibel ist die Vorstellung von einem christlichen Gott? Ist die Bibel von Gott inspiriert oder ist sie ein geschicktes PR-Instrument der Urchristen?

Für freikirchlich engagierte Gläubige ist die offene Diskussion über solche Fragen eine schiere Provokation. Manche fühlen sich in ihren religiösen Gefühlen tangiert und drohten auch schon mit einer Strafanzeige wegen Verletzung des Antirassismusgesetzes. In ihren Augen diskriminiert die Diskussion die Christen als Glaubensgemeinschaft.

Spendet uns Gott Trost?

Eine Kontroverse mit fast 2000 Kommentaren löste der Impulstext mit dem Titel «Unser tägliches Brot gib uns heute» aus. Dabei ging es um die Frage, wie es sich aus christlicher Sicht verantworten lässt, Waffenindustrien zu bauen und Milliarden in die Weltraumforschung zu stecken, wenn gleichzeitig Millionen von Menschen hungern.

Eine spannende Diskussion provozierte auch die Frage, ob und warum wir Trost in Gott finden. Weshalb zürnen ihm Gläubige nicht, wenn sie ein Kind oder einen Partner durch eine schwere Krankheit verlieren? Weshalb glauben sie, bei jener Instanz Trost zu finden, die ihre Angehörigen auch hätte heilen können?

Ein offenes Forum zieht auch Leser mit extremen Ansichten an, die den Blog als Plattform für fragwürdige Botschaften benutzen. Um die Diskussion in geordneten Bahnen zu halten, müssen ihre teilweise ehrverletzenden oder hetzerischen Kommentare gelöscht werden. Aus Rache über die angebliche Zensur überschwemmen sie den Blog gern mit unsinnigen Kommentaren. Doch alle Versuche, den Blog zu sabotieren oder lahmzulegen, sind bisher gescheitert.

hugostamm am Freitag den 26. Februar 2010

“Minarette sehen wie Kirchtürme aus”

imageMinarettDer französische Philosoph und Politologe Olivier Roy hat sich intensiv mit religiösen Fragen beschäftigt und ist ein ausgewiesener Islam-Kenner. In einem Interview mit der SonntagsZeitung äussert er provokative Thesen, die eine Diskussion wert sind.

Roy erklärt, dass Religion immer bedeutender werde, weil die Gesellschaft säkularer wird. Den vermeintlichen Widerspruch erklärt Roy so: Früher war Religion in den Alltag eingebetet und deshalb nicht aufgefallen. Es war normal, religiös zu sein, „Religion war überall und nirgends“. In unserer säkularisierten Welt fallen Gläubige hingegen auf, „sie werden zu Exoten“. Religion werde auch immer sichtbarer.

Diese Sichtbarkeit expliziert er am Beispiel der Immigration. Früher seien die Immigranten nach ihrer Herkunft wahrgenommen worden, heute drehe sich alles um ihre Religion. Die Einwanderer würden bezüglich Religion Flagge zeigen und auffallen. Ausdruck davon seien der Schleier oder die Burka. Dazu hat Roy eine überraschende Erklärung: Frauen würden damit auffallen: „Es handelt sich primär um Exhibitionismus.“

Roy versteht das Minarettverbot nicht. Damit werde man die Muslime nicht los, sondern verbiete nur die sichtbaren Symbole. „Dabei sind gerade Minarette ein Versuch der Muslime, die Christen nachzuahmen.“ Die Türme liessen die Moscheen ein wenig aussehen wie Kirchen. Auf die Frage, ob die Minarette nicht die viel zitierten Speerspitzen des Islam seien, antwortet Roy dezidiert: „Im Gegenteil: Sie sind ein Zeichen dafür, dass sich die Muslime integrieren wollen.“ Minarette hätten nicht mit Gottesstaat oder Sharia zu tun, sondern stünden für den Wunsch, eine muslimische Gemeinde zu bilden. Ähnlich wie dies Kirchgemeinden tun würden.

Als Beleg führt Roy an, dass in Frankreich und Deutschland muslimische Gemeinden die christlichen nachahmen würden. Die Websites seien auf französisch oder deutsch geschrieben, und es gäbe Sportvereine und Clubs wie in christlichen Gemeinden. Der Islam werde dem Christentum immer ähnlicher, nur würden wir das nicht wahrnehmen.

Roy widerspricht den Prognosen, wonach Europa in ein paar Jahrzehnten islamisch dominiert sein werde. Momentan lebten in Europa durchschnittlich weniger als fünf Prozent Muslime. Um die Christen zu verdrängen, müssten Muslime 10 bis 12 Kinder haben und die Europäer keine mehr auf die Welt stellen. Doch auch hier passten sich die Muslime den Christen an. In Tunesien würden beispielsweise heute schon weniger Kinder geboren als in Frankreich.

Roy scheint mehr Respekt vor den Konvertiten zu haben: Christen, die sich zum Islam bekehren. Diese neigten zum Fundamentalismus. Al-Qaida habe prozentual den höchsten Grad von Konvertiten aller islamischen Organisationen. „Und ein Drittel aller Frauen, die in Frankreich die Burka tragen, sind Konvertiten.“
Überraschend ist auch die Beobachtung von Roy, dass Muslime zum Christentum konvertieren. „In Frankreich gibt es sogar eine evangelische Sekte, die aus ehemaligen Muslimen besteht. Auch hier sieht man, wie Konvertiten zum Fundamentalismus neigen. Viele protestantische Pfarrer waren ursprünglich Muslime.“

Den Grund sieht Roy darin, dass sich Religion immer stärker von der Kultur abkoppelt. So würden die traditionellen Kirchen Anhänger verlieren, die modernen aber wachsen. Wir hätten eigentlich nicht Angst vor dem Islam, sondern vor den Fundamentalisten. Diese seien ein Produkt der Moderne: „Die Frauen, die in Frankreich eine Burka tragen, werden nicht von ihren Männern dazu gezwungen. Das ist inzwischen allgemein anerkannt.“

Roy führt das Beispiel von Malika El Aroud an, einer bekannte Vertreterin des islamischen Fundamentalismus. Sie ist die Witwe eines der beiden Mörder des afghanischen Widerstandskämpfers und Taliban-Gegners Massoud und wurde 2007 wegen Aufhetzung von einem Schweizer Gericht verurteilt. „Diese Frau hat den Lebenslauf einer modernen westlichen Frau: Uneheliches Kind, Hippie-Jugend, und sie hat ihren aktuellen Ehemann, der übrigens zehn Jahre jünger ist als sie, per Internet gefunden. Fundamentalismus, auch islamischer Fundamentalismus, hat nichts mit Tradition zu tun. Es ist etwas, das sich moderne Menschen konstruieren.“

Roy wehrt sich auch gegen die Vorstellung, der Islam trage fundamentalistische Züge, weil er keine Reformation erlebt habe. Martin Luther sei ja auch ein Fanatiker gewesen. Ausserdem habe die Reformation nichts mit der Aufklärung zu tun. „Denken Sie bloss an die evangelischen Sekten, die die Evolutionstheorie ablehnen.“

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