
Durch die Abwahl aus dem Bundesrat wurde er kurzfristig zum Märtyrer, doch verblasste der Glanz bald: Christoph Blocher.
SVP-Alt-Bundesrat Christoph Blocher hat in den letzten zwei Jahrzehnten die Schweizer Politik geprägt wie kein zweiter. Viele konservative und fremdenfeindliche Bürgerinnen und Bürger sahen in ihm einen Heilsbringer. Dies nicht nur, weil er einer strenggläubigen Pfarrersfamilie entstammt, sondern weil er sich wie ein Erlöser gebärdete, der die Schweiz vor fremden und bösen Mächten schützen oder gar retten wollte. Für viele war er der Übervater der Nation, ja fast eine Art Schutzheiliger. Wer ihn charakterisieren wollte, griff gern zu einem Vokabular, das religiöse Attribute enthielt.
Politik hat aber nur selten mit spirituellen Syndromen zu tun. Es ist die unbeherrschbare Kunst des Möglichen – oder oft Unmöglichen. Weil Politik in der Regel mit säkularen Problemen konfrontiert ist, die in den weltlichen Niederungen entstanden sind, tun wir gut daran, diese mit entsprechen Instrumenten zu lösen: Pragmatisch, sachlich, frei von Vorurteilen. Verhängnisvoll wird es, wenn wir mit ideologischen oder religiösen Prämissen ans Werk gehen. Dann überhöhen wir die politischen Interessen und Gegenstände und geben ihnen eine pseudoreligiöse Bedeutung, die (vermeintliche) Heilsbringer erst ermöglichen.
Genau dies hat Blocher getan. Er sah fremde Mächte am Werk, welche die Schweiz zerstören wollten. Die UNO war des Teufels, die EU ohnehin. Er malte aber auch den Feind im Innern an die Wand: Inserate sprachen von Geheimplänen der Classe politique. Überall lauerten angeblich Gefahren, die geradezu nach einem Erlöser schrien. Das ideologische Konzept der SVP war darauf ausgerichtet, den Boden für einen Heilsbringer vorzubereiten. Und der Nährboden war gut: Ein beträchtlicher Teil des Volkes dürstete in den Krisenzeiten nach einer starken Hand.
Das Rezept hat lange Zeit funktioniert. Der Erfolg der auf Blocher fokussierten SVP zeichnete sich in allen Wahlen seit 1991 ab. Die logische Konsequenz war die Wahl Blochers in den Bundesrat.
Dann begann der Abstieg. In der Realpolitik, vor allem in der Exekutive, scheitern eben auch Heilsbringer. Mit ideologischen Beschwörungsformeln lassen sich keine Probleme lösen. Auch Blocher konnte die Schweiz nicht von den Ausländern befreien, wie seine Wähler erwarteten. Er war eingebunden in ein Gremuim und konfrontiert mit komplexen Sachproblemen, die sich nicht mit einem Machtwort des Heilsbringers zum Verschwinden bringen liessen. Vor allem zeigte sich, dass es keine einfachen Lösungen gibt. Das Volk erlebte die Diskrepanz der simplen Heilsbotschaften und der realpolitischen Umsetzungen.
Blocher wurde als Messias entzaubert. Durch die Abwahl wurde er kurzfristig zum Märtyrer – auch dies eine religiöse Metapher -, doch verblasste der Glanz bald. Und die SVP erhielt am Wochenende die Quittung dafür, dass sie auf einen Heilsbringer gesetzt hat: Die SVP wurde zurückgebunden, Blocher bei den Ständeratswahlen gedemütigt und bei den Nationalratswahlen vom Leichtgewicht Nathalie Rickli, gestartet von Platz 7, vom ersten Platz verdrängt.
Hoffentlich ziehen die SVP und ihre Wähler die richtigen Schlüsse daraus: Heilsbringer sollen auf dem religiösen Parkett bleiben; sie haben in der Politik nichts verloren.












































