Das Drama des Menschen liegt darin, dass er Gott und seine Seele nicht kennt. Hinter diesen beiden Instanzen verstecken sich die Geheimnisse des Lebens. Optimale Voraussetzungen für Analysen, Spekulationen, Legenden und Mythen. (Da hätten wir sie schon wieder.) Was muss das für ein Schock gewesen sein, als Ärzte den ersten Menschen sezierten und keine Seele gefunden haben. Somit erlangte sie erst recht eine religiöse Dimension. Und heute kümmern sich Psychologie (seelische Störungen) und Glaubensgemeinschaften gleichermassen um dieses schwer definierbare Etwas, das irgendwo zwischen Hirn und Herz angesiedelt ist.
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Wozu die Wiedergeburt?
hugostamm am Donnerstag den 8. Juni 2006Die Sterne sind entlarvt
hugostamm am Sonntag den 14. Mai 2006Passen nun Widder besser zu Steinböcken oder zu Jungfrauen? Oder hat eine Beziehung mit einer Waage vielleicht doch bessere Zukunftschancen? Doch was macht der Widder, wenn er einer intelligenten, fröhlichen und hübschen Fisch-Frau begegnet und sich Hals über Kopf verliebt? Soll er dann die Sterne fragen? Soll er ihnen glauben, wenn sie ihm ins Ohr flüstern: „Widder mit Fisch? Behüte Gott. Da kannst Du die Scheidung eingeben, bevor Du ihr den Ring an den Finger gesteckt hast.“
Ein Forschungsteam aus Deutschland und Dänemark wollte es wissen, wie es sich wirklich mit den Sternen und Sternzeichen verhält. Gibt es einen nachweisbaren Zusammenhang zwischen dem Geburtsmonat, dem Sternzeichen und den Charakterzügen?
Professor Peter Hartmann von der Universität Arhus und seine Kollegen sammelten Daten und Informationen von über 15’000 Menschen, die sie aus verschiedenen Datenbanken bezogen. Ihre Resultate sind ernüchternd. Persönlichkeitsmerkmale seien nicht abhängig von Sternzeichen, erklären sie ohne Wenn und Aber. Die Zeit der Geburt sage nichts über die Charaktereigenschaften aus.
Das Resultat erstaunt zwar nicht wirklich, ist aber für einen Grossteil der Bevölkerung ein herber Dämpfer. Denn fast die Hälfte glaubt an die Macht der Sterne oder an die Sternzeichen. Tendenz steigend. Ich zweifle allerdings, dass sich diese von der wissenschaftlichen Studie verunsichern lässt. Gegen den Glauben an die Kraft der Gestirne ist kein (Vernunfts-)Kraut gewachsen. Warum? Weil es eben ein Glaube ist. Und der lässt sich nicht erschüttern. Auch nicht von den ausgewerteten Daten von 15’000 Personen. Und schon gar nicht von wissenschaftlichen Erkenntnissen. Schliesslich würde ihr Weltbild zusammenkrachen, wenn sie die Hoffnung auf die Sterne verlieren würden. Schliesslich würde sich auch der Glaube an die Horoskope verflüchtigen. Somit wären viele Hoffnungen, Erwartungen und Sehnsüchte vergeblich gewesen. Und das Geld für die „Analysen“ aus dem Fenster geworfen. Und man müsste sich eingestehen, einem Aberglauben gehuldigt zu haben. Das wären schmerzliche Erkenntnisse. Deshalb glaubt man lieber, dass sich astrologische Erkenntnisse eben nicht mit wissenschaftlichen Methoden verifizieren lassen. Und so bleibt die Kirche im Dorf – oder eben im Sternenhimmel.
Gebildete Astrologen gehen sofort zum Gegenangriff über. Sie erklären, frühere Untersuchungen hätten gezeigt, dass es durchaus einen Zusammenhang zwischen den Charaktereigenschaften und dem Sternzeichen gebe. Was sagen die Wissenschafter um Peter Hartmann dazu? Die früheren Studien hätten nur kleine Probandengruppen untersucht und deshalb keine statistisch relevanten Resultate hervorbringen können.
Warum soll man nicht an die Sterne oder den Einfluss der Sternzeichen glauben? Das ist doch harmlos, sagen viele, auch nicht Sternen-Gläubige. So einfach ist es leider nicht. Die Gefahr besteht, dass die Sterndeuter sich von Horoskopen abhängig machen, ihr Verhalten auf die Aussagen der Astrologen ausrichten und die Verantwortung an eine „höhere Macht“ abgeben. Viele befragen vor schwierigen Entscheiden die Sterne. Statt auf ihre Gefühle zu hören und die Lebenserfahrungen beizuziehen, überlassen sie die Entscheide den Astrologen oder den Sternen. Wobei wir bei meinem Lieblingsthema wären: Die geistige Freiheit ist vielleicht das wichtigste Gut, das es zu kultivieren und zu schützen gilt.
Wie sagen doch die Astrologen? Sterne lügen nicht. Kunststück: Sie können ja gar nicht reden.
Die Kraft des positiven Denkens
hugostamm am Donnerstag den 27. April 2006Die esoterische Weltsicht basiert über weite Teile auf den Vorstellungen des „positiven Denkens“. Was die wenigsten wissen, die den Begriff in harmloser Weise als durchaus sinnvolle Aufmunterung brauchen: Hinter dem unscheinbaren Allerweltsbegriff versteckt sich ein komplettes spirituelles Konzept, das sich optimal an die wirtschaftlichen und sozialen Ziele unserer Gesellschaft anpasst: Wie in unserem Alltag sind auch beim positiven Denken Effizienz, Erfolg und Egozentrik die zentralen Werte. Die Suggestivmethode erweist sich als angeblicher Zauberstab, mit dem sich auf „geistigem Weg“ und ohne Anstrengung angeblich alles auf der spirituellen und vor allem materiellen Ebene erreichen lässt. Es geht also beim eigentlichen positiven Denken nicht darum, mit Optimismus den Alltag zu bewältigen, sondern es beinhaltet ein Heilsystem, mit dem sich utopische Wunschvorstellungen vermeintlich mühelos realisieren lassen.
Beim positiven Denken geht es darum, unser Bewusstsein mit suggestiven Kräften zu programmieren. Das Credo: Wir sind, was wir denken, und die Welt lässt sich mit der geistigen Kraft des positiven Denkens beliebig bewegen. Wenn ich im Geist eine positive Welt kreiere, dann wird sich mir diese genau so manifestieren.
Für positive Denker funktioniert die Psyche wie ein Computer, den man programmieren kann. Doch das Unbewusste löscht keine Eindrücke, auch wenn man tausendmal die Delete-Taste drückt.
Vater des positiven Denkens ist der Amerikaner Joseph Murphy. Er hat unzählige Bücher dazu geschrieben. Er behauptet, die suggestive Methode garantiere Reichtum und Wohlstand. Alles, was wir in Gedanken visualisierten, verwirkliche sich in der materiellen Welt. Autos, Häuser und Wolkenkratzer waren laut Murphy einst lediglich Ideen oder Gedankenimpressionen im Geist eines Menschen, die ins Unterbewusstsein gesickert und später realisiert worden seien. Für ihn ist „Wohlstand eine Geisteshaltung“. Beim positiven Denken werde das Wachbewusstsein des Menschen von seinem Unterbewusstsein aktiviert, und „das Gesetz der Anziehung setzt Reichtümer zu ihm in Bewegung – aussersinnlich, geistig und materiell“, behauptet Murphy, ohne das Phänomen näher zu erklären.
Um reich zu werden, muss man sich laut Murphy nicht anstrengen, alles lässt sich im Schlaf erreichen. Beim Hinübergleiten soll ein Wort „festgehalten“ und wiederholt werden, nämlich der Begriff „Wohlstand“. „Reichtum ist eine gute Gewohnheit, Armut dagegen eine schlechte – das ist der ganze Unterschied zwischen Reichtum und Armut“, schreibt der Millionär Murphy in einem Anfall von Zynismus. Und er erklärt die Armut für eine geistige Krankheit.
Der Vater des positiven Denkens übergiesst alle Menschen mit Hohn und Verachtung, die ihren Lebensunterhalt mit ehrlicher Arbeit verdienen. Der Guru des positiven Denkens behauptet, im Schweisse des Angesichts zu Reichtum zu kommen sei lediglich eine zuverlässige Methode, früh auf dem Friedhof zu landen. Es sei völlig unnötig, seine Kräfte auf diese Weise zu verschwenden. “Wer sich reich fühlt, wird reich.”
Das positive Denken ist eine geistige Zwangsmethode. Die propagierten Effekte wie ein vollkommen angstfreies Leben, ewige Harmonie, absolute Gesundheit und Reichtum sind unreife Ziele und widersprechen allen Lebenserfahrungen. Hier werden kindliche Paradiesvisionen gezüchtet. Positive Denker können eine emotionale Regression erleiden. Es führt letztlich zu Narzissmus, Egoismus und zu einer Selbstvergottung.
Der Schweizer René Egli bringt es in seinem Buch „Das Lola-Prinzip“ auf den Punkt. Er schreibt: “Wir sind eins mit Gott. (…) Also: wir werden nicht sein wie Gott, wir sind Gott! (…) Entweder wir sind hier und jetzt Gott – oder wir werden es niemals sein. Wir sind Gott. Jetzt. Wir haben lediglich vergessen, dass wir Gott sind.” Die Geschichte lehrt uns aber, dass Menschen, die sich göttliche Fähigkeiten zugemessen haben, kein Segen für die Menschheit waren.
Heiler gegen Ärzte
hugostamm am Montag den 10. April 2006Der Beitrag über die Homöopathie hat gezeigt, dass alternative Heilmethoden die Leser in zwei Lager teilt. Diese Erfahrung mache ich seit vielen Jahren. Was mir besonders auffällt: Die Diskussion nimmt oft die Qualität eines Glaubenskrieges an. Deshalb interessiert und beschäftigt mich das Phänomen mit wachsender Aufmerksamkeit.
Auffallend ist die Vehemenz, mit der viele Vertreter alternativer Disziplinen ihr Interessengebiet verteidigen. Dafür habe ich durchaus Verständnis. Wenn sie aber mit einem Kriegsvokabular pauschal auf die Schulmedizin und Pharmaindustrie eindreschen, offenbaren sie einen missionarischen Eifer. Um nicht sogleich einen Sturm der Entrüstung auszulösen, stelle ich meine Haltung vorweg: Es gibt in allen erwähnten Bereichen unseriöse Anbieter und Exponenten, Missbrauch findet sich bei allen Disziplinen, auch der Schulmedizin und der Pharmaindustrie. Eine pauschale Verteufelung zeigt nur, dass die Kritiker Feindbilder kultivieren, die der Wirklichkeit nicht gerecht werden.
Traditionelle Medizin und die Alternativen Methoden gegeneinander auszuspielen, macht keinen Sinn. Ich kenne viele Beispiele, bei denen Heiler den Tod ihrer Patienten verschuldeten, weil sie diese nicht an die Schulmedizin „ausliefern“ wollten. Ein Beispiel: Eine 23-jährige Frau mit starken Ohrenschmerzen suchte einen Heiler auf. Dieser gab ihr Tinkturen aus Naturheilkräutern. Die Schmerzen wurden immer unerträglicher und weiteten sich auf den ganzen Kopf auf. Die junge Frau wagte es nicht, Schmerzmittel zu schlucken. Das sei Chemie, sagte der Heiler. Chemie störe die Energieflüsse und schwäche die Selbstheilkräfte. Nach zehn Tagen hielten die Eltern die Schmerzensschreie ihrer Tochter nicht mehr aus und riefen gegen ihren Willen den Notfallarzt. Dieser wies sie sofort in ein Krankenhaus ein. Doch es war zu spät, die junge Frau starb nach wenigen Stunden.
Die Obduktion ergab, dass die Patientin eine Mittelohrenentzündung hatte, die sich zur Hirnhautentzündung auswuchs. Hätte sie rechtzeitig Antibiotika geschluckt, würde sie heute noch leben. (Es gibt aber auch Vertreter der Naturheilkunde, die dies allen Ernstes bestreiten.)
Ich selbst benutze Medikamente nur im äussersten Notfall. Zum Beispiel bei gefährlichen Infektionen oder mörderischen Schmerzen. (Was zum Glück selten vorkommt.) Und in diesen akuten Situationen helfen Naturheilmittel eben nicht gut genug. Nebenbei gesagt: Es gibt verschiedene Krankheiten, bei denen herkömmliche Medikamente lebensrettend wirken können.
Ich wage die These, dass bei leichteren chronischen Krankheiten der Körper der beste Arzt ist und Medikamente nicht braucht – auch keine Naturheilmittel. Bei gravierenden akuten Krankheiten geht es (leider) oft nicht ohne chemischen Einsatz.
Ich erwarte von den Verfechtern der Naturheilkunde mehr Wille zur „ganzheitlichen“ Betrachtungsweise. Sie monieren, dass die Medikamente Nebenwirkungen hervorrufen würden. Das trifft durchaus zu und ist bedauernswert. Doch wenn die Alternative der Tod ist, dann sind die Nebenwirkungen der Medikamente wohl immer das kleinere Übel. Ganz abgesehen davon, dass auch Naturheilmittel Nebenwirkungen zeigen. Alles, was wir einnehmen, hat Nebenwirkungen. (Wenn auch oft nur in sehr geringem Mass.) Die Natur einseitig zu verklären, zeugt nicht von geistiger Unabhängigkeit. Wenn ich Tollkirschen oder Fliegenpilze esse, können die „Nebenwirkungen“ tödlich sein. Aber selbstverständlich nehme ich bei leichten Krankheiten auch lieber Naturheilprodukte als herkömmliche Medikamente.
Die pauschale Verteufelung der traditionellen Medizin ist auch aus einem andern Grund kurzsichtig. Jährlich flicken die Chirurgen in der Schweiz Tausende von Unfallopfern (Verkehr, Arbeit, Sport) auf wunderbare Weise zusammen. Oder: Wer geht schon bei einem akuten Blinddarm zu einem Heiler? Viele Esoteriker fluchen zwar jahrein und jahraus über die „verbrecherischen Götter in Weiss“, sind aber sehr froh, wenn ihnen der Neurologe bei einer Hirnblutung die Kalotte öffnet und damit womöglich das Leben rettet.
Die Krux mit der Homöopathie
hugostamm am Sonntag den 2. April 2006Wir organisieren unseren Alltag streng nach wissenschaftlichen und technischen Erkenntnissen. Die von Esoterikern als besonders spirituell gepriesene Natur funktioniert zumindest auf der “grobstofflichen Ebene” bedingungslos nach den “Naturgesetzen”. Ein Stein fällt immer in der gleichen Geschwindigkeit und immer zu Boden. Auch ein energetisch aufgeladener Heilstein macht da keine Ausnahme.
Würde die Natur in der äusseren Erscheinung nicht ausnahmslos streng wissenschaftlich funktionieren, wären unsere Tage gezählt. Flugzeuge kämen reihenweise vom Himmel, wir würden mit unseren Autos überraschend Bekanntschaft mit Bäumen und Mauern machen, und die Fernsehgeräte würden gelegentlich explodieren und unsere Wohnungen in Brand setzen.
Die Homöopathie versteht sich als medizinische Disziplin und will als wissenschaftlich fundiert anerkannt werden. Schaut man sich die Theorie der Tinkturen und Globuli etwas näher an, kommt allerdings Skepsis auf. So behaupten Homöopathen etwa, je mehr sie ihre Mittel verdünnen würden, desto grösser sei die Wirkung. Sie sprechen von Potentzierung durch Verdünnen. Ein solches Gesetz kennt die Natur aber nicht. Wenn wir gern süssen Sirup haben, erhöhen wir die Konzentration. Und wenn die Kopfschmerzen nach einer Tablette nicht nachlassen, schlucken wir eine zweite. Unser Leben funktioniert nach dem Prinzip: Wo nichts drin ist, kommt nichts raus.
Die Homöopathie hingegen verdünnt ihre Mittel endlos. Oft so lang, bis kein Molekül mehr in einem Fläschchen zu finden ist. Bei einer Potenzierung D 19 enthält ein ganzer See voll homöopathisches Mittel kein einziges Elementarteilchen der Ausgangslösung mehr.
Die Homöopathen belehren uns, dass ihre Tinkturen durch die Verdünnung die Informationen der heilenden Substanzen übernehmen würden. Auch für diese Erklärung findet sich in der Natur kein entsprechendes Gesetz. Dieses Phänomen konnte bisher nirgends beobachtet oder nachgewiesen werden. Das wäre nämlich fatal, denn wir könnten unser Wasser vermutlich nicht mehr trinken. Dieses ist in den letzten Hunderttausenden von Jahren immer wieder mit giftigen Stoffen in Berührung gekommen und wäre wohl nicht mehr geniessbar, wenn es fremde Informationen aufgenommen hätte.
Trotz meiner Skepsis weiss ich, dass Globuli wirken. Empirische Studien haben den Beweis eindeutig erbracht. Ich vermute, dass wir die Erklärung nicht auf der wissenschaftlichen Ebene suchen müssen, sondern auf der psychosomatischen: Der Placeboeffekt ist bei homöopathischen Produkten offenbar besonders gross.
Homöopathen wehren sich aber vehement gegen die Placebotheorie. Sie verweisen darauf, dass homöopathische Mittel auch bei Tieren wirken würden. Dagegen lässt sich einwenden, dass Untersuchungen über die Wirkung von Medikamenten bei Tieren sehr schwer und meist nur über Labortests zu bewerkstelligen sind. Ausserdem heilen die allermeisten Krankheiten von selbst. Wer will da urteilen, ob eine Spontanheilung vorliegt oder die Globuli gewirkt haben?
Homöopathen erklären die Wirkung ihrer Tinkturen nach wie vor mit wissenschaftlichen Argumenten. Das scheint mir angesichts der Tatsache, dass ihre Begründungen allen bekannten Erkenntnissen widersprechen, wissenschaftlich unredlich. Die Homöopathen sollten dazu stehen, dass es keine befriedigende wissenschaftliche Erklärung für das Phänomen Homöopathie gibt.
Wie lässt sich die grosse Akzeptanz der Homöopathie in der Öffentlichkeit erklären? Würde man eine Strassenumfrage machen, wäre das Resultat ernüchternd. Wohl die wenigsten Anwender kennen das Prinzip näher. Ausserdem faszinieren uns oft die unerklärbaren und spektakulären Phänomene mehr als die bekannten.
Vorwurf des sexuellen Missbrauchs
hugostamm am Mittwoch den 8. März 2006In letzter Zeit melden sich vermehrt verzweifelte TA-Leser bei mir, die fast identische Geschichten erzählen. So auch heute wieder. Ein Vater erzählte, seine 25-jährige Tochter beschuldige ihn aus heiterem Himmel des sexuellen Missbrauchs. Er habe sich an ihr vergriffen, als sie noch ein Kind gewesen sei. Der Leser war vor den Kopf gestossen. Seine Tochter will ihn bei der Polizei anzeigen, berichtete er. Sie habe den Kontakt zur Familie von einem Tag auf den andern abgebrochen. Auch zu ihrer Schwester.
Was der Leser weiter berichtet, ist beinahe klassisch, die Muster gleichen sich: Junge Frauen, die in einer Sinnkrise stecken oder psychische Probleme haben, suchen bei Geistheilern, spirituellen Meistern, esoterischen Therapeutinnen, Medien usw. Rat und Hilfe. Als Therapie bieten diese Meditationen, Seminare oder spirituelle Rituale an. Im Gegensatz zur Psychotherapie, die oft mehrere Jahre dauert, sollen die spirituellen Methoden schnelle und wirksame Erfolge bringen, wird den Klienten versprochen. In den Augen der Geistheiler und Medien sind psychische oder psychosomatische Symptome Ausdruck spiritueller Defizite.
In vielen Fällen helfen die alternativen Methoden aber nicht, weshalb die Anbieter in Argumentsnotstand kommen. Und wenn sich persönliche Probleme wie Ängste und depressive Verstimmungen nicht lösen lassen, gibt es in vielen esoterischen Kreisen eine Standardantwort: Die Verstrickungen oder traumatischen Erlebnisse seien so gravierend, dass selbst alternative Methoden nicht richtig greifen würden. Dann muss ein sexueller Übergriff vorliegen, behaupten viele Heilerinnen. Erstaunlicherweise folgt die Bestätigung der eigenartigen Diagnose auf dem Fuss. Ich sehe den Missbrauch in Deiner Aura, lautet dann die Antwort. Oder ich habe die Botschaft von den aufgestiegenen Meistern auf medialem Weg empfangen.
Der oben erwähnte TA-Leser bat seine Tochter um ein klärendes Gespräch. Dabei gab sie zu, sich nicht an die angeblichen sexuellen Übergriffe erinnern zu können. Er habe sie missbraucht, als sie geschlafen habe. Auf den Einwand des Vaters, dann wäre sie doch sicher erwacht, wusste die Tochter keine Antwort. Auch das Gespräch mit der Mutter verlief ergebnislos. Diese erklärte ihrer Tochter, dass sie es bemerkt hätte, wenn sich der Vater an ihr vergriffen hätte. Als sie realisierte, dass die Mutter ihrem Vater mehr Glauben schenkte, brach die Tochter den Kontakt abrupt ab.
„Spirituelle Diagnosen“ zu stellen und diese als reine Tatsachen darzustellen, ist eine Anmassung. Ausserdem bezichtigen die „Therapeutinnen“ wahllos Personen eines schweren Verbrechens, die sie nicht kennen. In ihrer Selbstüberschätzung und spirituellen Verblendung stellen sie reine Spekulationen als Tatsachen dar. Ich kenne viele solche Beispiele. Es gibt auch Väter, die zu Gefängnisstrafen verurteilt worden sind – wahrscheinlich zu Unrecht.
Mir ist bewusst, dass es viele sexuelle Übergriffe in Familien gibt. Ich bin sehr dafür, dass Töchter bei handfestem Verdacht ihre Väter einklagen. Es ist für mich aber ein übler Missbrauch, wenn spirituelle Meister oder weibliche Medien ihren Klientinnen den vermeintlichen Missbrauch einreden und als „Beweis“ dafür spirituelle Argumente anführen. Doch zur Rechenschaft ziehen lassen sich die „Therapeuten“ leider nicht. Verantwortlich sind nur die Personen, die sich manipulieren lassen.
Alles nur Suggestion?
hugostamm am Dienstag den 21. Februar 2006Religiöse Rituale können ganze Sturzbäche an Glückshormonen auslösen. Mit geschlossenen Augen und verklärtem Gesicht die erhobenen Arme im Takt eines Gospelsongs zu wiegen – was für ein emotionales Schaumbad! Überhaupt ein charismatischer Gottesdienst mit kräftigen Worten des lautstarken Predigers, der erklärt, Jesus sei gerade hier anwesend: Eine Wucht!
Oder im Kreis von erwartungsfrohen Gleichgesinnten im Schneider- oder Lotussitz eine Meditation absolvieren, die ein attraktives Medium mit sonorer Stimme leitet: Die Energien fliessen wie nie. Oder ein Hexenritual zur Sonnenwende an einem Feuer im Wald. Oder bei einer Rückführung die Entdeckung, in einem früheren Leben Kleopatra gewesen zu sein. Oder ein Tatra-Seminar, in dem wir lernen, die Sexualität in spirituelle Energie umzuwandeln. Solche religiösen oder spirituellen Gemeinschaftserlebnisse lassen uns Grenzen sprengen und in neue Dimensionen vorstossen. So jedenfalls kommt es uns vor.
Übersinnliche Erlebnisse sind spezielle Momente im Leben. Wir sehnen uns solche Situationen herbei. Und fragen uns selten, was dabei abgeht. Eine rationale Auseinandersetzung mit solchen Phänomenen könnte das emotionale Erleben stören. Doch wie bei jeder (sehr verständlichen) Sehn-Sucht wäre ein bisschen Ursachenforschung kaum fehl am Platz.
Viele spirituelle Sucher gelangen zur Überzeugung, dass das Glücksgefühl Ausdruck der spirituellen Entwicklung sei. Wenn Gläubige bei einem charismatischen Gottesdienst ausflippen, glauben sie in ihrer Euphorie, ihrem Jesus besonders nah zu sein und in seiner Gnade zu stehen. Für sie ist die Euphorie Ausdruck der richtigen Frömmigkeit und eine Belohnung von Jesus. Viele fromme Frauen gestehen denn auch freimütig, dass Jesus ihr „erster Liebhaber“ ist, also dem eigenen Ehemann den Rang abläuft.
Ähnlich verhält es sich bei spirituellen Ritualen. Die Teilnehmer interpretieren die emotionalen Highlights als Beweis der raschen spirituellen Entwicklung. Das Glücksgefühl während eines Rituals interpretieren sie als weiteren grossen Schritt zur Erleuchtung.
Solche Interpretationen können verhängnisvoll sein. Spirituelle oder religiöse Rituale sind hoch suggestiv, vor allem, wenn sie mit einer grossen Sehnsucht und hohen Erwartungen verbunden sind. Ausserdem wird die euphorische Stimmung durch das Gemeinschaftserlebnis gefördert. Gegen solche Erlebnisse ist nichts einzuwenden, ich gönne sie allen. Doch allfällige Fehlinterpretationen können sich negativ auswirken. Sie führen oft zu einer Überschätzung der eigenen spirituellen Fähigkeiten. Und – verbunden damit –in eine Scheinwelt. Deshalb ist es auch bei religiösen oder spirituellen Erfahrungen sinnvoll, gelegentlich Vernunft und Verstand als Kontrollinstanz einzusetzen. Sonst droht eine religiöse Verblendung, die zu unliebsamen psychischen Reaktionen führen kann. Schon mancher, der in spirituelle Grenzbereiche vorgestossen ist, provozierte schmerzhafte psychotische Symptome.
Wo bleibt das Wassermann-Zeitalter?
hugostamm am Samstag den 11. Februar 2006Die Esoteriker haben uns vor bald 50 Jahren das Wassermann-Zeitalter versprochen. Im Gegensatz zum auslaufenden „brutalen“ Fische-Zeitalter versprachen uns die spirituellen Sucher eine neue Epoche, in der wir Menschen das höhere Bewusstsein erlangen würden. Und so besang das Musical Hair in den 1970-er Jahren euphorisch den „acuarios“. Im neuen Zeitalter würde sich die Menschheit auf spirituelle Werte besinnen und zu sanften Wesen mutieren, verkündeten die Esoteriker.
Doch seit das Wassermann-Zeitalter angebrochen ist, dreht sich die Spirale der Gewalt und Konflikte immer schneller. Die Zahl der Krieg steigt laufend, der Terrorismus bedroht die westliche Welt, der Nahost-Konflikt eskaliert, Irak und Iran sind brandheisse Herde, und der Karikaturenstreit zeigt, wie feindlich sich die arabische und westliche Welt gegenüberstehen. Man stelle sich vor: Die Ressentiments und Vorurteile in den beiden Kulturen sind so gross, dass ein paar (schlechte) Zeichnungen reichen, um die politische Weltbühne zu erschüttern. Wie wünschte man sich in diesen gefährlichen Tagen einen „Wassermann“, der die hasserfüllten Gemüter auf ihre spirituellen Werte verpflichten und ihre Gemüter besänftigen würde. Doch das Wassermann-Zeitalter ist ebenso eine Illusion wie viele andere esoterische Heilsvorstellungen.
Der „Wassermann“ bescherte uns nicht ein sanftes Bewusstsein, sondern einen See voller Aberglauben. Trotz Aufklärung, wissenschaftlichen Erkenntnissen und technischen Fortschritten greift der Aberglaube rasend schnell um sich. Tatsächlich neigt der Mensch in Krisenzeiten dazu, sich eine Scheinwelt zu bauen, in die er flüchten kann, wenn die Ängste und Schmerzen zu gross werden. Dann vergisst er, was ihm geholfen hat, ein kulturelles Wesen zu werden.
Ein gerüttelt Mass an Aberglauben tragen in unsicheren Zeiten auch radikale Esoteriker bei, die eben glauben, das Schicksal der Menschheit hange von der Konstellationen der Gestirne ab. Dabei müssten wir uns gerade in heiklen Situationen auf unsere Vernunft stützen und nicht auf einen „Wassermann“ hoffen.
Zensur eines Gläubigen?
hugostamm am Dienstag den 7. Februar 2006Lukas Schmid zweifelt in seinem Beitrag meine religiöse Unabhängigkeit an. Er schreibt:
„Wenn Du wirklich ein Unparteiischer wärst, dann wärst Du sicher ein guter ‚Konsumentenschützer in Religionsfragen’. Aber Du hast ja auch eine Glaubensüberzeugung, wie ich mal in einem Fernseh-Interview erfahren habe.“
Ich möchte in diesem Blog eigentlich nicht über mich schreiben, sondern die Diskussion zu Sachfragen anstossen. Da aber die wildesten Gerüchte über mich kursieren, scheint es mir sinnvoll, Missverständnisse auszuräumen, welche den Dialog behindern könnten.
Zuerst vielleicht zu einem – eher lustigen – Gerücht: Ich sei früher einmal Scientologe gewesen, wollen gewisse Kreise wissen. Meine Intelligenz habe aber nicht ausgereicht, um die komplexe Materie von Scientology-Gründer Ron Hubbard zu verstehen. Aus Frustration und Rache würde ich nun Scientology bekämpfen …
Erstens war ich nie Scientologe, zweitens waren weder ich noch Bekannte oder Verwandte von mir in einer vereinnahmenden Bewegung und drittens kämpfe ich nicht, sondern versuche, mit Hilfe des Wortes aufzuklären.
Weiter kann ich Lukas Schmid beruhigen: Ich gehöre keiner religiösen Gemeinschaft (auch keiner Landeskirche) an, besuche keine Gottesdienste, keine spirituellen Rituale, keine Workshops (ausser zu Recherchezwecken), praktiziere keinen bestimmten Glauben. Ich darf mich deshalb als unabhängig bezeichnen. Ich werde oft gefragt, ob ich denn den Lesern nicht eine sinnvolle Glaubensgemeinschaft empfehlen könne. Das tu ich nie. Oft wirft man mir auch vor, ich sei ein „Sektenguru“. Gurus haben eine klare spirituelle Botschaft, ich nicht. Ich predige höchstens die individuelle Freiheit, die jeder für sich selbst suchen muss.
Bei Fernsehdiskussionen werde ich oft gefragt, an was ich denn glaube. Wenn ich erkläre, es gehe nicht um meinen Glauben, wirkt es so, als habe ich etwas zu verbergen oder weiche einer wichtigen Frage aus. So sage ich manchmal widerwillig, dass wir Menschen spirituelle oder religiöse Wesen seien und dass ich mich auch mit der Frage nach Gott auseinandersetze. Dies wird dann oft so ausgelegt, dass ich im engeren Sinn gläubig sei.
Noch etwas zum Blog: Ein Diskussionsteilnehmer schreibt, die Beiträge würden zensuriert. Ich möchte betonen, dass dies nicht der Fall ist. Wir behalten uns einzig vor, Beiträge nicht ins Netz zu stellen, die ehrverletzende Äusserungen über Glaubensgemeinschaften oder Personen enthalten.
Sind die Opfer selbst schuld?
hugostamm am Montag den 6. Februar 2006In der Diskussion um meine letzte Kolumne greift Martin Schmid in seinem hochintelligenten und spannenden Beitrag im letzten Abschnitt ein wichtiges Thema auf: Die Selbstverantwortung der Klienten. „Es sind nicht einfach die bösen Meister, die ihre Schüler missbrauchen. Das können sie nur, weil sich die Schüler und Klienten zum Missbrauch anbieten“, schreibt Schmid.
Bei Vorträgen und Diskussionen schütteln oft viele Leute den Kopf, weil sie nicht verstehen können, dass jemand einem Scharlatan auf den Leim kriechen kann. Ich gebe zu, dass es für Aussenstehende schwer nachvollziehbar ist. Diese sehen nur das schreckliche Endresultat und vergessen, dass Verführer Meister ihres Faches sind und ihre Opfer nach allen Regeln der Kunst einseifen oder einlullen. Die suggestiven, teilweise hypnotischen Methoden verfehlen ihre Wirkung nicht. Dabei bewirtschaften die Täter geschickt die Sehnsucht und Angst der Klienten. Wer Hilfe sucht und sich einem solchen Setting aussetzt, müsste sehr stark und mit einer riesigen Portion Selbstbewusstsein gesegnet sein, um sich der Bewusstseinkontrolle entziehen zu können. Das Hauptproblem der Klienten liegt ja gerade darin, dass sie in einer Krise stecken und sich Hilfe ersehnen. Somit konzentrieren sie sich nicht auf einen möglichen Missbrauch, sondern ausschliesslich auf die hilfreichen Signale.
Meine Erfahrung mit Hunderten von Opfern zeigt, dass sich unter ihnen recht viele Persönlichkeiten mit einem gesunden Selbstwertgefühl befinden. Kritische Personen, die konfliktfähig sind und sich im privaten Umfeld gut behaupten und wehren können. (Dies trifft auch auf die TA-Leserin zu, die ich in der Kolumne beschreibe.) Wir vergessen dabei gern, dass wir gelernt haben, helfenden Personen gegenüber Vertrauen zu entwickeln (den Eltern, Lehrern, Geistlichen, Therapeuten usw.) Ohne Vertrauen ist seelische Heilung kaum möglich. Viele Klienten fallen deshalb bei Heilern reflexartig in ein Autoritätsverhalten. Die Idee, sie könnten ausgenützt oder gar missbraucht werden, käme ihnen nicht im Traum. Somit sind sie offen für suggestive Manipulationen. Und diese wirken bei einem Klima der Vertrautheit verdammt gut. Wir Menschen sind leichter zu beeinflussen, als uns lieb ist. Nur wer das weiss und damit rechnet, kann sich optimal schützen.























