Dieser Impulstext wurde von Ruedi Schmid (Optimus) verfasst. Vielen Dank.

Einstein zeigte, dass die Wirklichkeit nicht so ist, wie wir sie wahrnehmen: Albert Einstein in den 40er-Jahren.
Der Entdeckungsurtrieb hat uns Menschen im Laufe der Evolution vom Tier abgehoben, dabei wurde das Bedürfnis, die Seele zu entdecken von den Religionen gestillt, indem sie den Glauben verbreiteten, die Seele sei immateriell, unsterblich, vom Körper getrennt und stehe in Verbindung mit einer höheren Macht. Wenn man durch Introspektion versucht, die eigene Seele zu erkennen, glaubt man, sie auf diese immaterielle Art zu spüren, aber das ist nur eine Illusion, weil sich die Gedanken im Paradoxon eines selbstbezüglichen Systems verstricken. Die Seele als Organ des Erkennens kann sich hingegen nicht selbst erkennen.
Heute findet man für jede seelische Wirkung im Gehirn eine materielle Ursache elektrischer oder chemischer Art. Auch verbraucht jede seelische Regung Energie, messbar durch den Sauerstoffverbrauch. Ohne dauernde Energiezufuhr stirbt die Seele. Wenn die Seele immateriell wäre, würde sie nicht auf mechanische Verletzungen, Kälte, Drogen und Krankheitserreger reagieren. Auch wird der Tod nach den materiellen Kriterien des Gehirns ermittelt, weil das die einzige Möglichkeit ist, die Seele zu beurteilen. Das sind eindeutige Nachweise, dass unsere Seele materiell funktioniert. An der Seele selbst ändert sich aber dadurch nichts, ausser man regt sich seelisch darüber auf.
So wie sich das heliozentrische Weltbild Galileos trotz religiösem Widerstand durchgesetzt hat, wird sich wahrscheinlich auch das materielle Seelenbild durchsetzen. Da die materielle Seele nicht mit dem ewigen Leben vereinbar ist, würde das für viele Religionen das Ende bedeuten. Auch der Einfluss Gottes auf eine materielle Seele wäre in Frage gestellt, so dass Gott praktisch nur noch als Schöpfer, wie beim Pantheismus und Deismus, Chancen hätte. Die Kirchenaustritte der jungen Generation sind die ersten Anzeichen dieses Wandels, der aber erst mit der Aufklärung durch Eltern und Schulen den Durchbruch schaffen wird, weil es bequemer ist, den Autoritäten zu glauben als selber zu denken.
Gläubige befürchten, dass dadurch menschliche Werte verloren gehen und dass Leben und Sterben erschwert werden. Vergleiche zwischen Gläubigen und Ungläubigen vermögen das jedoch nicht bestätigen. Aber für Menschen, die an ihrem Glauben hängen, kann eine materielle Seele zum Alptraum werden, und es wäre rücksichtslos, nicht abzuwarten, bis sich diese Glaubenskultur verflüchtigt hat.
Die Philosophie versuchte, die Seele durch menschliche Logik zu entdecken, was aber wie bei den Religionen zu unterschiedlichen Resultaten führte. Mit der empirischen Methode der Psychologie gelang es bereits, den Menschen wirkungsvoll seelisch zu helfen. Aber erst durch die Sichtbarmachung der Gehirnfunktionen kommt man der Wirkungsweise der Seele auf die Spur.
Kern der Seele ist das SEIN, das gewisse Etwas, das man als ICH empfindet. Das Besondere daran ist, dass das ICH nur im Zusammenhang mit Wahrnehmungen spürbar wird: Im Tiefschlaf, in Vollnarkose und in speziellen geistigen Zuständen verschwindet das ICH spurlos. Zum Verständnis des ICHs ist wichtig zu wissen, dass Wahrnehmungen nur als Vorstellung im Gehirn existieren, optische Täuschungen oder der Schmerz eines amputierten Gliedes macht das deutlich. Mit folgendem Experiment gelang es, das Geheimnis des ICHs zu knacken:
Mit virtuellen Bildern gelingt es, das Gefühl zu erzeugen, sich ausserhalb des Körpers zu befinden. Das ICH-Empfinden lässt sich also optisch täuschen, was nur möglich ist, wenn es nicht real, sondern nur als Vorstellung durch die Wahrnehmung existiert. Damit sind auch die Nah-Tod-Visionen geklärt. Erstaunlich ist, dass Einstein lange vor dieser Erkenntnis das ICH als eine Art optische Täuschung der Gedanken und Gefühle bezeichnete.
Aufschlussreich ist der Entstehungsprozess der Seele. Gehirnmessungen zeigen, dass etwa drei Monate vor der Geburt die ersten Wahrnehmungen einsetzen. So kann sich für die Geburt die erforderliche Atemnot bilden und auch der Durst. Nach der Geburt erscheint im Wahrnehmungszentrum ein zusammenhangsloses Wirrwarr von Sinneswahrnehmungen, und aus der Neugier, «wo bin ICH», wird aus der Übereinstimmung, wie z. B. Tasten und Sehen eine real erscheinende Welt im Wahrnehmungszentrum gebildet.
Danach entsteht das Bedürfnis, alles Wahrgenommene zu verstehen. Um z. B. die Schwerkraft zu verstehen, werden Spielsachen herum geschmissen, aber das Verstehen kann nicht kommen, weil sich aus der Beobachtung keine Ursache der Schwerkraft ableiten lässt. Deshalb bildet man sich mit der Zeit ein, zum Verstehen genüge die Gewöhnung. Als Einstein gefragt wurde, ob er eine Erklärung für seine Intelligenz habe, antwortete er: «Das einzig besondere an mir ist, dass ich noch nicht aus der Kindheit herausgewachsen bin.» Seine Behauptungen, dass eine bewegte Uhr langsamer läuft und Materie nur Energie ist, galten auch jahrelang als kindische Fantasien, bis uns die Nachweise lehrten, dass die Wirklichkeit nicht so ist, wie wir sie wahrnehmen und unser Verstand eine Illusion ist. Heute geht aus der Physik klar hervor, dass nicht einmal die Grundelemente der Wirklichkeit wie Zeit, Raum, Materie, Energie und Kräfte dem menschlichen Verstand zugänglich sind. Unser Verstand ist nicht für die Wirklichkeit ausgelegt, sondern um Leben zu ermöglichen.
Unser ICH braucht aber das Gefühl einer Wirklichkeit und so konstruiert jeder aus seinen Wahrnehmungen seine eigene Wirklichkeit. Das macht uns zu Individuen mit unterschiedlichen Ansichten, Denkweisen und Gemütszuständen. Das muss so sein, denn mit der Erkenntnis der wahren Wirklichkeit wäre alles geklärt, wir wären alle gleichgesinnt, dem Leben würde Antrieb und Sinn fehlen.
Wie Hirnmessungen bestätigen, ist unser Leben das Produkt unserer Gedanken. Das behaupteten schon Aurelius, Aristoteles und viele Philosophen danach. Einstein meinte sogar, die Unvollkommenheit des Lebens liegt einzig am falschen Denken. Unsere Gedanken sind aber so sehr an unsere selbstkonstruierte Wirklichkeit gebunden, dass wir uns nur mit Meditation oder Drogen davon lösen können. Mit dem Glauben ist auch eine beschränkte Loslösung möglich, aber unser religiöser Glaube hat sich nicht bewährt, weil er nur eine Flucht in ein anderes Abhängigkeitssystem ist und die Gedanken nicht befreit, um direkt die Gefühlswelt, in der das Leben stattfindet zu beeinflussen, wie das zum Teil bei östlichen Religionen der Fall ist. Aber grundsätzlich kann unser Leben nur über die Gedanken einer Wirklichkeit funktionieren, denn sonst würden wir in den Glücksgedanken verharren und unser Leben nicht mehr mit der Jagd nach dem scheinbaren Glück unserer Wirklichkeitsvorstellung antreiben.
Die Entdeckung der Seele hat Vorstellung und Bedeutung des Lebens verändert. Wir wissen nun, dass Leben nur unter sehr begrenzten Bedingungen möglich ist. Es zeigt sich vor allem, dass vieles, was am menschlichen Verhalten unvollkommen erscheint, einen wichtigen Zweck erfüllt. Dies erweckt den Eindruck, dass die Evolution keinen Spielraum hatte, die Seele und das Leben anders zu gestalten. Für Menschen, die sich mit der Vorstellung nicht abfinden können, dass die Wirklichkeit eine lebensnotwendige Illusion ist, wird es schwierig werden. Grundsätzlich müsste aber die Erkenntnis, in einer optimierten Welt zu leben, wo man mit den Gedanken sein Leben selbst bestimmen kann, positive Auswirkungen haben.
Zu verstehen wie die die Seele funktioniert, macht aus dem Leben ein Aha-Erlebnis ohne Aufregung.