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Sind Globuli wirkungslos?

hugostamm am Donnerstag den 26. August 2010

Täglich greifen viele Menschen zu Kügelchen und Tinkturen, die so geheimnisvolle Namen wie Acidum cabolicum oder Carbo vegetabilis tragen. Manche Personen haben stets ein
Notfallset bei sich. Während die meisten bei den Lebensmitteln die Inhaltsstoffe studieren, schlucken sie diese Mittelchen bedenkenlos. Tatsächlich haben fast drei Viertel der Schweizerinnen und Schweizer schon homöopathische Medikamente benutzt, rund ein Drittel tut es regelmässig. Die Welt der Globuli gilt als sanft, die Gemeinde der Gläubigen vertraut darauf blind.

Die wenigsten kennen die homöopathischen Theorien und wissen, was effektiv in den Mitteln steckt. Die lange Liste der Substanzen enthält denn auch ein paar unappetitliche Ingredienzien. Die Hersteller töten zum Beispiel Tiere und zerhacken sie. Darunter Kakerlaken, Kreuzspinnen, Waldameisen. Verwendet werden auch Eierstockextrakte, Sekrete von Stinktieren, Schlangengifte oder Ausscheidungen von Pottwalen. Im Dschungel der Tinkturen und Globuli haben nur noch Spezialisten den Überblick, gibt es doch Tausende von Mitteln und Potenzen. Patienten sind da rasch überfordert.

Gegen Malaria nicht geeignet

In jüngster Zeit schlägt den Homöopathen jedoch ein rauer Wind entgegen. Kritiker erinnern daran, dass es den Fachleuten in den letzten zwei Jahrhunderten nicht gelungen sei, eine plausible oder wissenschaftlich fundierte Erklärung für die Wirkungsweise der magischen Kügelchen zu liefern.

Der prominenteste Kritiker ist der weltweit erste Professor für Komplementärmedizin, der deutsche Arzt Edzard Ernst, einst selbst ein Homöopath. Er hat klinische Studien durchgeführt und 200 Untersuchungen ausgewertet. Sein Fazit: «Homöopathie ist eine widerlegte Methode.» Den Protest der Homöopathen konterte er mit einem Gegenangriff: Ernst versprach jedem 100′000 Dollar, der die Wirksamkeit der Heilmethode nachweisen kann. Bis heute musste er noch keinen Cent bezahlen.

Unterstützt wird Ernst vom britischen Psychiater Ben Goldacre. «Die Leute zahlen, um von einer vermeintlichen Autoritätsperson belogen zu werden.» Ein Beispiel: Touristen wollten oft keine Malaria-Prophylaxe betreiben, weil die Medikamente Nebenwirkungen zeigten. Deshalb schluckten sie auf Anraten eines Homöopathen einfach Globuli. Schon mancher sei deshalb nach einer Malaria-Ansteckung beinahe gestorben.

Vor wenigen Wochen hat der britische Ärztebund ultimativ erklärt: Homoöpathie ist Hexenzauber. Bei den knappen Mitteln im Gesundheitswesen sei es unverantwortlich, Geld für Quacksalberei auszugeben. Der Protest gilt auch der Königsfamilie, die seit Jahrzehnten ihre schützende Hand über die Homöopathie hält. Die Royals schlucken selbst bei jeder Unpässlichkeit homöopathische Mittel. Im Februar protestierten Hunderte von Skeptikern in mehreren britischen Städten gegen die staatliche Unterstützung. Sie zogen zu Apotheken, kauften Globuli und schluckten gemeinsam ganze Fläschchen. Trotz massiver Überdosis spürten sie keine Reaktion.

Tatsächlich glauben Homöopathen, ihre Methode helfe gegen alle Leiden. Der Homöopathieverband Schweiz dazu: «Grundsätzlich können alle akuten und chronischen Krankheiten behandelt werden, ob sie nun physischer oder psychischer Natur sind.» Er behauptet auch, Homöopathie sei eine «wissenschaftliche Therapie».

Auch bei Badeunfällen geeignet

Der deutsche Arzt und Homöopath Jens Wurster schrieb gar ein Buch mit dem Titel «Die homöopathische Behandlung und Heilung von Krebs und metastasierter Tumore». Darin dokumentiert er die angebliche Heilung von Krebskranken.

Das Expertenportal für Homöopathie vnr.de erklärt, die Homöopathie wirke auch bei Badeunfällen. Bei gefüllter Lunge müsse Antimon tartaricum verabreicht werden, bei Atemstillstand Camphora (Kampfer), und wenn der Verunfallte bereits einen eiskalten Körper habe und dunkelviolett angelaufen sei, solle ihm Carbo vegetabilis (Holzkohle) verabreicht werden. Wie er die Mittel schlucken soll, wird nicht verraten.

Die meisten Globuli-Konsumenten reagieren gelassen auf den Glaubenskrieg und vertrauen weiter auf die Wirkung der Kügelchen. Sie gewichten die eigenen Erfahrungen höher als die Argumente der Fachleute und deren Studien. So viele Patienten können sich nicht irren, argumentieren sie. Deshalb halten sie sich an die Losung: Wer heilt, hat recht. Nach überstandener Krankheit schreibt man die Genesung lieber der sanften, sympathischen Homöopathie zu als der nüchternen Schulmedizin.

Stärkere Wirkung durch Verdünnung

Der Begründer der Homöopathie war Samuel Hahnemann (1755–1843). Der deutsche Arzt hatte bei einem Selbstversuch angeblich herausgefunden, dass eine Substanz, die bei einem gesunden Menschen Beschwerden auslöst, einen Kranken heilen kann. Hahnemann nahm daraufhin Chinarinde zu sich, die seinerzeit zur Bekämpfung der Malaria verwendet wurde, und stellte danach malariaähnliche Symptome bei sich fest. Daraus leitete er den Lehrsatz ab: Ähnliches kann mit Ähnlichem geheilt werden. Zum Beispiel: Als Hahnemann herausfand, dass Patienten auf das hochgiftige Schwermetall Thallium mit Haarausfall reagierten, setzte er den Stoff gegen Haarausfall ein. Natürlich verdünnt.

Damit schuf er ein zweites, ungelöstes Problem: Hahnemann und seine Nachfolger behaupten, mit der Verdünnung werde die Wirkung verstärkt. Die Homöopathen sprechen von Potenzierung. Diese These widerspricht aber allen bekannten Naturgesetzen. Wenn Sirup verwässert wird, schmeckt er nicht mehr nach Sirup.

Dieses Paradox erklären viele Homöopathen so: Das Wasser nimmt beim Verdünnen und Verschütteln die Information des Wirkstoffes auf. Doch auch diese These findet keine Bestätigung in der Naturwissenschaft. Das Phänomen, dass Wasser ein Gedächtnis habe, wird höchstens noch in der Esoterik propagiert. Für Kritiker ein weiterer Widerspruch: Würde unser Wasser Informationen von andern Substanzen übernehmen, wäre es wohl nicht mehr trinkbar. Denn es ist im Lauf der Jahrmillionen mit Gift in Berührung gekommen, der homöopathischen Theorie zufolge müsste es verseucht sein. Und: Wenn sich durch das Potenzieren die Wirkung verstärkt, müsste dies nicht auch für die Nebenwirkungen gelten?

Homöopathen halten entgegen, die Mittel entfalteten ihre Wirkung nicht wie pharmazeutische Medikamente. Globuli unterstützten vielmehr den vom Körper angeregten Heilungsverlauf. Sie verweisen weiter darauf, dass Globuli auch bei Säuglingen und Tieren wirkten. Fazit: Die Verfechter der sanften Heilmethode weisen die wissenschaftlichen Befunde zurück. Der Zürcher Homöopath Marco Righetti erklärt: «Fast alle Studien über die Homöopathie missachten die Grundlagen und Grundregeln der Homöopathie, sind praxisfremd und meist ohne jegliche Praxisbedeutung.»

Alles nur Placebo-Effekt?

Die Mittel müssten bei jedem Patienten individuell angepasst werden, sagt Righetti. Dies verunmögliche Doppelblindstudien, wie sie bei der Prüfung von Medikamenten angewendet werden. (Bei Doppelblindstudien wird der Hälfte der Testpersonen das zu testende Medikament abgegeben, der andern Hälfte ein Mittel ohne Wirkstoffe.)

Homöopathen führen gerne übersinnliche Gründe an: Es gebe zwischen Himmel und Erde viele Phänomene, die sich unserer Ratio noch entzögen.

Kritiker wie Edzard Ernst halten entgegen, Globuli bewirkten einen relativ hohen Placebo-Effekt, seien also eine Art Scheinmedikament. Der Berner Immunologie-Professor Beda Stadler wirft den Homöopathen vor, sie würden den Placebo-Effekt als Wirkung der Globuli interpretieren. Viele leichtere Krankheiten würden ohnehin spontan abklingen. Verschwinde das Leiden nach der Einnahme von Globuli, werde die Heilung irrtümlicherweise dem homöopathischen Mittel zugeschrieben.

Die Homöopathie kennt drei Potenzen (Verdünnungsverhältnisse): D, C und Q. D-Potenzen werden im Faktor 1:10, C-Potenzen 1:100, Q-Potenzen 1:50′000 gemischt. Das Verdünnungsprozedere in den drei Kategorien kann endlos wiederholt werden. D9 bedeutet beispielsweise ein Verhältnis von 1:1 Milliarde (entspricht einem Tropfen in einem grossen Tanklastwagen), D23 führt zu einem Verhältnis 1:100 Trilliarden. Bei einer hohen Q-Potenz würde man im ganzen Universum kaum mehr ein Molekül finden.

Manche Apotheken potenzieren ihre homöopathischen Mittel selbst, was sehr lukrativ sein kann. Aus 1 Liter Grundstoff, den der Apotheker beispielsweise für 500 Franken kauft, kann er bei hohen Potenzierungen unendlich viele Fläschchen gewinnen und Margen von mehreren Zehntausend Prozent erreichen. Seine Arbeit dabei: fleissig schütteln. Es gibt Apotheken, die 20′000 verschiedene Mittel führen.

Keine Wiederkehr des Religiösen

hugostamm am Mittwoch den 4. August 2010

In den Medien war in letzter Zeit oft von der Wiederkehr des Religiösen die Rede. Beobachter der religiösen Szenen glauben, eine neue Besinnlichkeit ausgemacht zu haben. Ausserdem zeigen viele Menschen einen Überdruss gegenüber Wissenschaft und Technik. Und die Konsumwut lasse manche auf neue «weiche» Werte wie Glauben und Spiritualität besinnen. Ausdruck davon sei auch die Tendenz «zurück zur Natur».

Stimmen diese subjektiven Wahrnehmungen? Meine eigenen Beobachtungen und Erfahrungen lassen mich zweifeln. Ich bin vielmehr der Überzeugung, dass die Bedürfnisse nach religiösen oder spirituellen Betätigungen und Lebenszielen recht konstant bleibt, also nicht zunimmt.

Viele Personen wollen sich nicht kritisch mit Glaubensfragen auseinandersetzen. Zweifel könnten das Bewusstsein grundsätzlich erschüttern. Ausserdem ist die kritische Hinterfragung religiöser Dogmen ein anstrengender geistiger Prozess, der verunsichert und oft auch mit schmerzlichen Prozessen verbunden ist. Viele Menschen haben zwar keinen intensiven Bezug mehr zu einer Glaubensgemeinschaft, sie fürchten sich aber auch vor den Antworten, die kritische Fragen auslösen könnten.

Was passiert dann mit den vielen Christen, die der reformierten und katholischen Kirche den Rücken kehren? Sie glauben entweder weiterhin an den christlichen Gott oder schustern sich in synkretistischer Manier ein eigenes Glaubenskonzept oder eine spirituelle Heilsvorstellung zusammen. Wie in vielen sozialen Bereichen zeigt sich auch im Religiösen eine Individualisierung. Immer mehr nehmen sich die Freiheit heraus, sich selbst im Kosmos der modernen Spiritualität zu orientieren. Davon profitieren vor allem fernöstliche Heilskonzepte wie der Buddhismus und esoterische Strömungen.

Ein Umfrage in Deutschland unterstützt meine Thesen. Einerseits verliert der Glaube, in dem Menschen sozialisiert worden sind, an Bedeutung. Die Umfrage der Stiftung für Zukunftsfragen in Hamburg ergab folgendes Resultat: Die Aussage „Religion ist wichtig im Leben, um glücklich und zufrieden zu sein“ bejahten 48 % der Italiener, 32% der Finnen, 31 % der Russen (!) und Engländer, 26 % der Franzosen und 25 % der Schweizer. Das ist erstaunlich wenig.

Andererseits sagen die Zahlen wenig über die religiösen oder spirituellen Empfindungen der Mehrheit aus. Diese ist indifferent und befasst sich kaum intensiv mit Glaubensfragen. Sie ist auch weit davon entfernt, sich als Atheisten zu empfinden. Unter dieser Mehrheit dürften sich viele befinden, die eine agnostische Haltung pflegen, ohne zu wissen, was ein Agnostiker ist. Die Forscher kommen denn auch zum Resultat, dass keine Wiederkehr der Religion zu beobachten sei.

Langfristig wird die Religiosität aber höchstwahrscheinlich abnehmen. Junge Leute, die nicht mehr in Familien aufwachsen, in denen religiöse Werte vermittelt und Rituale gepflegt werden, entfremden sich rasch. Vor allem für die christlichen Glaubensgemeinschaften ist dies keine erfreuliche Perspektive.

Erleuchtung im Schnellverfahren

hugostamm am Mittwoch den 14. Juli 2010

Die Esoterik ist ein Teich voll Plastikwörter. Jede spirituell interessierte Person kann beliebig darin fischen und jene Begriffe herausziehen, die ihr gerade am besten hilft, die Welt in ein pastellenes Licht zu tauchen. Noch besser: Jeder und jede kann die schwammigen Begriffe beliebig mit eigenen Inhalten füllen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Dieses Spiel der Illusionen und Selbsttäuschungen kann täglich neu veranstaltet werden. Je nach Laune und Bedürfnis fischt man andere Ingredienzien aus dem übersinnlichen Biotop.

Nehmen wir den Begriff „erleuchtet“. Vor der Zeit des Esoterikbooms war jemand in unseren Breitengraden erleuchtet, der eine überraschende neue Erkenntnis machte, oder dem ein „Licht aufgegangen“ ist. Das konnten auch banale Dinge des Alltags betreffen.

Seit sich die esoterischen Ideen und Konzepte in unser Alltagsbewusstsein geschlichen haben, findet eine schleichende Neudefinierung statt. Oder besser: Der Begriff wurde allmählich umdefiniert. Er gewann zunehmend an Bedeutung, und diese Bedeutung wurde schwer und schwerer. Heute gehört er zu den Schlüsselwörtern der spirituellen Sucher, die danach streben.

Was bedeutet eigentlich Erleuchtung? So genau weiss das niemand. Das ist auch ganz praktisch. So kann jeder und jede jene Sehnsüchte und Fantasien in den Begriff projizieren, die ihm am attraktivsten und nützlichsten erscheinen. Eine Grenze nach oben gibt es nicht.

Im weitesten Sinn ist die Erleuchtung eine spirituelle oder religiöse Erfahrung, die die Grenzen der sinnlich erfahrbaren Phänomene überschreitet. Wer sich erleuchtet fühlt, glaubt im Besitz des höheren Bewusstseins zu sein.

Erleuchtung hat je nach Kultur und Heilslehre eine andere Bedeutung. Im Buddhismus und anderen fernöstlichen Heilsvorstellungen spielt der Begriff seit je eine zentrale Rolle. Erleuchtung erlangt man vor allem durch geistige Versenkung, Meditation und Entsagung: Wer die innere Leere erreicht und sich von irdischen Gebundenheiten löst, über den kommt die Erleuchtung angeblich wie ein Flash. Da sie sich nicht steuern lässt, wird sie oft als göttliche Gnade verstanden.

In der Esoterik ist alles viel handfester. Und westlich effizient. Den weltlichen Bedürfnissen zu entsagen ist nicht unser Ding. Wir wollen Luxus und Erleuchtung gleichzeitig. Und wir wollen wissen, wie sich die Erleuchtung anfühlt, welche Effekte damit verbunden sind.

Deshalb gibt es Kurse, in denen ich den Prozess zur Erleuchtung beschleunigen kann. Das kostet zwar einige tausend Franken, verspricht aber eine Abkürzung des Weges. (Schliesslich fehlt uns die Zeit für jahrelange Versenkung.) Und die spirituellen Meister oder Gurus benennen das Ziel präzis wie bei einem Managerkurs: Bilokation, Telepathie, Telekinese, Transformation, Lichtnahung, höheres Bewusstsein, Hellsichtigkeit, geheimes Wissen usw.

Das sind alles schwammige Phänomene, die weder klar definiert werden können, geschweige denn nachgewiesen. Dabei erliegen viele Allmachtsfantasien. Sie glauben, als Erleuchtete in göttlichen Frequenzen zu schwingen und Teil der geistigen, kosmischen Instanz zu werden. Im Extremfall führt dies zur Selbstvergottung. Und damit zur Entfremdung von der Alltagsrealität, zu Wahrnehmungsverschiebungen und Realitätsverlust. Schöne neue Welt.

Die Hölle, ein Guru zu sein

hugostamm am Sonntag den 2. Mai 2010

In diesen Tagen sind zwei Filme in den Schweizer Kinos angelaufen, die exemplarisch und eindrücklich die Tragik grosser Guru-Gemeinschaften dokumentieren. Filmteams haben sich auf die Spuren der Transzendentalen Meditation und der Bhagwan-Bewegung gemacht, die in den 1970er-Jahren gross geworden sind und immer noch beachtliche Anhängerzahlen aufweisen.

Die Filme zeigen, dass die Mitglieder auf Gedeih und Verderben den Launen und persönlichen Entwicklungen der Gurus ausgesetzt sind. Und: Das Leben als Guru ist die Hölle. Anfänglich schweben die spirituellen Führer zusammen mit ihren Devotees auf einer gigantischen übersinnlichen Welle. Für den Guru sind Verehrung und Hingabe seiner Anhänger ein endloser Kick, er schwimmt in einem Meer von Adrenalinen. Und die Schüler heben ab im Glauben, ihren Meister gefunden zu haben, der sie im Schnellzug zur Erleuchtung führt.

Dabei bewegen sich alle Akteure in Scheinwelten. Im Lauf der Jahre und Jahrzehnte realisieren die Gurus, dass Verehrung eine Folter ist. Sie taugt weder als Stimulanz noch als Lebensinhalt. Mit der Zeit hassen Gurus die permanente Unterwerfung. Sie sind im goldenen Käfig gefangen. Vermutlich beginnen sie auch, ihre Anhänger dafür zu verachten. So mutieren sie mit der Zeit zu unausstehlichen Despoten. (Bhagwan flüchtete in die Drogen.) Und die Anhänger zu abhängigen Marionetten.

Diese Sektensyndrome machen die beiden Filme auf eindrückliche Weise transparent. Ich habe im „Tages-Anzeiger“ folgende Filmkritiken zu den Werken geschrieben:

Mag sein, dass es Zufall ist, wenn jetzt gleich zwei Filme über Guru-Bewegungen in die Kinos kommen, die zur Hippiezeit viele junge Menschen aus dem Westen elektrisierten. «David Wants to Fly» und «Guru» zeigen jedoch beide, dass sich die Filmsprache in diesem Fall besser eignet als das geschriebene Wort, um das Sektenphänomen sinnlich erfahrbar zu machen. So stürzen die beiden Gurus Maharishi Mahesh Yogi und Bhagwan auf der Leinwand synchron vom spirituellen Thron.

In ihrer Eindringlichkeit und Unmittelbarkeit entlarven die Dokumentarfilme die beiden verstorbenen indischen Gurus als machthungrig unddespotisch. In «David Wants to Fly» wird zugleich auch der Starregisseur und Maharishi-Anhänger David Lynch («Lost Highway») entzaubert. Der deutsche Jungfilmer David Sieveking nimmt hier sein Publikum mit auf die Reise zu David Lynch. Er heftet sich dem Meister an die Fersen und will erfahren, wie man die menschlichen Abgründe findet und ein erfolgreicher Regisseur wird. Der Regisseur schwärmt seinem jungen Kollegen vor, er verdanke sein kreatives Potenzial und höheres Bewusstsein seinem Guru Maharishi Mahesh Yogi.

Der Filmstudent kratzt das letzte Geld zusammen, um den rund 4000 Franken teuren Kurs in Transzendentaler Meditation (TM) zu absolvieren. Er staunt über das Yogische Fliegen, ein kurioses Hüpfen im Lotussitz, bei dem die TM-Anhänger glauben, mit übersinnlichen Kräften die Gravitation zu überwinden. Als Sieveking auch bei der Meditation kein Erweckungserlebnis erfährt und die autoritären Strukturen erlebt, will er noch einmal mit Lynch sprechen.

Der grosse David schrumpft

Im zweiten Interview schwurbelt dererfolgreiche Regisseur nicht mehr abgehoben von Erleuchtung und höherem Bewusstsein, sondern reagiert ungehalten auf die kritischen Fragen. Der kleine David wächst über sich hinaus, der grosse David schrumpft immer mehr. Der Jungfilmer will die Welt ergründen, in der sich sein Idol bewegt, seit sich Lynch nach dem Tod seines Gurus 2008 zum Botschafter der weltweiten TM-Bewegung entwickelte.

Der Jungfilmer mutiert vom stillen Beobachter zum hartnäckigen Rechercheur. Die TM-Fürsten, Rajas genannt, glauben immer noch, Sieveking realisiere einen PR-Film über TM mit Lynch als Star. So kann er interne Sitzungen filmen und die Rajas interviewen. Hinter dem stereotypen Lächeln der erleuchteten Sektenfürsten entdeckt Sieveking eine bigotte Welt, in der Geld und Macht die dominierenden Themen sind. So gesteht der Schweizer Raja Felix Kägi, er habe eine Million Franken bezahlt, um TM-Fürst zu werden. Der Jungfilmer dokumentiert, dass der Guru mit solchen Schachermethoden ein Milliarden-Imperium und eine totalitäre Bewegung aufgebaut hat.

Im letzten Interview reisst der kleine David dem grossen die Maske vom Gesicht. Zuerst verweigert Lynch das Gespräch, dann will er den Film verbieten lassen. Das Strahlen des Meisters weicht Zornesfurchen, Lynch verbittet sich kritische Fragen. Vor der Premiere des Films in Berlin drohte Lynch gar mit rechtlichen Schritten. Sieveking liess sich nicht einschüchtern. Man dankt es ihm. Einziger Stilbruch in seinem Film: Sieveking flicht die wechselvolle Geschichte mit seiner Freundin mit ein. Sie hat weder mit Lynch, TM noch mit dem Film etwas zu tun.

Während Sieveking in seinem filmischen Erfahrungsbericht die eigeneSuche (und Enttäuschung) zum Thema macht, verzichten Sabine Gisiger («Do It») und Beat Häner in ihrem Film «Guru» auf jeden Kommentar und lassen allein Bilder und Zeugen sprechen. Die Zürcherin und der Basler ergründen den Sex-Guru Bhagwan, indem sie sich auf Interviews mit zwei Zeitzeugen konzentrieren, die Bhagwan eng begleiteten. Der Engländer Hugh Milne war der Bodyguard des Gurus, die Inderin Sheela Birnstiel, die heute im Kanton Baselland zwei Heime für alte und behinderte Menschen führt, seine persönliche Sekretärin.

Mit unbewegter Kamera halten die beiden Filmer auf die Gesichter ihrer Zeugen und lassen sie die Geschichte von Bhagwan und der riesigen Bewegung erzählen. Die Schilderungen der beiden Augenzeugen untermauern sie mit reichhaltigem Archivmaterial. Der Befund fällt ähnlich aus wie bei Sieveking: Die Bhagwan-Bewegung wird als Sekte demontiert, Bhagwan selbst als herrschsüchtiger Guru, der die Anhängerschar als Kulisse für seine Selbstinszenierung brauchte. In den letzten Jahren degradierte er seine Schüler zu Arbeitstieren, die gleichzeitig Millionen spendeten: Bhagwan wollte als jener Mensch im «Guinnessbuch der Rekorde» verewigt werden, der die meisten Rolls-Royce besitzt.

Wenn Sheela Birnstiel erzählt, dass sie als junge Anhängerin für einen Blick von Bhagwan gestorben wäre, glänzen ihre Augen wie vor 40 Jahren. Und das Entsetzen steht ihr ins Gesicht geschrieben, als sie die totalitäre Phase derBewegung in Oregon beschreibt: wie die eigenen Sicherheitskräfte mitMaschinenpistolen das Sektengelände bewachten und die Telefone derAnhänger abhörten.

Der Guru wird zum Junkie

Packend ist dabei auch der Hochseilakt von Sheela. Sie ist nicht nur Sektenopfer, sondern auch Täterin, zog sie doch im Machtzentrum die Fäden. Obwohl sie die Fehlentwicklungen und ihre eigene Rolle beschönigt, enthalten ihre Aussagen genug Fakten, die den Horror dokumentieren. Die interne Paranoia sei von aussen aufgezwungen worden, das diktatorische Regime eine Folge davon gewesen, behauptet sie. Nun versteinert sich ihr Gesichtsausdruck.

Hugh Milne, der Bhagwan auch mit der Kamera beobachtete, schildert, wie der Guru vom geistig lebendigen Provokateur zum lethargischen Junkie verkümmert, der sich mit Drogen vollpumpt und mehrere Jahre schweigend vor sich hin vegetiert. Seine Anhänger werden sich nicht beirren lassen undihren Guru weiterhin als Messias verklären. Der Film ist aber ein Zeitdokument, das die Diskussion um Bhagwan auf eine neue Ebene hebt.

Maharishis Transzendentale Meditation

Maharishi hatte 1958 die Transzendentale Meditation (TM) gegründet und inspirierte mit seinen spirituellen Theorien die Hippie-Bewegung der 60er-Jahre. Seine Bekanntheit verdankte er Künstlern wie den Beatles, den Beach Boys, Clint Eastwood und Deepak Chopra, die zu Füssen des Gurus meditierten. Heute zählen Filmregisseur David Lynch und der Sänger Donovan zu seinen Jüngern. TM hat sich über die ganze westliche Welt ausgebreitet, zeitweise soll die Bewegung bis zu fünf Millionen Anhänger gezählt haben. In den 70er- und 80er-Jahren residierte Maharishi in Seelisberg UR.

Der Guru versuchte, die Wirkung spiritueller Energie auf das Bewusstsein wissenschaftlich zu beweisen. Maharishi behauptete, seine Jünger könnten durch kollektive Meditation ein energetisches Kraftfeld erzeugen, das den Weltfrieden sichere. Dazu bildete er sogenannte Yogische Flieger aus, die mithilfe der Meditation die Schwerkraft überwinden lernen sollten. Ausserdem hat Maharishi die alte indische Heilkunst Ayurveda nach Europa gebracht und damit ein Vermögen gemacht.

Der Filmemacher David Lynch behauptet, ihm stünden sieben Milliarden Dollar zur Verfügung, um den Planeten mithilfe der Meditation zu retten. TM will in der Schweiz die grossen Städte komplett niederreissen und nach vedischen Prinzipien neu aufbauen. Damit sollen in Zukunft Not und Unglück verhindert werden.

Der Guru lockte seine Jünger mit Sex

Bhagwan Rajneesh («der Göttliche», zuletzt bekannt als Osho) zog in den 70er-Jahren mit einer Synthese von fernöstlicher Spiritualität und freiem Sex Anhänger aus ganz Europa an. Sein Ashram im indischen Poona wurde zu einem riesigen Treffpunkt für Althippies und Aussteiger. Später bauten sie in Europa Zentren auf und gründeten Discos, Restaurants und andere Kleinbetriebe. Hunderttausende kleideten sich in rote Gewänder und trugen Halsketten mit dem Bild ihres Meisters, die Malas.

Nach Konflikten mit den Behörden floh Bhagwan in die Wüste von Oregon (USA), wo seine Anhänger eine Stadt für 10 000 Personen aus dem Boden stampften. In dieser Zeit mutierte die spirituelle Grossgemeinschaft zur totalitären Sekte. Bhagwan schwieg jahrelang, das Zepter schwang die Inderin Ma Anand Sheela, die militant wurde, Anschläge plante und 1986 zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Später heiratete sie einen Schweizer Bhagwan-Anhänger. Seither besitzt sie den Schweizer Pass und heisst Sheela Birnstiel.

Nach Problemen mit den Einwanderungsbehörden wollte Bhagwan aus den USA fliehen, wurde aber 1985 verhaftet. Nach seinem Tod 1990 zerfiel das Zentrum in Oregon, seine Anhänger reaktivierten den Ashram in Poona, den sie in eine spirituelle Wellness-Oase verwandelten. Weltweit bekennen sich heute noch Zehntausende zur Anhängerschaft Bhagwans. Auch in der Schweiz gibt es noch kleinere Kommunen.

Fanatismus ist lernbar

hugostamm am Donnerstag den 22. April 2010

Der Islam wird verantwortlich gemacht für den angeblichen Zusammenprall der Kulturen. Gleichzeitig wirkt er auf manche junge Leute aus unserem Kulturkreis attraktiv; sie wechseln den Glauben und werden Konvertiten. Nicolas Abdullah Blancho, Präsident des radikalen Islamischen Zentralrats der Schweiz, ist ein Konvertit. Ebenso sein Pressesprecher Quaasim Illi und der umstrittene deutsche Prediger Pierre Vogel, der wiederholt auch in der Schweiz in den Schlagzeilen stand. Der Zentralrat ist in unserem Land das Sammelbecken für radikale Konvertiten. Wie lässt es sich erklären, dass sich junge Männer einen langen Bart wachsen lassen und sich fremden Dogmen unterwerfen?

Messianischer Eifer

Konvertiten sind, unabhängig von der Religion, Überzeugungstäter. Glaube und Ideologie dominieren ihr Bewusstsein. Die einzigen relevanten Werte und Inhalte erkennen sie in der übersinnlichen Welt. Sie suchen den exotischen Kick, um die Sehnsucht nach dem religiösen Abenteuer zu befriedigen. Deshalb müssen sie alles niederreissen, was sie an die Vergangenheit bindet. Der Glaubenswechsel ist Signal und Ritual zugleich: Sie betäuben ihr Bewusstsein, um eine neue Identität zu erzwingen. Eine der Welt zugewandte Sinnlichkeit ist für sie Gefühlsduselei.

Für den Glaubenswechsel zahlen die mehrheitlich jungen Konvertiten einen hohen Preis. Deshalb sind ihre Erwartungen an die neue Religion unerfüllbar hoch. Sie verschreiben sich dem neuen Glauben und sind von messianischem Eifer beseelt.

Hinter dem Phänomen verbergen sich vielfältige Ursachen. Konvertiten sind oft verhaltensauffällig oder emotional unausgeglichen. Manche schaffen den Übergang von der Pubertät, die geprägt ist von Hormon-schüben und radikalen Weltbildern, ins Erwachsenenleben nicht. Deshalb entwickeln sie einen Hass auf die Aussenwelt. Der Weltschmerz lässt sie nicht zur Ruhe kommen. Die Schuld für ihr Verlorensein und ihre Desorientierung suchen sie in der «alten Welt».

Darum verbünden sie sich mit dem «Feind» und suchen Halt in radikalen Gemeinschaften. Die Aussenwelt wird zur Projektionsfläche ihrer eigenen Ängste und Unsicherheiten. Mit dem Glaubenswechsel fliehen sie vor sich und den eigenen Problemen. Bei vielen ist die Konversion eine Rebellion gegen die Eltern oder die Gesellschaft.

Überidentifikation aus Angst

In der Übergangszeit sitzen die Konvertiten zwischen allen Stühlen. Um die Zerrissenheit zu überwinden und sich gegen Widerstände zu behaupten, entwickeln sie eine Überidentifikation mit dem neuen Glauben. Sie indoktrinieren sich selbst und werden immer radikaler. Sie müssen sich und der Umgebung beweisen, dass sie den richtigen Weg gewählt haben.

Gleichzeitig bleiben Konvertiten in ihren neuen Glaubensgemeinschaften lange Zeit Fremde und werden misstrauisch beobachtet. Die emotionale Bindung harzt, weil sie nicht in der Mentalität und Tradition ihrer neuen Umgebung verwurzelt sind. Um sich Vertrauen und Zuneigung zu erkämpfen, kompensieren sie ihre Unsicherheit mit Überanpassung und Übereifer. Sie suchen ein neues Fundament und entwickeln dabei gern fundamentalistische Tendenzen. Dabei leiden sie an einem mangelnden Selbstwertgefühl. Das sind klassische Sektensyndrome.

Schematisches Empfinden

Der abrupte Glaubenswechsel führt oft zu einer emotionalen Regression. Nur so lassen sich die Sehnsucht nach dem Absoluten und die eigene Weltsicht einigermassen in Deckung bringen. Die Welt wird in Schwarz und Weiss geteilt. Wirklich lebendig fühlen sie sich nur in einem engen Glaubenssystem. Die Suche endet in einer Weltflucht.

Extremismus hat meist auch gruppendynamische Ursachen. Je extremer einer sich gebärdet, desto grösser sind Belohnung und Akzeptanz. Die Erfolgserlebnisse sind ein Kick. Diese Konditionierung führt oft zu Realitätsverlust und Wahrnehmungsverschiebungen. Der Schritt zu Wahnvorstellungen und Militanz ist dann nicht mehr gross, zumal man sich fast nur noch in ihrem radikalen und lebensfeindlichen Biotop bewegt. Fanatismus ist lernbar. So können radikale Konvertiten unberechenbar und eine Gefahr für die Gesellschaft werden.

Der Sühnetod von Jesus

hugostamm am Freitag den 2. April 2010

In der Wochenzeitschrift Idea, einem Blatt aus der freikirchlichen Szene, fand ich diese Woche einen erstaunlichen Artikel. „Ist Gott unmenschlich?“, fragte die fromme Publikation.

Der Text dokumentiert, dass sich selbst strenggläubige Christen manchmal fragen, wie biblische Texte und Gleichnisse auf uns moderne Menschen wirken. Offensichtlich beschleicht auch sie manchmal ein mulmiges Gefühl, wenn sie die Metaphern ohne Glaubensscheuklappen lesen. Deshalb suchen sie rasch eine Rechtfertigung und „sinnvolle“ Erklärung für unverständliche Bilder. Ein Beispiel, das gut zu Ostern passt:

Der deutsche Theologe Klaus Baschung untersucht die Argumente des Atheismus und formuliert die These so: Für Atheisten gäbe es perverse Phantasien, deshalb auch perverse Religionen. Religionen, die Menschenopfer forderten, seien perverse Religionen. „Der Höhepunkt des Perversen ist die Vorstellung von einem Gott, der seinen eigenen Sohn opfert, um seinen Zorn zu befriedigen“, resümiert Baschung die atheistische Argumentation. Der Sühneopfertod sei Kern des Glaubens. Brutaler könne Religion nicht sein. „Vom Blut des gekreuzigten Jesus gehen Blutspuren zu seinen Anhängern und machen sie blutrünstigt“, fasst er die atheistische Auffassung etwas gar eigenwillig zusammen. Wer ein Menschenopfer anbete, bahne weiteren Menschenopfern den Weg.

Dann liefert der Theologe die christliche Antwort auf die brutalen Bilder. Er nimmt das Beispiel der Opferung Isaaks, wonach Gott Abraham befiehlt, seinen Sohn als Treuebeweis umzubringen. Baschung erklärt, es sei Gott darum gegangen, den Menschen klar zu machen, sie sollten Menschenopfer durch Tieropfer ersetzen. Menschenopfer würden in der ganzen Bibel entschieden abgelehnt.

Isaak sei eine besondere Figur, auf ihm hätten die Verheissungen Gottes an Abraham geruht. Entscheidend sei die Frage: Nimmt Gott seine Verheissung zurück? Gott bleibe sich also treu. Er bleibe auch den Menschen treu, die sich ihm zuwendeten. „Wer genauer nachdenkt, erkennt in der schlimmen Erfahrung des Abraham das menschliche Antlitz Gottes“, schreibt der Theologe.

Als weiteres Beispiel führt er die Formel „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ an. Das sei kein Aufruf zur Rache. „Sie mahnt vielmehr, ein Vergehen nicht übermässig zu bestrafen. Strafe dürfe nicht über die Tat hinausgehen.

Weiter thematisiert Baschung das Gleichnis, wonach Gott die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die Gott hassen. Wer Gott aber lieb habe und die Gebote halte, dürfe mit seiner Barmherzigkeit rechnen. Der Theologe interpretiert es so: Die Barmherzigkeit sei grösser als die Heimsuchung. Die Barmherzigkeit sei quasi universell, die Heimsuchung beschränke sich auf drei bis vier Generationen.

Ich unterlasse es, die Interpretation zu kommentieren. Auffallend ist aber, dass der Theologe keine Erklärung zum grössten Opfer gibt: Dem Sühnetod von Jesus.

Ich wage es deshalb, ein paar Gedanken zu Ostern anzustellen.

Wir betrachten die Ostergeschichte immer aus unserer menschlichen Perspektive: Gott hat seinen eigenen Sohn geopfert, um uns zu retten. Jesus starb den Sühnetod. Ich habe aber die Ostergeschichte in der Kirche noch nie aus der Perspektive von „Täter“ oder Opfer gehört. Zum Beispiel: Gott hat seinen Sohn von Menschen ermorden lassen. Oder: Jesus wurde ohne dessen Einwilligung ans Kreuz genagelt. (Warum hast du mich verlassen, rief Jesus Gott an, bevor er ermordet wurde.)

Und: Mir ist bisher nicht aufgefallen, dass durch den Sühnetod von Jesus die Welt entscheidend menschlicher geworden ist. Geschweige denn göttlicher. Es wäre interessant, wie Theologe Baschung dieses Gleichnis deuten würde.

Ich wünsche trotzdem allen Bloggerinnen und Bloggern schöne Ostern.

Katholische Kirche taumelt von Krise zu Krise

hugostamm am Montag den 22. März 2010

Die katholische Kirche, die Petrus auf einen Fels gebaut hatte, taumelt in Europa von Skandal zu Skandal. Der am Samstag veröffentlichte Hirtenbrief des Papstes zu den sexuellen Übergriffen hätte zum Befreiungsschlag werden sollen, doch das höchstinstanzliche pastorale Schreiben wurde erneut zum Bumerang. Die wohl tiefste Krise der katholischen Kirche zeigt exemplarisch, dass der elitäre Männerbund im Vatikan den Bezug zur Realität und den Blick für die Gläubigen weitgehend verloren hat. Und wohl auch die Gunst des Himmels – wenn es diesen denn gibt. Man stelle sich vor, was Rebell Jesus von seinen Erbverwaltern auf der Erde halten würde. Er müsste sie wohl wie die Pharisäer aus dem Tempel werfen.

Ein paar Stationen, die den Geist der Kirche dokumentieren:

Der Papst ernennt Marian Eleganti vor kurzem zum Weihbischof von Chur. Eleganti war viele Jahre Mitglied der reaktionären «Seidnitzer-Sekte», des umstrittenen Priesterwerks des österreichischen Priesters Josef Seidnitzer. Die Marienverehrer waren selbst dem Vatikan ungeheuer, ihr Priesterseminar wurde nicht anerkannt. In seinem Lebenslauf verschweigt Eleganti seine geistige und geistliche Verirrung.

Widerstand gegen Eleganti gibt es im Bistum kaum, obwohl Eleganti der vielleicht grössere Hardliner ist als Wolfgang Haas, den vor allem die Zürcher Katholiken zum Teufel gejagt haben . Einzig der Volketswiler Pfarrer Marcel Frossard wagt öffentliche Kritik. Er befürchtet, dass das Bistum Chur zur Sekte wird.

Der Vorgang ist bezeichnend für den Zustand der Kirche: Der Vatikan ist nicht von seiner erzkonservativen Linie abgerückt und bringt im zweiten Anlauf nach Haas einen weiteren Traditionalisten. Und die kritischen Gläubigen sind müde geworden, gegen die reaktionären Kräfte anzukämpfen. Sie sind in die innere Immigration geflüchtet oder haben sich endgültig von der Kirche entfremdet. So verkommt sie zum frömmelnden Altherren-Club, der keine Priesteranwärter mehr findet und 80-Jährige Pfarrer auf die Kanzel schicken muss. Attraktiv bleibt sie so vor allem für weltfremde autoritäre Musterschüler, die womöglich einen verklemmten Bezug zur Sexualität haben.

Ein weiteres Beispiel ist der Hirtenbrief. Heute diskutieren Medien und Öffentlichkeit nicht über dessen Kernbotschaft, sondern über die Umstände und Auslassungen. Der Papst erwähnt nur Irland und übergeht die jüngsten Enthüllungen in Deutschland.

Ein Zufall ist das nicht, denn dann würde er selbst ins Zentrum der Diskussion rücken. Denn keiner wusste so viel über die Übergriffe wie er, wie Hans Küng erklärt. Und keiner hat die Skandale so erfolgreich unter den Teppich gekehrt. Als Erzbischof von München und in seiner 24-jährigen Zeit in der Glaubenskongregation hatte Papst Benedikt XVI. Als Sittenwächter direkt mit den Übergriffen zu tun gehabt. In der Kongregation würden «seit langem alle Missbrauchsfälle zentralisiert, damit sie unter höchster Geheimhaltungsstufe unter der Decke gehalten werden können», erklärte Küng.

Es ist deshalb kein Zufall, dass sich Ratzinger in seinem Hirtenbrief nicht für die Politik der gezielten Vertuschung entschuldigt, wie die Opfer von Irland monieren. Der Papst hätte sich selbst anklagen müssen. Und zugeben, dass er zu einem grossen Teil mitverantwortlich war für die Taktik, dass fehlbare Priester einfach versetzt wurden. Und sich munter weitere Übergriffe leisten konnten.

Wenn Kirche so aussieht, so stellt sich die Frage, woher sie ihre Daseinsberechtigung als Hüterin von Ethik und Moral nimmt.

Ist die Seele nur ein Phantom?

hugostamm am Donnerstag den 11. März 2010

Die Seele ist ein mysteriöses Konstrukt. Für Gläubige fast aller Couleur ist sie das Lebensding an sich. Sie ist der Sitz der Gottesenergie oder die Verbindung zum Allerhöchsten. Die Seele ist also jene Instanz, die über das Leben hinaus weist. Wenn alles vergeht, existiert sie weiter. Sie ist der Anker im Diesseits, der vor allem bei Schicksalsschlägen Trost spendet: Wenn es dick kommt im irdischen Dasein, beschert sie uns Hoffnung für das Leben nach dem Tod. Die Seele macht uns unsterblich.

Somit schafft sie die Verbindung vom Diesseits zum Jenseits. Sie ist abhängig vom Körper, aber nur auf Zeit. Gleichzeitig ist sie der Sitz unserer Identität. Nach dem Tod zerfällt zwar unser Körper, unser Bewusstsein lebt aber in der Seele weiter. Somit geht nichts verloren, was sich an Erfahrung im Leben oder in mehreren Leben angesammelt hat. Genau genommen: Ich bin die Seele, die Seele bin ich.

Ohne dieses Bewusstsein von der Seele funktionieren Glaubensgemeinschaften oder Heilsvorstellungen nicht.

Bei den fernöstlichen Philosophien und Glaubenskonzepten ist die Seele der Träger wichtiger Informationen. Wie auf einer Festplatte sind alle Taten gespeichert, die „guten“ wie die „schlechten“. Sie machen das Karma aus, das über die Zukunft entscheidet. Erlösung gibt es erst, wenn die schlechten Taten aus früheren Leben durch die guten aus dem aktuellen getilgt sind. Fällt die Bilanz negativ aus, droht eine Wiedergeburt. Pikant: Die Rückkehr auf die Erde gilt als Strafe.

Nicht so bei den westlichen Esoterikern und spirituellen Suchern, die sich die Wiedergeburt wünschen, weil sie sich ans Leben klammern. Sie glauben, durch spirituelle Entwicklung die Seele zu „reinigen“ und im nächsten Leben vom göttlichen All-Eins begünstigt oder belohnt zu werden.

Die abrahamitischen Religionen lehren ein anderes Konzept. Die Abkehr von den vielen Göttern und die Einführung des Monotheismus führten zu einem Umdenken. Das Nirwana wurde abgelöst durch einen konkreten Ort der Geborgenheit: Der Wohnsitz des Vaters wurde zum Ort der Sehnsucht und zum Zuflucht der gepeinigten Menschen, die orientierungslos durch das Jammertal irrten. Der Hinduismus mit den Tausenden von Göttern und Dämonen wurden belächelt, die Idee von der Widergeburt als archaischer Aberglaube beargwöhnt.

Dann kam die Wissenschaft. Die Anatomie zeigte auf, dass die Seele kein nachweisbares Organ ist. Psychologie und Neurologie entwarfen Konzepte und lieferten viel wissenschaftliches Material, die darauf hindeuteten, dass all das, was wir seelische Regungen nennen, mit Hirnaktivitäten erklärbar ist. Da spielen elektrische Impulse, Hormone, Adrenaline usw. eine wichtige Rolle. So wie für uns heute noch das Entstehen und die Ursache von Gefühlen ein Rätsel ist, so schwer lässt sich angesichts wissenschaftlicher Erkenntnisse die Seele erklären.

Bezeichnet der vielleicht wichtigste Begriff in unserem Vokabular bloss ein Phantom?

4 Jahre Blog: Diskussion über Gott und Teufel

hugostamm am Montag den 8. März 2010

Zum vierjährigen Bestehen dieses Blogs erschien im “Tages-Anzeiger” der nachfolgende Artikel. Ich möchte allen Teilnehmer – den regelmässigen und gelegentlichen – herzlich für das Engagement danken. Dank gebührt auch den vielen stillen Lesern, die sich immer wieder in grosser Zahl einklinken und die Diskussion verfolgen. Hugo Stamm

Die Kirchen leeren sich, doch die Menschen interessieren sich für Glaubensfragen wie eh und je. Der Sekten-Blog hat in vier Jahren 110 000 Kommentare provoziert.

Im Februar 2006 startete der TA-Sektenexperte Hugo Stamm einen Blog auf der Tagi-Homepage Newsnetz. Die Diskussion über Sekten lief gut an, doch bald rückten auch grundsätzliche Fragen zu Religion und Glauben in den Fokus: Entspricht der Glaube einem Grundbedürfnis des Menschen oder ist er anerzogen? Befriedigen Religionen kindliche Paradiesvisionen oder sind sie ein wirksames Konzept gegen die Angst vor dem Tod?

Als sich der Themenfächer öffnete, gewann die Diskussion rasch an Fahrt. Die Zahl der Kommentare stieg stetig an. Waren es früher etwa 200 Beiträge pro Woche, sind es heute 1000 und mehr. Ausreisser nach oben erreichten bis 2500 Leserreaktionen.

Minarettverbot mobilisierte

Am meisten Kommentare generierte die Auseinandersetzung um die überraschende Abstimmung zum Minarettverbot. Die Wogen gingen hoch, die Befürworter und Gegner der Initiative schenkten sich nichts. So kamen in wenigen Tagen über 3000 Kommentare zusammen.

Rund 2000 Leservoten provozierte der Impulstext mit dem Titel «Denkmalschutz für christlichen Gott». Es ging um die Freidenker-Plakate «Da ist wahrscheinlich kein Gott – also sorg dich nicht, geniess das Leben». Atheisten und Skeptiker lieferten sich dabei ein episches Wortgefecht mit Gläubigen.

Überhaupt lebt die Diskussion im Blog in den letzten Monaten vorwiegend von der geistigen Auseinandersetzung von Atheisten und Agnostikern mit Gläubigen. Naturgemäss prallen die Meinungen frontal aufeinander. Die zentralen Themen dabei: Wie plausibel ist die Vorstellung von einem christlichen Gott? Ist die Bibel von Gott inspiriert oder ist sie ein geschicktes PR-Instrument der Urchristen?

Für freikirchlich engagierte Gläubige ist die offene Diskussion über solche Fragen eine schiere Provokation. Manche fühlen sich in ihren religiösen Gefühlen tangiert und drohten auch schon mit einer Strafanzeige wegen Verletzung des Antirassismusgesetzes. In ihren Augen diskriminiert die Diskussion die Christen als Glaubensgemeinschaft.

Spendet uns Gott Trost?

Eine Kontroverse mit fast 2000 Kommentaren löste der Impulstext mit dem Titel «Unser tägliches Brot gib uns heute» aus. Dabei ging es um die Frage, wie es sich aus christlicher Sicht verantworten lässt, Waffenindustrien zu bauen und Milliarden in die Weltraumforschung zu stecken, wenn gleichzeitig Millionen von Menschen hungern.

Eine spannende Diskussion provozierte auch die Frage, ob und warum wir Trost in Gott finden. Weshalb zürnen ihm Gläubige nicht, wenn sie ein Kind oder einen Partner durch eine schwere Krankheit verlieren? Weshalb glauben sie, bei jener Instanz Trost zu finden, die ihre Angehörigen auch hätte heilen können?

Ein offenes Forum zieht auch Leser mit extremen Ansichten an, die den Blog als Plattform für fragwürdige Botschaften benutzen. Um die Diskussion in geordneten Bahnen zu halten, müssen ihre teilweise ehrverletzenden oder hetzerischen Kommentare gelöscht werden. Aus Rache über die angebliche Zensur überschwemmen sie den Blog gern mit unsinnigen Kommentaren. Doch alle Versuche, den Blog zu sabotieren oder lahmzulegen, sind bisher gescheitert.

“Minarette sehen wie Kirchtürme aus”

hugostamm am Freitag den 26. Februar 2010

imageMinarettDer französische Philosoph und Politologe Olivier Roy hat sich intensiv mit religiösen Fragen beschäftigt und ist ein ausgewiesener Islam-Kenner. In einem Interview mit der SonntagsZeitung äussert er provokative Thesen, die eine Diskussion wert sind.

Roy erklärt, dass Religion immer bedeutender werde, weil die Gesellschaft säkularer wird. Den vermeintlichen Widerspruch erklärt Roy so: Früher war Religion in den Alltag eingebetet und deshalb nicht aufgefallen. Es war normal, religiös zu sein, „Religion war überall und nirgends“. In unserer säkularisierten Welt fallen Gläubige hingegen auf, „sie werden zu Exoten“. Religion werde auch immer sichtbarer.

Diese Sichtbarkeit expliziert er am Beispiel der Immigration. Früher seien die Immigranten nach ihrer Herkunft wahrgenommen worden, heute drehe sich alles um ihre Religion. Die Einwanderer würden bezüglich Religion Flagge zeigen und auffallen. Ausdruck davon seien der Schleier oder die Burka. Dazu hat Roy eine überraschende Erklärung: Frauen würden damit auffallen: „Es handelt sich primär um Exhibitionismus.“

Roy versteht das Minarettverbot nicht. Damit werde man die Muslime nicht los, sondern verbiete nur die sichtbaren Symbole. „Dabei sind gerade Minarette ein Versuch der Muslime, die Christen nachzuahmen.“ Die Türme liessen die Moscheen ein wenig aussehen wie Kirchen. Auf die Frage, ob die Minarette nicht die viel zitierten Speerspitzen des Islam seien, antwortet Roy dezidiert: „Im Gegenteil: Sie sind ein Zeichen dafür, dass sich die Muslime integrieren wollen.“ Minarette hätten nicht mit Gottesstaat oder Sharia zu tun, sondern stünden für den Wunsch, eine muslimische Gemeinde zu bilden. Ähnlich wie dies Kirchgemeinden tun würden.

Als Beleg führt Roy an, dass in Frankreich und Deutschland muslimische Gemeinden die christlichen nachahmen würden. Die Websites seien auf französisch oder deutsch geschrieben, und es gäbe Sportvereine und Clubs wie in christlichen Gemeinden. Der Islam werde dem Christentum immer ähnlicher, nur würden wir das nicht wahrnehmen.

Roy widerspricht den Prognosen, wonach Europa in ein paar Jahrzehnten islamisch dominiert sein werde. Momentan lebten in Europa durchschnittlich weniger als fünf Prozent Muslime. Um die Christen zu verdrängen, müssten Muslime 10 bis 12 Kinder haben und die Europäer keine mehr auf die Welt stellen. Doch auch hier passten sich die Muslime den Christen an. In Tunesien würden beispielsweise heute schon weniger Kinder geboren als in Frankreich.

Roy scheint mehr Respekt vor den Konvertiten zu haben: Christen, die sich zum Islam bekehren. Diese neigten zum Fundamentalismus. Al-Qaida habe prozentual den höchsten Grad von Konvertiten aller islamischen Organisationen. „Und ein Drittel aller Frauen, die in Frankreich die Burka tragen, sind Konvertiten.“
Überraschend ist auch die Beobachtung von Roy, dass Muslime zum Christentum konvertieren. „In Frankreich gibt es sogar eine evangelische Sekte, die aus ehemaligen Muslimen besteht. Auch hier sieht man, wie Konvertiten zum Fundamentalismus neigen. Viele protestantische Pfarrer waren ursprünglich Muslime.“

Den Grund sieht Roy darin, dass sich Religion immer stärker von der Kultur abkoppelt. So würden die traditionellen Kirchen Anhänger verlieren, die modernen aber wachsen. Wir hätten eigentlich nicht Angst vor dem Islam, sondern vor den Fundamentalisten. Diese seien ein Produkt der Moderne: „Die Frauen, die in Frankreich eine Burka tragen, werden nicht von ihren Männern dazu gezwungen. Das ist inzwischen allgemein anerkannt.“

Roy führt das Beispiel von Malika El Aroud an, einer bekannte Vertreterin des islamischen Fundamentalismus. Sie ist die Witwe eines der beiden Mörder des afghanischen Widerstandskämpfers und Taliban-Gegners Massoud und wurde 2007 wegen Aufhetzung von einem Schweizer Gericht verurteilt. „Diese Frau hat den Lebenslauf einer modernen westlichen Frau: Uneheliches Kind, Hippie-Jugend, und sie hat ihren aktuellen Ehemann, der übrigens zehn Jahre jünger ist als sie, per Internet gefunden. Fundamentalismus, auch islamischer Fundamentalismus, hat nichts mit Tradition zu tun. Es ist etwas, das sich moderne Menschen konstruieren.“

Roy wehrt sich auch gegen die Vorstellung, der Islam trage fundamentalistische Züge, weil er keine Reformation erlebt habe. Martin Luther sei ja auch ein Fanatiker gewesen. Ausserdem habe die Reformation nichts mit der Aufklärung zu tun. „Denken Sie bloss an die evangelischen Sekten, die die Evolutionstheorie ablehnen.“

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