Den folgenden Impulstext hat Ruedi Schmid (Optimus) verfasst. Ihm sei herzlich gedankt.
Obwohl jeder weiss, dass es nur eine Wahrheit gibt, welche der Wirklichkeit und Tatsache entspricht, führt das Ringen um Wahrheit immer wieder zu Auseinandersetzungen. Und obwohl es viel Nützlicheres, Wichtigeres, Hilfreicheres, Sinnvolleres und Interessanteres gibt, geben wir der Wahrheit eine höhere Priorität. Dafür gibt es eine plausible Erklärung:
Mit unseren Sinneserlebnissen konstruieren wir uns eine Vorstellungswelt, welche von der Wirklichkeit und von Mensch zu Mensch verschieden ist, welche wir aber als einzige Wahrheit empfinden müssen, um unser Selbstbewusstsein zu bilden. Einstein bezeichnete diese notwendige illusorische Einbildungskraft als Wunder und sagte dazu tiefgründig: «Das ewig Unbegreifliche an der Natur ist ihre Begreiflichkeit.»
Dabei empfinden wir etwas bereits als wahr (wirklich), wenn es nicht falsch ist, wie z. B. dass ein roter Gegenstand rot ist. Das ist aber nur eine sprachliche Farbzuordnung, die rote Farbe ist eine vom Gehirn produzierte Erscheinung, die sich endlos über Bildverarbeitung, Nervenübertragung, Netzhautreiz, Augenoptik, reflektierte elektromagnetische Schwingungen (Licht), usw. präzisieren lässt. So findet man zu allem immer neuere, genauere oder ergänzende Erkenntnisse, und die Wahrheit ist unerreichbar, abgesehen davon, dass wir sie weder verstehen noch erkennen können. Dazu Einstein: «Die Wahrheit ist uns nicht gegeben, sondern aufgegeben.»
Wenn wir z. B. Materie erkennen und verstehen könnten, wäre uns klar, warum sie eine spezielle Form der Energie ist und könnten uns den Nachweis im CERN ersparen. Wahrheit dürfen wir gar nicht verstehen, denn sonst wären wir am Ende aller Erkenntnisse und es gäbe nichts mehr zu entdecken und zu bewundern.
Wie wichtig für uns aber das Wahrheitsempfinden ist, zeigt sich daran, dass wir praktisch immer mit der Wahrheit argumentieren. Dabei hat der Mensch eine angeborene Angst vor der Blamage, dass seine Wahrheitsüberzeugung nicht richtig ist, dass er also nicht recht hat. Deshalb sucht er dauernd nach Bestätigung und Einigung oder rechtfertigt sich. Daraus entsteht auch das Kommunikationsbedürfnis, seine Wahrheitsmeinung zu erzählen, zu diskutieren, durchzusetzen und andere davon zu überzeugen.
Wenn Wahrheit nur eine subjektive Empfindung ist, die von den Gedanken konstruiert wird, dann sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt, sofern man Wunder, Spiritualität und Überirdisches zulässt. Einen beschützenden Gott bis zum ewigen Leben im Paradies können wir so als Wahrheit empfinden. Wie absolut und abwegig dabei die Wahrheitsüberzeugung sein kann, zeigen die Sekten mehr als deutlich.
Aber den Naturgesetzen können wir nicht entfliehen und selbst Papst Benedikt XVI. (Ratzinger), der behauptet, naturwissenschaftliches Denken führe zur geistigen Verarmung, vertraut primär der geistig verarmten Naturwissenschaft, wenn er sich medizinisch behandeln lässt oder mit dem Flugzeug fliegt. Das zeigt deutlich, dass selbst die Wahrheitsüberzeugung gebildeter Menschen entgegengesetzt von Vertrauen, Entscheiden und Verhalten sein kann.
Aber wie kann man ohne eingebildete Wahrheitsüberzeugung selbstbewusst leben?
Zum Leben genügen Kenntnisse und Erfahrung, weniger die Naturgesetze. Es lassen sich endlos noch nützlichere, wichtigere, hilfreichere, sinnvollere und interessantere finden. Einstein meinte zur Unfähigkeit, die Wahrheit zu erkennen: «Das Schönste und Tiefste, was der Mensch erleben kann, ist das Gefühl des Geheimnisvollen, dass hinter dem Erlebbaren ein für unseren Geist Unerreichbares verborgen sei, dessen Schönheit und Erhabenheit uns nur mittelbar und in schwachem Widerschein erreicht.»
Eine Weltanschauung, die nicht wie üblich auf der Wahrheit begründet wird, sondern auf der Unkenntnis davon, klingt völlig paradox. Einstein hat aber bewiesen, dass das funktioniert, und wenn alle Menschen eine solche Weltanschauung hätten, wäre der Frieden garantiert.




















































