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Archiv für die Kategorie „Allgemeines“

Der ewige Kampf um die Wahrheit

hugostamm am Freitag den 1. April 2011

Den folgenden Impulstext hat Ruedi Schmid (Optimus) verfasst. Ihm sei herzlich gedankt.

USA PHYSIK ALBERT EINSTEIN 1954

«Die Wahrheit ist uns nicht gegeben, sondern aufgegeben»: Albert Einstein.

Obwohl jeder weiss, dass es nur eine Wahrheit gibt, welche der Wirklichkeit und Tatsache entspricht, führt das Ringen um Wahrheit immer wieder zu Auseinandersetzungen. Und obwohl es viel Nützlicheres, Wichtigeres, Hilfreicheres, Sinnvolleres und Interessanteres gibt, geben wir der Wahrheit eine höhere Priorität. Dafür gibt es eine plausible Erklärung:

Mit unseren Sinneserlebnissen konstruieren wir uns eine Vorstellungswelt, welche von der Wirklichkeit und von Mensch zu Mensch verschieden ist, welche wir aber als einzige Wahrheit empfinden müssen, um unser Selbstbewusstsein zu bilden. Einstein bezeichnete diese notwendige illusorische Einbildungskraft als Wunder und sagte dazu tiefgründig: «Das ewig Unbegreifliche an der Natur ist ihre Begreiflichkeit.»

Dabei empfinden wir etwas bereits als wahr (wirklich), wenn es nicht falsch ist, wie z. B. dass ein roter Gegenstand rot ist. Das ist aber nur eine sprachliche Farbzuordnung, die rote Farbe ist eine vom Gehirn produzierte Erscheinung, die sich endlos über Bildverarbeitung, Nervenübertragung, Netzhautreiz, Augenoptik, reflektierte elektromagnetische Schwingungen (Licht), usw. präzisieren lässt. So findet man zu allem immer neuere, genauere oder ergänzende Erkenntnisse, und die Wahrheit ist unerreichbar, abgesehen davon, dass wir sie weder verstehen noch erkennen können. Dazu Einstein: «Die Wahrheit ist uns nicht gegeben, sondern aufgegeben.»

Wenn wir z. B. Materie erkennen und verstehen könnten, wäre uns klar, warum sie eine spezielle Form der Energie ist und könnten uns den Nachweis im CERN ersparen. Wahrheit dürfen wir gar nicht verstehen, denn sonst wären wir am Ende aller Erkenntnisse und es gäbe nichts mehr zu entdecken und zu bewundern.

Wie wichtig für uns aber das Wahrheitsempfinden ist, zeigt sich daran, dass wir praktisch immer mit der Wahrheit argumentieren. Dabei hat der Mensch eine angeborene Angst vor der Blamage, dass seine Wahrheitsüberzeugung nicht richtig ist, dass er also nicht recht hat. Deshalb sucht er dauernd nach Bestätigung und Einigung oder rechtfertigt sich. Daraus entsteht auch das Kommunikationsbedürfnis, seine Wahrheitsmeinung zu erzählen, zu diskutieren, durchzusetzen und andere davon zu überzeugen.

Wenn Wahrheit nur eine subjektive Empfindung ist, die von den Gedanken konstruiert wird, dann sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt, sofern man Wunder, Spiritualität und Überirdisches zulässt. Einen beschützenden Gott bis zum ewigen Leben im Paradies können wir so als Wahrheit empfinden. Wie absolut und abwegig dabei die Wahrheitsüberzeugung sein kann, zeigen die Sekten mehr als deutlich.

Aber den Naturgesetzen können wir nicht entfliehen und selbst Papst Benedikt XVI. (Ratzinger), der behauptet, naturwissenschaftliches Denken führe zur geistigen Verarmung, vertraut primär der geistig verarmten Naturwissenschaft, wenn er sich medizinisch behandeln lässt oder mit dem Flugzeug fliegt. Das zeigt deutlich, dass selbst die Wahrheitsüberzeugung gebildeter Menschen entgegengesetzt von Vertrauen, Entscheiden und Verhalten sein kann.

Aber wie kann man ohne eingebildete Wahrheitsüberzeugung selbstbewusst leben?

Zum Leben genügen Kenntnisse und Erfahrung, weniger die Naturgesetze. Es lassen sich endlos noch nützlichere, wichtigere, hilfreichere, sinnvollere und interessantere finden. Einstein meinte zur Unfähigkeit, die Wahrheit zu erkennen: «Das Schönste und Tiefste, was der Mensch erleben kann, ist das Gefühl des Geheimnisvollen, dass hinter dem Erlebbaren ein für unseren Geist Unerreichbares verborgen sei, dessen Schönheit und Erhabenheit uns nur mittelbar und in schwachem Widerschein erreicht.»

Eine Weltanschauung, die nicht wie üblich auf der Wahrheit begründet wird, sondern auf der Unkenntnis davon, klingt völlig paradox. Einstein hat aber bewiesen, dass das funktioniert, und wenn alle Menschen eine solche Weltanschauung hätten, wäre der Frieden garantiert.

Aus Mordlust getötet

hugostamm am Freitag den 25. März 2011
hs1

Wäre er nicht einer von fünf Tätern, könnte man seine Verhalten als Tat eines Psychopathen erklären: Jeremy Morlock mit seinem Opfer. (Bild: «Spiegel»)

Der 22-jährige Jeremy Morlock ist von einem Militärgericht in Washington zu 24 Jahren Haft verurteilt worden. Der junge Soldat hat gestanden, aus purer Mordlust zusammen mit vier weiteren US-Soldaten drei unschuldige Afghanen getötet und verstümmelt haben. «Der Plan war, Leute zu töten», bestätigte Jeremy Morlock den gezielten Mord. Die fünf sollen aus purer Mordlust mit Gewehren und Granaten die Zivilisten getötet haben. Zuerst behaupteten sie, von den Afghanen angegriffen worden zu sein und in Notwehr gehandelt zu haben. (Die andern vier Soldaten warten noch auf ihren Prozess.)

Fotos entlarvten aber die Mörder. Sie hatten grinsend den Kopf eines getöteten jungen Bauernsohn am Schopf gepackt und sich gegenseitig abgelichtet. Danach schnitten die Soldaten ihrem Opfer einen Finger als Trophäe ab.

Man kann davon ausgehen, dass mindestens ein Teil der fünf Soldaten eine christliche Erziehung genossen haben und die zehn Gebote kennen. Man kann auch annehmen, dass sie auch schon etwas von sozialer Verantwortung gehört haben. Als Soldaten müssten sie auch über den militärischen Kodex aufgeklärt worden sein, dass Zivilisten geschützt werden müssen. Sie hatten sicher auch die Skandale von Abu Ghraib verfolgt und gewusst, dass ihre Tat der US-Armee massiv schaden und die afghanische Bevölkerung gegen die Soldaten aufbringen könnte.

Was treibt junge Menschen zu solchen Taten? Es ist wohl in erster Linie der Trieb, bei allen Tätigkeiten den Spass zu suchen und den Held zu spielen. Als Soldat im Krieg sind die Möglichkeiten begrenzt. Unterhaltung für adrenalingetriebene junge Männer gibt es in Afghanistan kaum. Sexuelle Eskapaden, bei denen man sich bestätigen kann, fehlt in einem muslimischen Land ohnehin. Der Krieg bestimmt den Alltag, Ablenkung finden die Soldaten fast nur in diesem ungesunden Biotop Armee.
Wäre Jeremy Morlock ein Einzeltäter, könnte man seine Mordlust als die Tat eines Psychopathen erklären. Bei fünf Komplizen sticht das Argument nicht.

Es scheint, dass hauptsächlich Lebensumstände Bewusstsein und Verhalten bestimmen. Ethische, moralische oder religiöse Werte sind Schönwetter-Instrumente. In besonderen Situationen bestimmen offensichtlich Triebe und Lustprinzip menschliches Verhalten. Die Natur ist stärker als die Kultur. Vielleicht schafft die Evolution in 500 Jahren eine Korrektur. Glaubensgemeinschaften hatten 1500 und mehr Jahre Zeit, Menschen zu zivilisieren. Sie haben es – wie die Zivilgesellschaften – nicht geschafft, weshalb wir auf die Evolution hoffen müssen.

Gott – der liebe Vater zum Anfassen

hugostamm am Donnerstag den 10. März 2011
USA-RELIGION/ROCK

Die Flusstaufe ist auch bei Life Kingdom Church International beliebt: Im Bild Mitglieder einer Freikirche in den USA.

Wir diskutieren hier im Blog seit Jahren über Freikirchen. Vermutlich haben aber die wenigsten Kommentatoren und Kommentatorinnen schon einen Gottesdienst einer Freikirche besucht. Um einen authentischen Einblick in Glauben, Gottesbild und Weltbild von radikalen charismatischen Glaubensgemeinschaften zu erhalten, möchte ich Euch die Life Kingdom Church International näher bringen. Es handelt sich um eine charismatische Freikirche, die in Baden zu Hause ist.

Zuerst ein paar Zitate aus der Homepage:

«Wir sind eine Wort fundierte Gemeinde, die mit dem Himmel verbunden ist, die Wert auf die praktische Umsetzung des Glaubens legt. Wir lehren das Wort Gottes, der Bibel in einer Atmosphäre der Liebe. Gott erweist sich in unserer Mitte seinem Wort gegenüber treu. Immer, wenn Sein Wort weitergegeben wird, ist es durch Seine Kraft und Salbung begleitet, indem wir Seine spürbare Gegenwart erleben: Wunder geschehen, Kranke werden geheilt, Gebundene und vom Feind Unterdrückte werden befreit. In all unseren Versammlungen wird allein der Name Gottes verherrlicht und erhoben. Erleben Sie es gemeinsam mit uns!»

Hier noch ein paar Worte des Pastors:

«Am 11. November des Jahres 2000 verbrachte ich wertvolle Zeit in Gottes Gegenwart, als er mich aufsuchte und zu mir sprach: ‹Schau, Ich schicke dich aus, um die Herzen der Menschen wieder zu Mir zurückzubringen und sie von jeder Lüge und Zerstörung des Teufels zu befreien, indem du Mein Wort des Glaubens und der Wahrheit predigst. Ich habe Meine Worte in deinen Mund gelegt.› Dies war der Anfang! Er sagte mir, dass dieser Auftrag hier in der Schweiz beginnen und sich zur Ehre Seines Namens über alle Nationen ausdehnen würde. Gott begann Seine Arbeit im Juni 2006 und seit all dieser Zeit hat Er sich stets als sehr treu erwiesen. Wir haben Menschen gesehen, die von ihren Leid bringenden Wegen zu Gott umkehrten und Busse taten.Wir haben im Leben der Menschen durch Gott Befreiung, Heilung, Wiederherstellung und vieles mehr gesehen und miterlebt. Gott steht wahrhaftig treu zu Seinem Wort!»

Aufschlussreich ist auch eine Predigt. Es reicht, ein paar Minuten hinzuhören, um Stossrichtung und Atmosphäre zu erkennen.

Um sich auch optisch ins Bild zu setzen, kann man diesen Link anklicken.
Die Homepage von Life Kingdom Church International: www.lifekingdom.org

Gott ist ungerecht

hugostamm am Sonntag den 20. Februar 2011
INDIA

Hindus glauben, dass Leiden die Folge von Fehlverhalten in einem vorherigen Leben ist. Das hat eine gewisse religiöse Logik: Kremierung am Ganges. (Bild Reuters)

Das Sterben beginnt mit der Geburt. Diese Gewissheit entwickeln wir schon als junge Menschen. Das ist wohl die einzige Chancengleichheit, die uns das Leben beschert. In allen andern Lebensbereichen herrschen andere Gesetze.

Diese Gesetze folgen nicht humanen oder religiösen Regeln. Gerechtigkeit gibt es nicht. Es regiert der Zufall, und dieser ist gnadenlos brutal. Es macht ein Unterschied, ob ich in Sierra Leone oder der Schweiz geboren werde. Es spielt auch eine grosse Rolle, ob meine Eltern gebildet sind, mich umsichtig erziehen und mir eine sinnvolle Berufsausbildung ermöglichen können.

Dann sind da noch die Gene und Veranlagungen. Es ist für die Lebensqualität entscheidend, ob ich ein fröhlicher Mensch, ein Griesgram oder eine depressive Person bin. Auch dafür kann ich meist wenig. Glückliche Umstände oder Zufall spielen Regie. Gene, Hormone, neurologische Komponenten. Auch der IQ ist wichtig. Ob ich damit gesegnet bin, hat nur wenig mit mir selbst zu tun.

Glück, Zufall oder genetische Voraussetzungen spielen auch bei der körperlichen Entwicklung eine zentrale Rolle. Wenn beispielsweise ein Kleinkind eine tödliche Leukämie bekommt, handelt es sich vermutlich vor allem um körperliche Defizite.

Was sagen die Religionen zu diesen lebenswichtigen Fragen? Wenig Sinnvolles. Das ist auch verständlich, denn sie kämen in einen Argumentationsnotstand.

Zum Beispiel der christliche Glaube. Vor Gott sind alle gleich, lautet ein zentrales Credo. Das Leben spricht aber eine andere Sprache, wie oben ausgeführt. Die einen reiten das ganze Leben auf einer Glückswelle, die andern sind schon bei der Geburt Verlierer.

Mit moralischen Vorstellungen oder Gerechtigkeit nach christlichen Massstäben hat dies nichts zu tun. Denn das Leben auf der Erde ist eine endlose Kette von Ungerechtigkeiten. Das passt schlecht zu christlicher Moral und Ethik. Es gibt keine plausible religiöse Erklärung für die Ungleichheiten.

Da haben es Buddhismus, Hinduismus und Esoterik besser. Sie haben das Karma zur Hand, mit dem die Ungerechtigkeiten erklärt werden können. Wer ein schweres Schicksal tragen muss, büsst für ein Fehlverhalten in einem früheren Leben. Das macht zwar religionswissenschaftlich halbwegs Sinn, ist aber auch wenig hilfreich: Wieso soll ich für etwas büssen, für das ich kein Bewusstsein habe?

Kurz: In den entscheidenden Lebensfragen versagen die Religionen.

Ist Gott ein Schurke?

hugostamm am Samstag den 12. Februar 2011

In seinem Buch «Hating God: The Untold Story of Misotheism» ( Oxford University Press,  New York) untersucht der gebürtige Schweizer Bernard Schweizer,  Professor an der Long Island University in Brooklyn, den Gotteshass mancher Schriftsteller und Philosophen. Ich drucke hier eine Zusammenfassung von Schweizer ab. Hugo Stamm

Nachdem prominente Intellektuelle wie Richard Dawkins und Christopher Hitchens mit ihrem aggressiven Atheismus an die Öffentlichkeit getreten sind, hat man (vor allem in den USA) den Eindruck gewonnen, dass diese Form des Unglaubens so ziemlich das Radikalste ist, was es in Sachen religiöser Nonkonformität gibt. Im Schatten des Atheismus blüht jedoch eine geheimere und wohl auch beunruhigendere Tradition der religiösen Subversion: Misotheismus oder Gotteshass.
Tatsächlich finden sich unter den Gotteshassern viele herausragende Persönlichkeiten, unter ihnen Mark Twain, Friedrich Nietzsche, Zora Neale Hurston, Elie Wiesel, Philip Pullman, und viele andere. Diese Misotheisten (das Wort basiert auf den griechischen Wurzeln «misos» – Hass und «theos» – Gott) lehnen nicht die Existenz Gottes ab, aber sie verneinen, dass Gott barmherzig, liebevoll oder auch nur kompetent sei. Ich habe zehn Jahre für dieses Buch geforscht und dabei versucht, die Frage zu beantworten, was denn gute, aufgeklärte und intelligente Persönlichkeiten dazu führt, mit Gott auf Kriegspfad zu gehen. Es geht dabei nicht nur ums Hadern mit Gott, sondern ganz konkret um Gotteslästerung und das Verdammen Gottes.

Obwohl es manchmal persönlicher Unbill ist, der den Misotheismus hervorruft, so sind es häufiger apokalyptische Tragödien, wie die Massaker des ersten Weltkrieges, der Holocaust, Sklaverei, usw., die Schriftsteller und Philosophen zum Misotheismus treiben. Diese Gotteshasser sind sich der Argumente zur Verteidigung Gottes wohl bewusst – all die Theodizeen, die angeblich die Existenz des Bösen (sowohl kriminelle Akte als auch Naturkatastrophen und Epidemien) erklären, ohne mit der Existenz eines allmächtigen, lieben Gottes zu kollidieren. Aber diese Erklärungsmodelle haben einfach keine Überzeugungskraft für die Misotheisten. Die Theodizee des freien Willens wird zum Beispiel oftmals herangezogen, um die Existenz des Bösen in einer von einem lieben Gott regierten Welt zu erklären.

Wenn Gott immer eingreifen würde, um dem Hass der Misotheisten vorzubeugen oder ihn abzumildern, dann würden wir in einer armseligen, unfreien Welt leben – so ungefähr geht das Argument. Die Theodizee des freien Willens selber wird dabei nicht in Frage gestellt. Aber diese Theodizee zieht nicht in Betracht, dass der Entscheid Gottes, uns einen freien Willen zu geben, genauso determinierend ist wie jede andere göttliche Intervention; zweitens, wenn Gott nicht interveniert, wenn man ihn wirklich braucht, wofür ist er denn da? Drittens, die Prämisse des freien Willens ist auch nur schon suspekt, weil sie nur auf Täter des Bösen zutrifft (und nicht einmal auf alle – einige Kriminelle sind krank und folgen nicht ihrem freien Willen, wenn sie Amok laufen), und überdies haben die Opfer selber fast nie einen freien Willen: Weshalb würde Gott den Kriminellen einen freien Willen zusprechen aber nicht ihren Opfern? Viertens, wenn es um Epidemien und Erdbeben geht, hat das mit freiem Willen überhaupt nichts zu tun, wohl aber mit Gott, denn dieser soll ja allmächtig sein, und wenn er es zulässt, dass eine Viertelmillion Haitianer in ein paar Minuten sterben, dann ist er Komplize an diesem Massenmord. Hier, wie bei anderen Theodizeen, sagen die Misotheisten “nein danke.” Es gibt Gott, aber er ist ein Schurke, und wenn er das nicht ist, dann ist er zumindest unfähig oder korrupt.

Das Buch zeigt, wo die Wurzeln des Misotheismus liegen – im Buch des Hiob, aber auch in Epicurus und vor allem in den philosophischen Systemen des Deismus, Utilitarianismus, und Anarchismus. Er unterscheidet drei verschiedene Formen des Misotheismus: Agonistischer Misotheismus – wo die Gotteshasser konstant mit Gott argumentieren und versuchen, ihren Gotteshass zu überwinden; absoluter Misotheismus – wo die Gotteshasser eigentlichen (wenn auch nur symbolischen) Gottesmord begehen, wie etwa Nietzsche oder in jüngerer Zeit Philip Pullman; politischer Misotheismus – wo Gotteshass auf ideologischer, vor allem anarchistischer Basis beruht.

Der agonistische Gotteshass ist dabei die weitverbreiteste Form, aber gleichzeitig ist es auch die Form des Gotteshasses, die am verstecktesten bleibt. Agonistischer Misotheismus findet vor allem in der Literatur Ausdruck. Dort werden diese subversiven Gedanken geschickt verpackt und halb versteckt, so dass der Misotheist wohl seine Abneigung gegen Gott gewissermassen los wird, aber zugleich nicht das Risiko auf sich nimmt, gesetzlich oder gesellschaftlich verfolgt zu werden, denn die Spuren des Misotheismus wurden gleich wieder verwischt. Nur weil ich genau wusste, wonach ich suchte, habe ich die verschiedenen Indizien des Misotheismus in Werken der Literatur gefunden.

In der Tat, Gotteshass ist keine Bagatelle. In gewissen Ländern kann es drastische Folgen haben, als Gotteslästerer identifiziert zu werden, inklusive in Irland, wo es eine hohe Geldstrafe für Blasphemie gibt, nicht zu sprechen vom Iran, wo Leute, die als “mohareb” – oder Gegner Gottes – verurteilt werden, die Todesstrafe befürchten müssen.

Natürlich wird die Gotteslästerung in vielen westlichen Ländern heute viel lockerer angegangen als noch vor hundert Jahren, weshalb es inzwischen auch Autoren gibt, die mit der Idee des Misotheismus ganz offen spielen, wie James Wood «(The Book Against God»), James Morrow («Blameless in Abaddon»), oder Philip Pullman (die Trilogie «His Dark Materials»). Bis vor Kurzem wagten es jedoch viele Misotheisten nicht, ihren Hass gegen Gott öffentlich auszudrücken und sie machten daher Gebrauch von literarischen Techniken, die es ihnen erlaubten, ihre unakzeptablen Ideen zu tarnen.

Ich räume in meinem Buch auch mit dem Argument auf, dass es einen kausalen Zusammenhang zwischen Moral und Frömmigkeit gebe. Meine Misotheisten haben keine kriminellen Veranlagungen. Im Gegenteil. Misotheisten sind so aufgebracht, weil Gott ihren hohen moralischen Ansprüchen nicht gerecht wird. Sie sind einfach konstitutionell unfähig, ihren Glauben an Gott aufzugeben; daher finden sie keine Zuflucht im Atheismus. Sie müssen glauben, aber sie können nicht an einen guten, kompetenten Gott glauben. Dieser Engpass hat einige der hervorragendsten Werke der Literatur und Geisteswissenschaft hervorgebracht.

«Hating God: The Untold Story of Misotheism» von Bernard Schweizer ist bei Amazon.de erhältlich.

Sühneopfer als Tor ins Himmelsreich

hugostamm am Donnerstag den 3. Februar 2011
GERMANY/

Das Sühneopfer Jesu Christi diente der Tilgung der Erbsünde: Passionsumzug in Süddeutschland.

Diesen Impulstext hat der inverse Goliath verfasst:

Nachdem ich mehrfach eine Idee für einen eigenen Leadtext wieder verworfen habe, gibt sich hier durch die beiden letzten Impulstexte rund um den Sündenfall im Garten Eden und die Opferung eines Menschenlebens die gute Möglichkeit, einige Fragen in die Runde zu werfen. Ausserdem geht daraus hervor, wieso ich, wie hier mehrfach erklärt, die Bibel nicht per se als verstaubtes Buch betrachte, sondern den Reichtum der Geschichten und die Symbolik derselben als für mich wertvoll erachte.

Die relativ unbestrittene Kernaussage des Christentums beruht auf dem Kreuztod Jesu Christi. Das Sühneopfer auf Golgatha ermöglichte der Menschheit, laut der christlichen Lehre, sich mit Gott zu versöhnen, die Erbsünde Adams abzulegen und dereinst ins Himmelreich einzugehen. Die These findet sich im Apostolischen Glaubensbekenntnis ebenso wie im Nicäanischen, im Lutherischen und sowie in nahezu jedem Glaubensbekenntnis der Freikirchen. Es steht in den Evangelien, wie auch schon bei Paulus im ersten Korintherbrief. Christus ist für unsere Sünden gestorben und begraben worden und am dritten Tag wieder auferstanden, auf dass wir errettet werden.

Aufgrund verschiedener Bemerkungen, auch hier im Blog, stellen sich mir folgende Fragen:

Wann ist ein Opfer ein Opfer?
Wer hat mit Jesus Kreuzestod ein Opfer gebracht und was bedeutet dieses Opfer?
Was würde es bedeuten, wenn der Tod Christi als Sühneopfer wegfallen würde?

Diese Fragen stellen sich unter der Prämisse der Geschichten, wie sie die Bibel darstellt. Jesus hat gelebt und ist am Kreuz gestorben. Nicht der Kreuztod Jesu soll also angezweifelt werden, sondern der Sinn dahinter.

Die erste Frage dient der Definition. Was stellen wir uns unter einem Opfer vor? Meinem Empfinden nach ist es eine, meist bewusste, Handlung zur Erreichung eines bestimmten Ziels. Im religiösen Zusammenhang ist es also die Bitte an eine metaphysische, übergeordnete Macht, ausgedrückt durch die (rituelle) Darbringung eines physischen oder nicht-physischen Gegenstandes. In unserem Sprachgebrauch sollte diese Handlung etwas enthalten, das einem teuer ist. Ich gebe etwas auf, um etwas (Besseres) zu erhalten. Die Witwe, die all ihr Geld in den Gotteskasten legte, bringt ein Opfer dar, das von Jesus selbst gewürdigt wurde (Markus 12:41). Oder die Frau, die eine alabasterne Flasche voll kostbarer Salbe auf Jesus Haupt goss, worüber sich die Jünger entrüsteten (Matthäus 26:6).

Damit stellt sich in der zweiten Frage, wer mit Jesus am Kreuz ein Opfer dargebracht hat und welchen Stellenwert dies beim Opferbringer darstellt. Laut der Schrift opfert Gott hier seinen menschgewordenen Sohn, um dadurch die Erbsünde Adams zu tilgen. Neben der bewusst vermiedenen Frage, wieso Gott genau diese Art der Sündentilgung wählt und ob ein Gott der bedingungslosen Liebe durch ein blutiges Opfer überhaupt versöhnt wird, stellt sich mir hier Jesus als eine umstrittene Opfergabe dar. Gott ist sich unter der Prämisse seiner Allmacht und Allwissenheit gegenwärtig, dass sein Sohn am Kreuz stirbt, um wieder aufzuerstehen und neben ihm im Himmel zu sitzen. Jesus selber wusste, dass sein Tod unumgänglich war, aber auch, dass er danach wieder vereint mit seinem Vater im Himmel ist. Zudem gibt sich Gott als Opferbringer gleich selbst vor, was ihn zufriedenstellen wird. Ein Zirkelschluss.

Es stellt sich also die berechtigte Frage, wie stark so ein Opfer gewichtet werden kann, in der die Beteiligten selber involviert sind und wissen, dass es ein vorübergehendes Ereignis ist und auf ihr persönliches ‹Leben› weiter keinerlei Auswirkungen hat.

Wenn wir uns aufopfern, um etwas zu retten, das uns teuer ist, dann gehen wir das Risiko ein, nicht zu wissen, ob es etwas nützt. Trotzdem geben wir alles, unter Umständen unser eigenes Leben, um unser Liebstes zu schützen oder in der Hoffnung darauf, dass die Zukunft besser ist. Gott und Jesus gingen dieses Risiko nicht ein. Sie hofften nicht, sie wussten um den Ausgang der Dinge.

Was also ist dieses Sühneopfer wert? Und was bedeutet es, wenn Christus Tod als Opfergabe wegfällt? Jeder darf das für sich selber beantworten. Die Tat verändert sich nicht, wohl aber der tiefere Sinn. Jesus ist immer noch am Kreuz gestorben, nun aber nicht mehr um der Erbsünde willen, sondern aufgrund seiner Lehre. Das Glaubensbekenntnis bekommt eine andere Bedeutung und richtet sich nach dem Inhalt der Lehre Jesu und nicht an der Bosheit der Menschen. Allein dadurch kann sich das Grundempfinden des Christentums ändern, weg vom ewigen Leidens- und Sündenpfad, hin zur Entdeckung der Symbolik hinter den Geschichten und Gleichnissen Jesus. Er ist nicht für unsere Sünden gestorben, sondern durch unsere Sünden. Die Lehre der Erbsünde Adams ist hinfällig. Jesus selber sagt in Johannes 20:23 «Welchen ihr die Sünden vergebt, denen sind sie vergeben.» Der Opfertod Jesus am Kreuz verändert sich in der Bedeutung und gewinnt durch das zweite Gebot Jesus: «Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst.»  (Matthäus 22:39)

Wie viel ist ein Leben wert?

hugostamm am Mittwoch den 26. Januar 2011

TUNESIEN UNRUHEN

Mohammed Bouazizi

Erkämpfte mit seinem Suizid für sein Volk die Freiheit: Mohammed Bouazizi.

In Kairo und andern Städten Ägyptens gingen diese Woche Tausende von wütenden Menschen auf die Strasse, um gegen das Regime von Präsident Hosni Mubarak zu protestieren. Mubarak hat das Land am Nil seit fast 30 Jahren fest im Griff. Den rund 15’000 Demonstranten standen 20’000 bis 30’000 Polizisten gegenüber. Dies sagt viel aus über das Machtgebaren des autoritären Staatschefs und den Umgang mit «seinem Volk».

Der Protestvirus ist von Tunesien auf Ägypten übergesprungen. Ausgelöst hat ihn ein unbekannter 26-jähriger Mann: Mohammed Bouazizi hat sich in seiner Verzweiflung selbst verbrannt und damit die Weltöffentlichkeit auf die katastrophale politische, wirtschaftliche und soziale Situation aufmerksam gemacht. Und auf die Unterdrückung des Volkes.

Mit seinem Suizid rüttelte er weite Teile der benachteiligten Bevölkerung auf. Die Protestwelle fegte den korrupten Autokraten Ben Ali weg. Der junge Tunesier hat kaum geahnt, dass er mit seiner Selbstverbrennung eine bisher erstaunlich friedliche Revolution auslösen würde. Eine Revolution, die vielleicht auch Ägypten erfasst und auf andere arabische Staaten übergreift, die von machtbesessenen Herrschern geführt werden.

Rückblickend ist man geneigt zu sagen, dass der Tod von Mohammed Bouazizi Sinn gemacht hat. Mit seinem Suizid hat er seine Landsleute mindestens teilweise aus der Knechtschaft befreit und die korrupte Familie Ben Alis in die Flucht geschlagen. Politische Gefangene wurden befreit und der politische Bewusstseinsprozess beschleunigt. Was immer auch die neue Regierung tut, sie darf sich keine offensichtlichen Ungerechtigkeiten erlauben, sonst werden die Tunesier wieder auf die Strasse gehen. Und: Vielleicht löst Mohammed Bouazizi mit seiner Selbstverbrennung einen Domino-Effekt aus, vielleicht protestieren noch weitere unterdrückte Länder gegen die Unterjochung.

Doch: Darf man aus ethischer und moralischer Warte einen Menschen «opfern», um eine politische Veränderung herbeizuführen? Wie steht es mit den religiösen Dogmen zu dieser Frage? Laut christlicher Lehre ist Suizid Sünde. Ist es dies auch, wenn damit die Freiheit für ein ganzes Volk erkämpft wird und unter Umständen viele Menschenleben gerettet werden können? Ist die Befreiung eines Landes von der Knechtschaft mehr wert als das Leben von Mohammed Bouazizi und der rund 70 Personen, die bei den Revolten in Tunesien ums Leben gekommen sind?

Die Angst schuf Gott

hugostamm am Dienstag den 18. Januar 2011
Aus dem Deckenfresko in der Sixtinischen Kapelle: Die Erschaffung des Menschen – oder eher die Erschaffung Gottes durch den Mensch?

Aus dem Deckenfresko in der Sixtinischen Kapelle: Die Erschaffung des Menschen – oder eher die Erschaffung Gottes durch den Mensch?

These: Ohne Todesbewusstsein würde der Gottesbegriff nicht existieren.

Wir nähern uns dem Gottesbegriff in aller Regel aus einer religiösen Warte heraus. Gott gehört in die Kategorie des Glaubens. Gott ist aber auch ein psychologisches Phänomen: Wie ist der Mensch auf Gott gekommen? Was fasziniert ihn am Gottesphänomen? Welche psychologische Funktion erfüllt Gott?

Wären Adam und Eva nicht aus dem Paradies gewiesen worden, wäre ihnen Gott vermutlich auf immer verborgen geblieben. Die ersten Menschen – nach christlicher Mythologie – waren glücklich und entbehrten nichts: Es herrschte totaler Friede, sie mussten sich keine existenziellen Sorgen machen. Es war immer angenehm warm, das Essen flog ihnen in den Mund. Ängste kannten sie nicht, Grenzen auch nicht. Und vor allem: Der Tod existierte nicht. Sie lebten eben im sprichwörtlichen Paradies.

Deshalb hatten Adam und Eva schlicht keinen Grund, sich mit metaphysischen und transzendentalen Fragen auseinanderzusetzen. Denn im Paradies braucht es keinen Gott, da genügt der sich Mensch selbst.

Der aktuelle Lebensraum von uns Menschen hat wenig mit einem Paradies zu tun. Wir sind permanent Gefahren und Krankheiten ausgesetzt. Uns begleitet das Bewusstsein des Leidens und der Endlichkeit. In dieser Ohnmacht sind unsere Vorfahren auf die Götter gekommen. Schicksalsschläge erlebten sie als Strafe. Strafe braucht einen Verursacher oder Urheber. Das muss jemand sein, der übernatürliche Kräfte und Macht über das Leben besitzt. So kam der Mensch auf ein allmächtiges Wesen – eben Gott.

Und weil sich unsere Ahnen nicht vorstellen konnten, wie das kolossale Universum entstanden ist, erschufen sie ebenfalls die Götter – und später den monotheistischen Gott – der gleich noch für die Erschaffung des Kosmos verantwortlich ist.

Gott entstand – psychologisch gesehen – aus Angst, Ohnmacht, Unwissen. Alle Phänomene, die wir kognitiv begrenzten Menschen nicht erklären können, schieben wir auf eine übersinnliche Ebene. Davon profitiert Gott. Lebten wir immer noch im Paradies, käme kein Mensch auf die Idee, sich mit Gott zu beschäftigen.

Viele Christen glauben nicht an personalen Gott

hugostamm am Dienstag den 28. Dezember 2010

Mein Redaktionskollege Guido Kalberer hat ein bemerkenswertes Interview mit Michael Schmidt-Salomon geführt. Der deutsche Philosoph ist Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung. Ich stelle jenen Teil des Interviews zur Diskussion, das sich mit den Fragen der neuen Religiosität und der Kritik am Christentum befasst.

Die meisten Kirchenmitglieder sind (Tauf-)Schein-Mitglieder: Michael Schmidt-Salomon.

Die meisten Kirchenmitglieder sind (Tauf-)Schein-Mitglieder: Michael Schmidt-Salomon.

Die Wiederkehr der Religionen heute muss ein Schock für einen Religionskritiker wie Sie sein.

Nicht unbedingt, ich habe diese Entwicklung schon Anfang der Neunzigerjahre prognostiziert. Es war ersichtlich, dass die Säkularisierung kein linearer, sondern ein ambivalenter Prozess ist. Es gibt also nicht nur einen Trend weg von der Religion, sondern auch eine Bewegung hin zur Religion. In Westeuropa ist der Säkularisierungstrend allerdings stärker: Eine Umfrage in Deutschland zum Beispiel ergab, dass nur noch 23 Prozent der evangelischen Kirchenmitglieder an einen personalen Gott glauben – was immerhin eine Grundvoraussetzung dafür ist, um sich redlicherweise als Christ bezeichnen zu können.

Ist die Säkularisierungswelle noch grösser als die Religionswelle?

Für Europa gilt dies zweifellos. So gibt es in Deutschland bereits mehr konfessionsfreie Menschen als Katholiken oder Protestanten. Zudem stimmt die Mehrheit der Kirchenmitglieder nicht mehr mit den zentralen Dogmen des christlichen Glaubens überein. Die meisten Kirchenmitglieder sind bei genauerer Betrachtung Schein-Mitglieder, genauer gesagt: Taufschein-Mitglieder. Man hat sie als Säuglinge getauft, weshalb man sie religiösen Institutionen zurechnet. Doch die zentralen Auffassungen dieser Institutionen teilen sie nicht.

Was hält die Leute religiös denn noch bei der Stange?

Eine interessante Frage: Was hält Menschen in einer Institution, die sie Geld kostet, wenn sie zentrale Elemente der Vereinssatzung ablehnen? Dafür gibt es vor allem soziale und ökonomische Gründe. Immerhin sind Caritas und Diakonisches Werk die grössten nicht staatlichen Arbeitgeber Europas. Jemand, der im sozialen oder medizinischen Bereich arbeitet, als Psychologe, Arzt oder Krankenpfleger, kann es sich in bestimmten Regionen gar nicht leisten, aus der Kirche auszutreten. Denn die Kirchen, die grössten Arbeitgeber auf diesem Gebiet, nutzen noch ihr Recht zur weltanschaulichen Diskriminierung, obwohl die Dienstleistungen, die sie erbringen, weitestgehend öffentlich finanziert werden. Solange es bei dieser verfassungswidrigen Regelung bleibt, sind weite Teile der Bevölkerung zwangskonfessionalisiert.

Wie ordnen Sie die Gläubigen ein, die wieder selbstbewusster zu ihrer Religion stehen?

Parallel zum Säkularisierungstrend gibt es einen Trend zur Verschärfung religiöser Bekenntnisse. Entweder werden die Menschen konsequenter religiös oder konsequenter areligiös. Das erklärt, warum der aufgeklärte Protestantismus an Bedeutung verliert, während die evangelikalen Kirchen zulegen. Die akademische Theologie hat ihre Pointen verloren. Die Erlösungstat Jesu ist ohne Voraussetzung von Hölle und Teufel so packend wie ein Elfmeterschiessen ohne gegnerische Mannschaft. Wenn der Teufel zum Spiel gar nicht mehr antritt, wird die biblische Erzählung belanglos. Übrig bleibt ein «religiöser Dialekt», der fromm klingt, es aber nicht mehr so meint. Menschen, die wirklich glauben wollen, befriedigt das nicht.

Kommt es zu einer Polarisierung?

Ja. Der aufgeklärte Glaube verliert seine Funktion als Vermittlungsinstanz zwischen konsequentem Säkularismus und religiösem Fundamentalismus. Das ist, wie es scheint, ein unaufhaltsamer Prozess, den man nicht ignorieren sollte.

Wie schätzen Sie den Islam ein?

Im Unterschied zum europäischen Christentum war der Islam nicht gezwungen, durch die Dompteurschule der Aufklärung zu gehen. Insofern musste er sich keine zivileren Umgangsformen angewöhnen. Es gab zwar im neunten und zehnten Jahrhundert eine bemerkenswerte Hochphase der Aufklärung innerhalb der muslimischen Kultur, aber das ist schnell abgewürgt worden. Und so werden wir heute mit unaufgeklärten Formen des Islam konfrontiert, was für Mitteleuropäer eine recht ungewohnte Erfahrung ist. An Light-Christen gewöhnt, sich wir nicht geübt, mit religiösen Kräften umzugehen, die sich selbst noch todernst nehmen.

Das Christentum hat das Stahlbad der Ironie ja schon hinter sich.

Man hat das Gefühl, dass in Europa selbst Bischöfe das, was sie predigen und zelebrieren, nicht immer ganz ernst nehmen. Beim Islam ist das anders. Zwar gibt es viele säkulare und liberale Muslime, aber eben auch erschreckend viele Gläubige, die den Koran so ernst nehmen, dass sie unter Umständen ihr Leben im Diesseits für ein fiktives Leben im Jenseits opfern. Deshalb greifen unsere Drohgebärden nicht. Sie gründen ja auf der säkularen Annahme, dass letztlich nur dieses eine, irdische Leben zählt.

Was hilft in diesem Konflikt denn weiter?

Der kulturelle Relativismus, den viele Europäer heute vertreten, ist in diesem Konflikt keine Hilfe. Im Gegenteil. Die postmoderne Haltung «leben und leben lassen» führt dazu, dass viele ihr Leben lassen müssen. Wenn im Iran Frauen wegen Ehebruchs gesteinigt werden, schauen wir meist ratlos zu, statt die universellen Werte von Humanismus und Aufklärung entschieden zu verteidigen.

Die Frau – ein Missgriff der Natur

hugostamm am Donnerstag den 9. Dezember 2010
PASSION PLAY

Die Frau als Dienerin des Mannes: Maria Magdalena und Jesus Christus, Passionsspiele Oberammergau.

Die traditionsbewussten christlichen Gläubigen – inklusive Klerus – sind stolz auf ihre Kirchengeschichte. Sie geben zwar ein paar Ausrutscher mehr oder weniger willig zu – Kreuzzüge, weltlicher Machtmissbrauch der Kirche bis in die jüngere Zeit, Inquisition -, doch sie verweisen auf die ungleich segensreicheren Errungenschaften ihrer Kirche: Nächstenliebe, ethische und moralische Normen, Bedeutung des Individuums, das von Gott grenzenlos geliebt wird.

Mit Stolz erfüllt sie auch, dass der Ursprung der grössten Religion von einem einst unbedeutenden Wanderprediger ausgegangen ist. Er, der lediglich ein paar Jünger um sich geschart hatte, erfuhr nach seinem Tod eine weltweite Verbreitung. Viele Gläubige erkennen darin das Werk Gottes; sie werten die Ausbreitung des Christentums als indirekten Gottesbeweis.

Die Geisteskraft, die vom christlichen Glauben ausgeht, erkennen viele Christen auch im Werk berühmter Kirchenväter: Thomas von Aquin, Franz von Assisi, Augustinus und in der jüngeren Geschichte Martin Luther. Diese christlichen Denker und Mystiker haben zwar durchaus bedeutende und tiefsinnige Erkenntnisse gewonnen, doch ihre Weisheit stiess auch an Grenzen. Vor allem dort, wo sie im Zeitgeist gefangen waren. Besonders deutlich lässt sich dies am Frauenbild dieser Herren ablesen.

Für Augustinus ist das Weib ein minderwertiges Wesen, das von Gott nicht nach seinem Ebenbild geschaffen wurde. Es entspreche der natürlichen Ordnung, dass die Frauen den Männern dienen würden.

Franz von Assisi etwa sagte, wer mit dem Weibe verkehre, beflecke seinen Geist. Mit den Tieren ist der Kirchenvater pfleglicher umgegangen.

Thomas von Aquin bezeichnete die Frau als ein Missgriff der Natur, als eine Art verstümmelter, verfehlter, misslungener Mann. Die volle Verwirklichung der menschlichen Art sei nur der Mann.

Und für Luther, der doch ein paar Jahrhunderte später wirkte, ist die grösste Ehre des Weibes, dass die Männer durch sie geboren werden. Der Tod im Kindbett sei nichts weiter als ein Sterben im edlen Werk und Gehorsam Gottes.

Diese weisen Kirchenlehrer hätten sich nur an Jesus und seine Lehre erinnern müssen, um ihre geistigen Ausfälle zu verhindern. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Und sie hätten beobachten können, dass Frauen fürsorgliche Mütter sind, die ihre Söhne, Vertreter des edlen Geschlechts, mit Liebe grossziehen. Oder es hätte ihnen auffallen können, dass die „minderwertigen Frauen“ die Existenz der Männer entscheidend sicherten und im Bett für wohlige Wärme sorgen. Es wäre noch einfacher gegangen: Frauen sind Geschöpfe Gottes wie die Männer.

Doch die werten Herren liessen sich von der ideologisch motivierten Unterdrückung der Frau anstecken. Sie hatten ein offenes Herz für Gott und die Tiere, aber für das Wichtigste und Naheliegendste fehlte ihnen der Sinn. Hätten sie nur einen Monat lang ohne Frauen leben müssen, wäre ihnen ihre Dummheit wohl selbst aufgefallen.