Schweiz


Archiv für die Kategorie „Allgemeines“

Vom Leben nach dem Tod

hugostamm am Mittwoch den 6. Juli 2011
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Der Trost eines Lebens nach dem Tod ist für Gläubige, Verwandte und Freunde zu treffen: Familie vor einer Lichtquelle.

Die Angst vor dem Tod begleitet uns das ganze Leben. Sterben ist die individuelle Apokalypse. Das Bewusstsein von der Endlichkeit des Seins prägt unser Lebensgefühl. Uns bleibt nur die Hoffnung, dass es nach dem Tod irgendwie weiter gehen wird. Für diese Hoffnung sind die Religionen oder Glaubensgemeinschaften zuständig. Sie vermitteln den Gläubigen die Zuversicht, dass das Leben im Diesseits nur eine Zwischenstation ist. Damit spenden sie den Mitgliedern Trost und nehmen der Todesangst die Spitze.

Wie glaubwürdig sind solche metaphysischen Konzepte oder Versprechen? Die Schwierigkeit beginnt beim Gottesbild. Alle Versuche, Gott zu definieren oder analysieren, scheitern schon im Ansatz. Das haben manche Kirchenväter schon in grauer Vorzeit erkannt und deshalb das Dogma erhoben, wir sollten uns von ihm kein Bild machen. Aber wen soll ich anbeten, wenn ich mir von ihm kein Bild machen kann?

Noch schwieriger wird’s mit dem Jenseitsbegriff. Die Buchreligionen gehen von einer Art Paradies aus, wie es Adam und Eva für kurze Zeit bewohnen durften: Die Trauben wachsen in den Mund, der Löwe spielt mit dem Hirsch. Auf gebildete Menschen, welche die komplexe Beschaffenheit des Universums wenigstens ansatzweise erahnen, wirkt das Bild nicht plausibel. Aber wie sonst sollen wir uns das Jenseits vorstellen?

Wir können uns noch so lang anstrengen, wir werden die Frage nicht beantworten können. Also müssen wir auf ein Leben nach dem Tod hoffen, das völlig im Dunkeln liegt. Aber spendet etwas Trost, das sich uns völlig entzieht? Kann ich mich auf etwas freuen, das auch geistig nicht fassbar ist?

Der hauptsächliche Trost für Gläubige liegt darin, dass sie glauben, ihre Eltern, Lebenspartner, Freunde und später ihre Kinder im Jenseits wieder zu treffen. So jedenfalls erzählen es viele. Und bei den meisten Abdankungen braucht auch der Pfarrer diese tröstlichen Aussagen.

Doch dies sind reine Vermutungen. Das Bild vom Jenseits ist von menschlichen Sehnsüchten geprägt. Wir projizieren Ängste und Hoffnungen in ein Leben nach dem Tod. Damit kultivieren wir kindliche Paradiesvisionen. Es ist eher unwahrscheinlich, dass das Paradies unseren auf das Diesseits ausgerichteten Vorstellungen entspricht.

Stützen wir uns deshalb auf die religiösen Schriften. Die Christen werden im Himmel zur Rechten Gottes sitzen, der Chor der Engel wird jubilieren. Ich weiss nicht, wie lang uns dies ergötzen wird.

Da haben es die Muslime besser. Die Märtyrer können sich auf 17 oder mehr Jungfrauen freuen. Ich vermute, dass sie nach kurzer Zeit die Flucht ergreifen, wenn die hübschen Frauen um seine Aufmerksamkeit buhlen.

Deshalb: Was soll am Glauben ans Jenseits tröstlich sein, wenn wir ein völlig falsches Bild vom Paradies haben? Ist es nicht ehrlicher zu sagen: Wir wissen nicht, ob es ein Leben nach dem Tod gibt? Und wir wissen erst recht nicht, wie dieses Leben aussieht, falls es dieses geben sollte.

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Der Fussball ist ein Gott

hugostamm am Donnerstag den 30. Juni 2011
ARGENTINIEN FUSSBALLCLUB RACING

Beten gegen den Abstieg: Ein Fan des argentinischen Vereins Racing Avellaneda, März 1999. (Bild: Keystone)

Religion hat die Aufgabe, Orientierung zu bieten, Sinn zu stiften, Hingabe zu ermöglichen, emotionale Rückbindung auf ein göttliches Wesen zu schaffen und Trost zu spenden. Gläubige sind in der Regel überzeugt, dass nur der Glaube an einen personalen Gott diese Anforderungen zu erfüllen vermag. Doch: Stimmt dieser Alleinanspruch?

Nein. Es gibt eine scheinbar weltliche Disziplin, die die Anforderungen an eine Religion ebenfalls bestens erfüllt: der Fussball.

Das klingt in den Ohren vieler Gläubiger nach Gotteslästerung. Fussball mit dem Glauben an Gott zu vergleichen, ist für sie blasphemisch.

Treten wir also den Beweis für die Behauptung an.

Ob es Gott tatsächlich gibt, kann niemand beweisen. Der Glaube an ein Leben nach dem Tod ist eine metaphysische Spekulation. Der Fussball hingegen ist ein reales, sinnstiftendes Objekt. Er ist zwar nur mit Luft gefüllt, aber er bewegt die Welt wie kaum ein anderer Gegenstand. Fussball begründet Gemeinschaft – mehr als leere Kirchen. Fussball stiftet Identität, die klar definiert ist: Meine Farben sind Blau-Weiss, meine Heimat ist das Letzigrund-Stadion, mein Talar sind die Fan-Klamotten, meine Glaubensbrüder finde ich im Fanclub oder der Südkurve. Ich weiss, wer ich bin, ich gehöre zu einer grossen Familie, ich lebe für den Fussball, ich zelebriere das weltumspannende Spiel, ich bin Teil der globalen Fussball-Kultur.

Der katholische Geistliche Josef Hochstrasser, der das Buch «Ottmar Hitzfeld – die Biographie» geschrieben hat, unterstreicht den religiösen Charakter des Fussballspiels ebenfalls – als Mann Gottes muss er es schliesslich wissen: «Der Fussball ist tatsächlich eine Religion. Mögen Kritiker diesen Sport allenfalls als Ersatzreligion durchgehen lassen, ich halte ihn für eine Primärform von Religion.»

Fussball ist gar eine Weltreligion mit einer globalen Heilslehre. Sie verbindet Menschen unterschiedlicher Farben, Ethnien, Weltanschauungen und Kulturen. Es gibt auch im Fussball «Religionskriege», doch diese sind ritualisiert und beschränken sich in der Regel auf 90 Minuten.

Das Fussballspiel kennt auch den Gottesdienst. Das Stadion ist die Kirche, ein Final in der Champions-League ein Hochamt. Das Ritual beginnt ebenfalls mit einem (Fan-)Gesang, der Schiedsrichter amtet als Pfarrer. Seine Glocke ist die Pfeife. Die Fans glauben und hoffen wie die Gläubigen. In heiklen Momenten beten sie zum Fussballgott. Und sie pendeln auch zwischen Halleluja und Hölle. Wenn das Ritual den Höhepunkt erreicht, erheben sie sich wie die Gläubigen in der Kirche.

Mancher Pfarrer würde sich wünschen, seine Gläubigen wären nur halb so ergriffen wie die Fans beim Abspielen der Hymne. Und die Ehrfurcht vor Jesus wäre so stark wie vor ihren Fussball-Idolen. Übrigens: Der Fussball ist eine hoch entwickelte Religionsform. Er kennt wie das monotheistische Christentum nur einen personifizierten Gott: den Fussball.

Kritiker werden einwenden, Fussball sei nur ein Spiel. Wer beweist, dass Religionen mehr sind? Einzig bei der Transzendenz wird es schwierig: Fussball hat wenig mit dem Jenseits zu tun. Aber er kommt auch von einem andern Stern, wenn ihn Fussballgötter wie Lionel Messi spielen.

PS: Dieser Text ist parallel auf dem Blog «Steilpass» aufgeschaltet. Ein Vergleich der Kommentare dürfte sich lohnen.

Journalistische Ehrenrettung für die katholische Kirche

hugostamm am Dienstag den 21. Juni 2011

Der 57-Jährige Autor des deutschen Magazins „Der Spiegel“ hat das Buch „Das katholische Abenteuer: Eine Provokation“ geschrieben und heftige Reaktionen ausgelöst. Mein Kollege David Nauer hat ihn dazu interviewt. Ich habe ein paar Fragen und Antworten zusammengestellt.

Herr Matussek, wann haben Sie das letzte Mal gesündigt?

Das werde ich Ihnen nicht sagen. Sie sind schliesslich nicht mein Beichtvater.
In Ihrem jüngsten Buch* schildern Sie die Welt als Sündenpfuhl. Die Wollust überbordet, Geiz und Neid, wo man hinschaut. Übertreiben Sie nicht etwas?

Nein, im Gegenteil. Nehmen wir die Wollust, ein Begriff, der im Zeitalter von «Youporn» (eine Pornoseite im Internet, Anm. d. Red.) seltsam fremd wirkt. Die Wollust ist so inflationär geworden, dass sie sich aufgelöst hat. Es gibt sie eigentlich gar nicht mehr.

Schon die alten Römer haben sich über den Sittenverfall beklagt.

Ich sage nicht, dass früher alles sittlich gefestigter gewesen wäre. Aber wir leben in einer Zeit, die so merkwürdig schuldlos geworden ist. Wir denken gar nicht mehr über Sünde nach. Wir sprechen, wenn wir von Schuld reden, eigentlich nur noch von einem Gefühl, das der Psychoanalytiker wegtherapieren soll.

Wo ist das Problem?

Das ist ein beängstigender Zustand. Wir sind im Grunde genommen schuldig und steuern gefühlt schuldlos auf eine sehr ungemütliche Welt zu. Uns ist das Koordinatensystem abhandengekommen. Katastrophen häufen sich. Ein bisschen apokalyptisch bin ich schon gestimmt.

Das müssen Sie erklären.

Es gibt eine grössere Form der Enthemmung – am oberen und am unteren Ende der Gesellschaft. Die Finanzkrise hat gezeigt, dass die Todsünde der Gier sehr wohl verheerende Folgen haben kann, dass sie die Welt an den wirtschaftlichen Abgrund bringt.

Was sind die Ursachen?

Meine Diagnose ist, dass das zu tun hat mit dem Verlust der Bindungskräfte des Religiösen, der Kirchen.
Die Menschen wenden sich von den Kirchen ab, weil sie dort keine Antworten mehr finden auf die wichtigen Fragen der Zeit. Wir erleben eine Kirchenkrise, auch eine Gotteskrise. Es gibt Umfragen, die darauf hinweisen, dass drei Viertel aller Menschen noch gläubig sind. Aber das ist ein stillgelegter Glaube, der im Hintergrund schlummert, der keine Wirkung mehr hat auf den Alltag. Wenn ich sonntags in die Kirche gehe . . .

. . . gehen Sie jeden Sonntag in die Kirche?

Aber sicher. Ich muss sagen, ich gehe gerne. Weil es die Stunde ist, die eine Stunde in der Woche, in der ich mit mir und meiner Seele, mit Gott alleine bin. Das halte ich für das grossartigste Angebot überhaupt, und ich kann nicht verstehen, dass Katholiken oder Leute, die sich katholisch nennen, keinen Gebrauch davon machen.

An Sehnsucht nach Religiosität mangelt es nicht. Im Sommer kommt der indische Guru Sri Sri nach Berlin. Er wird wohl das Olympiastadion füllen.

Die Frage ist: Warum begegnet die Öffentlichkeit diesen Sekten, diesen Gurus so viel unkritischer als der katholischen Kirche? Jeder Bischof, der in einer Talkshow sitzt, muss damit rechnen, dass er mit Häme übergossen wird. Aber ein indischer Guru füllt das Olympiastadion, und die liberalen Medien sind mehr oder weniger entzückt.

Woher kommt das?

Ich finde, nicht unschuldig sind die Katholiken selber. Statt in die Kirche zu gehen, die Messe zu feiern, für die Armen zu sammeln, also den Glauben richtig zu leben, wird ewig debattiert – über den Zölibat, über das Frauenpriestertum, die nächste Reformagenda. Dem Katholizismus ist der Herzmuskel erschlafft.

Sie fordern eine Rückkehr zu den alten Dogmen?

Die Kirche hat ihr Geheimnis verloren. Ihre Botschaft sollte sein: «Ihr müsst euch anstrengen, um zu uns zu kommen, denn wir verhandeln etwas ganz Heiliges. Was wir hier machen, ist gerade nicht die Welt, sondern die Gegenwelt. Hier ist ein Geheimnis, draussen gibt es kein Geheimnis, hier ist Andacht, draussen gibt es keine Andacht, hier ist Versenkung, Stille, Hingewendet-Sein nach oben, hier kann man nicht einfach reinschlurfen und Spass haben.» Ich glaube, damit würden die Leute viel eher in die Kirchen zurückkehren. Stattdessen wird die Schwelle noch tiefer gelegt. Bald gibt es für jeden eine Cola, der kommt. Ein protestantischer Pfarrer liess kürzlich nach dem Gottesdienst sogar den «Playboy» verteilen.

Das glauben Sie doch selber nicht.

Doch, ich schicke Ihnen den Link über diesen Sex-Gottesdienst. Ist es nicht schön, wenn es auch anders geht? Letzten Sonntag war bei uns etwas ganz Tolles. Da hat der Mädchenchor des Kölner Doms zur Pfingstmesse gesungen. Das «Halleluja» war ergreifend, es stieg auf zum Himmel, man hat an den Gesichtern gesehen, wie glücklich die waren. Der Altar wurde eingeräuchert mit Weihrauch, es war eine grosse Feierlichkeit. Jeder Protestant würde sagen: «Es kommt doch nur auf mich, auf Gott und das Wort an, alles andere ist Pipifax.» Ich bin naiver, ich bin katholisch. Ich glaube, dass die Form sehr wichtig ist für die Andacht. Mein Priester in New York sagte etwas sehr Schönes: «Rituale ohne Glauben sind leer, aber ein Glaube ohne Ritual ist gestaltlos.» Der Glaube braucht den Gesang, das Hinknien, das Augenschliessen, er braucht das gemeinsame Vaterunser, diese heiligen Verrichtungen.

Die öffentliche Wahrnehmung der katholischen Kirche ist freilich eher von Skandalen geprägt.

Die Öffentlichkeit ist so vergröbert, dass sie beim Katholizismus am liebsten nur noch über Sex redet, besonders über Kindsmissbrauch. Obwohl nur 0,1 Prozent der Missbrauchstäter aus den Reihen der katholischen Kirche kommen. 99,9 Prozent kommen aus Familien, aus Vereinen, liberalen Schulen, protestantischen Organisationen. Aber jeder denkt bei Missbrauch: katholisch.

Wobei sich die katholische Kirche in Sachen Sex schon sehr weltfremd anstellt. Wenn der Papst lange ausführt, unter welchen Umständen die Benutzung eines Kondoms erlaubt ist, dann kann das ein normaler Mensch nicht nachvollziehen.

Die Kirche hält sich eben in einer Welt auf, in der über Liebe, Treue und Sexualität in einer anderen Form nachgedacht wird, als wir es tun. Sex haben ist doch heute wie ein Schluck Kaffee. Sex ist so trivialisiert, so vollständig zur Ware geworden, dass ihn jeder am Automaten herausziehen kann. Und da kommt nun eine Institution und sagt: Moment. Es wäre schön, wenn sich Liebende treu sind, dann brauchen sie nämlich keine Kondome.

Im Gegensatz zu den Kirchen sind die Moscheen in Deutschland voll. Nehmen Sie den Islam als Bedrohung wahr?

Ich glaube, dass der Islam nicht zu unserer religiösen und kulturellen Identität gehört. Eine Gefahr ist er dann, wenn er sich nicht an die demokratischen Spielregeln hält. Da vermisse ich von den moderaten Muslimen in unserer Gesellschaft ein eindeutiges Bekenntnis.

Sie widmen dem Konflikt zwischen dem Islam und dem Westen viel Raum. Ist das eine der grossen Fragen unserer Zeit?

Das ist zentral, denn der Konflikt hat eine Echowirkung auf unser eigenes Religionsverständnis. Ich war bei einer Veranstaltung von radikalen Salafisten in Mönchengladbach. Und da gab es folgende Szene. Ein Muslim schwenkte eine zerlesene Bibel vor einem Reporter und sagte: «Ich wette, du kennst deine eigene Religion nicht. Ich wette, du kennst nicht mal die Zehn Gebote.» Tatsächlich: Der Reporter kannte sie nicht. Bei den Muslimen existiert ein intensiver Glaube, auf unserer Seite dagegen Ratlosigkeit, religiöse Unterbelichtung und keine Bereitschaft, dem Islam auf überzeugende Weise zu antworten.

Es ist doch vernünftig, solche Provokateure nicht zu beachten. Diese Gelassenheit unterscheidet uns gerade von religiösen Eiferern.

Ich bin da nicht Ihrer Meinung. Es gibt das religiöse Gefühl, davor sollte man einen gewissen Respekt haben. Ich bin gekränkt, wenn ich sehe, wie Madonna vor einem Kreuz rumhopst. Der Gekreuzigte ist ein gemarterter Mensch, das ist der Erlöser, und diese überdrehte Kabbala-Anhängerin mit falschen Titten trällert einen Popsong – das geht nicht. Kein Mensch getraut sich heute mehr, Witze über Mohammed zu machen. Aber Jesus als Blechbüchse – kein Problem.

Regieren die Bilderberger die Welt?

hugostamm am Montag den 13. Juni 2011

Am Sonntag ist die geheime Konferenz der Bilderberger zu Ende gegangen. Rund 200 Aktivisten haben dagegen demonstriert. Viele von ihnen gehören zu den Verschwörungstheoretikern: Sie behaupten, die Bilderberger strebten die geheime Weltregierung an.

Bestimmen die Bilderberger tatsächlich den weltpolitischen Fahrplan oder sind sie eine elitäre Kast, die es geniesst, hinter verschlossenen Türen ihre Wichtigkeit zu zelebrieren?

Als Hintergrundinformation ein Artikel, den ich im Tages-Anzeiger publiziert habe.

120 internationale Grössen aus Politik, Militär, Industrie, Hochfinanz und Adel haben sich inkognito im Nobelhotel Suvretta House in St. Moritz getroffen. Die Staats- und Konzernchefs suchten für einmal nicht die grosse Bühne, sondern schetuen das Licht. Sie kamen als Privatpersonen und nennen sich Bilderberger.

Bilderberger? Unter diesem Namen kennt sie kaum jemand. Das ist Absicht. Niemand soll wissen, dass sie am Geheimtreffen der handverlesenen Elite teilnehmen. Entsprechend unklar ist, wer am Treffen im Engadin teilnimmt. Über 50 Jahre lang hat das gut funktioniert. Nun zerren Verschwörungstheoretiker, die international vernetzt sind, über die Internetplattform «We Are Change» die Mächtigen der Welt ans Licht. In St. Moritz soll ihnen ein lauter Empfang bereitet werden. Denn die Verschwörungstheoretiker halten die Bilderberger für eine Weltbedrohung. Mehr noch als das Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos. Sie sehen hinter der Konferenz einen Geheimbund, einen Orden der Eingeweihten. Manche sprechen gar von einer geheimen Weltregierung, welche die globale Macht an sich reissen will.

Sind das Phantasmen überspannter Skeptiker, die überall Verschwörungen wittern, wo Mächtige die Köpfe zusammenstrecken? Oder bestimmen die Bilderberger tatsächlich den Fahrplan der globalen Wirtschaft und Politik?

Staatstragende Themen

Die Spurensuche beginnt bei den Teilnehmern. Die erste Konferenz fand 1954 im Hotel Bilderberg in Oosterbeek, Holland, statt. Die Treffen werden seither zwar jährlich an einem andern Ort in den USA oder Europa durchgeführt, der Name aber ist geblieben. Initiiert hat das erste Treffen Prinz Bernhard der Niederlande. Er wollte nach dem Zweiten Weltkrieg die Beziehungen zwischen Westeuropa und den USA mit transatlantischen Diskussionen fördern. Die Teilnehmer müssen sich zur Geheimhaltung verpflichten. Sie sollen in einem informellen Rahmen staatstragende Themen diskutieren können. Es gibt keine Beschlüsse oder Resolutionen. Aber soll man einem Gremium trauen, das sich in abgeriegelten, streng bewachten Hotels trifft?

Die Kritiker behaupten, die Bilderberger beeinflussten Wahlen: Lionel Jospin nahm 1996 am Treffen teil und wurde 1997 französischer Premier. Jack Santer gehörte 1991 zum Kreis und übernahm 1995 das Amt des Präsidenten der Europäischen Kommission. 1999 trat der italienische Bilderberger Romano Prodi in seine Fussstapfen. Tony Blair besuchte das Treffen 1993 und wurde ein Jahr später Chef der Labour Party und dann britischer Premier. Bill Clinton wurde 1991 Bilderberger und kurz darauf Präsidentschaftskandidat in den USA. Bekanntlich gewann er auch die Wahlen.

Wer glaubt, die Konferenz hieve ihre Mitglieder in hohe Ämter, unterliegt jedoch einem Denkfehler: Die meisten Bilderberger gehören zum rechten Lager. Würden sie tatsächlich einen Geheimbund bilden, hätten sie nicht die Linken Blair und Clinton unterstützt, sondern ihre konservativen Gegenspieler. Wie sie die Wähler überhaupt beeinflusst haben sollen, ist eine andere Frage. Im Übrigen ist auch der Grüne Joschka Fischer ein Bilderberger – und der deutsche Ex-Aussenminister steht über dem Verdacht, mit Topbankern und Konzernchefs unter einer Decke zu stecken.

Blocher war wiederholt dabei

Christoph Blocher hat eher das Profil eines typischen Bilderbergers. Der ehemalige SVP-Bundesrat hat schon zweimal an den geheimen Klassentreffen teilgenommen. Selbst der Superdemokrat Blocher, der vorgibt, sich nur dem Volk verpflichtet zu fühlen, akzeptierte die Geheimhaltung.

Das stösst gewissen SVP-Mitstreitern sauer auf. Nationalrat Dominique Baettig hat dazu eine Interpellation eingereicht. Der Jurassier will vom Bundesrat wissen, ob Mitglieder der Regierung an dem undurchsichtigen Anlass teilnehmen und wie er «diesen elitären und undemokratischen Club» beurteilt. «Die Konferenz stellt eine Bedrohung für die Schweiz dar», präzisiert Baettig im Gespräch. «Sie will die Weltpolitik koordinieren. Ich habe Angst, dass Blocher nicht mehr unabhängig ist. Was passiert, wenn St. Moritz ins Visier von al-Qaida gerät?» Auch die Blocher-Spezis Ulrich Schlüer und Oskar Freysinger haben die Interpellation unterzeichnet. Am Wochenende hat Baettig vom Bündner Regierungsrat verlangt, dass er gewisse Bilderberger bei der Einreise in die Schweiz verhaften lässt. Er denkt an «die Herren Bush, Kissinger, Cheney, Perle usw.». Diese hätten Kriege angezettelt, seien verantwortlich für Morde und Terror.

Milliardär Blocher reagiert gelassen auf den Angriff seiner Parteikollegen: «Ich habe nichts zu dieser Interpellation zu sagen. Dass die Bilderberg-Mitglieder unter sich tagen, ist bekannt, dass eine Elite dabei ist, ebenfalls, und ein Club muss ja nicht demokratisch sein.» Er habe zwei interessante Tagungen mit kontroversen Referaten erlebt zu Themen, «die für die Welt von Bedeutung sind». Dass die Bilderberger als «‹geheime Weltregierung› globale, politische und wirtschaftliche Entscheide fällten, wie das Verschwörungstheoretiker behaupten, ist Unsinn». Tatsache ist, dass selbst Blocher, der gern gegen die «Classe politique» wettert, dem Charme des globalen Eliteclubs erlegen ist.

Von Krauer bis Ringier

Ein Blick auf die helvetische Bilderberger-Seilschaft bestätigt die These, dass vorwiegend konservative Führungspersönlichkeiten eingeladen werden. Novartis-Präsident Daniel Vasella und Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank, sind die aktuellen Topshots; Ackermann gehört sogar zum Lenkungsausschuss, der die Treffen organisiert. Zum erlauchten Schweizer Kreis zählen oder zählten auch Alex Krauer, ehemaliger Chef von Novartis und UBS, David de Pury, Gründer von «Le Temps», Shell-Chef Peter Voser, Michael Ringier vom gleichnamigen Medienkonzern, Hugo Bütler, der ehemalige Chefredaktor der NZZ, und Markus Spillmann, der heutige NZZ-Chefredaktor.

Zu den internationalen Schwergewichten, die in den letzten Jahren zu den Treffen anreisten, gehörten die deutschen Bundeskanzler Helmut Schmidt, Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Angela Merkel, der spanische Premier José Luis Zapatero, Javier Solana, einstiger Generalsekretär des EU-Rats, Romano Prodi, italienischer Ex-Premier und Ex-Präsident der Europäischen Kommission, Ex-US-Aussenminister Henry Kissinger und Microsoft-Gründer Bill Gates, Jean-Claude Trichet, der Präsident der Europäischen Zentralbank, und sein amerikanischer Gegenspieler Ben Bernanke, Mitglieder der Königshäuser Grossbritanniens, Spaniens und Belgiens und viele andere mehr – auch Dominique Strauss-Kahn, der gestrauchelte Chef des Internationalen Währungsfonds.

Die Bilderberger haben es sich zu einem guten Teil selbst zuzuschreiben, dass sich die Verschwörungstheoretiker auf sie eingeschossen haben. Die Konferenzteilnehmer sonnten sich mit der Geheimhaltung fünf Jahrzehnte lang im Nimbus, zur Superelite zu gehören, wie Werner A. Perger, «Zeit»-Reporter und selbst ein Bilderberger, bestätigt: Die Teilnehmer trügen gern zum Erhalt des Mythos bei, «weil sie es geniessen, für einflussreich gehalten zu werden».

Nur: Es gibt auch viele andere geheime Treffen der Reichen und Mächtigen. Die Liste reicht heute vom WEF über die Trilaterale Kommission von David Rockefeller, das Boao Forum For Asia und die Münchner Sicherheitskonferenz bis hin zum Council on Foreign Relations von Henry Kissinger, dem European Council von Joschka Fischer und den Carnegie-Treffen für Frieden. Das übersehen die Verschwörungstheoretiker geflissentlich.

In der Schweiz treffen sich Topmanager regelmässig mit ein paar auserwählten Politikern in der Nestlé-Zentrale in Vevey: An der nationalen Rive-Reine-Konferenz, die hoch geheim ist, nehmen neben zwei Bundesräten rund 30 Konzernchefs und Topbanker teil. Die exklusive Teilnehmerliste stellt Ex-Bundesrat, Ex-Nestlé-Verwaltungsrat und jetziger UBS-Präsident Kaspar Villiger zusammen. Für den geistlichen Beistand sorgt der Einsiedler Abt Martin Werlen.

Dass solche Treffen auch Taktgeber für die politische oder wirtschaftliche Agenda sein können, bestreiten nicht einmal die Teilnehmer. Ein konkretes Beispiel: Als das Klima zwischen Russland und den USA nach der Wahl von George W. Bush 2001 frostig wurde, sorgte das Carnegie-Büro in Moskau mit seinen guten Beziehungen dafür, dass die Kommunikationskanäle zwischen den beiden Grossmächten offen blieben.

Allein die Tatsache, dass es so viele inoffizielle Thinktanks gibt, macht aber auch deutlich, dass die Bilderberger keine Unité de Doctrine im Sinn einer globalen Steuerung kennen. Die Teilnehmer lassen sich nicht auf ein einheitliches politisches oder wirtschaftliches Programm einschwören, weil sie ihre Partikularinteressen oder die Positionen ihres Landes oder Konzerns vertreten.

Hinweise auf eine Weltverschwörung vermag auch der Politologe Claude Longchamp nicht zu erkennen. «Die Bilderberger haben keine Macht und können auch keine Forderungen durchsetzen», sagt er. Die Geheimhaltung der Treffen findet er eine «offensichtliche Dummheit». In den Fünfzigerjahren hätten geheime Treffen von Politikern zum Normalfall gehört, heute liessen sie sich nicht mehr rechtfertigen. Er bezeichnet die informellen Clubs der Mächtigen als elitäre Netzwerke. Der Politologe glaubt, dass die Bilderberger durchaus einen gewissen Einfluss auf die internationale Politik ausübten. Dass Meinungsführer ihre Standpunkte unter Ausschluss der Öffentlichkeit offenlegten, könne sinnvoll sein. Als problematisch erachtet er jedoch, dass auch Chefredaktoren und Journalisten teilnehmen und sich zur Geheimhaltung verpflichten.

Der Hamburger Historiker Bernd Greiner, Experte für den Kalten Krieg, relativiert den Bilderberg-Einfluss ebenfalls: «Es gibt dieses eine Steuerungszentrum weder in der Ökonomie noch in der Politik.» Die Krise in Griechenland spiegle gerade die Ratlosigkeit der Politiker. Und der deutsche Soziologieprofessor Hans-Jürgen Krysmanski, der sich intensiv mit internationalen Netzwerken beschäftigt, betont, dass die ganze Vernetzung viel komplizierter sei, als es die Verschwörungstheoretiker sehen.

Noch drastischer formuliert es Sony-Chef Howard Stringer: Mehr als bei solch geheimen Meetings könne er lernen, wenn er seinen Angestellten genau zuhöre.

Welchen Sinn hat das Leiden?

hugostamm am Sonntag den 29. Mai 2011
SCHWEIZ KINDERSPITAL ZUERICH

Wenn alles einen göttlichen Sinn erfüllt, dann auch das Leid eines Kindes? – Eingang des Kinderspitals in Zürich.

Die dreijährige Tochter einer frommen christlichen Familie klagt über unspezifische Schmerzen und verliert rasch an Gewicht. Die Eltern sind verzweifelt und gehen zum Kinderarzt. Die üblichen Untersuchung ergeben keine plausible Diagnose. Als sich der Gesundheitszustand des Mädchens weiter verschlechtert, überweist es der Arzt ins Kinderspital. Nach ergänzenden Untersuchungen kommen die Ärzte zu einem brutalen Befund: Leukämie der aggressiven Art.

Obwohl die Therapiechancen gering sind, bitten die Eltern die Ärzte, alles zu tun, um das Mädchen zu retten. Sie beten in jeder freien Minute und flehen Gott an, er möge ihre Tochter heilen. Diese muss sich schmerzhaften Therapien unterziehen und erlebt traumatische Ängste. Es begreift nicht, was das alles bedeuten soll, weshalb es gequält wird. Sechs Monate später stirbt es.

Die verzweifelten Eltern suchen nach Antworten für das Unfassbare. Die Frage steht im Zentrum, warum Gott dies zugelassen und ihrer Tochter und ihnen dieses Schicksal aufgebürdet hat.

Ist es eine Prüfung von ihm? Doch weshalb will er uns prüfen, wir sind doch rechtgläubige Christen, die sich an seine Gebote halten. Und was will er prüfen? Ob wir trotz des Leides weiterhin treu zu ihm halten? Und welchen Sinn hat die Prüfung für unsere Tochter? Schliesslich kann sie im toten Zustand nicht an ihrem Schicksal wachsen. Musste sie etwa sterben, damit wir geprüft werden können? Wurde unsere Tochter für diesen Zweck geopfert?

Vielleicht ist der Tod unserer Tochter eine Strafe Gottes, überlegten die Eltern. Doch für was will er uns strafen? Für unsere Sünden? Welche Sünden, fragte sich der Vater. Ich habe nie gestohlen, meine Frau nie betrogen, bin immer zum Gottesdienst gegangen, habe pünktlich den Zehnten bezahlt. Und für was will er unsere Tochter bestrafen, die in ihrem kurzen Leben kaum sündig geworden sein kann?

Leidet Gott nicht auch unter dem Schicksal unserer Tochter, fragten sich die Eltern. Wie hält er das Leiden der vielen Menschen auf der Erde aus? Warum liess er es zu, dass unsere Tochter schon als Kleinkind sterben musste?

Vielleicht möchte Gott uns Menschen helfen, aber er kann es nicht, dachte der Vater, als er eines nachts zum wiederholten Mal still vor sich hin das Kissen nass weinte. Der Gedanke macht ihm Angst, er verdrängt ihn rasch wieder.

PS: Diese Geschichte ist erfunden. So oder ähnlich spielt sie sich aber immer wieder ab.

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Als der Mensch Gott erschuf

hugostamm am Freitag den 20. Mai 2011
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Waren nur die indischen Götter ein Produkte der menschlichen Sehnsüchte? Im Bild: Lakshmi, Göttin des Glücks.

Glauben und Religionen haben sich im Lauf der Zeit gewandelt. Beteten die Menschen einst Sonne Mond und Sterne an, käme dies heute keiner aufgeklärten Person mehr in den Sinn. Die Astronomie hat uns gelehrt, dass die Gestirne teilweise unendlich weit entfernt sind und wissenschaftlich erfasst werden können. Es leuchtet ein, dass die Himmelskörper nicht sehr viel mit uns zu tun haben können und sich schon gar nicht um unser seelisches Wohl oder unser Schicksal kümmern – mit Ausnahme der Astrologen. Unsere Erkenntnisse und unser fortentwickeltes Bewusstsein haben die Gestirne als Götter entzaubert.

In der nächsten Entwicklungsphase suchten viele Menschen Gott in der Natur. Ein markanter Berg konnte Gott symbolisieren, hinter einem riesigen Baum konnte er sich verstecken, es konnte ein Geist sein, der in einer Höhle hauste. Mit der Entwicklung kognitiver Fähigkeiten und wissenschaftlicher Erkenntnisse waren auch göttliche Naturgeister nicht mehr plausibel. Ein Gott, der unsere Erde, ja sogar den Kosmos erschaffen hat, konnte nicht ein Geist, ein Kobold oder eine Elfe sein.

So erfanden sie abstrakte Götter: Mächtige Wesen, die nicht an Raum und Zeit gebunden waren und in einem eigenen Reich lebten, zu dem der Mensch keinen Zugang hat. Es mussten Götter mit übernatürlichen Fähigkeiten und für alle möglichen Situationen sein. Den Schöpfergott, den Sonnengott, den Erntegott, den Beschützergott und viele mehr. Die Hindus schufen so Tausende Götter.

Aus christlicher Sicht ist klar, dass beispielsweise die Hindus ihre Götter nach ihren eigenen Vorstellungen, Sehnsüchten und Wünschen erschaffen haben. Die logische Konsequenz der geistigen Weiterentwicklung war der Monotheismus. Ein einziger Gott, der für alle irdischen und metaphysischen Belange zuständig ist, stellt einen weiteren sinnvollen Abstraktionsgrad dar. Die Menschen konnten sich Gott nicht weiter als Dämon oder donnernder Wotan vorstellen. Das passte schlecht zu einem allmächtigen Wesen. Sie wollten einen guten Gott.

Doch wie sollten sie sich diesen einzigen Gott vorstellen, wenn es kein Fabelwesen sein durfte? Die logische Konsequenz: Sie schufen ihn nach ihrem Ebenbild. Da aber Gott der Ursprung ist, konnten sie es nicht so formulieren und kehrten die Sache um: Gott schuf die Menschen nach seinem Ebenbild, heisst es nun in der Bibel. Auch wenn es einen Gott geben sollte, so haben die Menschen ihren monotheistischen Gott genau so geschaffen wie einst die Griechen ihren Zeus.

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Tödlicher religiöser Fanatismus

hugostamm am Montag den 9. Mai 2011
EGYPT/

Religiöse Extremisten gefährden den politischen Frühling in Ägypten: Soldaten bewachen eine koptische Kirche.

Wir haben wieder einmal eine Kostprobe des religiösen Fanatismus erlebt. Schauplatz ist Ägypten, das arabische Land, das sich in einer beispielhaften Befreiungsaktion der diktatorischen Führungskaste entledigt hat. Der politische Frühling hat ein Stück weit stattgefunden, der religiöse hinkt der Zeit wieder einmal hinterher.

Auslöser des blutigen Streits zwischen Fundamentalisten ist ausgerechnet die Liebe. Die gleiche Liebe, die die Gläubigen als Grundlage ihrer Heilslehre proklamieren. Doch hier hat sie Hass heraufbeschwört. Weil der Glaube in diesen radikalen Kreisen wichtiger ist als die Liebe zwischen Menschen. Ein weiteres Beispiel, dass religiöser Fanatismus die eigenen Werte und Grundsätze pervertiert. Und ein auch Beispiel, das uns zeigt, wie gross das Radikalisierungspotenzial bei Glaubens- und Religionsfragen ist.

Beteiligt am blutigen Glaubenskonflikt sind radikale Muslime und koptische Christen in Kairo. Eine koptische Christin verliebte sich in einen Muslim. Ein natürlicher Vorgang, schliesslich fragt die Liebe nicht, welcher Glaube sich hinter einem anziehenden Gesicht und einer einfühlsamen Person versteckt.

Das Problem: Mischehen tolerieren weder die radikalen Christen noch die Islamisten. Da in Ägypten und speziell in fundamentalistischen Glaubensgemeinschaften oft patriarchale Verhältnisse herrschen, war für das Liebespaar klar, dass die Christin konvertieren musste.

Das wollten die Christen verhindern und hielten die Frau in ihrer Gemeinde fest. Für die Muslime eine Provokation. Zu Hunderten versammelten sie sich und forderten die Freilassung. Bei einer Kirche kam es zu Zusammenstössen. Brandsätze wurden gezündet, aus dem Hinterhalt fielen Schüsse, zwei Kirchen gingen in Flammen auf. Zwölf Menschen verloren ihr Leben.

Die ägyptische Regierung befürchtet eine Eskalation und weitere Auseinandersetzungen, die sich zu einem Flächenbrand ausweiten könnten. Die Sicherheitskräfte verhafteten 190 Personen. Premierminister Essam Sharaf sagte eine Auslandreise ab und rief sein Kabinett zu einer Krisensitzung zusammen.

Politisch hat sich Ägypten nach der Revolution einigermassen stabilisiert, Krisen drohen nun von radikalen religiösen Fraktionen.

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Wem nützt die Seligsprechung von Wojtyla?

hugostamm am Montag den 2. Mai 2011
VATIKAN SELIGSPRECHUNG JOHANNES PAUL II

Selig: Papst Benedikt XVI. fährt am Bild von Papst Johannes Paul II.vorbei.

Nun ist Papst Johannes Paul II. selig. In einer bombastischen Feier wurde der Pole in den erleuchten Kreis der selig gesprochenen Personen aufgenommen. Für die Kirche und viele Gläubigen ein eindrückliches Ritual. Doch was bedeutet die Zeremonie für den Betroffenen? Oder anders herum: Was sind Sinn und Zweck der Seligsprechung?

Der Prozess der Seligsprechung wird in der Regel frühestens fünf Jahre nach dem Tod eingeleitet. Bei Papst Johannes Paul II. begann er dank Ausnahmeregelung bereits zwei Monate nach seinem Ableben. Der Vatikan hatte es offensichtlich eilig. Da Benedikt XVI. kein charismatischer Papst zum Anfassen ist, brauchte die Kirche dringend eine Pop-Ikone, die die Massen – und vor allem die jungen Schäfchen – mobilisierte. Ein Hinweis darauf: Der Prozess dauert bei „gewöhnlichen“ Seligen mehrere Jahrzehnte, Wojtyla schaffte auch diese Hürde dank gütiger Unterstützung des Vatikans in Rekordzeit.

Der Zweck für die Kirche ist somit offensichtlich. Die ganze westliche Welt sprach in den letzten Wochen und Tagen vom beliebten Pontifex und von der katholischen Kirche, die nach den unrühmlichen Schlagzeilen über die sexuellen Übergriffe vieler Geistlicher eine PR-Dusche dringend brauchte konnte.

Doch was nützt die Seligsprechung dem Betroffenen? Was hat die Hauptperson von dem Ritual?

Laut Kirchenrecht wird sie in die Schar der Seligen aufgenommen. Ein Stuhl zur Rechten Gottes ist Wojtyla also sicher. Verstörend ist allerdings, dass Menschen bestimmen, wer das Privileg bekommt, vorschnell in den Himmel einzugehen.

Kennt die Kurie das Seelenleben des Seliggesprochenen? Es könnte ja sein, dass er im Versteckten einmal eine Todsünde begangen hat, die ihm laut katholischer Heilslehre normalerweise Fegefeuer oder Hölle einbringt.

Auch für diesen Fall kennt die Kirche eine Lösung: Sie könnte ihn von der Sündenlast befreien. Nur: Dabei greift der Mensch wieder in einen Autoritätsbereich ein, der eigentlich Gott vorbehalten ist.

Zurück zur Grundfrage: Was nützt die Seligsprechung Papst Johannes Paul II.? Hat er wirklich ein makelloses Leben im Dienst Gottes geführt und sich nur lässliche Sünden geleistet, holt ihn Gott auch ohne vatikanische Fürsprache in den Himmel. Ob er dort die Fernsehübertragung des Rituals verfolgt hat, ist unbekannt. Vielleicht hat er keinen Draht zur Erde mehr und hat nichts mitbekommen. Vielleicht war ihm die Zeremonie peinlich, weil es ihn eigenartig berührt hat, als PR-Instrument benutzt zu werden.

Das Osterritual des leblosen Klerus

hugostamm am Montag den 25. April 2011
POPE-EASTER/

Erteilt etwas entkräftet seinen Segen: Papst Benedikt XVI.

Der Andrang auf dem Petersplatz war so gross wie selten. Zehntausende pilgerten zum Vatikan, um den Ostersegen des Papstes zu empfangen. In 60 Länder wurde die Feier aus dem Petersdom übertragen, kaum ein Fernsehsender in der christlichen Welt, der das Ritual nicht in den Nachrichten berücksichtigte. Das ewig Gleiche erfreute sich auch im Jahr 2011 grosser Aufmerksamkeit.

Wer das Prozedere des Ostersegens Urbi et Orbi aus einer distanzierten Warte betrachtet, bleibt ziemlich ernüchtert zurück. Man stellt sich vor, dass da der Nachfolger Jesus Christi und ein beträchtlicher Teil der Kirchenhierarchie den wichtigsten katholischen Jubeltag feiern. Die Auferstehung des Sohn Gottes, ein Freudenfest, eine Feier zu Ehren des Lebens.

Bei diesem Ritual scheint aber das Leben in die hinterste Kirchenecke verbannt zu sein. Die Kamera, die durch die Purpurröcke der Kardinäle schwenkt, zeigt mehrheitlich gebückte alte Männer, die bedrückt nach vorn schauen – auch der Schweizer Kurt Koch scheint stark gealtert zu haben, seit er im Vatikan Einsitz genommen hat. Dort zelebriert Benedikt XVI, in Weiss und Gold gehüllt, die Messe. Die Musik ist so schwer wie die Atmosphäre.

Dann der Segen aus der päpstlichen Loggia. Die Stimme des 84-Jährigen ist brüchig, als Zuschauer bangt man, sie könnte plötzlich ersticken. Die Hand bringt der Papst nur mühsam in die Höhe, um den Segen zu erteilen.

Trotzdem sind die Massen fasziniert. Als Beobachter fragt man sich: Warum? Weil die Gläubigen sich in einer Art Autosuggestion vorstellen, der Papst sei der leibliche Nachfolger Gottes? Der Gesandte des Herrn? So muss es wohl sein, denn sonst müssten die Gläubigen beim Anblick der überalterten und leblos wirkenden Geistlichen traurig werden.

Wenn sich am blutleeren Ritual des Ostersegens der Zustand der katholischen Kirche ablesen lässt, ist es um die Lebendigkeit dieser Kirche schlecht bestellt.

Schlägt Gottes Herz für grüne Männchen?

hugostamm am Montag den 18. April 2011
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Sähe so eine christliche Ikone für Aliens aus?

Nach christlicher Glaubenslehre ist unser Planet der Mittelpunkt des Universums und der Mensch die Krone der Schöpfung. Doch was ist, wenn wenn wir Konkurrenz aus einem fernen Planeten erhalten und Gott neben uns Menschen auch grüne Männchen geschaffen hat?

Noch in diesem Jahr rechnen Astronomen damit, in den Tiefen des Alls eine zweite Erde zu entdecken. Wir müssen uns wenigstens gedanklich darauf einstellen, dass wir unsere Privilegien bei Gott mit andern Wesen teilen müssen. Mit kleinen grünen Männchen oder grossäugigen Aliens, die vielleicht wesentlich gottgefälliger sind als wir unberechenbaren, gewalttätigen, triebgesteuerten und aggressiven Menschen. Vielleicht werden wir dereinst erkennen müssen, dass Gott solche Wesen aus andern Planeten bevorzugt und uns ungeschützt dem Willen des Satans überlässt.

Jennifer Wiseman, Astrophysikerin bei der US-Weltraumbehörde Nasa, erklärt, dass heute mehr als 500 Planeten in fremden Sonnensystemen bekannt sind. Die bekennende Christin sucht nicht nur nach Exoplaneten, sie geht im Auftrag des amerikanischen Forscherverbandes AAAS auch der Frage nach, wie die Menschheit auf ausserirdisches Leben reagieren wird. Wiseman ist überzeugt: «Sobald wir beginnen, andere Welten zu untersuchen, wird die Frage nach der Bedeutung und der Einzigartigkeit des irdischen Lebens wie nie zuvor Religion und Gesellschaft erschüttern.»

Doch nicht genug: Das US-Weltraumteleskop Kepler überprüft derzeit 1235 mögliche Exoplaneten, darunter auch 54 erdähnliche Kandidaten, wie die Süddeutsche Zeitung schreibt. Sie erwarten, in den Tiefen des Alls bald eine zweite Erde zu entdecken. Sollten in ihrem Licht Hinweise auf Sauerstoff zu finden sein, wäre das ein Hinweis für ausserirdisches Leben.

Ob es sich dabei um intelligente Zivilisationen handeln wird, lässt sich mit Weltraumteleskopen allerdings nicht feststellen. Die Astronomen verfolgen daher noch einen zweiten Weg: Das Seti-Projekt (Search for Extraterrestrial Intelligence) sucht nach Licht- und Radiosignalen aus fernen Planetensystemen und damit nach Spuren hochentwickelter Gesellschaften. «In den nächsten zwei Dutzend Jahren werden wir E.T. ganz sicher gefunden haben», sagt Seti-Astronom Seth Shostak.

Laut der Süddeutschen Zeitung wollen sowohl Wissenschaft als auch Religionen vorbereitet sein. Bei der Nasa beschäftigt sich eine Arbeitsgruppe damit, welche Befindlichkeiten bei einem Alien-Fund berücksichtigt werden müssen. Nach Angaben der «Washington Post» wird sogar schon an einer Strategie für eine möglichst sensible Verlautbarung gearbeitet.

Der Vatikan hat seinerseits im November 2009 führende Astrobiologen nach Rom eingeladen, um sich auf den aktuellen Stand der Exoplanetenforschung bringen zu lassen. Nachdem sich die Kirche bei Galileo und Kopernikus komplett getäuscht hatte, will sie sich nicht noch einmal eine wissenschaftliche Blösse geben – zumal die Befürchtungen gross sind, dass die Entdeckung ausserirdischer Intelligenz eine globale Glaubenskrise hervorrufen wird.

«Die möglichen Herausforderungen für das Christentum werden von der religiösen Führung heruntergespielt», kritisiert der britische Physiker Paul Davies in seinem Buch «The Eerie Silence», in dem er eine verstärkte Suche nach extraterrestrischem Leben fordert. Neben einer zweiten Schöpfung bereite der Kirche vor allem eine zweite Erlösung grosse Schwierigkeiten. «Christen stecken in einem Dilemma», sagt Davies, ein bekennender Agnostiker. «Ihr Gott hat lediglich die Menschheit erlöst, nicht Delfine oder Schimpansen oder kleine grüne Männchen auf fremden Planeten.»