Schweiz


Archiv für die Kategorie „Allgemeines“

Alles Gen oder was?

hugostamm am Freitag den 3. September 2010

Bevor ich ein neues Thema vorgebe, möchte ich eine Konzeptänderung vorstellen. Ich habe während viereinhalb Jahren längere, in sich geschlossene Texte zu verschiedenen Themen aus den Bereichen Glauben, Aberglauben und Sekten verfasst und zur Diskussion gestellt. Ich möchte nun den Versuch wagen, den Blog aktueller zu gestalten und die Bloggerinnen und Blogger in die Gestaltung der Impulsbeiträge miteinzubeziehen.

Konkret: Ich werde häufiger als bisher neue Beiträge aufschalten und versuchen, aktuelle Ereignisse zu berücksichtigen. Das müssen nicht immer ausgefeilte Texte sein, sondern können auch Gedankenanstösse oder Hinweise auf aktuelle Gesprächsthemen, Artikel, Stellungnahmen oder Meinungen von Fachleuten betreffen. Gleichzeitig möchte ich Euch alle an der Gestaltung der Impulsbeiträge beteiligen. Wer einen Text hat oder eine Anregung, soll mir diese in einem Mail schicken: hugo.stamm@tagesanzeiger.ch. Bitte meldet mir, unter welchem Namen (Nickname oder richtiger Name) Ihr Euern Text veröffentlichen möcht.

In diesem Sinn ein erster Versuch: Thilo Sarrazin, Vorstandsmitglied der deutschen Bundesbank, vertritt in seinem Buch «Deutschland schafft sich selber ab», die These, Juden hätten ein gemeinsames Gen. Diese Behauptung löste eine heftige Kontroverse aus. Seine biologistische Argumentation insinuiert, Intelligenz, soziales Verhalten, Mentalität, Weltbild und vieles mehr seien stark abhängig von den Erbanlagen. Meine Gegenthese: Charakter und Persönlichkeit werden nicht in erster Linie von Genen bestimmt, sondern von Erziehung, Bildung, Lebenserfahrung, Umfeld usw. Ich erachte die Milieutheorie als wesentlich evidenter.

Frauenfeindliche Religionen

hugostamm am Dienstag den 17. August 2010

Die Emanzipation der Frauen wurde über Jahrhunderte fast weltweit hintertrieben. Einzige Ausnahme bildeten ethnische Minderheiten, welche das Matriarchat kannten und teilweise heute noch kennen. Man liegt also kaum falsch mit der Behauptung, dass die systematische Unterdrückung der Frau vor allem vom Mann ausgeht. Es ist schlicht die Macht des (physisch) Stärkeren, der sich die Privilegien gewaltsam angeeignet hat. Das reicht bis zur sexuellen Verfügbarkeit.

Die Unterdrückung der Frau hat zweifellos anthropologische Ursachen. Die Macht ist des Menschen liebstes Kind. Sie gehört zum evolutionären Prozess. Wir brauchen die Triebe, um überleben zu können: Den Selbsterhaltungstrieb, den Überlebenstrieb, den Arterhaltungstrieb.

Inzwischen sollten wir Männer aber gelernt haben, dass wir eine Entwicklungsstufe erreicht haben, bei der die Triebe nicht nur förderlich sind, sondern hinderlich im friedlichen Zusammenleben der Geschlechter und Völker. Die Arbeitsteilung, die technische Entwicklung, die Zivilisationsbestrebungen führen uns langsam vom triebgesteuerten „Tier“ zum kultivierten Wesen – oder sollten es zumindest tun. Allerdings sind wir noch weit davon entfernt, emanzipierte Menschen zu sein. Ein Blick in die Weltgeschichte und in die aktuelle Politik zeigt es deutlich.

Ein wesentlicher Hemmschuh auf dem Weg zu Emanzipation sind die Religionen. Die meisten huldigen dem männlichen Prinzip. Im Judentum, Islam, teilweise auch im Hinduismus und Buddhismus geben immer noch die Männer den Ton an und prägen die Glaubensgemeinschaften. Im Christentum ist es nicht besser, vor allem in der katholischen Kirche, die auch in der Moderne von einem klerikalen Männerbund geleitet wird, der den Frauen bestenfalls eine dienende Rolle zugesteht.

Die Geistlichen der Buchreligionen legitimieren ihre Machtstellung mit dem Hinweis auf die heiligen Bücher. Wenn eine Frau Ehebruch begeht, wird sie in islamistischen Gemeinschaften, die nach der Scharia leben, teilweise heute noch gesteinigt. Den Ehemännern drohen selten so drakonische Strafen. Und wenn ein Mann eine Frau loswerden will, muss er ihr lediglich drei Wörter an den Kopf werfen.

Wir Europäer haben aber wenig Grund, mit dem Finger gegen Osten zu zeigen. Die Bibel ist ebenfalls ein reicher Fundus an frauenfeindlichen Sprüchen.

Ich sehe keinen Grund, weshalb die Frauen nicht die gleichen Rechte, Möglichkeiten und Chancen haben sollen wie die Männer, in allen Lebensbereichen – auch im religiösen. Einmal mehr entfalten Glaubensgemeinschaften eine Bremswirkung bei der Entwicklung sozialer Gerechtigkeit und der Verwirklichung der Menschenrechte.

Ist die Bibel judenfeindlich?

hugostamm am Samstag den 24. Juli 2010

Wäre die Bibel ein aktuelles Buch, das heute erstmals veröffentlicht würde, müssten sich Autor und Verleger mit aller Wahrscheinlichkeit wegen Verletzung der Rassismusnorm verantworten. Die Verantwortlichen müssten mit einer Verurteilung rechnen.

Das „heilige Buch“ enthält zahlreiche Aufforderungen zu Völkermorden. Rassistische Aussagen werden aber vor allem gegen die Juden gemacht. Ausgerechnet gegen die Juden, muss man anfügen. Schliesslich ist das jüdische Volk laut Bibel das auserwählte Volk Gottes. Wie passt das zusammen? Das ist eines der vielen ungelösten Rätsel der Bibel.

Picken wir ein paar Beispiele heraus und beginnen mit Paulus. „Die Juden haben sogar Jesus, den Herrn, und die Propheten getötet; auch uns haben sie verfolgt. Sie missfallen Gott und sind Feinde aller Menschen; sie hindern uns daran, den Heiden das Evangelium zu verkünden und ihnen das Heil zu bringen. Dadurch machen sie unablässig das Mass ihrer Sünden voll. Aber der ganze Zorn ist schon über sie gekommen.“ (1 Thess. 2; 14-16). Mindestens in diesem Aspekt ist die Bibel prophetisch: Auch 2000 Jahre später wirkt der Fluch noch immer nach.

Die Unreinen und Ungläubigen aus dem Judentum werden an anderer Stelle so charakterisiert: „Denn es gibt viele Ungehorsame, Schwätzer und Schwindler, besonders unter denen, die aus dem Judentum kommen. Diese Menschen muss man zum Schweigen bringen, denn aus übler Gewinnsucht zerstören sie ganze Familien mit ihren falschen Lehren … Für die Reinen ist alles rein, für die Unreinen und Ungläubigen aber ist nichts rein, sogar ihr Denken und Gewissen sind unrein. Sie beteuern, Gott zu kennen, durch ihr Tun aber verleugnen sie ihn; es sind abscheuliche und unbelehrbare Menschen, die zu nichts Gutem taugen.“ (Tit. 1; 10-16).

Der ganz grosse Sündenfall war denn auch, dass die Juden Jesus ans Kreuz geliefert haben.

So überrascht es nicht, dass die Kirchenväter bis in die Neuzeit die Ansicht vertraten, die Juden seien mit dem Satan im Bund. Und von ihm besessen. Selbst bei Luther finden sich antijudaistische Aussagen der üblen Sorte. Für den Reformer beteten die Juden den Teufel an, wie Franz Buggle in seinem Buch „Denn sie wissen nicht, was sie glauben“ nachweist.

Die Stigmatisierung der Juden als Unreine und Satansgläubige zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Christentums. Die christlichen Völker verantworten zu einem guten Teil den Hass auf die Juden, der sich bis in die heutige Zeit fortsetzt. Die christlichen Gemeinschaften sind ursächlich mitverantwortlich für die Ausgrenzungen, Folterungen und Ermordungen von unzähligen Juden in den vergangenen Jahrhunderten. Und am Beinahe-Genozid während des Dritten Reichs. Dem Genozid am Volk Gottes.

Gottesbilder sind Trugbilder

hugostamm am Freitag den 25. Juni 2010

Der griechische Philosoph Xenophanes hat sinngemäß gesagt, würde ein Pferd zeichnen können, sähe Gott pferdeähnlich aus. Und hätte ein Löwe Hände wie ein Mensch, würde Gott einem Löwen gleichen.

Diese Erkenntnis machte der Denker vor 2500 Jahren. Sie heute noch genau so aktuell und gültig.

Xenophanes spricht ein Problem an, das die Religionen und Glaubensgemeinschaften heute noch nicht gelöst haben und nie werden lösen können. Es erweist sich geradezu als Pferdefuss.

“Du sollst dir kein Gottesbild machen, keinerlei Abbild, weder dessen, was oben im Himmel, noch dessen, was unten auf Erden, noch dessen, was in den Wassern unter der Erde ist; du sollst sie nicht anbeten und ihnen nicht dienen; denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott, der die Schuld der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Geschlecht an den Kindern derer, die mich hassen, der aber Gnade übt bis ins tausendste Geschlecht an den Kindern derer, die mich lieben und meine Gebote halten.” (Ex 20,4-6; Zürcher Bibel)

Das Dilemma: Wir können uns nur annähernd ein Bild von Gott machen.
Oder anders herum: Gott ist immer anders, als sich ihn die Menschen vorstellen. Die Bilder sind untaugliche Hilfskonstrukte. Ja, die Bilder sind teilweise so plump, dass jeder halbwegs intelligente und gebildete Mensch erkennt, dass Sehnsucht und Fantasie der Menschen das Gottesbild bestimmen.

Die reformierte Kirche hat die Krux erkannt und die Bilder aus den Kirchen verbannt, in der Hoffnung, sie auch aus den Köpfen der Gläubigen verbannen zu können. Doch das ist ein sinnloses Unterfangen, denn es missachtet die lerntheoretischen Gesetze.

Der Mensch ist gezwungen, sich Bilder zu machen. Ohne Bilder kann er nicht denken. Und somit nicht lernen. Wir müssen in Bildern denken, um etwas zu begreifen und in unser Bewusstsein aufnehmen zu können. Analogien und Vergleiche sind die wichtigsten Instrumente unseres Lernens. Das ist unser Standardprogramm der Software im Hirn. Als Kinder können wir nur durch beobachten und vergleichen die Welt erfassen und die Phänomene einordnen.

Somit stecken Gläubige in der Falle, die versuchen, sich kein Gottesbild zu machen. Wer Gott denkt, macht sich ein Bild von ihm. Wem es gelingt, kein Bild von Gott zu machen, verdrängt ihn aus seinem Bewusstsein.

Gott ist für uns Menschen unsichtbar. Also können wir uns kein Bild von ihm machen. Es hat ihn noch niemand gesehen und Zeugnis abgelegt. Was für uns unsichtbar und unfassbar ist, existiert nicht wirklich, sondern höchstens in unserer Fantasie. Somit gibt es ähnlich viele Gottesbilder wie Gläubige.

Wenn der Glaube zum Problem wird

hugostamm am Dienstag den 15. Juni 2010

Der Glaube ist eine anthropologische Konstante. Glauben gehört zum Menschen, Glauben ist eng mit dem Leben verknüpft. Der auf den Alltag bezogene Glaube kann lebenswichtig sein. Wir sind gezwungen, an unsere Zukunft zu glauben, um psychisch stabil und ausgeglichen zu sein. Wer nicht auch an das Gute im Menschen glaubt, wird misstrauisch und asozial. Der Glaube an das Positive und Schöne im Leben gibt Kraft und hilft, das Leben zu meistern.

Der Glaube hat auch eine Ventilfunktion. Wenn immer wir etwas nicht verstehen, können wir uns dem Phänomen mit dem Glauben nähern. So lässt sich etwas einordnen, das sich nicht erklären lässt und uns verunsichert. Wenn wir nicht wissen, was nach dem Tod ist, können wir wenigstens glauben, es gebe ein Leben nach dem Tod.

Vielleicht ist der Glaube auch eine Funktion des Überlebenswillens. Selbst im Angesichts des Todes glaubt der Todgeweihte ans Überleben. Der Glaube ist eng mit der Hoffnung verknüpft. Ein Leben ohne Hoffnung wäre oft ähnlich schwer auszuhalten wie ein Leben ohne Glauben. In jeder Krise, bei jedem Schicksalsschlag hoffen und glauben wir, dass wieder bessere Zeiten kommen, dass wir das schwere Los schnell überwinden können.

Der Mensch hat immer geglaubt. An einen Gott, an ein Leben nach dem Tod, an den Sechser im Lotto, an ein besseres Leben, an den Partner fürs Leben, an die baldige Genesung von einer schweren Krankheit.

Zur Bewältigung des Alltags hat der Glaube zweifellos eine nützliche Funktion, auch wenn es problematische Formen gibt. Im Bereich des Religiösen, des Übersinnlichen, des Transzendenten ist der Glaube ein besonders sensibles Phänomen. Er kann uns in eine Scheinwelt führen, unser magisches Denken fördern, uns vom Leben und der Gemeinschaft entfremden, uns radikalisieren und fanatisieren im Denken, Fühlen und Handeln.

Der Glaube ist also nicht per se gut, auch wenn er eine wichtige Funktion für unser Leben erfüllt. Die Grenze zwischen Glaube und Aberglaube ist fliessend. Es ist deshalb essentiell, sich kritisch mit Fragen des Glaubens auseinanderzusetzen. Der Glaube muss dem Leben dienen und sich im Alltag bewähren.

Nützlich ist in der Regel nur jener Glaube, der uns hilft, das Leben besser zu meistern. Das gilt auch für den religiösen Glauben. Bleibt also die Frage, ob sich die vergangenen und aktuellen Heilslehren bewährt haben. Denn der religiös motivierte Glaube hat unendlich viel Leid in die Welt gebracht, zu Kriegen und Gewaltexzessen geführt.

Diesbezüglich fällt die Bilanz der meisten Glaubensgemeinschaft ernüchternd aus.

Sind Gläubige autoritätsgläubig?

hugostamm am Samstag den 5. Juni 2010

Jede Form von Glauben setzt ein gewisses Mass an Autoritätsgläubigkeit voraus. Ich muss glauben, dass es eine höhere Macht gibt, die mein Leben bestimmt oder zumindest prägt. Ich muss mich an eine Ordnung halten, die von dieser göttlichen Macht gegeben worden ist. Damit wird die geistige Freiheit in zentralen Aspekten und zu einem beträchtlichen Teil eingeschränkt.

Man kann deshalb die These wagen: Gläubige sind autoritätsgläubiger als Skeptiker. Es ist denn auch kein Zufall, dass sektenhafte Gemeinschaften ihre Gläubigen in die Abhängigkeit führen. Und es ist auch kein Zufall, dass Glaubensgemeinschaften oft mit autoritären Politikern paktieren. Oder mit Despoten auf der rechten oder faschistoiden Seite.

Heilslehren sind geistige Autoritätssysteme. Religion hat per Definition einen Abolutheitsanspruch. Es ist der Glaube, den wahren und einzigen Gott gefunden zu haben. Mit dieser Überzeugung geht der Glaube einher, Mitglied der auserwählten Heilsgemeinschaft zu sein und die einzig richtige Heilsvorstellung zu vertreten.

Zu diesen geistigen oder mentalen Autoritätsmerkmalen gesellen sich auch Abhängigkeiten, die sich auf Personen beziehen. Auf den Papst als Stellvertreter Gottes, der in Glaubensfragen als unfehlbar angesehen wird. Auf den Mufti als Verkünder des Korans. Auf den Rabbi als Hüter der Thora. Auf Uriella als Sprachrohr Gottes. Auf Sai Baba als erleuchtetes göttliches Wesen. Und, und, und.

Wo die Dogmen beginnen, muss der „gesunde Menschenverstand“ zurücktreten oder gar unterdrückt werden. Wenn eigene Erkenntnisse oder Erfahrungen in Widerspruch zur Glaubenslehre geraten, müssen sich Gläubige auf die Glaubenssätze stützen. Oder sie laufen Gefahr, sündig zu werden.

Eine Glaubensgemeinschaft wird dann sektenhaft, wenn sie den Gläubigen die Freiheit abspricht, Teile der Heilslehre als Irrtum abzulehnen und sich gegen die Würdenträger aufzulehnen.

Gott und Wahrheit sind nicht teilbar

hugostamm am Dienstag den 25. Mai 2010

Gläubige sind in der Regel überzeugt, den wahren Glauben gefunden zu haben. Wer glaubt, postuliert für sich den Absolutheitsanspruch. Es gibt keinen Glauben ausser dem wahren. Und diese Wahrheit ist nicht teilbar. Entweder ist Gott, wie er gelehrt wird, oder er ist nicht Gott. Das ist der Vertrag aller Glaubensgemeinschaften. Einen halben Gott gibt es nicht.

Um den Wahrhaftigkeitsgehalt einer Heilslehre zu untermauern, müssen die Glaubensgemeinschaften einen unverdächtigen Zeugen anrufen. Im Christentum spielt der heilige Geist zu einem guten Teil diese Rolle. An Pfingsten hat er den Aposteln den Segen erteilt, eine Art Initiation. Nun wussten sie: Es gibt diesen Gott, und er ist mit ihnen. Er hat den heiligen Geist abkommandiert, um die Menschen in ihrem Glauben zu unterstützen.

In fernöstlichen Heilsvorstellungen, die auch in die Theosophie und in verschiedene Ideen der Esoterik eingeflossen sind, spielen die Avatare diese Rolle. Dies sind aufgestiegene Meister, die es sich zur Aufgabe gestellt haben, die Menschen auf ihrem Weg zum höheren Bewusstsein und zur Erleuchtung zu unterstützen. Gleichzeitig sind sie die Garanten für die Richtigkeit der Lehre: Sie vermitteln angeblich authentische Botschaften aus den kosmischen Sphären.

Ergo glauben die Gläubigen, von einer geistigen Kraft zum richtigen Glauben geführt worden zu sein. Doch dies ist ein kolossaler Irrtum. Wir finden nicht zum Glauben, vielmehr werden wir zum Glauben geführt. Nämlich durch die Gnade der Geburt. Wer in eine christliche Kultur und in eine christliche Familie geboren wird, wird Christ. So einfach ist das. Von Glaubenssuche und freier Wahl kann keine Rede sein. Denn wer christlich oder islamisch erzogen wird, ist überzeugt, in Gott oder Allah den einzig wahren Gott „gefunden“ zu haben.

Es besteht also kein Zweifel: Religiöse Erziehung ist immer auch ein Stück weit Indoktrination.

Natürlich haben wir die Freiheit, als Erwachsene unseren Glauben zu hinterfragen. Gelangen wir zur Überzeugung, dass unser angestammter Glaube vielleicht nicht der wahre ist, können wir uns die für uns stimmige Heilslehre aussuchen. Das nennt man dann konvertieren. Dass ein Glaubenswechsel eine psychologisch trickreiche und problematische Aktion ist, zeigen die Schweizer Frauen, die Gesicht und Körper hinter einem schwarzen Zelt verstecken.

Es gibt eine dritte Variante: Man kann den Glauben ablehnen, der einem anerzogen worden ist. Im Gegensatz zur Konversion wird dieser Schritt immer häufiger vollzogen. Die vielen Kirchenaustritte dokumentieren es. Wäre der christliche Glaube der einzig wahre und würde der heilige Geist tatsächlich seinen Segen über die Gläubigen ergiessen, käme kaum ein Christ auf die Idee, den Glauben abzulegen.

Das Projektil in der Krone der Madonna

hugostamm am Donnerstag den 13. Mai 2010

Der Papst besucht am heutigen Auffahrtstag den portugiesischen Wallfahrtsort Fátima. Was macht die Faszination dieses „Gnadenorts“ aus? Legt man die Glaubensbrille ab und analysiert die Hintergründe von Fátima nüchtern, stellen sich grundsätzliche Fragen zum Glaubensverständnis der katholischen Welt.
Exakt vor 93 Jahren, also am 13. Mai 1917, passierte auf einer Weide bei Fátima Wunderliches. Drei Mädchen, die Schafe hüteten, erzählten zu Hause, sie hätten eine Frau mit einem weissen Rosenkranz gesehen, die hell geleuchtet habe. Zwei Monate später, am 13. Juni, – so ein Zufall: immer am 13. – überbrachte die Frau den Kindern angeblich drei Botschaften. Oder vielleicht besser: Drei Geheimnisse.

Seither steht die katholische Kirche Kopf. Für die damaligen Würdenträger bestand nicht der leiseste Zweifel: Diese Frau war die heilige Madonna. Die Mutter Gottes. Seither ist das einst verschlafene Dorf der wichtigste Wallfahrtsort der katholischen Welt. Und der aktuelle Papst lässt es sich nicht nehmen, am Tag der angeblichen Offenbarung in Fátima eine Messe zu zelebrieren.

Welche Botschaften vermittelte die angebliche Gottesmutter den Mädchen? Das erste „Geheimnis“: Schreckliche Visionen von der Hölle und bevorstehenden Kriegen. Nur: Was soll daran so geheimnisvoll sein? Die (Kirchen)Geschichte ist voll davon. Und es war so sicher wie das Amen in der Kirche: Solche Ereignisse werden sich in schöner Regelmässigkeit wiederholen.

2. Botschaft: Russland müsse bekehrt werden. Um dies zu erreichen, verlangte die Madonna die Weihe der Welt an ihr unbeflecktes Herz. Aus heutiger Sicht eine eigenartige und wenig bedeutungsvolle Botschaft.

Die 3. Ankündigung wurde jahrzehntelang unter Verschluss gehalten. Offenbar war sie zu brisant, um sie der Menschheit zu offenbaren. Der Vatikan hütete das „Geheimnis“ und öffnete das Tor für Spekulationen. Enthielt die Botschaft etwa konkrete Zeitangaben zur Wiederkunft von Jesus? Also zur Apokalypse, zum Weltuntergang?

Dann passierte Aussergewöhnliches: Ausgerechnet am 13. Mai 1981, dem Tag der Madonna-Erscheinung, wurde Papst Johannes Paul II von Ali Agca angeschossen. Für den Papst war dies kein Zufall: «Es war eine mütterliche Hand, die die Flugbahn der Kugel leitete“, glaubte der Papst. Man stellt sich als ballistischer Laie vor, wie die Hand der Madonna die rasende Kugel am Herz vorbei lenkt. Aber: Warum hat sie die Kugel nicht gleich gestoppt? Schliesslich hat der Papst stark gelitten und ist beinahe gestorben.

Aus Dankbarkeit wallfahrte der Papst am 13. Mai (!!!) 1982 nach Fátima und liess das herausoperierte Geschoss in die Krone der Madonnenstatue von Fátima einarbeiten. Für ihn ein heiliger Akt, ich empfinde das Ritual als makaber.
Doch zurück zum 3. Geheimnis. Am 13. Mai (!!!) 2000 sprach der Papst die zwei bereits verstorbenen Seherkinder selig und lüftete die letzte Botschaft. Sie dreht sich um die Verfolgung der Kirche und um einen weiss gekleideten Bischof, der tödlich getroffen wird. Nun war auch klar, weshalb die Botschaft unter Verschluss gehalten worden war: Die Prophezeiung eines Attentats war eine heikle Angelegenheit.

Für den Papst und den Vatikan gab es keine Zweifel: Das war eine Vorhersehung der Mädchen auf das Attentat auf Johannes Paul II. Also der endgültige Beweis, dass den Kindern die Mutter Gottes tatsächlich erschienen ist.

Doch es stellen sich grundsätzliche Fragen:

Die katholische Kirche stützt sich auf die Aussage von drei Kindern und macht sie zu Kronzeugen in der Frage, ob die „Mutter Gottes“ in die Welt wirkt und Einfluss auf den Lauf der Zeit oder unser Schicksal nimmt. Vielleicht hatten die drei Mädchen lediglich Halluzinationen oder erlagen einer Einbildung. Vielleicht wollten sie den Erwachsenen nur einen Streich spielen, konnten dann aber nicht mehr zurück, als sie erlebten, was sie damit ausgelösten. Wieso erschien Maria nicht unverdächtigen, glaubwürdigen Zeitzeugen? Warum hinterliess sie die Botschaften nicht in einer Form, die beweiskräftig gewesen wäre? Etwa auf Steintafeln? Warum hat sie nicht nützlichere oder sinnvollere Offenbarungen gemacht?

Moderne Theologen interpretieren die Bibel als Buch, das die christliche Glaubenswelt und ihre Entstehung darstellt. Die unbefleckte Empfängnis, die Wiederauferstehung oder die heute zelebrierte Auffahrt sind für sie Metaphern und keine historischen Ereignisse. Wenn aber der Papst heute noch glaubt, Maria sei den Kindern tatsächlich erschienen und habe die Kugel mit der eigenen Hand umgelenkt, erliegt er magischem Denken. Dann hängt er wohl einem Aberglaube an.

Dalai Lama: Gottkönig oder tragischer Held?

hugostamm am Dienstag den 13. April 2010

Mein Kollege Thomas Knellwolf und ich haben unsere persönlichen kontroversen Meinungen zum Besuch des Dalai Lama in Zürich im Tages-Anzeiger veröffentlicht. Da vor allem meine kritische Stellungnahme zu heftigen Reaktionen geführt hat, stelle ich unsere Beiträge auch im Blog zur Diskussion. Zuerst der Beitrag von Thomas Knellwolf.

Muss ich den Dalai Lama sehen gehen, wenn er heute Samstag auf dem Zürcher Münsterhof eine seiner seltenen Reden unter freiem Himmel hält? Niemand muss. Doch es gibt gute Gründe, um 15.40 Uhr vor Ort zu sein, wenn der buddhistische Mönch zu seinem Singsang anhebt. Das Eintauchen in die Masse empfiehlt sich selbst für einen Agnostiker wie mich. Und ebenso für alle anderen, die skeptisch gegenüber Idolen und Rummel sind.

1946 wandte sich Winston Churchill, damals gerade nicht britischer Premierminister, an die Zürcherinnen und Zürcher: «Let there be justice, mercy and freedom!», forderte er in seiner berühmten Zürcher Rede: «Lasst Gerechtigkeit, Gnade und Freiheit walten!» Dem Dalai Lama geht es um dieselben universellen Werte: um Gerechtigkeit, Gnade und Freiheit. Es sind Werte, die der politische und geistige Führer der Tibeter seit Churchills Lebzeiten vertritt. Wer heute Nachmittag auf dem Münsterhof auftaucht, unterstützt letztlich seine friedliche politische Mission. Er oder sie zeigt Solidarität mit dem tibetischen Volk.

Jeder Zuschauer, jede Zuhörerin sendet aber auch ein Zeichen an die Machthaber in Peking und an die Schweizer Regierung. Der Volksrepublik im rasanten Umbruch würde es gut bekommen, friedfertige Minderheiten besser einzubinden statt zu unterdrücken. Theoretisch wäre die Grossmacht dem Dalai Lama zu Dank verpflichtet. Praktisch ist das Gegenteil der Fall: Das kommunistische Regime verunglimpft den Exilpolitiker und Religionsführer, der sich dezidiert und erfolgreich dafür einsetzt, dass selbst seine ungeduldigsten Anhänger nicht zu den Waffen greifen. China scheint sich nicht bewusst zu sein, dass die Alternativen zur tibetischen Friedfertigkeit Kampf, Guerillataktik und Terror sind.

Aus all diesen Gründen sollten westliche Staatoberhäupter den Dalai Lama empfangen. Doch anders als der US-Präsident Barack Obama kuscht die Schweizer Regierung vor der mächtigen chinesischen Wirtschaftsmacht. Keiner der sieben Bundesräte fand vergangenes Jahr Zeit für den Friedensnobelpreisträger. Und keiner war diese Woche zugegen, als sich der «Ozean der Weisheit» bei der Schweiz für die Aufnahme Tausender seiner Landsleute vor 50 Jahren bedanken wollte. Wem die behördlichen Ausreden nicht passen, sollte heute getrost den Rummel um den Dalai Lama mitmachen.

Klingt alles naiv? Mag sein. Aber war Churchill naiv, als er in Zürich sein Plädoyer hielt? Hätte damals jemand erwartet, dass das bis anhin so kriegerische Westeuropa mehr als ein halbes Jahrhundert lang Frieden halten könnte?

Nun mein Artikel:

Die Schweiz empfängt den Dalai Lama wie einen Superstar, selbst Politiker sitzen ihm zu Füssen. Weshalb klettert der Puls von Zürich in die Höhe sobald der «Gottkönig» erscheint?

Eigentlich ist der Mönch ein Anti-star. Eine tragische Figur, die zwischen allen Stühlen sitzt. Sein Leben ist eine einzige Tragödie – persönlich und politisch. Als Kleinkind bekam er von einem Orakel ein erdrückendes Schicksal aufgebürdet und stolpert seither glücklos durch Geschichte und Politik. Seine Mission, Tibet von der Knechtschaft Chinas zu befreien, ist gescheitert.

Die grösste Tragik liegt wohl darin, dass sein Scheitern Ursache der beispiellosen Popularität ist. Als «Heiliger» und ewiger Märtyrer schlägt ihm das Mitleid der Massen entgegen. Das ist der Stoff, aus dem sich die Verehrung nährt. Sein grosser Trumpf ist seine Prominenz. Dabei sind Personenkult und Mitleid für einen tibetischen Mönch spirituelles Gift.

Eigentlich müsste der Rummel den Dalai Lama, den «Ozean der Weisheit», abstossen, denn die Fans sonnen sich in seinem Schmerz und zelebrieren sich selbst gleich mit. Sie feiern in der Aura des vermeintlich reinen Geistes. Der tragische Held duldet es, dass das Publikum seine spirituellen Sehnsüchte ungefiltert auf ihn projiziert. Ein solches Schicksal wünscht man keinem. Zumal der Dalai Lama eine sympathische Person ist.

Der Mann müsste im Grunde genommen zurückgezogen leben, meditierend die innere Leere suchen und dem Weltlichen entsagen. Doch er jettet mit dem Helikopter von Dharamsala nach Delhi, fliegt in der gehobenen Klasse nach Europa und residiert im Luxushotel. Ein Spagat, der auch einen «Gottkönig» zerreisst.

Die weltweit bekannteste Pop-Ikone ist ein Gejagter und ein Getriebener: gejagt von den Chinesen, getrieben von seinen Fans. Und in jüngster Zeit auch von jungen Tibetern, die gern einen härteren Kurs gegen China einschlagen möchten. Kein Wunder, lächelt seine «Heiligkeit» selbst dann, wenn sie nach dem Schicksal ihres gepeinigten Volkes gefragt wird.

Die Verehrer aus der Wohlstandsgesellschaft vergessen, dass der Dalai Lama noch immer magisches Denken kultiviert. Er befragt regelmässig sein politisches Orakel, einen Mönch mit angeblich besonderen seherischen Fähigkeiten. Verdrängt wird auch, dass die tibetischen Klöster bis in die Neuzeit Feudalsysteme waren und die patriarchale Kultur Frauen unterdrückte. Und alles mit dem Segen des erleuchteten «Gottkönigs».

Die Veranstaltungen in Zürich sind spirituelle Wellness-Happenings. Dem leidenden tibetischen Volk bringen sie wenig. Doch das kümmert die Fans kaum, sie wollen ihren Star feiern.

Haiti – gelobtes Land für Missionare

hugostamm am Dienstag den 9. Februar 2010

Haiti liegt seit dem Erdbeben am Boden. Wieder einmal hat es eine von der Welt vergessene Bevölkerung getroffen, die ohnehin schon seit Jahrzehnten dem Abgrund entlang strauchelt und von allen Göttern verlassen scheint.

Die Katastrophe hat das geschundene Land mit einem Schlag ins grelle Licht der Scheinwerfer gerückt. Die Bilder von den verletzten und verzweifelten Kindern und Frauen gingen ans Herz. Wo starke Emotionen im Spiel sind, werden sie in unserer Zeit von der modernen Kommunikationsgesellschaft sofort bewirtschaftet.

Mission – PR für Gurus und Götter

Dieses Phänomen nutzen Sekten und Freikirchen konsequent für ihre Zwecke. Sie sind in den letzten Jahren PR-Profis geworden. Ihr Kerngeschäft ist die Mission, eine spezielle Form der Werbung. PR für Gurus oder Götter – und für die eigene Glaubensgemeinschaft – sind dort am wirksamsten, wo die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit liegt. Deshalb ist Haiti seit dem Erdbeben für Missionare schon fast ihr gelobtes Land.

Denn: Wo Kirchen wie Kartenhäuser einstürzen, lauern die Chancen für die Heilsbringer aller Couleur. Elend macht hilflos, stürzt die Mensch in Angst und Verzweiflung. In ihrer Not greifen sie nach jeder Hand, die ihnen entgegengestreckt wird. Dabei können sie sich den Luxus nicht leisten zu fragen, ob die Hand zum verlängerten Arm einer Sekte oder Freikirche gehört.

Ereignen sich grosse Katastrophen, stehen die Scientologen sofort auf der Matte. Nach dem Massaker im Zuger Parlament oder dem Absturz der Crossair-Maschine bei Bassersdorf waren sie sofort zur Stelle. Ihr PR-Highlight war – vor dem Erdbeben auf Haiti – 9/11. Die ehrenamtlichen Geistlichen, wie sie sich nennen, sind eingekleidet in gelbe Überzüge mit dem Schriftzug „Scientology“ und arbeiten – Zufall oder nicht – meist da, wo die Kameras postiert sind.

John Travolta im Krisengebiet

Nach dem Erdbeben auf Haiti schickten die Sektenbosse sofort ihren Vorzeigepromi John Travolta auf die Piste. Der Schauspieler holte seine für 150 Passagiere ausgelegte Boeing 707 aus dem Hangar und flog den scientologischen Hilfstrupp persönlich ins Krisengebiet. Fernsehkameras begleiteten die Mission. Mehr PR geht kaum.

Was den Scientologen heilig, ist anderen Sekten und Freikirchen billig. Die Gläubigen schwärmten in grossen Scharen aus, um den Katastrophenopfern Suppe und Gott zu bringen.

Der missionarische Eifer artete bald aus. So entführten christliche Missionare aus den USA in ihrer Verblendung 33 angebliche Waisenkinder. Haiti ist für sie das Reich des Satans, wo schwarze Magie und Voodoo-Zauber grassieren. Die Fundamentalisten glaubten, ein gutes Werk für Gott zu tun, wenn es ihnen gelingen würde, dem dunklen Land Kinder zu entreissen. Der bekannte Fernsehprediger Pat Robertson wagte auszusprechen, was viele Fundamentalisten denken. Der ehemalige Kandidat für die amerikanischen Präsidentschaftswahlen bezeichnete das Erdbeben von Haiti als Strafe Gottes. Die Haitianer hätten einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, sagte er.

Das ist purer Aberglauben. Erdbeben sind Naturkatastrophen, die mit Gott nichts zu tun haben. Mission in Krisengebieten ist moralisch anrüchig. Solche Prediger nutzen die Not der Opfer, um ins Rampenlicht zu geraten und missionarischen Profit zu schlagen. Denn nirgends ist Mission leichter und erfolgreicher als in Katastrophengebieten. Opfer, denen auf der Erde nichts mehr bleibt, akzeptieren auch fremde Götter – wenn sie in deren Namen ein Stück Brot bekommen.
Wer mit dem scientologischen oder christlichen Kreuz in der Hand Reis verteilt, respektiert Würde und Glauben der Erdbebenopfer nicht, sondern nützt ihre Not aus, um nach ihrer Seele zu greifen.

© Tamedia AG 2010 Alle Rechte vorbehalten