Schweiz

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Archiv für die Kategorie „Aberglaube“

Guru Blocher im Himmel

hugostamm am Donnerstag den 1. Februar 2007

22. Oktober 2007. Christoph Blocher klopft an die Himmelspforte. Im Türspion huscht ein Schatten vorbei.

„Wer bist Du?“, ertönt es aus der Gegensprechanlage.

„Ich bin der Boss der SVP.“ Petrus öffnet das Tor einen Spalt und mustert Blocher misstrauisch.

„Warum begehrst Du Einlass? Du bist ja noch voll im Saft.“

„Die Bundesversammlung hat mir gestern den Schuh gegeben, heisst. abgewählt. Die Linken und Netten haben Angst vor mir.“

„Herrgott, kennst Du eine SVP?“, fragt Petrus in Richtung Himmelsthron.

Aus dem Hintergrund erschallt eine tiefe Stimme: „Das ist doch die Spirituelle Vaterlands Partei des Gurus Blocher.“

„Ist der koscher?“, fragt Petrus.

„Gurus eigentlich nie, doch der Blocher hat immer so schön gesungen in der Kirche. Den können wir im Chor der Cherubinen bestens gebrauchen.“

„Kannst Du mir sagen, weshalb Gott Dich einen Guru nennt?“, fragt Petrus Blocher.

„Vermutlich, weil ich der Führer der SVP war.“

„Haben Dich denn Deine Anhänger als Heilsbringer verehrt?“

„Verehrt schon, aber Heilsbringer? Ich glaube nicht.“

„Das sagen alle Gurus, die bei uns anklopfen. Hast Du eine Heilslehre verkündet?“

„Nicht direkt, wir hatten nur ein Parteiprogramm.“

„Versprach es die Erlösung von den irdischen Leiden?“

„Schon, schliesslich haben die Kommunisten und Sozialisten das Volk mit Abgaben und Reglementen geknebelt.“

„Dann gab es bei Deiner SVP auch Rituale und soziale Kontrollen?“

„Wenn Du Wahlen gewinnen willst, brauchst Du schon Schlachtrufe, Arbeitspläne und Einsatzbrigaden, die den Mitgliedern auf die Finger schauen und ihre Arbeit kontrollieren. Sonst hast Du bald einen Hühnerstall wie bei den Grünen.“

„Und wie stets mit dem Geld? Finanzieren die Mitglieder Deine Sekte?“

„Die Reichen werden schon zur Kasse gebeten. Schliesslich ist das Missionieren neuer Mitglieder teuer, und die Wahl- und Abstimmungskämpfe kosten ein Vermögen.“

„Und ihr tanzt auch um das goldene Kalb?“

„Goldenes Kalb? Oh, das ist eine gute Idee. Kannst Du mir Dein Handy geben? Ich will meinen Parteichef Ueli Maurer telefonieren, er soll unser Wahlkampfziege Zottel mit Goldfarbe besprayen.“

Menschsein im 2007

hugostamm am Samstag den 30. Dezember 2006

In diesen festlichen Tagen hauen die Reichen und Schönen in St. Moritz – und in anderen mondänen Ort – auf den Putz, dass sich die Balken und biegen und die Fassade der Nobelherberge Palace blättert. Es wird der entfesselte Hedonismus zelebriert. Im Kings Club, der Disco des Palace, kostet eine Flasche Dom Perignon 1400 Franken, wie Hannes Nussbaumer im heutigen Tages-Anzeiger berichtet. Die Privatjets starten und landen im nahen Flughafen wie nervöse Bienen. Die „Schnee“-Konzentration im Urin ist höher als auf den Pisten, wie frühere Abwasserproben gezeigt haben. Ohne Pelz geht Frau nicht aus. Die Diskussion um das Leiden der Pelzlieferanten hat St. Moritz noch nicht erreicht. Die Edelboutiquen werden gestürmt, als gehörte Gold zum Notvorrat im drohenden 3. Weltkrieg.

Am Jahresende wird das eigene Ego noch einmal auf dem Hochaltar des Konsumtempels zelebriert. Der homo sapiens des 21. Jahrhunderts hat ein Glaubensgen entwickelt, das ihn selbst als Messias erkennen lässt. Jeder sein eigener kleiner Gott. Und je protziger der Auftritt, desto heller der Gottesglanz.

Die Reichen und denen, die sich wie Reiche verhalten, möchte ich vor ihrem champagnernassen Übergang ins neue Jahr auf ein kleines Detail ihres Verhaltens aufmerksam machen. Wer sich in Gesellschaft in Szene setzt, will auffallen und gesehen werden. Doch wenn alle sich auf das Gesehenwerden konzentrieren, schaut keiner mehr. Also sieht keiner die neue Freundin mit den Model-Massen, das teure Collier, den Rolls, den braunen Teint von den Südsee-Ferien…

Laut Hegel ist die geistige Anstrengung, die Welt zu begreifen, die wirksamste Kraft der Veränderung. Ein Blick auf das silvesterliche St. Moritz zeigt zwar, dass sich die Welt verändert. Aber kaum im hegelschen Sinne einer geistigen Veränderung. Das „Gottesgen“ steht dem Geist im Weg.

Diese evolutionäre Entwicklung ist offenbar an mir vorbei gerauscht. Ich vermag einfach keine Freude am Prunkvollen zu empfinden. Manchmal komme ich mir schon fast asozial vor. Der Blick für die Fassade ist bei mir unterentwickelt. In intellektueller Bescheidenheit suche ich lieber das Nahe, Direkte, Authentische. Vielleicht bin ich blöd. Oder beschränkt. Oder einfach nur noch ein bisschen menschlich? Zu meiner Entschuldigung hoffe ich, dass das Menschliche im neuen Jahr nicht als unmenschlich bewertet wird.

In diesem Sinn ein Prost auf ein 2007, in dem wir hoffentlich nicht ganz vergessen, dass wir besser nicht Gott werden wollen.

Und allen Bloggern ein herzliches Dankeschön für die vielen Emotionen, die Ihr mit Euern zum Teil wunderbaren Kommentaren ausgelöst habt. Einiges in der Netzdiskussion mag virtuell sein, die Gefühle sind echt.

Die wundersame Kraft des Pendels

hugostamm am Montag den 27. November 2006

Das Pendeln gehört zu den Grundprinzipien des New Age oder der Neo-Esoterik. Es kann angeblich die viel besungenen Energien und Schwingungen „messen“. Das Pendel soll sogar auf Schwingungen reagieren, die physikalische Messgeräte nicht wahrnehmen können.

Der klassische Anwendungsbereich des Pendels ist das Aufspüren von Wasseradern. Esoteriker, die unter Schlafstörungen leiden, verdächtigen in erster Linie unliebsame Wasseradern, die unter dem Schlafzimmer verlaufen und störende Strahlen aussenden sollen. Pendler orten praktisch in allen Wohnungen Wasseradern und empfehlen standardmässig, das Bett in einer andern Ecke des Schlafzimmers zu platzieren. (Sie müssen schliesslich eine Massnahme empfehlen, um ein Honorar verlangen zu können.)

Dabei kümmern sich weder die von Schlafstörungen geplagten spirituellen Sucher noch die Pendler um geologische Erkenntnisse. Solche eng begrenzte Wasseradern sind sehr selten und finden sich höchstens in Gebieten mit geschichteten Kalkfelsen. Doch das kümmert die Pendler wenig. Sie orten selbst in Häusern Wasseradern, die an einem Seeufer stehen. Dort gibt es – was auch Laien einleuchtet – nichts als einen grossen Grundwassersee. Und sicher keine Wasseradern.

Der Glaube an das Pendel und die Wasseradern ist so weit verbreitet, dass selbst Leute daran glauben, die kein ausgesprochenes Faible für Esoterik haben. Solche “Energiegesetze” sind schon fast Allgemeingut im kollektiven Bewusstsein geworden. Wer sie anzweifelt oder als Aberglaube bezeichnet, wird mitleidig belächelt. Dabei kümmert es die Esoteriker nicht, dass selbst die feinsten Messgeräte keine solche Schwingungen messen können. Doch mit Physik wollen Esoteriker nichts zu tun haben. Diese Disziplin stammt aus dem verschmähten Reich des Materiellen.

Einer wollte es allerdings genau wissen und rückte dem Phänomen des Pendelns und anderen übersinnlichen „Gesetzen“ mit empirischen Methoden zu Leibe. Der bekannte amerikanische Magier und Trickexperte James Randi versprach allen Medien, Magiern, Esoterikern und Pendlern eine Million Dollar, wenn es ihnen gelingt, ein übersinnliches Phänomen unter empirischen Bedingungen vorzuführen. Randi glaubt, dass solche Rituale lediglich Tricks sind oder auf Selbsttäuschungen beruhen.

Kürzlich stellten sich in Deutschland sechzig Pendler und Personen mit angeblich übersinnlichen Kräften dem Test, der an der Universität Würzburg stattfand. Zuerst durften die Pendler und Magnetopathen bei einem «offenen» Versuch das Prozedere ausprobieren. Und es funktionierte. So schlugen beispielsweise die Pendel immer im richtigen Moment an. Nun konnte der Doppelblindtest beginnen.

Kandidat Johann Grüner erklärte, er könne die Aura von Pflanzen mit dem Pendel ausloten. Er wählte einen Blumenstock mit besonders starker Ausstrahlung. Dieser wurde jeweils unter einem von zehn Kübeln versteckt. Grüner hatte dreizehn Versuche. Jedes Mal schlug das Pendel wunschgemäss bei nur einem Eimer kräftig aus. Die Auswertung des Tests fiel aber ernüchternd aus. Grüner verzeichnete keinen einzigen Treffer, das Pendel hatte immer bei einem leeren Kübel reagiert.

Kandidat Karl-Heinz Reuter behauptete, er könne mit seiner Wünschelrute Wasseradern aufspüren. Für den Test standen ihm zehn zugedeckte Wassereimer zur Verfügung, doch nur einer war gefüllt. Bei seinen dreizehn Versuchen schlug die Rute jeweils zuverlässig bei einem Kübel an. Trotzdem war das Resultat vernichtend: Reuter hatte nicht einen Treffer gelandet. Der Pendler war konsterniert. Randi kann die Million behalten, alle Kandidaten erlebten Pleiten.

Wieso stürzten die Zwillingstürme ein?

hugostamm am Montag den 11. September 2006

Exakt vor fünf Jahren schreckten uns Horrorbilder auf. Flugzeuge rasten ins WTC, die Türme fielen wie Kartenhäuser in sich zusammen. Wir haben zwar schon vor einem Monat über Verschwörungstheorien diskutiert, doch ich möchte aus aktuellem Anlass noch einmal darauf zurück kommen. Denn die Diskussion nimmt ein ungeahntes Ausmass an. Ich schalte deshalb einen Artikel meines Kollegen und Amerika-Korrespondenten Peter Haffner auf, der heute im Tages-Anzeiger erschienen ist.

“Amerika ist das Land, wo die Dämonen blühn: Elvis Presley lebt, John F. Kennedy wurde von der CIA ermordet, die Mondlandung war fingiert. Verschwörungstheorien sind Teil der amerikanischen Populärkultur seit je. Die Staubschwaden des Trümmerfeldes vom World Trade Center waren noch nicht verzogen, da wollten manche schon wissen, dass das Weisse Haus hinter der Attacke stand. Dessen Ziel war es, meinen sie nun, das amerikanische Volk zum Feldzug im Nahen Osten zu mobilisieren und es gleichzeitig seiner Bürgerrechte zu berauben.

Fünf Jahre nach dem Terroranschlag vom 11. September hat die Bewegung «9/11 Truth», wie sich die Verschwörungstheoretiker nennen, an Boden gewonnen und selbst in der akademischen Welt Fuss gefasst. Die «Scholars for 9/11 Truth», eine Gruppe von rund fünfzig Professoren verschiedener Universitäten, stellen die offizielle Version der Ereignisse in Frage, die dokumentiert ist im akribischen Bericht der Untersuchungskommission. Im Zentrum der Debatte steht die Frage, weshalb die Türme wirklich kollabiert sind. Die Zweifler meinen, die Feuersbrunst nach dem Einschlag der Flugzeuge sei nicht Ursache genug gewesen; erst im Innern der Gebäude deponierte Sprengsätze hätten das bewirkt.

Steven E. Jones, Physikprofessor an der Brigham Young University, hat die These der «kontrollierten Sprengung» wissenschaftlich zu untermauern versucht. Der 57-Jährige gilt als Spezialist auf dem umstrittenen Gebiet der kalten Fusion. Dass er ein strenggläubiger Mormone und früherer Anhänger von Präsident Bush ist, trägt in der Bewegung nur zu seinem Ruf bei. Es ist auch auffallend, dass die Akademiker, die der von ihm geführten Gruppe angehören, mehrheitlich aus den Geisteswissenschaften stammen, vor allem aus theologischen und philosophischen Fakultäten.

Es gehört zur Paradoxie von Verschwörungstheorien, dass sie ihren Anhängern umso glaubhafter erscheinen, je mehr sie von offizieller Seite widerlegt werden. Wer zum Gegenbeweis antritt, macht sich verdächtig, selber Teil der Verschwörung zu sein. Und jede Lüge oder Halbwahrheit, die Politiker in die Welt setzen, festigt die Überzeugung, dass sie niemals die Wahrheit sagen. Die Generation junger Amerikaner, die in der Bush-Ära aufwächst, kann sich über einen Mangel an solch frustrierenden Erfahrungen nicht beklagen.

Dass sie für Verschwörungstheorien besonders empfänglich ist, zeigt die erstaunliche Erfolgsgeschichte des Films «Loose Change»; eine Dokumentation über die Ereignisse des 11. September 2001, die nahe legt, dass der Terroranschlag ein «inside job» war. Regisseur ist der 22-jährige Dylan Avery. Er hat den 80-minütigen Film im April letzten Jahres auf seinem Laptop produziert – für 2000 Dollar. Im MTV-Stil geschnitten, besteht «Loose Change» grösstenteils aus Schnipseln aktueller Berichte verschiedener Fernsehstationen an jenem denkwürdigen Tag. Millionen haben sich das Werk im Internet angesehen, Zehntausende die DVD gekauft, und derzeit wird an der dritten Fassung des Streifens gearbeitet, um sie einem der grossen Studios zu verkaufen.

Gemäss einer Meinungsumfrage vom vergangenen Mai glauben 42 Prozent aller Amerikaner, dass die Untersuchungskommission kritisches Beweismaterial unterdrückt oder nicht gewürdigt hat. Ganze 36 Prozent glauben, die Regierung habe den Anschlag gewollt, um im Nahen Osten intervenieren zu können.

Zu den Merkwürdigkeiten der amerikanischen Vorliebe für Verschwörungstheorien gehört die Tatsache, dass Regierungsangelegenheiten wohl nirgendwo in der Welt so transparent sind wie in den USA. Selbst über die Interna der Bush-Regierung, die es in der Geheimniskrämerei für amerikanische Verhältnisse zu einem Rekord gebracht hat, wissen wir mehr als etwa über die des Schweizer Bundesrates. Wie kommt es, dass selbst das Intimleben eines Inhabers des Oval Office en détail publik wird, doch nie jemand der wohl mehreren Hundert Personen, die in einer gross angelegten Verschwörungsaktion mitbeteiligt sein müssten, etwas ausplaudert? Die Frage wird von Verschwörungstheoretikern übergangen. Sie sind geblendet von der Logik ihrer Fiktion, die einfach, einleuchtend und nicht so verwirrend ist wie die Realität selber.”

www.seeloosechange.com

Weltweite Verschwörungen

hugostamm am Dienstag den 18. Juli 2006

Verschwörungstheorien beflügeln die Fantasien vieler Zeitgenossen. Ist das blanker Unsinn und eine gefährliche Weltanschauung? Oder nur ein harmloser Spleen?

Am 11. September 2001 gingen Bilder um die Welt, die niemand für möglich hielt. Die Twin Towers, Symbol der Wirtschaftsmacht USA, stürzten wie ein Kartenhaus zusammen. Seither spekulieren Experten wie Laien über die Hintergründe und Zusammenhänge. Für die Fachleute ist vieles rätselhaft, für manche Laien aber alles klar: Hinter dem teuflischen Werk steckt die „geheime Weltregierung“. Und diese Weltregierung setzt sich aus jüdischen Bankern, hohen Politikern, Brüdern von Geheimlogen, aus Freimaurern usw. zusammen. Das Ziel der verschworenen Machtphalanx: Die Welt zu destabilisieren und ins Chaos zu stürzen, damit es ihr leichter fällt, die Weltherrschaft zu übernehmen. So das Weltbild der Verschwörungstheoretiker, die rund um den Erdball zu finden sind. Und zwar in ordentlicher Dichte.

Verschwörungstheorien sind ein beliebtes Spiel, komplexe, unerklärliche Phänomene auf einfache Erklärungsmuster zu reduzieren. (Eine Methode, die auch Sekten anwenden.) Es gibt Tausende von Verschwörungstheorien, das Internet ist voll von Diskussionen darüber. Und es gibt unzählige Bücher darüber. Fast jedes wichtige geschichtliche Ereignis kennt seine eigene Verschwörungstheorie. So wird etwa behauptet, die Erde sei hohl oder die Landung der Amerikaner auf dem Mond eine Inszenierung aus einem Filmstudio.

Viele Verschwörungstheorien sind harmlose Spekulationen. Doch es gibt auch radikale politische Kräfte, welche das Phänomen gezielt für propagandistische Zwecke nutzen. Ein Beispiel dafür ist das Buch “Geheimgesellschaften und ihre Macht im 20. Jahrhundert” von Jan van Helsing (Jan Udo Holey). In diesem Bestseller werden die Nazi-Verbrechen verharmlost. Ja, es wird sogar behauptet, Hitler käme eines Tages zurück und würde sein Werk vollenden, also das Dritte Reich doch noch umsetzen.

Van Helsing und seine grosse Fangemeinde der rechtsradikalen Verschwörungstheoretiker behaupten, die Nazis hätten heimlich in der Antarktis (Neuschwabenland) alltauglich Flugkörper gebaut. Davon sei heute nichts bekannt, weil die Alliierten alle Dokumente und Gebäude zerstört hätten. Auch die Medien- und Nachrichtenwelt würden die Fakten verschweigen, weil sie von den „Illuminati und die zionistisch-anglo-amerikanischen Lobby“ kontrolliert würden. Ausserdem vermutet van Helsing, Hitler sei vor dem Zusammenbruch des Dritten Reiches mit einem Vril-Flugkörper (Vril = eine Superform von Energie, mit der sagenhafte Geschwindigkeiten erreicht werden soll), zu einem fernen Planeten geflogen, um den Endkampf vorzubereiten. Einem Planeten, auf dem Verjüngungsprozesse kein Problem sein sollen. (Sonst wäre Hitler längst gestorben.) Das Buch, von dem über 150’000 Exemplare verkauft worden sind, entpuppt sich als Propaganda-Instrument der Neo-Nazis, mit dem sie sich bei den Verschwörungstheoretikern einschmeicheln.

Verschwörungstheorien sind ein Konstrukt, das nicht auf einer ehrlichen Wahrheitssuche beruht. Die Konstrukteure sind immer Interessenvertreter. Sie kennen das Ziel ihrer Suche, bevor sie zu recherchieren beginnen. Sie machen sich Wissenslücken zu nutze und konstruieren diese zu einer Verschwörungstheorie. Dabei lassen sie alle Fakten auf der Seite, die gegen ihre Theorie sprechen. Und sie verschweigen, dass es ein Mehrfaches an Fakten gibt, welche ihre Vorstellungen widerlegen.

Klassisches Beispiel ist das Flugzeug, das am 11. September ins Pentagon gerast ist. Tatsächlich ist die Faktenlage darüber relativ dünn. Eine ideale Voraussetzung für Verschwörungstheorien. Allerdings ist das auch erklärbar, schliesslich hat die US-Administration kein Interesse, der Öffentlichkeit Einblick ins Machtzentrum zu gewähren. Doch was so aufklärerisch daherkommt, erweist sich am Ende als das, was man der Gegenseite vorwirft: eine neue Verschwörungstheorie, die zu einer „neuen Wahrheit“ konstruiert wird. Und: Es werden nur Vermutungen, Beobachtungen und Theorien geliefert. Und keine Fakten.

Verschwörungstheorien vernebeln also die Wahrheit – und das Bewusstsein der Gläubigen.

Aberglaube ist lernbar

hugostamm am Donnerstag den 13. Juli 2006

Aberglaube und magisches Denken feiern eine ungeahnte Renaissance. So what, könnte man fragen und getrost zum Alltag übergehen. Doch solche geistigen Verirrungen können viel Unheil anrichten, weshalb sich eine Auseinandersetzung mit dem Phänomen lohnt.
Erstaunlicherweise sind Intelligenz, Bildung, wissenschaftliche Erkenntnisse und Aufklärung selten ein wirksames Gegengift. Die komplexe Realität überfordert viele Menschen. Deshalb suchen sie gern Zuflucht bei einfachen Erklärungsmustern und hoffen auf Wunder. Solche vermeintlichen Wunder sind die Zwillingsschwester des Aberglaubens.
Ein dramatisches Ereignis, das die verhängnisvollen Zusammenhänge aufzeigt, spielt sich zurzeit in der russischen Stadt Beslan ab. Der selbst ernannte Messias Grigori Grabowoi will den verzweifelten Müttern helfen, die bei der Geiselnahme in der Schule von Beslan im September 2004 ihre Kinder verloren haben. 330 Lehrer und Schüler kamen dabei ums Leben.
Grabowoi verspricht den Frauen, ihre Söhne und Töchter wieder zum Leben zu erwecken. Nachdem sich Susanna Dudijewa, Präsidentin des Mütterkomitees, der Sekte angeschlossen hatte, folgten ihr viele Frauen. Für das Erweckungsritual verlangt der Sektenführer gut 1000 Euro. Als die Kinder nach der Prozedur nicht heimkehrten, behauptete Grabowoi, die Auferweckten würden sich noch an einem geheimen Ort auf die Rückkehr vorbereiten. In der Not wird der Mensch leichtgläubig und manipulierbar. Er beginnt, an Wunder zu glauben, die reiner Aberglaube sind.
Ein gefährlicher Aberglaube kursiert auch in Afrika. Viele Männer glauben, sie könnten Aids loswerden, wenn sie sich geschlechtlich mit einer Jungfrau verbinden. In ihrer Todesangst vergewaltigen viele Aidskranke junge Frauen und Mädchen. Dabei begehen sie in ihrem Aberglauben nicht nur ein Verbrechen, sie stecken viele Frauen mit der tödlichen Krankheit an und traumatisieren sie.
Wie entsteht der Aberglaube? Es ist ein verhängnisvoller Lernprozess, der meist von Angst und Sehnsucht begleitet wird. Wie beim gewöhnlichen Lernen spielen das Beobachten und Vergleichen nach der Methode von Erfolg und Irrtum eine entscheidende Rolle. Wenn beispielsweise eine bestimmte Aktion stets die gleiche Reaktion erzeugt, wissen wir, dass dahinter eine Gesetzmässigkeit steckt, und wir haben eine neue Erkenntnis gewonnen.
In Glaubensfragen gehen wir ähnlich vor, nur liegen die Erkenntnisse oft im spekulativen Bereich, weil sie kaum nachprüfbar und subjektiv empfunden sind. Ausserdem ist die Wahrnehmung häufig gestört, wenn Sehnsucht und Angst unser Denken und Fühlen bestimmen. Konkret: Wir neigen bei übersinnlichen oder spirituellen Erfahrungen dazu, nur diejenigen Resultate wahrzunehmen, die in unser ersehntes Bild passen. «Falsche» Resultate blenden wir aus oder verdrängen sie. Oder andersherum: In spirituellen Fragen findet der Mensch meist genau das, was er sucht.
Nehmen wir ein Beispiel aus der Astrologie. Wenn drei Frauen bei einem Kaffeekränzchen herausfinden, dass ihre Ehemänner im Tierkreis des Widders geboren sind, tauschen sie Erfahrungen über ihre Männer aus. Weil sie aus den Horoskopen wissen, wie Widder-Männer angeblich gestrickt sind, neigen sie dazu, ihre Partner nach diesem Schema zu charakterisieren. Dabei hilft ihnen, dass in persönlichen Belangen der Interpretationsspielraum gross ist. Und schon gleichen sich die eigenen Erfahrungen den astrologischen «Analysen» an. Gleichzeitig wird übersehen, dass nicht nur Widder willensstark sind, sondern alle Menschen auf ihre Art oder in einem bestimmten Lebensbereich.
Durch die Vergleiche gewinnen also die drei Frauen die Überzeugung, dass Widder-Männer willensstark und ehrgeizig sind. Dann setzt der Aberglaube ein. Wenn alle Widder-Männer ehrgeizig sind, ist für die drei Frauen klar, dass es sich bei der Astrologie um eine unfehlbare Wissenschaft handelt. Und sie blenden aus, dass Veranlagung, Erziehung, Bildung und Lebenserfahrung wohl einen unvergleichlich grösseren Einfluss auf Charakter und Verhalten der Menschen haben als die Himmelskörper, die unendlich weit entfernt sind. Und wenn einer der drei betroffenen Widder-Männer behauptet, Astrologie sei blanker Unsinn, werden die Frauen ihn als Banausen und Ignoranten belächeln.
Fazit: Personen, die die Wirklichkeit durch die magische Brille wahrnehmen, entfremden sich oft von der Realität. Deshalb zieht sich der Aberglaube oft wie eine unsichtbare Trennlinie durch die Gesellschaft.

Rückfall ins geistige Mittelalter

hugostamm am Freitag den 17. Februar 2006

Es scheint, als fresse die Aufklärung in jüngster Zeit ihre eigenen Kinder auf. Und das zur Unzeit.

Geistige Wissenschaften, wissenschaftliche Erkenntnisse und technische Errungenschaften haben im letzten Jahrhundert aufgeräumt mit vielen abstrusen Vorstellungen und Anschauungen. Psychologische Erkenntnisse bewiesen zum Beispiel, dass unsere Vorfahren viele bedrohliche Phänomene falsch interpretiert hatten. Nehmen wir die Aggressionen. Diese wurden ehemals als Produkt dämonischer oder okkulter Kräfte interpretiert. So galten früher im Christentum psychische Depressionen und Psychosen als satanische Besessenheit, die mit Exorzismusritualen „therapiert“ wurden. Naturvölker „befreien“ psychisch Kranke heute noch mit Voodoo-Ritualen.

Dank der psychologischen Erkenntnisse wissen wir heute, dass damit der Teufel mit dem Belzebub ausgetrieben wird. Statt Heilung erfahren die Kranken eine weitere Dramatisierung: Die Vorstellung, dass Dämonen den eigenen Körper besetzen, verstärkt die Angst, falls keine Spontanheilung eintritt. Und wenn die Angst grösser wird, verstärken sich oft die Krankheitssymptome.

Heute schmeissen viele Zeitgenossen die Errungenschaften der Aufklärung auf die Müllhalde der Geschichte. Der Aberglaube kehrt mit grosser Wucht zurück. Viele Menschen sind enttäuscht, dass die Wissenschaften ihre Versprechen vom baldigen Paradies auf Erden nicht einhalten konnten. Die Krebsraten steigen, Aids bekommen wir nicht in den Griff, die Vogelgrippe kann sich zur Pandemie ausweiten usw. Und die Globalisierung konnte Armut und Hunger auch nicht beseitigen. „Göttlich“ wurden wir Menschen nur bei der Eroberung des Weltalls. Doch davon haben die meisten Menschen nichts.

Krisen, Ängste und Unsicherheiten sind der beste Nährboden für Fundamentalismus und Aberglauben. Ausdruck davon ist unter anderem der grassierende christliche Fundamentalismus in den USA, aber auch in der Schweiz. Und die Verquickung von Glauben und Politik. So haben die Freikirchen Georg W. Bush zum Sieg verholfen, der bekanntlich selber ein Frommer ist. Und auch bei den Wahlen in Züricher Gemeinden legten EVP und EDU zu. Es gilt: In Krisenzeiten flüchten viele Verunsicherte zurück zu den Wurzeln, in die vermeintlich heile Welt.

Von der abergläubischen Tendenz profitieren auch die radikalen Formen der Esoterik. Man traut der „grobstofflichen“ Welt nicht mehr und flüchtet in die spirituelle.

Müssen wir Aberglauben, Fundamentalismus und spirituelle Spekulation wie ein Naturgesetz hinnehmen? Lässt sich die Krise der Aufklärung – siehe Karikaturenstreit – bremsen? Gibt es Rezepte, um zumindest den schlimmsten Formen des Aberglaubens entgegen zu wirken? Müssen wir einfach weiter aufklären, und die Tendenz der Anti-Aufklärung zu überwinden?