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Archiv für die Kategorie „Aberglaube“

Panne im Blog, Kommentare hier

hugostamm am Sonntag den 5. Oktober 2008

Seit gestern Samstag können die Kommentare im jüngsten Beitrag (Der absurde Konkurrenzkampf”) nicht mehr aufgeschaltet werden. Da die Panne wieder einmal am Wochenende passiert, gestaltet sich die Pannenbehebung etwas schwierig. Ich hoffe trotzdem, dass der Blog bald wieder läuft. Ihr könnt versuchen, die neuen Kommentare unter dieser Meldung zu platzieren. Vielleicht funktioniert es.

Ich bitte um Entschuldigung und wünsche Euch trotzdem einen schönen Sonntag.

Liebe Grüsse

Hugo Stamm

Gläubige Schafe und denkende Ziegen

hugostamm am Freitag den 7. März 2008

Sind Gläubige die fantasievolleren Menschen? Oder neigen sie eher zum Wahnsinn als Skeptiker?

Spannende Erkenntnisse dazu hat der Neurowissenschaftler Peter Brugger gemacht, der den Glauben an das Übersinnliche erforscht. Die Quintessenz: Gläubige und Esoteriker ticken tatsächlich anders als nüchtern empfindende Menschen. So jedenfalls erklärte esBrugger meiner Kollegin Monica Müller in einem Interview. Hier Ausschnitte davon:

Herr Brugger, ich habe kürzlich von einer Schulkollegin geträumt, die ich 25 Jahre nicht gesehen habe. Am folgenden Tag bin ich ihr begegnet. Wie beurteilen Sie das?

Man könnte das nüchtern hochrechnen. Wie oft erleben Sie das? Und wie oft träumen Sie von Menschen und dann passiert nichts? Rechnen Sie das aus und vergleichen Sie es mit den Erfahrungen anderer. Das Ergebnis würde zeigen, dass ihr Erlebnis so normal ist, wie wenn Sie im Lotto gewinnen würden. Es gewinnt immer einer. Für den Glücklichen ist das natürlich einmalig, unglaublich. Aber statistisch gesehen, muss es passieren.

Beim Lotto spricht man von Glück, nicht von Vorahnung oder Telepathie. Warum?

Das Lottospiel haben wir unter Kontrolle, wir mischen die Bälle. Aber was im Leben passiert, das haben wir nicht im Griff. Es gibt Leute, die stellen zwischen banalen Zufällen des Alltags bedeutungsvolle Bezüge her – im Fachjargon « Schafe » – und andere, die tun das nicht – das sind « Ziegen ».

Sie erforschen die Glaubens- und Denkmuster von « Schafen » und « Ziegen ». Worin unterscheiden die sich?

« Schafe » assoziieren weiter, denken ungebremster. Wer mehr um die Ecke denkt, erlebt auch mehr bedeutungsvolle Zufälle, weil diese ihm oder ihr auffallen. Wer so veranlagt ist, hat dann auch eher das Bedürfnis, den Bezügen, die ihm auffallen, eine Bedeutung zu verleihen und sie nicht als reinen Zufall abzutun.

Warum haben viele Mühe mit dem Zufall?

Weil unser Wahrnehmungssystem darauf getrimmt ist, Regelmässigkeiten zu entdecken.

Haben Menschen, die schneller ein Muster entdecken, auch ausserhalb der Savanne einen Vorteil?

Sie haben die Veranlagung, kreativer zu sein. Wer kreativ denkt, sieht Zusammenhänge zwischen Dingen, die offensichtlich nicht verwandt sind. Nur wer alte Muster durchbrechen kann, kann auch Neues schaffen. Diese Veranlagung bringt « Schafe » aber nicht bloss in die Nähe der Kreativität, sondern auch des Wahns. Es ist eine alte Einsicht, dass Genie und Wahnsinn nahe beieinander sind. Mit unserer Forschung können wir aufzeigen, dass der Ähnlichkeit von Genie und Wahnsinn nüchterne Verarbeitungsschritte im Hirn zu Grunde liegen. Ich wehre mich aber genauso dagegen, das übersinnliche Denken als krankhaft einzuschätzen, als es für ausschliesslich kreativ zu halten.

Wo verläuft die Grenze zwischen kreativen Gedankenketten und krankhaften Vorstellungen?

Ein schizophrener Patient kann schon beim Lesen des Menüs im Restaurant in Panik ausbrechen. Seine Gedankenkette beim Wort «Spaghetti» bricht nicht bei Italien ab, sondern er denkt weiter an «Mafia» und verlässt das Restaurant in Panik. Ein Schizophrener zieht Schlüsse, die für Gesunde nicht nachvollziehbar sind.

Warum werden Menschen, die von Telepathie, Hellsehen oder Vorahnungen berichten, oft belächelt? Kreativität ist doch gefragt.

Wir machen uns über die Ausgeburten lustig, mit denen oft einfach viel Geld gemacht wird. Man darf Esoterikern nicht unterstellen, dass sie alles glauben, was sie verkünden. Der Hellseher und Zukunftsberater Mike Shiva beispielsweise ist ein hoch assoziativer, cleverer Typ. Ich glaube nicht, dass er alles glaubt, was er sagt. Wenn er anderen damit aber wirklich helfen kann, warum nicht? Für ihn ist seine Beratung ein florierendes Geschäft, für die Klienten wirkt das wie Placebo. Mich interessiert, wie ein Placebo wirkt oder wie esoterisches Denken zu Stande kommt. Ich will nicht darüber streiten, ob es diese Dinge wirklich gibt.

Glauben Sie an den Zufall?

Der Zufall ist keine aktive Kraft, sondern eine abstrakte statistische Grösse. Auch ich glaube also an den Zufall, aber eher im Sinne eines Begriffes, der die Abwesenheit von lenkenden Kräften meint. Der Esoteriker glaubt zwar auch an den Zufall, misst ihm aber übersinnliche Kraft bei. Für Kreationisten und religiöse Fanatiker wiederum bedeutet das Wort «Zufall» nichts anderes als Gotteslästerung – das hatte schon Lessing erkannt.

Wie kamen Sie zu Ihrem Gebiet?

Als Jugendlicher glaubte ich an Telepathie und wollte wissen, wie diese funktioniert. Ich fand in meinen Tests nichts, das darauf hindeutet, dass jemand besser abschnitt als der Zufall, und sah ein, dass es nicht einfach ist, übersinnliche Phänomene wissenschaftlich zu erfassen. Die Verbindung zwischen Gläubigkeit und Hirntätigkeit eröffnet neue Welten.

Dann waren Sie einmal ein « Schaf ».

Ich bin ein konvertiertes « Schaf ».

Waren Sie als « Schaf » glücklicher?

Ich müsste, denn ich vertrete ja die Theorie, dass Gläubige die genussfähigeren Menschen sind. Persönlich verstehe ich mich blendend mit moderaten Esoterikern, sie sind viel aufgestellter als die ewig nörgelnden Skeptiker, die sich meist nicht einmal die Mühe machen, etwas überhaupt zu hinterfragen. Aber intellektuell zähle ich mich schon zu den Skeptikern. Vielleicht gehöre ich irgendwie auch beiden Welten an. Sagen wir es so: Ich bin eine glückliche « Ziege ».

(Peter Brugger leitet die Abteilung Neuropsychologie an der Neurologischen Klinik des Universitätsspitals Zürich. Er erforscht seit 20 Jahren magisches Denken.)

Fauler Zauber

hugostamm am Dienstag den 22. Januar 2008

Aberglaube führt zur Volksverdummung. Die wenigsten erkennen die Gefahren eines verschobenen Weltbildes. Lass doch die Leute, wird mir zwar oft gesagt. Sollen sie doch an die Sterne, an Ausserirdische, an offensichtlich unsinnige übersinnliche Phänomene glauben. Das tut doch niemandem weh.

Ich verstehe diese Haltung nicht. Aberglauben prägt das Bewusstsein. Wer in ausgeprägtem Mass abergläubig ist, muss die Vernunft unterdrücken. Wer es in übersinnlichen Fragen tut, macht es teilweise auch in sozialen und politischen Belangen. Er muss das Weltbild so zurecht (d)rücken, dass der Aberglaube nicht im Widerspruch zur Realität erscheint.

Aberglaube dient oft dazu, die nicht immer leicht verständliche und leicht zu ertragende Wirklichkeit besser verdauen zu können. Die Flucht in eine geheimnisvolle Welt ist verständlich, doch die Abergläubigen tun sich keinen Gefallen. Nur wer die Welt mit klarem Blick bestaunt, ist gegen die Unwägsamkeiten gewappnet. Abergläubige laufen Gefahr, mit falschen Mitteln Schicksalsschlägen zu begegnen. Und sie behindern eine harmonische Persönlichkeitsentwicklung.

Ausdruck des modernen Aberglaubens ist das Casting „The next Uri Geller“ auf ProSieben (jeweils am Diestagabend). Zehn Kandidaten demonstrieren ihre angeblichen übersinnlichen Kräfte. Die erste Sendung verfolgten rund 4 Millionen, die zweite 5 Millionen.

ProSieben täuscht das Millionenpublikum vorsätzlich und fahrlässig. Die angeblich übersinnlichen Kunststücke der Kandidaten sind lediglich plumpe Täuschungen. Solche Zaubertricks beherrschen Hunderte Hobbyzauberer landauf und landab. Der Trickkünstler James Randi ist einer der bekanntesten Zauberer und hat schon vor Jahren die Täuschungsmanöver von Uri Geller aufgedeckt.

Paranormale Phänomene sind für leichtgläubige Menschen der Beweis für eine übersinnliche Zwischenwelt. Sie glauben, medial begabte oder hellsichtige Personen, Magier und Mentalisten könnten die übersinnlichen Kräfte bannen, eine Verbindung zur anderen Realität herstellen und die Tür zum Jenseits einen Spalt weit aufstossen.
Die Castingshow erzeugt bei vielen Zuschauern eine Art metaphysisches Gruseln und weckt Sehnsüchte nach übersinnlichen Wundern. Wenn Hunderttausende von Zuschauern glauben, der Rabe des Berner Geisterjägers Vincent Raven könne mit Verstorbenen kommunizieren, wird ein Weltbild vermittelt, das aus dem Mittelalter stammt. Bei seinen Tricks verwendet er nach Aussagen von Insidern einen Knopf im Ohr, um das Publikum zu täuschen.

Dabei wird gern vergessen, dass magisches Denken Ängste wecken und Abhängigkeiten erzeugen kann. Labile Personen laufen sogar Gefahr, psychische Auffälligkeiten wie Depressionen oder Schizophrenie zu entwickeln, wenn sie sich von den magischen Kräften verfolgt fühlen.

Ist Gott mehr als ein Mythos?

hugostamm am Mittwoch den 26. Dezember 2007

In diesen Tagen macht es Sinn, über Gott nachzudenken. Gibt es einen Gott oder eine göttliche Kraft? Wenn ja: Wie ist sie beschaffen? Was bewirkt sie? Verhält sie sich neutral oder greift sie ins Leben und den Kosmos ein?

Der Volksglaube klammert die Frage nach Gott aus: Gott ist, weil unsere Väter schon an ihn geglaubt haben, weil seine Anbetung einer 2000-jährigen Tradition entspricht, weil wir in die Kirche gehen, weil er uns in der Bibel offenbart wird. Das ist Legitimation genug, deshalb müssen wir nicht weiter darüber nachdenken. Erziehung, Mythenbildung und Macht der Gewohnheit prägen den Gottesbeweis in unserer abendländischen Kultur.

Die beruflichen Denker, die Philosophen, tun sich schwerer mit dem Gottesbegriff. Nur ganz wenige ihrer Zunft wagen es heute noch, einen Gottesbeweis zu postulieren. Es ist zu schwierig, nach den modernen Erkenntnissen der Natur- und Geisteswissenschaften ein in sich stimmiges Weltbild zu konstruieren, in dem Gott widerspruchsfrei Platz findet. „Es gibt keine Instanz über der Vernunft“, sagte Sigmund Freud. „Der Glaube kann uns niemals von etwas überzeugen, was unserer Erkenntnis zuwiderläuft“, erklärt der Philosoph John Locke.

Doch auch die Wissenschafter stossen an Grenzen: Die Teilchenforscher ebenso wie die Astronomen, Morphologen, Neurologen. Sie können uns die Welt einigermassen erklären, doch auch bei ihrem Weltbild tun sich schwarze Flecken auf. Was ist Leben, Energie, Bewusstsein, Kausalität, Bewegung, Zeit usw.? Was ist das Ding an sich? Die Wissenschafter können uns halbwegs erklären, wie die Welt im Kleinen und Grossen beschaffen ist und wie sie funktioniert, doch bei den entscheidenden metaphysischen Fragen stehen sie auch am Berg.

Ist es vielleicht doch eine höhere Macht, welche das Leben anstösst, die Dinge zusammenhält? Gibt es eine höhere Dimension, die unser Bewusstsein ermöglicht und uns die Gefühlswelt öffnet? Wurde der Kosmos vielleicht von einer göttlichen Instanz geschaffen? Gibt es gar keine andere Möglichkeit, die unergründbaren Phänomene des Lebens zu erklären, als mit einer göttlichen Kraft?

Falls doch eine höhere Macht ihre Fingen im Spiel hat: Wie sieht diese göttliche Kraft aus? Ist es eher eine universelle oder göttliche Energie des All-Eins, wie dies spirituelle Konzepte verkünden? Oder handelt es sich um einen väterlichen Gott, wie ihn das Christentum lehrt? Oder ist es gar eine Kraft, die fern unserer Vorstellungsmöglichkeit liegt?

In diesem Sinn schöne Festtage.

Sektenpolitik – nein danke!

hugostamm am Montag den 24. September 2007

In Deutschland ist alles ganz anders. Bei unserem Nachbarn im Norden arbeiten viele Sektenbeauftragte. Die beiden Landeskirchen engagieren Experten, die grossen Städte und die Bundesländer stellen Spezilisten ein, Konsumentenschutz-Organisationen leisten sich Aufklärer, Parteien delegieren Fachleute. Das führt dazu, dass die Bevölkerung ein Bewusstsein für die Gefahren der sektenhaften Vereinnahmung entwickelt hat.

Und es gibt in Deutschland Politiker, die den Mut haben, Sekten öffentlich mit scharfen Worten zu kritisieren. Paradebeispiel ist der ehemalige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm, der Scientology einst als krakenhafte Wirtschaftssekte gebrandmarkt hatte und sich nicht vor Prozessen scheute. Heute wagt es der bayerische Innenminister Günther Beckstein, Scientology verbal zu attackieren. Auch an Fernsehdiskussionen. Und in Deutschland gibt es bei aktuellen Sektendiskussionen regelmässig heftige öffentliche Kontroversen.

Und bei uns? Nichts von alledem. Politiker ziehen ohnehin den Schwanz ein, wenn es um Sektenfragen geht. In religiösen Fragen ist man lieber neutral. Man könnte auch sagen: feige. Sektenberatungsstellen, die von der öffentlichen Hand betrieben werden, gibt es in der deutschen Schweiz ohnehin nicht. Alle scheuen die Auseinandersetzung mit Sekten. Also bewilligt man in Zürich auch Privatschulen, die von Scientologen betrieben werden. Sind wir Schweizer toleranter als die Deutschen? Oder einfach nur die grösseren Hasenfüsse?

Macht der Erkenntnis

hugostamm am Mittwoch den 12. September 2007

These: Der grassierende Aberglaube ist die irrationale Reaktion auf die für viele Menschen bedrohlichen Erkenntnisse der Wissenschaften.

Begründung: Bevor uns wissenschaftliche Erkenntnisse in die Moderne katapultierten, war die geistige Welt in unseren christlichen Breitengraden noch heil. Oben wachte der liebe Vater im Himmel, unten wütete der Satan, und im Zentrum des Universums machte sich der Mensch als Krone der Schöpfung die Erde untertan. Gott hatte die Erde in sechs Tagen geschaffen und den Menschen nach seinem Ebenbild geformt.

Doch dann begann der Mensch zu denken und zu forschen. Was er entdeckte, gefiel den Hütern des wahren Glaubens nicht. Ein Blick ins All zeigte, dass die Erde nicht das Zentrum war, sondern ein Staubkorn in der unfassbaren Unendlichkeit. Unser Planet wurde nicht etwa vor rund sechs tausend Jahren geschaffen, wie uns die Bibel weis macht, sondern entstand vor Millionen von Jahren.

Den Gipfel der menschlichen Kränkung leistete sich Darwin. Die Krone der Schöpfung verkam zu einer blosse Laune der Natur oder zu einem Zufallsprodukt. Glücklicherweise hatte sich die Wissenschaft inzwischen von der Kirche emanzipiert, sonst hätte Darwin wohl das gleiche Schicksal erlitten wie Galiläo Galilei.

In den letzten hundert Jahren ging es Schlag auf Schlag. Die Vorstellung vom vernunftsbestimmten, ethisch verantwortlichen Wesen, das treu die Gebote Gottes umsetzt, wurde durch die Erkenntnisse der Psychologie gründlich zerstört.

Freud entdeckte das Unbewusste und wies nach, dass wir Menschen von bisher unbekannten destruktiven Energien und Trieben beherrscht werden. Du bist nicht Herr in deinem Haus, beschied der Psychologe und raubte uns noch mehr Selbstwertgefühl. Der Mensch als ein besserer Affe. Was für ein Drama.

Es kam noch schlimmer. Die Seele, angeblich Sitz des göttlichen Geistes, wurde von den Ärzten, die erstmals einen Menschen setzierten, nicht gefunden. Heute sind sich viele Wissenschafter einig, dass die Seele nur das Produkt einer neurologische Funktion ist.

Den Rest gaben uns die Soziologen. Sie wiesen nach, dass wir ausschliesslich nach dem Prinzip des Eigennutzes funktionieren und nicht die altruistischen Wesen sind, als die wir uns gern sehen und wie die Glaubensgemeinschaften fordern. Die Demontage war perfekt.

(Kritiker werden einwenden, viele Menschen seien einfühlsam, hilfsbereit und opferten sich für andere auf. Soziologen werten die damit verbundene Anerkennung auch als Eigennutz. Dieser sei selbst bei einer Mutter Theresa wirksam gewesen, die sich mit ihrer Hilfsbereitschaft die Gunst des Himmels und damit das Heil erkämpft habe.)

Die Wissenschafter relativierten sogar die Liebe. Eine wichtige Rolle spiele dabei die Sexualität. Diese habe lediglich die Funktion, die besten Gene im Sinne der Evolution weiterzugeben.

Armer Mensch. Das heroische Bild, das er von sich selbst entwirft, zerbröselt zunehmend zwischen seinen Fingern. Übrig bleibt die Erkenntnis, dass alles nur von Hirnlappen gesteuert wird. Und dass unser Gastspiel auf der Erde nur ein Wimpernschlag auf der Zeitachse des Universums ist. Denn in ferner Zukunft geht auch unser Planet den Weg des Vergänglichen.

Um den fundamentalen Kränkungen zu entgehen, flüchten viele in den Aberglauben. Schade nur, dass manche sich gewaltsam gegen die Überbringer der angeblichen bedrohlichen Botschaften wehren.

Bei näherer Betrachtung ist das alles nur halb so schlimm. Im Gegenteil. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse verändern allenfalls unser Weltbild, das Leben an sich und unseren Alltag berühren sie nur am Rand. In hundert Jahren werden die Menschen lachen über unsere Diskussion. Genau so, wie wir heute über die Geistlichen lachen, die früher steif und fest behauptet hatten, die Erde sei eine Scheibe.

Warum müssen wir die neuen Erkenntnisse ernst nehmen? Die Geschichte lehrt uns, dass Ignoranz viel Leid über die Menscheit bringt, weil sie Autoritätspersonen viel Macht gibt. Und: Gegen die Macht der Erkenntnis ist langfristig ohnehin kein Kraut gewachsen.

Die Welt wird menschlicher, wenn wir die Tatsachen akzeptieren, wie sie sich nun mal präsentieren. Damit liesse sich viel Unheil verhindern. Unser krampfhafter Versuch, uns zu überhöhen und allem einen höheren Sinn beizumessen, führt zwangsläufig in den Aberglauben. Und allzu oft ins Unglück.

Astrologische Diagnose: Krebs!

hugostamm am Mittwoch den 5. September 2007

Aberglaube? Na und? Wen stört es? Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Das Leben ist hart genug, da gönnen wir doch jedem seinen dunklen Fleck auf der Bewusstseinsweste. Wenn es den Alltag erträglicher macht, kann die Hoffnung auf ein gelegentliches Wunder nur nützen.

Solche Argumente bekomme ich oft zu hören, wenn ich mich kritisch mit dem Aberglauben auseinander setze.

Momentan dokumentieren zwei aktuelle Ereignisse den weit verbreiteten Aberglauben.

1. Die Suche nach dem verschwundenen und vermutlich ermordeten Mädchen Ylenia hat viele Pendler und Wahrsager auf den Plan gerufen. Sie glaubten, anhand der Pendelausschläge über Karten den Ort „erspürt“ zu haben, wo das Mädchen versteckt sei. Die Polizei war zwar skeptisch, doch sie ging verschiedenen Hinweisen der „Hellseher“ nach, um dokumentieren zu können, dass sie nichts unversucht lassen hat. Auch diese Suche blieb erfolglos. Ein weiteres Beispiel dafür, dass die Wahrsager und Pendler nur im Kaffeesatz lesen. Ich könnte genau so gut eine Karte aufhängen, einen Pfeil werfen und behaupten, das Mädchen könne bei der Einstichstelle gefunden werden.

Die endlose Reihe der Pleiten und Pannen hilft nicht, den Glauben an Wahrsager und Pendler zu erschüttern. Diese und ihr Publikum glauben weiterhin an die Wirkung des Pendels. Bei Schlafstörungen suchen Abergläubige weiterhin den Rat des Rutengängers, der in jedem Zimmer eine Wasserader findet. Auch bei Häusern, die an einem See liegen, wo es keine Wasseradern geben kann, sondern nur einen Grundwassersee. (Auch geologisch gesehen ist die Vorstellung von Wasseradern blanker Unsinn.)

2. Die bekannte Astrologin Elizabeth Teissier behauptete in diesen Tagen in einem Radiointerview, sie könne aus dem Geburtshoroskop herauslesen, ob jemand eine Veranlagung für Krebs habe. Später doppelte die abergläubige Frau nach, selbst die Veranlagung für Aids aus den Sternen lesen zu können. (Also wissen die Himmelskörper, ob sich ein Säugling dereinst mit einem Partner im Bett vergnügt, der Aids-krank ist.)

Wie viele Astrologie-Gläubige werden sich nun von Madame Teissier in die Sterne gucken und ihre Krebsveranlagung „testen“ lassen? Wie viele werden danach (vergeblich) panische Angst vor der oft tödlichen Krankheit haben? Wie gross wird ihr Selbstwerteinbruch sein? Wie viele werden Existenzängste erleiden und in Depressionen abrutschen?

Aberglaube ist ja so harmlos!

Fazit: Abergläubige Menschen neigen zur Autoritätsgläubigkeit, sind leicht beeinflussbar, weichen gern der Realität aus und verdrängen unangenehme Erkenntnisse.

Glaube macht seelig

hugostamm am Dienstag den 21. August 2007

Giora Keinan, Chef-Psychologe der israelischen Armee, hat 1991 in Tel Aviv Israelis besucht, die aus Angst vor den Scud-Raketen in Bunkern nächtigten. Er befragte 174 Landsleute nach ihrem Befinden und den religiösen Gefühlen. Dabei förderte der Psychologe erstaunliche Erkenntnisse zu Tage.

Die Leute mit den stärksten Ängsten entwickelten einen seltsamen Aberglauben und suchten Zuflucht bei übersinnlichen Ideen, fasste Keinan seine Erkenntnisse zusammen. Wenn andere Mitbewohner erzählten, ihr Haus sei von einer Missile-Rakete getroffen worden, atmen die Abergläubigen erleichtert auf. Nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung schöpften sie Hoffnung, dass ihr Haus in Zukunft verschont bleibe.

“Immer dann, wenn Menschen sich besonders hilflos fühlen, entdecken sie das Übersinnliche”, erklärt Keinan seine Untersuchungsergebnisse. „Magische Gefühle, der Glaube an Übernatürliches sind viel stärker verbreitet, als die meisten wahrhaben wollen. Das habe nur wenig zu tun mit dem vermehrten Drang zu Religionen. Laut Keinan haben auch neue Studien gezeigt, dass sich der Aberglaube bei vielen instinktiv entwickle und sich der rationalen Auseinadersetzung entziehe.

Wie schnell aus gut informierten und kritischen Studenten abergläubische Menschen werden, zeigten kürzlich auch Psychologen der Universitäten Princeton und Harvard in einer Serie von Experimenten. Ihren Probanden führten sie eine Person mit verbundenen Augen am Spielautomaten vor. Anschließend forderten sie die Testkandidaten auf, den blinden Spieler mit ihren Gedanken zu steuern. Was die Studenten nicht wussten: Das Spiel war getürkt, der Blinde hatte Sehschlitze in seiner Binde, konnte also auf ein Zeichen hin verlieren oder gewinnen. Fazit: Fast alle Probanden glaubten, mit ihren Gedanken das Spiel beeinflussen zu können.

Warum geben sich Menschen so bereitwillig derartigen Illusionen hin? Hirnforscher haben eine Region lokalisiert, die offenbar verstärkt aktiv wird, sobald es ums Magische und Übersinnliche geht: Diese Region sitzt im rechten Hirnlappen. “Das Gehirn scheint ein Netzwerk von Neuronen zu haben, das bewirkt, dass wir in bestimmten Situationen stets eine relevante Hypothese der rationalen Erklärung vorziehen”, sagte Pascal Boyer, Professor für Psychologie der Washington University der “New York Times”, “einfach weil es die kürzeste Verbindung im Hirn ist.”

Tatsächlich lieben viele Menschen das Unerklärliche. Es zieht sie magisch an. Sie sehnen sich nach dem Zauber, dem Mystischen, Geheimnisvollen. Und bekanntlich findet der Mensch immer das, was er sucht. Auch wenn es zu seinem Nachteil ist.

Begegnung mit Engeln

hugostamm am Samstag den 14. April 2007

Der Mensch ist auf den Engel gekommen. Die gefiederten Fabelwesen bevölkern in den letzten Jahren den Himmel, das Universum und das menschliche Bewusstsein wie schon lang nicht mehr. Der Engel ist wieder der beste Freund des Menschen geworden und rangiert wohl direkt hinter dem Hund an zweiter Stelle.

Die Renaissance der himmlischen Boten verdankt die moderne Zivilisation dem Esoterikboom. Die christlichen, vor allem katholischen Gesandten des Himmels haben Konkurrenz von den Flatterwesen aus dem spirituellen Universum erhalten. Engel sind bei spirituellen Suchern voll im Trend. Es gibt Engelläden, in denen die himmlischen Heerscharen in allen Farben und Formen schillern. Im Gegensatz zu den christlichen Engeln sind die esoterischen Helfershelfer der Menschen universale Geistwesen mit göttlichen Fähigkeiten.

Wie lässt sich die neue emotionale Bindung des Menschen an den Engel erklären? Die Esoterik reduziert das komplexe Weltbild auf einfache Erklärungsmuster. Das Universum ist eigentlich nur Energie, das menschliche Verhalten folgt dem Gesetz von Aktion gleich Reaktion oder der Grundregel Ursache und Wirkung. Die Sehnsucht nach der Simplifizierung der Realität bestimmt das Bewusstsein vieler Esoteriker und Gläubigen.
Engel befriedigen genau diese Sehnsucht. Sie sind die Metapher für einen allmächtigen Schutzgeist, der mich an der Hand nimmt und mich sicher durch die Stürme des Lebens führt. Er nimmt mir die Verantwortung ab und schützt mich vor den vielfältigen Gefahren. Ich muss ihn nur erkennen, ihn annehmen, mich ihm anvertrauen und an seine Wunderkräfte glauben. Und natürlich mit spirituellen Ritualen einen Kanal zu ihm bauen. Glauben viele spirituellen Sucher, wie ein Blick in die Engelregale der Buchhandlungen zeigt.

Psychologen würden den Vorgang als Regression bezeichnen. Tatsächlich muss ich den geistigen Zustand eines Kindes annehmen, um an das simplifizierende Symbol des allmächtigen Engels glauben zu können. Esoteriker und strenggläubige Katholiken würden antworten, es sei ein spiritueller Reifeprozess, wieder das Bewusstsein eines Kindes zu erlangen und sich ganz Gott – oder dem Engel – anzuvertrauen. Im kindlichen Gemüt könne sich der reine und unverfälschte Glauben entwickeln, glauben sie.
Einmal mehr prallen psychologische Erkenntnisse und Glaubensgrundsätze hart aufeinander. Lassen sich vielleicht die beiden Gegensätze vereinbaren? Frei nach dem Motto: Im Alltag die Erkenntnisse, bei der Meditation oder im Gebet die kindlichen Paradiesvisionen?

Ich glaube, dass sich die beiden Positionen zu sehr beissen, als dass sie sich friedlich nebeneinander ins Bewusstsein integrieren liessen. Wer bildhaft an schützende Engel und ihre Wunderkräfte glaubt, muss auch im Alltag die Realität ausblenden, weil sonst sein göttlicher Begleiter beim Aufprall an der Wand der Realität wie ein Glasengel zersplittern würde. Der Gläubige würde dauernd Situationen und Begebenheiten wahrnehmen, die sich nicht mit dem Bild von beschützenden und rettenden Engeln vereinbaren liessen. Nur durch destruktive Autosuggestion, die die Qualität einer radikalen Verdrängung annimmt, können eine differenzierte Realitätswahrnehmung und der Glaube an Engel nebeneinander existieren. Dabei nimmt die Seele Schaden. Ob die Engel diesen wieder richten können?

Ein Fallbeispiel aus dem Engelbuch „Engel – Helfer auf leisen Sohlen“ des Arztes H. C. Moolenburgh soll verdeutlichen, was ich mit Regression bezeichne, die zum Aberglauben führt. Eine 50-jährige Frau fährt mit ihrem Auto über eine Kreuzung. Unerwartet rast von links ein Lastwagen auf sie zu. „Dann geschah plötzlich etwas Unglaubliches“, schreibt der Arzt und Autor wörtlich. „Der Lastwagen wurde durchsichtig, fuhr geräuschlos durch ihr Auto hindurch, erschien dann wieder in seiner ganzen Schwere an der andern Seite ihres Autos und fuhr einfach weiter. Man könnte fast von einer Dematerialisierung und einer Rematerialisierung sprechen.“

Wer hat das Wunder gerichtet? Natürlich der Engel der Autofahrerin.

Zerbröckelte Utopien

hugostamm am Freitag den 16. März 2007

Was war das doch für eine Aufbruchstimmung! Hippie-Zeit, Flower-Power, 68er-Auftstand. Wir wollten die Welt aus den Angeln heben. Entschlacken. Umkrempeln. Den Mief der Nachkriegsjahre abstreifen, die Prüderie unserer Eltern überwinden. Die verkrusteten bürgerlichen Politiker und Parteien in die Wüste schicken.

Wir glaubten an die Möglichkeit der radikalen Veränderung. Wir wollten der Welt ein menschliches Antlitz verpassen. Gerechtigkeit sollte herrschen, die Armut überwunden werden. In einem beispiellosen Rausch entwickelten wir Utopien.

Dabei wollten wir die wissenschaftlichen Erkenntnisse und technischen Fortschritte nutzen. Maschinen und Roboter sollten die Arbeiter von den Fliessbändern verbannen. Die Menschen sollten Zeit bekommen, um sich zu bilden und mit Kultur zu befassen. Die Würde des Einzelnen stand im Zentrum. Bei den Anhängern der Frankfurter Schule ging es um die geistige Entwicklung, bei den Vertretern des New Age um die spirituelle. Das Musical „Hair“ beschwor erfolgreich den „aquarius“ (Wassermann), das kommende Wassermannzeitalter, das die neue spirituelle Phase einläuten würde. Marilyn Ferguson mit ihren Kultbüchern „Die sanfte Verschwörung“ und „Wendezeit“ sowie Fritjof Capra mit „Das Tao der Physik“ holten die spirituelle Fraktion der „sanften Revolutionäre“ ab.

Wir träumten vom Sieg des Seins über das Haben. Von der Überwindung der Armut dank technischer Fortschritte und besserer Möglichkeiten der Verteilung. Mit Altruismus wollten wir den Egoismus ausmerzen. Emanzipation und Selbstbestimmung sollten den „neuen Menschen“ hervorbringen. Es gab keine Grenzen im Denken und Fühlen. Der Gemeinsinn sollte uns aus der Isolation befreien und uns die Ängste nehmen. Manche träumten vom medizinischen Fortschritt, der alle Krankheiten besiegen und den Jungbrunnen ermöglichen würde. Der Tod war kein Thema, wir konzentrierten uns nur auf das Leben. Mit sanften und alternativen Energien wollten wir die Welt säubern.

Was ist aus unseren Träumen von damals geworden? Wo ist das ganzheitliche Bewusstsein, das die New-Age-Anhänger beschworen hatten, stecken geblieben? Was ist von den politischen Utopien vom kollektiven Verantwortungsbewusstsein geblieben?

Unsere Visionen von damals erscheinen nur noch als pubertäre Schwärmerei. Egoismus und Rückzug ins vermeintlich private Glück bestimmen den Lauf der Welt. Wer Utopien entwickelt, erntet ein müdes Lächeln. Heute ist man realistisch, effizient, zweckorientiert. Utopien lenken von den Zielen ab. Fast scheint es, als ob der Sozialdarwinismus die neue Ideologie sei.

Bezeichnend ist auch, dass selbst in der Kultur jeder Hang nach Visionen und Zukunftskonzepten verpönt scheint. Theater, Literatur, Musik haben sich Utopien abgeschminkt. Visionen werden als Kitsch empfunden.

Haben wir versagt, dass alle Konzepte für eine bessere Zukunft auf der Geschichtshalde gelandet sind? Dass Atomkraftwerke plötzlich wieder salonfähig werden? Dass die Aufbruchstimmung untergegangen ist? Oder waren wir einfach nur depperte Schwärmer?

Fast hätte ich es vergessen: Es gibt noch Orte der grossen Töne, Hoffnungen, Visionen und Konzepte: Die Sekten. Doch merken die Anhänger nicht, dass die Gurus mit ihren Indoktrinationsmethoden und Regelwerken ihre eigenen Ideale und Utopien pervertieren.