Sind Gläubige die fantasievolleren Menschen? Oder neigen sie eher zum Wahnsinn als Skeptiker?
Spannende Erkenntnisse dazu hat der Neurowissenschaftler Peter Brugger gemacht, der den Glauben an das Übersinnliche erforscht. Die Quintessenz: Gläubige und Esoteriker ticken tatsächlich anders als nüchtern empfindende Menschen. So jedenfalls erklärte esBrugger meiner Kollegin Monica Müller in einem Interview. Hier Ausschnitte davon:
Herr Brugger, ich habe kürzlich von einer Schulkollegin geträumt, die ich 25 Jahre nicht gesehen habe. Am folgenden Tag bin ich ihr begegnet. Wie beurteilen Sie das?
Man könnte das nüchtern hochrechnen. Wie oft erleben Sie das? Und wie oft träumen Sie von Menschen und dann passiert nichts? Rechnen Sie das aus und vergleichen Sie es mit den Erfahrungen anderer. Das Ergebnis würde zeigen, dass ihr Erlebnis so normal ist, wie wenn Sie im Lotto gewinnen würden. Es gewinnt immer einer. Für den Glücklichen ist das natürlich einmalig, unglaublich. Aber statistisch gesehen, muss es passieren.
Beim Lotto spricht man von Glück, nicht von Vorahnung oder Telepathie. Warum?
Das Lottospiel haben wir unter Kontrolle, wir mischen die Bälle. Aber was im Leben passiert, das haben wir nicht im Griff. Es gibt Leute, die stellen zwischen banalen Zufällen des Alltags bedeutungsvolle Bezüge her – im Fachjargon « Schafe » – und andere, die tun das nicht – das sind « Ziegen ».
Sie erforschen die Glaubens- und Denkmuster von « Schafen » und « Ziegen ». Worin unterscheiden die sich?
« Schafe » assoziieren weiter, denken ungebremster. Wer mehr um die Ecke denkt, erlebt auch mehr bedeutungsvolle Zufälle, weil diese ihm oder ihr auffallen. Wer so veranlagt ist, hat dann auch eher das Bedürfnis, den Bezügen, die ihm auffallen, eine Bedeutung zu verleihen und sie nicht als reinen Zufall abzutun.
Warum haben viele Mühe mit dem Zufall?
Weil unser Wahrnehmungssystem darauf getrimmt ist, Regelmässigkeiten zu entdecken.
Haben Menschen, die schneller ein Muster entdecken, auch ausserhalb der Savanne einen Vorteil?
Sie haben die Veranlagung, kreativer zu sein. Wer kreativ denkt, sieht Zusammenhänge zwischen Dingen, die offensichtlich nicht verwandt sind. Nur wer alte Muster durchbrechen kann, kann auch Neues schaffen. Diese Veranlagung bringt « Schafe » aber nicht bloss in die Nähe der Kreativität, sondern auch des Wahns. Es ist eine alte Einsicht, dass Genie und Wahnsinn nahe beieinander sind. Mit unserer Forschung können wir aufzeigen, dass der Ähnlichkeit von Genie und Wahnsinn nüchterne Verarbeitungsschritte im Hirn zu Grunde liegen. Ich wehre mich aber genauso dagegen, das übersinnliche Denken als krankhaft einzuschätzen, als es für ausschliesslich kreativ zu halten.
Wo verläuft die Grenze zwischen kreativen Gedankenketten und krankhaften Vorstellungen?
Ein schizophrener Patient kann schon beim Lesen des Menüs im Restaurant in Panik ausbrechen. Seine Gedankenkette beim Wort «Spaghetti» bricht nicht bei Italien ab, sondern er denkt weiter an «Mafia» und verlässt das Restaurant in Panik. Ein Schizophrener zieht Schlüsse, die für Gesunde nicht nachvollziehbar sind.
Warum werden Menschen, die von Telepathie, Hellsehen oder Vorahnungen berichten, oft belächelt? Kreativität ist doch gefragt.
Wir machen uns über die Ausgeburten lustig, mit denen oft einfach viel Geld gemacht wird. Man darf Esoterikern nicht unterstellen, dass sie alles glauben, was sie verkünden. Der Hellseher und Zukunftsberater Mike Shiva beispielsweise ist ein hoch assoziativer, cleverer Typ. Ich glaube nicht, dass er alles glaubt, was er sagt. Wenn er anderen damit aber wirklich helfen kann, warum nicht? Für ihn ist seine Beratung ein florierendes Geschäft, für die Klienten wirkt das wie Placebo. Mich interessiert, wie ein Placebo wirkt oder wie esoterisches Denken zu Stande kommt. Ich will nicht darüber streiten, ob es diese Dinge wirklich gibt.
Glauben Sie an den Zufall?
Der Zufall ist keine aktive Kraft, sondern eine abstrakte statistische Grösse. Auch ich glaube also an den Zufall, aber eher im Sinne eines Begriffes, der die Abwesenheit von lenkenden Kräften meint. Der Esoteriker glaubt zwar auch an den Zufall, misst ihm aber übersinnliche Kraft bei. Für Kreationisten und religiöse Fanatiker wiederum bedeutet das Wort «Zufall» nichts anderes als Gotteslästerung – das hatte schon Lessing erkannt.
Wie kamen Sie zu Ihrem Gebiet?
Als Jugendlicher glaubte ich an Telepathie und wollte wissen, wie diese funktioniert. Ich fand in meinen Tests nichts, das darauf hindeutet, dass jemand besser abschnitt als der Zufall, und sah ein, dass es nicht einfach ist, übersinnliche Phänomene wissenschaftlich zu erfassen. Die Verbindung zwischen Gläubigkeit und Hirntätigkeit eröffnet neue Welten.
Dann waren Sie einmal ein « Schaf ».
Ich bin ein konvertiertes « Schaf ».
Waren Sie als « Schaf » glücklicher?
Ich müsste, denn ich vertrete ja die Theorie, dass Gläubige die genussfähigeren Menschen sind. Persönlich verstehe ich mich blendend mit moderaten Esoterikern, sie sind viel aufgestellter als die ewig nörgelnden Skeptiker, die sich meist nicht einmal die Mühe machen, etwas überhaupt zu hinterfragen. Aber intellektuell zähle ich mich schon zu den Skeptikern. Vielleicht gehöre ich irgendwie auch beiden Welten an. Sagen wir es so: Ich bin eine glückliche « Ziege ».
(Peter Brugger leitet die Abteilung Neuropsychologie an der Neurologischen Klinik des Universitätsspitals Zürich. Er erforscht seit 20 Jahren magisches Denken.)