Schweiz


Archiv für die Kategorie „Aberglaube“

Verhalten sich Freikirchen sektenhaft?

hugostamm am Freitag den 14. Oktober 2011

Auch ihre Geschichte ist eine Frage der Interpretation: Adam und Eva als nicht offizielle Playmobil-Figuren eines deutschen Pfarrers.

Reinhold Bernhardt, evangelischer Theologieprofessor an der Uni Basel, kritisierte in der christlichen Zeitschrift «Idea/Spektrum» die Freikirchen, speziell auch ihr Bibelverständnis. Die Kritik an den Freikirchen veranlasste Armin Mauerhofer, eine scharfe Entgegnung zu formulieren. Mauerhofer lehrt an der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule Basel, an der vor allem freikirchlich orientierte Gläubige studieren. Die Standpunkte der beiden Professoren zeigt, wie weit selbst bei Experten die Meinungen und Ansichten zum christlichen Glauben auseinanderdriften. Hier eine Zusammenfassung der Argumente der beiden Theologen.

Ausgelöst hat die Debatte in «Idea/Spektrum» ein Interview, das Bernhardt der «Badischen Zeitung» (Freiburg) gegeben hatte. Darin kritisierte der Basler Professor, Freikirchen verhielten sich teilweise sektenhaft und betrieben einen «Missbrauch der Bibel». Sie würden ausblenden, dass «zwischen der biblischen Überlieferung und heute 2000 Jahre liegen».

Weiter kritisiert Bernhardt, dass Freikirchen hoch selektiv mit der Bibel umgehen würden. Sie würden diejenigen Stellen herausgreifen, die in ihr Glaubensbild passten, «und sie dann nach dieser Formatvorlage auslegen». Dazu zitiert er den jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber: «Wer die Bibel wörtlich nimmt, der nimmt sie nicht ernst.»

Die Botschaften in vielen Freikirchen sind seiner Ansicht nach ziemlich schlicht. Ausserdem werde unterschwellig Angst geschürt, vom rechten Weg abzukommen. Sektenhaft würden Freikirchen, wenn Gemeindeleiter versuchten, die Gläubigen an ihre Gemeinde zu binden, etwa durch repressive Formen der Sozial-, Moral-, Glaubens- und Gesinnungskontrolle. Bernhardt warnt vor der «Verflachung der christlichen Botschaft zu einem religiösen Konsumartikel».

In seiner Entgegnung hält Armin Mauerhofer fest, dass es gar keine andere Möglichkeit gebe, «den tieferen Sinn der Bibel zu erfassen, als sie wörtlich zu verstehen». Wenn man sich davon löse, seien unendlich vielen spekulativen Auffassungen, wie der Text zu verstehen sei, Tür und Tor geöffnet. Durch die historisch-kritische Bibelauslegung würden heute Theologen den Sinn des Textes selber festlegen.

Dies kann laut Mauerhofer zu einer «existenzialen, feministischen, tiefenpsychologischen oder materialistischen» Bibelinterpretation führen. «Die Theologen sagen den Bibellesern, wie sie die Bibel zu verstehen haben», so der Professor, der selbst Pastor einer evangelikalen Freikirche ist. Dies führe letztlich zu einer Bevormundung.

Die schlichten Auslegungen des göttlichen Wortes in den Freikirchen seien ihm lieber als die selbst gebastelten theologischen Auffassungen in vielen Kirchen, mit denen niemand etwas anfangen könne. Gerade deshalb seien heute, so Mauerhofer, viele Kirchen leer.

Maya: Kein Weltuntergang in Sicht

hugostamm am Sonntag den 21. August 2011
Der Weltuntergang ist abgeblasen: Illustration der Kollision von Mond und Erde.

Der Weltuntergang ist abgeblasen: Illustration einer möglichen Kollision von Mond und Erde.

Obwohl der Maya-Kalender ausläuft, besteht kein Grund zur Panik, sagten vier Nachfahren der Maya gestern im Zürcher Kongresshaus. Dann beteten sie zusammen, damit die Welt schneller heil wird.

Das Zürcher Kongresshaus war am Donnerstagabend fest in der Hand von Esoterikanhängern. Die spirituellen Sucher füllten den grossen Saal und harrten vier Stunden aus, um von Maya-Ältesten zu erfahren, was es mit dem ominösen Datum vom 21. Dezember 2012 wirklich auf sich hat. An diesem Tag läuft einer der Maya-Kalender aus, verbunden mit apokalyptischen Katastrophen. So verkünden es zumindest viele Endzeitpropheten und Esoteriker. So suggeriert es auch der Untergangsthriller «2012» von Starregisseur Roland Emmerich.

In einem Punkt waren sich die vier Maya-Ältesten Juan Camaja, Cutzal Mijango, Elizabeth Araujo und Vilma Cristina aus Guatemala und El Salvador einig: Die Welt wird Ende nächsten Jahres nicht untergehen, wenn die 5200-jährige Epoche endet. Die Zeitrechnung beginne einfach wieder von vorn. Einig waren sich die Nachfahren der Maya auch, dass grosse Veränderungen anstehen. Die Menschheit werde sich auf neue spirituelle Werte besinnen und einen Weg in die Harmonie finden.

Um die Entwicklung zu beschleunigen, beteten die Kongressbesucher gemeinsam zum Schöpfer des Universums; auf Geheiss von Elizabeth Araujo gaben sie sich alle die Hände.

Liebe, Harmonie, Kosmos

Der Informationsgehalt der Reden der vier Maya, die von Esoterikveranstaltung zu Esoterikveranstaltung gereicht werden, hielt sich in Grenzen. Auch ihre spirituellen Botschaften blieben auf einer bescheidenen Ebene stecken: In jedem zweiten Satz war unspezifisch von Liebe, Harmonie, spiritueller Energie und Kosmos die Rede. Die Hunderten von Zuhörern warteten vergeblich auf die versprochenen neuen Fakten über den Zeitbegriff der Maya, ihre 20 Kalender, ihre Tradition und Kulturen. Das lag wohl daran, dass die ursprünglichen Maya vor 1000 Jahren ausgestorben sind und nur wenige Zeugnisse hinterlassen haben. Ausserdem wurden ihre Hieroglyphen erst um 1980 von westlichen Forschern entziffert.

Das hielt Grandmother Elizabeth Araujo nicht davon ab, die Gelehrten zu kritisieren und ihre Vorfahren zu verklären. Es stimme nicht, dass ihre Ahnen Menschenopfer dargebracht hätten. Diese seien sanfte, spirituell hoch entwickelte Wesen gewesen. Ihre Weisheit kehre in unseren Tagen zurück, ihre Prophezeiungen von einer harmonischen Welt würden sich nun erfüllen. Als Quelle ihrer Erkenntnisse gab sie mündliche Überlieferungen an. Nur: Die Nachfahren der Maya interessierten sich über Jahrhunderte nicht um die Traditionen ihrer Ahnen. Wohltuend aus dem Rahmen fiel Cutzal Mijango. Er prangerte die Unterdrückung der Maya-Nachfahren in Guatemala an. «Wir sind bei uns zu Hause nichts wert», sagte er, «in den Schulbüchern wird behautet, die Maya existierten überhaupt nicht.»

Vilma Cristina erklärte, ihr gesticktes Kopftuch stelle eine Schlange mit Flügeln dar und schaffe eine Verbindung von den Haaren zum Kosmos. Dies gebe einer Frau Kraft. Würde sie die Haare schneiden, gehe die kosmische Energie verloren. Für ihre Spiritualität sei es wichtig, dass sie den Kalender ihrer Vorfahrern benutzen könnten. Schade nur, dass die unterprivilegierten Maya, von ihren Landsleuten abschätzig Indios genannt, den Kalender kaum kennen.

Aliens im Anflug auf die Erde

hugostamm am Donnerstag den 4. August 2011
Die Sehnsucht nach Aliens ähnelt der Sehnsucht nach Gott: Imaginierte Ufo-Landung.

Die Sehnsucht nach Aliens ähnelt der Sehnsucht nach Gott: Imaginierte Ufo-Landung.

Erich von Däniken ist einer der erfolgreichsten Schweizer Autoren – zumindest wenn man den Erfolg an den Auflagen misst. Er beweist, dass die Frage nach ausserirdischem Leben viele Menschen fasziniert. Der Gründer des Mysteryparks in Interlaken – für einmal keine Erfolgsstory – sucht in alten Kulturen Dokumente, Monumente und Spuren, die seine These stützen, dass früher Aliens oder ETs unseren Planten besucht haben. Das sind zwar reine Spekulationen, doch von Däniken liefert zumindest interessante archäologische Hinweise. Die grosse Gemeinde der Ufo-Fans klammert sich dagegen nur an unscharfe Fotos von vermeintlichen fliegenden Untertassen und an «Erfahrungsberichte» von Menschen, denen Aliens im Schlaf begegnet sind.

Sind die Spekulationen über ausserirdisches Leben reine Phantasmen? Kaum. Allein die Wahrscheinlichkeitsfrage zeigt, dass Leben auf andern Gestirnen möglich ist. In unserem Sonnensystem existieren mehrere hundert Milliarden Sterne. Und es gibt Milliarden von Galaxien. Es ist fast nicht denkbar, dass da draussen im All nicht irgendwo Leben entstanden ist, denn es gibt mit Sicherheit viele Gestirne, die ähnliche Lebensbedingungen aufweisen wie die Erde.

Die Frage ist nur: Was für ein Leben? Ufo-Fans und von Däniken gehen von menschenähnlichen Aliens aus. Als Menschen können sie nicht anders, als sich die Ausserirdischen nach ihrem Ebenbild zu schaffen. Es ist das gleiche Phänomen wie bei den monotheistischen Religionen: Die Menschen haben Gott auch nach ihrem Ebenbild geschaffen.

Ausserirdisches Leben kann sich aber auch nach ganz anderen Kriterien entwickeln. Vielleicht ist es ein Leben, das auf andern chemischen Bausteinen beruht, das nicht auf Kohlenstoff basiert und nicht auf Zellen aufbaut. Vielleicht funktioniert die Energieversorgung nicht über eine Lichtquelle oder einen Stoffwechsel. Vielleicht sind es Wesen ohne Bewusstsein, die nur «niedrige» Lebensformen entwickeln. Vielleicht haben die Aliens zehn Köpfe oder bestehen nur aus einem Hirn.

Früher suchten die Ufo-Gläubigen ihre Artgenossen auf dem Mond oder einem unserer Planeten. Astronomie und Weltraumforschung haben ihre Illusionen zerstört: Hochentwickeltes Leben ist da nicht zu finden, weil es kein Wasser gibt oder weil es zu heiss oder zu kalt ist. Als die Wissenschafter immer weiter ins All vordrangen und keine Anzeichen von Leben fanden, mussten die «Ufo-Forscher» ihre stümperhafte Suche ausweiten.

Dabei verstrickten sie sich in einen unlösbaren Widerspruch: Wie kann ein Alien nachts eine Frau in ihrem Bett vergewaltigen – das ist ein reales Beispiel, das Ufo-Gläubige immer wieder kolportieren -, das eigentlich Hunderte von Lichtjahren entfernt wohnt? (Es wäre zumindest ein aufwändiges Sexabenteuer.) Wie sollen Ausserirdische uns Menschen entführen? Das alles ist Stoff für die Verschwörungstheoretiker, die behaupten, Regierungen würden Fakten unterdrücken, die den Besuch von Ausserirdischen beweisen würden.

Ufo-Fans bleiben bei allen wissenschaftlichen Erklärungen bei ihren Spekulationen und greifen zu kuriosen Ausflüchten: Ausserirdische werden sehr alt; Fremde Intelligenzen haben technische Möglichkeiten entwickelt, um mit Lichtgeschwindigkeit zu uns reisen; sie überwinden endlose Distanzen durch Bilokation oder Entmaterialisation.

Das alles ist Humbug. Auch von Däniken hat keine plausible Erklärung, wie die Aliens früher zu uns gekommen sein sollen. Er glaubt, dass unsere Vorfahren aus der Steinzeit in den Aliens Götter gesehen haben. Und Götter haben bekanntlich eine unerschöpfliche Trickkiste.

Fazit: Viele Menschen lassen sich nicht von Vernunft und Verstand leiten, wenn es um religiöse, pseudoreligiöse, spirituelle Fragen oder Science-Fiction-Ideen geht. Dann bestimmen Sehnsüchte, Ängste, Hoffnungen und Erwartungen das «Denken». Viele Menschen werden Spielball unbewusster Kräfte und erleiden Wahrnehmungsverschiebungen und Realitätsverluste. Wer sich in Scheinwelten flüchtet, ist manipulierbar und droht, die geistige Autonomie zu verlieren.

Showheilung im Hallenstadion

hugostamm am Dienstag den 7. Juni 2011

Die meisten religiösen und spirituellen Heilstheorien und Glaubenskonzepte befassen sich intensiv mit dem Thema Krankheit und Heilen. Krankheiten passen schlecht ins Bild einer von Gott oder einer geistigen Hierarchie bestimmten Ordnung. Deshalb müssen religiöse und spirituelle Führer der Krankheit eine religiöse Funktion zuordnen: Krankheit kann und darf kein Zufall sein in einer von Gott geschaffenen „guten“ Welt. Deshalb müssen Heilslehren eine Antwort geben: Weshalb werden Menschen krank? Welche Bedeutung hat das Leiden aus Sicht des Glaubens?

Krankheit auf eine körperliche Fehlfunktion zu reduzieren, wollen radikale Prediger, Geistheiler und Esoteriker nicht akzeptieren. Für sie hat das Leiden nicht nur eine physische oder psychosomatische Komponente, sie verknüpfen sie mit dem Glauben: Krankheiten sind eine Prüfung, eine Strafe, eine Chance, das Leben nach religiösen Prinzipien zu ordnen, wie wir bei der letzten Diskussion gesehen haben.

Ein klassisches Beispiel ist der deutsche Prediger und Missionar Reinhard Bonnke. Der Star unter den christlichen Heilern, der in Afrika schon vor einem Millionenpublikum Blinde angeblich sehend gemacht und Lahme zum Laufen gebracht hat, tritt am kommenden Samstag im Hallenstadion auf. Eingeladen hat ihn Leo Bigger, Chef des International Christian Fellowship ICF. Bigger leistet sich einen Grossevent zum 15. Geburtstag seiner charismatischen Freikirche, die inzwischen 40 Ableger hat. Indem Bigger Reinhard Bonnke einlädt, zeigt er sein wahre Gesinnung: Bonnke ist selbst in freikirchlichen Kreisen umstritten, denn seine „Heilungen“ sind zweifelhafte Shows auf Kosten von Kranken und Verzweifelten.

Heute Abend diskutiert der Club über Bonnke und Bigger, an der ich auch beteiligt bin: http://www.sendungen.sf.tv/club/Sendungen/Club

Einen guten Einstieg ins Thema bietet die Sendung Rundschau: http://www.videoportal.sf.tv/video?id=8bd2967b-2172-45c3-b508-fc488fbe093e

Quantenmedizin: Wissenschaftliche Methode oder Hokuspokus??

hugostamm am Donnerstag den 17. März 2011
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Die Grundlage der Quantenmedizin wird von einem amerikanischen Anbieter visualisiert.

Zur Praxiseröffnung schaltete der Zürcher Mediziner Matthias Wissler ein Inserat. Darauf sind geheimnisvolle Weiterbildungen aufgelistet: Matrix Energetics, EFT, CQM und Yuen-Methode. Es handle sich dabei um Quantenmedizin, steht im Begleittext – was nicht zufällig an Quantenphysik erinnert. Das hat Methode. Mit solch pompösen Begriffen geben sich alternative Therapien, die sich nicht wissenschaftlich verifizieren lassen, einen pseudowissenschaftlichen Anstrich. Heiler und Naturärzte suggerieren, ihre Therapien seien modern und wissenschaftlich revolutionär. Werden sie von einem Arzt wie Matthias Wissler angeboten, wird an ihrer Wissenschaftlichkeit kaum mehr gezweifelt.

Darauf setzt die deutsche Firma Quantendoc: «Quanten- und Informationsmedizin ist eine therapeutische Neuentwicklung, die auf den Erkenntnissen der Quantenphysik beruht», schreibt sie. Bakterien, Viren, Umweltgifte, Elektrosmog und psychosoziale Faktoren würden das Quantenfluktuationsfeld stören und verändern. Die Quantenmedizin spüre diese Hintergrundinformationen auf und lösche sie, wird behauptet. Dies ermögliche Heilungen bei chronischen und akuten Krankheiten.

Der virtuelle Doktor

Dann lässt Quantendoc die Katze aus dem Sack: Die Quantenmedizin habe sich aus der traditionellen chinesischen Medizin (TCM), Homöopathie und Bioresonanztherapie entwickelt. Das sind Alternativmethoden. Angereichert worden seien diese Therapien mit Forschung der russischen Raumfahrttechnologie, Quantenphysik, Biophotonenforschung, Zellbiologie usw.

Quantendoc bietet seine «Medizin» als eine Art Fernheilung «durch Informationstransfer auf dem Weg der Quantenphysik» an. Der virtuelle Doktor benötigt nur ein Foto, das Geburtsdatum, den Wohnort und eine kurze Beschreibung des Leidens. Ein Gesundheitsabo in der Testphase kostet ab 72 Euro pro Monat, also rund 95 Franken.

Was sagt der Zürcher Arzt Matthias Wissler dazu? «Diese Art der Medizin versucht sich durch quantenphysikalische Modelle zu erklären. Es geht im Grunde darum, auf der Informationsebene, im morphischen Feld einer Person, neue Möglichkeiten zu integrieren.» Wobei der Arzt betont, dass es sich um Modelle handelt, deren Wirksamkeit noch nicht schlüssig bewiesen wurde. «In der Praxis haben sich die Methoden jedoch bewährt – gerade auch in Kombination mit der Schulmedizin.»

Zum Umfeld der Quantenmedizin gehört auch die Matrix Energetics. An den Seminaren kann jedermann teilnehmen und erhält nach kurzer Ausbildung ein Diplom. Und das deutsche Institut Heede, das auch in Thalwil Seminare anbietet, ködert neue Kunden mit einem Erlebnisabend. «Erleben Sie selbst die universellen Energien.» Im Anschluss kann man das Seminar beginnen. Es gibt drei Level zu je zwei Tagen und 595 Franken pro Stufe. Und schon kann er sich eine neue Visitenkarte drucken lassen: Hans Muster, Quantenmediziner.

Aberglauben im Reich von Mao

hugostamm am Montag den 20. Dezember 2010
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Solange sie sich nicht zum Dalai Lama bekennen, haben sie keine Probleme: Buddhistische Mönche in China.

Auf meiner Reise durch Yunnan im Südwesten von China mache ich immer wieder überraschende Beobachtungen – auch was Religion und Glaube betrifft. Man würde meinen, Maos Kulturrevolution habe in den 1960er-Jahren seinem Milliardenvolk alles gründlich ausgetrieben, was nach Transzendentalem und Übersinnlichem riecht. Doch er hat sich wie Marx gründlich verrechnet: Gegen die archaisch verwurzelte Kraft des Glaubens sind Aufklärung und rationale Argumente in religiösen Fragen bei den Massen machtlos.

So begegne ich auf Schritt und Tritt Astrologen, Handlesern und Wahrsagern. Sie sitzen im Garten des mächtigen Stadttors von Jianshui, auf dem Markt von Yuanyang oder im Stadtzentrum von Kunming. Und sie werden fleissig frequentiert. Auch heute noch legen viele Chinesen wichtige Daten nach dem Rat der Wahrsager fest: Wann geheiratet, wann ein Geschäft gegründet oder wann das neue Auto gekauft wird. Der Aberglaube ist in der Volksseele verwurzelt und lässt sich nicht so schnell vertreiben. Der Gang zum Wahrsager ist ein gesellschaftlich verankertes Ritual. Schliesslich hat die Astrologie ihren Ursprung im Reich der Mitte. Und auch hohe Politiker, die sich dem Rationalismus und Kommunismus verschrieben haben, gehen bei privaten Problemen zum Wahrsager.

Für exotische Tiere ist der Aberglaube der Chinesen – und der Asiaten allgemein – eine Katastrophe. Das Horn des Nashorns gilt als besonders starkes Potenzmittel. Dabei könnten die Chinesen gerade so gut ihre eigenen Haare essen. Das gleiche Schicksal teilen die Elefanten. Bedrohte Tiere werden auch wegen ihren Hoden gewildert.

Aber auch seltene Reptilien müssen dran glauben. Auf einem Markt in Yuanyang hatte ein Quacksalber Riesenschlangen, Echsen, Krokodile und Schildkröten ausgestellt. Der Scharlatan verkaufte Fläschchen mit einer roten Flüssigkeit, die er aus dem Blut und vermutlich anderen Bestandteilen der Tiere gewonnen hatte. Er war umlagert, die Kunden durften probehalber den Saft einreiben: gegen Gelenkschmerzen, Hautprobleme, Kopfschmerzen und vieles mehr.

An vielen Türen kleben Bilder von Figuren, die die bösen Geister vertreiben sollen. Oder die Türrahmen sind entsprechend beschriftet.

Der Süden von Yunnan war lange Zeit Sperrgebiet für Touristen. Hier leben Minderheiten, die aus Tibet, Burma, Thailand und Laos eingewandert sind. Die chinesische Regierung kümmerte sich wenig um diese «Wilden», die isoliert lebten. Das änderte sich, als die Beamten das touristische Potenzial dieser Bergstämme entdeckte, die mit ihren kunstvollen Trachten, farbenfrohen Festen und schönen Dörfern eine Attraktion waren.

In allen grösseren Orten finden sich überraschenderweise buddhistische Tempel und kleine Klöster. Die Mönche bewegen sich frei in ihren gelb-rot-orangen Gewändern. So lang sie sich nicht zum Dalai Lama bekennen, scheint dies kein Problem zu sein.

Mehr Probleme haben die Christen. Ein junger Chinese outete sich mit ein paar Brocken Englisch verstohlen als Christ – aber erst, nachdem er sich vergewissert hatte, dass wir aus einem christlichen Land stammen. Tatsächlich sind hier viele christliche Missionare von Freikirchen unterwegs, die Tausende von chinesischen Bibeln ins Land schmuggeln und versteckt missionieren.

Von Falun Gong, einer spirituellen Bewegung, habe ich keine Spuren entdeckt. Die chinesische Regierung hat die Volksbewegung, die ebenfalls auf Aberglauben beruht, verboten. Falun Gong behauptet, den eingekerkerten Anhängern würden in den Gefängnissen Organe entnommen. Die Faktenlage ist dünn.

Ich reise zum dritten Mal in diesen Gegenden Chinas umher. Vor 20 Jahren lebten die Minderheiten noch isoliert, es gab kaum Fahrzeuge. Vor zehn Jahren tuckerten bereits klapprige Transportvehikel umher, und heute begegnet man Edelkutschen aus deutscher Produktion. Und der Bauboom ist abartig. Man findet höchstens noch auf entlegenen Märkten ein paar alte Frauen in den traditionellen Trachten. Doch bereits ihre Töchter kleiden sich nach den neusten Modetrends. Sie leben zwar in ärmlichen Holzhäusern, stöckeln aber in Highheels umher. Sie werden kaum je die schwere Arbeit in den Reisterrassen übernehmen. Die chinesische Jugend ist derart verwöhnt, dass man sich fragt, wer in Zukunft als Bauer oder Handlanger arbeiten soll. Fremdarbeiter aus Afrika? Ich vermute, dass China bald mit gesellschaftlichen Problemen zu kämpfen haben wird. Der Konsumrausch ist vermutlich stärker als jedes kommunistisches Programm.

Schläge von der Sektenführerin

hugostamm am Donnerstag den 18. November 2010

In einem Haus im aargauischen Dottikon spielten sich jahrelang schauerliche Szenen ab. Die spirituelle Beraterin M. S. (Initialen geändert), eine knapp 60 Jahre alte Esoterikerin, scharte im Lauf der späten 90er-Jahre eine Gruppe um sich und formte sie zu einer Sekte. Mit vielschichtigen Manipulationstechniken machte sie verzweifelte Ratsucherinnen – mehrheitlich Frauen – von sich abhängig und bestimmte ihr ganzes Leben.

Es begann harmlos mit esoterischen Beratungen und Fussreflexzonen-Massage. Dann bildete M. S. 1998 mit ihren Klientinnen eine Hexengruppe, in der sie Rituale und Meditationen durchführte. Eine Lehrerin konsultierte die Beraterin wegen Burn-out-Problemen. «Sie hat mir wie eine Hellseherin Sachen aus meinem bisherigen Leben erzählt, die mich staunen liessen», berichtet sie. Psychisch ging es ihr bald besser, sie schloss sich der Gruppe an. «Als M. S. vor etwa acht Jahren Schülerin des deutschen spirituellen Meisters OM Parkin wurde, begann sie sich zu radikalisieren», sagt die Lehrerin.

M. S. organisierte Seminare («Reise ins Ich»). «Ziel war die Überwindung des Egos, die Entwicklung der reinen Liebe, die Erleuchtung und Verbindung mit Gott», berichtet eine ehemalige Anhängerin.

Kontrollwahn nahm zu

M. S. mischte sich immer stärker ins Privatleben ihrer Anhänger ein. Ehepaare durften im Seminar nicht mehr im gleichen Zimmer schlafen, Sex wurde als triebhafte Begierde abgewertet, die den geistigen Aufstieg behindere. Bald begann M. S. auch, Ehepaare so vor der Gruppe zu kritisieren und demontieren, dass manche Beziehungen daran zerbrachen. Die Sektenführerin entwickelte einen Kontrollwahn. Bis hin zur Frisur, den Kleidern und Wohnungseinrichtung mischte sie sich ins Privatleben der Anhänger ein. Manche zogen nach Dottikon oder mieteten Wohnungen oder Häuser ihrer Meisterin. Vor den Seminaren, die oft bis Mitternacht dauerten, mussten sie Geld, Kreditkarten und Hausschlüssel abgeben. M. S. stellte so sicher, dass niemand abhauen konnte, erzählen ehemalige Teilnehmer.

«M. S. baute allmählich ein Angstregime auf», sagt ein Aussteiger, der den Fall zusammen mit andern Opfern der Zürcher Beratungsstelle Infosekta meldete. «Jeder überwachte jeden, alle denunzierten sich gegenseitig. Jede bekam eine Jahrespartnerin, die wichtiger war als der eigene Ehepartner», berichtet die Lehrerin. Die Sektenführerin jagte ihren Anhängern auch Angst ein: Wer aussteige, würde eine Krankheit erleiden oder verunfallen.

Wüste Schlägereien

Die Gewaltexzesse begannen damit, dass M. S. begriffsstutzige Anhänger wachrüttelte – im eigentlichen Sinn des Wortes. «Sie hatte immer häufiger cholerische Anfälle und ging auf Einzelne los. Bald hetzte sie Seminarteilnehmer aufeinander, es kam zu wüsten Schlägereien», erzählt eine Aussteigerin. Blaue Flecken seien die harmlosesten Verletzungen gewesen: «Ich wurde heftig gebissen, ein Mann erlitt einen Rippenbruch», berichtet ein Aussteiger. Auch M. S. erlaubte sich Übergriffe: «Sie sprang auf liegenden Anhängern herum, traktierte sie mit spitzen Schuhen oder schlug einmal wie von Sinnen mit den Absätzen ihrer Stöckelschuhe auf sie ein.» Mit den Schlägen sollte das Ego ausgetrieben und die spirituelle Entwicklung gefördert werden. Keiner der Anhänger hat es gewagt, M.S. bei der Polizei anzuzeigen. «Ich wollte längst aussteigen, hatte jedoch Angst, dass M. S. mir ihre Gruppe auf den Hals hetzt», sagt eine ehemalige Anhängerin. «Als die körperlichen Übergriffe immer brutaler wurden und eine Kollegin eingesperrt wurde, hielt ich es nicht mehr aus und wagte dann doch den Absprung.»

M. S., die weiterhin Seminare mit einer Gruppe von rund 20 Personen durchführt, war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Ein ausführlicher Bericht ist auf www.infosekta.ch zu finden.

Aberglauben macht dumm

hugostamm am Sonntag den 4. Juli 2010

England hat vergeblich gezittert. Andy Murray ist wieder einmal gescheitert. Diesmal im Halbfinal an Rafael Nadal. Und wieder einmal in Wimbledon, der weltbekannten Tennis-Stätte. Er hätte der 2. britische Champion nach mehreren Jahrzehnten werden sollen. Doch wieder wurde nichts.

Inzwischen haben sich die Medien daran gewöhnt, dass der talentierte Spieler im entscheidenden Moment nicht über sich hinauswachsen kann. Hatten sie ihn bei den letzten Grand Slams noch gnadenlos zerzaust, beschränkten sie sich diesmal weitgehend darauf, die Umstände zu beleuchten. Es sei allein seine Schuld, monierte die „Sun“. Erstaunlicherweise meinte das Blatt nicht den Akteur auf dem Platz, sondern David Beckham, den glamourösen Fussballstar, der im Publikum gesessen hat.

Verwundert reibt man sich die Augen. Hat Beckham etwa verlangt, dass Murray einen Fussball retournieren muss? Nein, die reine Anwesenheit von Beckham machte ihn zum Schuldigen. Er hat als Glücksbringer versagt, wie die „Sun“ schreibt. Und sie bittet den Star, dem bevorstehenden Cricketspiel England-Australien fernzubleiben. Sonst ereile das britische Team das gleiche Schicksal wie Murray.

Auch der „Telegraph“ hat Beckham als Übeltäter ausgemacht und bereits nach vorn geschaut zum Britisch Open der Golfer, dem nächsten Grossanlass für Einzelsportler. Die einheimischen Athleten würden beten, dass der Fussballer nicht an den Grossevent eingeladen werde.

Das ist Aberglauben und magisches Denken in Reinkultur, verbreitet durch Massenmedien, die sich eigentlich dem logischen Denken verpflichtet fühlen müssten.

Pech hatte nicht nur Andy Murray, Pech hatte auch unsere grösste Velo-“Batterie“ Fabian Cancellara. Wie schon im vergangenen Jahr musste er im Prolog (Zeitfahren) der Tour de France die Nummer 13 tragen. Letztes Jahr montierte er die Startnummer verkehrt aufs Shirt, damit die Zahl ihre Unglückswirkung nicht entfalten konnte. Und siehe da: Der schnelle Radfahrer gewann. Dieses Jahr verzichtete er auf den Trick – und gewann trotzdem.

Man mag solche Spielchen oder Gedanken der Medien und Sportler belächeln. Doch sie haben System. Sie sind Ausdruck für den weit verbreiteten Aberglauben und das magische Denken. Diese prägen das Bewusstsein der Massen, entfremden von logischem Denken und bestimmen ein Weltbild, das durchsetzt ist von abstrusen Vorstellungen und Denkmustern.

Man kann es auch so formulieren: Aberglauben und magisches Denken machen dumm. Viele Leute – Journalisten eingeschlossen – glauben lieber einen Stuss, als sich die Mühe zu nehmen, zwei Gedanken anzustellen.

Zum Beispiel: Hatte Beckham einen Einfluss auf die Flugbahn des Filzballes? Saugt er Murray Energien ab? (Wie Dracula das Blut?) Beeinflusste er die Sehschärfe oder das Reaktionsvermögen des Tennisspielers? Schliesslich entscheiden Spielstärke und Tagesform über Sieg und Niederlage und nicht die Farbe der Socken oder die Zusammensetzung des Publikums.

Ober bei Cancellara: Geht von der Zahl eine magische Kraft aus? Wenn ja: Woher stammt die Energie dazu? Von der Druckerschwärze? Dem Stoff? Der Zahlenkombination? Verliert die 13 die magische Kraft, wenn die Zahl verkehrt herum montiert wird? Warum hat er auch dieses Jahr gewonnen, obwohl er die 13 korrekt getragen hat?

Wer in nebensächlichen Lebensbereichen ein magisches Weltbild entwickelt, wird auch in wichtigen Bereichen Opfer des Aberglaubens. Politiker lassen sich bei ihren Entscheiden von abergläubigen Vorstellungen leiten, Eltern bei der Kindererziehung, Chefs bei der Führung ihrer Mitarbeiter usw.

So lang sich die Menschen weigern, ihre konditionierten Muster zu hinterfragen, wird die Welt weiterhin von irrationalen Entscheidungen und Lösungsversuchen geprägt. Das gilt zu einem guten Teil auch für den religiösen Glauben.

Das Klassentreffen der unheimlichen Patrioten

hugostamm am Samstag den 31. Oktober 2009

Krise und Klima der Verunsicherung fördern den Aberglauben und sind Wasser auf die Mühlen von Sektierern und Weltverschwörern. Diese nutzen die Gunst der Stunde und rotten sich immer mehr zusammen. Ausserdem wagen sie zunehmend den Schritt an die Öffentlichkeit. Wohin dies führt, habe ich in einem Artikel im Tages-Anzeiger vom 31. Oktober aufgezeigt:

Grosser Empfang für Weltverschwörer und Sektierer in der Olma-Halle: Stargast beim Anti-Zensur-Koalitions-Kongress ist Scientology-Boss Jürg Stettler.

Zum Kongress der Anti-Zensur-Koalition (AZK) von heute Samstag in St. Gallen hat der 53-jährige «Apostel» Ivo Sasek eingeladen. Der ehemalige Zürcher Automechaniker verbreitet mit seiner grossen, international tätigen Sekte Organische Christusgeneration (OCG) seit vielen Jahren Drohbotschaften. Nach biblischer Doktrin propagiert er beispielsweise die Züchtigung der Kinder mit der Rute. «Du errettest sein Leben», behauptet Sasek, «blutige Striemen schützen vor der Hölle.»

Sasek wurmt es seit langem, dass seine Gemeinschaft mit Sitz in Walzenhausen AR in der Öffentlichkeit als Sekte wahrgenommen wird und seine Anliegen in den Medien kaum Gehör finden. Deshalb startete er zusammen mit seiner Frau politische Aktionen und gründete die AZK. Aus dem Sektenumfeld stammt auch die Anti-Genozid-Partei (AGP), die gegen die staatliche Überwachung kämpft. Die AGP hatte Unterschriften für das Referendum gegen die biometrischen Pässe gesammelt. Die Partei ist überzeugt, dass die Bevölkerung bald mit implantierten Chips überwacht wird.

Die Anti-Zensur-Koalition hat sich in kurzer Zeit zu einem Forum für Sektierer entwickelt. Sasek organisiert regelmässig Konferenzen, die Hunderte Besucher anlocken. Die Stossrichtung lässt sich aus den Artikeln der «Anti-Zensur-Zeitung» ablesen. Es geht um die «tödlichen Mobilfunkstrahlungen», die «Nebenwirkungen der Homosexualität» («hohe Suizidrate, Depressionen, Ekel vor sich selber»), den Schwindel über die Klimaerwärmung, die neue Weltordnung und die Unfruchtbarkeit durch Gennahrung. In dieses Themenfeld passen auch antisemitische Töne. Die AZK-Zeitung zitiert einen Artikel der «Basler Nachrichten» vom 13. Juni 1946, wonach sich die Zahl der jüdischen Opfer im Zweiten Weltkrieg lediglich zwischen 1 und 1,5 Millionen bewegt habe. Ausserdem äussert das Blatt die Vermutung, dass die Schweinegrippe mithilfe der Gentechnik hergestellt worden sei und nun als militärische Waffe für biologische Kriegsführung diene.

Aufschlussreich ist auch die aktuelle Referentenliste. In der Olma-Halle wird Scientology-Chef Jürg Stettler erklären, «was Scientology wirklich ist». Weitere Redner werden den «Impf-Terrorismus» anprangern und gegen die Klimalügen wettern.
Warnung vor den Illuminaten

Bei einer früheren Konferenz in Chur propagierte Harald Baumann die «Germanische Neue Medizin» des Scharlatans Geerd Hamer, ein anderer Referent beschwor die drohende Eugenik und die neue Weltordnung, und die Impf-Kritikerin Anita Petek Dimmer vom Verein Aegis warnte vor den Impf-Gefahren. In einem weiteren Vortrag wurde die Gefahr der Illuminati, der geheimen Weltregierung, thematisiert.

Obwohl der Eintritt in die Olma-Halle gratis ist, zieht die AZK die Konferenz professionell auf. Die Referenten werden auf mehrere Leinwände projiziert und ihre Vorträge in verschiedene Sprachen übersetzt. Ein grosser Kamerakran kann Publikum und Vortragende effektvoll ins Bild rücken. Selbst die Verpflegung in den Pausen ist kostenlos. Moderiert werden die Grossveranstaltungen von Sektengründer Sasek persönlich. Ein grosses Orchester sorgt für einen würdigen Rahmen. Die eigens komponierte AZK-Hymne wird von sechs seiner zehn Kinder gesungen, wobei die Töchter in züchtigen langen Röcken auftreten.

Ralph Engel, Abteilungsleiter bei den Olma-Messen St. Gallen, stützt sich auf den Entscheid der Gewerbepolizei ab, die den Kongress bewilligt hat. «Wir halten uns aus der politischen und gesellschaftlichen Diskussion heraus», erklärt er. Er werde aber genau prüfen, ob die Veranstalter sektiererisch auftreten oder gegen Sitten und Gebräuche verstossen werden.

Lichtesser entlarvt

hugostamm am Sonntag den 26. Oktober 2008

Der Anthroposoph Michael Werner verkauft sich als biologisches Wunder. Bei Fernsehtalks wie «Aeschbacher» und Interviews erklärt er unermüdlich, sich seit sieben Jahren nur von Licht zu ernähren. Auch Flüssigkeit brauche er nicht zwingend. Trotzdem verliere er kein Gewicht und fühle er sich sehr vital. Er lebe von einer spirituellen oder ätherischen Energie, dem Prana. Hinweise für das Phänomen fand er auch bei Rudolf Steiner, dem Gründer der Anthroposophie.

Werner wollte beweisen, dass er ausschliesslich von Licht lebt. 2004 machte er in einem überwachten Spitalzimmer einen Selbstversuch, den die Kantonale Ethikkommission Bern bewilligt hatte. Der Chemiker ass zehn Tage lang keinen Bissen, trank aber ungesüssten Tee. Seine Körperfunktionen wurden permanent überwacht. Über seine Erfahrungen schrieb er 2005 das Buch «Leben durch Lichtnahrung». Darin erklärt Werner , man müsse darauf vertrauen, dass Licht als Entsprechung kosmischer Liebe alle materialistischen Verkrustungen aufbrechen könne.

Vernichtende Resultate

Eine Expertengruppe entlarvte diese Vorstellung soeben als Humbug. Von Lichtnahrung könne keine Rede sein, schreibt sie in ihrem Bericht. Die Resultate ergaben, dass Werner von den eigenen Körperreserven gezehrt hat. Der Stoffwechselzustand, der sich aus den täglichen Blutwerten ableiten lässt, zeigte, dass ein Hungerzustand eingetreten war. Die Körperfunktionen wurden ausschliesslich von den körpereigenen Fettreserven aufrechterhalten. Werner hat 2,6 Kilogramm abgenommen. Die Studie führt die relativ geringe Gewichtsabnahme darauf zurück, dass Werner schon vorher gefastet und den Stoffwechsel auf Sparprogramm umgeschaltet hatte. Auch die körperliche Leistungsfähigkeit nahm während des Selbstversuchs ab.

Werner erklärt, dass ihn die Resultate der Studie enttäuscht haben: «Ich habe nicht damit gerechnet.» Sie sei falsch angelegt worden, schliesslich ernähre er sich immer noch von Licht. Gleichzeitig bestätigt er, dass er gelegentlich ein wenig Schokolade esse. «Wenn man nun mit dem Finger auf mich zeigt und sagt: Der lügt, der spinnt, der betrügt, dann ist das okay, dann kann ich damit leben.»

Tatsächlich geben die meisten Lichtesser zu, dass sie kalorienhaltige Flüssigkeiten wie Bouillon oder Fruchtsäfte trinken. Wer seinen Körper auf Diät setzt, kann mit wenigen Kalorien überleben, wie Studien zeigen.

Beteiligt am Experiment war auch Peter Heusser, zuständig für Komplementärmedizin an der Uni Bern. Heusser hält das Phänomen des Lichtessens grundsätzlich für möglich, ist aber über das Resultat der Studie nicht enttäuscht. Streng wissenschaftlich könne man ja nur sagen, dass das Experiment unter den gegebenen Bedingungen nicht funktioniert habe. Heusser stellt die Glaubwürdigkeit von Werner infrage. Den Lichtnahrungsprozess hält er trotzdem für unverantwortlich.

Die Untersuchungen haben zweifelsfrei ergeben, dass der menschliche Organismus keine Kalorien aus Luft und Licht beziehen kann. Fazit der Studie: Wer den Lichtnahrungsprozess über längere Zeit durchführt, verhungert.

Die Idee von der Lichtnahrung setzte das Medium Ellen Greve mit dem Geistnamen Jasmuheen in die esoterische Welt. Heute distanziert sich die Australierin von ihrem Lichtnahrungsprozess, den Tausende Esoteriker absolviert haben. Der Grund: Mehrere Lichtesser haben die Kur (7 Tage ohne Flüssigkeit) nicht überlebt. Jasmuheen behauptet, sie selbst nehme seit 1993 keine Nahrung mehr zu sich. Bei einem Test brach die begleitende Ärztin den Versuch aber ab, weil Jasmuheen gefährlich ausgetrocknet war und rasch an Gewicht verloren hatte. Der ehemalige Basler Chefarzt Jakob Bösch propagiert das Lichtessen heute noch.

(Bei diesem Beitrag handelt es sich um einen Artikel, den ich am Samstag im Tages-Anzeiger veröffentlicht habe.)

Michael Werner