England hat vergeblich gezittert. Andy Murray ist wieder einmal gescheitert. Diesmal im Halbfinal an Rafael Nadal. Und wieder einmal in Wimbledon, der weltbekannten Tennis-Stätte. Er hätte der 2. britische Champion nach mehreren Jahrzehnten werden sollen. Doch wieder wurde nichts.
Inzwischen haben sich die Medien daran gewöhnt, dass der talentierte Spieler im entscheidenden Moment nicht über sich hinauswachsen kann. Hatten sie ihn bei den letzten Grand Slams noch gnadenlos zerzaust, beschränkten sie sich diesmal weitgehend darauf, die Umstände zu beleuchten. Es sei allein seine Schuld, monierte die „Sun“. Erstaunlicherweise meinte das Blatt nicht den Akteur auf dem Platz, sondern David Beckham, den glamourösen Fussballstar, der im Publikum gesessen hat.
Verwundert reibt man sich die Augen. Hat Beckham etwa verlangt, dass Murray einen Fussball retournieren muss? Nein, die reine Anwesenheit von Beckham machte ihn zum Schuldigen. Er hat als Glücksbringer versagt, wie die „Sun“ schreibt. Und sie bittet den Star, dem bevorstehenden Cricketspiel England-Australien fernzubleiben. Sonst ereile das britische Team das gleiche Schicksal wie Murray.
Auch der „Telegraph“ hat Beckham als Übeltäter ausgemacht und bereits nach vorn geschaut zum Britisch Open der Golfer, dem nächsten Grossanlass für Einzelsportler. Die einheimischen Athleten würden beten, dass der Fussballer nicht an den Grossevent eingeladen werde.
Das ist Aberglauben und magisches Denken in Reinkultur, verbreitet durch Massenmedien, die sich eigentlich dem logischen Denken verpflichtet fühlen müssten.
Pech hatte nicht nur Andy Murray, Pech hatte auch unsere grösste Velo-“Batterie“ Fabian Cancellara. Wie schon im vergangenen Jahr musste er im Prolog (Zeitfahren) der Tour de France die Nummer 13 tragen. Letztes Jahr montierte er die Startnummer verkehrt aufs Shirt, damit die Zahl ihre Unglückswirkung nicht entfalten konnte. Und siehe da: Der schnelle Radfahrer gewann. Dieses Jahr verzichtete er auf den Trick – und gewann trotzdem.
Man mag solche Spielchen oder Gedanken der Medien und Sportler belächeln. Doch sie haben System. Sie sind Ausdruck für den weit verbreiteten Aberglauben und das magische Denken. Diese prägen das Bewusstsein der Massen, entfremden von logischem Denken und bestimmen ein Weltbild, das durchsetzt ist von abstrusen Vorstellungen und Denkmustern.
Man kann es auch so formulieren: Aberglauben und magisches Denken machen dumm. Viele Leute – Journalisten eingeschlossen – glauben lieber einen Stuss, als sich die Mühe zu nehmen, zwei Gedanken anzustellen.
Zum Beispiel: Hatte Beckham einen Einfluss auf die Flugbahn des Filzballes? Saugt er Murray Energien ab? (Wie Dracula das Blut?) Beeinflusste er die Sehschärfe oder das Reaktionsvermögen des Tennisspielers? Schliesslich entscheiden Spielstärke und Tagesform über Sieg und Niederlage und nicht die Farbe der Socken oder die Zusammensetzung des Publikums.
Ober bei Cancellara: Geht von der Zahl eine magische Kraft aus? Wenn ja: Woher stammt die Energie dazu? Von der Druckerschwärze? Dem Stoff? Der Zahlenkombination? Verliert die 13 die magische Kraft, wenn die Zahl verkehrt herum montiert wird? Warum hat er auch dieses Jahr gewonnen, obwohl er die 13 korrekt getragen hat?
Wer in nebensächlichen Lebensbereichen ein magisches Weltbild entwickelt, wird auch in wichtigen Bereichen Opfer des Aberglaubens. Politiker lassen sich bei ihren Entscheiden von abergläubigen Vorstellungen leiten, Eltern bei der Kindererziehung, Chefs bei der Führung ihrer Mitarbeiter usw.
So lang sich die Menschen weigern, ihre konditionierten Muster zu hinterfragen, wird die Welt weiterhin von irrationalen Entscheidungen und Lösungsversuchen geprägt. Das gilt zu einem guten Teil auch für den religiösen Glauben.



Michael Werner
Schul-Spezial







