
Für Kant zeigte sich Gottgefälligkeit vor allem durch einen guten Lebenswandel und nicht durch «Religionswahn»: Ausschnitt eines Porträts von Immanuel Kant.
Den folgenden Impuls-Text hat Ruedi Schmid (Optimus) verfasst. Herzlichen Dank.
Das Phänomen beschäftigt die Menschen seit je: Wenn Gott sich offenbaren würde, wäre der ewige Streit um den richtigen Glauben ein für alle Mal gelöst. Er müsste nur an einem international übertragenen Anlass seinen Glauben verkünden. Warum uns Gott diesen Glaubensfrieden nicht gönnt, ist unverständlich. Entweder will er nicht, kann er nicht, oder er existiert nicht. Einstein hatte noch eine andere Erklärung dafür: «Gott kann man niemals verstehen, sondern nur sein Werk bewundern.»
Wenn Gott der Schöpfer ist, offenbart er sich durch sein Werk. Dabei funktioniert sein Werk ohne göttlichen Einfluss durch vorgegebene Naturgesetze. Auch Zufälle entstehen durch solche Naturgesetze, die lediglich wegen unpräzisen Faktoren keine Vorhersage ermöglichen. So ist beispielsweise eine gewürfelte Zahl durch die Ausgangslage des Würfels und die Wurfbewegung im Voraus bestimmt. Selbst das Argument von Aristoteles, dass es Gott als erste Ursache geben muss, ist durch die Entdeckung geschlossener Kausalitätsketten hinfällig.
Dazu Stephen Hawking: «Es passt vollkommen zu alldem, was wir wissen, wenn wir sagen, dass es ein Wesen gibt, das für die Gesetze der Physik verantwortlich ist.» Und zur Schöpfung sagte er: «Weil es ein Gesetz wie das der Schwerkraft gibt, kann und wird sich ein Universum selber aus dem Nichts erschaffen. […] Spontane Schöpfung ist der Grund, warum es statt dem Nichts doch etwas gibt, warum das Universum existiert, warum wir existieren.»
Die Wissenschaft ist sich einig, dass man mit der empirischen Methode, welche zu diesen Erkenntnissen führt, der Wirklichkeit am nächsten kommt. Das Problem ist nur, dass man dabei eine Wirklichkeit aufdeckt, die wir weder wahrnehmen noch verstehen können. Bereits die empirisch ermittelten Eigenschaften von Zeit, Raum und Materie sind für unseren Verstand völlig unbegreiflich. Viele Philosophen wie Aurelius und Kant haben das schon früh erkannt. Verhaltens- und Gehirnforschung erklären das folgendermassen: Der Mensch erlebt sich abgegrenzt von der Wirklichkeit in einer durch die Sinneserlebnisse selbst konstruierten Welt, an die er wegen des Selbstbewusstseins gefesselt ist. Wie sehr wir an diese selbstkonstruierte Wirklichkeit gebunden sind, zeigen die hartnäckigen Meinungsverschiedenheiten und Religionskriege.
Die Erkenntnis, dass wir die Wirklichkeit nicht verstehen können, hilft uns nun, andere Meinungen anzuerkennen und macht den Weg für Glaubensideologien frei, die zielbewusst das Leben verbessern. Dabei stellt sich die Frage: Ist ohne Gott überhaupt eine sinnvolle Vorstellung des Seins möglich? Ist ein sinnvoller Gottesglaube nicht besser als die wissenschaftliche Erkenntnis, nur ein unbedeutender, zeitlich begrenzter Teil des Universums zu sein, dazu einer mit mangelndem Verstand? Entsprechend befürwortete Kant den Gottesglauben als Prinzip der Vernunft, Pascal als Gewinn und Einstein folgendermassen: «Meine Religiosität besteht in einer demütigen Bewunderung des unendlich überlegenen Geistes, der sich in dem wenigen offenbart, was wir mit unserer schwachen und hinfälligen Vernunft von der Wirklichkeit zu erkennen vermögen.»
Nach Kant lässt sich die Welt am besten durch göttliche Gebote und Unsterblichkeit verbessern. Der Philosoph sagte aber auch unmissverständlich: «Alles, was ausser dem guten Lebenswandel der Mensch noch zu tun können vermeint, um Gott wohlgefällig zu werden, ist bloßer Religionswahn und Afterdienst Gottes.»
Für Pascal waren Himmel und Hölle entscheidende Gewinn-Kriterien. Einstein hingegen lehnte grundsätzlich Religionen der Moral, der Furcht und der Hoffnung ab: «Mögen schwache Seelen aus Angst oder lächerlichem Egoismus solche Gedanken nähren, der Mensch handelt nach äusserer und innerer gesetzlicher Notwendigkeit. Alles, was von den Menschen getan und erdacht wird, gilt der Befriedigung gefühlter Bedürfnisse sowie der Stillung von Schmerzen. Das ethische Verhalten des Menschen entsteht durch Mitgefühl, Erziehung und soziale Bindung und bedarf keiner religiösen Grundlage. Moral ist eine höchst wichtige Sache, aber für uns, nicht für Gott.» (Einsteins Aussagen zusammengefasst).
Spinoza war der erste Verfechter dieser Ethik, welche von den meisten Philosophen der Neuzeit übernommen wurde und von Verhaltens- und Gehirnforschung bestätigt wird. Er machte auch klar, dass durch rationales Denken dieses Ethikgefühl beeinträchtigt wird, weil sich dadurch die Wertschätzung vom Sozialen aufs Materielle verlagert, was der Zufriedenheit abträglich ist. Das wird besonders deutlich, wenn man sich vorstellt, ganz allein auf einer einsamen Insel zu leben. Da macht selbst der grösste Luxus nicht glücklich, und eine soziale Bindung wird zum höchsten Wunsch. Auch weil Frauen weniger rational denken, sind sie fürsorglicher als Männer. Dass sie dadurch zufriedener sind, zeigt die Suizidstatistik, die bei Frauen früher noch um das Sechsfache geringer war und durch die Emanzipation auf die Hälfte geschrumpft ist.
Kurz: Die Erkenntnis, dass wir die Wirklichkeit nicht verstehen können, beantwortet nicht nur die Ausgangsfrage, warum uns Gott im Ungewissen lässt, sondern fördert Toleranz und macht den Weg für einen Glauben der Vernunft frei. Dabei vermag der Gottesglaube unserem Sein einen schöneren Sinn geben, aber ethisches Verhalten entsteht durch soziale Bindung, welche allerdings durch den technischen Fortschritt an Bedeutung verliert. Dazu Einstein: «Es ist richtig, dass die Ergebnisse der Forschung den Menschen nicht veredeln und bereichern, wohl aber das Streben nach dem Verstehen.»













































