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Archiv für August 2011

Vertreiben die Philosophen Gott?

hugostamm am Montag den 29. August 2011
Das Denken soll durch nichts eingeschränkt werden: Diogenes bittet Alexander, aus der Sonne zu treten.

Das Denken soll durch nichts eingeschränkt werden: Diogenes bittet Alexander, aus der Sonne zu treten. (Gemälde: Nicolas Andre Monsiau, 1818).

Die Philosophie ist die Königin der Geisteswissenschaften. Sie versucht, das Leben, die Zeit, die Metaphysik, die menschliche Existenz und viele essentielle Fragen rund um Sinn, Moral und Ethik zu ergründen. Philosophie erfordert ein hohes Mass an Logik und abstraktem Denken, aber auch an emotionaler Kompetenz und Einfühlungsvermögen. Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie sind wichtige Pfeiler der Philosophie.

Philosophen haben das Bewusstsein der Menschheit geprägt wie kaum andere Wissenschaft. Griechische Denker hinterliessen uns ein geistiges Erbe, das unser Denken bis in die heutige Zeit prägt. Es waren die weisen Philosophen, die uns die Welt erschlossen und uns aus der geistigen Dunkelheit geführt haben. Philosophie heisst denn auch Liebe zur Weisheit.

In der Philosophie gibt es keine geistigen Grenzen. Alles, was gedacht werden kann, soll gedacht werden. Das Denken soll durch nichts eingeschränkt werden, Tabus darf es nicht geben. Deshalb ist es entscheidend, dass Philosophen geistig unabhängig sind und nicht im Dienst eines Systems, Interessenvertreters oder gar einer Ideologie stehen. Geistige Offenheit und Unabhängigkeit sind das wichtigste Gut der Philosophie.

Die Philosophie teilt sich verschiedene Themenbereiche mit der Theologie. Beide Disziplinen befassen sich mit der Sinnfrage, der Ethik, der Moral und der Metaphysik. Doch was Weisheit und Wissenschaftlichkeit betrifft, ist die Theologie arg im Hintertreffen.

Nehmen wir ein Beispiel: Sowohl die Theologie als auch die Philosophie befassen sich mit der Frage des Seins. Die Theologen stecken aber in einem geistigen Korsett. Ihr Weltbild und ihr Denken ist begrenzt durch eine religiöse Ideologie. Wo ein Gott im Spiel ist, legt sich das Denken Fesseln an. Wenn eine Form von Glauben das Bewusstsein prägt, wird die Logik oder die Wissenschaftstheorie eingeschränkt. Ich kann nicht glauben und gleichzeitig frei denken, weil der Glaube die Gedanken mehr oder weniger bewusst lenkt.

Ein Philosoph muss sich die Welt auch ohne Gott vorstellen können – und zwar bis zur letzten Konsequenz. Wer eine Welt ohne Glauben und Gott nur als Gedankenspiel oder Hypothese postuliert, kommt der Wahrheit nicht näher. Deshalb findet man unter den Philosophen mehr Weise und grosse Denker als unter den Theologen.

Warum haben denn Theologen – zu denen meist auch Geistliche zählen – mehr Einfluss als Philosophen? Die meisten Menschen wollen klare und einfache Antworten, um sich orientieren zu können. Philosophen stellen aber vor allem Fragen. Und wenn sie eine Antwort geben, ist sie meist so komplex oder kompliziert, dass man sich anstrengen muss, um den Sinn zu erkennen. Geistige Anstrengung ist leider kein Volkssport.

Die Mehrheit hält sich lieber an die Antworten der Theologen. Die sind einfach: Gott hat die Welt erschaffen und den Menschen auf die Erde gestellt, auf dass er ein gutes Leben führe und nach dem Tod in den Himmel komme. Somit sind die Fragen nach dem Woher, dem Wohin und dem Sinn endgültig beantwortet. Wozu braucht es da noch Philosophen, die unbequeme Fragen stellen oder sagen, Gott ist tot.

Maya: Kein Weltuntergang in Sicht

hugostamm am Sonntag den 21. August 2011
Der Weltuntergang ist abgeblasen: Illustration der Kollision von Mond und Erde.

Der Weltuntergang ist abgeblasen: Illustration einer möglichen Kollision von Mond und Erde.

Obwohl der Maya-Kalender ausläuft, besteht kein Grund zur Panik, sagten vier Nachfahren der Maya gestern im Zürcher Kongresshaus. Dann beteten sie zusammen, damit die Welt schneller heil wird.

Das Zürcher Kongresshaus war am Donnerstagabend fest in der Hand von Esoterikanhängern. Die spirituellen Sucher füllten den grossen Saal und harrten vier Stunden aus, um von Maya-Ältesten zu erfahren, was es mit dem ominösen Datum vom 21. Dezember 2012 wirklich auf sich hat. An diesem Tag läuft einer der Maya-Kalender aus, verbunden mit apokalyptischen Katastrophen. So verkünden es zumindest viele Endzeitpropheten und Esoteriker. So suggeriert es auch der Untergangsthriller «2012» von Starregisseur Roland Emmerich.

In einem Punkt waren sich die vier Maya-Ältesten Juan Camaja, Cutzal Mijango, Elizabeth Araujo und Vilma Cristina aus Guatemala und El Salvador einig: Die Welt wird Ende nächsten Jahres nicht untergehen, wenn die 5200-jährige Epoche endet. Die Zeitrechnung beginne einfach wieder von vorn. Einig waren sich die Nachfahren der Maya auch, dass grosse Veränderungen anstehen. Die Menschheit werde sich auf neue spirituelle Werte besinnen und einen Weg in die Harmonie finden.

Um die Entwicklung zu beschleunigen, beteten die Kongressbesucher gemeinsam zum Schöpfer des Universums; auf Geheiss von Elizabeth Araujo gaben sie sich alle die Hände.

Liebe, Harmonie, Kosmos

Der Informationsgehalt der Reden der vier Maya, die von Esoterikveranstaltung zu Esoterikveranstaltung gereicht werden, hielt sich in Grenzen. Auch ihre spirituellen Botschaften blieben auf einer bescheidenen Ebene stecken: In jedem zweiten Satz war unspezifisch von Liebe, Harmonie, spiritueller Energie und Kosmos die Rede. Die Hunderten von Zuhörern warteten vergeblich auf die versprochenen neuen Fakten über den Zeitbegriff der Maya, ihre 20 Kalender, ihre Tradition und Kulturen. Das lag wohl daran, dass die ursprünglichen Maya vor 1000 Jahren ausgestorben sind und nur wenige Zeugnisse hinterlassen haben. Ausserdem wurden ihre Hieroglyphen erst um 1980 von westlichen Forschern entziffert.

Das hielt Grandmother Elizabeth Araujo nicht davon ab, die Gelehrten zu kritisieren und ihre Vorfahren zu verklären. Es stimme nicht, dass ihre Ahnen Menschenopfer dargebracht hätten. Diese seien sanfte, spirituell hoch entwickelte Wesen gewesen. Ihre Weisheit kehre in unseren Tagen zurück, ihre Prophezeiungen von einer harmonischen Welt würden sich nun erfüllen. Als Quelle ihrer Erkenntnisse gab sie mündliche Überlieferungen an. Nur: Die Nachfahren der Maya interessierten sich über Jahrhunderte nicht um die Traditionen ihrer Ahnen. Wohltuend aus dem Rahmen fiel Cutzal Mijango. Er prangerte die Unterdrückung der Maya-Nachfahren in Guatemala an. «Wir sind bei uns zu Hause nichts wert», sagte er, «in den Schulbüchern wird behautet, die Maya existierten überhaupt nicht.»

Vilma Cristina erklärte, ihr gesticktes Kopftuch stelle eine Schlange mit Flügeln dar und schaffe eine Verbindung von den Haaren zum Kosmos. Dies gebe einer Frau Kraft. Würde sie die Haare schneiden, gehe die kosmische Energie verloren. Für ihre Spiritualität sei es wichtig, dass sie den Kalender ihrer Vorfahrern benutzen könnten. Schade nur, dass die unterprivilegierten Maya, von ihren Landsleuten abschätzig Indios genannt, den Kalender kaum kennen.

Bischof Haas erregt wieder die Gemüter

hugostamm am Freitag den 12. August 2011

Der Glaube mancher Geistlicher treibt gelegentlich seltsame Blüten und wirft kein besonders günstiges Licht auf die Vertreter Gottes. Hauptdarsteller dieser Geschichte ist Erzbischof Wolfgang Haas. Die Gläubigen der Diözese Chur haben ihn in den 1990er Jahren vergrault. Die Liechtensteiner, offenbar noch konservativer als wir Schweizer, gaben ihm 1997 Asyl. Seine guten Beziehungen zum Fürstenhaus dienten als Schmiermittel.

Das ging lang recht gut. Doch nun bringt Haas auch die liechtensteinische Seele zum Kochen. Pièce de restistance ist die Burg Gutenberg, die über einem Felsen von Balzers thront und zu den Wahrzeichen von Liechtentein gehört. Diese Burg beherbergt eine Kapelle. Ein idealer Ort zum Heiraten. In den letzten fünf Jahren wurde die Burg renoviert. Nun sollen Hochzeiten helfen, die teure Rennovation zu finanzieren. Doch jetzt stellt sich Haas quer. Er weigert sich nämlich, die Kapelle zu segnen und ihr das Gütesiegel der katholischen Kirche aufzudrücken.

Die Begründung lässt viele Liechtensteiner den Kopf schütteln. Unter ihnen sind auch viele, die bisher treu hinter ihrem erzkonservativen Hirten gestanden haben. Haas befürchtet, dass die grandiose Aussicht die Hochzeitsgäste vom eigentlichen Akt, der kirchlichen Trauung, ablenken könnte. Schliesslich gehe es nicht um ein Happening, sondern um eine Glaubenszeremonie, liess Haas verlauten.

Ähnlich argumentierte Haas, als er sich weigerte, am 15. August eine Feldmesse abzuhalten. Dann feiert Liechtenstein seinen Staatstag. Der Erzbischof meinte, die Vermengung eines gesellschaftlichen oder politischen Ereignisses mit einem Gottesdienst sei nicht statthaft.

Wahrscheinlich steckt ein anderer Grund hinter Haas’ Weigerung. Der Erzbischof schmollt ganz einfach. Er ist frustriert, weil Regierung und Fürstenhaus hinter dem Partnerschaftsgesetz gestanden haben und nun gar die Trennung von Kirche und Staat anstreben. Haas fürchtet um seinen Einfluss und seine Machtposition.

Apropos Segnung der Kapelle: Bisher haben sich katholische Geistliche selten geweigert, wenn es darum ging, alle möglichen Gebäude oder Gegenstände zu segnen. Unter ihnen finden sich Schützenhäuschen und Panzer. Was ums Himmels Willen soll denn gesegnet werden wenn nicht ein Kapelle?

Aliens im Anflug auf die Erde

hugostamm am Donnerstag den 4. August 2011
Die Sehnsucht nach Aliens ähnelt der Sehnsucht nach Gott: Imaginierte Ufo-Landung.

Die Sehnsucht nach Aliens ähnelt der Sehnsucht nach Gott: Imaginierte Ufo-Landung.

Erich von Däniken ist einer der erfolgreichsten Schweizer Autoren – zumindest wenn man den Erfolg an den Auflagen misst. Er beweist, dass die Frage nach ausserirdischem Leben viele Menschen fasziniert. Der Gründer des Mysteryparks in Interlaken – für einmal keine Erfolgsstory – sucht in alten Kulturen Dokumente, Monumente und Spuren, die seine These stützen, dass früher Aliens oder ETs unseren Planten besucht haben. Das sind zwar reine Spekulationen, doch von Däniken liefert zumindest interessante archäologische Hinweise. Die grosse Gemeinde der Ufo-Fans klammert sich dagegen nur an unscharfe Fotos von vermeintlichen fliegenden Untertassen und an «Erfahrungsberichte» von Menschen, denen Aliens im Schlaf begegnet sind.

Sind die Spekulationen über ausserirdisches Leben reine Phantasmen? Kaum. Allein die Wahrscheinlichkeitsfrage zeigt, dass Leben auf andern Gestirnen möglich ist. In unserem Sonnensystem existieren mehrere hundert Milliarden Sterne. Und es gibt Milliarden von Galaxien. Es ist fast nicht denkbar, dass da draussen im All nicht irgendwo Leben entstanden ist, denn es gibt mit Sicherheit viele Gestirne, die ähnliche Lebensbedingungen aufweisen wie die Erde.

Die Frage ist nur: Was für ein Leben? Ufo-Fans und von Däniken gehen von menschenähnlichen Aliens aus. Als Menschen können sie nicht anders, als sich die Ausserirdischen nach ihrem Ebenbild zu schaffen. Es ist das gleiche Phänomen wie bei den monotheistischen Religionen: Die Menschen haben Gott auch nach ihrem Ebenbild geschaffen.

Ausserirdisches Leben kann sich aber auch nach ganz anderen Kriterien entwickeln. Vielleicht ist es ein Leben, das auf andern chemischen Bausteinen beruht, das nicht auf Kohlenstoff basiert und nicht auf Zellen aufbaut. Vielleicht funktioniert die Energieversorgung nicht über eine Lichtquelle oder einen Stoffwechsel. Vielleicht sind es Wesen ohne Bewusstsein, die nur «niedrige» Lebensformen entwickeln. Vielleicht haben die Aliens zehn Köpfe oder bestehen nur aus einem Hirn.

Früher suchten die Ufo-Gläubigen ihre Artgenossen auf dem Mond oder einem unserer Planeten. Astronomie und Weltraumforschung haben ihre Illusionen zerstört: Hochentwickeltes Leben ist da nicht zu finden, weil es kein Wasser gibt oder weil es zu heiss oder zu kalt ist. Als die Wissenschafter immer weiter ins All vordrangen und keine Anzeichen von Leben fanden, mussten die «Ufo-Forscher» ihre stümperhafte Suche ausweiten.

Dabei verstrickten sie sich in einen unlösbaren Widerspruch: Wie kann ein Alien nachts eine Frau in ihrem Bett vergewaltigen – das ist ein reales Beispiel, das Ufo-Gläubige immer wieder kolportieren -, das eigentlich Hunderte von Lichtjahren entfernt wohnt? (Es wäre zumindest ein aufwändiges Sexabenteuer.) Wie sollen Ausserirdische uns Menschen entführen? Das alles ist Stoff für die Verschwörungstheoretiker, die behaupten, Regierungen würden Fakten unterdrücken, die den Besuch von Ausserirdischen beweisen würden.

Ufo-Fans bleiben bei allen wissenschaftlichen Erklärungen bei ihren Spekulationen und greifen zu kuriosen Ausflüchten: Ausserirdische werden sehr alt; Fremde Intelligenzen haben technische Möglichkeiten entwickelt, um mit Lichtgeschwindigkeit zu uns reisen; sie überwinden endlose Distanzen durch Bilokation oder Entmaterialisation.

Das alles ist Humbug. Auch von Däniken hat keine plausible Erklärung, wie die Aliens früher zu uns gekommen sein sollen. Er glaubt, dass unsere Vorfahren aus der Steinzeit in den Aliens Götter gesehen haben. Und Götter haben bekanntlich eine unerschöpfliche Trickkiste.

Fazit: Viele Menschen lassen sich nicht von Vernunft und Verstand leiten, wenn es um religiöse, pseudoreligiöse, spirituelle Fragen oder Science-Fiction-Ideen geht. Dann bestimmen Sehnsüchte, Ängste, Hoffnungen und Erwartungen das «Denken». Viele Menschen werden Spielball unbewusster Kräfte und erleiden Wahrnehmungsverschiebungen und Realitätsverluste. Wer sich in Scheinwelten flüchtet, ist manipulierbar und droht, die geistige Autonomie zu verlieren.