Schweiz

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Archiv für März 2011

Aus Mordlust getötet

hugostamm am Freitag den 25. März 2011
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Wäre er nicht einer von fünf Tätern, könnte man seine Verhalten als Tat eines Psychopathen erklären: Jeremy Morlock mit seinem Opfer. (Bild: «Spiegel»)

Der 22-jährige Jeremy Morlock ist von einem Militärgericht in Washington zu 24 Jahren Haft verurteilt worden. Der junge Soldat hat gestanden, aus purer Mordlust zusammen mit vier weiteren US-Soldaten drei unschuldige Afghanen getötet und verstümmelt haben. «Der Plan war, Leute zu töten», bestätigte Jeremy Morlock den gezielten Mord. Die fünf sollen aus purer Mordlust mit Gewehren und Granaten die Zivilisten getötet haben. Zuerst behaupteten sie, von den Afghanen angegriffen worden zu sein und in Notwehr gehandelt zu haben. (Die andern vier Soldaten warten noch auf ihren Prozess.)

Fotos entlarvten aber die Mörder. Sie hatten grinsend den Kopf eines getöteten jungen Bauernsohn am Schopf gepackt und sich gegenseitig abgelichtet. Danach schnitten die Soldaten ihrem Opfer einen Finger als Trophäe ab.

Man kann davon ausgehen, dass mindestens ein Teil der fünf Soldaten eine christliche Erziehung genossen haben und die zehn Gebote kennen. Man kann auch annehmen, dass sie auch schon etwas von sozialer Verantwortung gehört haben. Als Soldaten müssten sie auch über den militärischen Kodex aufgeklärt worden sein, dass Zivilisten geschützt werden müssen. Sie hatten sicher auch die Skandale von Abu Ghraib verfolgt und gewusst, dass ihre Tat der US-Armee massiv schaden und die afghanische Bevölkerung gegen die Soldaten aufbringen könnte.

Was treibt junge Menschen zu solchen Taten? Es ist wohl in erster Linie der Trieb, bei allen Tätigkeiten den Spass zu suchen und den Held zu spielen. Als Soldat im Krieg sind die Möglichkeiten begrenzt. Unterhaltung für adrenalingetriebene junge Männer gibt es in Afghanistan kaum. Sexuelle Eskapaden, bei denen man sich bestätigen kann, fehlt in einem muslimischen Land ohnehin. Der Krieg bestimmt den Alltag, Ablenkung finden die Soldaten fast nur in diesem ungesunden Biotop Armee.
Wäre Jeremy Morlock ein Einzeltäter, könnte man seine Mordlust als die Tat eines Psychopathen erklären. Bei fünf Komplizen sticht das Argument nicht.

Es scheint, dass hauptsächlich Lebensumstände Bewusstsein und Verhalten bestimmen. Ethische, moralische oder religiöse Werte sind Schönwetter-Instrumente. In besonderen Situationen bestimmen offensichtlich Triebe und Lustprinzip menschliches Verhalten. Die Natur ist stärker als die Kultur. Vielleicht schafft die Evolution in 500 Jahren eine Korrektur. Glaubensgemeinschaften hatten 1500 und mehr Jahre Zeit, Menschen zu zivilisieren. Sie haben es – wie die Zivilgesellschaften – nicht geschafft, weshalb wir auf die Evolution hoffen müssen.

Quantenmedizin: Wissenschaftliche Methode oder Hokuspokus??

hugostamm am Donnerstag den 17. März 2011
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Die Grundlage der Quantenmedizin wird von einem amerikanischen Anbieter visualisiert.

Zur Praxiseröffnung schaltete der Zürcher Mediziner Matthias Wissler ein Inserat. Darauf sind geheimnisvolle Weiterbildungen aufgelistet: Matrix Energetics, EFT, CQM und Yuen-Methode. Es handle sich dabei um Quantenmedizin, steht im Begleittext – was nicht zufällig an Quantenphysik erinnert. Das hat Methode. Mit solch pompösen Begriffen geben sich alternative Therapien, die sich nicht wissenschaftlich verifizieren lassen, einen pseudowissenschaftlichen Anstrich. Heiler und Naturärzte suggerieren, ihre Therapien seien modern und wissenschaftlich revolutionär. Werden sie von einem Arzt wie Matthias Wissler angeboten, wird an ihrer Wissenschaftlichkeit kaum mehr gezweifelt.

Darauf setzt die deutsche Firma Quantendoc: «Quanten- und Informationsmedizin ist eine therapeutische Neuentwicklung, die auf den Erkenntnissen der Quantenphysik beruht», schreibt sie. Bakterien, Viren, Umweltgifte, Elektrosmog und psychosoziale Faktoren würden das Quantenfluktuationsfeld stören und verändern. Die Quantenmedizin spüre diese Hintergrundinformationen auf und lösche sie, wird behauptet. Dies ermögliche Heilungen bei chronischen und akuten Krankheiten.

Der virtuelle Doktor

Dann lässt Quantendoc die Katze aus dem Sack: Die Quantenmedizin habe sich aus der traditionellen chinesischen Medizin (TCM), Homöopathie und Bioresonanztherapie entwickelt. Das sind Alternativmethoden. Angereichert worden seien diese Therapien mit Forschung der russischen Raumfahrttechnologie, Quantenphysik, Biophotonenforschung, Zellbiologie usw.

Quantendoc bietet seine «Medizin» als eine Art Fernheilung «durch Informationstransfer auf dem Weg der Quantenphysik» an. Der virtuelle Doktor benötigt nur ein Foto, das Geburtsdatum, den Wohnort und eine kurze Beschreibung des Leidens. Ein Gesundheitsabo in der Testphase kostet ab 72 Euro pro Monat, also rund 95 Franken.

Was sagt der Zürcher Arzt Matthias Wissler dazu? «Diese Art der Medizin versucht sich durch quantenphysikalische Modelle zu erklären. Es geht im Grunde darum, auf der Informationsebene, im morphischen Feld einer Person, neue Möglichkeiten zu integrieren.» Wobei der Arzt betont, dass es sich um Modelle handelt, deren Wirksamkeit noch nicht schlüssig bewiesen wurde. «In der Praxis haben sich die Methoden jedoch bewährt – gerade auch in Kombination mit der Schulmedizin.»

Zum Umfeld der Quantenmedizin gehört auch die Matrix Energetics. An den Seminaren kann jedermann teilnehmen und erhält nach kurzer Ausbildung ein Diplom. Und das deutsche Institut Heede, das auch in Thalwil Seminare anbietet, ködert neue Kunden mit einem Erlebnisabend. «Erleben Sie selbst die universellen Energien.» Im Anschluss kann man das Seminar beginnen. Es gibt drei Level zu je zwei Tagen und 595 Franken pro Stufe. Und schon kann er sich eine neue Visitenkarte drucken lassen: Hans Muster, Quantenmediziner.

Gott – der liebe Vater zum Anfassen

hugostamm am Donnerstag den 10. März 2011
USA-RELIGION/ROCK

Die Flusstaufe ist auch bei Life Kingdom Church International beliebt: Im Bild Mitglieder einer Freikirche in den USA.

Wir diskutieren hier im Blog seit Jahren über Freikirchen. Vermutlich haben aber die wenigsten Kommentatoren und Kommentatorinnen schon einen Gottesdienst einer Freikirche besucht. Um einen authentischen Einblick in Glauben, Gottesbild und Weltbild von radikalen charismatischen Glaubensgemeinschaften zu erhalten, möchte ich Euch die Life Kingdom Church International näher bringen. Es handelt sich um eine charismatische Freikirche, die in Baden zu Hause ist.

Zuerst ein paar Zitate aus der Homepage:

«Wir sind eine Wort fundierte Gemeinde, die mit dem Himmel verbunden ist, die Wert auf die praktische Umsetzung des Glaubens legt. Wir lehren das Wort Gottes, der Bibel in einer Atmosphäre der Liebe. Gott erweist sich in unserer Mitte seinem Wort gegenüber treu. Immer, wenn Sein Wort weitergegeben wird, ist es durch Seine Kraft und Salbung begleitet, indem wir Seine spürbare Gegenwart erleben: Wunder geschehen, Kranke werden geheilt, Gebundene und vom Feind Unterdrückte werden befreit. In all unseren Versammlungen wird allein der Name Gottes verherrlicht und erhoben. Erleben Sie es gemeinsam mit uns!»

Hier noch ein paar Worte des Pastors:

«Am 11. November des Jahres 2000 verbrachte ich wertvolle Zeit in Gottes Gegenwart, als er mich aufsuchte und zu mir sprach: ‹Schau, Ich schicke dich aus, um die Herzen der Menschen wieder zu Mir zurückzubringen und sie von jeder Lüge und Zerstörung des Teufels zu befreien, indem du Mein Wort des Glaubens und der Wahrheit predigst. Ich habe Meine Worte in deinen Mund gelegt.› Dies war der Anfang! Er sagte mir, dass dieser Auftrag hier in der Schweiz beginnen und sich zur Ehre Seines Namens über alle Nationen ausdehnen würde. Gott begann Seine Arbeit im Juni 2006 und seit all dieser Zeit hat Er sich stets als sehr treu erwiesen. Wir haben Menschen gesehen, die von ihren Leid bringenden Wegen zu Gott umkehrten und Busse taten.Wir haben im Leben der Menschen durch Gott Befreiung, Heilung, Wiederherstellung und vieles mehr gesehen und miterlebt. Gott steht wahrhaftig treu zu Seinem Wort!»

Aufschlussreich ist auch eine Predigt. Es reicht, ein paar Minuten hinzuhören, um Stossrichtung und Atmosphäre zu erkennen.

Um sich auch optisch ins Bild zu setzen, kann man diesen Link anklicken.
Die Homepage von Life Kingdom Church International: www.lifekingdom.org

Ist Krankheit eine Strafe Gottes?

hugostamm am Dienstag den 1. März 2011
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Wenn Gebete nicht nützen, wird eine psychische Krankheit schnell als Strafe Gottes empfunden und verschlimmert das Leid der Betroffenen: Jesus und Freud.

Das Kerngeschäft der Glaubensgemeinschaften sind Transzendenz und Jenseits. Für viele ist das Leben im Diesseits eine mühsame Zwischenstation auf dem Weg ins Heil. Trotzdem sind die Geistlichen gezwungen, sich mit den Sorgen und Nöten der Menschen im irdischen Dasein auseinanderzusetzen. Denn leidende Menschen tun sich schwer, den religiösen Codex einzuhalten. Das körperliche und psychische Wohl liegt ihnen in Krisenzeiten näher als das jenseitige.

Die Geistlichen kümmern sich bei ihrer Seelsorge also nicht nur um übersinnliche Fragen, sondern leiten die Gläubigen auch bei Alltagsthemen an. Doch da ist vor allem psychologisches Geschick gefragt, religiöse Rezepte helfen meist wenig. Liberale Seelsorger haben keine Mühe, Gott auf der Seite zu lassen, wenn es um Eheprobleme, Suizidabsichten oder Budgetschwierigkeiten geht. Strenggläubige Dogmatiker hingegen betrachten auch irdische Belange aus der religiösen Warte. Krankheit hat für sie vor allem eine religiöse Komponente. Sie ist eine Strafe Gottes, eine Prüfung oder ein Wink mit dem Zaunpfahl, das Leben zu ändern.

Wie fragwürdig dieses Syndrom ist, zeigt sich exemplarisch bei radikalen Freikirchen und esoterischen Gruppen. Nehmen wir beispielsweise psychische Krankheiten wie Psychosen, speziell Depressionen. Erkrankt ein Gläubiger einer fundamentalistischen Gemeinschaft daran, betet zuerst die ganze Gemeinde für ihn. Hilft das Ritual nicht – wieso sollte es auch, wenn beispielsweise ein kindliches Trauma die Depression ausgelöst hat? -, versucht es der Pastor mit einer Teufelsaustreibung. Dieses Angst einflössende Prozedere verstärkt aber in der Regel die Depression.

Religiöse Therapien für psychische Probleme sind deshalb meist kontraproduktiv. Der Depressive muss nicht nur seine schwere Krankheit ertragen, sondern er glaubt auch, Jesus habe ihn verlassen und bestrafe ihn. Dadurch wird seine Depression zu einer doppelten Belastung, und die Heilungschancen werden erschwert.

Ähnlich verhält es sich bei esoterischen oder spirituellen Bewegungen. Diese interpretieren Krankheiten als übersinnliche Blockade. Als Therapie verordnen sie spirituelle Rituale. Erfahren sie keine Linderung ihrer Krankheitssymptome, befürchten sie, beim Erleuchtungsprozess stecken zu bleiben.

Es ist deshalb wichtig, klare Grenzen zwischen säkularem Leben und Glaubenswelt zu ziehen.