Mein Redaktionskollege Guido Kalberer hat ein bemerkenswertes Interview mit Michael Schmidt-Salomon geführt. Der deutsche Philosoph ist Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung. Ich stelle jenen Teil des Interviews zur Diskussion, das sich mit den Fragen der neuen Religiosität und der Kritik am Christentum befasst.
Die Wiederkehr der Religionen heute muss ein Schock für einen Religionskritiker wie Sie sein.
Nicht unbedingt, ich habe diese Entwicklung schon Anfang der Neunzigerjahre prognostiziert. Es war ersichtlich, dass die Säkularisierung kein linearer, sondern ein ambivalenter Prozess ist. Es gibt also nicht nur einen Trend weg von der Religion, sondern auch eine Bewegung hin zur Religion. In Westeuropa ist der Säkularisierungstrend allerdings stärker: Eine Umfrage in Deutschland zum Beispiel ergab, dass nur noch 23 Prozent der evangelischen Kirchenmitglieder an einen personalen Gott glauben – was immerhin eine Grundvoraussetzung dafür ist, um sich redlicherweise als Christ bezeichnen zu können.
Ist die Säkularisierungswelle noch grösser als die Religionswelle?
Für Europa gilt dies zweifellos. So gibt es in Deutschland bereits mehr konfessionsfreie Menschen als Katholiken oder Protestanten. Zudem stimmt die Mehrheit der Kirchenmitglieder nicht mehr mit den zentralen Dogmen des christlichen Glaubens überein. Die meisten Kirchenmitglieder sind bei genauerer Betrachtung Schein-Mitglieder, genauer gesagt: Taufschein-Mitglieder. Man hat sie als Säuglinge getauft, weshalb man sie religiösen Institutionen zurechnet. Doch die zentralen Auffassungen dieser Institutionen teilen sie nicht.
Was hält die Leute religiös denn noch bei der Stange?
Eine interessante Frage: Was hält Menschen in einer Institution, die sie Geld kostet, wenn sie zentrale Elemente der Vereinssatzung ablehnen? Dafür gibt es vor allem soziale und ökonomische Gründe. Immerhin sind Caritas und Diakonisches Werk die grössten nicht staatlichen Arbeitgeber Europas. Jemand, der im sozialen oder medizinischen Bereich arbeitet, als Psychologe, Arzt oder Krankenpfleger, kann es sich in bestimmten Regionen gar nicht leisten, aus der Kirche auszutreten. Denn die Kirchen, die grössten Arbeitgeber auf diesem Gebiet, nutzen noch ihr Recht zur weltanschaulichen Diskriminierung, obwohl die Dienstleistungen, die sie erbringen, weitestgehend öffentlich finanziert werden. Solange es bei dieser verfassungswidrigen Regelung bleibt, sind weite Teile der Bevölkerung zwangskonfessionalisiert.
Wie ordnen Sie die Gläubigen ein, die wieder selbstbewusster zu ihrer Religion stehen?
Parallel zum Säkularisierungstrend gibt es einen Trend zur Verschärfung religiöser Bekenntnisse. Entweder werden die Menschen konsequenter religiös oder konsequenter areligiös. Das erklärt, warum der aufgeklärte Protestantismus an Bedeutung verliert, während die evangelikalen Kirchen zulegen. Die akademische Theologie hat ihre Pointen verloren. Die Erlösungstat Jesu ist ohne Voraussetzung von Hölle und Teufel so packend wie ein Elfmeterschiessen ohne gegnerische Mannschaft. Wenn der Teufel zum Spiel gar nicht mehr antritt, wird die biblische Erzählung belanglos. Übrig bleibt ein «religiöser Dialekt», der fromm klingt, es aber nicht mehr so meint. Menschen, die wirklich glauben wollen, befriedigt das nicht.
Kommt es zu einer Polarisierung?
Ja. Der aufgeklärte Glaube verliert seine Funktion als Vermittlungsinstanz zwischen konsequentem Säkularismus und religiösem Fundamentalismus. Das ist, wie es scheint, ein unaufhaltsamer Prozess, den man nicht ignorieren sollte.
Wie schätzen Sie den Islam ein?
Im Unterschied zum europäischen Christentum war der Islam nicht gezwungen, durch die Dompteurschule der Aufklärung zu gehen. Insofern musste er sich keine zivileren Umgangsformen angewöhnen. Es gab zwar im neunten und zehnten Jahrhundert eine bemerkenswerte Hochphase der Aufklärung innerhalb der muslimischen Kultur, aber das ist schnell abgewürgt worden. Und so werden wir heute mit unaufgeklärten Formen des Islam konfrontiert, was für Mitteleuropäer eine recht ungewohnte Erfahrung ist. An Light-Christen gewöhnt, sich wir nicht geübt, mit religiösen Kräften umzugehen, die sich selbst noch todernst nehmen.
Das Christentum hat das Stahlbad der Ironie ja schon hinter sich.
Man hat das Gefühl, dass in Europa selbst Bischöfe das, was sie predigen und zelebrieren, nicht immer ganz ernst nehmen. Beim Islam ist das anders. Zwar gibt es viele säkulare und liberale Muslime, aber eben auch erschreckend viele Gläubige, die den Koran so ernst nehmen, dass sie unter Umständen ihr Leben im Diesseits für ein fiktives Leben im Jenseits opfern. Deshalb greifen unsere Drohgebärden nicht. Sie gründen ja auf der säkularen Annahme, dass letztlich nur dieses eine, irdische Leben zählt.
Was hilft in diesem Konflikt denn weiter?
Der kulturelle Relativismus, den viele Europäer heute vertreten, ist in diesem Konflikt keine Hilfe. Im Gegenteil. Die postmoderne Haltung «leben und leben lassen» führt dazu, dass viele ihr Leben lassen müssen. Wenn im Iran Frauen wegen Ehebruchs gesteinigt werden, schauen wir meist ratlos zu, statt die universellen Werte von Humanismus und Aufklärung entschieden zu verteidigen.














































