Schweiz

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Archiv für Dezember 2010

Viele Christen glauben nicht an personalen Gott

hugostamm am Dienstag den 28. Dezember 2010

Mein Redaktionskollege Guido Kalberer hat ein bemerkenswertes Interview mit Michael Schmidt-Salomon geführt. Der deutsche Philosoph ist Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung. Ich stelle jenen Teil des Interviews zur Diskussion, das sich mit den Fragen der neuen Religiosität und der Kritik am Christentum befasst.

Die meisten Kirchenmitglieder sind (Tauf-)Schein-Mitglieder: Michael Schmidt-Salomon.

Die meisten Kirchenmitglieder sind (Tauf-)Schein-Mitglieder: Michael Schmidt-Salomon.

Die Wiederkehr der Religionen heute muss ein Schock für einen Religionskritiker wie Sie sein.

Nicht unbedingt, ich habe diese Entwicklung schon Anfang der Neunzigerjahre prognostiziert. Es war ersichtlich, dass die Säkularisierung kein linearer, sondern ein ambivalenter Prozess ist. Es gibt also nicht nur einen Trend weg von der Religion, sondern auch eine Bewegung hin zur Religion. In Westeuropa ist der Säkularisierungstrend allerdings stärker: Eine Umfrage in Deutschland zum Beispiel ergab, dass nur noch 23 Prozent der evangelischen Kirchenmitglieder an einen personalen Gott glauben – was immerhin eine Grundvoraussetzung dafür ist, um sich redlicherweise als Christ bezeichnen zu können.

Ist die Säkularisierungswelle noch grösser als die Religionswelle?

Für Europa gilt dies zweifellos. So gibt es in Deutschland bereits mehr konfessionsfreie Menschen als Katholiken oder Protestanten. Zudem stimmt die Mehrheit der Kirchenmitglieder nicht mehr mit den zentralen Dogmen des christlichen Glaubens überein. Die meisten Kirchenmitglieder sind bei genauerer Betrachtung Schein-Mitglieder, genauer gesagt: Taufschein-Mitglieder. Man hat sie als Säuglinge getauft, weshalb man sie religiösen Institutionen zurechnet. Doch die zentralen Auffassungen dieser Institutionen teilen sie nicht.

Was hält die Leute religiös denn noch bei der Stange?

Eine interessante Frage: Was hält Menschen in einer Institution, die sie Geld kostet, wenn sie zentrale Elemente der Vereinssatzung ablehnen? Dafür gibt es vor allem soziale und ökonomische Gründe. Immerhin sind Caritas und Diakonisches Werk die grössten nicht staatlichen Arbeitgeber Europas. Jemand, der im sozialen oder medizinischen Bereich arbeitet, als Psychologe, Arzt oder Krankenpfleger, kann es sich in bestimmten Regionen gar nicht leisten, aus der Kirche auszutreten. Denn die Kirchen, die grössten Arbeitgeber auf diesem Gebiet, nutzen noch ihr Recht zur weltanschaulichen Diskriminierung, obwohl die Dienstleistungen, die sie erbringen, weitestgehend öffentlich finanziert werden. Solange es bei dieser verfassungswidrigen Regelung bleibt, sind weite Teile der Bevölkerung zwangskonfessionalisiert.

Wie ordnen Sie die Gläubigen ein, die wieder selbstbewusster zu ihrer Religion stehen?

Parallel zum Säkularisierungstrend gibt es einen Trend zur Verschärfung religiöser Bekenntnisse. Entweder werden die Menschen konsequenter religiös oder konsequenter areligiös. Das erklärt, warum der aufgeklärte Protestantismus an Bedeutung verliert, während die evangelikalen Kirchen zulegen. Die akademische Theologie hat ihre Pointen verloren. Die Erlösungstat Jesu ist ohne Voraussetzung von Hölle und Teufel so packend wie ein Elfmeterschiessen ohne gegnerische Mannschaft. Wenn der Teufel zum Spiel gar nicht mehr antritt, wird die biblische Erzählung belanglos. Übrig bleibt ein «religiöser Dialekt», der fromm klingt, es aber nicht mehr so meint. Menschen, die wirklich glauben wollen, befriedigt das nicht.

Kommt es zu einer Polarisierung?

Ja. Der aufgeklärte Glaube verliert seine Funktion als Vermittlungsinstanz zwischen konsequentem Säkularismus und religiösem Fundamentalismus. Das ist, wie es scheint, ein unaufhaltsamer Prozess, den man nicht ignorieren sollte.

Wie schätzen Sie den Islam ein?

Im Unterschied zum europäischen Christentum war der Islam nicht gezwungen, durch die Dompteurschule der Aufklärung zu gehen. Insofern musste er sich keine zivileren Umgangsformen angewöhnen. Es gab zwar im neunten und zehnten Jahrhundert eine bemerkenswerte Hochphase der Aufklärung innerhalb der muslimischen Kultur, aber das ist schnell abgewürgt worden. Und so werden wir heute mit unaufgeklärten Formen des Islam konfrontiert, was für Mitteleuropäer eine recht ungewohnte Erfahrung ist. An Light-Christen gewöhnt, sich wir nicht geübt, mit religiösen Kräften umzugehen, die sich selbst noch todernst nehmen.

Das Christentum hat das Stahlbad der Ironie ja schon hinter sich.

Man hat das Gefühl, dass in Europa selbst Bischöfe das, was sie predigen und zelebrieren, nicht immer ganz ernst nehmen. Beim Islam ist das anders. Zwar gibt es viele säkulare und liberale Muslime, aber eben auch erschreckend viele Gläubige, die den Koran so ernst nehmen, dass sie unter Umständen ihr Leben im Diesseits für ein fiktives Leben im Jenseits opfern. Deshalb greifen unsere Drohgebärden nicht. Sie gründen ja auf der säkularen Annahme, dass letztlich nur dieses eine, irdische Leben zählt.

Was hilft in diesem Konflikt denn weiter?

Der kulturelle Relativismus, den viele Europäer heute vertreten, ist in diesem Konflikt keine Hilfe. Im Gegenteil. Die postmoderne Haltung «leben und leben lassen» führt dazu, dass viele ihr Leben lassen müssen. Wenn im Iran Frauen wegen Ehebruchs gesteinigt werden, schauen wir meist ratlos zu, statt die universellen Werte von Humanismus und Aufklärung entschieden zu verteidigen.

Aberglauben im Reich von Mao

hugostamm am Montag den 20. Dezember 2010
china1

Solange sie sich nicht zum Dalai Lama bekennen, haben sie keine Probleme: Buddhistische Mönche in China.

Auf meiner Reise durch Yunnan im Südwesten von China mache ich immer wieder überraschende Beobachtungen – auch was Religion und Glaube betrifft. Man würde meinen, Maos Kulturrevolution habe in den 1960er-Jahren seinem Milliardenvolk alles gründlich ausgetrieben, was nach Transzendentalem und Übersinnlichem riecht. Doch er hat sich wie Marx gründlich verrechnet: Gegen die archaisch verwurzelte Kraft des Glaubens sind Aufklärung und rationale Argumente in religiösen Fragen bei den Massen machtlos.

So begegne ich auf Schritt und Tritt Astrologen, Handlesern und Wahrsagern. Sie sitzen im Garten des mächtigen Stadttors von Jianshui, auf dem Markt von Yuanyang oder im Stadtzentrum von Kunming. Und sie werden fleissig frequentiert. Auch heute noch legen viele Chinesen wichtige Daten nach dem Rat der Wahrsager fest: Wann geheiratet, wann ein Geschäft gegründet oder wann das neue Auto gekauft wird. Der Aberglaube ist in der Volksseele verwurzelt und lässt sich nicht so schnell vertreiben. Der Gang zum Wahrsager ist ein gesellschaftlich verankertes Ritual. Schliesslich hat die Astrologie ihren Ursprung im Reich der Mitte. Und auch hohe Politiker, die sich dem Rationalismus und Kommunismus verschrieben haben, gehen bei privaten Problemen zum Wahrsager.

Für exotische Tiere ist der Aberglaube der Chinesen – und der Asiaten allgemein – eine Katastrophe. Das Horn des Nashorns gilt als besonders starkes Potenzmittel. Dabei könnten die Chinesen gerade so gut ihre eigenen Haare essen. Das gleiche Schicksal teilen die Elefanten. Bedrohte Tiere werden auch wegen ihren Hoden gewildert.

Aber auch seltene Reptilien müssen dran glauben. Auf einem Markt in Yuanyang hatte ein Quacksalber Riesenschlangen, Echsen, Krokodile und Schildkröten ausgestellt. Der Scharlatan verkaufte Fläschchen mit einer roten Flüssigkeit, die er aus dem Blut und vermutlich anderen Bestandteilen der Tiere gewonnen hatte. Er war umlagert, die Kunden durften probehalber den Saft einreiben: gegen Gelenkschmerzen, Hautprobleme, Kopfschmerzen und vieles mehr.

An vielen Türen kleben Bilder von Figuren, die die bösen Geister vertreiben sollen. Oder die Türrahmen sind entsprechend beschriftet.

Der Süden von Yunnan war lange Zeit Sperrgebiet für Touristen. Hier leben Minderheiten, die aus Tibet, Burma, Thailand und Laos eingewandert sind. Die chinesische Regierung kümmerte sich wenig um diese «Wilden», die isoliert lebten. Das änderte sich, als die Beamten das touristische Potenzial dieser Bergstämme entdeckte, die mit ihren kunstvollen Trachten, farbenfrohen Festen und schönen Dörfern eine Attraktion waren.

In allen grösseren Orten finden sich überraschenderweise buddhistische Tempel und kleine Klöster. Die Mönche bewegen sich frei in ihren gelb-rot-orangen Gewändern. So lang sie sich nicht zum Dalai Lama bekennen, scheint dies kein Problem zu sein.

Mehr Probleme haben die Christen. Ein junger Chinese outete sich mit ein paar Brocken Englisch verstohlen als Christ – aber erst, nachdem er sich vergewissert hatte, dass wir aus einem christlichen Land stammen. Tatsächlich sind hier viele christliche Missionare von Freikirchen unterwegs, die Tausende von chinesischen Bibeln ins Land schmuggeln und versteckt missionieren.

Von Falun Gong, einer spirituellen Bewegung, habe ich keine Spuren entdeckt. Die chinesische Regierung hat die Volksbewegung, die ebenfalls auf Aberglauben beruht, verboten. Falun Gong behauptet, den eingekerkerten Anhängern würden in den Gefängnissen Organe entnommen. Die Faktenlage ist dünn.

Ich reise zum dritten Mal in diesen Gegenden Chinas umher. Vor 20 Jahren lebten die Minderheiten noch isoliert, es gab kaum Fahrzeuge. Vor zehn Jahren tuckerten bereits klapprige Transportvehikel umher, und heute begegnet man Edelkutschen aus deutscher Produktion. Und der Bauboom ist abartig. Man findet höchstens noch auf entlegenen Märkten ein paar alte Frauen in den traditionellen Trachten. Doch bereits ihre Töchter kleiden sich nach den neusten Modetrends. Sie leben zwar in ärmlichen Holzhäusern, stöckeln aber in Highheels umher. Sie werden kaum je die schwere Arbeit in den Reisterrassen übernehmen. Die chinesische Jugend ist derart verwöhnt, dass man sich fragt, wer in Zukunft als Bauer oder Handlanger arbeiten soll. Fremdarbeiter aus Afrika? Ich vermute, dass China bald mit gesellschaftlichen Problemen zu kämpfen haben wird. Der Konsumrausch ist vermutlich stärker als jedes kommunistisches Programm.

Die Frau – ein Missgriff der Natur

hugostamm am Donnerstag den 9. Dezember 2010
PASSION PLAY

Die Frau als Dienerin des Mannes: Maria Magdalena und Jesus Christus, Passionsspiele Oberammergau.

Die traditionsbewussten christlichen Gläubigen – inklusive Klerus – sind stolz auf ihre Kirchengeschichte. Sie geben zwar ein paar Ausrutscher mehr oder weniger willig zu – Kreuzzüge, weltlicher Machtmissbrauch der Kirche bis in die jüngere Zeit, Inquisition -, doch sie verweisen auf die ungleich segensreicheren Errungenschaften ihrer Kirche: Nächstenliebe, ethische und moralische Normen, Bedeutung des Individuums, das von Gott grenzenlos geliebt wird.

Mit Stolz erfüllt sie auch, dass der Ursprung der grössten Religion von einem einst unbedeutenden Wanderprediger ausgegangen ist. Er, der lediglich ein paar Jünger um sich geschart hatte, erfuhr nach seinem Tod eine weltweite Verbreitung. Viele Gläubige erkennen darin das Werk Gottes; sie werten die Ausbreitung des Christentums als indirekten Gottesbeweis.

Die Geisteskraft, die vom christlichen Glauben ausgeht, erkennen viele Christen auch im Werk berühmter Kirchenväter: Thomas von Aquin, Franz von Assisi, Augustinus und in der jüngeren Geschichte Martin Luther. Diese christlichen Denker und Mystiker haben zwar durchaus bedeutende und tiefsinnige Erkenntnisse gewonnen, doch ihre Weisheit stiess auch an Grenzen. Vor allem dort, wo sie im Zeitgeist gefangen waren. Besonders deutlich lässt sich dies am Frauenbild dieser Herren ablesen.

Für Augustinus ist das Weib ein minderwertiges Wesen, das von Gott nicht nach seinem Ebenbild geschaffen wurde. Es entspreche der natürlichen Ordnung, dass die Frauen den Männern dienen würden.

Franz von Assisi etwa sagte, wer mit dem Weibe verkehre, beflecke seinen Geist. Mit den Tieren ist der Kirchenvater pfleglicher umgegangen.

Thomas von Aquin bezeichnete die Frau als ein Missgriff der Natur, als eine Art verstümmelter, verfehlter, misslungener Mann. Die volle Verwirklichung der menschlichen Art sei nur der Mann.

Und für Luther, der doch ein paar Jahrhunderte später wirkte, ist die grösste Ehre des Weibes, dass die Männer durch sie geboren werden. Der Tod im Kindbett sei nichts weiter als ein Sterben im edlen Werk und Gehorsam Gottes.

Diese weisen Kirchenlehrer hätten sich nur an Jesus und seine Lehre erinnern müssen, um ihre geistigen Ausfälle zu verhindern. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Und sie hätten beobachten können, dass Frauen fürsorgliche Mütter sind, die ihre Söhne, Vertreter des edlen Geschlechts, mit Liebe grossziehen. Oder es hätte ihnen auffallen können, dass die „minderwertigen Frauen“ die Existenz der Männer entscheidend sicherten und im Bett für wohlige Wärme sorgen. Es wäre noch einfacher gegangen: Frauen sind Geschöpfe Gottes wie die Männer.

Doch die werten Herren liessen sich von der ideologisch motivierten Unterdrückung der Frau anstecken. Sie hatten ein offenes Herz für Gott und die Tiere, aber für das Wichtigste und Naheliegendste fehlte ihnen der Sinn. Hätten sie nur einen Monat lang ohne Frauen leben müssen, wäre ihnen ihre Dummheit wohl selbst aufgefallen.