Schweiz

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Archiv für November 2010

Mythos Seele

hugostamm am Freitag den 26. November 2010

Der nachfolgende Impulstext hat Ronald Wild alias «ungläubiger Katechet» verfasst.

DEU AUSSTELLUNG CRANACH

Wo war seine Seele seit der Kreuzigung? Die Auferstehung Christi, Altarbild von Lucas Cranach d. Ä. (Bild: Keystone/Bayrische Gemäldesammlung

Was fast allen Religionen oder spirituellen Philosophien gemeinsam ist, ist der Glaube an eine unsterbliche Seele. Also ein «feinstoffliches», geistähnliches Etwas, das unseren biologischen Tod überdauert.

Je nach Religion oder spiritueller Ausrichtung geht die Seele nach dem irdischen Tod ein in ein Paradies respektive Himmelreich oder Hölle oder wird wiedergeboren in einem neuen Menschen oder sogar einem «heiligen» Tier.

Für all diese Transformationen unserer Seele gibt es aber in keiner Religion einen handfesten Beweis. Sie beruhen auf Behauptungen von spirituellen Führern und Propheten wie Jesus, Mohammed, Krishna, etc.

Was mich speziell von denjenigen, die an ein „Leben nach dem Tod» glauben, interessieren würde, ist, wie sie sich diese Existenz vorstellen. Und wie diese unsterbliche Seele beschaffen sein soll.

Meiner bescheidenen Meinung nach müsste die Seele folgende Eigenschaften besitzen, damit sie überhaupt die Transzendenz wahrnehmen kann. Sie müsste eben eine Wahrnehmung haben, damit sie weiss, was mit ihr geschieht und wo sie sich befindet (Himmel oder Hölle, etc.). Sie müsste ein Bewusstsein haben, damit sie weiss, in welchem Körper sie zuvor gelebt hat. Zudem müsste sie eine Empfindung haben, damit sie die Freuden eines Paradieses oder die Qualen der Hölle wirklich erleben könnte.

Um die Existenz der Seele beweisen zu können, berufen sich viele auf die zahlreichen Schilderungen von Nahtoderfahrungen. Dass die Seele den Körper bereits vor dem eigentlichen Tod (Ausfall aller Hirnfunktionen) verlässt und dann wieder in den Körper zurückkehrt, ist für mich nicht plausibel. Die Nahtoderfahrungen sind neuronale Abläufe im Gehirn, die entstehen durch die Todesangst bei Herzstillstand.

Der einzige «göttliche» Mensch, der uns wirklich über seine Erfahrungen nach dem Tod hätte berichten können, wäre Jesus nach seinem Tod am Kreuz gewesen. Er hat zwar über das Himmelreich seines Vaters gesprochen, wo sich aber seine Seele bis zur Auferstehung befand, darüber finden wir in der Bibel keine Aussagen.

Zudem sagte er zu einem der Verbrecher, die mit ihm gekreuzigt wurde: «Jesus antwortete ihm: Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.» (LK 23)
Aber als Jesus am dritten Tag wieder auftauchte, sagte er seinen Jüngern und Getreuen nur, dass er wirklich lebe, und auch der ungläubige Thomas konnte sich anhand seiner Wunden überzeugen, dass er wirklich Jesus war.

Ich gehe davon aus, dass der Menschensohn Jesus nach seiner Abnahme vom Kreuz nicht tot war, sondern lediglich in einem tiefen Koma, aus dem er nach der Grablegung erwacht ist. Darauf deutet der folgende Bibeltext von Markus 15 hin:

«Da es Rüsttag war, der Tag vor dem Sabbat, und es schon Abend wurde ging Josef von Arimathäa, ein vornehmer Ratsherr, der auch auf das Reich Gottes wartete, zu Pilatus und wagte es, um den Leichnam Jesu zu bitten. Pilatus war überrascht, als er hörte, dass Jesus schon tot sei. Er ließ den Hauptmann kommen und fragte ihn, ob Jesus bereits gestorben sei: Als der Hauptmann ihm das bestätigte, überließ er Josef den Leichnam. Josef kaufte ein Leinentuch, nahm Jesus vom Kreuz, wickelte ihn in das Tuch und legte ihn in ein Grab, das in einen Felsen gehauen war. Dann wälzte er einen Stein vor den Eingang des Grabes. Maria aus Magdala aber und Maria, die Mutter des Joses, beobachteten, wohin der Leichnam gelegt wurde.»

Der Todeskampf am Kreuz konnte damals 24 Stunden und mehr dauern und darum war Pilatus erstaunt, dass Jesus bereits nach 6 Stunden tot sein soll (siehe Vers 44).
Fazit: Noch niemandem, auch nicht Jesus, ist es gelungen, die Existenz einer «unsterblichen» Seele plausibel zu erklären oder zu beweisen.

PS: Ich bin bis zu Weihnachten in den Ferien und habe nicht immer Empfang, um den Blog zu verfolgen. In den «toten Zeiten» übernimmt eine Kollegin vom Newsnetz den Part. Ich wünsche allen eine gute Adventszeit. (Neue Impulstexte werde ich selbstverständlich rechtzeitig von unterwegs aufschalten.) Hugo Stamm

Schläge von der Sektenführerin

hugostamm am Donnerstag den 18. November 2010

In einem Haus im aargauischen Dottikon spielten sich jahrelang schauerliche Szenen ab. Die spirituelle Beraterin M. S. (Initialen geändert), eine knapp 60 Jahre alte Esoterikerin, scharte im Lauf der späten 90er-Jahre eine Gruppe um sich und formte sie zu einer Sekte. Mit vielschichtigen Manipulationstechniken machte sie verzweifelte Ratsucherinnen – mehrheitlich Frauen – von sich abhängig und bestimmte ihr ganzes Leben.

Es begann harmlos mit esoterischen Beratungen und Fussreflexzonen-Massage. Dann bildete M. S. 1998 mit ihren Klientinnen eine Hexengruppe, in der sie Rituale und Meditationen durchführte. Eine Lehrerin konsultierte die Beraterin wegen Burn-out-Problemen. «Sie hat mir wie eine Hellseherin Sachen aus meinem bisherigen Leben erzählt, die mich staunen liessen», berichtet sie. Psychisch ging es ihr bald besser, sie schloss sich der Gruppe an. «Als M. S. vor etwa acht Jahren Schülerin des deutschen spirituellen Meisters OM Parkin wurde, begann sie sich zu radikalisieren», sagt die Lehrerin.

M. S. organisierte Seminare («Reise ins Ich»). «Ziel war die Überwindung des Egos, die Entwicklung der reinen Liebe, die Erleuchtung und Verbindung mit Gott», berichtet eine ehemalige Anhängerin.

Kontrollwahn nahm zu

M. S. mischte sich immer stärker ins Privatleben ihrer Anhänger ein. Ehepaare durften im Seminar nicht mehr im gleichen Zimmer schlafen, Sex wurde als triebhafte Begierde abgewertet, die den geistigen Aufstieg behindere. Bald begann M. S. auch, Ehepaare so vor der Gruppe zu kritisieren und demontieren, dass manche Beziehungen daran zerbrachen. Die Sektenführerin entwickelte einen Kontrollwahn. Bis hin zur Frisur, den Kleidern und Wohnungseinrichtung mischte sie sich ins Privatleben der Anhänger ein. Manche zogen nach Dottikon oder mieteten Wohnungen oder Häuser ihrer Meisterin. Vor den Seminaren, die oft bis Mitternacht dauerten, mussten sie Geld, Kreditkarten und Hausschlüssel abgeben. M. S. stellte so sicher, dass niemand abhauen konnte, erzählen ehemalige Teilnehmer.

«M. S. baute allmählich ein Angstregime auf», sagt ein Aussteiger, der den Fall zusammen mit andern Opfern der Zürcher Beratungsstelle Infosekta meldete. «Jeder überwachte jeden, alle denunzierten sich gegenseitig. Jede bekam eine Jahrespartnerin, die wichtiger war als der eigene Ehepartner», berichtet die Lehrerin. Die Sektenführerin jagte ihren Anhängern auch Angst ein: Wer aussteige, würde eine Krankheit erleiden oder verunfallen.

Wüste Schlägereien

Die Gewaltexzesse begannen damit, dass M. S. begriffsstutzige Anhänger wachrüttelte – im eigentlichen Sinn des Wortes. «Sie hatte immer häufiger cholerische Anfälle und ging auf Einzelne los. Bald hetzte sie Seminarteilnehmer aufeinander, es kam zu wüsten Schlägereien», erzählt eine Aussteigerin. Blaue Flecken seien die harmlosesten Verletzungen gewesen: «Ich wurde heftig gebissen, ein Mann erlitt einen Rippenbruch», berichtet ein Aussteiger. Auch M. S. erlaubte sich Übergriffe: «Sie sprang auf liegenden Anhängern herum, traktierte sie mit spitzen Schuhen oder schlug einmal wie von Sinnen mit den Absätzen ihrer Stöckelschuhe auf sie ein.» Mit den Schlägen sollte das Ego ausgetrieben und die spirituelle Entwicklung gefördert werden. Keiner der Anhänger hat es gewagt, M.S. bei der Polizei anzuzeigen. «Ich wollte längst aussteigen, hatte jedoch Angst, dass M. S. mir ihre Gruppe auf den Hals hetzt», sagt eine ehemalige Anhängerin. «Als die körperlichen Übergriffe immer brutaler wurden und eine Kollegin eingesperrt wurde, hielt ich es nicht mehr aus und wagte dann doch den Absprung.»

M. S., die weiterhin Seminare mit einer Gruppe von rund 20 Personen durchführt, war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Ein ausführlicher Bericht ist auf www.infosekta.ch zu finden.

Atheisten wissen mehr

hugostamm am Mittwoch den 10. November 2010

In den USA sind Glaube und Religiosität so weit verbreitet wie kaum in einem andern westlichen Land. Der Einfluss der Gläubigen auf Gesellschaft und Politik ist trotz offizieller Trennung von Kirche und Staat erstaunlich gross. Kandidaten für politische Ämter buhlen stets um die Gunst der Gläubigen. Ein Atheist hätte keine Chance, in ein höheres Amt gewählt zu werden. Spielt bei uns die Religionszugehörigkeit bei Wahlen selten eine Rolle, muss ein Kandidat in den USA quasi öffentlich ein Bekenntnis ablegen.

Der Glaube ist in den USA im Alltag wichtig, das Wissen aber rudimentär. Eine Umfrage bei 3412 Amerikanern zu Bibel, Christentum, anderen Weltreligionen, berühmten religiösen Figuren und Religionsgeschichte hat erstaunliche Resultate ergeben.

Nicht die Gläubigen, die in den USA besonders häufig Gottesdienste besuchen, haben am besten abgeschnitten, sondern Personen, die mit Religion nichts am Hut haben. Konkret: Am schlechtesten beantwortet haben die Fragen weisse evangelikale Protestanten, gefolgt von weissen Katholiken und lateinamerikanische Katholiken. Diese beantworteten nur jede dritte der 32 Fragen richtig.

Unter den Gläubigen schnitten die Katholiken oder Protestanten am besten ab. Sieger wurden die Atheisten: Sie beantworteten durchschnittlich 20,9 der 32 Fragen korrekt. Knapp dahinter folgen die Juden und Mormonen.

Wissen über Religion macht Menschen zu Atheisten

Mormonen und evangelikale Protestanten wussten bei Fragen über die Bibel und das Christentum am besten Bescheid. Atheisten und Juden konnten vor allem bei Fragen über Weltreligionen wie dem Islam, Buddhismus, Hinduismus und Judentum punkten.

Dass Atheisten mehr über Religionen wissen als die Gläubigen erstaunt Dave Silverman, den Präsidenten der amerikanischen Atheisten, nicht. «Atheismus ist die Folge dieses Wissens, nicht das Fehlen des Wissens. Ich gab meiner Tochter eine Bibel. So macht man aus jemandem einen Atheisten.» Je mehr man über Religion wisse, desto eher werde man sie als Mythologie verwerfen, sagte er gegenüber FoxNews.com.

Wenig Wissen über die eigene Religion

Viele Interviewte mussten auch bei Fragen über ihre eigene Religion passen. 53 Prozent der Protestanten hatten keine Ahnung, dass Martin Luther die protestantische Reformation begründet hatte. 45 Prozent aller Katholiken wussten nicht, dass für die katholische Kirche Brot und Wein beim Abendmahl keine Symbole sind, sondern tatsächlich zum Körper und Blut von Jesus Christus werden.

Weniger als die Hälfte (43 Prozent) der Amerikaner wussten, dass der Dalai Lama ein Buddhist ist. Und nur 38 Prozent konnten Vishnu und Shiva mit dem Hinduismus in Verbindung bringen. 43 Prozent der Juden wussten nicht, dass Maimonides – einer der führenden rabbinischen Autoritäten und ein Philosoph – ein Jude war. Die Frage zu Maimonides war diejenige, die von allen am wenigsten korrekt beantwortet wurde. 51 Prozent wussten aber, dass Joseph Smith ein Mormone war und für 82 Prozent der Befragten war klar, dass Mutter Teresa dem römisch-katholischen Glauben anhing.

Zu den Fragen gehörte in der Untersuchung unter anderem: Wo wurde Jesus geboren? Was ist der Ramadan? Wessen Schriften inspirierten die protestantische Reformation? Welche biblische Figur führte den Exodus aus Ägypten? Welche Religion hat der Dalai Lama? Die Mutter Teresa? Meist war eine Antwortauswahl vorgegeben.

Es drängen sich Fragen auf:

Führt die geistige Auseinandersetzung mit religiösen Phänomenen dazu, dass man Widersprüche entdeckt und dem Glauben entsagt?
Sind Atheisten gebildeter als Gläubige?

Kümmern sich Gläubige nicht um die Wurzeln ihres Glaubens oder die Zusammenhänge ihrer Heilslehre?
Ist für Gläubige vor allem die soziale Einbettung und die emotionale Berührung in den Gottesdiensten wichtig?

Exorzisten immer gefragter

hugostamm am Mittwoch den 3. November 2010

Die katholische Kirche bildet Priester zu Exorzisten aus. Das ist war früher so, das ist heute nicht anders. Aufhorchen lässt allerdings, dass die katholischen Exorzisten von Jahr zu Jahr mehr angeblich Besessene behandeln müssen. Im letzten Jahr suchten im Bistum Lausanne, Genf und Freiburg rund 550 Menschen Exorzisten auf, weil sie glaubten, vom Satan bedrängt zu werden. Dies schreibt die welsche Zeitung «Le Matin».

Auffällig sind die Steigerungsraten: In den letzten vier Jahren hat sich die Rate verdreifacht. Eine ähnliche Tendenz ist in der übrigen Schweiz zu beobachten.

Im Kanton Waadt ist der Priester Luigi Griffa für Teufelsaustreibungen zuständig. Es gehe darum zu verstehen, was diese Menschen bewege. «Das Problem bleibt aber, wenn diese Leute ihre Sicht der Welt nicht ändern können und auf ein Wunder warten», sagte er gegenüber der Zeitung. In den schlimmsten Fällen seien die Betroffenen im Besitz des Satans. Der Teufel wolle den Mensch schlecht machen und von Gott wegführen. Dies könne in wiederholten Unglücken oder Krankheiten zum Ausdruck kommen.

Die eigentliche «Liturgie zur Befreiung vom Bösen» komme erst dann zum Zuge, wenn die Priester-Exorzisten zur Erkenntnis gelangten, dass die Hilfe suchenden Personen tatsächlich Opfer des Teufels geworden seien. Beim Exorzismus wird mit Gebeten und rituellen Handlungen unter Anrufung der Macht Gottes die Abwehr des Bösen erfleht. Exorzismus ist aber nicht immer ungefährlich: «Für sensible Menschen kann Exorzismus eine traumatisierende Wirkung haben», sagte der auf Religionen spezialisierte Psychiater Samuel Pfeifer «Le Matin».

Das wirft Fragen auf:

Hat der Satan seine Bemühungen verstärkt?

Ist die vermehrte Umtriebigkeit des Teufels Ausdruck der beginnenden Apokalypse, wie sie in der Bibel prophezeit worden ist?

Nehmen die Teufelsaustreibungen parallel zur Zunahme der psychischen Krankheiten, vor allem Depressionen, zu?

Wird der Teufel heute häufiger ausgetrieben, weil die katholische Kirche wieder vermehrt Exorzisten ausbildet?

Will die katholische Kirche den Satan vermehrt als Disziplinierungsinstrument benutzen?

Übrigens: Bei einer Umfrage von Newsnetz befürworteten 19 Prozent der Leser die Teufelsaustreibung durch die katholische Kirche, 81 Prozent lehnten dies ab.