Schweiz

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Archiv für Oktober 2010

Die Angst des Klerus vor dem Machtverlust

hugostamm am Mittwoch den 27. Oktober 2010

Den folgenden Impulstext hat der Blogger Michael Bamberger verfasst:

Klerikale Furcht betreffend Infragestellung von kirchlichen Glaubenswahrheiten ist nicht neu. Schon vor, aber vermehrt seit Beginn des offiziellen Christentums, das anlässlich der konstantinschen Wende per Dekret zur Staatsreligion erklärt wurde, lässt sich die kontinuierliche Festmeisselung kirchlich dogmatischer Glaubenswahrheiten beobachten, bei gleichzeitiger Verfolgung und Ausschaltung von allem und jedem, was und wer diesen Glaubenswahrheiten entgegenstand oder nicht entsprach.

Mittelalterliche Kreuzzüge und sonstige Missionierungsaktionen mit dem Schwert, die Verfolgung von Ketzern und Andersgläubigen, die Hexenjagd und die lodernden Scheiterhaufen der heiligen Inquisition, die unzähligen Judenpogrome, sowie die kirchliche Legitimierung und Einverleibung der Sklaverei, die Zwangschristianisierung und Zwangstaufen, die unheilvollen und unzähligen Religionskriege, die Unterstützung von grausamen Herrschern, die Kolonialisierung, das Paktieren mit etlichen faschistischen Diktaturen, etc., illustrieren die kirchlichen Ängste vor Machtverlust und die direkt daraus entstandenen Grausamkeiten quer durch die Geschichte.

Immer noch, im heutigen 21. Jahrhundert, perpetuieren sich, vornehmlich in der katholischen Kirche, zynische Edikte und inhumanes Vorgehen, wie das Kondomverbot im Zeitalter von Aids und – je nach Erdteil – Probleme der Überbevölkerung, die Vertuschung von Verbrechen pädophiler Kleriker, die Doppelmoral des Zölibats, die abwertende Behandlung der Frauen, sowie Ausgrenzung von homosexuellen und von geschiedenen Menschen, um nur wenige Beispiele zu nennen, ausformuliert durch die vatikanische Glaubenskongregation (einem Euphemismus für die frühere Bezeichnung „Heilige Inquisition“), der, vom Jahr 1981 bis 2005 Kardinal Josef Ratzinger (ab 2005 Papst Benedikt XVI.), vorstand.

Die katholische Kirche verschanzt sich weiterhin, wie sie es immer tat, in dogmatischer Manier via die Glaubenkongregation, hinter dem alleinigen Wahrheitsanspruch und ihrer „einzigartigen“ Auserwähltheit. So ist z.B. dem katholischen Katechismus, Absatz 107 zu entnehmen: „…ist von den Büchern der Schrift zu bekennen, dass sie sicher, getreu und ohne Irrtum die Wahrheit lehren, die Gott um unseres Heiles willen in heiligen Schriften aufgezeichnet haben wollte.“ Und im Absatz 119 steht: „…alles das nämlich, was die Art der Schrifterklärung betrifft,…[…]. ..letztlich dem Urteil der Kirche, die den göttlichen Auftrag und Dienst verrichtet, das Wort Gottes zu bewahren und auszulegen.“

Wenn in unseren westlichen Breitengraden, wo zum Glück säkulare Demokratie im Vordergrund der Politik steht, ein Staatsoberhaupt es nur ansatzweise wagen würde anzudeuten, er plane seine Gesetze auf Prinzipien analog zu solchen Ideologien aus dem katholischen Katechismus zu definieren, der nächste Sturm auf die Bastille wäre vorprogrammiert.

PS: Wer selbst einen Impulstext verfassen möchte, kann mir den Beitrag mailen: hugo.stamm@tagesanzeiger.ch

Gentest entlarvt Familienstellen

hugostamm am Mittwoch den 20. Oktober 2010

Nach der schmerzlichen Trennung von ihrem Freund fiel Anna Täuber (Name geändert) in ein Loch. Ein Bekannter lud sie an ein Wochenendseminar einer bekannten Familienstellerin ein, die nach der Methode von Bert Hellinger arbeitet. Das kurze Ritual führe zu überraschenden Erkenntnissen und raschen Problemlösungen, wurde Anna erklärt. Beim Familienstellen nach Hellinger glauben die Teilnehmer, dass alle Wesen – auch Tiere – durch ein allumfassendes Energiefeld seelisch miteinander verbunden seien. Die Stellerin sprach von einem «morphogenetischen Feld», Hellinger benutzt den Begriff der Familienseele.

Die Theorie dahinter: Wer dieses Feld ins Gleichgewicht bringe, könne die eigenen psychischen Schwierigkeiten besser lösen. Denn die Wurzeln vieler persönlicher Probleme und Traumata seien in der Familiengeschichte zu finden, sagte die Stellerin zu Anna. Die junge Frau liess sich überreden und verfolgte das Familienstellen mit einer gewissen Skepsis. Beim Ritual mussten die Teilnehmer die Familienmitglieder von Anna spielen. Niemand kannte Annas Familie. Die junge Zürcherin verteilte die Mitspieler intuitiv so im Raum, dass für sie das Familienbild stimmte. Angeleitet wurde sie von der spirituellen Leiterin.

Kollektive Begeisterung

Anna erlebte das erste Familienstellen nicht als grosse Offenbarung. Als sie selber eine fremde Person spielen musste, spürte sie nichts von deren Gefühlen oder der Familienseele. Hingegen berührte sie die intensive emotionale Atmosphäre. Als beispielsweise der Grossvater einer Teilnehmerin – gespielt durch einen Kursteilnehmer – seine Kriegserlebnisse schilderte, nahmen alle Teilnehmer Rauchgeruch wahr. Die kollektive Begeisterung übertrug sich auf Anna. Als sie den Trennungsschmerz überwinden konnte, begann sie an die Kurztherapie zu glauben.

Beziehungen abgebrochen

Bei einem weiteren Stellen wurde sie mit der Erkenntnis konfrontiert, sie sei ein Kuckuckskind, gezeugt von einem Onkel. Anna konnte es anfänglich kaum glauben, doch sie erinnerte sich bald an Familienereignisse, welche die Erkenntnis plausibel erscheinen liessen. Zum Beispiel hatten ihre Familie und die Familie des Onkels einst intensive Beziehungen gepflegt, die eines Tages abrupt abgebrochen wurden. Trotzdem war Anna unsicher und wollte Gewissheit haben. Die Kursleiterin riet ihr aber, die schmerzliche Erkenntnis zu akzeptieren. Das Energiefeld werde die tief verwurzelten Probleme lösen.

Ihr Ex-Freund, dem Anna das Ergebnis des Familienstellens schilderte, wurde stutzig und riet ihr, mit einem DNA-Test Klarheit zu schaffen. Mit ihrem Erbgut und demjenigen ihres Bruders gelang es, einwandfrei nachzuweisen, dass das Familienstellen – oder die Kursleiterin – ein falsches Resultat geliefert hatte: Ihr Vater ist wirklich ihr Vater. Anna hat es bisher nicht gewagt, ihre Familienstellerin damit zu konfrontieren. Sie ist weiterhin davon überzeugt, dass diese nur ihr Bestes wollte.

Missbrauch suggeriert

Ähnliche Missbräuche sind beim Familienstellen an der Tagesordnung. So behaupten Familiensteller immer wieder, die Klientinnen seien von ihrem Vater sexuell missbraucht worden, obwohl sie keine konkreten Hinweise besitzen. Die sensiblen Informationen beziehen die Hellinger-Anhänger angeblich von der Familienseele oder dem Energiefeld. Der unbelegte Vorwurf an den Vater hat schon oft zu unlösbaren Familienkonflikten geführt.

Auch Ärzte und Psychologen glauben ans Stellen

Über ein Drittel der mehreren Hundert Familiensteller stammen aus dem Kanton Zürich. Es vergeht kaum ein Wochenende, ohne dass hier Workshops durchgeführt werden. Seminarleiterinnen sind wie bei vielen esoterischen Angeboten in erster Linie Frauen. Ein lukrativer Zweig sind die Seminare, die Steller in Firmen, Behörden und Organisationen durchführen.

Obwohl die Kurztherapie des Familienstellens nach Bert Hellinger umstritten ist und therapeutischen Standards nicht zu genügen vermag, wird es nicht nur von esoterisch verblendeten Kursleitern praktiziert. Auch mehrere Ärzte, Psychologen und Psychotherapeuten wenden das Ritual an und glauben an die magische Wirkung der «Familienseele». Da die Teilnehmer nach dem meist aufwühlenden Ritual nicht betreut werden, kommt es immer wieder zu Kurzschlusshandlungen. Verzweifelte Klienten haben auch schon Suizid begangen.
Beim Stellen mit meist Dutzenden von Klienten herrscht eine massensuggestive Atmosphäre. Hoffnungen und Erwartungen sind bei allen Teilnehmern hoch: Die Akteure erwarten sehnlichst eine Instant-Lösung ihrer schmerzlichen psychischen Probleme, die Zuschauer werden Zeuge angeblicher «magischer Wunder» und werden als Voyeure in den Bann der dramatischen Familiengeschichte der gestellten Person gezogen. Meist brechen die Akteure in Tränen aus und verursachen ein kollektives Schluchzen. Solche starken Emotionen werden dann irrtümlicherweise als Wirkung der Familienseele gewertet.

Einen grossen Einfluss hat auch die Kursleiterin: Die Teilnehmer glauben, sie habe besondere spirituelle Fähigkeiten, weshalb sie als Autorität betrachtet wird. Das hochemotionale Ritual überlagert Vernunft und Verstand. Die oft verblüffenden Reaktionen der gestellten Personen wirken wie sich selbst erfüllende Prophezeiungen und verstärken den Glauben an die Wirkung des Stellens. Dagegen sind langwierige, schmerzhafte Psychotherapien eine unsinnliche Tortur. Dass es sich beim Familienstellen meist um eingebildete oder gruppendynamische Effekte handelt, realisieren die Kursteilnehmer meist nicht.

Gott ist nicht relativ

hugostamm am Mittwoch den 13. Oktober 2010

Walter Jakob hat eine Replik zu meinem Impulstext «Gott ist relativ» geschrieben, den ich hier gern zur Diskussion stelle:

Zum 50-sten Todestag von Albert Einstein erinnerte man sich nicht nur an sein geflügeltes Wort: «Alles ist relativ.»

Auch der Post-Shop kreierte eine eindrückliche Karte mit einem ganz besonderen Text dieses grossen Denkers, der wie eine Relativierung oder zumindest einer Präzisierung seiner These «Alles ist relativ» gleichkommt.

«Nicht Gott ist relativ und nicht das Sein, sondern unser Denken.»

Gott ist offensichtlich für Einstein das pure Gegenteil von relativ, kein Hirngespinst, sondern absolut, eine absolute Realität und Souveränität.

Da müssten ja unsere lieben Atheisten im Stammblog geradezu aufheulen und Einspruch einlegen. Und wie sie aufheulen, das ist ganz erstaunlich:

Am 2.10.2010 um 19.27 schrieb Horatio Michael Bamberger an Optimus, der ein guter Kenner und Verehrer von Einstein ist: «Ich bewundere Einstein wegen seiner Denkweise.»

Bamberger @ Optimus: «Bekanntlich waren die Interpretationen von Einsteins Metaphern bezüglich eines höheren Wesens ein immer wiederkehrendes Thema, die sowohl von Gläubigen wie auch von Nichtgläubigen immer wieder als Untermauerung der eigenen Argumente verwendet wurden. Was Sie hingegen nicht zu wissen scheinen, Optimus, ist, dass Einstein all diesen Spekulationen ein für allemal ein Ende setzte und zwar rund 15 Monate vor seinem Tod. Am 3. Januar 1954 schrieb Einstein nämlich folgendes an den Religionsphilosophen Erich Gutkind: «Das Wort Gott ist für mich nichts als Ausdruck und Produkt menschlicher Schwächen…» und liess damit keine weiteren Spekulationen zu diesem Thema offen, unabhängig von den Metaphern, denen er sich über all die Jahre bediente.»

Für mich ist diese Schlussfolgerung von Bamberger etwas spekulativ und oberflächlich, wenn nicht sogar falsch. Es mag ja naheliegend und gar verlockend sein, hier im Denken von Einstein einen tiefen Röstigraben zu sehen, einen Gegensatz, wie er grösser nicht sein könnte.

Man könnte es nämlich auch ganz anders sehen, nämlich dass Gott für Einstein von solch absoluter Souveränität war, dass eben keine Religion dieser Welt und auch kein Hirni dieser Welt ihn gleichsam erfassen, pachten oder besitzen kann, höchstens einen Zipfel davon. Es stimmt, was Bamberger schreibt, Einstein hat sich sein ganzes Leben lang auseinandergesetzt mit Gott und hat tatsächlich auch gesagt: «Ich glaube nicht an einen persönlichen Gott», ganz ähnlich wie Karl Barth, ein Zeitgenosse von Einstein sinngemäss bezeugte: «Gott ist der ganz andere.»

Doch Einstein hatte den Mut, zu den menschlichen Schwächen zu stehen und sein eigenes Denken als relativ eingestuft, ganz im Gegensatz zu Bamberger und Stamm. Sie beide fröhnen und missionieren den atheistischen Absolutheitsanspruch frisch fröhlich, dass die Balken krachen, jaulen aber auf, wenn Christen den Absolutheitsanspruch von Jesus Christus vertreten.

Hugo Stamm will sogar in seinem Blog vom 5.10.2010 wissen: «Gott ist relativ.» Ganz erstaunlich diese Souveränität, Sicherheit und Absolutheit eines Experten. Langsam fange ich mich an zu fragen, wer hier nun tatsächlich relativ und wer absolut ist.

Die andere Aussage von Einstein können höchst wahrscheinlich sowohl Atheisten gleicherweise wie Christen bejahen und dürfte für alle Menschen auf diesem Erdball wie Balsam sein: «Nicht das Sein ist relativ.»

Wir tun jedoch gut daran, wenn wir noch etwas tiefer nachfragen. Wenn Einstein hier gleichsam vom absoluten Sein redet, meint er damit den ganzen Menschen in all seinen Facetten, den Willensstarken gleich wie den Willensschwachen?

Ich denke schon. An anderer Stelle bekannte Einstein sich ausdrücklich zum willensschwachen Menschen. In seinem Glaubensbekenntnis von 1932: «Ich glaube nicht an die Freiheit des Willens.»

Ganz offensichtlich meinte er mit dem «Sein” den durchaus realistischen Menschen mit all seinen Licht- und Schattenseiten, also nicht nur die humanistische gute Seite, sozusagen den guten Kern im Menschen, sondern den Menschen nach dem Sündenfall in seiner ganzen Sterblichkeit, Begrenztheit und Erlösungsbedürftigkeit und dies sowohl als Genie wie als Taugenichts.

Selbst Gott ist relativ

hugostamm am Dienstag den 5. Oktober 2010

Rund 30 Prozent der westeuropäischen Bevölkerung glaubt an die Wiedergeburt. Ein beträchtlicher Teil davon sind Christen. Diese möchten nicht ins Paradies eintreten, sondern die Auferstehung des Fleisches erleben. Offenbar trauen sie der Vorstellung vom ewigen Leben im Jenseits nicht so recht. Oder sie wollen nicht bis zum jüngsten Tag in einer Grauzone verbringen. Vielleicht ist ihnen auch die Vorstellung von der endlosen Harmonie im Himmel suspekt.

Der Glaube an die Wiedergeburt ist nicht mit der christlichen Heilslehre vom personalen Gott und von einem einzigen Leben auf der Erde vereinbar. Christen, die an die Reinkarnation glauben, müssten konsequenterweise aus der Kirche austreten. Sie tun es aber nicht, weil sie überzeugt sind, dass die beiden transzendentalen Konzepte durchaus vereinbar sind. Sie picken sich also heraus, was ihren momentanen Bedürfnissen und Sehnsüchten entspricht – und mischen Glaubensgrundsätze wild durcheinander. Das ist für mich eine fröhliche Wohlstandsreligion.

Der Trend zum Glaube an die Wiedergeburt zeigt zumindest, dass Heilslehren keine starren Konzepte sind, sondern wie alle Geistesströmungen Trends unterliegen. Der Einfluss des Buddhismus und der Esoterik haben das Bewusstsein der Menschen in der westlichen Welt grundlegend beeinflusst. Meditationen, Geistheilungen, schamanische Rituale usw. finden immer mehr Eingang in den christlichen Kirchen. Der Zeitgeist macht nicht vor den Kirchentüren halt. Das zeigt, dass selbst religiöse Dogmen relativ sind.