Schweiz

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Archiv für Juli 2010

Ist die Bibel judenfeindlich?

hugostamm am Samstag den 24. Juli 2010

Wäre die Bibel ein aktuelles Buch, das heute erstmals veröffentlicht würde, müssten sich Autor und Verleger mit aller Wahrscheinlichkeit wegen Verletzung der Rassismusnorm verantworten. Die Verantwortlichen müssten mit einer Verurteilung rechnen.

Das „heilige Buch“ enthält zahlreiche Aufforderungen zu Völkermorden. Rassistische Aussagen werden aber vor allem gegen die Juden gemacht. Ausgerechnet gegen die Juden, muss man anfügen. Schliesslich ist das jüdische Volk laut Bibel das auserwählte Volk Gottes. Wie passt das zusammen? Das ist eines der vielen ungelösten Rätsel der Bibel.

Picken wir ein paar Beispiele heraus und beginnen mit Paulus. „Die Juden haben sogar Jesus, den Herrn, und die Propheten getötet; auch uns haben sie verfolgt. Sie missfallen Gott und sind Feinde aller Menschen; sie hindern uns daran, den Heiden das Evangelium zu verkünden und ihnen das Heil zu bringen. Dadurch machen sie unablässig das Mass ihrer Sünden voll. Aber der ganze Zorn ist schon über sie gekommen.“ (1 Thess. 2; 14-16). Mindestens in diesem Aspekt ist die Bibel prophetisch: Auch 2000 Jahre später wirkt der Fluch noch immer nach.

Die Unreinen und Ungläubigen aus dem Judentum werden an anderer Stelle so charakterisiert: „Denn es gibt viele Ungehorsame, Schwätzer und Schwindler, besonders unter denen, die aus dem Judentum kommen. Diese Menschen muss man zum Schweigen bringen, denn aus übler Gewinnsucht zerstören sie ganze Familien mit ihren falschen Lehren … Für die Reinen ist alles rein, für die Unreinen und Ungläubigen aber ist nichts rein, sogar ihr Denken und Gewissen sind unrein. Sie beteuern, Gott zu kennen, durch ihr Tun aber verleugnen sie ihn; es sind abscheuliche und unbelehrbare Menschen, die zu nichts Gutem taugen.“ (Tit. 1; 10-16).

Der ganz grosse Sündenfall war denn auch, dass die Juden Jesus ans Kreuz geliefert haben.

So überrascht es nicht, dass die Kirchenväter bis in die Neuzeit die Ansicht vertraten, die Juden seien mit dem Satan im Bund. Und von ihm besessen. Selbst bei Luther finden sich antijudaistische Aussagen der üblen Sorte. Für den Reformer beteten die Juden den Teufel an, wie Franz Buggle in seinem Buch „Denn sie wissen nicht, was sie glauben“ nachweist.

Die Stigmatisierung der Juden als Unreine und Satansgläubige zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Christentums. Die christlichen Völker verantworten zu einem guten Teil den Hass auf die Juden, der sich bis in die heutige Zeit fortsetzt. Die christlichen Gemeinschaften sind ursächlich mitverantwortlich für die Ausgrenzungen, Folterungen und Ermordungen von unzähligen Juden in den vergangenen Jahrhunderten. Und am Beinahe-Genozid während des Dritten Reichs. Dem Genozid am Volk Gottes.

Erleuchtung im Schnellverfahren

hugostamm am Mittwoch den 14. Juli 2010

Die Esoterik ist ein Teich voll Plastikwörter. Jede spirituell interessierte Person kann beliebig darin fischen und jene Begriffe herausziehen, die ihr gerade am besten hilft, die Welt in ein pastellenes Licht zu tauchen. Noch besser: Jeder und jede kann die schwammigen Begriffe beliebig mit eigenen Inhalten füllen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Dieses Spiel der Illusionen und Selbsttäuschungen kann täglich neu veranstaltet werden. Je nach Laune und Bedürfnis fischt man andere Ingredienzien aus dem übersinnlichen Biotop.

Nehmen wir den Begriff „erleuchtet“. Vor der Zeit des Esoterikbooms war jemand in unseren Breitengraden erleuchtet, der eine überraschende neue Erkenntnis machte, oder dem ein „Licht aufgegangen“ ist. Das konnten auch banale Dinge des Alltags betreffen.

Seit sich die esoterischen Ideen und Konzepte in unser Alltagsbewusstsein geschlichen haben, findet eine schleichende Neudefinierung statt. Oder besser: Der Begriff wurde allmählich umdefiniert. Er gewann zunehmend an Bedeutung, und diese Bedeutung wurde schwer und schwerer. Heute gehört er zu den Schlüsselwörtern der spirituellen Sucher, die danach streben.

Was bedeutet eigentlich Erleuchtung? So genau weiss das niemand. Das ist auch ganz praktisch. So kann jeder und jede jene Sehnsüchte und Fantasien in den Begriff projizieren, die ihm am attraktivsten und nützlichsten erscheinen. Eine Grenze nach oben gibt es nicht.

Im weitesten Sinn ist die Erleuchtung eine spirituelle oder religiöse Erfahrung, die die Grenzen der sinnlich erfahrbaren Phänomene überschreitet. Wer sich erleuchtet fühlt, glaubt im Besitz des höheren Bewusstseins zu sein.

Erleuchtung hat je nach Kultur und Heilslehre eine andere Bedeutung. Im Buddhismus und anderen fernöstlichen Heilsvorstellungen spielt der Begriff seit je eine zentrale Rolle. Erleuchtung erlangt man vor allem durch geistige Versenkung, Meditation und Entsagung: Wer die innere Leere erreicht und sich von irdischen Gebundenheiten löst, über den kommt die Erleuchtung angeblich wie ein Flash. Da sie sich nicht steuern lässt, wird sie oft als göttliche Gnade verstanden.

In der Esoterik ist alles viel handfester. Und westlich effizient. Den weltlichen Bedürfnissen zu entsagen ist nicht unser Ding. Wir wollen Luxus und Erleuchtung gleichzeitig. Und wir wollen wissen, wie sich die Erleuchtung anfühlt, welche Effekte damit verbunden sind.

Deshalb gibt es Kurse, in denen ich den Prozess zur Erleuchtung beschleunigen kann. Das kostet zwar einige tausend Franken, verspricht aber eine Abkürzung des Weges. (Schliesslich fehlt uns die Zeit für jahrelange Versenkung.) Und die spirituellen Meister oder Gurus benennen das Ziel präzis wie bei einem Managerkurs: Bilokation, Telepathie, Telekinese, Transformation, Lichtnahung, höheres Bewusstsein, Hellsichtigkeit, geheimes Wissen usw.

Das sind alles schwammige Phänomene, die weder klar definiert werden können, geschweige denn nachgewiesen. Dabei erliegen viele Allmachtsfantasien. Sie glauben, als Erleuchtete in göttlichen Frequenzen zu schwingen und Teil der geistigen, kosmischen Instanz zu werden. Im Extremfall führt dies zur Selbstvergottung. Und damit zur Entfremdung von der Alltagsrealität, zu Wahrnehmungsverschiebungen und Realitätsverlust. Schöne neue Welt.

Aberglauben macht dumm

hugostamm am Sonntag den 4. Juli 2010

England hat vergeblich gezittert. Andy Murray ist wieder einmal gescheitert. Diesmal im Halbfinal an Rafael Nadal. Und wieder einmal in Wimbledon, der weltbekannten Tennis-Stätte. Er hätte der 2. britische Champion nach mehreren Jahrzehnten werden sollen. Doch wieder wurde nichts.

Inzwischen haben sich die Medien daran gewöhnt, dass der talentierte Spieler im entscheidenden Moment nicht über sich hinauswachsen kann. Hatten sie ihn bei den letzten Grand Slams noch gnadenlos zerzaust, beschränkten sie sich diesmal weitgehend darauf, die Umstände zu beleuchten. Es sei allein seine Schuld, monierte die „Sun“. Erstaunlicherweise meinte das Blatt nicht den Akteur auf dem Platz, sondern David Beckham, den glamourösen Fussballstar, der im Publikum gesessen hat.

Verwundert reibt man sich die Augen. Hat Beckham etwa verlangt, dass Murray einen Fussball retournieren muss? Nein, die reine Anwesenheit von Beckham machte ihn zum Schuldigen. Er hat als Glücksbringer versagt, wie die „Sun“ schreibt. Und sie bittet den Star, dem bevorstehenden Cricketspiel England-Australien fernzubleiben. Sonst ereile das britische Team das gleiche Schicksal wie Murray.

Auch der „Telegraph“ hat Beckham als Übeltäter ausgemacht und bereits nach vorn geschaut zum Britisch Open der Golfer, dem nächsten Grossanlass für Einzelsportler. Die einheimischen Athleten würden beten, dass der Fussballer nicht an den Grossevent eingeladen werde.

Das ist Aberglauben und magisches Denken in Reinkultur, verbreitet durch Massenmedien, die sich eigentlich dem logischen Denken verpflichtet fühlen müssten.

Pech hatte nicht nur Andy Murray, Pech hatte auch unsere grösste Velo-“Batterie“ Fabian Cancellara. Wie schon im vergangenen Jahr musste er im Prolog (Zeitfahren) der Tour de France die Nummer 13 tragen. Letztes Jahr montierte er die Startnummer verkehrt aufs Shirt, damit die Zahl ihre Unglückswirkung nicht entfalten konnte. Und siehe da: Der schnelle Radfahrer gewann. Dieses Jahr verzichtete er auf den Trick – und gewann trotzdem.

Man mag solche Spielchen oder Gedanken der Medien und Sportler belächeln. Doch sie haben System. Sie sind Ausdruck für den weit verbreiteten Aberglauben und das magische Denken. Diese prägen das Bewusstsein der Massen, entfremden von logischem Denken und bestimmen ein Weltbild, das durchsetzt ist von abstrusen Vorstellungen und Denkmustern.

Man kann es auch so formulieren: Aberglauben und magisches Denken machen dumm. Viele Leute – Journalisten eingeschlossen – glauben lieber einen Stuss, als sich die Mühe zu nehmen, zwei Gedanken anzustellen.

Zum Beispiel: Hatte Beckham einen Einfluss auf die Flugbahn des Filzballes? Saugt er Murray Energien ab? (Wie Dracula das Blut?) Beeinflusste er die Sehschärfe oder das Reaktionsvermögen des Tennisspielers? Schliesslich entscheiden Spielstärke und Tagesform über Sieg und Niederlage und nicht die Farbe der Socken oder die Zusammensetzung des Publikums.

Ober bei Cancellara: Geht von der Zahl eine magische Kraft aus? Wenn ja: Woher stammt die Energie dazu? Von der Druckerschwärze? Dem Stoff? Der Zahlenkombination? Verliert die 13 die magische Kraft, wenn die Zahl verkehrt herum montiert wird? Warum hat er auch dieses Jahr gewonnen, obwohl er die 13 korrekt getragen hat?

Wer in nebensächlichen Lebensbereichen ein magisches Weltbild entwickelt, wird auch in wichtigen Bereichen Opfer des Aberglaubens. Politiker lassen sich bei ihren Entscheiden von abergläubigen Vorstellungen leiten, Eltern bei der Kindererziehung, Chefs bei der Führung ihrer Mitarbeiter usw.

So lang sich die Menschen weigern, ihre konditionierten Muster zu hinterfragen, wird die Welt weiterhin von irrationalen Entscheidungen und Lösungsversuchen geprägt. Das gilt zu einem guten Teil auch für den religiösen Glauben.