Schweiz


Archiv für Juni 2010

Gottesbilder sind Trugbilder

hugostamm am Freitag den 25. Juni 2010

Der griechische Philosoph Xenophanes hat sinngemäß gesagt, würde ein Pferd zeichnen können, sähe Gott pferdeähnlich aus. Und hätte ein Löwe Hände wie ein Mensch, würde Gott einem Löwen gleichen.

Diese Erkenntnis machte der Denker vor 2500 Jahren. Sie heute noch genau so aktuell und gültig.

Xenophanes spricht ein Problem an, das die Religionen und Glaubensgemeinschaften heute noch nicht gelöst haben und nie werden lösen können. Es erweist sich geradezu als Pferdefuss.

“Du sollst dir kein Gottesbild machen, keinerlei Abbild, weder dessen, was oben im Himmel, noch dessen, was unten auf Erden, noch dessen, was in den Wassern unter der Erde ist; du sollst sie nicht anbeten und ihnen nicht dienen; denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott, der die Schuld der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Geschlecht an den Kindern derer, die mich hassen, der aber Gnade übt bis ins tausendste Geschlecht an den Kindern derer, die mich lieben und meine Gebote halten.” (Ex 20,4-6; Zürcher Bibel)

Das Dilemma: Wir können uns nur annähernd ein Bild von Gott machen.
Oder anders herum: Gott ist immer anders, als sich ihn die Menschen vorstellen. Die Bilder sind untaugliche Hilfskonstrukte. Ja, die Bilder sind teilweise so plump, dass jeder halbwegs intelligente und gebildete Mensch erkennt, dass Sehnsucht und Fantasie der Menschen das Gottesbild bestimmen.

Die reformierte Kirche hat die Krux erkannt und die Bilder aus den Kirchen verbannt, in der Hoffnung, sie auch aus den Köpfen der Gläubigen verbannen zu können. Doch das ist ein sinnloses Unterfangen, denn es missachtet die lerntheoretischen Gesetze.

Der Mensch ist gezwungen, sich Bilder zu machen. Ohne Bilder kann er nicht denken. Und somit nicht lernen. Wir müssen in Bildern denken, um etwas zu begreifen und in unser Bewusstsein aufnehmen zu können. Analogien und Vergleiche sind die wichtigsten Instrumente unseres Lernens. Das ist unser Standardprogramm der Software im Hirn. Als Kinder können wir nur durch beobachten und vergleichen die Welt erfassen und die Phänomene einordnen.

Somit stecken Gläubige in der Falle, die versuchen, sich kein Gottesbild zu machen. Wer Gott denkt, macht sich ein Bild von ihm. Wem es gelingt, kein Bild von Gott zu machen, verdrängt ihn aus seinem Bewusstsein.

Gott ist für uns Menschen unsichtbar. Also können wir uns kein Bild von ihm machen. Es hat ihn noch niemand gesehen und Zeugnis abgelegt. Was für uns unsichtbar und unfassbar ist, existiert nicht wirklich, sondern höchstens in unserer Fantasie. Somit gibt es ähnlich viele Gottesbilder wie Gläubige.

Wenn der Glaube zum Problem wird

hugostamm am Dienstag den 15. Juni 2010

Der Glaube ist eine anthropologische Konstante. Glauben gehört zum Menschen, Glauben ist eng mit dem Leben verknüpft. Der auf den Alltag bezogene Glaube kann lebenswichtig sein. Wir sind gezwungen, an unsere Zukunft zu glauben, um psychisch stabil und ausgeglichen zu sein. Wer nicht auch an das Gute im Menschen glaubt, wird misstrauisch und asozial. Der Glaube an das Positive und Schöne im Leben gibt Kraft und hilft, das Leben zu meistern.

Der Glaube hat auch eine Ventilfunktion. Wenn immer wir etwas nicht verstehen, können wir uns dem Phänomen mit dem Glauben nähern. So lässt sich etwas einordnen, das sich nicht erklären lässt und uns verunsichert. Wenn wir nicht wissen, was nach dem Tod ist, können wir wenigstens glauben, es gebe ein Leben nach dem Tod.

Vielleicht ist der Glaube auch eine Funktion des Überlebenswillens. Selbst im Angesichts des Todes glaubt der Todgeweihte ans Überleben. Der Glaube ist eng mit der Hoffnung verknüpft. Ein Leben ohne Hoffnung wäre oft ähnlich schwer auszuhalten wie ein Leben ohne Glauben. In jeder Krise, bei jedem Schicksalsschlag hoffen und glauben wir, dass wieder bessere Zeiten kommen, dass wir das schwere Los schnell überwinden können.

Der Mensch hat immer geglaubt. An einen Gott, an ein Leben nach dem Tod, an den Sechser im Lotto, an ein besseres Leben, an den Partner fürs Leben, an die baldige Genesung von einer schweren Krankheit.

Zur Bewältigung des Alltags hat der Glaube zweifellos eine nützliche Funktion, auch wenn es problematische Formen gibt. Im Bereich des Religiösen, des Übersinnlichen, des Transzendenten ist der Glaube ein besonders sensibles Phänomen. Er kann uns in eine Scheinwelt führen, unser magisches Denken fördern, uns vom Leben und der Gemeinschaft entfremden, uns radikalisieren und fanatisieren im Denken, Fühlen und Handeln.

Der Glaube ist also nicht per se gut, auch wenn er eine wichtige Funktion für unser Leben erfüllt. Die Grenze zwischen Glaube und Aberglaube ist fliessend. Es ist deshalb essentiell, sich kritisch mit Fragen des Glaubens auseinanderzusetzen. Der Glaube muss dem Leben dienen und sich im Alltag bewähren.

Nützlich ist in der Regel nur jener Glaube, der uns hilft, das Leben besser zu meistern. Das gilt auch für den religiösen Glauben. Bleibt also die Frage, ob sich die vergangenen und aktuellen Heilslehren bewährt haben. Denn der religiös motivierte Glaube hat unendlich viel Leid in die Welt gebracht, zu Kriegen und Gewaltexzessen geführt.

Diesbezüglich fällt die Bilanz der meisten Glaubensgemeinschaft ernüchternd aus.

Sind Gläubige autoritätsgläubig?

hugostamm am Samstag den 5. Juni 2010

Jede Form von Glauben setzt ein gewisses Mass an Autoritätsgläubigkeit voraus. Ich muss glauben, dass es eine höhere Macht gibt, die mein Leben bestimmt oder zumindest prägt. Ich muss mich an eine Ordnung halten, die von dieser göttlichen Macht gegeben worden ist. Damit wird die geistige Freiheit in zentralen Aspekten und zu einem beträchtlichen Teil eingeschränkt.

Man kann deshalb die These wagen: Gläubige sind autoritätsgläubiger als Skeptiker. Es ist denn auch kein Zufall, dass sektenhafte Gemeinschaften ihre Gläubigen in die Abhängigkeit führen. Und es ist auch kein Zufall, dass Glaubensgemeinschaften oft mit autoritären Politikern paktieren. Oder mit Despoten auf der rechten oder faschistoiden Seite.

Heilslehren sind geistige Autoritätssysteme. Religion hat per Definition einen Abolutheitsanspruch. Es ist der Glaube, den wahren und einzigen Gott gefunden zu haben. Mit dieser Überzeugung geht der Glaube einher, Mitglied der auserwählten Heilsgemeinschaft zu sein und die einzig richtige Heilsvorstellung zu vertreten.

Zu diesen geistigen oder mentalen Autoritätsmerkmalen gesellen sich auch Abhängigkeiten, die sich auf Personen beziehen. Auf den Papst als Stellvertreter Gottes, der in Glaubensfragen als unfehlbar angesehen wird. Auf den Mufti als Verkünder des Korans. Auf den Rabbi als Hüter der Thora. Auf Uriella als Sprachrohr Gottes. Auf Sai Baba als erleuchtetes göttliches Wesen. Und, und, und.

Wo die Dogmen beginnen, muss der „gesunde Menschenverstand“ zurücktreten oder gar unterdrückt werden. Wenn eigene Erkenntnisse oder Erfahrungen in Widerspruch zur Glaubenslehre geraten, müssen sich Gläubige auf die Glaubenssätze stützen. Oder sie laufen Gefahr, sündig zu werden.

Eine Glaubensgemeinschaft wird dann sektenhaft, wenn sie den Gläubigen die Freiheit abspricht, Teile der Heilslehre als Irrtum abzulehnen und sich gegen die Würdenträger aufzulehnen.