Schweiz

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Archiv für April 2010

Fanatismus ist lernbar

hugostamm am Donnerstag den 22. April 2010

Der Islam wird verantwortlich gemacht für den angeblichen Zusammenprall der Kulturen. Gleichzeitig wirkt er auf manche junge Leute aus unserem Kulturkreis attraktiv; sie wechseln den Glauben und werden Konvertiten. Nicolas Abdullah Blancho, Präsident des radikalen Islamischen Zentralrats der Schweiz, ist ein Konvertit. Ebenso sein Pressesprecher Quaasim Illi und der umstrittene deutsche Prediger Pierre Vogel, der wiederholt auch in der Schweiz in den Schlagzeilen stand. Der Zentralrat ist in unserem Land das Sammelbecken für radikale Konvertiten. Wie lässt es sich erklären, dass sich junge Männer einen langen Bart wachsen lassen und sich fremden Dogmen unterwerfen?

Messianischer Eifer

Konvertiten sind, unabhängig von der Religion, Überzeugungstäter. Glaube und Ideologie dominieren ihr Bewusstsein. Die einzigen relevanten Werte und Inhalte erkennen sie in der übersinnlichen Welt. Sie suchen den exotischen Kick, um die Sehnsucht nach dem religiösen Abenteuer zu befriedigen. Deshalb müssen sie alles niederreissen, was sie an die Vergangenheit bindet. Der Glaubenswechsel ist Signal und Ritual zugleich: Sie betäuben ihr Bewusstsein, um eine neue Identität zu erzwingen. Eine der Welt zugewandte Sinnlichkeit ist für sie Gefühlsduselei.

Für den Glaubenswechsel zahlen die mehrheitlich jungen Konvertiten einen hohen Preis. Deshalb sind ihre Erwartungen an die neue Religion unerfüllbar hoch. Sie verschreiben sich dem neuen Glauben und sind von messianischem Eifer beseelt.

Hinter dem Phänomen verbergen sich vielfältige Ursachen. Konvertiten sind oft verhaltensauffällig oder emotional unausgeglichen. Manche schaffen den Übergang von der Pubertät, die geprägt ist von Hormon-schüben und radikalen Weltbildern, ins Erwachsenenleben nicht. Deshalb entwickeln sie einen Hass auf die Aussenwelt. Der Weltschmerz lässt sie nicht zur Ruhe kommen. Die Schuld für ihr Verlorensein und ihre Desorientierung suchen sie in der «alten Welt».

Darum verbünden sie sich mit dem «Feind» und suchen Halt in radikalen Gemeinschaften. Die Aussenwelt wird zur Projektionsfläche ihrer eigenen Ängste und Unsicherheiten. Mit dem Glaubenswechsel fliehen sie vor sich und den eigenen Problemen. Bei vielen ist die Konversion eine Rebellion gegen die Eltern oder die Gesellschaft.

Überidentifikation aus Angst

In der Übergangszeit sitzen die Konvertiten zwischen allen Stühlen. Um die Zerrissenheit zu überwinden und sich gegen Widerstände zu behaupten, entwickeln sie eine Überidentifikation mit dem neuen Glauben. Sie indoktrinieren sich selbst und werden immer radikaler. Sie müssen sich und der Umgebung beweisen, dass sie den richtigen Weg gewählt haben.

Gleichzeitig bleiben Konvertiten in ihren neuen Glaubensgemeinschaften lange Zeit Fremde und werden misstrauisch beobachtet. Die emotionale Bindung harzt, weil sie nicht in der Mentalität und Tradition ihrer neuen Umgebung verwurzelt sind. Um sich Vertrauen und Zuneigung zu erkämpfen, kompensieren sie ihre Unsicherheit mit Überanpassung und Übereifer. Sie suchen ein neues Fundament und entwickeln dabei gern fundamentalistische Tendenzen. Dabei leiden sie an einem mangelnden Selbstwertgefühl. Das sind klassische Sektensyndrome.

Schematisches Empfinden

Der abrupte Glaubenswechsel führt oft zu einer emotionalen Regression. Nur so lassen sich die Sehnsucht nach dem Absoluten und die eigene Weltsicht einigermassen in Deckung bringen. Die Welt wird in Schwarz und Weiss geteilt. Wirklich lebendig fühlen sie sich nur in einem engen Glaubenssystem. Die Suche endet in einer Weltflucht.

Extremismus hat meist auch gruppendynamische Ursachen. Je extremer einer sich gebärdet, desto grösser sind Belohnung und Akzeptanz. Die Erfolgserlebnisse sind ein Kick. Diese Konditionierung führt oft zu Realitätsverlust und Wahrnehmungsverschiebungen. Der Schritt zu Wahnvorstellungen und Militanz ist dann nicht mehr gross, zumal man sich fast nur noch in ihrem radikalen und lebensfeindlichen Biotop bewegt. Fanatismus ist lernbar. So können radikale Konvertiten unberechenbar und eine Gefahr für die Gesellschaft werden.

Dalai Lama: Gottkönig oder tragischer Held?

hugostamm am Dienstag den 13. April 2010

Mein Kollege Thomas Knellwolf und ich haben unsere persönlichen kontroversen Meinungen zum Besuch des Dalai Lama in Zürich im Tages-Anzeiger veröffentlicht. Da vor allem meine kritische Stellungnahme zu heftigen Reaktionen geführt hat, stelle ich unsere Beiträge auch im Blog zur Diskussion. Zuerst der Beitrag von Thomas Knellwolf.

Muss ich den Dalai Lama sehen gehen, wenn er heute Samstag auf dem Zürcher Münsterhof eine seiner seltenen Reden unter freiem Himmel hält? Niemand muss. Doch es gibt gute Gründe, um 15.40 Uhr vor Ort zu sein, wenn der buddhistische Mönch zu seinem Singsang anhebt. Das Eintauchen in die Masse empfiehlt sich selbst für einen Agnostiker wie mich. Und ebenso für alle anderen, die skeptisch gegenüber Idolen und Rummel sind.

1946 wandte sich Winston Churchill, damals gerade nicht britischer Premierminister, an die Zürcherinnen und Zürcher: «Let there be justice, mercy and freedom!», forderte er in seiner berühmten Zürcher Rede: «Lasst Gerechtigkeit, Gnade und Freiheit walten!» Dem Dalai Lama geht es um dieselben universellen Werte: um Gerechtigkeit, Gnade und Freiheit. Es sind Werte, die der politische und geistige Führer der Tibeter seit Churchills Lebzeiten vertritt. Wer heute Nachmittag auf dem Münsterhof auftaucht, unterstützt letztlich seine friedliche politische Mission. Er oder sie zeigt Solidarität mit dem tibetischen Volk.

Jeder Zuschauer, jede Zuhörerin sendet aber auch ein Zeichen an die Machthaber in Peking und an die Schweizer Regierung. Der Volksrepublik im rasanten Umbruch würde es gut bekommen, friedfertige Minderheiten besser einzubinden statt zu unterdrücken. Theoretisch wäre die Grossmacht dem Dalai Lama zu Dank verpflichtet. Praktisch ist das Gegenteil der Fall: Das kommunistische Regime verunglimpft den Exilpolitiker und Religionsführer, der sich dezidiert und erfolgreich dafür einsetzt, dass selbst seine ungeduldigsten Anhänger nicht zu den Waffen greifen. China scheint sich nicht bewusst zu sein, dass die Alternativen zur tibetischen Friedfertigkeit Kampf, Guerillataktik und Terror sind.

Aus all diesen Gründen sollten westliche Staatoberhäupter den Dalai Lama empfangen. Doch anders als der US-Präsident Barack Obama kuscht die Schweizer Regierung vor der mächtigen chinesischen Wirtschaftsmacht. Keiner der sieben Bundesräte fand vergangenes Jahr Zeit für den Friedensnobelpreisträger. Und keiner war diese Woche zugegen, als sich der «Ozean der Weisheit» bei der Schweiz für die Aufnahme Tausender seiner Landsleute vor 50 Jahren bedanken wollte. Wem die behördlichen Ausreden nicht passen, sollte heute getrost den Rummel um den Dalai Lama mitmachen.

Klingt alles naiv? Mag sein. Aber war Churchill naiv, als er in Zürich sein Plädoyer hielt? Hätte damals jemand erwartet, dass das bis anhin so kriegerische Westeuropa mehr als ein halbes Jahrhundert lang Frieden halten könnte?

Nun mein Artikel:

Die Schweiz empfängt den Dalai Lama wie einen Superstar, selbst Politiker sitzen ihm zu Füssen. Weshalb klettert der Puls von Zürich in die Höhe sobald der «Gottkönig» erscheint?

Eigentlich ist der Mönch ein Anti-star. Eine tragische Figur, die zwischen allen Stühlen sitzt. Sein Leben ist eine einzige Tragödie – persönlich und politisch. Als Kleinkind bekam er von einem Orakel ein erdrückendes Schicksal aufgebürdet und stolpert seither glücklos durch Geschichte und Politik. Seine Mission, Tibet von der Knechtschaft Chinas zu befreien, ist gescheitert.

Die grösste Tragik liegt wohl darin, dass sein Scheitern Ursache der beispiellosen Popularität ist. Als «Heiliger» und ewiger Märtyrer schlägt ihm das Mitleid der Massen entgegen. Das ist der Stoff, aus dem sich die Verehrung nährt. Sein grosser Trumpf ist seine Prominenz. Dabei sind Personenkult und Mitleid für einen tibetischen Mönch spirituelles Gift.

Eigentlich müsste der Rummel den Dalai Lama, den «Ozean der Weisheit», abstossen, denn die Fans sonnen sich in seinem Schmerz und zelebrieren sich selbst gleich mit. Sie feiern in der Aura des vermeintlich reinen Geistes. Der tragische Held duldet es, dass das Publikum seine spirituellen Sehnsüchte ungefiltert auf ihn projiziert. Ein solches Schicksal wünscht man keinem. Zumal der Dalai Lama eine sympathische Person ist.

Der Mann müsste im Grunde genommen zurückgezogen leben, meditierend die innere Leere suchen und dem Weltlichen entsagen. Doch er jettet mit dem Helikopter von Dharamsala nach Delhi, fliegt in der gehobenen Klasse nach Europa und residiert im Luxushotel. Ein Spagat, der auch einen «Gottkönig» zerreisst.

Die weltweit bekannteste Pop-Ikone ist ein Gejagter und ein Getriebener: gejagt von den Chinesen, getrieben von seinen Fans. Und in jüngster Zeit auch von jungen Tibetern, die gern einen härteren Kurs gegen China einschlagen möchten. Kein Wunder, lächelt seine «Heiligkeit» selbst dann, wenn sie nach dem Schicksal ihres gepeinigten Volkes gefragt wird.

Die Verehrer aus der Wohlstandsgesellschaft vergessen, dass der Dalai Lama noch immer magisches Denken kultiviert. Er befragt regelmässig sein politisches Orakel, einen Mönch mit angeblich besonderen seherischen Fähigkeiten. Verdrängt wird auch, dass die tibetischen Klöster bis in die Neuzeit Feudalsysteme waren und die patriarchale Kultur Frauen unterdrückte. Und alles mit dem Segen des erleuchteten «Gottkönigs».

Die Veranstaltungen in Zürich sind spirituelle Wellness-Happenings. Dem leidenden tibetischen Volk bringen sie wenig. Doch das kümmert die Fans kaum, sie wollen ihren Star feiern.

Der Sühnetod von Jesus

hugostamm am Freitag den 2. April 2010

In der Wochenzeitschrift Idea, einem Blatt aus der freikirchlichen Szene, fand ich diese Woche einen erstaunlichen Artikel. „Ist Gott unmenschlich?“, fragte die fromme Publikation.

Der Text dokumentiert, dass sich selbst strenggläubige Christen manchmal fragen, wie biblische Texte und Gleichnisse auf uns moderne Menschen wirken. Offensichtlich beschleicht auch sie manchmal ein mulmiges Gefühl, wenn sie die Metaphern ohne Glaubensscheuklappen lesen. Deshalb suchen sie rasch eine Rechtfertigung und „sinnvolle“ Erklärung für unverständliche Bilder. Ein Beispiel, das gut zu Ostern passt:

Der deutsche Theologe Klaus Baschung untersucht die Argumente des Atheismus und formuliert die These so: Für Atheisten gäbe es perverse Phantasien, deshalb auch perverse Religionen. Religionen, die Menschenopfer forderten, seien perverse Religionen. „Der Höhepunkt des Perversen ist die Vorstellung von einem Gott, der seinen eigenen Sohn opfert, um seinen Zorn zu befriedigen“, resümiert Baschung die atheistische Argumentation. Der Sühneopfertod sei Kern des Glaubens. Brutaler könne Religion nicht sein. „Vom Blut des gekreuzigten Jesus gehen Blutspuren zu seinen Anhängern und machen sie blutrünstigt“, fasst er die atheistische Auffassung etwas gar eigenwillig zusammen. Wer ein Menschenopfer anbete, bahne weiteren Menschenopfern den Weg.

Dann liefert der Theologe die christliche Antwort auf die brutalen Bilder. Er nimmt das Beispiel der Opferung Isaaks, wonach Gott Abraham befiehlt, seinen Sohn als Treuebeweis umzubringen. Baschung erklärt, es sei Gott darum gegangen, den Menschen klar zu machen, sie sollten Menschenopfer durch Tieropfer ersetzen. Menschenopfer würden in der ganzen Bibel entschieden abgelehnt.

Isaak sei eine besondere Figur, auf ihm hätten die Verheissungen Gottes an Abraham geruht. Entscheidend sei die Frage: Nimmt Gott seine Verheissung zurück? Gott bleibe sich also treu. Er bleibe auch den Menschen treu, die sich ihm zuwendeten. „Wer genauer nachdenkt, erkennt in der schlimmen Erfahrung des Abraham das menschliche Antlitz Gottes“, schreibt der Theologe.

Als weiteres Beispiel führt er die Formel „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ an. Das sei kein Aufruf zur Rache. „Sie mahnt vielmehr, ein Vergehen nicht übermässig zu bestrafen. Strafe dürfe nicht über die Tat hinausgehen.

Weiter thematisiert Baschung das Gleichnis, wonach Gott die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die Gott hassen. Wer Gott aber lieb habe und die Gebote halte, dürfe mit seiner Barmherzigkeit rechnen. Der Theologe interpretiert es so: Die Barmherzigkeit sei grösser als die Heimsuchung. Die Barmherzigkeit sei quasi universell, die Heimsuchung beschränke sich auf drei bis vier Generationen.

Ich unterlasse es, die Interpretation zu kommentieren. Auffallend ist aber, dass der Theologe keine Erklärung zum grössten Opfer gibt: Dem Sühnetod von Jesus.

Ich wage es deshalb, ein paar Gedanken zu Ostern anzustellen.

Wir betrachten die Ostergeschichte immer aus unserer menschlichen Perspektive: Gott hat seinen eigenen Sohn geopfert, um uns zu retten. Jesus starb den Sühnetod. Ich habe aber die Ostergeschichte in der Kirche noch nie aus der Perspektive von „Täter“ oder Opfer gehört. Zum Beispiel: Gott hat seinen Sohn von Menschen ermorden lassen. Oder: Jesus wurde ohne dessen Einwilligung ans Kreuz genagelt. (Warum hast du mich verlassen, rief Jesus Gott an, bevor er ermordet wurde.)

Und: Mir ist bisher nicht aufgefallen, dass durch den Sühnetod von Jesus die Welt entscheidend menschlicher geworden ist. Geschweige denn göttlicher. Es wäre interessant, wie Theologe Baschung dieses Gleichnis deuten würde.

Ich wünsche trotzdem allen Bloggerinnen und Bloggern schöne Ostern.