Schweiz


Archiv für Januar 2010

Töten im Namen Gottes

hugostamm am Donnerstag den 21. Januar 2010

Die Kreuzzüge sind eines der traurigsten Ereignisse in der wechselvollen Geschichte des Christentums. Mit der Bibel in der Hand massakrierten die christlichen Horden wahllos Zehntausende – unter ihnen viele Moslems.

Eine Geschichte aus den USA erinnert in fataler Weise an die mittelalterlichen Gräueltaten der marodierenden Horden, die das Banner von Jesus hochgehalten hatten. Eine Firma aus Michigan baut nun im Auftrag der Regierung Zielfernrohre, mit denen amerikanische Soldaten auf Iraker und Afghanen – also grossmehrheitlich Moslems – schiessen. Das Sonderbare an den Instrumenten: Sie enthalten eigenartige Gravuren. So steht etwa geschrieben «2Cor4:6» oder «JN8:12». Das sind Hinweise auf Bibelstellen: 2. Brief an die Korinther oder Johannes 8, 2. «Wer mir folgt, wird niemals in der Dunkelheit sein, sondern das Licht des Lebens finden», heisst es etwa in Johannes 8, 12. Übersetzt: Meine Kugel trifft den Gegner, bevor seine Kugel mich in die Dunkelheit befördert.

Mit den tröstenden Worten Gottes vor Augen lässt sich offenbar besser zielen. Es könnte ja sein, dass die Moslems im Dienst des Antichristen das Abendland ausradieren wollen.

Christliche Geistliche segnen oft Waffen. Deshalb ist es nur konsequent, wenn amerikanische Soldaten mit Bibelsprüchen im Visier zum Töten schreiten.

In der Bibel heisst es aber auch: Liebet eure Feinde. Und: Du sollst nicht töten. Diese Verse sucht man vergeblich auf den Zielfernrohren.

Zweites Beispiel: Der bekannte Fernsehprediger Pat Robertson, ehemaliger Kandidat für die amerikanischen Präsidentschaftswahlen, bezeichnete das Erdbeben von Haiti als eine Strafe Gottes, weil die Haitianer einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hätten. Er bezieht sich dabei auf ein historisches Ereignis aus dem Jahr 1791, bei dem Voodoo-Rituale zelebriert worden sein sollen.

Beide Ereignisse zeigen, dass fundamentalistische Christen in den USA geistig noch im Mittelalter stecken. Dagegen gibt es nur ein Rezept: Radikale Aufklärung und Kampf gegen den Aberglauben. Wie wir wissen, wehren sich auch viele Blogger in diesem Forum gegen die Aufklärung, die sie als Werkzeug des Satans brandmarken. Deshalb tut eine Diskussion darüber Not.

Geistheilung ist bloss ein Mythos

hugostamm am Montag den 11. Januar 2010

Es gibt heute in der Schweiz mehr Geistheiler, Handaufleger, Reikimeister und esoterisch ausgerichtete Therapeuten als Geistliche. Das Feld solcher Anbieter auf dem alternativen Heilmarkt ist in den letzten 40 Jahren exponentiell gewachsen. Gab es früher ein paar naturverbundene Sonderlinge, die Heilkräfte für sich reklamierten, hat uns die Esoterikwelle rund 15′000 hellsichtige oder hellfühlige Heiler beschert, die sich den Markt der alternativen Therapien streitig machen. Ein Markt, in dem Heil-Schulen eine zentrale Rolle spielen. Diese bieten Kurse und Lehrgänge an, in denen man angeblich seine übersinnlichen und heilerischen Kräfte entwickeln kann. Für 10′000 Franken kann jeder seine Heilkräfte zu Tage fördern, Diplome erlangen und Patienten rekrutieren.

Der Ruf der Zunft der Geistheiler ist nicht mehr der beste. Viele Missbräuche und unseriöse Arbeitsweisen mancher Heiler haben der Gilde geschadet. So sterben immer wieder Krebspatienten, weil der Heiler ihnen verbietet, schulmedizinische Hilfe anzunehmen. Das Argument: Chemische Medikamente und Bestrahlungen würden das spirituelle Gleichgewicht stören und die Selbstheilungskräfte blockieren.

Um den Ruf zu retten, distanzieren sich heute viele spirituelle Sucher und Heiler von der Esoterik. Diese ist plötzlich ein Schimpfwort geworden, weil unter dem Begriff viel Schindluderei betrieben worden ist. Heute sprechen viele nur noch von Spiritualität. Doch das ist ein Etikettenschwindel. Die meisten betreiben nach wie vor esoterische Rituale und vertreten ein esoterisches Gedankengut.

Aus dem gleichen Motiv heraus behaupten heute auch viele Geistheiler, sie würden ihren Klienten keine konkreten Heilsversprechen mehr abgeben. Auch das ist eine Beschönigung. In der Praxis erklären sie den Klienten dann durchaus, dass sie Krankheiten heilen können. Sonst gäbe es ja keinen Grund, ihre Hilfe in Anspruch zu nehmen, und sie wären bald arbeitslos. Niemand zahlt für eine Dienstleistung, die nutzlos ist und keine Wirkung erzielt.

Wenden wir das Beispiel auf die Schulmedizin an. Angenommen, die Ärzte würden ihren Patienten sagen: Ich kann ihnen zwar Blut nehmen, ich kann ein Computertomogramm machen, ich kann ihnen Medikamente verschreiben, aber ich habe keine Ahnung, ob ich ihre Krankheit heilen oder die Symptome lindern kann. Wer würde da noch zum Arzt gehen?

Ganz freiwillig geben die Heiler natürlich nicht zu, dass sie in Wirklichkeit nicht kontrolliert heilen können. Einerseits haben sie Angst, weiter in Verruf zu geraten. Andererseits laufen sie Gefahr, mit dem Gesundheitsgesetz in Konflikt zu kommen.

Ausserdem: Es gibt keine Untersuchungen oder Studien, die auch nur halbwegs belegen, dass Geistheilung wirkt. (Bei der Geistheilung geht es ihn erster Linie darum, den Patienten Heilkräfte zuzuführen.) Hingegen existieren mehrere Studien, die klar belegen, dass Geistheilen nicht funktioniert. Trotzdem wächst der Markt der Heiler weiter. Der Aberglaube ist halt so weit verbreitet, dass es immer noch genug Kunden gibt, die ihre Dienste in Anspruch nehmen.

Das Bundesamt für Gesundheit müsste endlich griffige Regeln erlassen, um den Wildwuchs bei den Geistheilern und alternativen Therapeuten einzuschränken. Er müsste im Sinn des Konsumentenschutzes die leichtgläubigen Patienten schützen. Zum Beispiel mit einem Vertrag. Die Heiler müssten schriftlich festhalten, was sie diagnostizieren, welche Behandlung sie anwenden, wie lang die „Therapie“ dauern wird und welche Wirkung oder Heilung sie erwarten. Allein eine solche Massnahme würde viele Heiler vorsichtiger operieren lassen. Denn im Fall von schwerwiegenden Komplikationen könnten sie zur Rechenschaft gezogen und rechtlich belangt werden.

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