Schweiz


Archiv für Oktober 2009

Das Klassentreffen der unheimlichen Patrioten

hugostamm am Samstag den 31. Oktober 2009

Krise und Klima der Verunsicherung fördern den Aberglauben und sind Wasser auf die Mühlen von Sektierern und Weltverschwörern. Diese nutzen die Gunst der Stunde und rotten sich immer mehr zusammen. Ausserdem wagen sie zunehmend den Schritt an die Öffentlichkeit. Wohin dies führt, habe ich in einem Artikel im Tages-Anzeiger vom 31. Oktober aufgezeigt:

Grosser Empfang für Weltverschwörer und Sektierer in der Olma-Halle: Stargast beim Anti-Zensur-Koalitions-Kongress ist Scientology-Boss Jürg Stettler.

Zum Kongress der Anti-Zensur-Koalition (AZK) von heute Samstag in St. Gallen hat der 53-jährige «Apostel» Ivo Sasek eingeladen. Der ehemalige Zürcher Automechaniker verbreitet mit seiner grossen, international tätigen Sekte Organische Christusgeneration (OCG) seit vielen Jahren Drohbotschaften. Nach biblischer Doktrin propagiert er beispielsweise die Züchtigung der Kinder mit der Rute. «Du errettest sein Leben», behauptet Sasek, «blutige Striemen schützen vor der Hölle.»

Sasek wurmt es seit langem, dass seine Gemeinschaft mit Sitz in Walzenhausen AR in der Öffentlichkeit als Sekte wahrgenommen wird und seine Anliegen in den Medien kaum Gehör finden. Deshalb startete er zusammen mit seiner Frau politische Aktionen und gründete die AZK. Aus dem Sektenumfeld stammt auch die Anti-Genozid-Partei (AGP), die gegen die staatliche Überwachung kämpft. Die AGP hatte Unterschriften für das Referendum gegen die biometrischen Pässe gesammelt. Die Partei ist überzeugt, dass die Bevölkerung bald mit implantierten Chips überwacht wird.

Die Anti-Zensur-Koalition hat sich in kurzer Zeit zu einem Forum für Sektierer entwickelt. Sasek organisiert regelmässig Konferenzen, die Hunderte Besucher anlocken. Die Stossrichtung lässt sich aus den Artikeln der «Anti-Zensur-Zeitung» ablesen. Es geht um die «tödlichen Mobilfunkstrahlungen», die «Nebenwirkungen der Homosexualität» («hohe Suizidrate, Depressionen, Ekel vor sich selber»), den Schwindel über die Klimaerwärmung, die neue Weltordnung und die Unfruchtbarkeit durch Gennahrung. In dieses Themenfeld passen auch antisemitische Töne. Die AZK-Zeitung zitiert einen Artikel der «Basler Nachrichten» vom 13. Juni 1946, wonach sich die Zahl der jüdischen Opfer im Zweiten Weltkrieg lediglich zwischen 1 und 1,5 Millionen bewegt habe. Ausserdem äussert das Blatt die Vermutung, dass die Schweinegrippe mithilfe der Gentechnik hergestellt worden sei und nun als militärische Waffe für biologische Kriegsführung diene.

Aufschlussreich ist auch die aktuelle Referentenliste. In der Olma-Halle wird Scientology-Chef Jürg Stettler erklären, «was Scientology wirklich ist». Weitere Redner werden den «Impf-Terrorismus» anprangern und gegen die Klimalügen wettern.
Warnung vor den Illuminaten

Bei einer früheren Konferenz in Chur propagierte Harald Baumann die «Germanische Neue Medizin» des Scharlatans Geerd Hamer, ein anderer Referent beschwor die drohende Eugenik und die neue Weltordnung, und die Impf-Kritikerin Anita Petek Dimmer vom Verein Aegis warnte vor den Impf-Gefahren. In einem weiteren Vortrag wurde die Gefahr der Illuminati, der geheimen Weltregierung, thematisiert.

Obwohl der Eintritt in die Olma-Halle gratis ist, zieht die AZK die Konferenz professionell auf. Die Referenten werden auf mehrere Leinwände projiziert und ihre Vorträge in verschiedene Sprachen übersetzt. Ein grosser Kamerakran kann Publikum und Vortragende effektvoll ins Bild rücken. Selbst die Verpflegung in den Pausen ist kostenlos. Moderiert werden die Grossveranstaltungen von Sektengründer Sasek persönlich. Ein grosses Orchester sorgt für einen würdigen Rahmen. Die eigens komponierte AZK-Hymne wird von sechs seiner zehn Kinder gesungen, wobei die Töchter in züchtigen langen Röcken auftreten.

Ralph Engel, Abteilungsleiter bei den Olma-Messen St. Gallen, stützt sich auf den Entscheid der Gewerbepolizei ab, die den Kongress bewilligt hat. «Wir halten uns aus der politischen und gesellschaftlichen Diskussion heraus», erklärt er. Er werde aber genau prüfen, ob die Veranstalter sektiererisch auftreten oder gegen Sitten und Gebräuche verstossen werden.

Wie der Mensch Gott gefunden hat

hugostamm am Freitag den 23. Oktober 2009

Es gibt ein paar Konstanten im und Erkenntnisse über das Leben, die für alle Menschen eine zentrale Bedeutung haben: Wir sind auf die Erde geworfen, wir haben das Bewusstsein über unsere Existenz, wir haben die Fähigkeit, die Zeit wahrzunehmen, wir wissen um unseren eigenen Tod. Weiter erkennen wir, dass wir zu den sozialen Wesen gehören, die aufeinander angewiesen sind. Der Einzelne wäre kaum fähig zu überleben. Der Kit von kleinen und grossen Gemeinschaften ist die Liebe.

Diese Parameter gelten vermutlich für alle Gemeinschaften, ethnischen Gruppen und religiösen Bewegungen. Sie ermöglichen erst die kulturelle die Entwicklung in allen Lebensbereichen: Erziehung, Bildung, Wissenschaft, Technik. Alles Dinge, die das Zusammenleben in der Regel fördern und uns das Leben angenehm machen. Ohne Befriedigung dieser Grundbedürfnisse sind psychische Entwicklungen kaum möglich.

Es fällt auf, dass in dieser Aufzählung transzendentale oder religiöse Aspekte fehlen. Sie sind eine Folge der kulturellen Entwicklung. Parallel zu den geistigen Errungenschaften veränderten sich die religiösen Konzepte. Vom einfachen Glauben an die Gestirne entwickelten sich alchimistische und animistische Heilslehren, der Glaube an eine Vielzahl von Göttern und schliesslich die Vorstellung von einem personalen Gott. Es käme heute wohl niemandem mehr in den Sinn, Sonne und Mond als göttliche Wesen anzubeten.

Der Glaube an ein Leben nach dem Tod ist also eine kulturelle Leistung. Dies ist ein Hinweis darauf, dass der Mensch ein höheres Wesen gesucht und Gott gefunden hat. Und es lässt vermuten, dass Gott sich dem Menschen nicht offenbart hat, wie uns dies verschiedene Heilslehren suggerieren. Hätte Gott dies getan, hätten unsere Urahnen wohl kaum Sonne und Mond angebetet.

Ohne Liebe verkümmert der Mensch. Ohne Gott nicht.

Religion: Suche nach pränataler Geborgenheit

hugostamm am Mittwoch den 14. Oktober 2009

Wir Menschen halten Unsicherheiten schlecht aus. Unser ganzes Streben richtet sich danach, Geborgenheit in allen Lebensbereichen zu finden. Das Bild vom Embryo im Mutterleib symbolisiert die Ursehnsucht nach einem geschützten Dasein. Psychologie und Literatur befassen sich deshalb intensiv mit dem Phänomen.

Die Geburt ist für den Fötus ein Schock, die Konfrontation mit der rauen Aussenwelt kann zum traumatischen Erlebnis werden. Zur Kompensation sind wir mit Neugier ausgestattet: Die „Eroberung“ der Welt und die Triebbefriedigung tröstet Kinder über den Schock hinweg, der mit der Geburt verbunden ist.

Die Erfahrung, dass die Welt ein Hort von Angst und Gefahren ist, setzt der kindlichen Psyche zu, wie die Entwicklungspsychologie weiss. Auch Eltern spüren, dass sich Kinder mit der neuen Erfahrung schwer tun. Schmerzen, Verzicht, Einschränkungen, Ich-Kränkungen und Überforderungen verunsichern sie. Um die Kinder zu trösten, malen viele Mütter und Väter das Bild vom lieben Gott, der allmächtig ist und sie für Tapferkeit, Wohlverhalten und Ausdauer belohnt. Selbst beim Spenden von Trost greifen viele Eltern auf religiöse Metaphern zurück. Zieht sich ein Kind eine Schürfwunde zu, wenden sie den Spruch an: „Heile, heile, Säge …“ (für Segen).

Ersatz für die verlorene Geborgenheit im Uterus sind für viele Religion und Glauben. Wir sehnen uns wieder nach dem Absoluten, weil das Leben geprägt ist vom Relativismus. Es gibt keine unverrückbaren Werte, keine verlässliche Wahrheit. Alles ist in Bewegung, alles verläuft in Prozessen. Was heute für richtig empfunden wird, kann morgen von der Natur- oder Geisteswissenschaft widerlegt werden. Oder von unseren eigenen Erkenntnissen und Erfahrungen.

Die Ursehnsucht nach Geborgenheit drückt sich in den Paradiesvisionen aus, die fast alle Religionen und Glaubensgemeinschaften in mehr oder weniger ausgeprägter Form propagieren. Das Leben ist eine Prüfung, die Belohnung winkt nach dem Tod. Und diese Belohnung soll wieder so absolut sein wie die Existenz als Embryo.

So betrachtet, ist der Glaube in erster Linie ein psychologisches Phänomen. Wir suchen Trost in einer verborgenen Welt. Die Definition: Religion ist die Suche nach der verlorenen Unschuld und der totalen Geborgenheit.

Denkmalschutz für christlichen Gott

hugostamm am Montag den 5. Oktober 2009

Obwohl wir die Glaubens- und Religionsfreiheit in der Verfassung verankert haben, geniessen unsere Landeskirchen viele Privilegien. Der Staat zieht für sie die Steuern ein, finanziert die theologischen Falkultäten an den Unis, die Verfassung beginnt mit der Präambel „Im Namen Gottes…“, Geistliche leisten in Careteams Beistand, bei Katastrophen gibt es Gedenkgottesdienste usw.

Dass die christlichen Kirchen in unserer christlichen Kultur tief in den sozialen und politischen Strukturen verankert sind, ist aus der geschichtlichen Entwicklung heraus verständlich. Deshalb reagieren viele Kirchenvertreter gereizt, wenn ihre Sonderstellung hinterfragt wird. Schliesslich hat die öffentliche Religionskritik keine Tradition. Es ist deshalb nachvollziehbar, dass sich die kirchlichen Institutionen zuerst daran gewöhnen müssen. Oft klammern sie sich aber zu sehr an ihre Privilegien und vergessen die Glaubensfreiheit.

Manche christliche Würdenträger oder Institutionen verstehen sich als eine Art Staat im Staat. Ein Stück weit verständlich, kennen wir doch die Trennung Kirche und Staat nicht. In den 80-er Jahren wurde eine solche mit 79 Prozent Nein-Stimmen wuchtig verworfen. Inzwischen haben sich aber viele Gläubige aus den Kirchen geschlichen, und es könnte sein, dass diese Trennung dereinst angenommen würde. Deshalb wäre es angezeigt, dass die Landeskirchen mehr Toleranz markieren würden. Viele tun dies, manche aber nicht, wie die Vorgänge rund um die Plakataktion der Freidenker zeigt. Ich füge deshalb den Artikel an, den ich im TA publiziert habe:

Dürfen Freidenker behaupten, es gebe wahrscheinlich keinen Gott? In Zug nicht. Das sei ein öffentliches Ärgernis, entschied der Stadtrat. Nun droht ihm eine Klage.

Ende Oktober wird die Vereinigung der Freidenker in der Deutschschweiz rund 250 Plakate im Weltformat auf öffentlichem Grund aufkleben lassen. Die Botschaft der Skeptiker: «Da ist wahrscheinlich kein Gott. Also sorg dich nicht – geniess das Leben.»
Der Spruch sorgt für heftige Diskussionen, bevor ihn die Passanten zu Gesicht bekommen. 10 dieser Plakate werden nämlich keinen Standplatz finden. Der Stadtrat von Zug hat diese Woche beschlossen, die Botschaft der Freidenker zu verbieten. Sie ist seiner Meinung nach der Bevölkerung nicht zuzumuten. «Im katholischen Zug mit den vielen Kirchen und Klöstern können solche Plakate ein öffentliches Ärgernis erregen», sagt Stadtschreiber Arthur Cantieni zum Entscheid der Zuger Stadträte.
Minarett-Plakat genehmigt
An der gleichen Sitzung hat dieselbe Exekutive entschieden, das Plakat zur Minarett-Initiative auf öffentlichem Grund zuzulassen. Dieses Plakat sei wohl verletzend, womöglich rassistisch, räumt der Stadtschreiber ein. Der Stadtrat habe aber das Initiativrecht nicht tangieren wollen. Cantieni ist sich aber bewusst, dass die beiden Entscheide nicht konsequent und für viele nur schwer nachvollziehbar sind. Dennoch hat die Stadtregierung das Plakat der Freidenker ohne eingehende Diskussion verboten.
Die Zuger Baudirektorin Andrea Sidler (CVP) verteidigt den Entscheid. Der Aushang sei zu provokativ und ein Affront für die Gläubigen. Dabei konzentriert sie sich nicht auf die Aussage, es gebe keinen Gott. Sie stört sich vor allem daran, dass das Plakat die Aussage enthält, Gläubige würden das Leben nicht geniessen. Unterstützung erhält die Stadträtin von der katholischen Kirche Zug.
Eine besondere Note bekommt der Zuger Entscheid, weil Luzern wenige Tage zuvor in der gleichen Sache anders entschieden hatte. Zwar hatten die Behörden die Plakate ursprünglich ebenfalls verboten. Doch nach dem Protest der Freidenker holte die Luzerner Stadtregierung den Rat der Landeskirchen ein. Als sich diese gelassen gaben und im Plakat keinen Angriff auf ihren Glauben erkannten, machten die Luzerner Behörden einen Rückzieher; jetzt lassen sie die Plakate in ihrer Stadt doch zu. Somit stehen die Zuger mit ihrem negativen Entscheid schweizweit isoliert da.
«Glauben nicht nehmen»
Die Freidenker erklären, der Zuger Stadtrat verletze mit seinem Verbot die verfassungsmässig garantierte Glaubens- und Meinungsfreiheit. Eine Allianz der Religiösen wolle jede Kritik an den Religionen und dem christlichen Glauben unterdrücken und die Freidenker diskreditieren. «Wir wollen niemandem den religiösen Glauben wegnehmen», wehrt sich Reta Caspar, Leiterin der Freidenker -Geschäftsstelle. Sie erwartet aber auch, dass ihre aufklärerische Haltung respektiert werde.
Brisant bei der Luzerner Kehrtwende ist, dass die Freidenker ausgerechnet von den Landeskirchen Unterstützung erhalten haben. Eine unheilige Allianz oder ein Akt kirchlicher Toleranz? Reta Caspar winkt ab: «Das hat nichts mit Nächstenliebe zu tun, sondern mit Eigennutz.» Hätten sich die Kirchen gegen ihre Plakate ausgesprochen, wäre der Entscheid laut Caspar allenfalls auf sie zurückgefallen. Dann hätten sie damit rechnen müssen, dass auch ihre Werbung auf öffentlichem Grund angegriffen worden wäre, ist sie überzeugt.
Die Auseinandersetzung um die Plakate der Freidenker hat Gläubige animiert, die mediale Aufmerksamkeit auch für ihre Zwecke zu nutzen. Die evangelische Markuskirche in der Stadt Luzern erklärt wie die Landeskirchen, sie akzeptiere die Kampagne der Freidenker als freie Meinungsäusserung, und lanciert flugs eine eigene Aktion. Die evangelische Freikirche hat ein grosses Plakat geschaffen, das sie morgen Sonntag an den Kirchenturm hängen will. In Abwandlung des Spruchs der Freidenker steht darauf: «Da ist bestimmt ein Gott – also sorg dich nicht, er sorgt für dich.»
Wie kommt es, dass Städte wie Luzern und Zug Plakatwerbung verbieten können? Diese haben wie auch andere Kommunen eine Vereinbarung mit der Plakatgesellschaft APG. Danach muss die Firma heikle Aushänge den Behörden zur Genehmigung vorlegen. Befürchten diese, ein Plakat könnte ein öffentliches Ärgernis erregen, dürfen sie es verbieten. Die Verantwortung tragen dann die Behörden.
Die Freidenker wollen den Entscheid der Zuger Stadtregierung nicht hinnehmen. «Mit dem Verbot unserer Plakate verletzt der Stadtrat öffentliches Grundrecht», ist die ausgebildete Juristin und Freidenkerin Reta Caspar überzeugt. Deshalb will ihre Vereinigung rechtlich gegen das Verbot vorgehen.
Ihre Erfolgschancen stehen nicht schlecht, wie Staatsrechtsprofessor Thomas Gächter von der Universität Zürich bestätigt. Das Plakat enthalte eine Äusserung mit transzendentalem Inhalt. Nach Ansicht des Experten fällt dieser in den Schutzbereich der Religionsfreiheit.
Scheinheilige Zuger?
Für die Freidenker ist die Haltung der Zuger Stadtregierung scheinheilig oder bigott. So habe der Stadtrat nie geprüft, ob die Plakate mit den grossen blauen Bibelsprüchen der Agentur C die religiösen Gefühle religionskritischer Personen verletzen würden. Tatsächlich bringen freikirchliche Kreise dieser Agentur regelmässig unzählige übergrosse Poster an und geben Millionen für Bibelpropaganda aus. Ein Beispiel: «Jesus Christus spricht: Wer an mich glaubt, der hat das ewige Leben.» Gegründet hatte die Agentur der ehemalige Inhaber der Firma Sipuro, Heinrich Rohrer.
«Wir hoffen, dass die frommen Kreise unsere Plakate nicht verschandeln», sagt Reta Caspar. «Genau so, wie wir die Bibelzitate respektiert haben.» Ihre Befürchtungen scheinen begründet zu sein, wird sie doch heute schon in anonymen Mails beschimpft und verhöhnt. Teilweise enthalten sie Drohungen.
Der Name der Freidenker -Vereinigung (FVS) ist Programm. Sie will das «freie und kritische Denken aufgrund einer humanistischen und wissenschaftsorientierten Weltanschauung und Ethik fördern». Die Freidenker sind überzeugt, dass ein dogmatischer Glaube das freie Denken und das Bewusstsein einschränkt. Ihr Kernthema ist die Trennung von Kirche und Staat. Die Freidenker würden gern eine entsprechende Initiative ergreifen, doch sie vermuten, dass ihr Anliegen momentan kaum eine Chance hätte. Deshalb versuchen sie, das Terrain mit Aufklärungskampagnen zu ebnen.
Die kritische Geisteshaltung gegenüber etablierten Kirchen trägt den Freidenkern immer wieder Ungemach ein. Sie werden gern als verbissene Atheisten dargestellt. «Wir vertreten ein humanistisches Weltbild, propagieren aber keinen Atheismus», sagt Grazia Annen, Präsidentin der Sektion Zentralschweiz. «Nur gut die Hälfte unserer Mitglieder bezeichnet sich als Atheisten. Viele sind Agnostiker oder Pantheisten. Wir missionieren auch nicht, unser Anliegen ist die Aufklärung.»
Der erste Freidenker -Klub wurde 1870 in Zürich gegründet. Bekanntestes Mitglied war der Psychiater Auguste Forel (1848-1931), der der Psychiatrischen Klinik Burghölzli zu einem grossen Renommee verholfen hat.
Die Schweizer Vereinigung wurde 1908 gegründet. Als August Richter im gleichen Jahr in Luzern eine Sektion gründen wollte, wurde er verhaftet und wegen Gotteslästerung zu zwei Monaten Haft verurteilt. Das Bundesgericht hob das Urteil wieder auf.
Heute umfasst die Freidenker -Vereinigung 13 Sektionen mit rund 1500 Mitgliedern. Sie organisieren Referate mit bekannten kritischen Denkern und widmen sich der Aufklärung. Weiter bieten die Freidenker weltliche Rituale wie Geburten, Heiraten und Begräbnisse an. Dabei ist ihnen der Sinn für spirituelle Anliegen nicht fremd.