Schweiz


Archiv für August 2009

Der Glaube macht keine besseren Menschen

hugostamm am Donnerstag den 27. August 2009

Ich möchte den Youtube-Link, den unsere Bloggerin Logine in einem Kommentar gepostet hat, aufgreifen. Der Film zeigt, dass Religion und Glauben kaum dazu beitragen, aus Menschen hilfsbereite, empathische Wesen zu machen. Die Glaubensgemeinschaften nehmen zwar für sich in Anspruch, Hüter von Moral und Ethik zu sein, ihre Normen und Gebote scheinen aber für die Katze zu sein und bei den Gläubigen kaum eine Wirkung zu entfalten.

Versuche und wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass der Mensch die Fähigkeit zur Einfühlsamkeit und Hilfsbereitschaft als Kind mitbringt. Die Förderung dieses anthropologischen Potentials ist eine erzieherische und kulturelle Aufgabe. Wie wir in diesem Blog schon oft vermutet haben, führt der Glaube nicht signifikant dazu, Menschen zu einem altruistischen Verhalten zu bewegen.

Die Untersuchungen verdeutlichen, was ein Blick in die Geschichte augenfällig macht: Trotz 3000 Jahren Buddhismus, 2000 Jahren Judentum und Christentum und 1500 Jahren Islam sind die Menschen nicht friedfertiger geworden. Im Gegenteil: Der Glaube hat zu neuen Konflikten geführt, die auch heute noch täglich neue Opfer hervorbringen.

Einen Fortschritt brachten hingegen politische und soziale Programme und Massnahmen. Zu ihnen gehören die Menschenrechte, die zu einem beträchtlichen Teil der Aufklärung zu verdanken sind. Es ist aber genau diese Aufklärung, welche die Frommen in diesem Blog als Inbegriff des Bösen geisseln, als das Produkt des Satans.

Dahinter versteckt sich eine Überheblichkeit. Statt in sich zu gehen und sich zu fragen, weshalb 2000 Jahre Christentum nur wenig zur Friedfertigkeit der Gläubigen und der christlichen Welt beigetragen haben, kritisieren sie jene Kräfte, welche die weltliche Entwicklungen von religiösen Einflüssen befreien wollen. Eine neue Bescheidenheit stünde den christlichen Religionen und ihren Exponenten gut an.

Die Religionen verfehlen eines ihrer Hauptziele deutlich.

Alle Glaubensgemeinschaften sind gleichwertig

hugostamm am Mittwoch den 19. August 2009

Spirituelles Empfinden ist nicht zwingend an eine Heilslehre oder einen bestimmten Glauben gebunden. Spiritualität ist ein Versuch, die Welt mit dem Geist und der übersinnlichen Intuition zu erfassen, wobei das Hauptaugenmerk auf die transzendentalen Dimensionen oder auf das Jenseits gerichtet ist.

Spiritualität hat also eine starke persönliche oder subjektive Komponente. Bei Mitgliedern von Glaubensgemeinschaften sind die spirituellen Freiheiten aber stark eingeschränkt. Die Heilslehre gibt vor, wie sie Spiritualität zu leben haben und wie sie das Verhältnis zum Jenseits oder Gott gestalten müssen.

Ich frage mich hingegen, weshalb wir das spirituelle Empfinden auf transzendentale Ziele ausrichten müssen. Spiritualität ist eine emotionale, empathische Disziplin, die im Gemütsbereich angesiedelt ist. Deshalb führen spirituelle Rituale zur Ausschüttung von Glückshormonen, im Extremfall zu euphorischen Schüben und Rauschzuständen. Es ist kein Zufall, dass Skeptiker gern das Bild von der Sucht bemühen, wenn sie an extreme Glaubensformen denken.

Die Bindung des spirituellen Empfindens an starre Konzepte führt zu einem Absolutheitsanspruch, zu Konkurrenz und Intoleranz. Die Rivalität der Glaubensgemeinschaften trägt ein starkes Konfliktpotential in sich, das auch heute noch zu Gewaltexzessen führt. Auch die daraus resultierende Mission trägt nicht zum Frieden bei.

Sinnvoll wäre deshalb eine Charta, bei der sich alle Religionsgemeinschaften verpflichten, die Existenzberechtigung aller Religionen und Heilslehren zu akzeptieren. Ausserdem müssten sie bestätigen, dass sie keine Beweise für die Richtigkeit ihres Glaubens und ihrer Dogmen gibt. Daraus müsste in der Charta abgeleitet werden, dass alle Glaubensgemeinschaften gleichwertig sind. Wer nicht der Charta beitreten würde, käme auf eine schwarze Liste und würde Privilegien wie Steuerfreiheit und Benützung des öffentlichen Grundes zu Missionszwecken verlieren.

Weiter müssten sich die beteiligten Glaubensgemeinschaften verpflichten, die Mission ausserhalb ihres angestammten Kulturraumes einzustellen. Dadurch könnten religiös motivierte internationale Konflikte entschärft werden.

Wenn der Glaube krank macht

hugostamm am Montag den 10. August 2009

Ich war am Sonntag im Gottesdienst der charismatischen Gemeinschaft Kingdom Embassy International, die einen Saal in Kloten gemietet hat. Der 30-jährige Seniorpastor Wojacek legte ein rhetorisches Feuerwerk hin, dass mir beinahe Hören und Sehen verging. Unterstützt wurde er durch eine fünfköpfige Musikband.

Atmosphäre und Predigt waren hoch suggestiv. Selbst die Worte des Pastors wurden mit Musik untermalt. Setzte er zu einem stossenden und drängenden Glaubensrap an, wurde das Keyboard immer lauter und die Melodie dramatisch. Manche Gottesdienstbesucher gerieten in Verzückung oder rutschten beinahe in ein Ekstase ab. Für sie waren die starken Gefühle Ausdruck ihrer Ergriffenheit und der Nähe Gottes.

Auffällig war, dass der Glaube als das Lebensprinzip schlechthin dargestellt wurde. Wirtschaftliche, physische, psychische, soziale oder politische Phänomene sind nach Wojacek lediglich eine Funktion des Glaubens. Konflikte entstehen, weil gewisse Menschen den falschen Glauben haben oder in der geistigen Entwickelt zurück geblieben sind. Krank wird, wer am Glauben zweifelt und nicht in der Gnade des heiligen Geistes ist. Arm ist, wer nicht darauf vertraut, dass Jesus ihn beschenken und reich machen wird.

Der grösste Feind des Glaubens ist laut Wojacek der Verstand. Wer dem Zweifel Raum gibt, fällt von Gott ab. Zweifel stammen vom Verstand, den der Satan gern angreift.

Diese Dominanz des Glaubens ist fatal. Ohne Vernunft und Verstand, die letztlich die Lebenserfahrungen stark mitprägen, sind wir nicht überlebensfähig. Wir brauchen diese Instanzen, um existieren zu können. Wenn wir sie abwerten oder verdrängen, geraten wir in einen seelischen Zwiespalt und entfremden uns vom Alltag.

Das gleiche gilt für die Heilungen. Wojacek zählte mir nach dem Gottesdienst auf, wie viele seiner Gläubigen bereits von lebensbedrohlichen Krankheiten genesen sind, allein mit Hilfe des Glaubens und des Pastors. Die meisten Krankheiten sind jedoch Fehlfunktionen des Körpers auf der physischen Ebene. Also müssen sie in erster Linie auf dieser Ebene behandelt werden – mit schulmedizinischen Massnahmen. Es mögen auch psychosomatische Aspekte eine Rolle spielen, aber sicher keine religiösen. Das würde nämlich bedeuten, dass der Satan eine Krankheit ausgelöst hat. Oder Gott selbst, weil er einen Menschen für seine Glaubenszweifel oder Sünden bestrafen will.

Es ist auch unsinnig, psychische Störungen als Glaubensphänomene zu interpretieren. Seelische Verletzungen, traumatische Erlebnisse, Ängste usw. sind Auslöser von Neurosen, Phobien, Depressionen oder Psychosen. Aber sicher nicht der Satan oder Gott. Wer psychische Krisen religiös interpretiert, stigmatisiert die Betroffenen. Diese müssen nicht nur das Leiden aushalten, sondern sie sind gleichzeitig überzeugt, von Gott verlassen oder bestraft worden zu sein. Solche Glaubensängste können erst recht krank machen.

Patrioten mit höheren Weihen

hugostamm am Samstag den 1. August 2009

Am 1. August prallen politische und intellektuelle Welten aufeinander, dass es – auch ohne Raketen – nur so kracht. Zwar beschwören die Politiker in ihren Reden wirtschaftliche und politische Theorien und Ansichten, doch oft hat man den Eindruck, es gehe in erster Linie um Glauben. Da ist zuerst die eigene Weltanschauung, da sind die eigenen Sehnsüchte und Ängste. Um diese werden dann politische Ideen geschmiedet. Ideen, die zu Glaubenssätzen erstarren. Und mancher Landesvater kommt sich als Guru vor, nur wagt er es nicht, dies zu sagen.

«Wehrt euch, Schweizerinnen und Schweizer», appelliert SVP-Präsident Toni Brunner in einem ganzseitigen Inserat. Bundesrat und Parlament hätten die Schweiz an den Abgrund manövriert. Die SVP werde sich dagegen wehren, dass die Schweiz untergehe.

Die Schweizer würden immer stärker zur Kasse gebeten, behauptet Brunner. Mitten in der Krise werde die Mehrwertsteuer auf acht Prozent erhöht. Ob diese Erhöhung tatsächlich erfolgen wird, steht noch in den Sternen, denn darüber werden wir am 27. September abstimmen. Weitere Aussagen von Brunner sind falsch. Es geht dabei nur um eine befristete Erhöhung der Mehrwertsteuer von 0,4 Prozent – für die Sanierung der IV. Auch dass die Erhöhung mitten in der Krise erfolgt, entspricht nicht den Tatsachen. Gerade wegen der Krise haben Bundesrat und Parlament die Erhöhung auf das Jahr 2011 vertagt. Und woher hat Brunner die gewissheit, dass wir dann immer noch in der Krise stecken?

Der SVP-Parteipräsident stellt zudem alle 300 000 IV-Rentner unter Generalverdacht. Seiner Meinung nach wird die Invalidenversicherung von IV-Betrügern systematisch ausgehöhlt. Der grösste Teil der unrechtmässig ausbezahlten Leistungen entfällt jedoch auf Fehler der Versicherung und nicht auf Betrügereien. Das hat eine Studie aus dem letzten Jahr gezeigt.

Auch sonst verteufelt Brunner die Schweiz. Die Familien würden abgeschafft, die Tore für Flüchtlinge und ausländische Sozialhilfebezüger weit geöffnet, das «Freiheitsrecht» Bankkundengeheimnis geschleift, die Landwirtschaft geopfert, die Neutralität unterlaufen und die Kinder von Bildungsbürokraten verformt. Es scheint fast, als rede Brunner die Schweiz bewusst und mit Lustgewinn in den Abgrund. Dann könnten er, Blocher und seine SVP noch wirksamer als Retter der Schweiz auftreten und in allen Gremien die angestrebte Mehrheit erreichen.

Apropos Blocher: Der abgewählte Bundesrat, der sich in der Pose des Messias gefällt, hat in einer Ansprache zum 1. August gar zum Widerstand aufgerufen. Wie vor 718 Jahren müsse man jetzt auch den USA und der EU klar machen: «Wir wollen unabhängig sein». Er warnt, die Grossmächte wollten an unser Eingemachtes, als gehörten EU und USA zur Achse des Bösen.

Die USA verlangten die vom Schweizer Recht geschützten Konto-Daten, die EU eine Anpassung der Schweizer Steuergesetze. «Dem sagt man Wirtschaftskrieg», sagte Blocher. Wenn es so weitergehe, werde es gefährlich. Wie man sich dann zu verhalten habe, könne man in der Geburtsstunde der Schweiz lernen. Auch damals habe man sich anpassen oder Widerstand leisten können. Und wie damals im Schwur müsse auch heute entschieden klargestellt werden: «Wir wollen unabhängig sein».

In die gleiche Kerbe schlug auch Ueli Maurer. Als Bundesrat musste er aber seine Ideen in etwas sanftere Chiffren packen. Die Schweiz gebe der Welt einen «permanenten Freiheitsimpuls», erklärte Maurer. Er rief dazu auf, den Kritikern und Neidern selbstbewusst entgegenzutreten. Den «Sonderfall Schweiz» könne nur kritisieren, wer die erzwungene Einheit der gewachsenen Vielfalt vorziehe, sagte der Bundesrat.

«Unsere Freiheit provoziert alle, die ihr Staatswesen weniger freiheitlich ausgestalten – früher die Fürsten, heute die Bürokraten», betonte Maurer. Die jüngsten Reaktionen in London, Brüssel oder Berlin seien nur das «Echo auf verwirklichte Freiheit».

Ausländer überwiesen ihre Vermögen in die Schweiz und ausländische Unternehmen verlegten ihren Sitz zu uns. Das bedeute, dass das schweizerische System besser und wettbewerbsfähiger sei. Dies solle allen bewusst sein, deren «Politik gegenüber der Schweiz von Neid» getrieben sei und die mit einem «Wirtschaftskrieg» erreichen wollten, was sie im friedlichen und freien Wettbewerb nicht erreichen würden. Die Schweiz gebe als kleines Land der Welt ideell, materiel und humanitär viel.

Als Kontrast eine Stellungnahme zum 1. August des Club Helvétique um Roger de Weck. Es sei ein Paradox, heisst es dort. Je enger die Beziehungen zur EU, desto grösser die innere Distanz vieler Schweizerinnen und Schweizer. „Die Feindschaft zu einem Freund verspannt immer mehr unser Land. Eine starke EU ist gut für die Schweiz. Eine Schweiz, die sich einbringt, ist gut für die EU.“

Noch nie habe die Schweiz einen so guten und friedlichen Nachbarn gehabt wie die EU: „Sie verleiht unserem Kontinent Stabilität.“ Ausserdem werde der demütige „autonome Nachvollzug“ von EU-Beschlüssen jetzt immer mehr zum „automatischen Nachvollzug“. Deshalb würde die Schweiz als EU-Mitglied freier als im Alleingang.

Ich wünsche allen einen grossen Cervelat und farbige Raketen. Hugo Stamm