Religionen und Glaubensgemeinschaften treten mit dem Anspruch auf, Ethik und Moral in die Welt zu bringen. Damit verbunden sei ein Leben in Harmonie und Glück, in Frieden und Freiheit. Ausserdem versprechen sie den Rechtgläubigen die Erlösung und letztlich das ewige Leben.
Die Geschichte lehrt uns aber, dass Anspruch und Realität manchmal weit auseinander klaffen. Glaubensgemeinschaften und Weltreligionen haben viel Leid und Elend in die Welt gebracht. Glaube macht nicht automatisch friedlich, vielmehr radikalisiert er viele Gläubige in spirituellen und weltanschaulichen Belangen.
Das menschliche Bewusstsein verträgt in der Regel den Glauben an das Absolute schlecht. Ein Exklusivanspruch entfremdet oft von der Gemeinschaft. Jede Form von radikalem Glauben birgt den Kern des Fanatismus. Deshalb kippen die religiösen Ansprüche mancher Glaubensgemeinschaft häufig ins Gegenteil. Statt Freiheit resultiert Abhängigkeit, statt Toleranz Indoktrination. Gleichheit und Brüderlichkeit werden zu leeren Worthülsen. Ein Bruder ist oft nur, wer den gleichen Gott anbetet. Deshalb ist die Geschichte vieler Religionen und Glaubensgemeinschaft gezeichnet von Macht, Gier, Missgunst, Missbrauch.
Glaubensgemeinschaften müssen sich deshalb nicht wundern, dass freie Geister ihnen mit Skepsis und Misstrauen begegnen. Relevante religiöse Bewegungen haben bis heute den Tatbeweis nicht erbracht, dass sie gewillt sind, ihre Ansprüche von Friede und Freiheit, Ethos und Moral konsequent zu leben.
Ein paar Beispiele:
Die katholische Kirche bringt mit ihrem Kondom-Verbot weiterhin viel Leid in die Welt. Mit ihrem Absolutheitsanspruch schliesst sie andere christliche Glaubensgemeinschaften vom Heil aus. Die pädophilen Übergriffe von Geistlichen sind hier bestens dokumentiert.
Freikirchen stigmatisieren Homosexuelle. Sie massen sich an, ihre Neigung als unnatürlich zu werten. Für radikale Freikirchler sind Homosexuelle gar vom Satan dominiert. Mit ihrer fragwürdigen fundamentalistischen Bibelauslegung prägen sie einen Glauben, der mit Angst verbunden ist. Angst, das Heil zu verpassen, Angst, am jüngsten Tag fallen gelassen zu werden.
In verschiedenen islamischen Ländern und Gesellschaftsschichten herrschen Gebote, die Frauen unterdrücken und gegen das Leben gerichtet sind. Ausserdem sorgen Islamisten für politische Spannungen und bei Anschlägen für Tod und Leid.
Es besteht kein Zweifel, dass Religionen und Glaubensgemeinschaften auch positive Wirkungen entfalten. Sie geben vielen Gläubigen Halt, Lebensinhalt und eine Perspektive. Ausserdem engagieren sich viele in sozialen Projekten und helfen Benachteiligten. So stellt sich die Frage, ob heute die positiven Aspekte die negativen aufwiegen.
Physiknobelpreisträger Steven Weinberg formulierte seine persönliche Haltung in TA-Interview so:
Sie sind nicht nur berühmt als Physiker, sondern auch bekannt als scharfer Kritiker der Religion.
Ich habe vieles kritisiert, die Religion, die bemannte Raumfahrt, die Raketenabwehr.
Was ist falsch an der Religion?
Es gibt zwei Antworten: Als Wissenschaftler bin ich es gewohnt, die wissenschaftliche Wahrheit durch Beobachtung und mit dem Verstand zu beurteilen und mir viel Zeit zu nehmen, bevor ich zu einem definitiven Schluss komme. Ich bin es auch gewohnt, herauszufinden, dass ich bei einigen Dingen falsch lag. Diese Erfahrung passt nicht sehr gut zum Antrieb religiöser Leute, die gläubig sind, nur weil ihre Eltern dies bereits waren oder weil der Glaube sie glücklich macht oder weil sie annehmen, dass sie sonst sündigen würden. Als Wissenschaftler habe ich eine Abneigung gegen die Art und Weise, wie religiöse Leute zu einem Urteil gelangen.
Und die zweite Antwort?
Die Religion richtet so viel Schaden an. Es gibt auch Gutes, und es ist schwierig, Gutes und Schlechtes gegeneinander abzuwägen. Aber ich bin überzeugt: Wenn man die Geschichte betrachtet und sogar die Gegenwart, dann schadet die Religion mehr, als dass sie hilft.
Aber liefert die Religion nicht ethische oder moralische Grundsätze?
Es gibt Menschen, die auch ohne Religion ein völlig moralisches Leben führen – ich zum Beispiel. Und es gibt Menschen, die religiös sind und glauben, dass die Religion sie lehrt, andere zu töten aufgrund des unterschiedlichen religiösen Glaubens. So wie ich die Scharia verstehe, ist die korrekte Strafe für einen Muslim, der kein Muslim mehr sein möchte, der Tod. Das ist furchtbar. Deshalb glaube ich, dass die Welt ohne Religion besser wäre.
Warum führen Sie ein moralisches Leben?
Die Moral könnte eine Folge unserer Evolution sein. Wir mussten lernen, miteinander auszukommen, um in Stämmen zu leben und beispielsweise die Jagd zu koordinieren. Das könnte ein Teil der Antwort sein. Ich stelle mir das Leben aber auch als eine Art Schauspiel vor, in dem man entweder edel oder unedel agieren kann. Und ich schöpfe lieber die Möglichkeiten des menschlichen Lebens aus, als dass ich die unedle Rolle spiele.
Sie glauben also nicht, dass es nach dem Tod noch etwas anderes gibt?
Nein. Ich wünschte, es gäbe etwas. Es wäre sehr nett, wenn ich mich beispielsweise darauf freuen könnte, meine Frau und meine Tochter, wenn sie sterben, nach dem Tod wieder zu sehen. Aber ich glaube das nicht. Das ist sehr traurig. Ab einem bestimmten Alter realisiert man, dass man sterben wird. Meine Haltung scheint mir die logische Fortsetzung davon zu sein. Wir alle sollten erwachsen werden und realisieren, dass jeder von uns sterben wird – für immer.