Schweiz

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Archiv für Juni 2009

Weg mit der Burka

hugostamm am Dienstag den 23. Juni 2009

images2In Frankreich ist eine heftige Diskussion über die Burka oder den Tschador entbrannt. Der Ganzkörper-Schleier, der vor allem von Anhängerinnen der radikalen islamistischen Bewegung der Salafisten getragen wird, verhüllt die Frauen komplett und lässt keinen Flecken Haut erkennen. In Frankreich bekennen sich rund 40’000 Menschen zu dieser strengen religiösen Bewegung.

60 Abgeordnete aller Fraktionen verlangen einen Untersuchungsausschuss, der Massnahmen prüfen soll. Ihnen schwebt ein Gesetz vor, das das Tragen einer Burka verbietet. Ein Regierungssprecher erklärte, er könne sich ein Verbot vorstellen. Auch Präsident Sarkozy tat kund, dass er gegen das Tragen von Burkas sei.

Burka-Trägerinnen sind im öffentlichen Raum ein Fremdkörper. In Schwarz verhüllte Gestalten wirken gespenstisch. Frauen müssen sich aus religiösen Gründen verstecken. Die Kommunikation mit der Umwelt ist massiv erschwert. Ihre Blicke sind so stark eingeengt, dass sie Umgebung nur beschränkt wahrnehmen können. Ihnen bleibt die Schönheit der Natur zu einem beträchtlichen Teil verwehrt. Dadurch geht ihnen ein grosser Teil der Lebensfreude verloren. Naturverbundene Menschen, die jede freie Minuten draussen verbringen, würden wohl depressiv, wenn sie eine Burka tragen müssten.

Einmal mehr richtet sich eine widersinnige religiöse Regel gegen das Leben. Ganz abgesehen davon, dass Sonne auf der Haut auch aus gesundheitlichen Gründen wichtig ist – unter anderem zur Bildung von Vitamin D.

Die Burka ist aber nicht nur für ihre Trägerinnen eine Tortur, für Passanten ist sie eine Zumutung. Sie demonstriert die Folgen eines religiösen Fanatismus und sorgt für ein tristes Strassenbild. Ausserdem sind Begegnungen mit Burka-Trägerinnen nicht möglich. Für das Zusammenleben ist es aber wichtig, dass wir uns in die Augen schauen können. Das Lächeln einer Mutter, der ich helfe, den Kinderwagen in den Zug zu hieven, heitert mich für einen Moment auf und fördert die Zwischenmenschlichkeit. Extreme religiöse Demonstrationen haben in säkularen Staaten nichts zu suchen.

Trotzdem bin ich entschieden gegen ein Verbot des Burka-Tragens. Das verbietet allein schon der Respekt vor andern Glaubensvorstellungen oder Religionsgemeinschaften. Ausserdem ist mir die Glaubens- und Kultusfreiheit zu wichtig, um sie wegen ein paar Extremfällen einzuschränken. Hingegen plädiere ich für Aufklärung und öffentliche Diskussionen. Der Druck auf die Salafisten soll auf der sozialen Ebene passieren. Banken könnten beispielsweise ein Verbot erlassen, das Gebäude mit der Burka zu betreten. Aus Sicherheitsgründen, schliesslich könnte sich ein Räuber unter dem Schleier verstecken.

Ich gebe aber zu, dass mich ein Verbot aus einem Grund reizen würde: Die Frauen bekämen eine Chance, sich zu emanzipieren und die Welt aus einer neuen, sinnlichen Perspektive zu erleben.

Mir ist bewusst, dass das Thema Islam heftige Reaktionen provoziert. Wir müssen aber lernen, ruhig und sachlich darüber zu diskutieren. Man darf in der Sache hart sein, der Ton muss aber respektvoll bleiben. Wir werden deshalb alle hetzerischen und diskriminierenden Kommentare rigoros löschen.

PS: Da die Arbeitsbelastung beim Aufschalten der Texte eine kritische Schwelle erreicht hat, werden die Kommentare versuchsweise direkt aufgeschaltet und nachträglich gelesen. Dies bringt den Vorteil mit sich, dass die Diskussion ohne Verzögerung stattfinden kann.

Die Kontrolle erfolgt also mit einer gewissen Verzögerung. Beleidigende, ehrverletzende, sexistische oder rassistische Texte werden weiterhin gelöscht. Wer wiederholt gegen diese Regel verstösst, wird endgültig von der Diskussion ausgeschlossen.

Um ein Sicherheitsnetz aufzubauen, bitte ich alle Bloggerinnen und Blogger, mir fragwürdige Kommentare per Mail zu melden, damit ich sofort reagieren kann. (hugo.stamm@tagesanzeiger.ch) Bitte Nickname und Zeit des inkriminierten Textes angeben. Vielen Dank für Euer Verständnis.

Gott, Herrscher über den Regen

hugostamm am Sonntag den 14. Juni 2009

Die Familienlobby, ein Zusammenschluss freikirchlicher Sittenwächter, kämpft gegen die Verluderung von sittlichen Werten. Die Familie ist ihr heilig, Sexualität gehört in die Ehe, Homosexualität ist des Teufels. Die Familienlobby erklärt, konfessionell neutral zu sein. In Wirklichkeit ist es ein Verein mit freikirchlicher Prägung.
Seinen grossen Auftritt hatte der Stosstrupp Gottes bei der Euro-Pride in Zürich. Die Familienlobby machte mobil gegen die „Homo-Lobby“. Der Anlass werbe «unlauter für einen Lebensstil, der erwiesenermassen in grosses Unglück stürzt».
Das Weltbild der Familienlobby kennt kaum Nuancen. Sie schreibt:
„Seit Karl Marx und Friedrich Engels wollen linke Meinungsmacher und Politiker/-innen die Familie abschaffen. In jüngster Zeit sind es die 68er, die vehement an der Zerstörung der Familie arbeiten. Nach ihrem Gang durch die Institutionen haben sie in wenigen Jahren eine neomarxistische, konsumfixierte Anarchie errichtet. Die brüchigen Säulen ihres familienpolitischen Programms heissen:
* Sex nach Lust und Laune
* Abtreibung ungewollter Embryos
* Abschieben der Kinder in Krippen und Horte
* Scheidungen im Schnellverfahren ohne Schuldfrage
* Homosexualität als legitimes Partnerschaftsmodell
* … und wenn’s nicht mehr hinhaut, den Giftbecher bestellen
Der Wunsch nach treuer Liebe in Ehe und Familie ist zu tief im menschlichen Herz eingegraben. Höchste Zeit, der destruktiven Propaganda der Neomarxisten entgegenzutreten und das Modell der traditionellen Familie neu zu propagieren.„
Im Vorfeld der Euro-Pride haben die Sympathisanten der Familienlobby Organisatoren und Sponsoren mit Protestbriefen eingedeckt. Schweiz Tourismus hat mehrere Hundert Schreiben erhalten.
Die Briefe waren so ehrverletzend, dass die Organisatoren eine Strafanzeige gegen Daniel Regli, Präsident der Familienlobby, eingereicht haben. Regli präsidiert auch die SVP des Zürcher Kreises 11.
Aufschlussreich ist das religiöse Weltbild der Familienlobby. Es macht deutlich, dass freikirchlich Gläubige ein Gottesbild pflegen, wie es normalerweise kleine Kinder entwickeln. Eine Pressemitteilung der Lobby macht es deutlich. Darin heisst es, die Organisatoren hätten  100’000 Besucher zur Parade 6. Juni 09 erwartet. Es seien aber laut Polizeiangaben nur 15’000 bis 20’000 gewesen. (Der Veranstalter zählte 50’000.)
De Familienlobby glaubt, viel zum Misserfolg beigetragen zu haben. Die Anhänger beteten zu Gott, er möge es regnen lassen.  Wörtlich heisst es in der Mitteilung: „Zwar brachen die Teilnehmer in Jubel aus, als kurz vor Start des Umzugs die Sonne durch die Regenwolken hervor brach. Schon wähnte man sich im Sieg über Christen, die für Regen beteten, um die Parade zu verhindern. So setzte sich der Tross im Schatten des Ostwindes mit lauter Musik in Bewegung. Kurz vor fünf siegte dann aber der Westwind. Druck- und Gegendruck hatten eine riesige Wolkenwand aufgebaut, die sich mit Blitzen, Donner und heftigstem Regen im Zürcher Stadtzentrum entlud.“
Die Freikirchler geben ihren „Misserfolg“ teilweise zu: „Nun, auch die Familienlobby hat ihr Ziel verfehlt, die ganze Parade durch Regen zum Flop werden zu lassen. Gott, der Herr der Wetterlage, hatte offensichtlich einen etwas differenzierteren Plan. ‚Er lässt Seine Sonne scheinen über Gerechte und Ungerechte’ (Mt. 5,45). Er gibt auch Homosexuellen Freiraum, ihr Leben auszuprobieren. Jedoch macht Er ebenso deutlich, dass die Versuche, sich auf diese Art das Glück zu sichern, in heftigem Unwetter enden.
        Die Familienlobby kann mit dieser weisen Lösung gut leben. Sie wird ihre Aktivitäten zum Schutz und zur Förderung familiären Lebens weiter forcieren und auch in Zukunft mit dem HERRN der Wetterlage zusammenarbeiten.“
Damit ist die Frage der Theodizee eindeutig beantwortet: Die Anhänger der Familienlobby sind offensichtlich überzeugt, dass Gott jeden Regentropfen gezielt steuert.

Wenn der Glaube das Leben behindert

hugostamm am Donnerstag den 4. Juni 2009

Von Glaubensgemeinschaften darf man erwarten, dass sie den Gläubigen Lebenshilfe bieten. Religionen sollen Orientierung ermöglichen. Wenn sie ihr Hauptaugenmerk auf die transzendenten oder jenseitigen Dimensionen richten, sollten sie die Menschen auch im Diesseits unterstützen. Denn: Wer sich im irdischen Leben nicht zurecht findet, wird es kaum schaffen, ein gottgefälliges oder spirituell erfülltes Leben zu führen. Doch leider erschweren fast alle Religionen und Glaubensgemeinschaften in verschiedenen Belangen die Alltagsbewältigung.

Ein paar Beispiele: Die Ausrichtung des Bewusstseins, der Hoffnungen und Wünsche auf das Jenseits lenkt oft von den Aufgaben ab, die wir im Diesseits zu bewältigen haben.

Die Konzentration auf das Jenseits wertet das Leben im Hier und Jetzt ab. Dieses wird zu einer Funktion der transzendentalen Hoffnung degradiert.

Die Vorstellung von Sünde und Sühne führt uns dauernd vor Augen, dass wir Versager sind. Statt das Selbstwertgefühl zu fördern, führen uns Glaubensgemeinschaften unsere Defizite und Schwächen permanent vor Augen. Das unterminiert auch die Lebensfreude.

Viele Moralvorstellungen der Weltreligionen sind Relikte aus einer fernen Zeit und längst überholt. Trotzdem klammern sie sich daran, weil sie ihre Dogmen als unfehlbar betrachten und nicht modifizieren können. Sie hinken hoffnungslos hinter den gesellschaftlichen Entwicklungen hinterher. Somit fordern sie lebensfremde Verhaltensregeln und behindern das Leben.

Durch die Konkurrenz der Glaubensgemeinschaften säen diese Zwietracht und Ressentiments, die bis zu politischen Spannungen und Kriegen führen. Statt Friede zu stiften, verursachen sie oft Aggression.

Kirchen und Glaubensgemeinschaften stellen einen Machtfaktor dar. Die Geschichte zeigt uns, dass auch kirchliche Würdenträger oft anfällig sind, diese Macht zu ihren persönlichen Gunsten zu missbrauchen – zum Nachteil der Gläubigen.

Das Festhalten an alten Glaubensgrundsätzen und Dogmen führt zu unhaltbaren Zuständen. Zwei Beispiele: Die Karmalehre im Hinduismus und Buddhismus ist ein Herrschaftsinstrument. Es führt dazu, dass die Gläubigen ihr Schicksal nicht in die eigenen Hände nehmen dürfen, sondern in der aktuellen Lebenssituation ausharren müssen. Das ist wider die Natur des Menschen, der den überlebenswichtigen Drang hat, sich in allen Lebensbereichen zu entwickeln. Karmalehre unterdrückt den Selbsterhaltungstrieb und ist lebensfeindlich.

Die Idee von der Hölle ist eine der schlimmsten geistigen Entgleisungen der Menschheit. Die Urchristen haben im Namen Gottes ein grausames Folterwerkzeug geschaffen, um die Menschen unter Druck zu setzen und zu drangsalieren. Zu Gunsten von Gott gehe ich davon aus, dass dieser Irrsinn nicht auf seinem Mist gewachsen ist. Gott würde sich selbst als grausamen Rächer entpuppen. Die Idee vom jüngsten Gericht und der Hölle verletzen sämtliche Menschenrechtskonventionen. Auch wenn die Hölle nur als Metapher verstanden werden sollte, müssten die christlichen Glaubensgemeinschaften Abstand von dieser barbarischen Vorstellung nehmen.